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Full text of "Blätter für Gefängniskunde 45.1911"

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Redigiert 


Direktor Schwandner 


Ifcofstand der Sliafanstaltea in Ludvvi^>btiru and Hohen 

Vorsitzender des Vereinsausschusses. 


jf||infundvierzigster Band. — 1v und 


: HETDELBERo 

-ßM r! W i n t er’s Uni versitäts^buchli^’^^^^^”^ 


































Einzelne Bände und Hefte der Blätter für Gefätik ] 

80wie soiistijre Veröffeiitliehiinjc^ii den V^'reins aiiui vou Cai^ V i 

Uiiiver^sitätsbuehhaiulliinj^ in Heidelberjy; zu den naclifol^rndi^n ^ 
zu bezielien: - 


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Blätter 

für 

Gefängniskunde. 


Organ des Vereins der deutschen Strafanstaltsbeamten e. Y. 


Redigiert 

von 

Direktor Schwandner 

Vorstand der Strafanstalten in Ludwigsburg und Hohen Asperg. 
Vorsitzender des Vereinsausschusses. 


Fünfundvierzigster Band. — 1. und 2. Heft. 




HEIDELBERc^ 

Carl Winter's Universitätsbuchhandli^f^S* 

1911. 





VI. Versammlung 

des 

Verbands der deutschen Schutz¬ 
vereine für entlassene Gefangene 

in Breslau 

am 26. und 27. Oktober 1910. 


(Stenographischer Bericht über die Verhandlungen.) 



MANNHEIM 

Hofbuchdruckerei Max Hahn & 
IQll. 




Tagesordnung 

für die 

Mittwoch, den 26. und Donnerstag, den 27. Oktober 1910 
im Provinzial-Ständehaus zu Breslau jeweils vorm. 9 Uhr 

beginnende 

Verbandsversammlung. 


1. Begrüssung der Versamnalung durch den Vorsitzenden 
des Verbandsausschusses und etwaiger Vertreter von 
staatlichen oder Kommunalbehörden, 

2. Wahl des Vorsitzenden und seiner Stellvertreter. 

3. Erstattung des Verbandsberichts für die Jahre 1907/1910 
durch den Vorsitzenden des Verbandsausschusses. 


4. Wahl einer Kommission zur Prüfung der Verbandsrech¬ 
nung und Berichterstattung derselben. 

5. Vortrag des Herrn Staatsanwalt Dr. Rosenfeld-Berlin 
über „Die Gefängnis vereine und das neue deutsche 
Strafrecht“. 


6. Vortrag des Herrn Oberregierungsrat Mich al-l^ürn- 
berg über „Die staatliche Hauptstelle für Gefangenen¬ 
obsorge in Bayern“. 

7. Besprechung folgender Fragen: 


a) 


b) 


Welche neuen Aufgaben erwachsen aer^ 

vereinen durch die Einrichtung 

und wie sind diese Aufgaben zu lösen 

Referent: Herr Amtsgerichts rat R'v •• i 

Korreferent: Herr Pastor A. J u s h e \ - Bt®® ftS' 

führer der Schles. Gefängnisg-p.(Gesch^ 

Auf welche Weise können die 

erfolge der Schutzvereinstätigl^^-oder 

statistisch dargestellt werden ? ^^^IgestelB 


Referent: Herr Ministerialrat 
Karlsruhe. von Engelb*^* 

Korreferent: Herr Landgeriol^ ^ ^ r- 

Karlsruhe. ^^Srat Dr. 

c) Zu den auf der Mannheimer Vc^, ir»S' 

senen Grundsätzen: 


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4 



1) Die Fürsorge für die Familie eines Gefangenen 
übernimmt der Verein des Ortes, an dem die 
Familie zur Zeit des Antrags auf Unterstützung 
sich dauernd aufhält; 

2) Die Fürsorge für die entlassenen Gefangenen 
übernimmt der Verein des Ortes, an dem der 
Entlassene zur Zeit seiner Gefangennahme seinen 
dauernden Wohnsitz gehabt hat; 

sind folgende Zusätze zu machen; 

1) Die Mannheimer Grundsätze sind im Wortlaut an 
alle Strafanstalts- und Gefängnisverwaltungen 
mitzuteilen und zwar mit dem Zusatz, dass in 
einzelnen besonderen Fällen eine Abweichung 
von der Regel gestattet sei; 

2) Sollte für den Absatz 2 es den Anstaltsverwaltungen 
geraten erscheinen, dass der Entlassene nicht in 
die Heimat oder den Ort der Inhaftnahme als 
den zuständigen Ort der Fürsorge zurückkehrt, 
so möchten die Verwaltungen trotzdem das et¬ 
waige Gesuch um Fürsorge an den örtlich zu¬ 
ständigen Fürsorgeverein übergeben mit dem An¬ 
suchen, sich darüber mit dem Verein, der für 
den neuen Aufenthaltsort zuständig ist, ins Ein¬ 
vernehmen zu setzen. 

Referent: Herr Strafanstaltsgeistlicher Pfarrer Wo 1 f f- 
Kassel. 

8. Anträge aus der Versammlung. 



Verzeichnis der Teilnehmer. 


o.z. 


10 

11 

12 

13 

14 



16 

17 

18 

19 

20 
21 
22 

23 

24 


25 

26 
27 


Aulich 

von Baehr 

Hedwig Barsch 
A. Berner 

Braune 

von Brocke 
Conrad 

Czablewski 

Doericht 


Dommes 

Drescher 

Dürr 

Fränkel u. Frau 
Frank 


15 j Agnes Franz 


Wohnort 


Frau M. Franz 
Fraunil 

Frau A. Frölich 
Göbel 

Gogauer 

Geterer 

Grunwald 

Gundermann 

Wilh. Haarmann 


Hahn 

Halpert 

Harnisch 


Strafanstalts¬ 
lehrer a. D. 
Strafanstalts¬ 
sekretär 
Schriftstellerin 
Fräulein 

Pastor 

Staatsanwalt 

Strafanstaltsl. 

Strafanstalts- 

Geistlicher 

Strafanst.-Dir. 


Strafanst.-Insp. 
Oberstaatsan¬ 
walt a D. 
Strafanst.-Insp. 

I Amtsgerichtsrat 
Domkapitular 


Fräulein 


Strafanst.-Insp. 
Eentnerin 
Amtsrichter 
M. d. A. 
Amtsgerichtsrat 
Professor 
Amtsgerichtsrat 
Strafanst.-Dir. 

Pastor 


Eektor 

Rechtskandidat 1 
Strafanst.-Pfr. 


Sagän 

Breslau 


Görlitz 

• Oels 
Breslau 

ICrone a. Br. 

Jauer 


Als Vertreter 
des 

(Bezeichnung 
des Vereins etc.) 


Brieg 
Breslau 

Gr.-Strehlitz 
Breslau 


Zentrale für 
I Jugendfürsorge 
Fürsorgeverein 
Görlitz 

Strafanst. Oels 
Fürsorgeverein 
Breslau 


Jauer’scher 
Kreisverein zur 
Fürsorge für 
entlassene 
Gefangene 


Wohlau 

Myslowita 

n 

®‘’'leeau 


i. A. Seiner 
Eminenz des 
iHerrn Kardinni' 

Eürstbischois 

Katb. 
^'ärsorgevet 


Hau, 


a. S. 




^slau 


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^'ürsorge^^ 
Strie^^Jf 
Agent 

„^efängo 'rt ^ 
fCir Saebsf 
Anbnl*^ 


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8 


o.z 

Name 

Stand 

Wohnort 

Als Vertreter 
des 

(Bezeichnung 
des Vereins etc.) 

28 

Haserach 

Gefängnis- 

Oberinspektor 

Stettin 

Pommer’scher 

Gefängnis- 

Verein 

29 

Hauke 

Erzpriester 

Wohlau 

— 

30 

Heilboru 

Professor 

Breslau 

— 

31 

Heinz 

Pastor 

» 

Breslauer 

Fürsorgeverein 

32 

Elsa Hilscher- 
Paiiten 

— 

Jauer 

Verein 

Frauenwohl 

33 

Hoffmann 

Rentner 

Liegnitz 

Fürsorgeverein 

Liegnitz 

34 

Hoheisel 

Strafanst.-Pfr. 

Striegau 

— 

35 

Holle 

Erster 

Staatsanwalt 

Breslau 

— 

36 

Janetzko 

Strafanstalts- 

Inspektor 

Striegau 

— 

37 

Jaques und Frau 

Regierungsrat 

Breslau 

Gefangeneii- 

Fürsorgeverein 

Breslau 

38 

von Jaraezewski 

Erster 

Staatsanwalt 

V 

— 

39 

Joachim 

Oberamtsricht. 

Bruchsal 

Schutzverein 

Bruchsal 

40 

Just und Frau 

Pastor 

; Breslau 

— 

41 

Just 

Strafanst.-Pfr. 

1 Düsseldorf 

j 

Rhein. Westf. 
Gefängnis - Ges. 

42 

Eaintzik 

Oberbeamter an 
der Landwirt¬ 
schaftskammer 

1 Breslau 

* Landwirt¬ 
schaftskammer 
! für Schlesien 

43 

Kindler 

1 

i 

Erster 

Staatsanwalt 

1 Liegnitz 

1 

— 

44 

Gabriele Klausa Vorsteherin 

Charitas- 
' Sekretariats 

1 Breslau 

Charitasverb. 

Breslau 

45 

Knoll 

1 

Pastor 

i Wohlau 

1 Pürsorgeverein 
Wohlau 

46 

Koelblin 

1 

1 

1 

T. . 1 

Strafanst.-Dir. 

Mannheim 

Bezirksverein 
f. Jugendschutz 
u, Gefangenen¬ 
fürsorge 
Mannheim 

47 

Köhne 

Strafanst.-Dir. 

Eatibor 


48 

Komor ; 

Gef,- Geistlicher 

Beuthen j 

— 

49 

Korth ' 

Pro bist. . 

O.-Schl. ! 
Wohlau : 


50 

Krajewski 

Landrichter 

Gleiwitz 

i 

Fürsorgeverein 

Gleiwitz 







9 


o.z. 

Name 

Stand 

51 

Krinke 

Strafanst.-Sekr. 

52 

Dr. Krohne 

Wirkl. Geh. 
Oberreg.-Rat 

53 

Kuczmaun 

Strafanst.-Insp. 

54 

Langer 

Gefängnis-Dir. 

55 

Lehnert 

Strafanst.-Past. 

56 

Dr. Leonhardt 

Strafanst.-Dir. 

57 

von Lippe 

Regierungsrat 

58 

Lohmann 

Strafanst.-Dir. 

59 

P. Lucas 

Strafanst.-Pfr. 

60 

H. Ludwig 

Malerobernistr 

61 

Lympina 

Strafanst.-Pfr. 

62 

Marx und Frau 

Amtsgerichtsrat 

63 

Gertrud Mathes 

Frau Med.-Rat 

64 

Mehlis 

1 

' 

Erst. Staatsauw. 

65 

Meissner 

Pastor prim. 

66 

J. Michal 

Oberreg.-Rat, 

Strafanst.-Dir 

67 

Müller 

Oberstaatsanw. 

68 

Neckes 

Bureaudirigent j 

69 

D. Nottebohm 

General¬ 

superintendent 

70 

i 

j 

! 

Plaschke 

Geh. 

Oberjustizrat, 
Vortragender 
Rat im Justiz- 

71 

Dr. Preetorius 

t 

^Ministerium 

General- 

Staatsanwalt 


Wohnort 


Als Vertreter 
des 

(Bezeiihnung 
des Vereins etc. 


) 


Gross- — 

Strehlitz 

Berlin Kgl. preuss. 

Ministerium d. I. 


Katibor 

Breslau 

Gross- 

Strehlitz 

Wohlau 


Kreisverein 

Wohlau 


Breslau 

Görlitz 

Wohlau 

Breslau 


I Schles. Hand¬ 
werkskammer 


Lauban 

Breslau 

Posen 

Wohlau 

Nürnberg 


Breslau 

Berlin 


Breslau 


Fürsorgeverein 
für entl. Gef. d. 
Kreises Lauban 


Provinzial¬ 
verein für ent¬ 
lassene Straf- 
gefang. Posen 
Fürsorgeverein 
Wohlau 
Obsorgeverein 
Nürnberg und 
Hauptstelle für 
Gef.-Obsorge 
in Bayern 


„ Verein zur 

Besserung dev 
fc>trafgelang. 


Berlin 


Preuss- 

Yium 


Darnistadt 


d. bess- 
f ^Hutzverei».^ 
^\^^ntla8s. 

Gr. 





10 


o.z. 

1 

Name 

Stand 

Wohnort 

Als Vertreter 
des 

(Bezeichnung 
des Vereins etc.) 

72 

K. Ramisch 

Frau Professor 

Breslau 


73 

Dr. Beichardt 

Geh< 

Ober.-Reg.-Rat 

Heidelberg 

— 

74 

Reinecke 

Erst. Staatsanw. 

Ratibor 

Fürsorgeverein 

Ratibor 

75 

Dr. Richter 

Stadtrat 

Breslau 

Stadt Breslau 

76 

P. Richter 

Strafanstalts- 

Geistlicher 

Elberfeld 

Elberfeld- 

Barmen 

Gefängnisges. 

77 

Rogulla 

» 

Ratibor 

Fürsorgeverein 

Ratibor 

78 

du Roi 

Reg.-Rat, 
Strafanst.-Dir. 

Wolfen¬ 

büttel 

Zentralstelle f. 
d. Gef.-Fürsorge 
Wesen f.d.Prov. 
Brandenburg 

79 

Dr. Rosenfeld 

Staatsanwalt 

Berlin 

— 

80 

C. Rosenstein 

— 

Breslau 

Jugendzentrale 

81 

Dr. Rosenthal 

Rabbiner 

» 

Sytiagogen- 

Gemeinde 

82 

1 

Emma Rowarzin 

Frau Apotheker 

Görlitz 

Ausschussnjitgl. 
der vereinigten 
Gefängnisges. 

83 

Cäcilie Sachs 

Fräulein 

Breslau 

Rechts- 
Schutzstelle 
für Frauen 

84 - 

Scheuner und Frau 

Ober-Reg.-Rat 


i - 

85 ; 

R. Schmidt 

Amtsvorsteher, 
Rentmeister Sr. 
Majestät des 
Königs von 
Württemberg 

Carlsruhe 

O.-S. 

1 

( —— 

! 

i 

86 

Schnorrenpfeil 

— 

Rybnick 

O.-S. 

1 — 

87 

Schober 

Landesrat 

Breslau 

Landes¬ 
hauptmann 
von Schlesien 

88 

Schüler 

Frau Geh.-Rat 

V 

Zentrale für 

J ugend f ü rsorge 

89 

Schuldig 

Pastor 

Neobschütz 

— 

90 

Frau Dr .Schuppoen 

Strafanstalts- 

Oberin 

Jauer 

— 

91 

Schwandner 

Strafanst.-Dir. 

Ludwigs¬ 

burg 

Verein der 
deutschen Straf- 
anstaltsbeamteii 

92 

Frau L. Segnenz 

— 

Breslau 

Zentrale für 
Jugendfürsorge 

93 

Seifert 

Amtsgerichtsrat 








11 


1 


o.z. 

Name 

94 

Dr. Seyfarth 

95 

G. Sommer 

96 

Dr. Sommerbrodt 

97 

Dr. von Staff 
und Frau 

98 

Stavenhagen 

99 

. 

Steger 

100 

Steinfeld 

101 

Ella von Stuckrad 

102 

Tidick 

103 

Eva von Tiele- 
Winckler 

104 

1 

Hans Trusen 

105 

Leopold Trusen 

106 

Dr. Vierbaus 

107 

Marie Wagner 

108 

Wagner 

109 

Waldau i 

1 

110 

Weimann 

111 

Weiss 

112 

Frau M. Werner 

113 

Dr. Wetzlar u. Frau 

114 i 

M. Winkler 

115 

Wohl 

116 

von Woldeck 


I 


Stand 

Wohnort 

- 

Pastor 

Hamburg 

— 

Breslau 

Assessor 

V 

Landgerichts- i 

» 

Präsident j 


Strafanstalts- 

yy 

Oberin 


Strafanst.-Pfr. 

w 

Justizrat 


Schwester 

Miechowitz 

Ober-Reg.-Rat 

Breslau 

Schwester 

Miechowitz 

Referendar 

i 

t 

Breslau 

Kaufmann 

yy 

Oberlandes- 

V 

gerichtspräsid. 

» 

Erster 

Glogau 

Staatsanwalt 


Breslau 

’ 1 

Erster 

1 

i 

1 ” 

Staatsanwalt 

1 

Kaufmann 

i r 

Landgerichtsr. 

n 

Karlsruhe 
i. B. 


Landgerichts- 

Direktor 


Breslau 
Zabrze 0.*S. 

Karlsruhe 

i. B. 


I 


Als Vertreter 
des 

(Bezeichnung 
des Vereins etc.) 


Deutsch. Hilfsv. 
f. entli Gefang. 
Kath. Charitas¬ 
sekretär 

Vors. d. Schles. 
Gefäiignisges. 


Kath. Kommiss, 
d. Gefangenen- 
Fürs.-Vereine 


Ober-Präsident 
von Schlesien 
Leiterin der 
Heime f. Entl., 
Friedenspforte 
u. Gnadenpforte 


Schles. Frauen- 
. Verband 
Fürsorgeverein 
Glogau 
Zentrale für 

Jugendfüraorse 

i _ ° 


Für^rgev erein 

Breslau 

Kath. Füraorge- 
Jn*o L 

Kavlsruh‘ 

B^^-^*^dischen 
If i^'l^k8verein‘', 

I u.Y^^eTjdschiit'f 
1 ^^iungentjn 





12 




.. ■ 


Als Vertreter 

o.z. 

Naine 

Stand 

Wohnort 

des 

(Bezeichnung 





des Vereins jetc.) 

117 

von Wolf 

Wirkl. Geh. 

Gross- 

Fürsorgevereiu 



Ober-Reg.-Rat 

Strehlitz 

Gross-Strehlitz 

118 

Wolf 

Strafanstaltfil. 

Wohlan 

— 

119 

Wolff 

Strafanst.-Pfr. 

Kassel- 

Zentralsteljef.d. 




Wehlheiden 

Gefangenenfür- 
sorgewesen in 
der Provinz 
Hessen->lassau 

120 

Freiin von Zedlitz 

— 

Kaentschen 

Fürsorgeverein 





Schweidnitz 

121 

Ziegeler 

Pfarrer 

Wolfen¬ 

— 




büttel 


122 

Zimmermann 

Straf anst.-Dir. 

Sagan 

Fürsorgeverein 





! Sagau 

123 

1 Zwako 

Gefängnis- 

Ober-Jnspektor 

1 Ratibor 





Die beiden 

124 

125 

Kuhls 

Jahn 

Gerichtsassess. 

t 

Breslau 

Breslau 

Herren hatten <1. 
Freundlichkeit 
das Protokoll 





zu führen. 

i 






13 


Die Versammlung wurde am Mittwoch, 26, Oktober, 
vormittags OV* Uhr durch den Vorsitzenden Geheimen 
Oberregierungsrat Dr. Reichardt-Karlsruhe mit folgender 
Ansprache eröffnet: 


Meine verehrten Damen und Herren! 


Ich eröffne die Versammlung des Verbandes der 
deutschen Schutzvereine für entlassene Gefangene, welche 
die sechste ist seit der Gründung des Verbandes im 
Jahre 1892, indem ich alle Anwesetiden herzlich will¬ 
kommen heisse. 

Der Dichter und Menschenfreund Prinz Emil zu 


Schoenaich-Carolath, ein Sohn Schlesiens, sagt in einem 
Aufrufe zugunsten der Tätigkeit der Gefangenen-Fürsorge: 
„Staat, Gemeinde und Schule bemühen sich grundsätzlich, 
den Vorbestraften zu deklassieren, und der grösste Teil 
der Menschen stimmt dem freudigst bei.“ 

Ich möchte nun die Frage erheben: Ist das richtig? 
und angesichts der heutigen Versammlung sagen: Wir sind 
doch wohl auf dem besten Wege, diesen pessimistischen 
Ausspruch zu widerlegen. Staat, Kirche, Gemeinde, soziale 
Verbände und Vereine helfen uns heutzutage in unserer 
Arbeit, und wir empfinden dankbar diese Hilfe, und auch 
heute möchte ich an dieser Stelle allen diesen Korpora¬ 
tionen und ihren Vertretern meinen Dank sagen für ihre 
Mitwirkung an unserem Werke. 

Dankbar begrüsse ich die heute erschienenen Ver¬ 
treter dieser Korporationen. 

Ich heisse willkommen und begrüsse die Vertreter 
der Königlich Preussischen Regierung, den Vertreter des 
Ministeriums des Innern, Herrn Wirklichen Geheimen Ober¬ 
regierungsrat Dr. Krohne und den Vertreter des Justiz¬ 
ministeriums, Herrn Geheimen Oberjustizrat Plaschke. 
Ich begrüsse auch die Vertreter der Regierungen der 
einzelnen Bundesstaaten, die hier anwesend sind, den Ver¬ 


treter der Königlich Bayerischen Regierung, den Vertreter 
der Grossherzoglich Hessischen Regierun»" und den Ver¬ 
treter der Herzoglich BraunschweiglscheivRen^®™’^"' 

Ich begrüsse die Vertreter der Kirche beider Kon¬ 
fessionen, den Herrn GeneralsurjprintAnrtpnten Notte- 
bohra und den Herrn Domherrn Fv.nk 
Eminenz der Herr Fürstbischof h;« p,.. 
unsere Versammlung abzuordnen ” 



14 


Ich begrüsse die Beamtenschaft Schlesiens, die Herren 
Richter und Staatsanwälte, an ihrer Spitze den Herrn 
Oberlan d esgerichtspräsiden ten. 

Ich begrüsse und heisse willkommen den Vertreter 
der Stadt Breslau, deren Gastfreundschaft wir geniessen, 
einer Stadt, die in dem Wettlauf der deutschen Kommunen 
um die Palme der Vortrefflichkeit ihrer «sozialen Ein¬ 
richtungen einen guten Platz zu behaupten stets gewusst hat. 

Ich begrüsse auch den Vorstand des Deutschen Straf¬ 
anstaltsbeamtenvereins, eines Vereins, der uns ja ganz be¬ 
sonders nahesteht. 

Ich begrüsse endlich alle unsere Verbandsmitglieder 
und alle Anwesenden und wünsche und hoffe, dass über 
unseren Verhandlungen ein guter Stern walten, und dass 
unsere Arbeit gedeihlich und segensreich sein möge. 

Ich erteile nun das Wort dem Herrn General- 
superintenden Nottebohm, der die Güte haben will, 
uns zu begrüssen. 

Generalsuperintendent D. Nottebohm- 
Bresl au: 

Hochverehrte Versammlung! 

Gestatten Sie mir, zugleich im Namen des Könialichen 
Konsistoriums als der evangelischen Provinzialkirchen¬ 
behörde von Schlesien, Ihnen zu Ihrer Tagung die herz¬ 
lichsten Wünsche auszusprechen. Die Kirche und alle, 
die in ihr arbeiten, haben das lebendigste, unmittelbarste 
Interesse an der Aufgabe, die sich die Schutzvereine für 
entlassene Gefangene gestellt haben, da es doch von jeher 
die Aufgabe der Kirche gewesen ist, sich gerade ihrer 
gefährdeten, verirrten, oder gebrochenen Glieder hilfreich 
anzunehmen. Wenn die Aufgabe Ihrer Vereine ganz be¬ 
sonders darauf gerichtet ist, den entlassenen Gefangenen 
wieder zu einer gesunden sozialen Stellung und recht¬ 
schaffenen Tätigkeit zu verhelfen, und wenn auf der 
anderen Seite die Kirche insbesondere seelsorgerlich, sittlich 
und religiös ihnen helfen soll, so liegt es auf der Hand, 
wie das eine und das andere sich auf das innigste berühren, 
und wie nur durch das Zusammenwirken dieser äusseren 
sozialen und inneren seelsorgerlichen Arbeit bei den 
einzelnen wirklich das volle Ziel, das uns allen am Herzen 
liegt, erreicht werden kann. 



15 


Mit ganz besonderem Interesse erfüllt uns die Er¬ 
weiterung, die Ihre Arbeit in den letzten Jahren inbezug 
auf die Fürsorge auch für die gefährdete Jugend unseres 
Volkes erfahren hat. Denn bei der gegenwärtigen wirt¬ 
schaftlichen, sozialen und sittlichen Lage in unserem Volks¬ 
leben gibt es für die Arbeit der Kirche kaum irgend eine 
Aufgabe, die uns mehr auf dem Herzen und Gfewissen 
brennen muss als die Fürsorge für unsere Jugend. Hier 
gilt es, überall neue Mittel und Wege zu finden, um 
an die Herzen der Jugend fördernd, innerlich stärkend 
oder wieder zurechtbringend heranzukommen. Da Ihre 
Vereine sich nun gerade der Aufgabe zugewandt haben, 
denjenigen Gliedern in der Jugend unseres Volkes, die 
besonders gefährdet sind, erzieherische Fürsorge angedeihen 
zu lassen, so fühlen wir uns auch in dieser Hinsicht für 
Ihre Arbeit aufs innigste interessiert. Wir können deshalb 
nur von ganzem Herzen wünschen, dass Ihre diesjährige 
Tagung und alle Arbeiten der Schutzvereine fernerhin von 
reichem Segen für unser Volk begleitet sein möchten. 
(Beifall). . 

Domherr Frank-Breslau: 

Meine verehrten Anwesenden! 

Von Anfang an, wo sich der Verein zum Schutze 
der Strafentlassenen konstituiert hat, hat auch Seine Emi¬ 
nenz der Herr Kardinal Fürstbischof von Breslau den 
regsten Anteil genommen an den Arbeiten, die zu diesem 
Zweck unternommen worden sind. Nicht bloss, dass er 
selbst alljährlich einen erheblichen Beitrag zur Bestreitung 
der Kosten, die der Verein zu tragen hat, spendet, sondern 
dass er auch ein Mitglied des Domkapitels beordert hat, 
ihn bei den Sitzungen zu vertreten, und so bin ich auch 
diesmal beauftragt, Ihren Sitzungen hier beizuwohnen, und 
ich kann Ihnen versichern, dass Seine Eminenz Ihren Be¬ 
ratungen mit dem lebhaftesten Interesse folgt. 

Es ist ja selbstverständlich, dass in einer Provinz, 
die zur Hälfte katholisch ist, auch ein grosser Anteil katho¬ 
lischer Fürsorgezöglinge mitbeteiligt ist, und dass der 
Oberhirt der Diözese, der Herr Kardinal Fürstbischof, wie 
auch der Herr Vorredner von seinem Standpunkt es für 
seine Mitglieder betont hat, Anteil nimmt an der Arbeit 
zum Schutze dieser Verirrten, dieser Personen, welche so 
sehr der Fürsorge bedürfen. 



16 


Ich werde nicht verfehlen, wenn die Sitzungen zu 
Ende sind, dem Hochwürdigsten Herrn Fürstbischof von 
Ihren Beratungen Kenntnis zu geben, und ich kann die 
Versicherung geben, dass er auch in Zukunft Ihre Be¬ 
ratungen und Ihre Tätigkeit mit seinem Interesse begleiten 
wird. (Bravo) 1 

OberlandesgerichtspräsidentDr, Vierhaus- 
Breslau: 

Hochverehrte Damen und Herren! 

Wenn ich mir erlaubt habe, vor dem Eintritt in die 
Tagesordnung für ein paar kurze Worte mir die Ge¬ 
nehmigung Ihres Herrn Vorsitzenden zu erbitten, so ge¬ 
schah es, um Ihnen namens der schlesischen Richter Gruss 
und Glückwunsch zu dieser Tagung zu entbieten. 

Meine Herren, die Beziehungen der Richter und 
namentlich der Strafrichter zu den Fürsorgevereinen sind 
in einer Entwicklung begriffen, die ich wohl als Ver¬ 
tiefung bezeichnen darf. Wenige Jahrzehnte zurück, und 
Strafverhängung und Strafvollstreckung schieden sich rein 
formal und äusserlich, ohne inneren Zusammenhang. Der 
Richter setzte die Strafe fest nach einem abstrakten Straf- 
masstabe, die Strafvollstreckungsbehörden vollstreckten sie 
wie einen gegebenen Befehl innerhalb ihrer Zuständigkeit, 
und für den entlassenen Gefangenen sorgten Fürsorge¬ 
vereine, soweit sie vorhanden waren, auch wiederum nach 
anderen Gesichtspunkten, als nach denen Strafurteil und 
Strafvollstreckung erfolgt waren. 

Die tiefe Bewegung, die durch unser ganzes Straf¬ 
recht geht, hat auch hier eingesetzt. Man erkennt mehr 
und mehr, dass Strafverhängung und Strafvollzug in engere 
Beziehungen gebracht werden müssen, und ihnen schliesst 
sich als drittes die Aufgabe an, der die Schutzvereine 
gewidmet sind. Gilt es doch, das Verbrechen aufzufassen 
als einen Bruch der Rechtsordnung und somit der sozialen 
Ordnung. Gilt es doch, auf den Verbrecher einzuwirken 
durch Motive, die ihn in die soziale Ordnung zurückleiten, 
und gilt es dann endlich, innerhalb derselben dem Ver¬ 
brecher den Rücktritt in die Gesellschaft zu erleichtern 
und zu ermögli(*hen. 

Wie eng das alles zusammenhängt, davon haben 
wir ja einen Ausschnitt gestern in der Beratung über 
den progressiven Strafvollzug gehabt. Einstweilen sind 



17 


wir noch nicht soweit in der Gesetzgebung. Aber hier 
gift es, das, was das Gesetz noch nicht geschaffen hat, 
durch freie Tätigkeit zu ersetzen, und daher ist die engste 
Fühlung der Fürsorgevereine mit den Richtern und nicht 
nur mit den Gefängnisvorstehern eine dringende Not¬ 
wendigkeit. 

Ich glaube, namens der schlesischen Richter sprechen 
zu -dürfen, wenn ich versichere, dass überall, wo die An¬ 
sätze Ihrer Vereinstätigkeit sich finden, die Richter mit- 
arbeiten und jedenfalls in freundlichem Zusammenwirken 
bestrebt sind, Ihre Bemühungen zu unterstützen, und ich 
gebe der Hoffnung und Zuversicht Ausdruck, dass diese 
enge Verbindung der Schutzvereine mit den Richtern sich 
vertiefen und verengern wird. Ich darf daher meinen Wunsch 
für Ihre Tagung dahin ins einzelne gestalten: ich hoffe 
und wünsche, dass die Beratungen Ihrer diesmaligen Haupt¬ 
versammlung auch dazu beitragen, jenes Band zwischen 
Richtern und Schutzfürsorge für entlassene Gefangene enger 
zu ziehen. (Beifall). 

Stadtrat Dr. Richter-Breslau: 

Hochansehnliche Versammlung! 

Mir ist der Auftrag geworden, im Namen des Magistrats 
der hiesigen Stadt die diesmalige Tagung des Verbandes 
der Schutz vereine für entlassene Gefangene in den Mauern 
unserer Stadt auf das herzlichste zu begrüssen und den 
aufrichtigen Wunsch anzuschliessen, dass Ihre Beratungen 
einen Sie selbst befriedigenden und für die Zukunft er- 
spriesslichen Verlauf nehmen mögen. Es ist gewiss an¬ 
gezeigt, bei derartigen Begrüssungsworten, um Ihre kostbare 
Zeit nicht unnütz in Anspruch zu nehmen, sich möglichster 
Kürze zu befleissigen. Sie wollen mir nur gestatten, auf 
einen Punkt mit ganz kurzen Worten einzugehen. 

Hochverehrte Herren und Damen! 

Sie wollen den Umfang ihrer Tätigkeit — und Sie 
sind bereits dabei — wesentlich erweitern durch Ueber- 
nahme eines ganz speziellen Teiles der Jugendfürsorge. 
Wenn Sie das tun, dahn werden ^-ich zwischen Ihren eigenen 
Bestrebungen und Arbeiten und denen der politischen 
städtischen Gemeinden in höherem Masse Berührungs¬ 
punkte nicht nur heraussteilen, sondern die Notwendigkeit 
gemeinsamer Arbeit auf diesem Gebiete; und wenn es 
dazu kommt, dann soll es an der Bereitwiliigkeit der 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. ^ 



18 


städtischen Organe, ihrerseits die Hand zu reichen und 
gemeinschaftlich von ihrem Standpunkt aus mit Ihnen an 
der Fürsorge für unsere Jugend zu arbeiten, gewiss nicht 
fehlen. 

Wenn Sie, verehrte Herren, heute nachmittag auf 
Ihrem Ausfluge die Station Herrnprotsch passieren, so 
wollen Sie nicht versäumen, zur Rechten hinaus und zur 
Linken auf die beiden grossen Gebäudekomplexe einen 
flüchtigen Blick zu lenken, von denen der zur Rechten 
unsere grosse Pflegeanstalt und der zur Linken unsere 
zwar kleine, aber in ihrem Wert doch auch sehr ins Ge¬ 
wicht fallende Willertsche Stiftung für der Verwahrlosung 
anheimgefallene oder vielleicht anheimfallende Knaben und 
auch jetzt Mädchen in sich birgt. 

Ich schliesse meine kurzen Worte mit dem erneuten 
Gruss der städtischen Behörden an Sie und dem Wunsch 
eines recht erfepriesslichen Verlaufs ihrer gegenwärtigen 
Tagung. (Beifall). 

Vorsitzender: 

Es ist mir eine angenehme Pflicht, mich der tiefen 
Dankesschuld zu entledigen, gegenüber den Herren, die 
die Versammlung in so sympathischer Weise begrüsst 
haben. 

Ich komme dann zum zweiten Punkt unserer Tages¬ 
ordnung : 

Wahl des Vorsitzenden und seiner Stellvertreter. 

Ich bemerke hierbei, dass statutenmässig die Ver¬ 
sammlung an meine Person als Vorsitzenden nicht gebunden 
ist, sondern in dieser Beziehung freies Wahlrecht herrscht, 
und ersuche die Versammlung, Vorschläge zu machen. 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff- 
Breslau: 

Meine Damen und Herren! 

Es scheint mir in der Tat, dass es sich hier nur um 
die Erledigung einer Formalität handelt, denn ich bin der 
üeberzeugung, dass es ganz selbstverständlich ist, dass 
wir einstimmig die Bitte an Herrn Geheimen Oberregierungs¬ 
rat Dr. Reichardt richten, dass er die Leitung dieser Ver¬ 
sammlung in seine bewährten Hände nehmen möge (Beifall), 
und ich jilaube deshalb, den Vorschlag machen zu dürfen, 
den Herrn Vorsitzenden durch Akklamation zu wählen 
(Beifall). 



19 


V ersitzender: 

Ich danke der Versammlung für das Vertrauen, das 
sie mir schenkt. Ich nehme die Wahl an und erlaube mir, 
nun meinerseits Vorschläge zu machen für die Besetzung 
der Stellen der beiden Stellvertreter. 

Ich möchte der Versammlung vorschlagen, hier zu 
wählen: den Herrn Landgerichtspräsidenten Dr. von Staff- 
Breslau und den Herrn Generalstaatsanwalt Dr. Preetorius 
von Darmstadt. (Beifall). 

Ich möchte die beiden Herren fragen, ob sie die Wahl 
iinnehmen ? 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff- 
Breslau: 

Ich nehme die auf mich gefallene Wahl mit herz¬ 
lichem Danke an. 

Generalstaatsanwalt Dr. Preetorius-Darmstadt: 

Auch ich nehme die Wahl an. 

Vorsitzender: 

Darf ich bitten, dass die Herren hier Platz nehmen ? 

Nun erstatte ich, wie statutenmässig vorgeschrieben ist, 
den Verbandsbericht für die Jahre 1907/10. 

Verehrte Damen und Herren! 

So wie wir mit der heutigen Versammlung eine neue 
Oeschäftsperiode des Verbands beginnen, so steht am An¬ 
fang desjenigen Abschnitts, über den Bericht zu erstatten 
mir heute obliegt, die in den Tagen vom 4.—6. Juni 1907 . 
in Mannheim ab^gehaltene Versammlung des Verbands Sie 
wurde noch eröffnet von unserem verehrten Geheimrat 
Fuchs und erst im Laufe der Versammlung erhielt ich 
die ehrenvolle Obliegenheit den Vorsitz des Verbands¬ 
ausschusses zu übernehmen. 

Der Verlauf der sehr zahlreich besuchten Mannheimer 
Versammlung war ein sehr guter. Die Verhandlungen und 
die gefassten Beschlüsse sind den Verbandsvereinen, sowie 
allen sonstigen Interessenten, namentlich allen deutschen. 
Regierungen in einem besonderen Druckheft mitgeteilt 
worden. 

Eine der in Mannheim behandelten Fragen über die 
Fürsorge für die Familie eines Gefangenen und über die 
Freizügigkeit der Strafentlassenen wird uns infolge des 
Antrags des Kasseler Fürsorgevereins, welcher die Weiter- 

2 * 



20 — 


entwickelung der Mannheimer Beschlüsse bezweckt, aucli 
auf der heutigen Tagung beschäftigen. 

Ein anderer in Mannheim gefasster Beschluss: dass 
die Unterbringung gefährdeter Jugendliclier auf Segelschiffen 
der deutschen Handelhmarine den Verbandsvereinen 
empfohlen werde und dass die Unterbringung durch Ver¬ 
mittlung des deutschen Hilfsvereins in Hamburg bezw. der 
von ihm geschaffenen Organisationen erfolg-en solle, hat 
augenscheinlich weitgehende Beachtung gefunden. Denn 
den Jahresberichten des deutschen Hilfsvereins Hamburg 
für 1908 und 1909 konnte entnommen werden, dass durch 
den Verein im Jahre 1908 160 Knaben, im Jahre 1909 
238 Knaben im seemännischen Beruf untergebracht worden 
sind. 

Im allgemeinen waren die drei Berichtsjahre eine 
Zeit ruhiger Fortentwickelung des Verbands und der Ver¬ 
bandsvereine, ohne ungewöhnliche HochflUge aber auch 
ohne irgendwelche Erschütterungen oder Rückschläge. 

Neben der unermüdlichen Arbeit in den Einzelvereinen, 
wie sie aus den einzelnen Jahresberichten zu entnehmen 
ist und in den Verbandsmitteilnngen jew(‘ils zur Darstellung 
gebracht werden sollte, schreitet der Ausbau der Organi¬ 
sation gedeihlich weiter. Das Ziel, das erreicht werden 
soll, ist ein möglichst lückenloses Netz von Einzelvereinen 
über ganz Deutschland zu verbreiten, die in so engem 
Zusammenhang gegenseitiger Unterstützung stehen, dass 
kein geeigneter Fall unbearbeitet bleibt, aber auch in 
keinem Falle mehr als nötig Arbeit oder Unterstützung 
aufgewendet und kein Fall bearbeitet wird, der der Arbeit 
nicht würdig ist. 

Hierzu scheint die derzeitige Organisation, die in 
Preussen namentlich auch seitens der Regierung gefördert 
worden ist, dass die Einzelvereine sich zu Provinzial- oder 
Landesverbänden zusammenschliesscn, die geeigneiste zu 
sein. Dieser stufenweise Aufbau findet seinen natürlichen 
Schlusstein im Verband: ihm sollten daher ausnahmslos 
alle Landes- und Provinzial verbände angehören. 

Leider ist dieses Ideal noch nicht verwirklicht: es 
gibt noch Provinzial verbände, welche unserem Verband 
noch nicht angehören, sondern nur durch Einzelvereine in 
ihm vertreten sind und die Vereine des Königsreichs Saclisen 
stehen dem Verband no< h ganz ferne. Um so freudiger 
begrüssen wir den in der Berichtsperiode erfolgten Eintritt 



21 


des ostpreussischen Provinzialvereins mit Einzelvereinen 
in den Verband. 

Es gehören dem Verband nunmehr 28 Einzelmitglieder 
darunter 18 grössere Verbände mit im ganzen 535 Einzel¬ 
vereinen an. 

Die Gesamteinnahme aus Mitgliederbeiträgen belief 
sich im Jahr 1910 auf 820 M. 


Die Verbandsrechnung, welche ich nachher 
wählenden Revisoren übergeben werde, schliesst 
Bericjhtsperiode mit 


einer Einnahme von 
und einer Ausgabe von . 

so dass ein Kassenrest von . 
verbleibt. 

Das Vermögen des Verbands beläuft 
sich auf .... 
darunter ein Guthaben bei der Spar¬ 
kasse Karlsruhe von . 


den zu 
für die 

3747.39 
„ 3718.07 

M. 29.32 


M. 


M. 

M. 


1105.96 

1041.64 


In der Berichtsperiode sind dem Verband schwere 
Verluste durch den Tod hochverdienter Männer zugefügt 
worden. 

Am 17. Oktober 1908 starb zu Karlsruhe der Mit¬ 
schöpfer und langjährige Vorsitzende unseres Verbands 
Geheimrat Dr. Fuchs, nachdem er noch im Mai des gleichen 
«Jahres die Freude gehabt hatte, das 25 Jubiläum der 
badischen Zentralleitung und damit sein eigenes Jubiläum 
zu feiern und viele wohlverdiente Ehrungen zu erfahren. 
Was Fuchs dem Verband gewesen ist und was er für 
unsere Sache geleistet hat, kann im Rahmen dieses Be¬ 
richtes nicht geschildert werden. In den Mitteilungen für 
1909 ist versucht worden, ihm den Zoll der Dankbarkeit 
darzubringen. Der Verein zur Besserung der Strafgefangenen 
in Berlin und der Schweizerische Verein für Strafgefängnis¬ 
wesen und Schutzaufsicht, deren Ehrenmitglied Fuchs ge¬ 
wesen ist, und der Deutsche Hilfsverein in Hamburg, dessen 
II. Vorsitzender er war, haben in ihren Jahresberichten 
ehrend seiner gedacht. 

Den Verlust, den der Berliner Verein durch den atn 
14. November 1908 erfolgten Tod seines langjährigen hoch¬ 
verdienten Vorsitzenden Wirklichen Geheimen Oberjustizrat 
Dr. W a ch 1 e r erlitten hat und den Verlust, der den Deutschen 
Hilfsverein in Hamburg durch das Hinscheiden seines 
hervorragenden Vorstandsmitglieds Rechtsanwalt Dr. Schar- 



22 


lach, der uns noch auf der Mannheimer Versammlung 
einen hochinteressanten Vortrag hielt, getroffen hat, musste 
der Verband als eigene Verluste empfinden und tief be¬ 
trauern. Er wird den Verstorbenen stets ein dankbares 
Andenken bewahren. 

Ich ersuche die heute Anwesenden, zum Zeichen dessen, 
dass Sie mit meinen Worten einverstanden sind, zur ehren¬ 
den Erinnerung an die genannten teuren Toten sich von 
ihren Sitzen erheben zu wollen. (Geschieht.) Ich danke 
Ihnen. 

Und nun, meine Herren, bitte ich Sie, die Revisions¬ 
kommission für die Rechnung zu wählen. Ich bitte in 
dieser Richtung um Vorschläge. 

Es werden in Vorschlag gebracht Herr Oberregierungs¬ 
rat Ti d i ck und Herr Regierungsrat Jaques, zwei hiesige 
Herren. Die Versammlung scheint mit dem Vorschläge 
einverstanden zu sein. (Zustimmung). 

Nun frage ich die beiden Herren, ob sie ihrerseits 
dieses, wie ich versichern kann, nicht allzu mühevolle 
Amt anzunehmen bereit sind. (Wird bejaht.) Ich danke 
den Herren. Ich werde Ihnen nachher die Rechnung über¬ 
geben und bitte einen der Herren, morgen einen kurzen 
Bericht erstatten zu wollen. 

Meine Herren! Die Tagesordnung Hegt Ihnen gedruckt 
vor. Ich möchte Ihnen aber Vorschlägen, davon abzu¬ 
weichen, und mache Ihnen einen neuen Tagungsordnungs-o 
Vorschlag. Ich würde Ihnen Vorschlägen, heute unter allen 
Umständen den Vortrag des Herrn Staatsanwalt Dr. Rosen¬ 
feld anzuhören, weiter die Frage 7b zu besprechen, und, 
wenn die Zeit reicht, 7c noch zu behandeln, den Vortrag 
des Herrn Oberregierungsrat Michal aber und dann die 
Frage 7a für morgen aufzubewahren. Die Frage 7a ist 
jedenfalls die umfangreichste, bei deren Besprechung wir 
in keiner Weise in der Zeit gedrängt sein wollen, was ja 
morgen voraussichtlich der Fall sein wird. 

Es scheint sich kein Widerspruch gegen diese Be¬ 
stimmung der Tagesordnung zu erheben. 

Ich erteile das Wort Herrn Landgerichtspräsidenten 
Dr. von Staff. 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff-Breslau: 

Meine Damen und Herren! 

Wir stellen das Jahrbuch der Schlesischen Gefängnis¬ 
gesellschaft den Teilnehmern der heutigen Versammlung 



23 


unentgeltlich zur Verfügung und würden uns freuen, wenn 
es zahlreich entnommen würde und auch an seiner Stelle 
dazu beitrüge, das Interesse für unsere Sache zu erwecken 
und zu fördern. 

V ersitzender: 

Wir sind dem Herrn Landgerichtspräsidenten ausser¬ 
ordentlich dankbar für diese Mitteilung. 

Wir kämen nun zu Punkt 5 der Tagesordnung, und 
ich erteile Herrn Staatsanwalt Dr. Rosenfeld von Berlin 
das Wort. 


Vortrag des Herrn Staatsanwalt Dr. Rosenfeld- 
Berlin über 

„Die tiefängnisvereine und das neue deutsche Straf¬ 
recht, insbesondere die vorlänlige Entlassung:“ 


Strafgesetzbuch. 

g 23. 

Die zu einer längeren Zucht¬ 
haus- oder Getängnisstrafe 
Verurteilten können, wenn sie 
drei Vierteile, mindestens abei 
ein Jahr der ihnen auferlegten 
Strafe verbüsst, sich auch wäh¬ 
rend dieser Zeit gut geführt 
haben, mit ihrer Zustimmung 
vorläufig entlassen werden. 


g 24. 

Die vorläufige Entlassung 
kann bei schlechter Führung 
des Entlassenen oder, wenn 
derselbe den ihm bei der Ent¬ 
lassung auferlegten Verpflich¬ 
tungen zuwidcrhandelt, jeder¬ 
zeit widerrufen werden. 

Der W iderruf hat die Wir¬ 
kung, dass die seit der vor¬ 
läufigen Entlassung bis zur 
Wieaereinlieferungverflossene 
Zeit auf die festgesetzte Straf¬ 
dauer nicht angerechnet wird. 


Vorentwurf. 

g 26. 

Die zu einer längeren Frei¬ 
heitsstrafe Verurteilten kön¬ 
nen, wenn sie zwei Dritteile, 
mindestens aber ein Jahr der 
ihnen auferlegten Strafe ver¬ 
büsst haben, vorläufig ent¬ 
lassen werden. Ist Unter¬ 
suchungshaft angerechnet, so 
gilt als auferlegte die wirk¬ 
lich noch zu verbüssende 
Strafe. 

Die vorläufige Entlassung 
i.st nur zulässig, wenn der 
Gefangene sich während der 
Strafverbüssung gut geführt 
hat und nach seiner Vergangen¬ 
heit und seinen sonstigen per- 
''önlichen Verhältnissen die 
Erwartung weiteren Wohlver¬ 
haltens rechtfertigt,sowie wenn 
eine zu seinem Unterhalt aus¬ 
reichende dauernde Arbeits¬ 
gelegenheit für ihn gesichert 
oder dargetan ist, dass in 
anderer Weise für sein Unter¬ 
kommen oder für seinen Unter¬ 
halt gesorgt sein werde. 


g 27. 

Die vorläufige Entlassung 
kann widerrufen werden, wenn 
der Entlassene sich schlecht 
führt oder den ihm bei der 
Entlassung auferlegten Ver¬ 
pflichtungen zuwiderhandelt. 

Im Falle des Widerrufs wird 
die seit der vorläufigen Ent¬ 
lassung bis zur Wiedereinliefe¬ 
rung verflossene Zeit auf die 
festgesetzte Strafdauer nicht 
angerechnet. 


Gegen>Entwurf. 

g 26 

Hat der Verurteilte zwei 
Dritteile, mindestens aber neun 
Monate der ihm auferlegten 
Freiheitsstrafe verbüsst, so 
kann er vorläufig entlassen 
werden, wenn nach seinen 
persönlichen Verhältnissen die 
Erwartung weiteren Wohl Ver¬ 
haltens gerechtfertigt, sowie 
wenn eine zu seinem Unter¬ 
halte ausreichende dauernde 
Arbeitsgelegenheit für ihn ge¬ 
sichert. oder wenn dargetan 
ist, dass in anderer Weise für 
sein Unterkommen und für 
seinen Unterhalt gesorgt sein 
wird. 

Die vorläufige Entlassung 
hat unter den genannten Vor¬ 
aussetzungen regelmässig ein¬ 
zutreten. 

Ist Untersuchungshaft ange¬ 
rechnet, so gilt als auferlegte 
die wirklich noch zu ver¬ 
büssende Strafe. 

Die vorläufige Entlassung 
kann von dem Gefangenen 
niemals als ein Recht in An¬ 
spruch genommen werden. 


g 27. 

Sind seit der vorläufigen 
Entlassung zwei Jahre oder 
ist, wenn der noch zu ver¬ 
büssende Straftest mehr be¬ 
trägt, ein Zeitraum von dessen 
l>auer verstrichen (Probezeit), 
ohne dass ein Widerruf erfolgt 
ist, so ist dem Verurteilten die 
Verbüssung des Restes der 
Freiheitsstrafe erlassen. 



24 


§ 25. 

Der Beschluss über die vor¬ 
läufige Entlassung, sowie über 
einen Widerruf ergeht von der 
obersten Justiz-Äufsichtsbe« 
hörde. Vor dem Beschluss 
über die Entlassung ist die 
Gefängnis verwaltung zu hören. 

Die einstweilige Festnahme 
vorläufig Entlassener kann aus 
dringendenGründen des öffent¬ 
lichen Wohls von der Polizei¬ 
behörde des Orts, an welchem 
der Entlassene sich aufhält, 
vertügt werden. Der Beschluss 
über den endgültigen Wider¬ 
ruf ist sofort nachzusuchen 

Führt die einstweilige Fest¬ 
nahme zu einem Widerruf, so 

f ilt dieser als am Tage der 
estnahme erfolgt. 


g 26. 

Ist die festgesetzte Strafzeit 
abgelaufen, ohne dass ein 
Widerruf der varläufigcn Ent¬ 
lassung erfolgt ist, so gilt die 
Freiheitsstrafe als verbüsst. 


Sind seit der vorläufigen 
Entlassung zwei Jahre oder 
wenn der noch zu vei- 
büssende Strafrest mehr be¬ 
trägt, ein Zeitraum von dessen 
Dauer verstrichen ohne das.s 
ein Widerruf erfolgt ist. so 
gilt dit Strafe als verbüsst. 

g 28. 

Der vorläufig Entlassene 
kann für die Dauer der Probe¬ 
zeit (g 27 Abs. 3) der Aufsicht 
des Vertreters eines Fürsorge¬ 
vereins oder einer anderen 
eeigneten Person, welche sii h 
azu bereit erklärt, unterstellt 
werden. 

Die näheren Vorschriften 
über die Beaufsichtigung des 
vorläufig Entlassenen werden 
vom Bundesrat erlassen. 


g 29. 

Ueber die vorläufige Ent¬ 
lassung und über den Wider¬ 
ruf entscheidet die oberste 
Justiz-Aufsichtsbehörde, im 
ersteren Falle nach Anhörung 
der Gefängnisverwaltung. 

Aus dringenden Gründen 
des öffentlichen Wohles kann 
die Polizeibehörde des Auf¬ 
enthaltsorts die einstweilige 
Festnahme des Entla’^senen 
anordnen. Die Entscheidung 
über den Widerruf ist sofort 
einzuholen; dieser gilt als an 
dem Tage der Festnahme er¬ 
folgt. 


g 28. 

Der vorläufig Entlassene 
kann für die flauer der Probe¬ 
zeit der Schutzaufsicht eines 
Fürsorgeorgans oder einer 
anderen geeigneten Person 
unterstellt werden. Solange 
der vorläufig Entlassene einer 
geordneten Fürsorge unter¬ 
steht, ist spezielle polizeiliche 
Aufsicht unzulässig. 

Die näheren Vorschriften 
über die Schutzaufsicht wer¬ 
den vom Bundesrat erlassen. 


g 29. 

Die vorläufige Entlassung 
kann widerrufen werden, wenn 
der Verurteilte sich schlecht 
führt, oder den ihm auferlegten 
Verpftichtungen zuwiderhan-’ 

Im Falle des Widerrufs wird 
die seit der vorläufigen Ent¬ 
lassung bis zur Widerein¬ 
lieferung verflossene Zeit auf 
die festgesetzte Strafdauer 
nicht angerechnet. 


g 30. 

Ueber die vorläufige Ent¬ 
lassung, die Stellung unter 
Schutzaufsicht und den Wider¬ 
ruf entscheidet die Anfsichts- 
kommission der Gefangenan¬ 
stalt. Gegen ihre Entscheidung 
steht dem Verurteilten Be¬ 
schwerde an die oberste Justiz- 
Aufsichtsbehörde offen. 

Aus dringenden Gründen 
des öffentlichen Wohles kann 
die Polizeibehörde des Auf¬ 
enthaltsorts die einstweilige 
Festnahme des Entlassenen an¬ 
ordnen. Die Entscheidung 
über den Widerruf ist sofort 
einzuholen ; dieser gilt als an 
dem Tage der Festnahme er- 
folgt. 



25 


Meine Herren! 

Eine ernste Stunde sieht uns beisammen. Es ist das 
erste Mal, dass uns Männern der Gefangenenfürsorge die 
Gelegenheit gegeben ist, uns mündlich über die Wünsche, 
die wir für das neue deutsche Strafrecht haben, zu unter¬ 
halten und kritisch zu dem kürzlich veröffentlichten Vor¬ 
entwurf zu einem Deutschen Strafgesetzbuch Stellung zu 
nehmen. Unsere Aeusserungen werden dabei, nicht nur 
bei den deutschen Regierungen umso mehr Beachtung 
finden müssen, als die Verfasser des Vorentwurfs wohl zu 
wenig Fühlung mit den Männern genommen haben, welche 
allein am lebenden Objekte des Verbrechers täglich arbeiten: 
den Strafanstaltsbeamten und den Männern der Entlassenen- 
fürsorge. Dass diese, und die zweiten rekrutieren sich ja 
zum nicht geringen Teile aus den ersteren, bisher ihre 
Stimme nicht laut genug erhoben haben, liegt daran, dass 
viele von ihnen sich auf den bisherigen Versammlungen 
von Strafanstaltsbeamten und bei ähnlichen halbamtlichen 
Gelegenheiten gescheut haben, bestehende staatliche Ein¬ 
richtungen in Gegenwart ihrer Vorgesetzten ungünstig zu 
kritisieren. Heute aber sind wir nicht als Beamte, sondern 
als Männer der freien Liebestätigkeit zusammengekommen 
und dürfen, von patriotischem Eifer getrieben, ein in geziemen¬ 
der Form vorgetragenes Wort selbst scharfen Tadels wohl 
wagen. In der hoffentlich folgenden Debatte werden sich 
dann unsere Ansichten klären. 

Dass wir dabei, obwohl Männer der Sorge für die 
aus der Haft Entlassenen, uns nicht begnügen w^erden 
zu untersuchen, welche Aufgaben uns zufallen werden, 
wenn die Bestimmungen des Vorentwurfs Gesetz werden 
sollten, sondern, dass wir uns darüber zu äussern haben 
werden, wie, d. h. nach welcher Behandlung durch den 
Staat wir den Gefangenen aus der Hand des Staates in 
unsere Obhut zu übernehmen wünschen, versteht sich von 
selbst — um so mehr, als es das historisch erhärtete Recht 
und die Pflicht der „Gefängnisvereine“ ist, sich zu den 
gesetzlichen Unterlagen des Strafvollzuges zu äussern. 

Der Aufgabe, einen Ueberblick über die Aenderungen 
des bestehenden gesetzlichen Zustandes, wie sie der Vor¬ 
entwurf plant, zu geben, bin ich enthoben: ich kann 
in dieser Beziehung auf die vorzüglichen Ausführungen 
unseres hochverehrten Präsidenten im 44. Bande der 
„Blätter für Gefängniskunde“ verweisen. Dort Gesagtes 
hier schlechter zu wiederholen, ist unsere Zeit zu kost- 



26 


bar, auch ist ein Abdruck des Textes des Vorent¬ 
wurfs für billig:es Geld einem Jeden zugänglich. Auch 
dazu ist unsere Zeit zu kostbar, lobenswerte vorgeschlagene 
Einrichtungen, wie insbesondere die Einführung der Reha¬ 
bilitation, die neuen materiellen und prozessualen Mass¬ 
nahmen gegenüber kriminellen Jugendlichen, und, nicht 
zum Letzten die Massnahmen gegen Gewohnheitsverbrecher, 
Alkoholiker und Arbeitsscheue, welche uns hoffentlich zu 
einem guten Teil von jenen Schmarotzern am Tische der 
Entlassenenfürsorge befreien werden, zu loben; tadeln 
wollen wir, tadeln, um zu bessern, w’as gebessert werden 
muss, soll das neue Strafrecht einen Fortschritt, ein ßesser- 
werden bedeuten. Da ist es nun eine Materie, deren 
Regelung laut Missbilligung herausfordert, die vorläufige 
Entlassung. 

Die Motive zum Entwurf eines StGB, für den Nordd. 
Bund und damit zu den jetzigen Paragraphen 23 ff. unseres 
RStGB. sagen bezüglich der vorläufigen Entlassung, „dass sie 
die Möglichkeit zur Belohnung der guten Führung der Gefan¬ 
genen gewähre und dass die Probezeit ein geeignetes Durch¬ 
gangsstadium darbiete, um den Uebergang aus dem 
Zustande voller Unfreiheit zu dem der vollen Freiheit 
durch einen Zwischenzustand beschränkter Freiheit zu 
vermitteln.“ Während der erste Teil dieses Satzes allen¬ 
falls die Annahme begründen könnte, dass es sich bei der 
vorläufigen Entlassung um eine nur einzelnen Individuen 
zu bewilligende besondere Vergünstigung handelt — das 
Wort „der“ Gefangenen spricht meines Erachtens aller¬ 
dings gegen solche Annahme — sagt dagegen der zweite 
Teil des Satzes jedem, der ihn ohne Voreingenommenheit 
liest, klar und zweifelsohne, dass es sich bei der vorläufigen 
Entlassung um eine, damals neue Strafvollzugseinrichtung 
handelt, welche ihrer Natur nach geeignet ist, den Ueber¬ 
gang aus der Strafhaft in die volle Freiheit wohltätig zu 
vermitteln und zwar ganz allgemein ohne Einschränkung. 

Ich darf Sie meine Herren in diesem Kreise wohl Alle 
als auf dem Gebiete des Strafvollzuges hinreichend be¬ 
wandert ansehen, um nicht notwendig zu haben, aus¬ 
einanderzusetzen, wie zutreffend die erwähnte Behauptung 
der Motive ist. Sie alle werden mit mir der Ueberzeugung 
sein, dass eine der beklagenswertesten Folgen der Freiheits¬ 
strafe die Lebensentfremdung des Bestraften ist, dass es 
ein Unding ist, Rechtsbrecher, also gerade schwache 
Charaktere, nach einer langen Zeit der Einsperrung, in 



27 


welcher sie fast jeder eigenen Willensäusserung, jeder 
Aeusserung der Lebensenergie künstlich beraubt worden 
sind, unvermittelt sich selbst zu überlassen, dass deshalb 
gerade die erste Zeit nach der Entlassung dem Bestraften 
die gefahrvollste ist und dass die mit einer verständigen 
Schutzaufsicht gepaarte vorläufige Entlassung eines der 
besten Mittel ist, um dem Rückfalle vorzubeugen. 

In der Versammlung des Vereins der deutschen Straf¬ 
anstaltsbeamten zu München am 5. September 18 71 hat 
der Direktor Regierungsrat d’Alinge aus Zwickau auf 
Grund seiner bereits mehrjährigen Erfahrung (die vorläufige 
Entlassung besteht in Sachsen seit 1862) wörtlich gesägt:^) 
„Wir können heute gar nicht mehr davon reden, dass die 
bedingte Entlassung ein Mittel zur Erreichung der Zwecke 
des Strafvollzuges sei, wir müssen sie vielmehr jetzt als 
notwendigen Teü eines guten Strafvollzuges betrachten.“ 
Und einstimmig nahm die Versammlung den Leitsatz an, 
„Ein wohlgeordneter Strafvollzug findet in jedem Staate 
in der bedingten Entlassung — wenn für dieselbe zweck¬ 
mässige Einrichtungen vorhanden sind — stets einen ge¬ 
deihlichen Abschluss.“ 

Schon die Tatsache, dass dieser Abschluss als ein 
stets gedeihlicher bezeichnet wird, lässt ersehen, dass man 
eine allgemeine Einrichtung im Auge hatte. 

Und was ist aus diesem, wohl einem der edelsten 
kriminalpolitischen Mittel im Laufe der vierzig Jahre ge¬ 
worden? Nichts, es ist bis heute ein elender Torso ge¬ 
blieben. 

Und er soll es bleiben! — wenigstens nach dem 
Vorentwurf. Missachtend soll der Gesetzgeber bei der 
von den genannten Motiven hervorgehobenen Eigenschaft 
der Probezeit als eines allgemein wertvollen Uebergangs- 
stadiums vorübergehen ! 

Die Begründung zum Vorentwurf sagt deutlich, was 
aus dem Text des Entwurfes nicht, jedenfalls für den 
Niehteingeweihten nicht, zu ersehen ist, dass in der grossen 
Hauptsache alles beim alten bleiben, nämlich, dass die 
vorläufige Entlassung den Charakter, den ihr die Justiz¬ 
verwaltung erst durch Verordnungen aufgeprägt hat, den 
Charakter einer gnadenähnlichen Vergünstigung, behalten 
UDd nicht zu einer allgemeinen Vollzugseinrichtung 
werden soll. 

Wie w ird dies begründet? 

„Blätter für Gefängniskunde“ Bd. 6 S. 10. 



28 


Einmal durch Hinweis auf die geschichtliche Ent¬ 
wickelung des Instituts. Hier sagt die Begründung (S. 97): 
„In England ist die vorläufige Entlassung stets als ein Akt 
der Königlichen Gnade angesehen worden und wird noch 
heute so angesehen.“ Das ist zweifach falsch! Richtig ist 
zwar, dass formell in England der Träger der Krone als 
Bewilliger der vorläufigen Entlassung im Gesetz aufgeführt 
ist, angesehen aber ist gleichwohl die vorläufige Ent¬ 
lassung in England niemals als Akt der Gnade, sondern 
stets wie heute, als reine Verwaltungsmassnahme; das wird 
Ihnen jeder englische Kenner der Materie bestätigen. Dass 
die Anführung des Monarchen in den englischen Gesetzen 
von ähnlichem Charakter wie dem unserigen, lediglich eine 
Phrase, ein Kokettieren mit dem monarchischen Gedanken 
ist, weiss jeder, der in der englischen Gesetzgebungs¬ 
sprache zu Hause ist. Ich erinnere nur an den Ausdruck 
^durtng his Majesty’s pleasure<i bei der Einsperrung Geistes¬ 
kranker, das auf deutsch lediglich zu übersetzen ist, mit 
„auf unbestimmte Zeit“. 

Und zweitens ist die Berufung auf das englische Vor¬ 
bild insofern falsch, als — und darauf kommt es ja allein 
hier an — die vorläufige Entlassung in England stets eine 
allgemeine Strafvollzugseinrichtung gewesen ist und nie¬ 
mals tropfenweise als Verwaltungsgnadenakt verschenkt 
worden ist, wie in Sachsen und in Preussen. 

Ferner wird die Beibehaltung des bisherigen Charakters 
der vorläufigen Entlassung damit begründet, dass die regel¬ 
mässig zugelassene und nur ausnahmsweise verweigerte 
vorläufige Entlassung mit dem Vergeltungscharakter und 
dem Sicherungszweck der Strafe in vielen Fällen unver¬ 
einbar sei, und zwar letzteres deshalb, weil die Strafen 
schon heute zu milde seien und einstweilen auf eine Ge¬ 
wöhnung der Gerichte an höhere, die Zeit der vorläufigen 
Entlassung berü(^ksichtigende Strafmasse nicht zu rechnen 
sei. Dass von der Schutzaufsicht eine wirksame Verhin¬ 
derung verbrecherischer Betätigung der vorläufig Ent¬ 
lassenen in grösserem Umfange nicht zu erwarten sei, 
bedürfe keiner Ausführung. Im übrigen gibt die Begrün¬ 
dung zu, dass die Einführung der vorläufigen Entlassung 
als einer allgemeinen Strafvollzugseinrichtung mit den bei 
ihrer erstmaligen gesetzlichen Einführung in Deutschland 
angegebenen Zwecken wohl vereinbar sei. 

Dass mit einer Gewöhnung der Gerichte an höhere 
Strafen im Falle der regelmässigen Einführung der vor- 



29 


läufigen Entlassung einstweilen nicht zu rechnen sei, halte 
ich für unrichtig. Im Gegent<*il, ich bin überzeugt, dass 
es genügen wird, in das Gesetz etwa den Satz aufzunehmen: 
„Die vorläufige Entlassung hat beim Vorliegen der Voraus¬ 
setzungen regelmässig einzutreten“ und höheren Ortes die 
Staatsanwaltschaften sowie Gerichte beim Inkrafttreten des 
Gesetzes noch ausdrücklich hierauf hinzuweisen, um die 
entsprechende Erhöhung des Strafmasses allgemein herbei¬ 
zuführen. Damit kommt der Vergeltungsgedanke auf seine 
Rechnung. Nun ist mir von Anhängern des bisherigen 
Systems entgegengehalten worden: „aber wenn die Strafen 
von vornherein um die Zeit der vorläufigen Entlassung 
verlängert werden, dann bleibt ja alles beim alten.“ Mit 
nichten! Was wir wollen, sind ja gerade lange Strafen, 
aber mit fast stets vorläufiger Entlassung am Ende. Und 
wie steht es mit der Sicherung der Gesellschaft? Mit 
allem Nachdruck bestreite üih hier den Satz der Begrün¬ 
dung, dass von der Schutzaufsicht eine Verhinderung ver¬ 
brecherischer Betätigung der vorläufig Entlassenen in 
grösserem Umfange nicht zu erwarten sei. Gerade im Gegen¬ 
teil : Mit aller Bestimmtheit, aus meiner Erfahrung auf dem 
Gebiete der Eritlassenenfürsorge sprechend, erwarte ich 
hier von einer richtig organisierten Fürsorge in Verbin¬ 
dung mit dem Drohen der Vollstreckung der 
Reststrafe eine nicht unbedeutende prozentuale Ziffer 
der sich zunächst während der wenigstens zwei Jahre 
währenden Probezeit sozial führenden Strafentlassenen. Ist 
aber diese Zeit, dann ist auch die gefahrbringende Zeit 
überstanden. 

Ich habe oft den Eindruck, dass man uns Männer der 
Entlassenenfürsorge für weichherzige Leute hält, deren 
alleiniges Bestreben gerade bei unserer Frage nur dahin 
ziele, die armen Gefangenen möglichst bald aus ihrer 
schlimmen Haft zu befreien, um sie unsererseits mit Wohl¬ 
taten bedecken zu können. Wer dies meint, kennt uns 
schlecht. Was wir wollen ist folgendes: 

Strafvollstreckung und Entlassenenfürsorge müssen 
Hand in Hand gehen und zwar möglichst frühzeitig vor 
der Entlassung, dem Rücktritt des Bestraften in die Freiheit. 
Dieser Standpunkt ist auch der der Regierungen. Beweis: 
Die Zulassung der sogenannten Vertrauensmänner oder 
Gefängriisbesucher zum Anfsuchen der Gefangenen während 
der Haft. Wir wollen nun einen Schritt weiter gehen und 
sagen zum Staat: Vertraue uns deine Gefangenen an, halte 



30 


aber deine schwere Hand weiter über sie und so wollen 
wir mit vereinten Ki’äften dem Verurteilten helfen, dass 
er, durch lange Haft des Gehens entwöhnt, zunächst lerne, 
auf eigenen Füssen zu stehen und dann durch eigene 
Kraft geradeaus zu gehen. Das wollen wir. Weichlichkeit 
ist uns fremd, uns Männern, die wir doch in der Mehrzahl 
Leute der Strafrechtspflege sind. Allein von praktischen 
Gründen, von Gründen der Erfahrung geleitet, wollen wir 
zur Sicherung der Gesellschaft dem Gefangenen 
den schweren Uebergahg aus der vollkommensten Unfreiheit 
in die ungebundene Freiheit erleichtern — das können 
wir aber nur mit Hilfe der vorläufigen Entlassung als einer 
neuen, allgemeinen kriminalpolitischen Massnahme. 

Nichts schildert besser den Geist, den die vorläufige 
Entlassung heute hat, als der Inhalt der verschiedenen 
Ministerialerlasse, welche zu der vorläufigen Entlassung 
ergangen sind. In erster Reihe charakteristisch ist die 
noch heute geltende Verfügung vom 21. Januar 1871. In 
dieser heisst es: Der vorläufig entlassene Gefangene tritt 
mit dem Tage der Entlassung unter spezielle polizeiliche 
Kontrolle. Die Kontrolle wird durch die Ortspolizeibehörden 
unter Aufsicht der ihnen Vorgesetzten Polizeibehörden aus¬ 
geübt. Die Polizeibehörden sind befugt, dem Entlassenen 
vorübergehend noch andere Beschränkungen als diejenigen 
aufzuerlegen, welche hinsichtlich der unter Polizeiaufsicht 
gestellten Personen zulässig sind. Ohne ortspolizeiliche 
Erlaubnis darf der Entlassene seinen Aufenthaltsort bei 
Gefahr des Widerrufs der Entlassung auf länger als 48 
Stunden nicht verlassen. Die Erlaubnis ist unter persön¬ 
licher Vorstellung und Vorzeigung des Entlassungsausweises 
bei der Ortspolizeibehörde nachzusuchen. 

Wer bürgt uns dafür, dass diese Bestimmungen, die 
ja schon heute in der Praxis wohl überhaupt nicht durch¬ 
geführt werden können; die sich aber in vielen Fällen dem 
vorläufig entlassenen Gefangenen ausserordentlich schä¬ 
digend in den Weg legen, zukünftig anders, freier werden 
gestaltet werden und dass die Justizverwaltung, welche 
uns Fürsorgevereinen die von uns erbetene (und uns von 
der Verwaltung des Innern bei der Polizeiaufsicht und der 
Ausweisung Bestrafter schon vor vielen Jahren bewilligte) 
Mitarbeit bei der Aufsicht über vojläufig Entlassene bis 
heute hartnäckig verweigert hat, zukünftig von der privaten 
Schutzaufsicht den notwendigen Gebrauch machen wird? 




31 


Nun^ sieht der § 28 'des Vorentwurfs allerdings eine Mit¬ 
arbeit der Fürsorgeorgane vor. Er lautet: 

„Der vorläufig Entlassene kann für die Dauer der 
Probezeit der Aufsicht des Vertreters eines Fürsorge- 
vereins oder einer anderen geeigneten Person, 
welche sich dazu bereit erklärt, unterstellt werden. 

Die näheren Vorschriften über die Beaufsich¬ 
tigung des vorläufig Entlassenen werden vom 
Bundesrat erlassen“. 

Wer diesen Paragraphen als Jurist und unbefangen 
liest, muss, da der erste, der Haupt-Satz, lediglich von 
einer Beaufsichtigung durch Fürsorger spricht, eine spezielle 
Beaufsichtigung durch die Polizei für ausgeschlossen halten 
und den zweiten Absatz dahin auslegen, dass der Bundes¬ 
rat die im ersten Absatz vorgesehene Beaufsichtigung, aber 
nur diese, näher regeln soll. 

Die Motive aber ergeben, dass die Beaufsichtigung 
durch die Polizei wohl die Regel sein und bleiben soll. 

Auch hier also soll es beim Alten bleiben und es soll 
auch ferner heissen können: Der vorläufig Entlassene 
tritt unter eine spezielle polizeiliche Aufsicht. Ich bitte, auf 
die zwei letzten Worte polizeiliche Aufsicht zu achten. 
Da haben Sie sie wieder, die Polizeiaufsicht, 
denn darüber sind wir uns wohl hier alle, die Verfasser 
des Vorentwurfs aber anscheinend nicht, klar, dass polizei¬ 
liche Aufsicht über einen Strafentlassenen eben polizei¬ 
liche Aufsicht mit allen ihren Mängeln bleibt und dass 
in der Praxis überhaupt kein Unterschied 
besteht, ob die Polizei einen „Polizeiobser- 
vaten“ oder einen „vorläufig Entlassenen“ 
beaufsichtigt! 

Die Polizeiaufsicht aber und zwar, das ist für uns 
das Wichtigste, wird in dem Vorentwurf gerade nur in 
dem einzigen Punkt abgeschafft, in welchem nach be¬ 
stehendem Recht der Richter auf ihre Zulässigkeit erkennen 
kann und damit der Polizei das Recht und die Pflicht 
auferlegt, den Verurteilten unter spezielle polizeiliche 
Kontrolle zu stellen. 

Die zwei weiteren Folgen der heutigen Polizeiaufsicht, 
nämlich die Aufenthaltsbeschränkungen und die Zulässig¬ 
keit von Haussuchungen werden aufrecht erhalten, letztere 
durch Verweisung in das Strafprozessrecht. Indirekt geben 
damit die Verfasser des Vorentwurfs zu, dass es das 
Gesetz war, welches die polizeiliche Aufsicht mit allen 


.•Ä/' 



32 


ihren Mängeln verschuldet hat. Was bewog denn, frage 
ich, die Verfasser des Vorentwurfs sonst die erwähnte Be¬ 
stimmung aufzuheben, wenn wie die Begründung (S. l^^O) 
angibt, es wahr wäre, dass die Klugen über polizeiliche 
Konirollmassnahmen nicht das Gesetz,' sondern nur die 
Verwaltungsbehörden tangierten? Polizeiliche Kontroll- 
massregeln sind allerdings nicht im § 39 des Strafgesetz¬ 
buches vorgesehen, sie sind aber allein durch § 39 Sr G.B. 
veranlasst, notwendig veranlasst. Und deshalb 
haben die Verfasser des Vorentwuifs weise getan, die Be¬ 
stimmung über das Erkennen auf Zulässigkeit der polizei¬ 
lichen Aufsicht — Polizeiaufsicht — aufzuheben. 

Und bei der vorläufigen Entlassung soll die polizei¬ 
liche Aufsicht — Polizeiaufsicht weiterleben ! 1 ? 

M. H. Ich bin der Letzte, der alle PolizeiIx^amte 
für unbrauchbar erklärt, vernünftige Aufsicht üb< r Ent¬ 
lassene zu üben, was ich aber sag«*, ist dies: die Polizw 
als solche ist ungeeignet, Aufsicht, wie wir sie meinen, 
zu treiben. 

Wir verstehen aber unter Aufsicht, eine die Elemente 
des beiderseitigen Vertrauens enthaltende, für das wirt¬ 
schaftliche Fortkommen des Bestraften besorgte Massnahme 
und hierzu ist die Polizei als solche völlig ungeeignet; 
sie hat ihrer Natur nach ganz andere staatliche Aufgaben 
zu erfüllen, die sie auch zum grossen Teil musterhaft er¬ 
füllt. Ich halte daher, zumal im Hinblick auf die zu 
befürchtende preussische Praxis, für unbedingt erforderlich, 
dass das Gesetz zum Ausdrucke bringt, dass im allgemeinen 
speziell polizeiliche Kontrolle unzulässig ist. 

Es wird Sie, da ich so scharf gegen die polizeiliche 
Kontrolle bin, wundern, wenn ich jetzt fortfahre: Die Be¬ 
gründung hat, leider, ganz Recht, wenn sie (Seite 107) 
sagt: „Der gegenwärtige Stand der V» reine zur Fürsorge 
entlassener Strafgefangener gestattet es noch nicht, ihinm 
die Aufsicht über die vorläufig Entlassenen in erster Linie 
zu übertragen“. Nein, m. H., wir d. h., wir in ganz 
Deutschland sind noch lange nittht so weit, um unter 
eigener Verantwortung diese Aufsicht zu treiben. Manchem 
Verein würde bald vor seiner Gott<ähnlichkeit bange werden. 

Ich vertraue aber zuversichtlich, dass falls staatlicher- 
seits die absolut erforderliche Initiative ergriffen wird, die 
Vereine in nicht ferner Zeit in der Lage sein werden, die 
Schutzaufsicht selbständig auszuüben. 



Und hoffentlich kommt die Zeit bald, wo die Straf¬ 
vollzugsbehörden unijiittelbar mit den Fürsorgevereinen in 
Verbindung treten werden, wo die Letzteren etwaige Ver¬ 
fehlungen des Entlassenen unmittelbar der Strafvollzugs¬ 
behörde an zeigen werden und die Polizei — so wird es 
jetzt laut Mitteilung des Staatssekretärs des Innern in 
England geplant — völlig ausgeschaltet ist. So weit sind 
wir in Preussen jedoch heute noch nicht. Die Vereine 
können noch nicht über hinreichend geschultes Material 
verfügen. Wir brauchen noch die Polizei. 


Ich stelle mir die Ausführung unterm zukünftigen 
Recht folgendermassen vor : • 

Formell, aber, wohlgemerkt nur formell, steht der vor¬ 
läufig Entlassene unter Schutzaufsicht der niederen Polizei¬ 
behörde : Sie bleibt aber ganz im Hintergründe. Eine 
Beaufsichtigung des Entlassenen durch die Polizei tritt 
nicht ein. Die Polizei überträgt vielmehr die Ausübung 
der Schutzaufsicht alsbald voll und ganz dem örtlichen 
zuständigen Fürsorgeorgan, d. h. dem Fürsorge verein oder 
Geistlichen (siehe den gemeinschaftlichen Erlass der Ressort- 
rainister vom 13. Juni 1895, abgedruckt bei Klein: Die 
Vorschriften über Verw'altg. i. d. Justizgefängnissen Berlin 
(Vohlen), 2. Aufl. 1910, S. 190) oder, wo diese nicht vor¬ 
handen sind, dem sonstigen Fürsorger, der für den vorläufig 
Entlassenen zu gewinnen ist. So ist die Sache durch Erlass 
vom 14. September 1908 (abgedruckt in der Monatsschrift 
für Kriminalpsychologie Bd. 6 S. 298) in Bayern geregelt 
und das halte ich auch für uns vorläufig für das Richtige. 
Das Fürsorgeorgan oder der Fürsorger teilt der Polizei 
eventuelle Verfehlungen des Entlassenen mit. 


Besonders zu betrachten sind die Verhältnisse in den 
grossen Städten. Wie man auf dem Lande, in der kleinen 
Stadt, mit der freiwilligen Feuerwehr auskommt, aber in 
der grossen Stadt eine Berufsfeuerwehr braucht, so 
brauchen wir auch für die grossen Städte 
berufsmässige, besoldete Schutzaufsichts- 
bearate. Was ich aber nicht empfehle, sind staatlich 
angestellte Beamte nach dem Vorbilde der amerikanischen 
Parole officers. Das gäbe nur eine Beamtenkategorie 
und das unbedingt notwendige Vertrauen des vorläuD?'’ 
Entlassenen in seinen Fürsorger würde fehlen. Ganz anders, 
^venn die Berufsfürsorger — ich möchte sie 
Personen nennen, Männer und Frauen — ^U-h aU« 

ß-ntter tür Gefiingniskiindc 


XLV. 



34 


Reihen der Fürsorgeorgane rekrutieren, von den Vereinen 
bestellt und besoldet werden. Das empfehle ich. 

Selbstverständlich müssen die Vereine entsprechende 
staatliche Entschädigung erhalten, und ich zweifle keinen 
Augenbhck daran, dass der Finanzminister sich der Be¬ 
deutung undNotwendigkeit dieser Ausgabe nicht verschliessen 
wird, eingedenk des Wortes seines grossen Vorgängers 
des Oberpräsidenten F r e i h e r r n v. R h e i n b a b e n in 
der Abgeordnetenhaus-Sitzung vom 16. Februar 1900: 
„Jeden Groschen, den wir für die präventive 
T ä t i g k e i t a u s g e b en , ersparen wir in Marken 
nachher beim Strafvollzug“. 

In Frankreich erhalten seit 25 Jahren die Fürsorge¬ 
vereine pro Kopf und Tag des ihrer Aufsicht unterstehen¬ 
den vorläufig Entlassenen 50 Centimes. 

Wenn wir durchgesetzt haben, dass die vorläufige 
Entlassung zu einer allgemeinen Strafvollzugsraassregel 
wird und dass eine spezielle polizeiliche Beaufsichtigung 
des vorläufig Entlassenen, von Ausnahmefällen abgesehen, 
vom Gesetz verboten wird, dann haben wir den Be¬ 
stimmungen des Vorentwurfs über die vorläufige Ent¬ 
lassung die zwei Giftzähne ausgezogen. 

Die übrigen Aenderungen, die ich vorschlage, sind in 
der Hauptsa(jhe die notwendigen Folgen des neuen 
Charakters, den die vorläufige Entlassung nach meinen 
Ausführungen annehmen wird. 

Zunächst wird bei der zukünftigen grossen Zahl der 
vorläufigen Entlassungen die Ministerialinstanz das ganze 
Material nicht bewältigen können. Das halte ich für kein 
Unglück, im Gegenteil, ich finde es gut, wenn der Minister 
als Beschwerdeinstanz wirkt und zunächst im Hintergründe 
bleibt. So will es auch der neue österreichische Strafrechts¬ 
entwurf. Dass die einheitliche Bearbeitung von Gnaden¬ 
sachen empfehlenswert ist, sehe ich ein, nicht aber die 
Notwendigkeit, dass die vom Gesetz vorgesehene und vom 
Gesetze geregelte vorläufige Entlassung von einer Instanz 
bearbeitet werden muss. Es genügt vollauf, wenn diese 
Instanz die Direktiven angibt, als Beschwerdeinstanz wirkt 
und durch Kenntnisnahme von den Beschlüssen der ersten 
Instanz fortdauernd kontrollierend tätig ist. 

Die gegebene erste Instanz für die Entscheidungen 
über die Bewilligung der vorläufigen Entlassung, ihren 
Widerruf und die Entscheidung, ob .Schutzfiirsorge einzu¬ 
treten hat, ist meines Erachtens die Aufsichtskommission, 




welche einer jeden Gefangenanstalt vorzusetzen sein wird. 
Wir haben sie schon in Preussen bei den grösseren An¬ 
stalten der Justizverwaltung, sie arbeiten vorzüglich und 
ich.habe oft bedauert, dass sie bei ihrer trefflichen Zu¬ 
sammensetzung: aus dem Chef der Staatsanwaltschaft als 
Strafvollzugsbehörde als Vorsitzendem, Richtern und Männern 
der Fürsorge, ein sachlich so geringes Tätigkeitsfeld besitzen. 

In dieser meiner Ansicht bin ich durch das, was ich 
kürzlich in Amerika gesehen habe, bestärkt worden. Auch 
dort arbeiten die Aufsichtskommissionen (parole-boards) 
vorzüglich. Das dortige System, dass der Direktor der 
Anstalt und die Gefängnisoberbeamten nicht Mitglieder der 
Kommission sind, sondern ihren Sitzungen nur, soweit es 
der Kommission passt, beiwohnen, halte ich für nach¬ 
ahmenswert. 

Meines Dafürhaltens muss die Aufsichtskommission, 
insoweit vorläufige Entlassungen in Frage kommen, aus dem 
Chef der Staatsanwaltschaft am betreffenden laindgericht 
als Vorsitzendem, einem Landrichter und einem Vertreter 
der Fürsorge bestehen, das genügt, tres facinnt collegium. 

Die übrigen Aenderungen, welche ich dem Vorentwurfe 
gegenüber für notwendig halte, ergeben sich aus einer 
Vergleichung des in Ihren Händen befindlichen Gegen¬ 
entwurfs mit den daneben allgedruckten Bestimmungen des 
Vorentwurfs; Sie ersehen daraus auch, dass ich die neuen 
Bestimmungen des Vorentwurfs, nämlich, dass die vor¬ 
läufige Entlassung schon nach Verbüssung von -/:j (heute Vj) 
der Strafzeit eintreten kann, sowie dass es nicht mehr der 
Zustimmung des Gefangenen zu seiner vorläufigen Ent¬ 
lassung bedürfen soll und dass die vorläufige Entlassung 
keine Anwendung auf Lebenslängliche finden soll, gutheisse. 

In § 26 halte ich cs für unbedenklich, die vorläufige 
Entlassung bereits nach neun Monaten zuzulassen, doch 
ist das für mich keine Kapitalfrage. Dagegen ist das 
Wort „längeren“ (zu einer, längeren Freiheitsstrafe) über¬ 
flüssig und deshalb zu streichen. Desgleichen für über¬ 
flüssig, weil bereits in den Worten „seinen persönlichen 
Verhältnissen“ enthalten, halte ich die Worte „nach seiner 
Vergangenheit sowie der Bedingung der guten Führung“. 
Diese Worte gehören meines Erachtens auch als 7 >u speziell 
nicht in das Gesetz. Sie bergen aueli die Gefahr, öa>s 
das entscheidende Gewicht auf die 
statt auf die Zukunft geleg-j; -wird 



Für vorteilhaft dagegen halte ich, dass dem Gefangenen 
das Gesetz sage, dass er kein liecht auf die vorläufige 
Entlassung habe. 

In § 27 am Ende halte ich zur Beseitigung ent¬ 
standener juristischer Bedenken die Worte „so ist die Ver- 
büssung des Restes der Freiheitsstrafe erlassen“ für 
glücklicher, als die vorgeschlagene Fassung. 

In § 28'sind die Worte^ .„welche sich dazu bereit 
erklärt“, überflüssig. Wer sich nicht bereit erklärt, ist 
sicherlich keine „geeignete Person“. 

Nach bayerischem VorbiWe möchte ich das Wort 
Schutzaufsicht als programmatisch hn Gesetz durch das 
Wort Aufsicht ersetzt sehen. 

¥ 

Zu § 29 des Gegenentwurfs: Widerruf muss eintreten 
können, auch dann, wenn der Entlassene den ihm während 
der Probezeit, nicht nur, wenn er den ihm bei der 
Entlassung auferlegten Verpflichtungen nachkommt — 
mögen Letztere auch noch so allgemein gefasst sein; die 
Worte „bei der Entlassung“ im § 27 des Vorentwurfs 
müssen fallen. 

Endlich muss ‘das Gesetz auch anführen, wer ent¬ 
scheiden soll, ob der zu Entlassende unter Schutzaufsicht 
zu stellen ist, daher führt mein § 30 die Aufsichtskommission 
als die auch hierfür zuständige Behörde an. 

Zum Schluss noch ein Wort über das, was der 
österreichische und der schweizerische Entwurf zu unserer 
Frage Interessantes bringen. 

Nach dem österreichischen Entwürfe eines Strafgesetz¬ 
buches (§ 24) kann der jugendliche vorläufig Entlassene 
durch die Strafvollzugsbehörde einer Schutzaufsicht unter¬ 
stellt werden, und zwar unter die Schutzaufsicht einer so¬ 
genannten Vertrauensperson (§ 411a, 578 Str. Prozess¬ 
entwurf). Diese, den Reihen der Waisenpfleger oder der 
Vereine für Jugendfürsorge oder Entlassenenfürsorge zu ent¬ 
nehmenden Männer oder Frauen werden von der Straf- 
vollzugsbehörde mit Handschlag bestellt und in 
Pflicht genommen (§ 411b, 578). Ausserdem, so sagt §579 
des Prozessentwurfs, hat bei vorläufig zu Entlassenden, 
welche noch nicht zwanzig Jahre alt sind, der Vorsteher der 
Gefangenanstalt im Einvernehmen mit der Vormund¬ 
schaftsbehörde oder mit Organen der Fürsorge für 
den Eintritt des Entlassenen in einen redlichen Erwerb zu 
sorgen. Für das Erstere, die völlige Ausschaltung der 
Polizei halte ich uns, wie gesagt, zurzeit noch nicht reif 




Das Letztere sind meines Erachtens Bestimmungen, 
die nicht in das Gesetz, sondern in Ausführungsbestim¬ 
mungen und Dienstordnungen gehören. Ebenso die weitere 
allgemeine Bestimmung, dass die Anstaltsvorsteher stän¬ 
digen Verkehr mit Fürsorge vereinen und Organen der 
Stellenvermittlung zu pflegen haben. 

Interessant ist endlich die Bestimmung des schweize¬ 
rischen Entwurfs (§ 30 Ziffer 5), dass der Gefangene nur 
dann vorläufig entlassen werden kann, „wenn er den ge¬ 
richtlich festgestellten Schaden, der aus seinem Verbrechen 
entstanden ist, soweit es ihm möglich war, ersetzt hat“. 
Solche Bestimmung in den deutschen Entwurf aufzunehmen, 
halte ich schon wegen der Dehnbarkeit des Begriffes „so¬ 
weit es ihm möglich war“ für nicht empfehlenswert, obwohl 
in dem Gedanken ein sehr gesunder Kern steckt. 


Und damit bin ich gleichzeitig auf die zweite der 
für mich wichtigen Fragen gekommen. 

M. H.! Der schönste, weil moralischste mit dem Un¬ 
recht, dem Verbrechen, zusammenhängende Gedanke, 
nämlich der des Wiedergutmache ns des angerichteten 
Schadens durch den Kechtsbrecher hat in den bisherigen 
Strafgesetzen überhaupt keine Verwertung gefunden. So 
ist es, durch unsere, der Juristen Schuld so weit gekommen, 
dass der Verbrecher so wenig nach vollbrachter Tat daran 
denkt, sie wieder gut zu machen, dass er im Gegenteil, 
zumal wenn er die Strafe abgesessen oder die Geldstrafe 
bezahlt hat, das Wiedergutmachen weit von sich weist 
und sich auch nicht moralisch verpflichtet fühlt, den 
Schaden wieder gut zu machen. Der Angeklagte sagt 
regelmässig zu seinen Richtern: Haben Sie Mitleid mit mir, 
ich war in Not, ich bin jung, wenig oder nicht bestraft, 
will es nicht wieder tun, empfinde Reue — aber kaum 
jemals: ich will den Schaden wieder gut machen. 


Wie dieser Gedanke des Wiedergutmachens gesetz¬ 
geberisch zu verwerten ist, das habe ich durchzudenkeii 
noch nicht Gelegenheit genommen. Der Vorentvvurf er¬ 
wähnt ihn in § 81 nur als Strafzumessungsgrund. 
schwebt eine Verwertung etwa in der Richtung vor, dass 
in leichten Fällen von Amtswegen von Strafe 
werden kann, wenn der Rechtsbrecher den Schaden 
halb ihm gegebener Frist wieder gutmaeht und dnss vi 
leicht sogar auch bei weniger leichten, ^.enn aucb , 

schweren Fällen, ein Absehen von Strafe i ii f ^ ' 



des Verletzten zulässig ist, wenn der Rechtsbrecher 
diesem den Schaden binnen gegebener Frist ersetzt. 

Damit wird erreicht werden, dass weniger bestraft 
wird, und das wäre ein grosser Segen. Denn wer wie wir 
täglich sieht, welch furchtbare, nicht gewollte Wunden die 
staatliche Strafe schlägt, der ist glücklich über jeden Fall 
des Rechtsbruches, der bei staatlicher Reaktion zur Sühne 
ohne staatliche Strafe führt. (Beifall.) 

Vorsitzender: 

Die gespannte und ungeteilte Aufmerksamkeit, meine 
verehrten Anwesenden, die Sie den interessanten, vielfach 
neuen Ausführungen des Herrn Redners geschenkt haben, 
und der Beifall, den Sie ihm gespendet haben, wird für 
ihn der beste Dank sein. Aber nach seinen eigenen Worten 
können Sie ihm noch in anderer Weise den Dank ab¬ 
statten. 

Er hat gesagt: hoffentlich würde eine Debatte 
folgen. Ich schliesse mich diesem Wunsche vollständig 
an, eröffne hiermit die Diskussion und bitte, sich dazu 
zum Wort zu melden. 

Geheimer Oberjustizrat P1 a s c h k e - Berlin: 

Meine verehrten Herren! 

Ich habe jedesmal, wenn ich über den Entwurf zu 
sprechen hatte, von vornherein betont, dass es sich bei 
ihm nicht um eine Gesetzesarbeit handelt, die die Staats- 
regierung vertritt, sondern dass diese zu dem Entwurf, 
der lediglich eine Privatärbeit ist, Stellung noch nicht ge¬ 
nommen hat, dass ich also, wenn ich wie heute als Ver¬ 
treter des Justizministers zu den Verhandlungen kommittiert 
bin, nicht als Vertreter des Ministers zu sprechen in der 
Lage bin, sondern dass ich dann auch nur, wenn ich so 
sagen darf, als Privatmann spreche und meine Privatan¬ 
sicht dem Entwurf gegenüberstelle. 

Dies vorausgeschickt, möchte ich mich mit einzelnen 
Dingen, die der Herr Vortragende behandelt hat, näher 
beschäftigen und zwar deshalb, weil ich in mannigfacher 
Beziehung anderer Auffassung bin als er. Das gilt nicht 
nur sachlich, sondern auch formell. 

Der Herr Vortragende hat von zwei Giftzähnen ge¬ 
sprochen, die er dem Entwurf ausziehen wolle. Und wenn 
ich ihn recht verstanden habe, war der eine Giftzahn der. 



39 


dass der Entwurf die vorläufige Entlassung in Ueberein- 
stimmung mit dem geltenden Recht als auf dem Gnaden- 
recht fassend ansieht und in Konsequenz dieser Auffassung 
eine Vergünstigung in der vorläufigen Entlassung sieht, 
die nicht als Regel eintreten soll, auf die der Verurteilte 
kein Recht hat, sondern die als Vergünstigung anzusprechen 
ist, und verdient werden soll. Der zweite Giftzahn ist, 
wenn ich recht verstanden habe, der, dass nach dem Gesetz¬ 
entwurf nach Ansicht des Vortragenden bezüglich der 
Polizeiaufsicht alles beim Alten bleiben soll. 

Ich möchte mich zunächst einmal mit dem ersten 
Giftzahn beschäftigen und ihn, wenn ich so sagen darf, 
zu plombieren versuchen. (Heiterkeit.) Wir werden uns 
ja heute nicht darüber aussprechen können und nicht ver¬ 
ständigen, ob es richtig ist, was der Herr Vortragende 
gesagt hat: die vorläufige Entlassung basiere nicht auf 
dem Gnadenrecht, sondern sei ihrer ganzen historischen 
Entwicklung nach etwas anderes; sie habe auch im heutigen 
Recht nicht den Grund und Boden in dem Gnadenrecht. 
Das sind Dinge, meine verehrten Damen und Herren, die 
ausserordentlich schwer zu entscheiden sind. 

Ich stehe auf dem Standpunkt des Entwurfes und 
befinde mich, glaube ich, dabei in recht guter Gesellschaft. 
Ich möchte sogar die Behauptung wagen, dass die Sach¬ 
kenntnis der Verfasser des Entwurfes wohl nicht den Ver¬ 
gleich mit der Sachkenntnis in irgend einer Versammlung 
zu scheuen hat. Ich bin zwar nicht von mir selbst so 
durchdrungen, dass ich mir speziell eine ganz besonders 
grosse Sachkenntnis zuschreibe; aber für so ganz dumm 
und unerfahren in den Sachen halte ich mich denn doch 
nicht. Und wenn ich in Uebereinstimmung mit dem Ent¬ 
wurf den Grundsatz glaube festhalten zu müssen, dass 
tatsächlich die ganze Einrichtung nicht etwa bloss auf dem 
Gnadenrecht basiert, sondern dass auch diese Grund¬ 
lage, wenn die vorläufige Entlassung praktisch und gut 
wirken soll, nicht verlassen werden darf, so kann man 
mir wohl die entgegengesetzte Meinung entgegenhalten, 
aber kaum beweisen. Andrerseits bin ich selbstverständ¬ 
lich bereit, auch die Gründe für eine andere Ansicht zu 
hören und zu prüfen, auch anzuerkennen, dass auch für 
die entgegengesetzte Auffassung Gründe sprechen. Also: 
seine Ansicht vertreten, aber die Ansicht Anderer nicht 
so einfach abtun! 



40 


Ist das richtig', so erscheint es mir doch bedenklich, 
des Entwurfs Auffassung für so ganz abwegig zu halten 
und zu bezeichnen. 

Allein, meine verehrten Damen und Herren, wir wollen 
einmal sehen, was der Herr Vortragende in seinen Thesen 
bezüglich dieser Auffassung zum Ausdruck gebracht hat. 
Es heisst im ersten Satz : „Hat der Verurteilte zwei Drittel, 
mindestens aber neun Monate“ — meine Herren, darüber 
lässt sich ja reden, es wird kaum einer in der Versamm¬ 
lung sein, der behaupten kann: neun Monate ist richtig 
oder ein Jahr ist richtig — „der ihm auferlegten Freiheits¬ 
strafe verbüsst, so kann er vorläufig entlassen werden“, 
und es heisstim letzten Absatz der These: „Die vorläufige 
Entlassung kann von den Gefangenen niemals als ein Recht 
in Anspruch genommen werden“. 

Ja, meine Herren, ist denn das etwas anderes, als 
was das geltende Recht sagt? Ist das nicht eine Ver¬ 
günstigung, die dem Verurteilten zuteil werden kann? Ist 
das nicht eine Vergünstigung, die als Recht nicht in An¬ 
spruch genommen werden kann ? Ich weiss es nicht; aber 
mir scheint, der Herr Vortragende hat in seinen Ausführungen 
eigentlich als Ziel nur das gesetzt, was seit vielen Jahren 
von einzelnen Behörden, insonderheit auch von den Ver¬ 
einigungen der Fürsorgetätigkeit erstrebt und verlangt wird, 
nämlich eine grössere Ausdehnung der Fälle, in denen die 
vorläufige Entlassung gewährt wird. Eine Aenderung des 
Charakters, auf dem die vorläufige Entlassung beruht, 
kann ich, offen gestanden, aus dem Wortlaut der von dem 
Herrn Vortragenden auf gestellten Thesen nicht entnehmen, 
auch nicht aus dem Satz: Die vorläufige Entlassung hat 
unter den und den Voraussetzungen regelmässig ein zu* 
treten. Das würde den Rechtscharakter auch kaum ändern. 
Also es würde nur das zum Ziele haben, was ich vorher 
schon sagte: das Verlangen an die Justizverwaltung, das 
Verlangen an die Anstaltsleitungen, das Verlangen an die 
Aufsichtskommissionen, doch von dem Recht, die vorläufige 
Entlassung zu gewähren beziehungsweise zu beantragen, 
einen ausgiebigeren Gebrauch zu machen. 

Nun möchte ich nur noch kurz hervorheben, dass 
diesem Wunsche, der, wie gesagt, seit langer Zeit sich 
gezeigt hat, in den letzten Jahren in weitem Masse Rech¬ 
nung getragen worden ist. Von den Anträgen, die an die 
Justizverwaltung gelangen — und um diese kann es sich 
ja natürlich nur handeln — ist 1908 in Preussen bezüglich 



41 


der Zuchthausgefangenen in mehr als 66 % der Fälle die 
vorläufige Entlassung bewilligt worden, während dieser 
Prozentsatz früher ja weit geringer war, wenn ich nicht 
irre vor 10 Jahren etwa 40 betrug, und bezüglich der Ge¬ 
fängnisgefangenen, bei denen die vorläufige Entlassung ja 
im allgemeinen weniger bedenklich ist, ist dieser Prozent¬ 
satz noch weit höher: bei den Gefangenen der Preussischen 
Justizverwaltung 1908 mehr als 87 Prozent. Also das, was 
der Herr Vortragende materiell verlangt, ist ja in den 
letzten Jahren geschehen. 

Ich komme nun zu dem zweiten Giftzahn, und in 
dieser Beziehung gilt das, was ich vorher sagte: ich bin 
auch in formeller Beziehung ganz anderer Meinung als 
der Herr Vortragende. Denn wenn ich ihn recht ver¬ 
standen habe, sagte er: Was bringt uns denn der Entwurf 
neues bezüglich der Polizeiaufsicht und bezüglich der Hand¬ 
habung der Polizeiaufsicht ? Was neues über die Fürsorge¬ 
aufgaben? Wer, so fragt der Herr Vortragende, schafft 
uns denn die Bürgschaft dafür, dass in dieser Beziehung 
eine Aenderung zum Guten eintritt? 

Ja, meine verehrten Damen und Herren, der Entwurf 
will ja gar nichts neues bringen. Der Entwurf sagt ja 
ausdrücklich: Die Ausführungsvorschriften über die Ueber- 
wachung der Betreffenden sind vom Bundesrat zu erlassen. 
Der Entwurf will ja gar keine Einrichtung dafür treffen, 
wie die Handhabung der Ueberwachung tatsächlich statt¬ 
finden soll. Er sagt ja nur in einem Paragraphen — ich 
glaube, es ist der § 28 —: Der vorläufig Entlassene kann 
auf die Dauer der Probezeit der Aufsicht des Vertreters 
eines Fürsorge Vereins oder einer anderen geeigneten Person, 
die sich dazu bereit erklärt, unterstellt werden. Das ist 
ja die einzige Vorschrift, die der Entwurf bringt; und wenn 
Sie die Entstehungsgeschichte dieser einzigen Vorschrift 
betrachten, dann können Sie meines Erachtens damit ausser¬ 
ordentlich zufrieden sein, dass diese Vorschrift aufgenoramen 
worden ist. Denn, wenn Sie die Begründung nachlesen, 
so finden Sie in der Begründung zu § 28 folgende Stelle: 
Bei der besonderen Wichtigkeit, welche der Ausgestaltung 
der Aufsicht über die vorläufige Entlassung im Interesse 
einer gedeihlichen Wirksamkeit dieser Einrichtung zukommt, 
und weil eine möglichst gleichmässige Handhabung der 
Aufsicht im Deutschen Reiche anzustreben ist, überträgt 
der Entwurf diese Regelung die bisher in den Händen der 
einzelnen Landesregierungen gelegen 'hat, dem Bundesrat. 



— 42 


Das ist die materielle Bestimmung. Es könnte der § 28 
glatt dahin lauten : Die Ausfülirungsbestimmungen trifft der 
Bundesrat, dann wäre alles erledigt. Er hat aber diese 
Stelle bezüglich der Fürsorgeaufsicht aufgenommen, und 
zwar, wie der Verfasser des Entwurfs selbst sagt, aus 
folgenden Gründen: Für sie — das heisst für die Regelung 
— in dem Gesetz besondere Richtlinien festzulegen, er¬ 
schien nicht erforderlich. Nur die ausdrückliche Vorschrift 
erschien, um gegenüber der bisherigen Praxis etwa auf¬ 
tauchende Zweifel zu beseitigen, zweckmässig, dass die 
Aufsicht über den einzelnen Entlassenen auch Vertretern 
eines Fürsorgevereins oder einer anderen dazu geeigneten 
und bereiten Person übertragen werden könne. 

Was ist also der materielle Inhalt dieses Paragraphen ?; 
Doch unzweifelhaft der, dass der Gesetzgeber sagt: „Die 
Ausführungsbestimmungen über die Ueberwachung usw. 
soll der Bundesrat erlassen. Da sich aber in den einzelnen 
Staaten rechtliche Zweifel darüber ergeben haben, ob es 
nach dem Gesetz zulässig ist, die Ueberwachung den be¬ 
treffenden gemeinsamen Fürsorgeorganen zu übertragen, 
so sage ich Gesetzgeber: das ist zulässig, weiter nichts; 
das andere überlasse ich dem Bundesrat“. 

Wenn ich Ihnen auf diese Weise dargetan zu haben 
glaube, dass der Entwurf prinzipaliter auf dem Standpunkt 
steht: ich treffe keine Bestimmungen, sondern die Be¬ 
stimmungen, die erlassen werden sollen, werden der 
Gleichmässigkeit wegen vom Bundesrat erlassen — — 
dann, meine verehrten Damen und Herren, erscheint mir 
aus diesem formalen Grunde, möchte ich sagen, die 
Polemik gegen den Entwurf hinfällig. Wenn der Entwurf 

sagt-um mich nochmals deutlich auszudrücken --: 

ich will keine Bestimmungen treffen, dann kann ich doch 
nicht sagen: Die Bestimmungen, die du getroffen hast, 
sind falsch. Es richtet sich doch dann materiell der Vor¬ 
wurf, den der Herr Vortragende erhebt, nicht gegen den 
Entwurf, sondern er richtet sich doch höchstens gegen die 
gegenwärtigen Verhältnisse und den bestehenden Zustand, 
also nicht gegen den Entwurf, sondern gegen das geltende 
Recht, beziehungsweise die dazu von den zuständigen Be¬ 
hörden erlassenen Ausführungsbestimmungen. 

Ob diese nun richtig und gut sind oder nicht, das 
lasse ich hier ganz dahingestellt. Sie wissen ja, dass in der 
Beziehung ein langer Kampf, der augenblicklich durch die 
Erlasse des Herrn Ministers einigermassen zu einem Ab- 



4 ;'. 


Schluss gekommen ist, getobt hat; aber an dem Entwurf 
die Kritik zu üben, das ist meines Erachtens nicht zu¬ 
treffend und nicht richtig. Denn das Neue, was er bringt, 
ist gut. 

Das wären wohl die beiden Giftzähne. — — Doch 
nein: Ich möchte und muss noch auf andere Punkte zurück¬ 
kommen, die der Herr Vortragende erwähnt hat. 

Wenn ich ihn recht verstanden habe, so tadelt er, 
dass eine Bestimmung nicht besteht — vom Entwurf 
spreche ich in dieser Beziehung vorläufig nicht —, die 
besagt, dass die Polizeiaufsicht — wollen wir sagen — 
verboten sei. Er sagt: es bleibt doch alles beim alten, 
die Aufenthaltsbeschränkungen bestehen; und der Entwurf 
sagt in den Motiven, dass die Fürsorgevereine doch nicht 
in der Lage wären, bei dem gegenwärtigen Stande wenig¬ 
stens nicht in der Lage wären, die Aufsicht sachgemäss 
zu führen. 

Aber, meine verehrten Damen und Herren, es bleibt 
dann doch nicht alles beim alten. Was zum Beispiel die 
Aufenthaltsbeschränkung anbelangt, so hat der Entwurf 
im § 53 meines Erachtens die Aufenthaltsbeschränkung 
doch dadurch erheblich eingeschränkt, dass er den Kreis 
der Personen, denen Aufenthaltsbeschränkungen auferlegt 
werden können, einengt, zurückführt auf die, wir wollen 
einmal sagen, schwersten Verbrecher. Es heisst dort: „Ist 
mit Rücksicht auf die Art der verübten strafbaren Hand¬ 
lung oder die Person des Verurteilten anzunehmen, dass 
dessen Aufenthalt an bestimmten Orten mit einer be¬ 
sonderen Gefahr für einen anderen oder für die öffentliche 
Sicherheit verbunden sein würde, so kann neben der 
Zuchthausstrafe stets, neben einer Gefängnisstrafe von 
mindestens einem Jahr in den vom Gesetz besonders 
bestimmten Fällen die Zulässigkeit der Beschränkung 
des Aufenthalts auf die und die Dauer beschlossen 
werden.“ Der Entwurf stellt sich also auf den Standpunkt: 
Nur diese Personen, nur die schwersten Verbrecher, sollen 
von der Aufenthaltsbeschränkung betroffen werden. Da¬ 
neben sagen die Motive: die Landesgesetzgebung bleibt 
daneben bestehen. Denn so weit sind wir nicht, dass wir 
von reichswegen die in den einzelnen Staaten, ja die in 
den einzelnen Hauptstädten und Ortschaften liegenden Ver 
hältnisse so und so regeln wollen; das nhcrlassen wir den 
Landesgesetzgebungen. Ist das falsch- sind ^o weitv 
— Kaum! • 



44 


Zweitens aber: Ist es denn nicht richtig, wenn der 
Entwurf in der Begründung sagt: „Dass von der Schutz¬ 
aufsicht eine wirksame Minderung verbrecherischer Be¬ 
tätigung der vorläufig Entlassenen in grossem Umfange 
nicht zu erwarten ist, bedarf keiner Ausführung.“ Ist denn 
das unzutreffend? Meiner Meinung nach ist es Wort für 
Wort richtig. Der Herr Vortragende sagt, wenn ich ihn 
recht verstanden habe, selbst: Wir sind in Deutschland 
noch nicht soweit, dass die Fürsorge vereine die ganze 
Sache übernehmen können. Das ist bei einzelnen Vereinen 
der Fall, im ganzen ist es aber nicht der Fall. Dem trete 
ich durchaus bei, das ist auch meiner Ueberzeugung 
nach ganz richtig. Es ist auch gar nicht zu bestreiten. 
Aber ich glaube, der Herr Vortragende hat hierbei nur 
eine Seite der Tätigkeit der Fürsorgevereine im Auge, 
nämlich die der Hilfe, die Unterstützung. Auch da sind die 
Fürsorgevereine noch nicht soweit, dass sie allen helfen 
können, die der Hilfe bedürfen. Aber der Satz spricht ja 
gar nicht vom Helfen, er spricht ja von Verbrechen ver¬ 
hindern. Das ist doch der Kern der Sache in dem an¬ 
gefochtenen Satz des Entwurfs: Und nun gebe ich ja ohne 
weiteres zu, dass man unter Umständen das Verbrechen 
verhindern kann, wenn man dein betreffenden Menschen hilft. 
Das tun wir ja, das ist ja unsere Aufgabe in der Fürsorge¬ 
tätigkeit. Aber es wird doch von niemand bestritten werden, 
dass mit Ausnahme solcher Verhinderungen es doch eine 
Menge anderer gibt, ja dass die anderen absolut notwendig 
sind. Mit dem Stellungbesorgen, mit dem Geldunterstützen 
kommt man wohl bei dem A weg, aber nicht bei dem B 
und dem C. Hier sagt der Entwurf: Von der Schutzauf¬ 
sicht kann eine wirksame Verhinderung nicht überall er¬ 
wartet werden; und wie wollen Sie denn sonst verhindern? 
Wenn Sie sich sagen: Hier handelt es sich um eine Per¬ 
sönlichkeit, die in hohem Masse gemeingefährlich ist, das 
ist ein Mensch, dem ich alles Zutrauen kann — wollen Sie 
dann als Mitglieder der Fürsorgeorgane hingehen und sagen: 
Polizei, greife den Menschen, das ist ein ganz gefährliches 
Subjekt? — Ja, überlegen Sie sich einmal, meine ver¬ 
ehrten Damen und Herren, ob solches den Zielen, die Sie 
in Ihrer so ausserordentlich warmherzigen und segensreichen 
Tätigkeit verfolgen, förderlich sein würde. 

Ich habe es neulich schon in einer Versammlung in 
Berlin ausgesprochen: Meiner festen Ueberzeugung nach 
ist eine erspries.sliche Tätigkeit des Fürsorgevereins nur 



45 


dann möglich, wenn der betreffende Zögling zu dem Organ 
des Fürsorgevereins und zu den einzelnen Personen Ver¬ 
trauen hat. Haben Sie das Vertrauen nicht, dann arbeiten 
Sie umsonst, und wenn Sie mehr als einmal hingehen und 
der Polizei einen Menschen — wir wollen einmal diesen 
hässlichen Ausdruck gebrauchen — denunzieren, dann 
haben Sie nicht blosbei demeinzelnenMann das Vertrauenver¬ 
loren, sondern dann haben Sie es bei allen Ihren Zöglingen 
verloren. Oder wenn Sie das Denunzieren nicht wollen, — 
wollen Sie dann die Gefahr auf sich nehmen, dass, wenn 
Sie die verbrecherische Tätigkeit, den gefährlichen Charakter 
des Mannes erkannt haben. Sie ihn ruhig gewähren lassen? 
Wollen Sie es auf sich nehmen, Sie, die Sie doch auch für 
die Sicherheit des Staates zu sorgen haben und um . so 
mehr zu sorgen haben, wenn Ihnen von ihm so grosses 
Vertrauen geschenkt wird, dass er Ihnen ’ so bedeutungs¬ 
volle Aufgaben stellt, wie es der Entwurf tut, und die Sie 
sich freuen darüber, dass der Staat Ihnen immer neue 
Aufgaben gibt — wollen Sie die Verantwortung über¬ 
nehmen, ruhig dazustehen und nichts zu tun und der 
Polizei keine Anzeige davon zu machen, dass der Mann, 
der Ihnen anvertraut ist, ein so gefährliches Subjekt ist, 
dass er eigentlich am besten in dauernde Sicherheitshaft 
gebracht werden müsste? Das können Sie doch nicht 
verantworten, und daher sagt der Entwurf in dem er¬ 
wähnten Satze meines Erachtens gleichfalls klar, deutlich 
und richtig: Eine Verhinderung des Verbrechens im grösseren 
Umfange durch die Fürsorgevereine ist nicht möglich. 

Sie wäre meines Erachtens auch dann nicht möglich 
und würde auch im Interesse des Fürsorgevereins selbst 
nicht liegen, wenn die Organisation der Fürsorgvereine 
und diese letzteren selbst noch in ganz anderem Umfange 
tätig sein könnten und wären, als sie es sind. 

Eine kurze Bemerkung möchte ich auch machen, be¬ 
züglich der von dem Herrn Vortragenden in Vorschlag 
gebrachten Entscheidung über die vorläufige Entlassung. 
Er schlägt in dem von ihm projektierten § 30 vor, dass 
die Entscheidung über den Widerruf und die vorläufige 
Entlassung von der Aufsichtskommission der 
anstalt getroffen werden soll. Meine Herren es ist Ihnen 
ja wohl bekannt, dass in der preussischen 
Aufsichtskommissionen bei vielen grös^pr^n 
bestehen, und ich bin der letzte, der die 
Aufsichtskommissionen gering eins^.^^.^ 



40 


Ich habe selbst jahrelang solchen Aufsichtskom¬ 
missionen angehört. Ich habe sie, als ich in meine jetzige 
Stellung kam, wie ja wohl den Herren von der Justiz¬ 
verwaltung bekannt sein dürfte, an verschiedenen Gefäng¬ 
nissen neu eingerichtet. Ich bin dafür eingetreten, dass 
die Aufsichtskommissionen sich nicht bloss aus Beamten, 
sondern auch aus Persönlichkeiten anderer Berufsstände 
zusammensetzen, und bin auch immer dafür gewesen — 
es ist ja auch, wenn ich nicht irre, speziell hier in Breslau 
erreicht — dass bei diesen Aufsichtskommissionen auch 
Vertreter der Fürsorgeorgane vom Minister bestellt werden. 
Allein der Aufsichtskommission winde ich es trotz dieses 
grossen Zutrauens nicht überlassen, die Entscheidung über 
die vorläufige Entlassung oder über den Widerruf zu treffen. 

Nun habe ich den Heri n Vortragenden so verstanden, 
dass er das auch nicht will, sondern dass er eine andere 
Aufsichtskommission zusammensetzen will, die sich viel¬ 
leicht an diese anlehnt, die aber doch anders geartet ist. 

Ja, solche Aufsichtskommissionen haben Sie ja in 
anderen deutschen Bundesstaaten. Wenn ich nicht irre, 
ist das ja in Württemberg der Fall. (Wird bejaht.) Ich 
bin nicht in der Lage, über die Wirksamkeit, über die 
Bedeutung dieser Aufsichtskommissionen ein Urteil abzu¬ 
geben, denn ich spreche nicht gern über Dinge, die ich 
nicht kenne, und diese Aufsichtskommissionen kenne ich 
nicht. Aber ich kann mir nicht denken, dass die Bedenken 
behoben sein werden, die ich gegen einen solchen Vor¬ 
schlag einzuwenden habe, und das sind folgende: 

Ich habe es in der Praxis gesehen, und Sie, meine 
Herren, werden ja dem beistimmen: Derselbe Mann, der 
dieselbe Straftat begangen hat, wird von verschiedenen 
Richtern verschieden beurteilt. . Das mag an den lokalen 
Verhältnissen liegen, liegt aber auch wohl an der Lebens¬ 
anschauung des Richters selbst und richtet sich wohl auch 
danach, w^elchen Eindruck der betreffende Mann in, dem 
für ihn so verhängnisvollen Augenblick der Verurteilung 
macht. 

In weit schärferem Masse noch als diese Verschieden¬ 
heit tritt nach meiner Auffassung die Verschiedenheit in 
der Beurteilung des Mannes im Strafvollzug auf. Es gilt 
das nicht nur für die Verwaltung der Justiz, sondern auch 
für die Verwaltung des Innern. Ich habe sowohl von der 
einen, wie von der anderen Verwaltung manchmal in den 
Akten, die mit dem Anträge auf vorläufige Entlassung an 



47 


den Herrn Justizminister gelangten, ganz auffällige Ver¬ 
schiedenheiten gefunden. Der Mann, der bis dahin, ich 
will es einmal kurz ausdrücken, ein Scheusal war, war 
nach 6 Wochen oder 3 Monaten ein Engel. Wenn das so 
verschieden beurteilt wird, so, sage ich, ist als notwendige 
Folge zu erachten, dass auch über die Gewährung der 
vorläufigen Entlassung eine so ausserordentliche Ver¬ 
schiedenheit bei den einzelnen Aufsichtskonimissionen oder, 
wie man sie sonst nennen will, zu Tage treten würde, 
dass — Verzeihung, ich will mich etwas drastisch aus¬ 
drücken — darüber die Gerechtigkeit in die Brüche gehen 
würde, und das können wir nicht mitmachen. 

Darum müssen die Entscheidungen von einer Stelle 
ergehen. Es soll und muss, soweit es überhaupt möglich 
ist, bei dem Satze bleiben : Justitia fundamentuin regnomm, 
und wenn die Gleichmässigkeit in den Entscheidungen 
schw'indet, dann schwindet das Vertrauen zu der Richtigkeit 
dieses Satzes, es schwindet das Vertrauen, dass, die Gte- 
rechtigkeit tatsächlich die Göttin ist, der wir in erster 
Linie huldigen. Ich habe also auch gegen diesen Vor¬ 
schlag des Herrn Vortragenden erhebliche Bedenken 
kann ihm auch hierin nicht beitreten. 


Vorsitzender: 

Meldet sich noch jemand zum Wort? — Wenn 
nicht geschieht, so schliesse ich die Diskussion und. evt U® 
dem Herrn Berichterstatter noch das Schlusswort. ^ 


Staatsanwalt D r. R o s e n f e 1 d - B e r 1 i n; 

Meine verehrten Anwesenden ! 

Ich möchte mir erlauben, nur auf 


Air- 


ich möchte mir erlauben, nur auf einen P 
ziigehen, den Herrn Geheimer Oberjustizrat 
erwähnt hat. Er hat gesagt, die Vorwürfe" n; - ii 

habe, richten sich nicht gegen den Vorent ^ ^ 

gegen die heutigen Zustände. Ich erlanp^^^^^^’ 

Ansicht zu sein. Sie richten sich ancW^' 

<--ht sagj T'l*' 


ZU sein. Sie richten sich 
entwurf, allerdings nicht gegen das 
Wurf sagt, aber gegen das, was er ^ 
Wunsch ist nämlich, dass das was ^ 


habe, in das Gesetz kommt, damit dom 
dass das, was heute besteht und was ^'<^i'gebeuo-t 
fortbestehen könnte, tatsächlich fortbos+-^"^^h dem 
Meine Herren, ich Aveiac. rioQQ ^ 


Meine Herren, ich weiss, dass, 
bei den Herren, die jetzt die Gefängnissx.^ 


V 


-^Valtung tjoi 



48 


Herren Ministern haben, unsere Sache wohl geborgen ist. 
Nichts kann das ja besser beweisen, als die Tatsache, dass 
die beiden Herren Mitglieder des Vorstandes unseres grossen 
Berliner Vereins sind. Aber wir Menschen' wechseln, wir 
gehen und kommen, und wer weiss, wie lange es dauert, 
bis das Gesetz erscheint; da möchte ich die Gewissheit 
haben, dass das, was heute besteht und was nach, meiner 
Meinung nach dem Wortlaut des Vorentwurfs weiter be¬ 
stehen könnte, nicht weiter bestehen wird. 

Ich lege gar kein Gewicht darauf, stelle aber anheim, 
wenn der Herr Präsident das' für richtig hält, die Ver¬ 
sammlung darüber befinden zu lassen, ob sie Thesen an¬ 
nehmen will. Ich habe mir zu Hause folgende Thesen 
entworfen’: ’ . , ; 

I. Die vorläufige Entlassung muss im neuen deutschen 
Strafrecht den heutigen Charakter einer gnaden¬ 
ähnlichen Vergünstigung verlieren und zu einer 
allgemeinen, regelmässig eintretenden Massnahme 
werden. Das ist im Gesetze zum Ausdruck zu 
bringen. 

H. Solange der vorläufig Entlassene der Fürsorge 
untersteht, ist spezielle polizeiliche Kontrolle un¬ 
zulässig. Das ist im Gesetze zum Ausdruck zu 
bringen. 

Vorsitzender: 

Meine verehrten Anwesenden! 

Sie haben die Thesen, die der Herr Referent auf- 
gestellt hat, soeben gehört. Von meinem Standpunkt aus 
würde ich mir gestatten, der Versammlung vorzuschlagen, 
die Thesen nicht als einen Gegenstand zu betrachten, über 
den wir einen Beschluss zu fassen haben, sondern das 
Thema in der Weise zu behandeln, dass wir die Aus¬ 
führungen und die Thesen des Herrn Redners allgemein 
zur Kenntnis nehmen. Mir scheint es nicht geeignet zu 
sein, hier auf dieser Versammlung Beschlüsse über dieses 
'Phema zu fassen. 

Ich stelle diesen Gegenstand zu einer eventuellen 
Diskussion. 

Wenn nichts dagegen cingewendet wird, so nehme 
ich an, dass die Versammlung mit meinem Vorschläge ein¬ 
verstanden ist, und wir kämen damit an einen weiteren 
<:egenstand unserer Tagesordnung. 



49 


Ich möchte vorher noch bemerken: Es gehört zu 
meinen Pflichten, für die Beachtung der für unsere Ver¬ 
handlungen festgesetzten Verhandlungsordnung als Vor¬ 
sitzender zu sorgen, und in dieser Ordnung ist bestimmt, 
dass ein Berichterstatter wenn möglich nicht länger spricht 
als eine halbe Stunde, der Mitberichterstatter nicht länger 
als ‘/4 Stunde und der einzelne Teilnehmer an der Be¬ 
sprechung nicht länger als 10 Minuten. Ich glaube, es 
wird im allgemeinen Interesse sein, wenn diese Zeitbe¬ 
stimmungen möglichst eingehalten werden. 

Nach unserer Tagesordnung kämen wir zur Be¬ 
sprechung der Frage: 

„Auf welche Weise können die Erfolge oder 
Misserfolge der Schutzvereinstätigkeit festgestellt 
und statistisch dargestellt werden?“ 

Das Referat hat Herr Ministerialrat Dr. v'on Engel- 
berg von Karlsruhe übernommen; das Korreferat Herr 
Landgerichtsrat Dr. Wetzlar von da. 

Herr Ministerialrat von Engelberg ist zu meinem und, 
wie ich annehme, zum allgemeinen Bedauern durch eine 
plötzliche Krankheit, — der Jahreszeit entsprechend: eine 
Art Influenza mit ziemlich hohem Fieber, — verhindert 
worden, die Reise hierher zu unternehmen. Er hat sein 
Referat schriftlich ausgearbeitet und es dem Herrn Kor¬ 
referenten zur Hand gegeben, so dass Herr Landgerichtsrat 
Wetzlar uns nunmehr allein über diese Frage berichten 
wird. Er hatte sich schon vorher mit dem Herrn Referenten 
ins Benehmen gesetzt. 

Ich bitte nun den Herrn Landgerichtsrat Dr. Wetzlar, 
das Wort zu nehmen. 


Landgerichtsrat Dr. Wetzlar-Karlsruhe. 

Hochgeehrte Versammlung! 

Nachdem mir von unserem hochverehrten Herrn 
Verbandsvorsitzenden die Frage: Auf welche Weise können 
die Erfolge oder Misserfolge der Schutzvereinstätigkeit fest- 
gestellt und statistisch dargestellt werden, zur Bearbeitun^^ 
als Korreferat übertragen worden war, machte ich mich 
zuerst an die Sammlung von Material. Die Ausbeute War 
dürftig. Dann besprachen der Herr Referent und ich unser 
Trema und es stellte sich heraus, dass ^^^ir über die 2 ;^ 
behandelnde Frage zu gleichem Ergebnis gekommen waren 

fwi«'!, emeinschaftlk^he aut¬ 

elten und hat zur Folg«, dass ich heute den ausgezeteh- 

Blatter für Gefänüniskunde. XLV 4 



50 


neten Ausführungen des Herrn Referenten^) mich voll an- 
schliesseri kann. Ich möchte nur weni^^es beifügen: 

Auch ich möchte Ihnen, hochverehrte Anwesende, 
wärmstens ans Herz legen: die Frage nach der Notwendig¬ 
keit der Statistik zu bejahen. Die Statistik wird uns für 
unsere Tätigkeit wichtige Aufschlüsse und Fingerzeige 
geben und darüber hinaus — w'as zwar hier nicht direkt 
berührt — kriminalpolitisch bedeutsam sein. Wir brauchen 
auch nicht, w^as schon ausgesprochen worden ist, zu b e- 
fürchten, dass die Klarstellung von Misserfolgen 
unseren Zielen und Zwecken Schaden bringen werde. Eine 
Zeit, wie die unsere, weiss zu gut, dass die Aufgabe der 
Gesellschaft gegenüber dem Rechtsbrecher mit der Straf- 
verbüssung nicht ers('höpft ist. Sie kennt auch wenigstens 
in den Kreisen, die hier für uns allein in Betracht kommen 
können, deii sozialen Charakter unserer Arbeit an. 
Alljährlich verschlingt unsere Strafrechtspflege, insbesondere 
der Strafvollzug enorme Summen, sie werden mit zirka 
100 Millionen Mark angegeben. Dazu kommt noch der 
Verlust an Arbeitskräften und Arbeitsergebnissen, da die 
Arbeiten der Sträflinge in den Strafanstalten nie voll wirt= 
schaftlich sein werden. 

Der soziale Erfolg, wenn es auch nur in verhältnis¬ 
mässig geringen Zahlen gelungen sein sollte, durch die 
Schutzvereinsrätigkeit der Kriminalität Abbruch zu tun, 
springt da deutlich in die Augen. 

Wir brauchen also das Ergebnis der Statistik weder 
zu scheuen, noch zu verbergen. Ernste Menschen werden 
nicht glauben, dass jeder Tätigkeitsfall eines Schutzvereins 
zum Erfolg führt und ich glaube viele Zweifler am Erfolg 
unserer Tätigkeit werden noch über die Erfolgzahlen er¬ 
staunt sein. 

Betonen möchte auch ich und mit allem Nach¬ 
druck, dass zum Zwecke der Statistik keine Erhebungen 
gemacht w'erden sollen mit Hilfe der Polizeiorgane. 
Betrachten wir es doch allezeit als eine Hauptaufgabe 
unserer Organisation, die Schützlinge vor der sie kompro¬ 
mittierenden Nachschau der Polizei zu befreien. Hierher 
rechne ich auch die Nachfrage bei der Heimatsbehörde, 
falls nicht ausgeschlossen ist, dass diese sich wieder bei 
den Erhebungen der Polizeiorgane bedient. 

Ich komme jetzt zu der aufzumachenden Statistik 
selbst. 

*) Äbdriick folgt unter S. C5. 



51 


Die wollen wir jedenfalls in den Aufstellungen für die 
Zentralen so gestalten, dass wir nicht lediglich kalte 
Rubriken und Zahlen vor uns sehen, unsere Statistik sollte 
ein lebensvolles Bild sein. Ich spreche das aus, obwohl 
ich mir der sich auftürmenden Schwierigkeiten 
bewusst bin, Hauptrubriken werden sein : 

Erfolg und Misserfolg. 

Hochgeehrte Versammlung! Da sollte uns z. B. die 
Erfolgspalte auch sagen, inwieweit der Schützling noch 
sozial und wirtschaftlich deklassiert ist, ich meine, ob z. B. 
der frühere Beamte als Taglöhner oder kaufmännischer 
Angestellte arbeitet und ob der, der früher 6 Mark ver¬ 
dient, diesen Lohn wieder erreicht hat oder nicht. Ferner 
möchte ich in der Spalte „Misserfolge“ auch etwas 
über die Ursache des Rückfalls erfahren. Denn nur so 
können wir für die Zwecke unserer Tätigkeit aus dei‘ 
Statistik Nutzen ziehen. 

Dass der Verein, der die Erhebungen veranstaltet, 
sich z. B. nicht einmal bei Vorliegen einer neuen Be¬ 
strafung zum Eintrag des „Misserfolges“ ohne weiteres 
entschliessen darf, erhellt schon daraus, dass die Neu¬ 
bestrafung wegen einer Tat erfolgt sein kann, die schon 
vor der früheren Verurteilung begangen war; Schon aus 
diesem Grund ist weitere Prüfung zum Zwecke der Statistik 
nötig. Mit diesen Ausführungen möchte ich aber nur An¬ 
regungen geben zur Berücksichtigung beim Entwürfe der 
notwendig werdenden Fragebogen. 

Wenn wir uns die gegenwärtigen Schwierigkeiten bei 
Aufstellung der Statistik vor Augen führen, so dürfen wir 
uns auch andererseits nicht verhehlen, dass die Zukunft 
uns auch Erleichterungen bringen wird. Der Vor¬ 
entwurf zum neuen Reichsstrafgesetzbuch schlägt die be¬ 
dingte Verurteilung, die „Wiedereinsetzung“ und die Bei¬ 
ziehung der Fürsorge vereine zur Aufsicht über vorläufig 
Entlassene vor. Wenn diese Vorschläge einmal Gesetz 
werden sollten, wären wieder engere Beziehungen zwischen 
den Schutzvereinen und den Schützlingen geschaffen, die 
die Aufmachung der Statistik erleichtern können. Dann 
will ich auch hier noch auf die Erleichterung hinweisen, 
die die Statistik durch die Jugendgerichte findet, die viele 
Schützlinge ständig beaufsichtigen. 

Hochverehrte Versammlung! Ich halte die Aufgabe, 
wie wir sie stellen für lösbar. Sie wird den Schutzvereinen 
neue und nicht kleine Arbeit bringen, ich hoffe und bin 

4 * 



überzeugt, sie wird durch dieselben geleistet werden in 
dem Gedanken, dass auch sie bestimmt ist, die Wieder¬ 
einfügung der straffällig Gewordenen in die menschliche 
Gesellschaft zu fördern und damit der Kriminalität Ab¬ 
bruch zu tun. 

V ersitzender: 

Verehrte Versammlung! 

Ich entspreche gewiss ihren Empfindungen, wenn ich 
dem Herrn Redner den Dank der Versammlung ausspreche, 
um so mehr, als seine Aufgabe dadurch erschweit war, 
dass er zu gleicher Zeit den Referenten und den Kor¬ 
referenten vereinigen musste, indem er den leider verhinderten 
Referenten vertrat. Aber Sie werden mit mir der Ueber- 
zeugung sein, dass diese Aufgabe vortrefflich gelöst 
worden ist. 

Nun eröffne ich die Besprechung. 

Die Thesen, die aufgestellt wurden, sind ja in ihren 
Händen. 

Gemeisame Leitsätze 

des Referenten, Ministerialrat Dr. v. Engelberg -Karlsruhe 
und des Korreferenten, Landgerichtsrat Dr. Wetzlar- 
Karlsruhe. 

1. Feststellungen über die Erfolge oder Misserfolge 
der im Einzelfall entwickelten Tätigkeit eines 
Schutzvereins als Kontrolle über die Richtigkeit 
oder die Mängel der getroffenen Mas.snahmen sind 
im Interesse der richtigen Entwicklung der schutz- 
vereinlichen Tätigkeit in allen wichtigen Fällen 
unentbehrlich. 

2. Die Feststellung der Erfolge oder Misserfolge hat 
durch die Einzelvereine zu erfolgen. 

Zu diesem Behufe wird empfohlen: 
Aufrechterhaltung persönlicher Fühlung durch Be¬ 
suche seitens Fürsorger oder auch durch Angestellte 
des Vereins, sowie durch Briefwechsel, solange 
irgend tunlich; Ersuchen an andere Vereine oder 
Fürsorger; jährliche Prämien bei nachgewiesener 
guter Führung und nötigenhills Erhebung von Straf¬ 
registerauszügen; keinenfalls aber Erhebungen 
durch die Polizei. 

3. Die Ergebnisse sind von den Einzelvereinen jähr¬ 
lich der Landes- oder Provinzialzentrale zu über¬ 
mitteln, der es obliegt, die Nachrichten statistisch 



53 


zu verwerten und diese Ergebnisse nebst den daraus 
zu ziehenden Folgerungen dem Vorsitzenden des 
Verbands einzuschicken, der für Veröffentlichung 
Sorge trägt. 

Der Verbands-Vorsitzende wird ermächtigt, im 
Benehmen mit den einzelnen Zentralen einen Frage¬ 
bogen, der den einzelnen Vereinen bekannt zu 
geben wäre, auszuarbeiten. 

Oberregierungsrat M i c h a 1 - Nürnberg: 

Geehrte Versammlung! 

Ich glaube, die Bemerkung des Herrn Referenten über 
einen Widerspruch, der seinerzeit gegen die Aufmachung 
einer Statistik erfolgt ist, ist auf mich abgezielt gewesen; 
wenigstens war ich derjenige, der bei der Tagüng in Halle, 
wo zum ersten Mal meines Erinnerns die Frage einer 
Statistik erörtert wurde, Bedenken dagegen erhob, und 
insbesondere geltend machte, dass es unter Umständen doch 
nicht unbedenklich sei, sich von jedermann so ganz in die 
Karten schauen zu lassen. 

MeineHerrschaften! Der unverwüstliche Optimismus, der 
wiederholt als eine notwendige Eigenschii^t des Fürsorge- und 
des Strafvollzugsbeamten betont worden ist, ist kein Ge¬ 
meingut, und ich denke mir, wenn aus einer Statistik mit 
nackten, nüchternen Zahlen und kurzen Bemerkungen — 
damals war sogar vonNoten dieRede — hervorgeht, in wieviel 
Fällen ein Erfolg und in wieviel Fällen ein Misserfolg ein¬ 
getreten ist — ob da nicht draussen im Volk, bei denen, 
die zur Beitragsleistung, auch oft zur Mitarbeit gewonnen, 
werden sollen, die Meinung vertreten werden wird: wozu 
denn das alles, es kommt ja nichts dabei heraus; das ist 
ja entsetzlich, wie viele trotz des Aufwandes für sie wieder 
rückfällig werden! 

Ich muss zugeben, ich war damals noch etwas neu. 
auf dem Gebiet, und meine damalige Opposition richtete 
sich ganz besonders gegen die Art, wie damals, soviel ich. 
weiss, durch Herrn Geheimrat Fuchs, die Sache vorge¬ 
stellt wurde. Die damalige Statistik schien mir kaum 
durchführbar. Ich muss zugeben, dass durch das, was m 
dem Referat und durch den Herrn Korreferenten uns heute 
mitgeteilt worden ist, doch die Sache in ein ganz anderes 
Licht gerückt ist. Es scheiden vor allen Dingen die kleineren 
einmaligen Gaben und selbst auch wiederholte Gaben, 
wenn sie nicht zu einer wirklichen und dauernden Fürsorge 
führen, von vornherein aus. 



54 


Dagegen ist es sicher von grossem Wert bei Leuten, 
mit denen man sich längere Zeit eingehend beschäftigt 
hat, für die man viel Mühe aufgewendet hat usw., nach¬ 
zuforschen und zu erörtern, wie es weiter gegangen ist. 
Aber ich glaube, das ist doch auch jetzt schon ziemlich 
häufig geschehen; wenigstens kann ich es von Nürnberg 
aus sagen. Wenn bei uns jemand in eine Stellung gebracht 
wird oder zur Auswanderung kommt, dann ist es ganz 
selbstverständlich, dass wir uns erkundigen: Was wird 
aus dem Manne, blamiert er uns nicht, haben wir uns nichts 
vorzuwerfen usw.? Also das geschieht schon, und ich 
denke, es wird wohl auch anderwärts so geschehen. Aber 
ich gebe zu, dass sich das auch noch weiter ausbauen 
lässt, und ich möchte prinzipiell gegen die Leitsätze, die 
aufgestellt worden sind, nichts erinnern; ich möchte nur 
zur Vorsicht mahnen, nicht zu weit zu gehen, nicht zu 
viel Fälle einzubeziehen und auch daran zu denken, dass, 
wenn die einzelnen Vereine zu viel Arbeit bekommen, 
dann ungenügende Arbeit oder gar keine Arbeit geleistet 
mrd. Wir sind schon so mit einer grossen Last versehen, 
und wenn sie zu ^^tark wird — ich wüsste nicht, wo wir 
die Leute herbekommen sollten, die solche Arbeit noch 
machen. (Zustimmung). 

Generalstaatsanwalt Dr. Preetorius-Darmstadt: 

Meine Damen und Herren! 

Wenn ich mir hier erlaube, ein paar Worte zu sprechen, 
so tue ich es nicht in meiner Eigenschaft als Vertreter der 
Grossherzoglich hessischen Regierung, sondern in meiner 
Eigenschaft als 10 Jahre jetzt im Amte befindlicher Vor¬ 
sitzender des Hessischen Schutzvereins für entlassene Ge¬ 
fangene, und ich bemerke gleich von vornherein, dass 
dieser Hessische Schutzverein insofern eine eigenartige 
Sonderstellung einnimmt, als er der Zweigvereine voll¬ 
ständig entbehrt, also als eine ganz konzentrierte Zentrali¬ 
sation in Hessen waltet, und alle Fäden in einer Hand 
zusammenlaufen. Ich kann daher, um mich so auszudrücken, 
wolil aus der Schule reden. 

Nachdem ich den Vorsitz in diesem Verein über¬ 
nommen hatte, schien es mir geradezu eine Pflicht zu sein, 
den Mitgliedern, die den Verein durch ihre Beiträge unter¬ 
stützen, eine ganz ehrliche Auskunft zu geben üb< r die 
Erfolge oder Misserfolge der Schutz Vereinstätigkeit. Ich 
bin der Meinung, dass nicht etwa daraus ein Schaden für 



55 


den Verein entstanden ist, sondern ich könnte, wenn ich 
Sie ermüden wollte, durch die ganz kolossale Zunahme der 
Zahl der Mitglieder in Hessen den Nat-hweis liefern, dass 
diese ehrliche Offenheit das Gegenteil erzeugt hat, nämlich 
ein ganz erheblich und steigend wachsendes Interesse, und 
das hängt damit zusammen, meine Damen und Herren, 
dass das Ergebnis keineswegs niederschmetternd, sondern 
ganz günstig ist. 

Jeder, det* überhaupt in Wohltätigkeitsbestrebungen 
arbeitet, muss sich darüber klar sein, dass ein gewisser 
Prozentsatz von Misserfolgen nicht zu vermeiden ist. Wir 
sind keine Götter, wir können den Menschen nicht in Herz 
und Nieren schauen, wir urteilen auf Grund unvollkommener 
Erkenntnisquellen, und es wird und muss daher immer 
Vorkommen, dass wir uns täuschen, und das uns manchmal 
recht empfindliche Enttäuschungen bereitet werden. Allein 
das ist doch eine Erkenntnis, die, sollte ich meinen, auch 
bei jedermann im Publikum vorherrscht, denn in unserer 
Zeit d< r Vereinstätigkeit gibt es kaum noch einen gebildeten 
Menschen, der nicht irgend einem derartigen Vereine an¬ 
gehört und also in der Lage gewesen ist, ähnliche Beo¬ 
bachtungen zu machen. 

Nun, wie ich schon erwähnt habe, ich hielt es geradezu 
für meine Pflicht, klaren Wein einzuschenken über Erfolg 
oder Misserfolg, und ich habe deshalb in den Jahresberichten 
des Hessischen Schutzvereins regelmässig eine Statistik 
geliefert, die allerdings nicht alle die Postulate berück¬ 
sichtigt, die heute von dem Herrn Landgerichtsrat 
Dr. Wetzlar aufgestellt worden sind, sondern die nur 
als schwacher Versuch einer Statistik zu bezeichnen ist, 
denn ich habe mich dabei auf die Fragen bes(‘hränkt: 
erstens, hat sich der Betreffende gut geführt? zweitens, 
hat 8i(*h der Betreffende schlecht geführt? oder drittens, 
als äusserstes: ist er rückfällig geworden ? Dass ja schlechte 
Fühlung und Rückfall nicht das Gleiche bedeutet, ist Ihnen 
bereits von Herrn Dr. Wetzlar gesagt worden, und ich 
brauche nur darauf hinzuweisen, dass es leider Gottes 
in Deutschland sehr viele Menschen gibt, die zwar wohl 
verstehen, dem Gericht aus dem Wege zu gehen, die aber 
trotzdem recht schlechte Mens(‘hen sind. 

Mit diesen drei Klassen glaube ich zunächst durch¬ 
kommen zu können, und ich habe auch noch weiter, um 
nicht zu weit zu gehen und auch nicht dem Verein eine 
geradezu unmögliche Arbeit zuzuinuten, die Statistik auf 



56 


eine bestimmte Anzahl von Jahren beschränkt, und damit 
komme ich auf eine Bemerkung, die ich zu den Leitsätzen 
machen möchte. Es ist nämlich in den Leitsätzen zwar 
erklärt, es müssten die Erfolge oder Misserfolge durch die 
einzelnen Vereine festgesiellt werden. Es ist aber nicht 
gesagt, und es ist auch gar keine Richtlinie insofern an¬ 
gegeben, wielange in die Vergangenheit zurückge'griffen 
werden soll. 

Ich habe mir, nachdem ich einmal zwei bis drei 
Jahre den Vorsitz geführt hatte, eine Erfahrung heraus¬ 
gebildet, welche dahin geht: sind einmal zwei, drei oder 
vier Jahre verflossen nac h dem Augenblick, wo sich hinter 
dem Schützling die Gefängnisraauern geschlossen haben 
und ist er innerhalb dieser zwei, drei, vier Jahre auf gutem 
Wege geblieben, dann kann man in der regelmässigen 
Mehrzahl der Fälle von einem Erfolg sprechen,, denn es 
ist bekannt, dass die Schwierigkeiten und Hindernisse, die 
sich dem entlassenen Gefangenen in den Weg stellen, um 
so schlimmer und um so stärker sind, je näher der Zeit¬ 
punkt hinter ihm liegt, zu dem er entlassen ist. Ist es 
gelungen, den Menschen unterzubringen, und ist das im 
ersten Jahr gelungen —um so besser! Dann hat er festen 
Fuss gefasst, dann ist es ihm lange nicht mehr so schwer, 
die Position in der Gesellschaft fest zu halten, die ihm 
gegeben worden ist, als unmittelbar nach der Entlassung. 

Also ich sage: wenn man einmal diesen von mir, wie 
ich gern zugeben will, vielleicht willkürlich aufgestellten 
Vordersatz adoptiert, dass die ersten drei, vier Jahre 
regelmässig schon entscheidend dafür sind, — natürlich, 
exceptio firmat regulam — ob der Betreffende sich bewährt, 
ob er der Schutzvereinsfüi sorge würdig war oder nicht, 
dann wird eine Statistik, die diesen Zeitraum nach der 
Vergangenheit hin umfasst, ausreichen, und daun ist die 
Aufgabe, die dem einzelnen Verein obliegt, löslich. Sie 
wird um so unlöslicher und um so schwier4ger, in eine 
je weitere Vergangenheit die Erkundigungen über den 
einzelnen Pflegling zurückgreifen sollen. Es wird recht 
wichtig sein, wenn wir uns darüber heute schlüssig machen 
und ich wäre dankbar, wenn heute schon in die Thesen 
eine einschlagende Bemerkung aufgenommen werden könnte. 
Ist das nicht möglich, dann mag es der weisen Einsicht 
unseres Verbandsvorsitzenden überlassen werden, in der 
Beziehung später in den Mitteilungen des Verbandes ent¬ 
sprechende Richtlinien zu geben. 



57 


Ich gebe ohne Weiteres zu, dass die Statistik sich 
nur auf die regelmässigen Fälle erstrecken kann, das heisst 
auf die Fälle, in denen dem Pflegling ein Beistand bestellt 
wird, in denen der Pflegling auf längere Zeit der Fürsorge 
des Vereins untersteht. Fälle von einmaliger Unterstützung 
müssen von vornherein ausscheit len, das ist selbstverständ¬ 
lich; allein, noch weiter zu differenzieren, wie dies von 
Herrn Landgerichtsrat Dr. Wetzlar geschehen ist, das 
ist wieder eine Schwierigkeit, die nicht unterschätzt werden 
darf. Einerseits verwischen wir damit das Bild der Statistik, 
die doch möglichst alle Pfleglinge umfassen soll, mit Aus¬ 
nahme derjenigen, die nur einmal unterstützt worden sind, 
und andererseits wird damit die Statistik erschwert durch 
eine Last von Details, die man in einer Statistik, die doch 
nun einmal mit trockenen Ziffern arbeiten soll, nicht gern 
liefert, auch nicht gut liefern kann. 

Das bezieht sich ja alles nur auf Bemerkungen, die der 
Herr Referent gemacht hat und zunächst nicht in die Thesen 
aufgenommen wurden. Ich weiss nicht, ob es sich empfehlen 
wird, diesen Bemerkungen und diesen Anregungen nach¬ 
zugehen, weil ich fürchte, dass damit den einzelnen Vereinen 
— das hat ja auch schon Herr Oberregierungsrat Michal 
angedeutet — Aufgaben auferlegt werden, denen sie nicht 
gewachsen sind und denen sie sich deswegen nicht mit 
der Liebe hingeben werden, die ich gerade für eine Statistik 
für absolut notwendig halte. 

Dass die Statistik notwendig ist, dass sie absolut ge¬ 
bracht werden muss, darüber sollte ein Zweifel nicht be¬ 
stehen. Gibt doch solche Statistik dem Publikum — und 
wir sind auf das Publikum angewiesen — eine Recht¬ 
fertigung für unsere Tätigkeit. Solange wir im Dunklen 
halten, was eigentlich aus unseren Pfleglingen, geworden 
ist, solange können wir au(;h nicht darauf rechnen, dass 
das Publikum uns die Hand reicht, dass es unser Werk 
weiter unterstützt. 

Meine Herren, ich habe dann eine andere Bemerkung 
zu machen zu einer Angelegenheit, die mir etwas Bedenken 
erregt. Es heisst in den Leitsätzen unter anderem; 
„keinenfalls aber Erhebungen durch die Polizei“. Ja, ich 
weiss nicht, ob wir es bei dieser ganz bestimmten Fassung 
bewenden, lassen sollten. Ich bin mir klar darüber, dass 
überall da, wo die Polizei als solche eine Kontrolltätigkeit 
über den Schützling entfaltet, es immer mehr oder weniger 
vom Uebel ist. Allein, wenn es gm Statistik aufzu- 



— 58 — 

stellen, Klarheit zu schaffen über das, was aus einem 
Pflegling geworden ist, einem Pflegling, der, sagen wir 
einmal, nicht sofort zu greifen ist, über den zuverlässige 
Auskunft auf gewöhnlichem Wege nicht zu erhalten ist, 
ja, meine Herren, an wen habe ich mich da zu wenden? 
Nicht jeder Verein ist imstande, Beamte zu entsenden, die 
wer weiss wohin reisen, um sich persönlich nach dem 
Schicksal eines Schützlings zu erkundigen. Anderen Ver¬ 
einen, die wir angehen, ist vielleicht von dem Schützling 
nichts bekannt, oder auch sie müssen, wenn sie über 
ihn etwas erfahren wollen, sich an Behörden wenden. 
Also die Behörden ganz auszuschalten, ist meiner Meinung 
nach vollständig unmöglich, und ich meine, es müsste dem 
diskretionären Ermessen des einzelnen Vereins überlassen 
werden, ob und wie weit er sich der Hilfe der Behörden 
und eventuell auch der Polizeibehörden bedient, um über 
die weitere Entwicklung eines Schützlings Auskunft zu 
erhalten. 

Der Herr Referent hat erwähnt, dass die Strafanstalts¬ 
verwaltungen darauf hingewiesen werden sollten, in solchen 
Fällen Erwähnung zu tun, wo ihnen bekannt wird, dass 
einer, der die Fürsorge des Vereins wünscht, schon einmal 
Schützling des Vereins gewesen war. Ich sollte meinen, 
dass da, wo es sich um eine frühere Unterstützung durch 
den betreffenden Verein selbst handelt, das nicht schwer 
zu ermitteln ist. Da braucht uns die Strafanstalt nicht 
zu helfen. Ich habe in meinem Verein ein alphabetisches 
Verzeichnis der Schützlinge über Jahre hinaus, und die 
erste Täiigkeit, die wir anstellen, wenn ein Sträfling als 
Schützling angemeldet wird, ist, dass wir in unserem 
alphabetischen Verzeichnis nachsehen und konstatieren: 
war der Mann schon einmal Schützling oder nicht? Und 
das, darf ich wohl annehmen, ist allgemeine Regel, dass 
einer, der Schützling gewesen ist und rückfällig geworden 
ist, nicht mehr der Schutzfürsorge teilhaftig wird. Aus¬ 
nahmen habe ich auch da schon zugelassen; aber in der 
Regel halte ich den Grundsatz fest, dass die Schutzfüisorge 
des Vereins nur einmal gewährt wird. 

Meine Herren, das sind die Bemerkungen, die ich zu 
machen hätte. Sie gipfeln im wesentlichen darin, dass ich 
es für recht erwünscht halten möchte, wenn eine Zeit an¬ 
gegeben würde, auf die hinaus sich die Statistik erstrecken 
soll, und weiter, dass noch einmal überlegt werden sollte, 
ob nicht die strenge Bestimmung, dass keinenfalls Er- 



59 


hebungen durch die Polizei stattfinden sollen, fallen ge¬ 
lassen oder abgemildert werden möc*hte. 

Ich möchte nun die paar Worte, die ich hier ge¬ 
sprochen habe, damit schliessen, dass ich Ihnen aus dem 
letzten Jahresbericht des Hessischen Vereins das Ergebnis 
unserer Statistik vorlese. Es ist der Jahresbericht, der in 
diesem Jahre, 1910, erstattet w'orden ist. Da heisst es: 

1 . Führung der 239 im Jahre 1906 aufgenommenen 
Pfleglinge. Von diesen 239 sind 2 noch inhaftiert, 8 ge¬ 
storben, sodass für die Statistik in Betracht kommen 229. 
Davon waren rückfällig geworden 26, hatten sich schlecht 
geführt 13, während eine gute Führung auf weisen 190 oder 
83 Prozent. 

2. Führung der 236 im Jahre 1907 aufgenommenen 
Pfleglinge. Es waren noch inhaftiert 5 Pfleglinge, ge¬ 
storben 6 , geisteskrank 1, für die Statistik kamen hiernach 
in Betracht: 224 Pfleglinge. Davon waren 34 rückfällig 
geworden, bei 13 wurde die Führung als schlecht be¬ 
zeichnet; 177 Pfleglinge haben sich im abgelaufenen Jahr 
gut geführt, also 79 Prozent der in Betracht kommenden 
Pfleglinge. 

3. Führung der 238 im Jahr 1908 aufgenomraenen 
Pfleglinge. Davon waren noch inhaftiert 20, gestorben 1, 
geisteskrank 1, bei 1 waren die Ermittelungen ohne Erfolg. 
Es kamen also für die Statistik in Betracht: 225 Pfleg¬ 
linge, von denen 33 rückfällig geworden waren, während 
sich 19 sonst schlecht geführt hatten. Gut geführt hatten 
sich dagegen 163 Pfleglinge oder 72,5 Prozent. 

Meine Herren, diese Ziffern sind insofern von einer 
gewissen Bedeutung, als dadurch nachgewiesen wird, was 
ich als Ei’fahrungssatz aufgestellt habe, dass, sobald das 
erste oder auch das zweite Jahr vorbei ist und der Be¬ 
treffende sich gut geführt hat, in der Regel stabile Ver¬ 
hältnisse eingetreten sind, die den Betreffenden als ge¬ 
bessert, als mit Erfolg geschützt bezeichnen lassen. Denn, 
wäre es anders, meine Herren, dann müsste ja die Ziffer 
der mit guter Führung aufgeführten um so kleiner werden, 
je weiter sich die Statistik erstreckt. Gerade das umge¬ 
kehrte Verhältnis ist aber, wie Sie gehört haben, bei der 
Statistik, die ich da aufgemacht habe, der Fall, denn von 
den im Jahre 1906 aufgenommenen Pfleglingen werden 
830/0 als gut geführt bezeichnet, von den im Jahre 1907 
aufgenommenen 79 und von den im Jahre 1908 aufge- 
noiumenen 72 0 / 0 , also ein Beweis dafür, dass sobald ein- 



— 60 


mal ein paar Jahre vorbei ^ind, in denen sich der Be¬ 
treffende gut geführt hat, in der Regel auch ein dauernder 
Erfolg erzielt ist, 

Pastor Just, Geschäftsführer der Rheinisch-West¬ 
fälischen Gefängnis-Gesellschaft, Düsseldorf: 

Meine Damen und Herren! 

Bezüglich der günstigen Erfolge der Entlassenenfür- 
sorge, deren wir uns durchaus nicht zu schämen brauchen, 
bin ich ganz der Ansicht meines Herrn Vorredners, und 
zwar bezüglich zweier Kategorien, nämlich erstens bezüg¬ 
lich der Jugendlichen, welche wir beim Jugendgericht ver¬ 
treten und die da Strafaufschub mit Aussicht auf völlige 
Begnadigung erhalten. Diese haben wir in der Hand. Da 
wissen wir jetzt, nachdem wir die Arbeit zwei Jahre ge¬ 
leistet haben, dass nur eine ganz verhältnismässig geringe 
Zahl rückfällig wird, und das sind in erster Linie geistig 
Minderwertige. Die Zahl der Misserfolge in dieser Kategorie 
ist verhältnismässig gering und lässt sich statistisch nach- 
weisen. 

Auch bei den Weiblichen haben wir eine gewisse 
Uebersicht, über diejenigen nämlich, welche wir in Asylen 
und Zufluchtsstätten unterbringen. Die Leiter dieser Asyle 
geben sich alle Mühe, mit den Entlassenen in Verbindung 
zu bleiben, und es gilt da im Allgemeinen der Satz, dass 
30®/o auf geordnete Wege koihmen und auf ihnen bleiben, 
weitere 30®/o unsicher sind und bleiben und weitere 30®/o 
oder vielmehr der Rest untergeht oder rückfällig wird. 

Bezüglich dieser beiden Kategorien, der Jugendlichen 
und der Weiblichen, lässt sich also sehr wohl eine ungefähr 
zutreffende Statistik aufmachen. Aber nun kommt die 
grosse Zahl der aus Strafanstalten entlassenen männlichen 
und mündigen Leute. Ja, w’enn die Freizügigkeit nicht 
wäre, wenn sich in dem Industriegebiet nicht da und dort 
gleich wieder eine Grosstadt befände! Die Leute sind 
hier, in w^enigen Wochen sind sie dort; es ist ein Ding der Un¬ 
möglichkeit, den Einzelnen so nachzugehen, wie wir möchten, 
und wir müssen uns da bescheiden, Wohl können wir 
positive Erfolge feststellen, indem wir die Leute nach 
Möglichkeit im Auge behalten, indem wir nach einem 
viertel-, nach einem halben Jahre nachfragen und hören: 
der Mann ist noch da, er hält sich noch gut. Solche Er¬ 
folge sind zu verzeichnen. Also die eine Kategorie müsste 
als Ueberschrift tragen : Positiver Erfolg, die zweite: 



61 


possitiver Misserfolg, solche, von denen wir wissen, 
sie sind rückfällig geworden. Aber dann bleibt die unge¬ 
heure Zahl derer, die wir in die dritt«" Kategorie versetzen 
müssen, und die heisst eben: Ungewiss. Wir können da 
durchaus nicht von Erfolgen oder Misserfolgen reden, denn 
manchmal erfährt man erst im zweiten, dritten Jahre, was 
aus ihnen geworden ist. Ein Mann zum Beispiel war 
völlig aufgegeben von seinen Angehörigen, auch von der 
StrafanstaltsVerwaltung. Der schrieb mir na(;h zwei Jahren 
aus Chicago einen dankbaren Brief. Er bedankte sich, 
dass gerade der Aufenthalt im Gefängnis zu Elberfeld ihn 
auf den rechten Weg geführt habe. Also dieser Mann 
würde im ersten Jahre in die Kategorie der Misserfolge 
eingereiht worden sein, im zweiten Jahre wieder und im 
dritten Jahre war es mit einem Mal ein Erfolg, ein über¬ 
aus erfreulicher Erfolg! 

Also ich möchte nur warnen vor allzu eingehender 
Differenzierung und möchte es bei diesen drei Kategorien 
bewenden lassen. 

Unsere Saat, die wir säen, ist eine Saat auf Hoffnung. 
Wir müssen unsere Schuldigkeit tun in Treuen und müssen 
Gott bitten, dass er unsere Tätigkeit segne. 

Vorsitzender: 

Hochverehrte Versammlung! 

Wünscht noch jemand das Wort zur Besprechung 
zu ergreifen ? 

Sie gestatten mir, meinen. persönlichen Standpunkt 
noch kurz kundzugeben. Wie Herr Oberregierungsrat 
Michal erwähnt hat, ist die Frage der Statistik bereits 
in Halle im Jahre 1904 behandelt worden. Damals war 
der Lauf der Debatte zu meinem grossen Bedauern ganz 
verschieden von dem heutigen. Nachdem der Referent 
sich mit grosser Wärme für die Statistik ausgesprochen 
und auch gewisse Einzelvorschläge gemacht hatte, haben 
sämiliche Besprechungsredner sich verneinend verhalten. 
Sie haben gegen eine Statistik gesprochen, insbesondere 
Herr Überregierungsrat Michal. Ich freue mich sehr, dnss 
er heute gesagt hat, dass aus dem Saulus ein Paulus ge¬ 
worden sei. Ich persönlich halte eine Statistik in unserem 
Gebiet für ungemein notwendig und habe mir deshalb 
auch erlaubt, diese Frage hier noch einmal zur Besprechung 
zu bringen. 



62 


Wenn ich die Stimmung der Versammlung aus den 
Ausführungen gerade der Besprechungsredner recht be¬ 
urteile, so besteht ja darin wohl kaum eine Meinungs¬ 
verschiedenheit, dass eine Statistik in unserer Sache 
wünschenswert ist. Ich möchte darum der Versammlung 
Vorschlägen, in dieser Frage einen Beschluss zu fassen, 
und zwar möchte ich folgenden Beschluss Ihnen Vor¬ 
schlägen und empfehlen: Die Versammlung möge Nr. 1 
der Thesen, wie sie abgedruckt sind, annehmen und also 
beschliessen: 

„Feststellungen über die Erfolge oder 
Misserfolge der im Einzelfall entwickel¬ 
ten Tätigkeit eines Schutzvereins als 
Kontrolle über die Richtigkeit oder die 
Mängel der getroffenen Massnahmen 
sind im Interesse der richtigen Ent¬ 
wickelung derschutzvereinlichenTätig- 
keit in allen wichtigen Fällen unent¬ 
behrlich“. 

Dagegen würde ich empfehlen, nicht irgendwie in die 
Einzelheiten einzutreten, sondern als Satz 2 anzunehmen: 

„Die V erb an d s vers amm lun g beauf¬ 
tragt ihren Ausschuss, diese Frage 
weiter zu bearbeiten und insbesondere 
einen den Einzelvereinen, beziehungs- 
w^eise Zentralverbänden vorzulegen¬ 
den Fragebogen auszuarbeiten.“ 

Wenn Sie diesen Vorschlag annehmen würden, dann 
würde der Ausschuss es als seine Aufgabe betrachten, in 
Berücksichtigung alles dessen, was in der heutigen Debatte 
hervorgetreten ist, einen Fragebogen auszuarbeiten, ihn 
dann den einzelnen Vereinen noch vorzulegen und darüber 
ihre Aeusserungen zu hören, um dann in der Lage zu 
sein, sämtliche dem Verbände angehörigen Vereine später 
zu ersuchen, regelmässig diesen Statistikbogen auszufüllen. 

Wenn nicht mehr das Wort erbeten wird, würde ich 
die Diskussion schliessen und dem Herrn Referenten noch 
das Wort erteilen. 

Nur das eine möchte ich noch bemerken, dass ich 
das Referat des Herrn Ministerialrats Dr. von Engel¬ 
berg, das er heute zu erstatten, leider durch Krankheit 
verhindert war, das er aber bereits vollständig ausge- 
arbeiiet hatte, in dem Bericht über unsere Versammlung 
abdrucken lassen werde. (Beifall.) 



63 


Eeferent Herr Landgerichtsrat Dr. Wetzlar- 
Karlsruhe : 

Hochverehrte Versammlung! 

Ich bitte Sie den Antrag in der von dem Herrn Vor¬ 
sitzenden vorgeschlagenen Form anzunehmen. 

Dass der Fragebogen von dem Herrn Verbandsvor¬ 
sitzenden im Benehmen mit den einzelnen Zentralen ent¬ 
worfen werden soll, entspricht dem Antrag des Herrn 
Referenten und dem meinigen. Die Frage der Benützung 
der Polizei bei den zu machenden Erhebungen scheidet 
aus der Beschlussfassung aus. Diese Ausscheidung ist hier 
zunächst zweifellos zweckmässig, ich hoffe aber, dass die 
Verbandsvereine bei selbständiger Prüfung später zu dem 
gleichen Ergebnis kommen werden, wie hier die Referenten. 

Vorsitzender: 

Nun, meine Herren, würde ich die Frage zur Ab¬ 
stimmung bringen. Diejenigen, welche dafür sind, dass 
wir unseren Beschluss so fassen, wie ich vorgeschlagen 
habe, möchte ich bitten, die Hand zu erheben. (Ges(^hieht.) 
Ich denke, das ist weitaus die Mehrheit; fast einstimmig. 

Nun, verehrte Versammlung, schliesst sich hier ganz 
folgerichtig an, dass wir noch den § 15 der Statuten zu 
erledigen haben; das ist nämlich die Festsetzung des Aus¬ 
schusses. Es heisst in dem Statut: „Die Zahl der Mit¬ 
glieder des Verbandsausschusses wird jeweils von der Ver¬ 
bandsversammlung festgesetzt. Dieselbe bestimmt auch 
die Verbände und Vereine, welche je einen Vertreter in 
den Verbandsausschuss zu entsenden haben“. 

Zur Zeit gehören dem Ausschuss an: 

Der Verein zur Besserung der Strafgefangenen in 
Berlin, welcher Herrn N e c k es als Vertreter delegiert hat, 
der Provinzialverein zur Fürsorge für entlassene Gefangene 
in Posen, welcher seinen Vorstand delegiert hat, die 
Rheinisch-Westfälische Gefängnis-Gesellschaft in Düsseldorf, 
von der ihr Geschäftsführer, Pastor Just, dem Ausschuss 
angehört, der Landesausschuss des Württembergischen 
Vereins zur Fürsorge für entlassene Strafgefangene in 
Stuttgart, dessen Delegierter Herr Präsident Nestle ist, 
der Verein zur Obsorge für entlassene Strafgefangene in 
Nürnberg, dessen Delegierter Herr Oberregierungsrat 
Michal ist, und die Zentralleitung des Landesverbandes 

der badischen Bezirksvereine für Jugendschutz 



64 


fangenenfürsorge, welche meine Person in den Ausschuss 
delegiert hat. 

Es würde sich nun darum handeln, ob Sie diese Zahl 
— zur Zeit sind es also 6 Mitglieder — nicht um 1 Mit¬ 
glied vermehren wollten. Ich würde Ihnen einen hierauf 
bezüglichen Vorschlag, der in der Sitzung des bestehenden 
Ausschusses diskutiert worden ist, unterbreiten. Ich möchte 
aber als Vorfrage Ihrer Beschlussfassung unterstellen : ob 
Sie die bisherigen Mitglieder des Ausschusses etwa wieder 
bestimmen wollen. (Allgemeine Zustimmung.) 

Dann würde ich Ihnen den Vorschlag machen, als 
weiteren Verein, der berechtigt ist, ein Mitglied in den 
Ausschuss zu wählen, die Schlesische Gefängnis.itesellschaft 
zu bestimmen,, der es dann Oberlassen bleibt, ihrerseits ihrt n 
Delegierten zu ernennen. (Beifall.) Sind die Herren damit 
einverstanden ? (Wird bejaht.) Dann wäre das als Beschluss 
der Versammlung anzusehen. 

Die Frage 7 c) können wir wohl heute nicht mehr 
verhandeln. Dagegen habe ich noch dem Herrn Pastor 
Seyfarth von Hamburg auf seine Bitte das Wort zu geben. 

Herr Pastor Dr. Seyfarth -Hamburg: 

Meine Herren! 

Die nächste Versammlung des Verbandes der deutschen 
Schutzvereine wird im Jahre 1913 stattfinden. In dem¬ 
selben Jahre werden 10 Jahre verflossen sein seit der Be¬ 
gründung des Deutschen Hilfsvereins für entlass- ne Ge¬ 
fangene in Hamburg, dessen Gescihäfte ich zu leiten habe, 
und dem ja die grösste Mehrzahl der deutschen Schutz¬ 
vereine als Mitglieder angehören. 

Wir haben deswegen im geschäftsführenden Ausschuss 
des Deutschen Hilfsvereins die Frage erwogen, ob wir 
nicht den Verband der Schutz vereine einladen sollten, die 
nächste Verbandsversammlung im Anschluss an die 
10. Hauptversammlung des Deutschen Hilfsvereins für ent¬ 
lassene Gefangene in Hamburg abzuhalten. Unser Vor¬ 
sitzender, Herr Landgerichtspräsident Engel, hat sich 
dieserhalb mit dem Senat von Hamburg in Verbindung 
gesetzt, und es ist uns darauf die Antwort erteilt worden, 
dass bei der grossen sozialen Bedeutung der Entlassenen- 
fürsorge die Tagung des Verbandes der Deutschen Schutz¬ 
vereine in Hamburg dem Senate willkommen sei. 

Ich habe deswegen die Ehre im Namen des geschäfts¬ 
führenden Ausschusses des Deutschen Hilfsvereirts den 



65 


Verband der deutschen Schutzvereine einzuladen, die 
nächste Versammlung im Jahre 1913 in Ham¬ 
burg abzuhalten. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) 

V ersitzender: 

Geehrte Versammlung! 

Wir empfinden den lebhaftesten Dank, den ich zum 
Ausdruck bringen möchte, gegenüber dem Deutschen Hilfs¬ 
verein und seinem heutigen Vertreter für diese liebens¬ 
würdige Einladung. Der Dank erstreckt sich auch auf die 
Stadt Hamburg. Es ist gewiss für uns ein ausserordentlich 
lockender, schöner Gedanke, einmal in Hamburg, der alten 
grossen Hansestadt, tagen zu dürfen und dabei Gelegenheit 
zu haben, diese schöne, mächtig emporblühende Stadt und 
alle ihre :;rossartigcn Einrichtungen kennen zu lernen und 
gleichzeitig damit das Jubiläum des Deutschen Hilfsvereins 
mitfeiern zu dürfen, für den wir alle Dankbarkeit empfinden, 
dem die meisten Vereine von uns Gelegenheit haben werden 
und fortwährend haben, für seine erfolgreiche Mithilfe 
dankbar zu sein, und dessen Bestrebungen wir mit dem 
lebhaftesten Interesse stets verfolgt haben und verfolgen. 

Statutenmässig muss der Ausschuss den Ort der 
Versammluttg bestimmen. Ich kann also selbstverständlich 
heute nicht einen Beschluss der Versammlung darüber her¬ 
beiführen. Aber h^h darf wohl feststellen, dass der Ge¬ 
danke, in Hamburg tagen zu dürfen, ausserordentlich 
sympathisch von der Versammlung aufgenommen worden 
ist. Heute bleibt mir nur übrig, unseren allerherzlichsten 
Dank für diese freundliche Einladüng nochmals auszu¬ 
sprechen. (Beitall) 

Damit würde ich die heutige Tagung schliessen, meine 
Herren. Auf Wiedersehen, sofern Sie nicht alle mit nach 
Wohlau gehen, morgen früh 9 Uhr in diesem Saale. 

Schluss 12^4 Öhr. 

Referat des Herrn Ministerialrat Dr. von Engelberg 
für die Versammlung des Verbandes der deutschen Schutz¬ 
vereine f. e. G. in Breslau zur Frage: 

Auf welche Weise können die Erfolge oder Miss¬ 
erfolge der Schutzvereinstätigkeit festgesiellt und 
statistisch dargestellt werden ? 

. „Jeder Versuch einer Statistik, auf vvelc^ei^ Arheits- 
gebiete es auch sein mag, begegnet der der menschlichen 
Natur eigentümlichen Abneigung, sich dieser ebenso 

BUtier für Gefängniskunde. XLV, ^ 



66 


schwierigen als an strenge Formen gebundenen Arbeit zu 
befassen. Und dennoch lehrt die Erfahrung, dass die 
Statistik, insofern sie bei ihren Erhebungen von der näm¬ 
lichen, in einem möglichst ausgedehnten Gebiete stets 
gleichmässig wiederkehrenden Grundlage ausgeht, das 
sicherste Mittel ist, um den Wert einer jeden Arbeit zu 
erkennen und die Erfolge, welche man damit erzielt hat, 

klar zu stellen. Dies gilt auch von der Statistik 

über die Ergebnisse der schutzvereinlk hen Tätigkeit. 

Dies zu erreichen, ist eine der den nationalen Verbänden 
obliegenden Aufgaben.“ 

Mit diesen Worten hat unser unvergesslicher dahin- 
gegangener Präsident Fuchs in seinem Buche über die 
Gefangenenschutztätigkeit die Bedeutung der uns vorge¬ 
legten Frage charakterisiert. Wie richtig er die Schwierig¬ 
keiten der Materie empfand, ergibt sich daraus, dass wir 
uns heute, 12 Jahre nach jenem Ausspruch, erst, und auch 
jetzt noch zögernd, an die Lösung des Problems heran¬ 
wagen, obgleich es sich nicht einmal um eine erste Inangriff¬ 
nahme handelt. Die J. K. V. hat nämlich auf der 5. Haupt¬ 
versammlung in Antwerpen 1894 zu erforschen gesucht: 
„Welche Methode eignet sich am besten für eine statistische 
Bearbeitung der in den verschiedenen Ländern durch die 
Schutzfürsorge für entlassene Strafgefangene und verwahr¬ 
loste Kinder erzielten Erfolge?“ Allerdings ist das Ergebnis 
nicht ermutigend. Der Berichterstatter Batardy erklärte 
kurzweg die Frage für unlösbar, weil die Begriffe „Er¬ 
gebnisse“ und Schutzfürsorge zu flüssig seien, weil etwaige 
Erfolge bei dem nicht kontrollierbaren Einfluss der privaten 
Wohltätigkeit, nicht allein für die entwickelte Schutz¬ 
vereinstätigkeit in Anspruch genommen werden dürften, 
weil die bei solchen Werken nötige Diskretion einer 
statistisch klarstellenden Forschung im Wege stehe und 
endlich hauptsächlich deshalb, weildiepraktischen Schwierig¬ 
keiten nach den Erfahrungen in Belgien trotz der daselbst 
günstigen Vorbedingungen unermessliche seien. 

Der zweite Berichterstatter Dr. Köbner erklärte: 
»bei so komplizierten sozialen Erscheinungen, wie den 
hier in Frage stehenden, (Besserung von Kindern, Land¬ 
streichern etc.) wo eine Fülle der verschiedensten Momente 
familiärer, volkswirtschaftlicher usw, Art neben dem 
Agens der Schutzfürsorge mitwirken, da hat die exakte 
statistische Methode überhaupt keinen Platz. Die »causes 
constantes werden hier völlig verschleiert durch die causes 



perturhatrices^y- Es bleibt deshalb seiner Ansicht nach nur 
übrig an Stelle einer ihrem Wesen nach alle Fälle der 
betreffenden Art hinsichtlich einiger weniger Fragen um¬ 
fassenden Statistik „Enqueten“ zu veranstalten, die be¬ 
sonders typische Fälle in grösserer Ausführlichkeit und 
unter Berücksichtigung der besonderen Umstände' des 
Falles darstellen. Diesen Gedankengang machte sich die 
Plenarversammlung zu eigen und empfahl periodisch ver¬ 
anstaltete Enqueten mit Ziffernangaben. 

Meines Erachtens ist es für unsere Zwecke mit der 
Heraushebung weniger typischer Fälle nicht getan. Was 
uns not tut ist einen Ueberblick über unser Schaffen zu 
erhalten und ein Urteil über den Wert desselben. Wohl 
eignen sich nicht alle Fälle, in denen die Schutzvereine 
helfend eingreifen, zur Untersuchung, ob das Eingreifen 
erfolgreich war; es müssen fast alle einmaligen Unter¬ 
stützungen ausscheiden, allein die Fälle, die sich für eine 
solche Prüfung geeignet erweisen, sollten tatsächlich auch 
geprüft werden und die Ergebnisse dieser Prüfung werden, 
wenn sie auch keinen Anspruch auf eine absolut wissen¬ 
schaftliche Statistik machen können, doch von eminent 
praktischer Bedeutung sein. Sie werden, im stillen Kämmer¬ 
lein betrachtet, der Vereinsleitung wichtige Fingerzeige für 
eine künftige Behandlung geben, die noch mehr Erfolge 
verspricht, und in der Oeffentlichkeit werden sie manchen 
über die Bedeutung der Vereinstätigkeit aufklären und 
manchen Zweifler verstummen machen. 

Dies ist aber uih so notwendiger, als in der gegen¬ 
wärtigen Zeit die schutzvereinlichen Bestrebungen, nament¬ 
lich soweit sie sich auf präventivem und speziell die Jugend 
berührendem Gebiet bewegen, allseitig dem regsten Interesse 
begegnen. In Folge davon betätigen sich auf dem bisher 
von den Gefangenenschutzvereinen mehr oder weniger 
allein gepflegten Gebiet die 'verschiedenartigsten Vereine. 
So erspriesslich dies sein kann, so liegt doch hierin ander¬ 
seits eine Gefahr, indem durch die Zersplitterung eine 
Schwächung unvermeidlich ist, Wie bei aller Konkurrenz 
wird schliesslich nur der sich behaupten, der zielbewusst 
und sichtbar erfolgreich arbeitet. Dies nachzuweisen 
ist sonach meines Erachtens eine Lebensfrage für die 
Schutzvereine; wir müssen also an den Versuch einer 
Kontrolle der schutzvereinlichen Arbeit herantreten, so 
schwer es sein mag. Und es ist schwer. So lange 



68 


ich mir au(;h die Sache überlegt habe, so viel ich mich zu in¬ 
formieren suchte, um so klarer wurde mir dies. In der 
Literatur ist auf diesem Gebiet eine trostlose Oede und in 
der Praxis wird, wenn es überhaupt geschieht, nur nach 
wenigen Kezepten gearbeitet. Ich kann deshalb und 
mangels vorliegender Gutachten die eigentliche Aufgabet» 
eines Referenten, die Sammlung, Gruppierung und Dar¬ 
legung gegebenen Materials behufs Beurteilung und Ver¬ 
wertung durch die Versammlung nicht eifüllen. Ich hoffe 
aber durch Beleuchtung einiger Gesichtspunkte eine aus¬ 
giebige Diskussion veranlassen zu können, in der nach 
Sachlage der Schwerpunkt der Verhandlung liegen dürfte, 
weil sie die Grundlage zu bilden haben wird für weitere 
Schritte der Verbandsleitung, ohne welche die Dur(*h- 
führung unserer Aufgabe nicht möglich ist. Um diese 
Diskussion einigermassen zu systematisieren, glaubten der 
Herr Korreferent und ich der Versammlung die vorliegen¬ 
den Leitsätze vorlegen zu sollen. 

Wenn man darüber einig ist, dass statistische Dar¬ 
stellungen über das Wirken der Schutzvereine gemacht 
werden sollen, fragt es sich zunächst, wer soll sie machen? 
Die Erhebungen müssen selbstverständlich von den 
Einzel vereinen gemacht werden; bezüglich der Bewertung 
und Zusammenstellung der Auskünfte kommen aber die 
Einzel vereine oder die Zentralstellen der Landesverbände 
in Frage. Der Bewertung des Auskunftsmaterials durch 
die Einzelvereine steht das Bedenken gegenüber, dass die 
Vereine selbstverständlich in gewissem Masse befangen 
sind, wenn man sie vor die Frage stellt, ob sie bei einer 
zweifelhaften Auskunft einen Erfolg oder Misserfolg ihrer 
Tätigkeit eintragen sollen. Solche Zweifelfälle werden 
öfters Vorkommen, ich erinnere nur an den Fall, dass die 
moralische Haltung, der Hang zum Alkohol beanstandet 
wird, eine gesetzeswidrige Handlung aber nicht zu ver¬ 
zeichnen ist. Ich glaube aber, man kann so viel Vertrauen 
in die Einzelvereine setzen, dass sie sich nicht selbst 
täuschen wollen und ihnen ruhig die Verarbeitung der über 
die einzelnen Schützlinge einlaufenden Nachrichten über¬ 
lassen. Den Zentralverbänden der einzelnen Länder bliebe 
dann nur die Aufgabe, diese Berichte zusaramenfassend 
statistisch zu verwerten und die Resultate dem Vorsitzenden 
des Verbandes der deutschen Schutzvereine einzusenden, 
durch den dann die Veröffentlichung in den Verbands¬ 
mitteilungen erfolgen würde. 




69 


Ueber die Form und den Umfang, in dem diese Zu¬ 
sammenstellungen und Veröffentlichungen erfolgen sollen, 
glaube ich keine Vorschläge machen zu sollen, da solche 
doch mangels genügender Grundlagen z. Zt. nur ganz vage 
sein könnten. Ich halte es für zweckmässiger die in dieser 
Hinsicht nötigen Regelungen dem Benehmen der Vorstände 
der Zentralen mit dem Verbandsvorsitzenden zu überlassen. 

Betrachten wir nun die den Einzelvereinen zukommende 
Aufgabe, so werden diese sich in erster Reihe fragen 
müssen, welche Fälle der geleisteten Schutzfürsorge eignen 
sich überhciupt, zu einer solchen Feststellung über Erfolge 
oder Misserfolge herangezogen zu werden. Will man hier 
eine Gruppierung versuchen, so findet man, dass die natur- 
gemässe Unterscheidung von allein zu berücksichtigenden 
wichtigen und geringfügigen Fällen sich nicht nach den 
grösseren oder geringeren Aufwendungen des Einzelfalles 
treffen lässt, sondern sich mehr mit der Intensivität deckt, 
mit der an dem einzelnen Schützling gearbeitet worden ist. 

Diese eine eingehende individuelle Behandlung er- 
fordenden Fälle decken sich dann meistens wieder mit 
solchen, in denen eine dauernde öfters mit einem gewissen 
Abhängigkeilsverhältnis des Schützlings verbundene Schutz¬ 
tätigkeit vorliegt. 

Da letzterer Umstand für die *Möglichkeit der Fest¬ 
stellung eines Erfolgs oder Misserfolgs von der weit- 
tragendsten Bedeutung ist, empfiehlt sich somit folgende 
Gruppierung: 

1. Fälle, in denen dem eingreifenden Schutzverein 
ein gewisser Zwang zur Verfügung steht. 

Hierher rechne ich bezüglich Erwachsener* 
die Uebernahme der Ueberwachung vorläufig Elnt~ 
lassener, der Ausübung der Polizeiaufsicht und 
der unter Strafaussetzung Verurteilten. Bezügli^^l^ 
Jugendlicher kommt in Frage die Ueberwachune* 
bei bedingter Strafaussetzung, die Schutzfürsor^^ 
an der strafunmündigen noch schulpflichtig^^ 
Jugend, diejenige an fortbildungsschulpflichtig^ 
Lehrlingen und endlich an allen mehr oder wenio- ” 
zur Zwangserziehung reifen Minderjährigen, 
sie noch von diesem Gesetz betroffen werden köi^^^ 

2. Als zweite Gruppe folgen sodann die Fälle 
vereinlicher Tätigkeit, in denen eine gewisse a k 
hängigkeit zwischen Schützling und Verein best^^ 
deren Lösung für den Schützling mit Nacht«^^^^’ 



70 


meist pekuniärer Natur verbunden ist. Zu dieser 
Klasse von Schützlingen gehören alle in Arbeits¬ 
stätten und Schreibstuben Untergebrachten; ferner 
die zwar unständig aber doch in sicherer periodi¬ 
scher Wiederkehr vom Verein mit Schreibarbeit, 
Druckarbeit, Versendung der Jahresberichte, Samm¬ 
lungen der Beiträge etc. Beschäftigten; alle die in 
Folge Kautionsstellung durch den Verein eine Stelle 
fanden; Schützlinge, die auf Kosten oder Empfeh¬ 
lungen des Vereins in Hospizen, Gesellenhäusern 
und ähnlichen Stellen Unterkommen fanden, oder 
die in Anstalten wie Magdalenenheimen, Trinker¬ 
asylen etc. untergebracht sind. Es gehören sodann 
noch Schützlinge hierher, die auf Kosten des Vereins 
ausgebildet werden, wie z. B. Lehrerinnen, Bau¬ 
gewerkschüler etc., ferner alle Strafentlassene, deren 
Familien wegen ihres unzureichenden Verdienstes 
unterstützt werden, und die Entlassenen, deren 
Arbeitsverdienst durch den Schutzverein verwaltet 
wird. 

3. Als 3. Klasse wären die Fälle hervorzuheben, in 
denen der Schützling nach Gründung einer Existenz 
durch den Verein selbständig wird; Stellenver¬ 
mittelung und Auswanderung, 

4. und endlich als 4. Gruppe alle Fälle vorübergehen¬ 
der Unterstützungen zur Beseitigung augenblick¬ 
licher Notlage, wie Beschaffung von Kleidern, Be¬ 
herbergung, Beköstigung, Reiseunterstützungen etc. 

Von diesen Gruppen werden die Fälle der zwei ersten 
ausnahmslos als „wichtige“ statistisch zu verfolgende an¬ 
zusehen sein; von den zwei letzteren werden wieder die 
Fälle der Stellenvermittelung und Auswanderung öfter, die 
andern nur sehr selten Veranlassung zu Nachforschungen 
geben, deren Mittel und Wege klarzustellen uns nun noch 
obliegt. 

Vorab ist, hierauf eingehend, zu bemerken, dass den 
Schutz vereinen keine Zwangsmittel gesetzlicher Art gegen 
den Schützling zu Gebote stehen, um seinen ferneren 
Lebenswandel festzustellen. Die Frage nach der Zweck¬ 
mässigkeit derartiger Machtbefugnisse ist wohl schon er¬ 
örtert worden, meines Wissens aber in Europa nur in 
St. Gallen in der Schweiz bejahend gelöst, indem dort nach 
einem Gesetz vom Jahr 1838 jeder aus dem Zuchthaus 
Entlassene 3 Monate bis 3 Jahre der Schutzaufsicht unter- 



71 


worfen wird. Bei der Beratung der zweiten Lesung des 
Vorentwurfs zu einem schweizerischen Strafgesetzbuch 
wurde sodann von der Expertenkommission eine Bestim¬ 
mung angeregt, dass jeder definitiv Entlassene auf richter¬ 
liche Verfügung hin ein Jahr unter Schutzaufsicht gestellt 
werden könne. Sie fand aber im Vorentwurf keine Auf¬ 
nahme und wohl mit Recht, da eine derartige Bestimmung 
nur durch Androhung von Polizeistrafen für den Fall der 
Nichtbeac htung wirksam gemacht werden könnte, was dem 
ganzen Wesen der Schutzfürsorge widersprechen würde. 
Letzteres beruht auf der freiwilligen, staatlicher Macht und 
Zwangsgewalt entkleideten Liebestätigkeit. Eine solche ist 
aber nur denkbar durch Anbahnung persönlicher vertrauen¬ 
erweckender Beziehungen zwischen Schutzverein und 
Schützling und diese sind es, welche als vornehmstes Mittel 
angewendet werden müssen, w'enn es sich darum handelt, 
Klarheit über die Wirksamkeit der Schutzfürsorge zu 
erlangen. 

Diese persönliche Fühlung wird nun allerdings seitens 
der Schützlinge erfahrungsgemäss nicht gerne aufrecht 
erhalten, allein, wie wir oben sehen, gibt es eine Reihe 
von Fürsorgefällen, in denen die Vereine nicht der Mittel 
entbehren, um ihre Forderungen von Meldungen, Besuchen 
und Nachrichten den nötigen Nachdruck zu verleilien. Es 
gehören hieiher alle Fälle, in denen dem Schützling bei 
Entziehung der Schutzfürsorge ein grösseres Uebel droht, 
als die Einhaltung der vom Verein verlangten Kontroll- 
vorschriften darstellen, wie dies der Fall ist bei der Be¬ 
aufsichtigung vorläufig Entlassener, unter Polizeiaufsicht 
Stehender, bedingt Begnadigter durch die Sch utzvereine, 
an Stelle der Polizeiorgane, oder bei der Unterstellung 
Jugendlicher unter Schutzvereinsaufsicht, um die Entlas¬ 
sung aus dem Lehrverhältnis zu vermeiden, die sonst wegen 
Verfehlungen des Lehrlings eingetreten wäre, sowie zur 
Vermeidung der Zwangserziehung. Auch in der früher 
erwähnten zweiten Gruppe von Fällen, in denen der Schütz¬ 
ling aus der Fürsorge einen dauernden pekuniären Vorteil 
hat, wie bei Unterbringung in Anstalten, Kautionsstellung, 
Ausbildung im Beruf etc. wird es nk;ht schwer fallen den 
Schützling zu zwingen, den Schutzverein über sein Tun 
und Treiben auf dem Laufenden zu halten. 

Immerhin ist nie aus dem Auge zu lassen, g dieser 
Zwang nur ein Notbehelf ist, wenn es nicht gelUvt oder 
bis es gelingt, den Schützling zu bewegen, ^ ^ B©- 



72 


Ziehungen zum Verein aus Vertrauen oder Dankbarkeit auf¬ 
recht zu erhalten. Die Hauptsache bleibt deshalb die 
richtige Behandlung des Schützlings durch eine und 
dieselbe Person. In kleineren Vereinen wird dies der 
Vorsitzende sein können, in grösseren wird man den St^hütz- 
ling Fürsorgern, und zwar freiwilligen, oder, wenn mit 
solchen die Arbeit nicht bewältigt werden kann, bezahlten 
anvertrauen. Auf diese persönliche Fühlung zwischen dem 
Schützling und einem Vereinsmitglied lege ich soviel Wert, 
dass ich es für wünschenswert halte, bei einem etwaigen 
Wegzug des Schützlings nie den Versuch zu unterlassen, 
ob nicht durch brieflichen Verkehr mit dem seitherigen 
Fürsorger der wünschenswerte Verkehr mit dem Schützling 
und damit der nötige Einblick in seine weitere Lebens¬ 
führung ermöglicht werden kann. Sollte dieses Mittel 
allerdings versagen, so ist so rasch wie möglich für einen 
Fürsorger am neuen Aufenthaltsort zu sorgen. In Fällen, 
in denen man deshalb einen anderen Schutzverein anzu¬ 
gehen genötigt ist, und dieser die Schutzfürsorge über¬ 
nehmen will; muss selbstverständlich der erstere Verein 
dafür Sorge tragen, dass ihm auch fernerhin Mitteilungen 
über die Führung des Schützlings zugehen. 

Wo die oben erwähttten Einflüsse auf den Schützling 
nicht geltend gemacht werden können und die Fühlung 
mit dem Schützling verloren zu gehen droht, mü.ssen andere 
Hilfsmittel beigezogen werden. Als solche scheinen mir, 
abgesehen von gelegentlichen Geschenken, beachtenswert 
jährliche Prämien seitens des Vereins bei befriedigender 
Führung des Schützlings, wodurch zu erreichen Ist, dass 
der Verein wenigstens jedes Jahr den Aufenthaltsort des 
Schützlings kennen lernt und Näheres über ihn in Erfahrung 
bringen kann. Erwägenswert wäre es auch, ob man nicht 
die Tätigkeit der einzelnen Schutzvereine auf dem Gebiete 
dieser schwierigen Nachforschung dadurch anregen solle, 
dass d i e Schutzvereine, die hervorragend befriedigende 
Nachforschungen über ihre Tätigkeit aufzuweisen haben, 
von den Zentralstellen Gratifikationen erhalten. 

Wenn trotz persönlicher Anteilnahme, trotz moralischen 
Schutzes und trotz pekuniärer Unterstützung sich die 
Fühlung zwischen Verein und Schützling nicht aufrecht 
erhalten lässt, so steht meines Erachtens dem Verein nur 
noch ein Mittel zur Verfügung, das ihm wenigstens darüber 
Aufklärung schafft, ob der Schützling wieder kriminell 
geworden ist oder nicht: die Erhebung von Strafregister- 



auszü^eri. Dieselben werden meiner Erfahrung nach den 
Schutzvereinen anstandslos erteilt und die Erhebung hat 
für den Schutzbefohlenen gar keine Nachteile; denn be¬ 
kanntlich werden die Strafregisterauszüge bezüglich völlig 
unbes'hol teuer Personen bei den verschiedensten Anlässen 
erhoben, z, B. bei Zuzug in Gemeinden, bei Gesuchen um 
Erteilung von Wandergewerbescheinen, bei Bewerbung um 
Staatsstellen und anderen Anlässen. 

Weitere Mittel zur Feststellung des Verhaltens von 
Schützlingen, die sich der Vereinsaufsicht entziehen wollen, 
sind teils untergeordneter Natur und nur in gewissen 
Spezialfällen anwendbar, teils nicht empfehlenswert. Zu 
den ersteren gehören die Einholung von Führungsattesten 
wählend der Militärzeit, sowie eventuell die üeberwachung 
durch Fürsorger in dieser Zeit, wovon die <s~socUtä de 
protection des engagäs volontaires älev^s sotis la tutelle 
administrative^ in Paris umfassenden Gebrauch macht, 
Umfragen in Arbeiterkolonien, oder Erkundigungen bei 
Zwangserziehungsanstalten über einen etwaigen Wieder¬ 
eintritt. Zu den letzteren rechne ich alle Erhebungen 
durch PolizeiOrgane. Wenn dieselben auch in gewissen 
Landesteilen wie z. B. (ausweislich der Jahresberichte) in 
Hessen mit grossem h^folg und ohne Nachteil für den 
Schützling zur Erforschung seines Lebenswandels benützt 
werden, so sind doch in dieser Beziehung die Verhältnisse 
in den einzelnen Bundesstaaten so verschieden, dass mir 
ein Hinweis auf diesen Weg der Erforschung nicht ange¬ 
zeigt erscheint. 

Neben diesen Mitteln zur Feststellung der Erfolge der 
Schutzfürsorge, die sich alle auf die nachforschende Tätig¬ 
keit seitens der Vereine stützen, wäre noch ein 
anderes zu nennen, durch das Klarheit über die Resultate 
der Fürsorgetätigkeit zu gewinnen wäre, auf dessen An¬ 
wendung aber die Vereine- einen direkten Einfluss nicht 
haben: Benachrichtigung der Schutzvereine durch die 
Strafanstalten bei Einlieferung früherer Schützlinge. Wenn 
auch die Strafanstalten häufig nur auf die subjektiven 
Angaben der Eingelieferten bezüglich früher bestandener 
Schutzverhältnisse angewiesen sind, und denselben durch 
derartige Recherchen eine nicht geringe Mehr-Arbeit er¬ 
wächst, so hielt ich es doch für durchführbar und er- 
spriesslich, wenn eine Mitarbeit der Strafanstalten 
diesem Sinne veranlasst würde. 



74 


Damit wären meine Vorschläge erschöpft. Sie sehen, 
sehr viele Mittel zur Feststellung der Erfolge der Vereins- \ 
tätigkeit weiss ich nicht zu nennen und bei allen sind i 
wir auf die Mitarbeit anderer, der Schützlinge und Dritter j 
angewiesen. Wir müssen deshalb — das ist das Fach | 
meiner Erwägungen — diese für unsere Sache zu ge- ■ 
Winnen suchen. Wir haben also bezüglich dieser Einzel- i 
aufgaben nur das schon längst für alle schutzverein liehe i 
Tätigkeit aufgestellte Prinzip durchzuführen: Der Schlüssel j 
zum Erfolg liegt in der Propaganda dafür, dass die unter j 
schütz verein lieber Protektion stehenden Menschen keine 
Verworfenen sind, sondern Menschen, die sich emporarbeiten 
wollen und der Unterstützung und Aufrichtung für würdig 
befunden worden sind. 


I 



75 


2. Versammlung 

Donnerstag, den 27. Oktober 1910 

vormittags 9 Uhr 

im Saale des Provinzial-Ständehauses. 

Vorsitzender: 

Hochverehrte Versammlung! 

Ich eröffne die heutige Sitzung. 

Ehe ich in die Tagesordnung eintrete, habe ich der 
Versammlung bekannt zu geben: Wir haben ein Begrüssungs- 
telegramm erhalten von Exzellenz Geheimrat von Jage¬ 
rn an n-Heidelberg, einem der Mitgründer des Verbandes: 
^Herzliche Wünsche für eine ergebnisvolle Tagung und 
ergebensten Gruss an meine alten Freunde. Jagemann“. 
(Beifall.) 

Ich erteile nun das Wort Herrn Oberregierungsrat 
Michal von Nürnberg zu seinem Vortrage. 

Oberregierungsrat M i c h a 1 - Nürnberg: 

Meine hochgeehrten Damen und Herren! 

Meine Aufgabe ist, Ihnen in kurzen Umrissen ein Bild 
zu geben, von der in Bayern bestehenden staatlichen 
Hauptstelle für Gefangenenobsorge. 

Die Schaffung einer solchen Stelle bedeutet den Ver¬ 
such, auf dem Gebiete der Gefangenenobsorge durch direktes 
Eingreifen des Staates zu erreichen, was durch freiwillige 
Tätigkeit bis jetzt nicht oder doch nicht in wünsihens- 
werter Weise erreicht werden konnte. Gewiss geschah 
auch schon bisher auf diesem Gebiete viel. In Bayern be¬ 
steht eine Organisation der Obsorge-Vereine schon seit langer 
Zeit. Es gibt im Ganzen 151 Obsorgevereine, In jedem 
der 8 Kreise besteht ein Kreis verein und in München eine 
Zentrale der Obsorge vereine, an welche sich die meisten 
Einzelvereine angeschlossen haben. Auch der Staat hat 
'vie anderwärts so auch in Bayern eine Tätigkeit für die 
Gefangenenobsorge entwickelt, indem er zur Bildung von 
Obsorgevereinen Anregung gab, der Zentrale in 
einen nicht unerheblichen jährlichen Zuschuss gewä-^’^^® 
und insbesondere in den Hausordnungen der Strafanstt^^'^®'^ 
eine Reihe von Anordnungen traf zu Gunsten der 



76 


sorgung oder Unterstützung entlassener Gefangener. Gleich¬ 
wohl konnte man sich der Wahrnehmung nicht verschliessen, 
dass ein befriedigender Zustand nicht erreicht sei. Eine 
Reihe von Obsorgevereinen, besonders auf dem Lande, 
bestand bloss dem Namen nach, verfügte über geringe 
Mittel und beschränkte sich darauf, den um Unterstützung 
vorsprechenden Entlassenen ein kleines Geldgeschenk zu 
geben. In dem Netze der Obsorgevereine bestanden manche 
Lücken und von einer eigentlichen Fürsorge konnte viel¬ 
fach nicht gesprochen werden. Besonders auffallend war 
das Missverhältnis zwischen der Zahl der aus den Gefäng¬ 
nissen Entlassenen und der Zahl der Unterstützten. Der 
Str'afanstaltspfarrer Brosius in Ebrach hat ein bei Beck 
in München 1907 erschienenes, sehr verdienstvolles Buch 
herausgegeben über die Obsorge für entlassene Straf¬ 
gefangene in Bayern. Nach diesem Buche wurden im Jahre 
1906 von den 151 Obsorgevereinen, welche rund 1800 Mit¬ 
glieder hatten und über 40000 M. jährliche Einnahmen 
verfügten, 1752 entlassene Gefangene unterstützt. Dagegen 
wurden in .diesem Jahr nach der offiziellen Statistik aus 
den Strafanstalten in Bayern 7095 Gefangene und aus den 
Gerichtsgefängnissen 115 760 Gefangene entlassen. Im 
Jahre 1907 betrug die Zahl der aus Strafanstalten Ent¬ 
lassenen 6997 und der aus den Gerichtsgefängnissen Ent¬ 
lassenen 101144. Wenn nun auch ohne weiteres klar ist, 
dass unter den aus den Gerichtsgefängnissen Entlassenen 
sich eine grosse Zahl solcher Personen befand, bei denen 
eine Obsorgetätigkeit gar nicht in Betracht kommen konnte, 
weil ein Bedürfnis hiezu nicht bestand, so ist doch anderer¬ 
seits sicher, dass sich unter den übrigen Entlassenen eine 
Menge solcher Personen befand, bei denen die Obsorge 
Veranlassung gehabt hätte, einzugreifen. Von Bedeutung 
waren in dieser Hinsicht besonders die Jahresberichte der 
Obsorge vereine, die Berichte der vStrafanstaltsvorstände 
und vor allem die Wahrnehmung bei der Verurteilung Rück¬ 
fälliger, die nach ihrer Entlassung aus der letzten Strafe 
kein Unterkommen gefunden hatten. Daraus ergab sich 
die Erwägung, ob es nicht Aufgabe des Staates sei, hier 
einzugreifen und auf Beseitigung dieser Misstände hinzu¬ 
arbeiten. Freilich wurde dabei auch das Bedenken rege, 
ob es überhaupt zu den Aufgaben des Staates gehöre, selbst 
unmittelbar Gefangenenobsorge zu -treiben, und ob nicht, 
falls dies geschehe, eine Lahmlegung der charitativen Tätig¬ 
keit zu befürchten sei. Diese Bedenken konnten jedoch 



77 


nicht als stichhaltig erachtet werden. Wenn der Staat in 
Ausübung der Rechtspflege genötigt ist, Wunden zu schlagen, 
Existenzen zu schädigen, das Familienleben zu stören, so 
kann es nicht ausserhalb seiner Aufgabe liegen, auch wieder 
für Aufric'htuiig der unter das Gesetz Gebeugten und für 
Heilung der verursachten Schäden Sorge zu tragen. Die 
Gefahr aber, die Obsorgetätigkeit zu schädigen oder aus¬ 
zuschalten, kann vermieden werden, wenn die staatliche 
Tätigkeit so eingerichtet wird, dass sie sich der Obsorge- 
vereine bedient, sie unterstützt und fördert. 

Die Bayerische Justizverwaltung hat, als sie an die 
Schaffung einer staatlichen Obsorgestelle herantrat, die 
Grundzüge festgestellt, von denen sie ausging, und die für 
diese Behörde massgebend sein sollten. Es handelte sich 
um eine doppelte Aufgabe, nämlich um die Obsorge für 
entlassene Gefangene und um die Ar bei ts Vermitte¬ 
lung für die Strafanstalteu und die Gerichts¬ 
gefängnisse. Mit dieser zweiten Aufgabe habe ich mich 
heute nicht weiter zu befassen, ich will darüber nur in 
Kürze folgendes sagen: Die Strafanstalten haben nicht 
selten einige Schwierigkeiten, um für ihre Gefangenen eine 
geeignete Arbeit zu bekommen. Dies ist besonders der 
Fall bei den Anstalten, die sich nicht in einer grösseren 
Stadt am Sitze einer bedeutenden Industrie befinden. In¬ 
folge davon müsstm sich die Anstalten vielfach damit be¬ 
helfen, dass sie Arbeitsverträge mit auswärtigen Firmen 
abschliessen, denen sie eine Anzahl Gefangener für be¬ 
stimmten Taglohn oder Stücklohn oder Pensumvergütung 


zur Verfügung stellen bei manchmal recht ungeeigneter 
Arbeit. Den Versuchen der Anstaltsleitungen, bessere Arbeits¬ 
möglichkeit zu bekommen, stehen die Klagen der freien 
Gewerbe über wirkliche oder vermeintliche Schädigung 


entgegen. Noch übler sind die Gerichtsgefängnisse daran 
mit ihrer rasch wechselnden Bevölkerung, besonders a.n 
kleinen Orten. Die Hauptstelle soll deshalb eine Arbeits- 
yermittlungsstelle bilden, sie soll dafür sorgen dass 
ihr die Nachfragen nach Arbeitskräften seitens 
nehraer zusammenlaufen und soll dann diese 
an die Anstalten und Gefängnisse nach deren n 
überweisen. Wenn die Hauptstelle ii^ einer ^ 
Industriestadt ihren Sitz hat, darf angenomn[ic:i.3'^^^«r<3i^^l 
dass es ihr nicht allzu schwer fallen wird 
gr<.ssen Firmen, zu industriellen und pwerKr• 
händen zu bekommen und dadurch Kennt voG 



1 



78 


Bedürfnissen des gewerblichen Lebens zu erlangen, deren 
Befriedigung durch Strafanstalts- und Gefängnisarbeit mög¬ 
lich ist. 

Die Aufgabe der Hauptstelle in der Obsorge für 
entlassene Gefangene ist im wesentlichen dieselbe wie die 
der Obsorgevereine. Zunächst ist dafür zu sorgen, dass 
den Entlassenen über die erste schwere Zeit nach der 
Entlassung hinwegpeholfen wird, dass sie mit Kleidern, 
insbesondere mit Arbeitskleidern und mit dem nötigen 
Werkzeug versehen werden und dass ihnen eine Unterkunft 
und Nahrung verschafft wird. Sodann aber kommt die 
wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe der Obsorge, 
die Verschaffung einer Arbeitsstelle, eines Verdienstes. Ist 
dies schon bei gewöhnlichen Arbeitern zuweilen schwierig, 
besonders im Winter und in wii tschaftlichen Krisen, so ist 
es, wie allgemein bekannt ist, bei Leuten aus den soge¬ 
nannten besseren Ständen, Kaufleuten, Beamten, oft ganz 
unmöglich. Es muss hier teils mit Gewährung von Reise- 
mitteln eingegriffen werden, um die Leute an die Plätze 
zu bringen, wo Arbeit zu finden ist. Es ergibt sich aber 
auch das Bedürfnis nach Schaffung eines einstweiligen 
Unterkommens, einer Beschäftigungsanstalt, oder einer 
Schreibstube. 

Die Aufgabe der staatlichen Obsorge musste dahin 
begrenzt werden, dass sich diese Obsorge zu erstrecken 
habe auf die aus den Gefängnissen in Bayern zur Ent¬ 
lassung kommenden Gefangenen, auch wenn es Nichtbayern 
sind, und auf die aus ausscrbayerischen Gefängnissen nach 
Bayern kommenden Gefangenen bayerischer Staatsange¬ 
hörigkeit, in der Regel jedoch nicht auf die aus ausser- 
bayerischen Gefängnissen nach Bayern kommenden Nicht¬ 
bayern. Die Grundzüge gingen weiter davon aus, dass 
die staatliche Stelle sich mit der Unterstützung der Familien 
der in Strafhaft befindlichen Gefangenen nur ausnahms¬ 
weise zu befassen habe, da diese Art der Obsorge eigent¬ 
lich zu den Aufgaben der Armenpflege gehöre und was 
darüber hinausgeht in das Gebiet der ebaritativen Tätig¬ 
keit der Obsorgevereine und Wohltätigkeitsvereine gehöre. 
Ich muss jedoch hier gleich bemerken, dass dieser Grund¬ 
satz nicht durchgeführt werden konnte Die Verhältnisse 
waren mächtiger, die in die Augen springende Notlage der 
Familien Gefangener und der Zusammenhang zwischen 
dieser Notlage und der Gefahr w’eiterer strafbaren Hand¬ 
lungen führte dazu, dass auch die Unterstützungen der 



79 


Familien einen erheblichen Teil der Tätigkeit der Hauptstelle 
ausmacht. Als weiterer Grundsatz wurde aufgestellt, dass 
die staatliche Obsorge sich in der Regel nicht direkt mit 
den entlassenen Gefangenen befassen solle, sondern sich 
der bestehenden Obsorgevereine bedienen solle. Dies ist 
sehr wichtig, um die Gefahr zu vermeiden, dass die Obsorge¬ 
vereine, die schon bisher bei richtiger Leitung segensreich 
gewirkt haben, in ihrer Tätigkeit gehemmt würden. Die 
staatliche Stelle soll kein Monopol der Obsorgetätigkeit 
beanspruchen, sie soll die Tätigkeit der Vereine nicht 
beseitigen, sie soll auch diesen Vereinen gegenüber nicht 
die Rolle eines Vorgesetzten spielen wollen, sondern sie 
soll sich der Vereine bedienen, deren Tätigkeit anregen 
und fördern, sie beraten und unterstützen und direkt nur 
da eingreifen, wo die Vereinstätigkeit versagt. 

Unter Billigung dieser Grundzüge, die ich hier nur 
durch Anführung der wesentlichsten Punkte skizzieren 
wollte, wurde durch allerhöchste Entschliessung die Haupt¬ 
stelle für Gefangenenobsorge am 1. Januar 1909 errichtet 
und dem Zellengefängnis Nürnberg angegliedert. Diese 
letztere Anordnung empfahl sich aus äusseren Gründen. 
Statt Schaffung einer eigenen selbständigen Behörde 
empfahl es sich die Arbeit auf diesem neuen Gebiet im 
Anschluss an eine schon bestehende Behörde zu beginnen, 
die selbst auch mit der Gefangenenobsorge sich zu be¬ 
schäftigen hat. Der Direktor des Zellen gef ängiiisses wurde 
zum Vorstand der Stelle bestellt und es wurde ihm ein 
juristischer Hilfsarbeiter (Assessor) und ein Kanzleibeamtex' 
beigegeben. Die Stelle erhielt auch eine eigene Kassen- 
und Rechnungsführung. Ueber die zur Durchführung den' 
Aufgabe nötigen Mittel Hess sich im voraus nichts Sichere^ 
sagen, man war auf mutmassliche Schätzungen angewiesen. 

Es wurden im Etat 25000 M. für das Jahr bewilligt unci 
zwar erfolgte die Bewilligung im Bayerischen Landtag tnl’i^ 
solcher Bereitwilligkeit und Einmütigkeit, dass zu hoff^j^ 
ist, es werde in Zukunft, wenn die Aufgaben wachsen urici 
wenn der Bedarf zunimmt, auch grössere Mittel bewilli^.^, 
werden. Die Verwaltungen der Strafanstalten und 
Vorstände der Gerichtsgefängnisse wurden durch das Justi^,. 
ministerium angewiesen, in allen Fragen der Obsorge 
Arbeitsvermittlung sich an die Hauptstelle zu wenden uxid 
mit ihr auf das eifrigste zusammenzuwirken. Auch 
Stellen und Behörden der inneren VerwaltnnS 

durch das K. Staatsministerium des Innern angewies«^^ 



die Bestrebungen der Hauptstelle tunlichst zu unterstützen 
und die bestehenden Obsorgevereine zu förderlichem Zu¬ 
sammenwirken mit der Hauptstelle anzuregen, sowie da, 
wo derartige Vereine mangeln, die Gründung solcher in 
die Hand zu nehmen. 

Demgemäss begann die Hauptstelle mit dem 1. Januar 
1909 ihre Tätigkeit. Sie setzte sich zunächst mit den 
Direktoren der Strafanstalten (Zuchthäusern und Gefangen- 
anstalten) sowie mit den Vorständen der Gerichtsgefäng¬ 
nisse durch ein Rundschreiben in Verbindung, in welchem 
sie folgendes darlegte: 

Die am 1. Januar 1909 errichtete und dem Zellen¬ 
gefängnis Nürnberg angegliederte Hauptstelle für Gefangenen¬ 
obsorge hat die doppelte Aufgabe: 

1. Als Zentralstelle für die endgültig oder vorläufig 
zu entlassenden Gefangenen Arbeitsgelegenheit zu ver¬ 
mitteln und ihnen durch Beschaffung von Kleidung und 
Obdach, von Geldmitteln und Handwerkszeug über die 
erste Zeit nach ihrer Entlassung hinwegzuhelfen. 

2. Für die in den Strafanstalten und Gerichtsgefäng¬ 
nissen befindlichen Gefangenen geeignete Beschäftigung 
zu vermitteln. Die Hauptstelle geht bei Lösung dieser 
Aufgabe von folgenden Gesichtspunkten aus: 

1. Hinsichtlich der Obsorge für Gefangene: 

Die Hauptstelle hat keineswegs die Absicht, die Tätig¬ 
keit der Strafanstaltsverwaliungen und der Gefängnisvor¬ 
stände auf dem Gebiet der Obsorge auszuschalten und an 
deren Stelle zu treten, noch weniger hat sie diese Absicht 
gegenüber den Obsorgevereinen, sie will nur ergänzend 
eingreifen, wo es den genannten Organen nicht gelingt, mit 
den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften 
einen zu entlassenden Gefangenen zu versorgen. 

Besonders die Obsorgevereine will die Hauptstelle 
unterstützen, ihre Tätigkeit anregen, und sich derselben 
bedienen. Sie will auch da, wo Obsorgevereine nicht be¬ 
stehen, die Gründung solcher herbeiführen helfen, oder 
wo diese Vereine mangelhaft organisiert sind, zu einer 
richtigen Organisation die Hand bieten. In keinem F^llle 
aber soll die Tätigkeit dieser Vereine lahm gelegt, be¬ 
schränkt oder beeinträchtigt werden. Die eigene Tätigkeit 
der Haupfstelle soll also darin bestehen, die in den Einzel¬ 
fällen zuständigen Obsorgevereine, falls dies nicht schon 
geschehen ist, anzugehen, und wo deren Wirksamkeit aus 
irgend einem Grunde versagt, helfend einzugreifen durch 



81 


Gewährung: von Zuschüssen oder durch Vermittlung von 
Arbei tsgelegenh eit. 

Dass die Hauptstelle sich nicht selbst an die Stelle 
der Obsorgevereine setzen und alle nötigen Mittel selbst 
aufbringen kann, ergibt sich schon aus der Grösse der ihr 
zur Verfügung stehenden Mittel. Diese betragen für das 
ganze Königreich 25000 M. im Jahr und darunter ist schon 
der Betrag von 5000 M. inbegriffen, der bisher vom K. 
Staatsministerium des Innern dem Zentralobsorgeverein in 
München gewährt wurde. 

Von der Obsorgetätigkeit der Hauptstelle ist kein 
Gefangener grundsätzlich ausgeschlossen, doch wird es 
sich von selbst ergeben, dass hauptsächlich Gefangene mit 
längerer Strafzeit sie beschäftigen werden. 

Es ist nötig, dass die Hauptstelle rechtzeitig ange» 
gangen wird, wenn bis zur Entlassung des Gefangenen 
etwas erreicht werden soll; bei Strafen von über einem 
Jahre sechs Monate vor der Entlassung, bei Strafen bis zu 
einem Jahre nach Verbüssung der Hälfte der Strafzeit. 
Die Mitteilung an die Hauptstelle soll alles enthalten, 
w^as die Hauptsteile wissen muss, um ohne Verzug tätig 
werden zu können, also insbesondere die persönlichen 
Verhältnisse, die Strafe, die Vorstrafen, die Führung, die 
Beschäftigung des Gefangenen in der Anstalt, die be¬ 
sonderen Fähigkeiten und Wünsche des Gefangenen, die 
Gesundheitsverhältnisse und das was bereits in obsorglicher 
Hinsicht für ihn geschehen ist. Es dürfte sich empfehlen, 
die Mitteilung unter Benützung des angefügten Formulars 
zu machen. 

Gefangene, von denen bereits feststeht, dass mit ihnen 
nichts anzufangen ist wegen Alters oder Krankheit, sollen 
der Hauptstelle . nicht überwiesen werden; sie fallen der 
Armenpflege zu. Auch solche Gefangene, welche die Ob¬ 
sorgetätigkeit ablehnen, bleiben ausser Betracht. Beneficia 
non ohtruduntur. 

2. Hinsichtlich der Vermittlung von Beschäftigung für 
Gefangene in Strafanstalten und Gerichtsgefängnissen. Die 
Hauptstelle wird durch Verbindung mit Geschäften aller 
Art, mit Verbänden und Vereinigungen Angebote von Be¬ 
schäftigungsaufträgen zu bekommen suchen, und zwar von 
solcher Arbeit, bezüglich welcher Konkurrenzklao-en seitens 
des Handwerks und Kleingewerbes nicht zu befürchten 
sind. Sie sieht anderseits den Anfragen der Anstalten 
Gerichtsgefängnisse entgegen über die bei ih^u 

Blätter für Gefängniskunde.XLV. 



82 


den Bedürfnisse nach Beschäftigung- aber auch den Mit¬ 
teilungen über bei ihnen einlaufenden Beschäftigungsan¬ 
gebote, die sie nicht annehmen können. Die Hauptstelle 
will sich auf diese Weise in die Lage setzen, den Anstalten, 
besonders aber den Gerichtsgefängnissen, Beschäftigung zu 
verschaffen, die sie auf anderem Wege nicht so leicht 
würden erhalten können. 

Den Abschluss der Verträge mit den Unternehmern 
würde die Hauptstelle den Anstalten selbst überlassen, sich 
überhaupt jedes Eingriffes in deren Selbständigkeit und 
Verantwortung enthalten. 

Die Vermittlung des Bezuges von Arbeitsmaschinen 
könnte die Hauptstelle unter Umständen übernehmen, da 
auf diese Weise günstigere Bezugsbedingungen zu erzielen 
wären. 

Ferner erging ein Rundschreiben an die sämtlichen 
Obsergevereine in Bayern, um deren Organisation und deren 
Mittel kennen zu lernen und um ihnen von den Grund¬ 
sätzen Kenntnis zu geben, nach denen die Hauptstelle bei 
Lösung ihrer Aufgabe Vorgehen wollte. 

Alsbald begann aber auch die eigentliche Tätigkeit 
der Hauptstelle und es entwickelte sich bei derselben ein 
überaus lebhafter Verkehr. In welcher Weise sich diese 
Tätigkeit im Laufe des Jahres 1909 gestaltete, will ich an 
der Hand des Jahresberichtes in Kürze bekannt geben: 

1. Unterstützungen: 

An Barunterstützungen wurden insgesamt verausgabt: 
6175 M. Hievon treffen 4154 M. auf Unterstützung von 
210 entlassenen Gefangenen, 1448 M. auf Geldunterstützungen 
an 78 Faniilien von Gefangenen, 331 M. auf die Verpflegung 
von 64 Entlassenen in einer Herberge oder einer ähnlichen 
Unterkunft. 241 M. auf Auslösung von Pfändern, Bezahlung 
von Miete, von Lagerspesen u. dgl. in 26 Fällen. Die Zahl 
der so Unterstützten betrug 378. Dabei ist im Auge zu 
behalten, dass hier, wie überhaupt, die Hauptstelle nur da 
eingriff, wo die Obsorgevereine versagten, denn diese wurden 
in erster Linie angegangen und nur in dringenden Fällen, 
wo die Feststellung des zuständigen Obsorgevereins zu 
umständlich gewesen wäre, erfolgte sofortiges direktes 
Eingreifen. 

Mit Kleidern wurden 296 Personen unterstüzt, bei 
einem Aufwand von 4083 M. Durch Verträge mit einigen 
Trödlern, Schneidern und Schuhmachern waren wir in der 
Lage, die an uns in dieser Richtung gestellten Bitten rasch 



OO 


za erfüllen. Wenn aus den hiesigen Gerichtsgefängnissen 
Entlassene oft in ganzen Gruppen sich einfinden, in voll* 
ständig abgerissenem Zustande mittellos und verkommen 
aus aller Weltgegend stammend, dann kann keine Zeit auf 
Ermittelung des zuständigen Obsorgevereins verwendet 
werden, sondern es gilt rasch zu helfen, um zu verhüten, 
dass die Leute sofort wieder dem Bettel oder dem Dieb¬ 
stahl verfallen. 

Für Handwerkszeug und Arbeitsmaterial wurden 923 M, 
ausgegeben an 41 Gesuchsteller; Ausser dem gewöhnlichen 
Handwerkszeug für Maurer, Zimmerleute, Schuhmacher, 
Sattler, Korbmacher, Bildhauer, Bader, Steinhauer, Schreiner, 
Maler, Uhrmacher, Glaser, Spengler, Hafner, Schlosser, 
wurden auch Instrumente für einen Zahntechniker, Strick¬ 
maschinen und eine Drehbank für Drechsler beschafft. 

Für Reiseunterstützungen wurden 1230 M. ausgegeben 
an 103 Personen. Die Schwierigkeit, Strafentlassene in 
Nürnberg oder in dessen unmittelbarer Umgebung auf einem 
Arbeitsplatz unterzubringen, nötigt häufig dazu, den Leuten 
die Reise an einen günstigeren Platz oder in die Heimat 
zu ermöglichen. Das Reisegeld Avird nicht in barem ge¬ 


geben, sondern in Anweisungen auf Fahrkarten an das 
hiesige Reisebureau Schenker & Co., ausserdem wird ein 
angemessenes Zehrgeld gereicht. 

Die Auswanderung ist nicht selten das letzte Mittel, 
wodurch einem Entlassenen geholfen werden kann. Es gibt 
Fälle, in denen es trotz des besten Willens des Entlassenen 
und trotz aller Anstrengungen der Vereine nicht gelingt, 
dem Entgleisten einen Platz zu vermitteln, auf dem er sein 
Fortkommen finden kann. Es sind dies die Fälle, in denen 
die Schwere und die Häufigkeit der Bestrafungen aus- 
schliessen, dass der Mann im Inlande wieder irgendwo 
festen Fuss fassen kann. Dazu gehören aber auch die 


Fälle, der aus den sogenannten besseren oder gebiI<i®^®V 

Ständen stammenden Entlassenen, insbesondere der K-auf- 

leute und der Beamten. Je höher der Mann frühem . 

standen ist, desto schwerer ist es für ihn, nacdi 

der Strafe sein Fortkommen zu finden. Sein \r me 

ihm überall im Wege. Wir haben uns zur Vev«no 

Auswanderung teils der Hilfe der Münchener 7 

der Obsorgevereine bedient, die insbesonder 

bringung der aus dem Arbeiterstande . ..eo 

lassenen vermittelnd in die Hand nimmt 

allen wohlbekannten deutschen Hilfsver’ei ^ 



84 


dessen Geschäftsleiter Herr Pastor Dr. S e y f a r t h in unserer 
!Mitte ist, an den wir uns wandten, wenn es sich um die 
genannten besseren Elemente handelte. Die Auswanderung 
verlangt bedeutende Mittel, wir suchen Zuschüsse von den 
Verwandten der Entlassenen, von den Heimatgemeinden 
derselben und von den zunächst zuständigen Obsorgevereinen 
zu bekommen, und in den Rest teilen wir uns meist mit 
der Zentralstelle in München. Es sind 19 Auswanderungen 
zu verzeichnen, von denen 14 der Münchener Zentral¬ 
obsorgeverein, 3 der deutsche Hilfsverein in Hamburg und 
2 die Hauptstelle selbst durchführte. Dem Berufe nach 
waren die Auswanderer 1 Ausgeber, 1 Mechaniker, 3 Schlosser, 
1 Dienstknecht, 1 Tüncher, 3 Taglöhner, 1 Kellner, 1 Maurer, 
1 Kutscher, 1 Schreiber, 1 Kaufmann, 1 Bankier, 1 Rechts¬ 
anwalt, 1 Offizier und 1 Finanzbeamter. Ueber die Orte, 
nach denen die Auswanderungen erfolgte, will ich mich 
aus naheliegenden Gründen hier nicht weiter aussprechen. 
Die Kosten für Auswanderungen betrugen 4905 M. Der 
Gesamtaufwand für Unterstützungen aller Art betrug 
17 319 M. 

Um Vermittlung einer Arbeitsstelle wurde die Haupt¬ 
stelle in 150 Fällen angegangen. Die Unterbringung gelang 
in 75 Fällen. In 10 Fällen wurde durch die Beschaffung 
eines Unterkommens die Stellung eines Gesuches um vor¬ 
läufige Entlassung ermöglicht. 5 Entlassene begaben 
sich nicht auf die ihnen ausgemittelten Stellen. In 3 
Fällen haben die Untergebrachten auf den ihnen vermit¬ 
telten Plätzen nicht ausgehalten, es muss aber dahin 
gestellt bleiben, ob die Schuld an den Entlassenen lag 
oder an den Arbeitgebern, die zuweilen der Meinung sind, 
von solchen Leuten bei geringem Lohn sehr viel verlangen 
zu können. 

Bei der Vermittlung von Arbeit bediente sich die 
Hauptstelle der Mitwirkung der Heimatgemeinden, der 
einschlägigen Distriktsverwaltungsbehörden (in Bayern 
Bezirksämter und die Magistrate der unmittelbaren Städte) 
der Arbeitsämter, der bayerischen und ausserbayerischen 
P^ür sorg vereine, des Vereins für innere Mission und seiner 
Hinrichtungen (Stadtmission), des christlichen Bauernvereins 
in Regensburg, des katholischen Fürsorgeheims für Frauen, 
3Iädchen und Kinder in München, und ähnlicher Wohlfahrts¬ 
einrichtungen. Durch ein Rundschreiben bei den Bezirks- 
iimtern verschaffte sich die Hauptstelle Kenntnis von allen 



85 


im Laufe des Jahres vorkommendeii grösseren Arbeits¬ 
gelegenheiten wie Eisenbahnbauten, Wasserleitungsbauten, 
Brücken- und Strassenbauten, bei w'elchen entlassene 
Gefangene Beschäftigung finden konnten. 

Besonders hervorheben möchte ich auch noch die 
von uns geschaffene Nürnberger Schreibstube. Es 
machte sich schon seit langer Zeit das Bedürfnis geltend, 
für Leute aus dem Stande der Kaufleute, Beamten und 
verwandten Berufe die Möglichkeit zu schaffen für die 
Zeit nach der Entla.ssung aus der Strafhaft einstweilen 
ein Unterkommen zu finden, bis eine andere Stellung für 
sie gefunden ist. Der Verein für innere Mission in Nürn¬ 
berg erklärte sich bereit, die Leitung einer solchen Schreib¬ 
stube zu übernehmen, falls die Mittel beschafft würden. 

Die Hauptstelle selbst als Behörde konnte eine solche 
Gründung nicht auf sich nehmen und der Obsorgeverein 
war in seinen arbeitenden Mitgliedern schon zu sehr 
belastet. Deshalb wurde der gebotene Ausweg gerne 
betreten. Das K. Staatsministerium der Justiz stellte die 
zur ersten Einrichtung und zum Betrieb nötigen Mittel zur 
Verfügung. Die Aufnahme erfolgt selbstverständlich ohne 
Rücksicht auf die Konfession der Aufzunehmenden und 
die Hauptstelle hat sich den nötigen Einfluss auf die 
Schreibstube dadurch gewahrt, dass sie über die Aufnahme 
in die Schreibstube und die Entlassung zu verfügen hat 
und dass ihr Vertreter bei allen Sitzungen des Vorstandes 
des Vereins für innere Mission, bei welchen es sich um 
die Schreibstube handelt, Sitz und Stimme hat. Die Schreib¬ 
stube ist für 20 Leute eingerichtet, sie befindet sich im 
1. Stockwerk eines günstig gelegenen Hauses mit ent¬ 
sprechenden grossen Räumen. Der Leiter ist ein älterer 
kaufmännisch gebildeter Mann, dessen Frau das Hauswesen 
besorgt. Es sind 12 — 14 Insassen durchschnittlich 
banden; es fehlt nicht an Arbeiten aller Art, insbesonher® 
kommt es auch häufig vor, dass Leute aus der 
Stube an Geschäfte in der Stadt ausgeliehen werde^^^- 
Leute haben dabei Gelegenheit, sich nach Stellen 
und zu zeigen, was sie leisten können. Es ist o-pwi®^ 
ungünstiges Ergebnis, wenn bisher 50 ^/o der Aiif ^ nt 

in gute Stellen gekommen sind. Selbstverstör^ iv u Ui' 
die Schreibstube Zuschüsse, die ihr teils n\- 

der Hauptstelle und teils durch Zuwendunt^^ 
tätern auch zugeflossen sind. Ich muss 
als eine durchaus segensreiche Einrichtuno-^^ ' 

^ Lezc^^ 



Als ein Mangel wird empfunden, dass nicht ausser 
der Schreibstube auch noch eine Beschäftigungsanstalt 
besteht für solche Entlassene, die sich nicht zur Schreib¬ 
arbeit eignen. Die Unterstützungen, die man Strafentlassenen 
Arbeitslosen gewährt, sind von zweifelhaftem Wert. Der 
Missbrauch liegt nahe. Es sollte eine Arbeitsstelle geschaffen 
werden, in der man solche Leute einstweilen unterbringen 
kann, für die ein Arbeitsplatz nicht gleich verfügbar ist. 
Die Frage, ob und wie auch dieses Problem gelöst werden 
kann, soll in ernste Erwägung gezogen werden. Inzwischen 
erübrigt nur, solche Entlassene, die weder am Orte selbst 
(in Nürnberg) Unterkommen können, noch alsbald an 
einen auswärtigen Arbeitsplatz gewiesen werden können, 
an eine der bayerischen Arbeiterkolonien zu weisen und 
sie mit der Fahrkarte dorthin zu versehen. Wir haben 
im rechtsrheinischen Bayern die Arbeiterkolonien Herzog- 
Sägmühle in Oberbayern und Simonshof in Unterfranken 
und haben schon manchen Entlassenen dort untergebracht. 

Die Zuschüsse an Obsorgevereine beliefen sich im 
Jahre 1909 auf 14 680 M., worunter jedoch die zur Gründung 
der Schreibstube nötige Summe von 4590 M. inbegriffen 
ist. Der Münchener Zentralstelle der bayerischen Obsorge¬ 
vereine gewährten wir einen Zuschuss von 5500 M. und 
im übrigen unterstützten wir Vereine, welche sich auf die 
an sie ergangene Anfrage meldeten durch entsprechende 
Zuschüsse. Der gesamte Aufwand für das Jahr 1909 be¬ 
trug 32 000 M. also um 7000 M. mehr als der Etat für das 
Jahr auswies. Der Mehrbetrag konnte uns aus den etat- 
mässigen Älitteln des Jahres 1908, die in diesem Jahre 
nicht in Anspruch genommen waren, zur Verfügung gestellt 
werden. 

Im Laufe des Jahres 1910 hat sich die Tätigkeit der 
Hauptstelle in ähnlicher Weise gestaltet wie im vorher¬ 
gehenden Jahre. Unsere nächste Aufgabe wird sein, unsere 
Beziehungen zu den bestehenden Obsorgevereinen noch 
lebhafter und enger zu gestalten, für eine Verbesserung 
der Organisation dieser Vereine zu sorgen, immer neue 
Wege zu ermitteln, auf denen Entlassene in geordnete 
Arbeitsverhältnisse geführt werden können und weitere 
Mittel zur Durchführung der Aufgabe zu gewinnen. Wenn 
ich das Gesamtergebnis des bis jetzt Erreichten überblicke, 
so kann ich nicht anders sagen, als dass ich die Ueber- 
%eugung habe: Der ein geschlagene Weg ist kein Abweg. 
Afei)i Zeugnis mag ja vielleicht nicht als unbefangen gelten. 



87 


da ich persönlich zu eng mit der Sache befasst bin. Man 
kann vielleicht auch über die eine oder andere Einrichtung 
verschiedener Meinung sein, aber dem Eindruck wird sich 
auch der ferner Stehende nicht verschliessen können, dass 
der Staat richtig handelt, wenn er die Hand dazu reicht, 
diejenigen, die er in Ausübung der Strafrechtspflege um 
des Staatswohles willen unter das Gesetz beugt, und sie 
notgedrungen schädigt, auch wieder aufzurichten und ihnen 
den Uebergang in geordnete Verhältnisse zu erleichtern. 
(Lebhafter Beifall.) 


Vorsitzender: 


Meine verehrten Damen und Herren! Ihr Beifall wird 
dem Herrn Redner gezeigt haben, wie günstig sein Vortrag 
auFgenommen worden ist, und wie sehr wir ihm zu Dank 
verpflichtet sind. Seine Ausführungen waren um so inter¬ 
essanter, als er in der günstigen Lage war, uns Neues zu 
sagen, denn diese bayrische Zentralobsorgestelle ist eine 
neue Einrichtung, die besondere Art eines Versuches, die 
schwierige und uns von jeher beschäftigende Frage zu 
lösen, in welcher Weise mit der staatlichen Hilfe — auf 
die wir nicht verzichten können, und für die wir, wie ich 
zu Beginn unserer Tagung Gelegenheit hatte zu sagen, 
so dankbar sein müssen — unsere Arbeit geleistet werden 
kann. 

Mit grosser Freude konnten wir aus dem Vortrage 
entnehmen, wie nicht nur die bayrische Regierung, sondern 
auch die bayrische Volksvertretung unseren Bestrebungen 
günstig gesinnt ist, und die Schwierigkeiten, von denen der 
Herr Redner uns zu berichten hatte, die in den eigenartigen 
bayrischen Heimatsverhältnissen und der Unterstützungs¬ 
wohnsitz-Gesetzgebung liegen, wird ganz gewiss die neue 
Obsorgestelle vollständig zu überwinden in der Lage sein- 
Wir wollen ihr in dieser Beziehung nur Gutes wünschen- 

Ich nehme an, dass eine Diskussion ühov Vor¬ 

trag nicht gewünscht wird. 


Wenn das nicht der Fall ist, so erteM Vh Hern^ 
Regierungsrat J a q u e s das Wort, um n^vision 

unserer Verbandsrechnung Bericht zu ^ 

^ statten. 

Regierungsrat J a q u e s - Breslau; 

Dem mir gestern erteilten Auftrao- erstatte 

ich der Versammlung über die zufolge 

folgenden Bericht. ^ ision der Reel 



88 


Die Rechnung ist gelegt worden für die Periode vom 
Mai 1907 bis 20. Oktober 1910 und schliesst in Einnahme 
und Ausgabe ab mit dem Betrage von je 3747 M. 39 Pfg. 
In diesem Einnahmeposten ist enthalten der Kassenrest 
von 29 M. 32 Pfg., der auf neue Rechnung übertragen 
worden ist. Der Vermögensbestand des Verbandes beläuft 
sich auf 1105 M. 96 Pfg. 

Die Rechnung ist von mir geprüft worden. Sie ist 
durchweg belegt. Erinnerungen sind nicht zu ziehen. Ich 
erlaube mir den Vorschlag, dem Rechner des Verbandes 
Entlastung zu erteilen und ihm den Dank der Versammlung 
für seine Rechnungsführung, von deren Sorgfalt ich mich 
überzeugt habe, auszusprechen. (Beifall.) 

V ersitzender: 

Wird gegen diesen Vorschlag nichts eingewendet, so 
nehme ich an, dass er von der Versammlung angenommen 
ist, und dass die Versammlung auch mit mir einverstanden 
ist, wenn ich dem Herrn Berichterstatter für seinen Bericht 
und für die Durchsicht der Rechnung den Dank der Ver¬ 
sammlung ausspreche. 

Wir kommen nun zur Beratung der Frage 7 a: 

Welche neuen Aufgaben erwachsen den Fürsorge- 
. vereinen durch die Einrichtung der Jugendgerichte, 
und wie sind diese Aufgaben zu lösen ? 

Ich erteile für diese Frage dem Herrn Referenten 
Amtsgerichtsrat Frankel-Breslau das Wort. 

Amtsgerichtsrat Dr. Frankel -Breslau: 

Hochgeehrte Versammlung! 

„Ihr führt ins Leben uns hinein, 

Ihr lasst den Armen schuldig werden 
Dann ühex'lasst Ihr ihn der Pein !* 

Mit diesen Worten erhebt der Harfner in „Wilhelm 
Meisters Lehrjahre“, indem er sich anscheinend an die 
„himmlischen Mächte“ wendet, eine Anklage gegen die 
menschliche Gesellschaft. Bestätigen diese treffenden 
Worte Goethe’s nicht den alten Erfahrungssatz: „Der 
Dichter ist ein Prophet!“ Hat er nicht mit Sehermunde 
zu einer Zeit, in der von sozialem Empfinden, überhaupt 
dem sozialen Bewusstsein der Gesellschaft sonst nicht das 
Mindeste verlautete, durch diese Worte zum Ausdruck 
gebracht, woran unsere Gesellschaft leidet und was not¬ 
tut, um allmählich zu einer Gesundung zu gelangen. Noch 



89 


war allgemein die Anschauung verbreitet, dass der Rechts¬ 
brecher ganz allein für seine Straftat schuldig sei, und 
dass er allein durch eine angemessene, möglichst hohe 
Strafe das begangene Unrecht zu sühnen habe. — „Aug' 
um Aug’, Zahn um Zahn“, war immer noch der leitende 
Gesichtspunkt, von dem aus der Staat die Straftaten sühnte; 
und nunmehr pocht ein Goethe, mahnend oder auch viel¬ 
leicht vorbereitend die kommende Umwälzung und An¬ 
schauung, an das Gewissen der Menschheit und ruft vor¬ 
wurfsvoll aus: „Unbekümmert um die Not, um das Elend, 
um die Zukunft der Nachkommen bringt Ihr sie zum 
Dasein; und wenn sie dann durch Eure Einrichtungen zu 
Falle kommen, dann erhebt Ihr den rächenden Arm, als 
ob sie allein die Schuld trügen und nicht auch Ihr die 
Mitschuldigen wäret.“ 

Mit denselben Ansprüchen an das Leben wie der 
Wohlhabende und Reiche wird auch der Aermste geboren, 
die Genüsse des Lebens erscheinen ihm nicht minder be¬ 
gehrenswert. Der mit reichem Besitz Gesegnete vermag 
sie sich mit Leichtigkeit zu verschaffen. Kein Anlass, 
gegen die von der Gesellschaft aufgestellten Gesetze zu 
verstossen, liegt für ihn vor. Und wenn der Arme in 
dem berechtigten Verlangen nach diesen Gütern strauchelt 
und zu Falle kommt, ist er der allein Schuldige? Und 
wenn die Dirne und Prostituierte, die uns auf der Strasse 
begegnet, mit Recht unseren Abscheu erregt, haben wir 
uns nicht zu vergegenwärtigen, ob es ihre alleinige Schuld 
war, die sie zu Falle brachte; ob nicht die von den An¬ 
schauungen der sogenannten guten Gesellschaft so sehr 
abweichende Auffassung ihrer Umgebung von Sitte und 
Anstand; ob nicht die Not, in die sie geraten, als sie einst 
vom Lande her stellungs- und obdachlos in die Grosstadt 
gelangte; ob sie nicht in der ihr mangelnden Obhut ein 
Opfer des Uebermutes und der Frivolität der Männerwelt 
wurde. ‘ 

„Dann überlasst Ihr sie der 
diesen Vorwurf von der Gesellschaft abzu^v^„^_,.' waren 
die Gefangenenfürsorgevereine bisher sch or> i: Jpbt eile 
schweren, mit dem Vollzug der Freiheitsstrafe!. ^^Inndenen, 
ausserhalb des Strafzwecks liegenden ^ ftU' 

die Betroffenen zu mildern, und so die 
Verurteilten nicht dem Untergänge anhein.t^i'r^^^Tlasse'U 
nachdem sie bereits durch Strafverhü^ Y 

söhnt haben. Nach der Entlassung aus 


gC' 



90 


oder der Strafanstalt ist es selbst für den Arl^eitswilligsten 
mit den unüberwindlichsten Schwierigkeiten verknüpft, 
Arbeit zu erhalten, insbesondere seiner Persönlichkeit an¬ 
gemessene und lohnende. Ueberall wird er als entlassener 
Strafgefangener zurückgewiesen, und es liegt dann die Gefahr 
nur zu nahe, dass er durch Hunger und Entbehrung wieder 
auf den Weg des Verbrechens getrieben und so von neuem 
„schuldig wird“. 

Die Fürsorgevereine haben ferner durch Unterstützung 
der Familien während der Haft des Ernährers, dessen sie 
oft auf lange Zeit beraubt sind, die Not derselben zu 
lindern gewusst. 

In diesen Aufgaben haben sich bisher die Bestrebungen 
der Gefangenenfürsorgevereine erschöpft. Sie waren unter¬ 
schiedslos, alt und jung, allen Strafgefangenen und deren 
Familien zugewendet. 

„Ihr lasst den Armen schuldig werden!“ 
Unsere Zeit ist bemüht auch diesen Vorwurf von sich 
abzuwenden. Die Zunahme der Kriminalität, insbesondere 
unserer Jugend hat die grossen Gefahren, in welcher die 
Gesellschaft lebt, auf das Grellste beleuchtet. Sie hat 
erkannt, dass man dem Verbrechertum durch das von ihr 
bisher geübte Verfahren nicht beizukommen vermag, dass 
die Strafen allein, wie sie bisher erkannt und vollstreckt 
wurden, eine Besserung nicht herbeizuführen vermögen 
und so die Gesellschaft, wenn sie hier nicht geeignete 
Mittel und Wege findet, dem langsamen, aber sicheren 
Untergange geweiht ist. 

Diese Wahrnehmung hat die besten und edelsten 
Menschen auf den Plan gerufen, um in gemeinsamer Arbeit 
das Ziel zu erreichen: „Wie kann man es verhindern, dass 
die Menschen schuldig werden, wie zum mindesten die Zahl 
der Schuldigen möglichst einschränken und so den Zufluss 
der Eingesessenen unserer Gefängnisse eindämmen?“ Man 
fand die Lösung dieser Frage dahin: „Das Ziel ist nur 
dann erreichbar, wenn wir die Kriminalität bereits des 
heranwachsenden Geschlechtes, unserer Jugend, verringern; 
denn aus der heranwachsenden Jugend bildet sich ja die 
spätere Gesellschaft.“ 

Und wie verringern wir die Kriminalität der Jugend? 
— Darüber ist man sich klar, dass die Bestrafung allein, 
wie sie bisher gehandhabt wurde, auch bei Jugendlichen 
eine Besserung herbeizuführen nicht imstande ist. Die 
Zahl der Rückfälligen spricht hier eine zu beredte Sprache. 



91 


Man hat wahrgenommen — und dies spricht auch die 
Begründung des Entwurfs der neuen Straf-Prozess-Ordnung 
aus —, dass eine kurzfristige und mit Milde vollzogene 
Freiheitsstrafe, da wo die Straftat auf eine tiefergreifende 
Verwahrlosung zurückzuführen ist, die Besserung des 
Jugendlichen nicht zur Folge hat und die Furcht vor 
Strafe nimmt; langfristige und mit Strenge vollzogene 
Freiheitsstrafen aber das Gemüt des Jugendlichen verhärten 
und ihn mit Feindseligkeit gegen die bestehende Rechts¬ 
ordnung erfüllen. 

Ein „Liszt“ bewertet den bisherigen Straferfolg be¬ 
züglich der Jugendlichen dahin: ,,Je härter die Vorstrafe, 
desto rascher der Rückfall!“ und ein bekannter Anstalts¬ 
geistlicher erklärt: „Halten Sie uns die Jugendlichen von 
dem Gefängnis fern, haben sie damit einmal Bekanntschaft 
gemacht, dann sind sie verloren !“ Dieser Auffassung wurde 
auch auf der jüngsten Brüsseler Tagung der internationalen 
krimin. Vereinigung beredter Ausdruck gegeben. 

Nicht strafen, sondern erziehen, — nicht zerstören, 
sondern aufbauen, ist das Losungswort für alle in diesem 
KO bedeutungsvollen Kampfe Stehenden, und diesem Streben 
verdankt die neueste Gestaltung unserer Rechtspflege ihre 
Existenz: 

„Das Jugendgericht“! 


Treffend fasst der bekannte amerikanische Jugend¬ 
richter Lindsey die Aufgaben des Jugendgerichts dahin 
zusammen: „Straftaten zu verhindern, bevor sie noch be¬ 
gangen w'erden!“ 


Das Wesen des Jugendgerichts besteht bekanntlich 
flarin, dass die Aburteilung der Straffälle der 12 bis 

18 jährigen — der sogenannten Jugendlichen _ und die 

daran sich knüpfende vormundschaftsgerichtliche Behänd 
hing derselben in der Hand eines Richters vereint wird. 

Wegen dieses umfassenden Wirkungskreisen rias 
• iigendgericht darauf angewiesen und demoemäss auch 
bemüht, alle sich irgendwie der Fürsorö- ^ ^den 

Vereine zu gemeinsamer organisierter Arbo;^? wiamenü 
lind mit in den Dienst seiner Zwecke zu ^ l^^i'ünzuziehe 

Bisher fehlte es an einer richtio-pwv^^i^^^^'l* 
l’iirsorgevereine mit den Organen di^* ^Verbindung d 
sie auch auf diesem Gebiete nutzbar ^ ^^chtspflegc, 

In besonders hohem IMasse aber • ^^,.'Vtuchen. 

Erreichung des 7 : i Oef V't 

^ Zieles den jugcndgericbt 


liirsorge an der 


eil 




interessiert, weil, je eher die Vorfürsorge einsetzt, um 
so sicherer der Jugendliche vor dem Gefängnisse und 
späterer Kückfälligkeit bewahrt werden kann. 

Diese Prophylaxe ist der sicherste Weg, den Zu¬ 
fluss von Gefangenen in unsere Gefängnisse einzudämmen 
und so die Zwecke der Gefangenenfürsorgevereine um* so 
sicherer erreichbar zu machen; denn je kleiner das Ge¬ 
fangenmaterial ist, welchem die Fürsorge zugewendet 
werden muss, desto grösseren Anteil kann der einzelne 
Gefangene daran nehmen. 

Es tritt daher an die Gefangenenfürsorge vereine die 
dringende Aufgabe heran, sich darüber Klarheit zu 
verschaffen, „welche neuen Aufgaben ihnen die 
Einrfchtung der Jugendgerichte stellt und 
wie diese zu lösen sind?“ 

In meinen folgenden Ausführungen werde ich Ihre 
freundliche Aufmerksamkeit für den ersten Teil dieser 
Frage in Anspruch zu nehmen mir erlauben und die den 
Gef.-Fürsorge-Vereinen gestellten neuen Aufgaben erörtern, 
während der geehrte Herr Korreferent — nach einem 
zwischen uns getroffenen Uebereinkommen — die zweite 
Frage beantworten wird. 

„Ueber die Jugendgerichte“ 

ist ja nicht nur in den Fachzeitschriften, sondern auch 
in den Tagesblättern, seitdem diese Einrichtung von Amerika 
hierher übernommen wurde, laufend berichtet worden. 
Sie sind in Deutschland geschaffen worden, obwohl das 
geltende Gesetz sie noch gar nicht kennt, und zwar ledig¬ 
lich durch das Zusammenwirken der deutschen Jugend¬ 
fürsorgevereine, das verständnisvolle Eingreifen der Justiz¬ 
behörden und die lebhafte Unterstützung von Seiten der 
Presse. Die Jugendgerichte sind, obwohl die Dauer ihrer 
Elinrichtung bei uns erst zwei bis drei Jahre zählt, in 
unserem öffentlichen Rechtsleben bereits so fest einge¬ 
wurzelt, dass man ihnen allgemeinstes Interesse entgegen¬ 
bringt und sie nimmermehr missen möchte. Während es 
früher als etwas der Würde und Unnahbarkeit des Straf 
gerichtes widersprechendes erachtet worden wäre, Laien 
zur Erfüllung seiner Aufgaben heranzuziehen, — soweit 
es sich nicht etwa um die Tätigkeit der Schöffen oder 
Geschworenen handelt, — hat man nunmehr erkannt, wie 
segensreich die Mitwirkung des Laien hier einzutreten ver¬ 
mag, wenn sie in verständnisvoller und hingebender Weise 



sich der richterlichen Tätigkeit vorbereitend, einfügend 
oder anschliessend gesellt. 

Die Einrichtung des Jugendgerichts ist zur Zeit nur 
in den grösseren Städten vorhanden, wo die Zahl der zu 
verhandelnden Strafsachen als auch das Bestehen von 
Jugendfürsorgevereinen die Durchführung seiner Aufgaben 
am ehesten ermöglicht. Ob und in wieweit es der Folgezeit 
Vorbehalten ist, auch in kleineren Orten, oder selbst bei 
jedem Amtsgericht Jugendgerichte zu schaffen, wird erst 
durch die Novelle zum OVO. § 118^® bestimmt werden, 
deren Entwurf nur eine fakultative Errichtung des Jugend¬ 
gerichtes plant. 

In Berlin und Breslau sind es die „Deutsche“ bezw. 
„Breslauer“, „Zentrale für Jugendfürsorge“, in Frankfurt a.M. 
der „Verein Kinderschutz“, in anderen Städten ähnliche 
Fürsorgeverbände oder Ausschüsse, welche sich zu gemein¬ 
samer Tätigkeit mit dem Jugendgericht vereinen, und den 
Mittelpunkt für alle sich auf irgend einem Gebiete der 
Jugendfürsorge betätigenden Vereine und Privatpersonen 
bilden wollen. Ihre Aufgaben sind nach der Art ihres 
übereinstimmenden Zweckes überall dieselben, und deshalb 
wird sich ihre Mitwirkung, von nebensächlichen Punkten 
abgesehen, überall in der nämlichen Art a*bwdckeln. Das 
Gerichtsverfahren wird durchweg den Mittelpunkt bilden, 
um welchen sich die Mitwirkung der Jugendgerichtshilfe 
gruppiert. Letztere wird abgesehen von der Anwesenheit 
in der Hauptverhandlung sich in dem vorbereitenden Ver¬ 
fahren und der Nachbehandlung des Jugendlichen betätigen. 

I. Im vorbereitenden Verfahren. 

Um erziehlich auf Jugendliche, um heilend auf etwaige 
Krcxnkheitszustände ein wirken zu können, bedarf es einer 
Klarstellung der Lebensverhältnisse des Jugendlichen, der 
genauen Ermittlung seiner Umgebung. Ist erst die Straftat 
hinsichtlich ihres Ursprunges klargestellt, ob der Eingriff 
in das fremde Eigentum den unsittlichen Anschauungen 
der Familie entspricht, in welcher der Jugendliche lebt, 
sein Roheitsakt dem auch in anderen Fällen betätigten 
Gewalttätigkeitssinn, das Sittlichkeitsdelikt dem in dem 
betreffenden Hause nach den sonstigen Vorkommnissen in 
demselben offenbar mangelnden Sinn für Sitte und Anstand, 
dann ist es für das Gericht ein Leichtes zu bestimwen, 
ob und inwieweit es den jugendlichen Hechtsbree\\er für 
seine Straftat verantwortlich machen kann und es den 



94 


Rückfall desselben durch geeignete Behandlung zu ver¬ 
meiden im Stande ist. 

Es bedarf nun eines Kreises geeigneter Persönlich¬ 
keiten, welche für die Einholung der erforderlichen Ermitt¬ 
lungen passend erscheinen. Hier in Breslau sind es nicht 
nur Mitglieder der Zentrale selbst, sondern auch Vertreter 
der Vereine, welche die Jugendfürsorge sich zu ihren Auf¬ 
gaben gestellt haben, insbesondere Lehrer und Lehrerinnen, 
Studenten, Referendare, Missionare, ja ein freiwilliger Helfer¬ 
bund hat sich lediglich zu dem Zwecke gebildet, in dieser 
so wichtigen Aufgabe das Jugendgericht zu unterstützen 
und ist nach dieser Richtung auch mit gutem Erfolge tätig. 

Im Einvernehmen mit dem Polizeipräsidium und der 
Staatsanwaltschaft wurde hier ein Fragebogen eingeführt, 
welcher den Ermittlern die Richtung klar bezeichnet, nach 
welcher sich ihre Erkundigungen insbesondere zu erstrecken 
haben, und der ihnen einen breiten Raum für ihre sonstigen 
zweckmässigen Feststellungen lässt. 

Allwöchentlich findet bei dem hiesigen Amtsgericht 
eine sogenannte Helfersitzung statt, welche durch die sehr 
verdienstvolle Vorsteherin des Bureaus der Zentrale ge¬ 
leitet wird. IiL ihr gelangen die Fragebogen an die be¬ 
treffenden Ermittler zur Verteilung. Dringende Fälle, die 
eines sofortigen Einschreitens bedürfen, wie Misshandlung 
von Kindern, Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, werden hier 
vorgetragen und die zur Abstellung erforderlichen Mass¬ 
nahmen sogleich eingeleitet. Es melden sich Personen, die 
zur Uebernahme von Schutzaufsichten, Pflegschaften, Vor¬ 
mundschaften usw., je nach Lage des vorgetragenen Falles, 
bereit sind; schwierigere Fälle werden des Näheren er¬ 
örtert, die Aussprache trägt zur Klärung der Behandlung 
manchen Falles bei und die Anwesenheit der Jugendrichter 
gibt die Möglichkeit sich in Rechtsfragen Rat zu holen. 

Sobald die Staats- oder die Amtsanwaltschaft Anklage 
erhebt, gibt sie in Breslau der Zentrale Nachricht, so dass 
diese in der Lage ist, schon vor Eröffnung dos Verfahrens 
mit den Ermittelungen zu beginnen. 

An die Fähigkeit des Ermittlers werden naturgemäss 
je nach der Schwere des Falles verschieden grosse An¬ 
forderungen gestellt. Vor allem aber bedarf es eines 
sicheren Blickes, einer durch Erfahrung gezeitigten Menschen¬ 
kunde, eines der jeweiligen Situation der Umgebung an¬ 
gepassten Taktes, um die sachgemässe, zutreffende und er- 



95 


forderliche Information einziiziehen. Die Aufgaben des 
Ermittlers sind daher nicht geringe. 

Das Jugendgericht stellt somit an die Gefangenen- 
Fürsorgevereine in erster Reihe die Aufgabe, 
ihm geeignete Persönlichkeiten vorzuschlagen, welche 
das Amt eines Ermittlers zur angemessenen Vor¬ 
bereitung der Hauptverhandlung übernehmen und dieses 
Amt mit Verständnis und Hingebung ausführen 

II. In der Hanptverliaiidlung. 

Mit der Hauptverhandlung tritt das Jugendgericht in 
seine eigenste Tätigkeit. Sie ist durch die Erkundigungen 
seitens des Ermittlers hinsichtlich der Persönlichkeit der 
Beteiligten aktenmässig vorbereitet, so dass der Vorsitzende 
Jugendrichter bereits darüber unterrichtet ist, in welcher 
Umgebung der Angeklagte sich bisher befunden, ob dessen 
Eltern gut oder böse beleumundet sind, wie er sich in der 
Schule und zutreffenden Falles in den von ihm bisher inne¬ 
gehabten Dienst- oder Arbeitsstellen geführt, ob er sieh 
schon früher einer Straftat schuldig gemacht und nunmehr 
rückfällig geworden, ob sich die Tat lediglich als eine 
Abirrung von dem bisher innegehaltenen Wege der Ehr¬ 
barkeit und Sitte darstellt oder als Betätigung der bereits 
anderweitig offenbarten Neigung zu Roheits- oder Eigen¬ 
tumsdelikten. 

Damit nun auch die mitwirkenden Schöffen gleich dem 
Jugendrichter über diese so wichtigen persönlichen Momente 
unterrichtet werden, hat letzterer zur Hauptverhandlung' 
die Auskunftspersonen: Lehrer, T.ehrherren, Dienst- oder 
Arbeitsgeber geladen, so dass diese als Zeugen über jene 
Momente durch das Jugendgericht vernommen werden 
können. 

Indem der Richter auch den als Beistand des Ange¬ 
klagten erschienenen Vater oder sonstigen gesetzlichen 
Vertreter nach Möglichkeit in die Verhandlung zu ziehen 
sucht, gewinnt das Jugendgericht ein massgebendes Bild 
über alle hier interessierenden Fragen. 

Welche Klarheit über das Milieu des Angeklagten 
gewährt zum Beispiel eine so oft gehörte Bemerkung des 
Vaters oder der anwesenden Mutter bei Vorhaltung der 
von dem Kinde begangenen Eigentumsdelikte: „Das seien 
nur Dummheiten!“ oder wenn der greise Vater tränenden 
Auges erklärt, dass sich alle seine Kinder bisher brav g-e- 



1)6 


führt und sich Stellungen im Leben errungen und nur hier 
der Jüngste ihm von jeher Kummer gemacht und weder 
mit Milde noch mit Strenge auf den richtigen Weg habe 
gebracht werden können. 

Der Jugendrichter, der ja bestimmungsgemäss nicht 
nur Straf- sondern insbesondere auch Vormundschaftsrichter 
des Angeklagten ist, wird als solcher die Interessen des 
Jugendlichen stets in möglichst umfassender Weise wahr¬ 
zunehmen haben. Deshalb erscheint uns eine Verteidigung 
vor dem Jugendgericht in den meisten Fällen zum mindesten 
als überflüssig. Sie verlangt nicht geringe pädagogische 
Fähigkeit; sie ist durchaus zweckmässig, wenn sie das 
Gericht über persönliche Verhältnisse unterrichtet, welche 
dem Gericht bi.sher auf einem anderen Wege nicht bekannt 
geworden und für die Bedeutung des Falles erheblich sind; 
aber durchaus zweckwidrig und gefährlich, wenn sie im 
Widerspruch mit dem Sachverhalt die Tat als nicht ge¬ 
schehen hinzustellen oder die zweifellos begangene Tat in 
jeder Weise zu rechtfertigen und zu entschuldigen sucht 
und so der Aufgabe des Jugendgerichts, erziehlich auf den 
Minderjährigen einzuwirken, zuwiderhandelt. Demgemäss 
sprach sich auf dem Münchener Jugendgerichtstage, der 
ja erst vor wenigen Wochen stattfand, ein referierender 
Staatsanwalt aus Stuttgart mit Entschiedenheit dafür aus, 
dass die Schluss-Playdoyers in Abwesenheit des jugend¬ 
lichen Angeklagten gehalten werden. Der Jugendliche 
dürfe — so führte er aus — nicht die prozessualen Kniffe 
und dialektischen Kunststücke mit anhören, die sich manch¬ 
mal ein geschickter Verteidiger leiste. 

Soweit bisher hier vor dem Jugendgericht Anwälte 
als Verteidiger auftraten — es geschah dies nur in ver¬ 
einzelten Fällen —, haben sie, wie ich nicht unerwähnt 
lassen möchte, die ihnen pädagogisch vorgezeichnete Auf¬ 
gabe im grossen und ganzen richtig erkannt. 

Der Entwurf der neuen Straf-Prozess-Ordnung gibt 
nun dem Jugendrichter für den Fall, dass der Angeklagte 
nicht bereits einen Verteidiger hat, gewisse Direktiven 
hinsichtlich der Zuziehung eines Beistandes, dem alle Rechte 
eines Verteidigers eingeräumt werden. Als Beistand sollen, 
falls der gesetzliche Vertreter nicht als geeignet erscheint, 
in erster Reihe Mitglieder von F ü i' s o r g e v e r e i n e n 
herangezogen werden. 



97 


Aufgabe der Gefangenen - Fürsorgevereine wird 
es daher sein, falls der Entwurf der Straf-Prozess¬ 
ordnung Gesetz wird, dem Jugendrichter laufend die¬ 
jenigen Mitglieder anzugeben, welche zur Zuziehung 
als Beistand, zur Ausübung dieses Verteidiger¬ 
amtes in dem bezeichneten Sinne geeignet und 
bereit sind. 

Den Mitgliedern der Fürsorge vereine erwächst aber 
aus den Bestimmungen des Entwurfs einer Novelle zum 
GVG. eine neue, ganz besonders wichtige Aufgabe der 
Mitwirkung in der Hauptverhandlung. Bei der Auswahl 
der S<höffen hat nämlich künftig die Aufstellung einer 
besonderen Jahresliste für das Jugendgericht zu erfolgen, 
und sollen hiebei die Mitglieder von Fürsorgevereinen be¬ 
sonders berücksichtigt werden. 

Als bekannt darf ich wohl hier die Ausführungen 
des Herrn Landgerichtspräsidenten von Staff ansehen, 
welche im Anschluss an seinen im Frühlinge dieses Jahres 
in der Schlesischen Gefängnis-Gesellschaft gehaltenen 
Vortrag veröffentlicht wurden. 

ln klarer und überzeugender Weise wies dieser Auf¬ 
satz nach, dass die Stellung, welche dem Jugendrichter 
behufs Lösung seiner Aufgaben eingeräumt werden müsse,, 
entsprechend seiner selbständigen und unabhängigen Wirk¬ 
samkeit als Vormundschaftslichter dringend erheische, dass 
er auch als Strafrichter unbeengt durch die Mitwirkung 
von Schöffen die zu seiner Kognition gelangenden Fälle 
allein entscheide. 

Wenn ich die Erfahrung der Praxis hier mitsprechen 
lassen darf, so muss ich leider erklären, dass das uns 
bisher zur Verfügung stehende Schöffen material nur zum 
geringen Teil sich der Höhe der dem Jugendgericht ge¬ 
stellten Aufgaben und der Bedeutung seiner Alitwirkung 
bewusst ist. Diese Mitwirkung, soweit man von einer 
solchen sprechen darf, ist im grossen und ganzen belanglos. 
Unbeteiligt und uninteressiert bringen die Schöffen der 
Verhandlung oft anscheinend nur geringe Aufmerksamkeit 
entgegen; mit dem Schluss derselben ist für sie die ganze 
Angelegenheit erledigt. Die sich anschliessende Beratung 
zeigt nur zu oft das mangelnde Verständnis für ihre Auf¬ 
gabe. Es würde somit der Rechtspflege und dem allge¬ 
meinen Rechrsbewusstsein zweifellos kein Schaden zugefügt 
werden, wenn das Jugendgericht ohne Schöffen zu ent¬ 
scheiden hätte. Dem gegenüber führte allerdings Professor 

Blitter für Gefängniskunde. XLV, 7 



98 


Kitzinger-München auf dem dortigen Jugendgerichtstage 
nicht unzutreffend aus, dass wir die Jugendgerichte nur 
dann zu einer populären und volkstümlichen Einrichtung 
gestalten könnten, wenn sie Fühlung mit dem Volke haben. 
Hierzu aber sei nötig, dass wir an den Schöffengerichten 
festhalten. 

Wird demnach der Entwurf der Novelle zum Gerichts- 
Verfassungsgesetze Gesetz und somit in der bezeichneten Art 
das Schöffenmaterial gewählt, so wird die erspriessliche Mit¬ 
arbeit dieser Schöffen davon abhängig sein, dass sie in 
umfassender Weise über die Bedeutung und Höhe ihrer 
Aufgaben unterrichtet sind. 

Wie anders muss sich die Wirksamkeit der Schöffen 
gestalten, die nicht mit dem Schluss der Verhandlung ihre 
Tätigkeit erschöpft sehen, sondern nunmehr dem Verurteilten 
das Interesse entgegenbringen, dessen der Jugendliche zum 
Schutze vor weiterer Verfehlung und Verwahrlosung 
dringend bedarf. 

Das Jugendgericht stellt daher an die Gefangenen- 
Fürsorgevereine die ganz besonders wichtige Aufgabe, 
— auch hier, vorausgesetzt, dass der Entwurf der 
Novelle zum GVG. Gesetz wird, — in ihrem Kreise die 
ganze Bedeutung und Wichtigkeit der Jugendgerichte 
klar zu legen und ihre Mitglieder über ihre Pflichten 
als Schöffen zu unterrichten. Sie haben ferner die 
Aufgabe, dahin zu wirken, dass bei Eintragung 
der Mitglieder in die Urliste ihre Eigenschaft als 
„Mitglieder eines Fürsorge Vereins“ vermerkt wird, 
weil ja nur dieser Umstand ihre Zuziehung als Schöffen 
sichert und sonst diese Eigenschaft nicht erkennbar 
wird. 

Damit nun die Zentrale für Jugendfürsorge oder die 
sonstigen zur Wahrnehmung der Jugendfürsorge geschaffenen 
Organe anderer Städte über den Gang der Hauptverhand¬ 
lung und deren Ergebnis unterrichtet sind, entsenden diese 
eine Vertreterin in die Sitzung. (Sekretärin.) Diese bleibt 
hier stille Zuhörerin, die jedoch dem Gange der Ver¬ 
handlung genau folgt, um so insbesondere für die Nach¬ 
behandlung geeignete Massnahmen Vorschlägen zu können. 
Das Protokollbuch, welches in Breslau nach Schluss jeder 
Sitzung dem Jugendrichter zur Durchsicht vorgelegt, in 
den einzelnen Vermerken erforderlit hen Falls ergänzt oder 
berichtigt und von ihm unterzeichnet wird, gibt alsdann 
genauen Aufschluss über die Verhandlung. Unmittelbar 



99 


nach dieser tritt dann die Sekretärin an den Jugendrichter 
heran, um mit ihm über die Notwendigkeit einer Schutz¬ 
aufsicht oder sonstigen vormundschaftsgerichtlichen Mass¬ 
nahme zu beraten. Hier erschliesst sich nicht nur in den 
Fällen, in denen es zu einer Verurteilung gekommen, son¬ 
dern auch in gar manchen Fällen der Freisprechung der 
Zentrale ein umfassendes Gebiet sozialer Tätigkeit, 

Es ergibt sich z. B., dass der treue Sohn einer 
arbeitslosen Witwe zur Winterzeit von einem Kohlenwagen 
Heizmaterial entwendet hat, um seiner Mutter eine warme 
Stube schaffen zu können. Hier greift sofort die Zentrale 
ein und vermittelt der Mutter eine geeignete Arbeitsstelle. 
Derartige Fälle der Notwendigkeit eines sofortigen Ein¬ 
greifens sind keineswegs selten. Auf diese Weise kann die 
Quelle zu weiteren Straftaten rechtzeitig verschlossen 
werden. 

Aufgabe der Gefangenen-Fürsorgevereine würd e.s 
daher sein, auch hier helfend einzugreifen, und wird sich 
ihre Mitwirkung auch für die sog. Nachbehand¬ 
lung um so erspriesslicher gestalten, wenn ihre Mit¬ 
glieder als Beistände, Schöffen oder Vertreter der Für¬ 
sorgevereine der Hauptverhandlung beige¬ 
wohnt haben. 

ni. 

Wie gestaltet sich nun die Fürsorgetätigkeit nach 
beendeter Haupt Verhandlung und welche Auf¬ 
gaben stellt das Jugendgericht in dieser Beziehung? 

Während ja sonst mit dem Urteilsspruch die Aufgabe 
des Richters erschöpft ist, beginnt nunmehr für den Jugend¬ 
richter die Ausübung seiner vormundschaftsgerichtlichen 
Funktion. Der Jugendrichter hat, insoweit sich die bis¬ 
herige Verhandlung vor ihm abwickelte, einen umfassenden 
Einblick in die persönlichen Verhältnisse des Jugendlichen 
gewonnen, welcher ihn in den Stand setzt, unverzüglich 
das eiforderliche zu veranlassen. 

Während bisher die Gefangenen-Fürsorgevereine mit 
ihrer hilfreichen Tätigkeit erst einsetzten, wenn das Urteil 
gesprochen, ja in den meisten Fällen erst, nachdem es 
bereits durch — wenn auch nur teilweise — Verbüssung- 
der erkannten Freiheitsstrafe vollstreckt worden, ist das 
Jugendgericht seinem bereits entwickelten Prinzlpe nach 
bestrebt, den Jugendlichen nach Möglichkeit dem Gefängnisse 
fern zu halten. 


I ■' 



100 


Sobald ein Jugendlicher zur Untersuchungshaft ge¬ 
bracht werden soll oder gebracht worden ist, sucht der 
Jugendrichter, durch einen Beschluss auf vorläufige Unter¬ 
bringung aus § 5 des FEG. ihn vor der Untersuchungshaft 
zu bewahren oder die letztere doch nach Möglichkeil ab¬ 
zukürzen. 

Wir dürfen wohl annehmen, dass die in dem Ent¬ 
würfe zur StPO, vorgesehene Bestimmung Gesetz wird, 
wonach die Untersuchungshaft unterbleibt, wenn deren 
Zweck durch Unterbringung in einer Anstalt insbesondere 
mit Unterstützung eines Fürsorgevereines erreicht werden 
kann. 

Welch’ schöne neue Aufgabe wird hier den Gefangenen- 
Fürsorgevereinen erwachsen, durch Schaffung geeigneter 
Verwahrungshäuser nach dem Muster der amerikcanischen 
„Detention-houses“ die Jugendlichen vor der so gefährlichen 
Internierung in Gefängnissen zu bewahren. Diese Auf¬ 
gabe muss allerdings für absehbare Zeit bei der Höhe der 
erforderlichen Kosten zurückgestellt werden. 

Und wird der Jugendliche zu einer Freiheitsstrafe ver¬ 
urteilt, so befürwortet das Jugendgericht regelmässig seine 
Strafaussetzung. Das Prinzip der Strafaussetzung hat sich, 
das darf man auf Grund der gemachten Erfahrungen wohl 
mit Bestimmtheit behaupten, aufs Glänzendste bewährt. 
Es hat sich als ein ungemein erziehliches Moment gezeigt, 
dem gefallenen Jugendlichen vor Augen zu führen, dass 
er durch eine tadellose Führung sich vor der Vollstreckung 
der Freiheitsstrafe schützen und sich dauernden Straferlass 
sichern könne. Gewissermassen als Vorläufer in der Sonder¬ 
behandlung der Jugendlichen hatte für Preussen und dem¬ 
entsprechend in anderen deutschen Staaten der Erlass von 
1895 bereits die Strafaussetzung der Jugendlichen vor¬ 
gesehen, bis die allgemeine Verfügung vom 12 /4. 06 durch 
Einführung der Verzeichnisse A und B in Preussen das 
Strafaussetzungsvei fahren in allen Einzelheiten regelte. 

Als bekannt darf ich wohl voraussetzen, dass hier in 
das Verzeichnis A alle dem Justizminister zur Strafaus¬ 
setzung empfohlenen Jugendlichen, in das Verzeichnis B 
aber nur die eingetragen werden, für welche auf Grund 
guter Führung während der Bewährungszeit dauernder 
Straferlass erbeten wird. 

Der, man darf wohl sagen nur tastende Versuch, 
welchen Preussen mit dem Erlass von 1895 gemacht und 
welcher sodann in seiner Berechtigung durch die Einfüh- 



101 


runj? der Verzeichnisse von 190H bestätigt worden ist, 
findet seine konsequente Entwicklung in der durch den 
Vorentwurf zum neuen StrGB. für das ganze deutsche 
Reich vorgesehenen bedingten Strafaussetzung und in der 
Bestimmung, wonach die Strafe ni(;ht nur ausgesetzt und 
erlassen, sondern auch im Wege der Rehabilitation — wie 
dies nach französischem Recht schon heute der Fall ist — 
im Strafregister als solche gestrichen werden kann. 

Nicht gar selten wurde ich als Jugendrichter von den 
Verurteilten, welche des Strafeilasses teilhaftig wurden, 
befragt, ob sie nunmehr noch als Bestrafte in den Registern 
geführt und sonach alle die Nachteile mitzutragen hätten, 
welche aus dieser Eintragung für sie als bereits Bestrafte 
bestünden; ich musste die Frage bejahen, von der Empfin¬ 
dung durchdrungen, wie ungleich aussichtsvoller und daher 
erziehlicher die Mitteilung auf den Jugendlichen gewirkt 
hätte, dass er durch gute Führung seine völlige Unbescholten¬ 
heit wieder zu erlangen im Stande sei. 

Ist nun den Verurteilten Strafaufschub bewilligt, so 
hat die Erfahrung gezeigt, dass, es durchaus nötig ist, dem 
Jugendlichen während der Bewährungsfrist eine Schutz¬ 
aufsichtsperson, d. h. eine Persönlichkeit zur Seite zu stellen, 
welche ihn im Bedarfsfälle an seine Pflicht ermahnen, 
insbesondere auf die Folgen einer etwaigen Verfehlung 
stets von Neuem hinweisen und nötigenfalls das rechtzeitige 
Eingreifen des Vormundschaftsrichters veranlassen kann. 
Es gilt hier die geeigneten Persönlichkeiten herauszufinden, 
welche sich dieser oft recht schweren Aufgabe unterziehen. 
Denn auch diese haben mit den gleic'-hen Schwierigkeiten 
wie die Ermittler zu kämpfen und es bedarf eines hohen 
Hasses diplomatischer und feinfühlender Gewandheit, um 
hier nicht lästig zu fallen oder gar für den Jugendlichen 
schädlich zu wirken. Ein wie geringes soziales Empfinden 
unserer Zeit zum Teil noch innewohnt, und mit welcher 
Vorsicht die Schutzaufsichtspersonen zu verfahren haben, 
geht daraus hervor, dass Arbeitgeber oder Dienstherren, 
Handwerksmeister, ja auch Kaufleute wiederholentlich die 
betreffenden Erkundigungen über die Führung eines jugend¬ 
lichen Angestellten mit dem Bemerken erwiderten: „Wenn 
über den N. N. noch einmal Erkundigung eingeholt wird, 
entlasse ich ihn.“ 

Es wird daher die Aufgabe der Gefangenen-Für- 
sorgevereine sein, dem Jugendgericht aus ihren Kreisen 
eine möglichst grosse Zahl von geeigneten Schutz¬ 
aufsichtspersonen zur Verfügung zu stellen. 



102 


In richtiger Erkenntnis dieses Bedürfnisses hat auch 
der Entwurf zur neuen StrPO. dem Jugendrichter die 
Befugnis eingeräumt, falls Anklage nicht erhoben wird, 
den Jugendlichen für eine bestimmte Frist der Aufsicht 
eines „Fürsorgers“ zu unterstellen und hat für das Amt 
eines solchen die „Mitglieder der Fürsorgevereine“ als in 
erster Reihe in Betracht kommend bezeichnet. 

Der Bestellung einer Schutzaufsichtsperson bedarf es 
naturgemäss nur dann, wenn es dem Jugendlichen an dem 
Schutze eines sorgenden Elternteiles oder eines sonstigen 
energischen gesetzlichen Vertreters ermangelt. Das Straf¬ 
verfahren hat aber oft gezeigt, dass es einer energischeren 
Massnahme bedarf, um den Jugendlichen vor Rückfall zu 
bewahren. Die Eltern sind Trinker, oder vielfach vor¬ 
bestraft, ihr Lebenswandel ist ein unsittlicher. Alsdann 
hat es sich als Notw’endigkeit ergeben, ihnen das Personen¬ 
sorgerecht zu entziehen; dem Jugendlichen statt ihrer einen 
geeigneten Pfleger zu bestellen, und ihn selbst wenn mög¬ 
lich aus seiner bisherigen Umgebung zu entfernen. 

In dieser Beziehung hat der § 1666 BGB. die Erwar¬ 
tungen nicht erfüllt, welche der Gesetzgeber offenbar bei 
seiner Schaffung im Auge hatte. Es fallen die schönsten 
Beschlüsse des Vormundschaftsrichters auf Entfernung des 
Kindes aus seiner bisherigen Umgebung, auf dessen Unter¬ 
bringung in einer Anstalt usw. ins Wasser, wenn nicht 
irgend ein charitativer Fürsorge verein sich des Kindes 
annimmt, und es an den erforderlichen Mitteln fehlt, wie 
es bei den hier insbesondere in Frage kommenden Volks¬ 
schichten fast ausnahmslos der Fall ist. Es bleibt dann 
dem Richter keine andere Möglichkeit als die Anordnung 
der Fürsorgeerziehung, ein Notbehelf, welcher z. B. in 
Preussen ausgeschlossen ist, sobald der Jugendliche bereits 
das 18. Lebensjahr vollendet hat. So konnte hier im Laufe 
dieses Jahres gegen eine Jugendliche, die wegen Gewerbs- 
unzucht aufgegriffen und bestraft wmrden war, weder die 
Fürsorgeerziehung noch deren Unterbringung in eine 
geeignete Anstalt angeordnet werden, weil sie inzwischen 
bereits 18 Jahre alt geworden war und trotz eifrigster 
Bemühung der hiesigen Zentrale sieh keine Anstalt zu 
ihrer unentgeltlichen Aufnahme bereit fand. 

Aufgabe der Gefangenen-Fürsorgevereine wird es 

dahersein,um die Jugend vor demGefängnis zu schützen, 

rechtzeitig nach Massgabe der ihnen hierin zur Ver- 



fügung stehenden Kräfte die Unterbringung der 
Jugendlichen in geeignete Familien oder An¬ 
stalten zu vermitteln. 

Die Hauptverhandlung ergibt nicht selten, dass der 
Vormund sich der Bedeutung seiner Aufgaben nicht be¬ 
wusst gewesen, ja dass seinem Mündel bisher gar nicht bekannt 
war, wer als Vormund fungierte. Hier entsteht für den 
Jugendrichter die Pflicht, an die Stelle des bisherigen einen 
anderen geeigneten Vormund zu setzen, welcher der Per¬ 
sönlichkeit des Jugendlichen gerecht werden kann. In 
dieser Beziehung hat die hiesige Zentrale durch geeignete 
Vorschläge bisher recht gutes geleistet. Eine bekannte Tat¬ 
sache ist es ja, wie ungeeignete Persönlichkeiten, und zwar 
lediglich nach der Reihe irgend eines vorliegenden Ver¬ 
zeichnisses von der gesesetzlichen Vorschlagsbehörde be¬ 
nannt werden. In hiesiger Stadt wird ebenso wie es bereits 
in anderen Städten geschehen, voraussiclitlich binnen Kurzem 
dieser Misstand durch Schaffung von Berufsvormündern 
beseitigt werden. 

Bei dem sonstigen Mangel an geeigneten Vor¬ 
mündern und Pflegern wird es aber ganz besonders 
die Aufgabe der Gefangenen - Fürsorgevereine sein, 
durch Benennung geeigneter Vormünder und 
Pfleger aus ihren Kreisen die Zwecke des Jugend¬ 
gerichts zu unterstützen. 

Dem erwähnten Misstand, dass mangels vorhandener 
Mittel für den Jugendrichter die Massnahmen aus Paragraph 
1666 BGB. unmöglich werden, hat die hiesige Z*‘ntrale in 
bester Weise abzuhelfen gewusst. Sie hat insbesondere 
für Jugendliche, welche bereits soweit entwickelt sind, um 
in der Landwirtschaft mit tätig sein zu können, geeignete 
Stellen auf dem Lande ermittelt und selbst die Bekleidung 
und Beförderung der Jugendlichen dahin auf ihre Kosten 
ausgeführt. 

In gleicher Weise hat sie durch Beschaffung von 
Lehr- und Dienststellen in der Stadt und auf dem Lande 
die geeignete Unterbringung Jugendlicher ermöglicht. 

Auch hier werden die Gefangenen-Fürsorge- 
vereine diese Stellungsvermittlungstätig¬ 
keit als ihre Aufgabe zu erachten und nach Mög¬ 
lichkeit zu erfüllen haben. 

Die Gefangenen-Fürsorgevereine haben von jeher ihre 
Hauptaufgabe darin gesehen, den entlassenen Gefangenen 



104 


die Rückkehr in die menschliche Gesellschaft zu bahnen 
und eine geeignete Existenz zu verschaffen. 

Die Aufgabe des Jugendgerichts verlangt es, ohne 
dass es zu einer Verhängung oder gar Verbüssung einer 
Freiheitsstrafe gekommen ist, alle Personen, hinsichtlich 
deren die polizeilichen Ermittelungen die Notwendigkeit 
eines Eingreifens ergeben haben, dem Schutze geeigneter 
Organisationen der freien Hilfstätigkeit zu unterstellen, 
ferner Schritte einzuleiten, welche die Verwahrlosten oder 
der Verwahrlosung entgegengehenden Jugendlichen zur 
Umkehr, Rückkehr in das Elternhaus oder zur Wieder¬ 
aufnahme geordneten Erwerbes zu führen geeignet sind. 

Es kommen hier in erster Reihe die verwahrlosten 
Frauenspersonen in Betracht. 

Man hatte sich bisher nur begnügt, das ganze Heer 
der armen, zerbrochenen Weiblichkeit in den Grosstädten 
polizeilich zu kontrollieren, zu inhaftieren, in das Elend 
hinein fest zu bannen, und nicht aus ihm herauszuziehen. Was 
aber aus der Einzelnen wurde, darum sich zu kümmern, 
lag völlig jenseits der Amtsobliegenheiten der Polizei. 
Welche grossen Summen geben unsere Staatskassen aus, 
um Gefängnisse und Krankenhäuser zu unterhalten; jede 
Person die durch geeignete Fürsorgetätigkeit in geordnete 
Lebensverhältnisse zurückgeführt wird, würde ohne diese 
Tätigkeit dem Staate ungleich mehr Geld kosten. 

Deshalb hat die mächtige Bewegung auf dem Gebiete 
sozialer Fürsorge in den jüngsten Jahren dazu beigetragen, 
in einer Anzahl grösserer Städte das Amt der „Polizei¬ 
assistentin“ oder „Polizeifürsorgedame“ zu schaffen, 
welche auf dem Gebiete der Jugendfürsorge eine um¬ 
fassende, prophylaktische Tätigkeit auszuüben hat. 

Diese Aufgabe zu erfüllen, sind vor allem die Frauen 
berufen, ja vielleicht sogar allein nur geeignet. 

Wer die Gelegenheit, ja wer das Glück hatte, wackere 
Frauen als Vormünder wirken zu sehen, der weiss, dass 
sie vermöge ihres so reich entwickelten Gemütslebens ein 
besonders warmes Empfinden für das Leiden, die Not und 
die Bedrängnis der Unmündigen, Hilflosen, der Hilfsbedürf¬ 
tigen haben, und dass ihnen kein Weg zu weit, keine 
Mühsal zu gross erscheint, wenn sie ihren Schutzbefohlenen 
nützen zu können glauben. 

Doch wer an den Bestrebungen, das so wichtige Amt 
einer Polizeiassistentin zu schaffen, selbst in einer Gress¬ 
stadt wie Breslau teilriehmen durfte, hat reichliche Gelegen- 



heit gehabt, wahrzunehmen, wie ungemein spärlich hier 
die Mittel des Staates fHessen, und in wie hohem Masse 
die Privatfürsorge bei der Dringlichkeit der Angelegenheit 
hier eingreifen muss. 

Gestatten Sie mir, aus dem Berichte der Polizei¬ 
assistentin von Dresden für 1908 und 1909 einige Zahlen 
mitzuteilen, welche die Tätigkeit dieser Fürsorgedame auf 
sozialem Gebiete veranschaulichen: 


1908 

io 70 Fällen 
33 Personen 

68 Fällen 
37 Personen 

36 Fällen 
57 Fällen 

37 Fällen 
15 Fällen 

59 Fällen 

69 Fällen 

19 Fällen 


1. Weiblichen Personen Dienstvermittlung 
angeboten 

Tatsächlich in Dienst getreten sind, soviel 
mir bekannt wurde 
2. Weibl. Personen Arbeitsvermittlung 
aiitreboten 

In Arbeit getreten und darin verblieben 

3. Bückkehr gefährdeter und gefallener 
Mädchen und Frauen ins Elternhaus oder 

zur Familie erfolgte 

4. Weibl. Personen wurden zur Reise in 

die Heimat veranlasst 

5. Bei der fast regelmässigen Mittellosig¬ 
keit der Mädchen und Frauen wurden 

Reisesrelder bezahlt 
Gepäcktraiisporte 

6. Weibl.Personen vorübergehenden Aufent¬ 
halt in Faiirikarbeiterinneiiheimen vermittelt 

7. Unterhalt und Wohnungsmiete für die 
ersten Tage (^v. auch mehrere Wochen), 
bis die Schützlinge ausreichenden Verdienst 

gefunden, bezahlt 

8. In 96 Fällen versuchte ich weibl. Personen 
von ihrer Absicht, sich unter sittenpolizei¬ 
liche Aufsicht stellen zu lassen, zurückzu¬ 
halten und zwar mit Erfolg 


1909 

in 120 Fällen 

85 Personen 

195 Fällen 
72 Personen 

103 Fällen 
79 Fällen 

47 Fällen 
33 Fällen 

76 Fällen 

46 Fällen 

36 Fällen 


Aus diesen Zahlen ist ersichtlich, wie segensreich die 
Polizeiassistentin zu wirken imstande ist, wie viele durch 
sie zu geordneter Tätigkeit zurückgeführt oder doch zur 
Wiederaufnahme einer solchen ermutigt und vor dem 
Gefängnisse bewahrt werden. 

8o gewährt sie den Bestrebungen der Gefangenen- 
Fürsorge vereine direkt und indirekt eine nicht gering an¬ 
zuschlagende Unterstützung. 

Daher erwächst für die Fürsorgevereine die 
Aufgabe, dahin mitzuwirken, überall das Amt der 
„Polizeiassistentinnen“ oder „Fürsorgedamen^^ 
mitschaffen zu helfen, wo es noch nicht vorhanden 
ist, und da wo dieses Amt bereits vorhanden ist, es 
in jeder Weise zu unterstützen. 



lOü 


So wird bereits die Fürsorgestelle am Berliner 
Polizeipräsidium von dem Verein zur Besserung der Straf¬ 
gefangenen tatkräftigst unterstützt. 

Die Erfahrung der Jugendgerichte lehrt, dass die 
Verwahrlosung der Jjigendlichen sich aus ganz bestimmten, 
sich stets wiederholenden Ursachen herleitet. 

Wir müssen es uns versagen, auf eine Reihe solcher 
wie: Abstammung von Trinkern, Arbeitsscheuen und 
Delinquenten, den Ursprung aus Älischehen, die vielfache 
Beschäftigung der Frau und Mutter ausserhalb des Hauses, 
das Schlafstellenunwesen, und so weiter, näher einzugehen. 
Es sind dies Verwahrlosungsquellen, deren Eindämmung 
und möglichste Beseitigung unabhängig von den Aufgaben 
der Jugendgerichte angestrebt wird. 

Doch aus der Praxis des Jugendgerichts möchte ich 
eine nur zu oft als Ursache für die Verwahrlosung unserer 
Heranwachsenden Grosstadtjugeiid wahrgenommene Tat¬ 
sache nicht unerwähnt lassen, zumal sie durch den Einfluss 
der hier in Frage kommenden Fürsorgevereine in ihrer 
•Schädlichkeit in hohem Grade eingeschränkt werden könnte: 
es ist die Verbreitung der Schundliteratur. 

Es wäre verhängnisvoll, wollte man achtlos an dieser 
Wahrnehmung vorübergehen und die ganze Erscheinung 
als harmlos erachten, etwa mit dem Hinweis darauf, dass 
auch wir als Kinder Räuber- und Indianergeschichten mit 
Interesse gelesen haben. 

Der Jugendrichter, welchem sich ja das ganze Gebiet 
der jugendlichen Verwahrlosung offenbahrt, sieht mit 
Schrecken, welches Unheil diese Lektüre in den weiten 
Schichten des Volkes, insbesondere in den unteren, anzu- 
l ichten imstande ist. Unter dem Eindruck solcher Lektüre 
verwirren sich alle Begriffe des Kindes von Recht und 
Unrecht, Sitte und Unehre. 

Ganze Scharen von Kindern schliessen sich zu Diebes¬ 
und Räuberbanden zusammen, welclie in der durch jene 
Bücher geweckten Abenteuerlust auf Heuböden, in Kellern 
oder im Freien nächtigen und durch Ausübung gemein¬ 
samer Diebstähle ihr Dasein fristen. 

Tränenden Auges erklärte mir der Vater eines solchen 
Knaben, dass sein Sohn bisher nicht zu dem mindesten 
Tadel Anlass gegeben, bis er sich den anderen Knaben 
angeschlosseri hätte. Unter dem Einfluss jener Schund¬ 
lektüre hätten sie einen Hauptmann gewählt, welchem sie 



107 


in Ausübung der Diebstähle willenlos gehorchen mussten. 
Die Leibesvisitation eines anderen Knaben ergab, dass er 
auf seinem blossen Körper ein Küchenmesser trug, welches 
er in geeignet erscheinenden Fällen zu gebrauchen bereit war. 

Welche Anschauung eine derartige Lektüre in dem 
Kopfe eines solchen 12jährigen Knaben zeitigt, erläuterten 
recht drastisch einige Briefe, die dieser an Schulkameraden 
gerichtet hatte. Sie gelangten in der Hauptverhandlung, 
in welcher sich der Knabe wegen einer Reihe von Dieb¬ 
stählen zu verantworten hatte, zur Verlesung. Er fordert 
hierin die Kameraden auf, ihm „mit beiden Schwur¬ 
fingern“ zu schwören, als „Kerle des Bundes“ ihm ewig 
treu zu sein, dann zeiire er ihnen Bücher, dass ihnen 
die Augen aufgehen würden. Messer und Revolver wollten 
sie ins Gebirge mitnehmen und dort ein schönes Leben 
führen. Dem Verräter aber werde der Garaus gemacht; 
denn die Kugeln pfeifen schön. 

Ein anderer Knabe nannte mir in der Hauptverhand¬ 
lung auf meine Frage, welche Bücher er gelesen, eine 
ganze Reihe der bekannten Literatur, unter anderem den 
bezeichnenden Titel: „Räuberhauptmann und Brandmüller“. 
Auf meine Frage, wieviel ein solches Heft gekostet habe, 
erklärte er „10 Pfennig“ und auf meine weitere Frage: 
aus wievielen solchen Heftchen sich das „Werk“ zusammen¬ 
gesetzt habe, „aus 100“. Dies gibt den Betrag von 10 M., 
wofür der Knabe eine ganze Klassikerbibliothek mit all 
ihrem belehrenden und erziehlichen Inhalt sich verschaffen 
konnte. 

Indem das Jugendgericht auf diese Quelle der 
Verwahrlosung ein helles Licht wirft, stellt es damit 
auch die Gefangenen-Fürsorgevereine vor die neue 
wie ebenso dringende Aufgabe, mit allen zu Ge¬ 
bote stehenden Mitteln die „Schundliteratur“ zu 
beseitigen oder doch nach Möglichkeit zu bekämpfen. 
Fassen wir die neuen Aufgaben zusammen, welche 
den Gefangenen-Fürsorgevereinen durch die Einrichtung 
der Jugendgerichte erwachsen, so sind dies somit folgende : 

1. Vorschlag geeigneter Ermittler behufs Erkundung 
der persönlichen Verhältnisse des Angeklagten vor 
der Hauptverhandlung. 

2. Benennung geeigneter Gerichtsbeistände für die 
Hauptverhandlung. 



108 


3. Belehrung ihrer Mitglieder über ihre Pflichten als 
Schöffen beim Jugendgericht und Sorge für deren 
ordnungsmassige Eintragung in die Urlisten. 

4, Teilnahme an der Hauptverhandlung zwecks Nach¬ 
behandlung und eventueller sofortiger Fürsorge¬ 
tätigkeit. 

6. Vorschlag geeigneter Sehutzaufsichtspersonen für 
die Nachbehandlung sowie geeigneter Vormünder 
und Pfleger. 

6. Vermittlung der Unterbringung von noch nicht 
Strafgefangenen Jugendlichen in geeigneten Familien 
und Anstalten, Lehrstellen und Arbeitsstellen. 

7. Veranlassung der Errichtung des Amtes einer 
„Polizeiassistentin“ und Unterstützung derselben. 

8. Bekämpfung der Schundliteratur; 

zu 2 und 3 vorausgesetzt, dass der Entwurf zur 
neuen StPO. bezw. zur Nov. zum GVG. Gesetz 
wird. 

Hier handelt es sich um die Stellung, w'elche die 
Gefangenen-Fürsorgevereine zu der so wichtigen Frage 
der Erziehung, Besserung und Veredelung unserer Jugend 
zu nehmen haben, zu der Frage, die heute das allgemeine 
Interesse aller derjenigen erfüllt, welche dem heran- 
wachsenden Geschlecht ihre Fürsorge entgegenbringen. 

Mögen sich die Gefangenen-Fürsorgevereine in diesem, 
im Interesse einer gedeihlichen Zukunft unseres Vaterlandes 
unbedingt durchzuführenden Kampfe, nicht durch andere 
Vereine ausschalten lassen. 

Und wenn rings in deutschen Landen die Saat auf¬ 
gegangen sein wird, die Sie, meine Hochverehrten, ira 
Namen .Ihrer Fürsorgevereine im edlen Wettbewerbe aus¬ 
gestreut, wenn alle die Segnungen sich erfüllt, die wir mit 
den unserer Jugend gewidmeten Mühen und Sorgen erstreben, 
dann allmählich wird das Lied des Harfners verklingen 
dürfen: 


„Ihr lasst den Armen schuldig werden. 
Dann überlasst Ihr ihn der Pein.“ 


(Lebhaf ter|Beif all.) 


Vorsitzender: 

Ich erteile nunmehr dem Mitberichterstatter, Herrn 
Pastor Just, das Wort. 



109 


Korreferent Pastor A. Just- Breslau (Geschäftsführer 
der Schlesischen Gefängnisgesellschaft): 

Meine Damen und Herren! 

Unser verehrter Herr Referent hat uns in packenden 
Worten ein Idealbild dessen gezeichnet, was alles geschehen 
kann und soll, um unsere Jugend vor dem Gefängnis, vor 
der Berührung mit dem Bösen, vor dem Fallen überhaupt 
zu bewahren. Es ist mir eine angenehme Pflicht, zu allem, 
was er sagte, meine Zustimmung auszusprechen. Sie 
wollen mir gestatten, dass ich nun in Kürze die Wege zu 
zeigen versuche, auf denen unsere Vereine sich an der 
Lösung der geschilderten Fragen beteiligen können. Es 
sind gewaltige Aufgaben, die vor unsere Seele gestellt 
worden sind, Aufgaben, deren Erfüllung, wie wir alle wissen, 
nur dann möglich ist, wenn mit vereinten Kräften an der 
Gesundung unseres Volkes gearbeitet wird. Wie mancher 
unter Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, wird nicht 
in der Errichtung von Jugendgerichten die Erfüllung so 
mancher Wünsche erblicken, die Sie lange in Ihrer Brust 
verschlossen gehalten haben. Und wie viele Hoffnungen 
und Erwartungen werden nicht den Jugendgerichten ent¬ 
gegengebracht, die sie alle erfüllen sollen, und von denen 
doch immer wieder ein Teil wird unerfüllt bleiben müssen. 
Es würde wunderbar sein, wenn bei dieser Sachlage nicht 
die Bildung der Jugendgerichte neue Arbeitslust und neues 
Interesse in unseren Vereinen wecken würde. Ist doch 
unsere ganze Arbeit nur ein Glied der allgemeinen sozialen 
Hilfe, deren rasches Anwachsen und kräftiges Arbeiten 
unserem Jahrhundert den Stempel aufdrückt. Wie wir im 
Kampfe gegen die Ursachen so vieler Verbrechen mit 
anderen Vereinen Zusammenarbeiten, z. B. gegen den 
Alkohol die Hände reichen den Antialkoholvereinen, welcher 
Richtung sie auch sein mögen, wie wir im Kampfe gegen 
die Unzucht nicht hintenan bleiben können, wie man uns 
auf dem Platze findet, wenn es gilt, gegen Obdachlosigkeit 
und Vagabunden wesen zu kämpfen, so muss auch das 
Jugendgericht in uns willige Helfer und bereite Mitarbeiter 
finden. 

Freilich, wie der Herr Referent ausgeführt hat, das 
Jugendgericht hat nicht die Aufgabe, sieht aber doch einen 
seiner Hauptvorteile darin, dass es die jungen Leute vor 
dem Gefängnis und vor der Strafe überhaupt bewahrt; 
und unsere Vereine hatten es bisher meist mit Bestraften 



110 — 


zu tun. Es gibt freilich auch Gefangenen-Fürsorgevereine, 
welche sich z. B. der Fürsorgezöglinge annehmen, also 
junger Leute, die doch auch noch nicht mit dem Gefängni.s 
in Berührung gekommen sein müssen; andere Vereine 
haben überhaupt Jugendpflege für die verwahrloste und 
gefährdete Jugend auf ihre Fahne geschrieben und haben 
auch versucht, nach dieser Richtung hin zu wirken und 
zu arbeiten. Aber bei der Fülle der Arbeit, die uns die 
Entlassenen und die Fürsorge für die Familien der Ge¬ 
fangenen brachte, bei der stets steigenden Arbeitsleistung, 
die namentlich in Zeiten sinkender Konjunktur die Arbeits¬ 
vermittelung verlangte, konnte für diese Nebenarbeit nur 
wenig Zeit und Kraft verwendet werden, und die meisten 
Vereine, die unserem Verbände angehören, haben daher 
ausschliesslich sich der Gefangenen und der Entlassenen 
angenommen. Man könnte also meinen, dass somit ein 
Gegensatz bestünde zwischen Gefangenen-Fürsorge und 
Jugendgerichtshilfe; jene soll erst eintreten, wenn die 
Strafe verbüsst wird und ist, diese hat den Zweck, die 
Strafe überhaupt auszuschalten. Die Gefangenenfürsorge 
würde bei einer idealen und absolut erfolgreichen Jugend¬ 
gerichtshilfe fast ganz verschwinden und überflüssig 
werden; man könnte meinen, dass somit ein Zusammen¬ 
arbeiten dieser beiden Instanzen unmöglich wäre. Aber 
mir scheint, das gerade Gegenteil ist der Fall. Der tiefste 
Grund unserer Gefangenen-Fürsorgearbeit ist doch das 
Bestreben, die Menschen auch vor dem Gefängnis, dem 
Zuchthause zu bewahren. Sie bat den Zweck, sich selbst 
überflüssig zu machen. Wie man, um ein Beispiel aus 
einem naheliegenden Gebiet zu nehmen, jetzt viel von 
einer Selbstauflösung der Inneren Mission redet, die durch 
ihre Arbeit ihr Bestehen unnötig machen soll, so kann 
man auch unserer Gefangenenfürsorge dieselbe Tendenz 
zusprechen. Und wenn unsere Bemühungen immer den 
gewünschten Erfolg hätten, dann würde unsere Arbeit sehr 
bald nur noch wenig beansprucht werden. So können 
sich die Gefangenen-Fürsorge vereine und die Jugend¬ 
gerichtshilfe die Hand reichen; beide müssen vereint 
zusam m en stehen. 

Wie schon oben erwähnt, ist die Forderung von 
Jugendgerichten ein Wunsch unserer Vereine gewesen. 
Die Erkenntnis, dass die Jugend sehr oft nicht in das 
Gefängnis, sondern in bessernde und bewahrende Fürsorge 
gehört, ist zuerst in dem Kreise derer entstanden, die die 



111 


tiefsten Einblicke in die Wirkung der Strafe auf das 
jugendliche Gemüt, machen können, in dem Kreise der 
Anstaltsdirektoren und -Pastot-en und dann in dem der 
Gefangeiienfürsorgearbeiter. Wie oft müssen wir es nicht 
bei unserer Arbeit sehen, wie verbittert und störrisch ein 
junger Mensch nach kurzer Strafe aus der Anstalt ent¬ 
lassen wird; wie krampft es uns nicht auf der anderen 
Seite in das Herz, wenn wir sehen, dass eine milde durch¬ 
geführte Strafe auf den Jugendlichen durchaus nicht ab¬ 
schreckend gewirkt hat; und wie ist es uns nicht so oft 
als das ewige Gericht erschienen, wenn eine in der Jugend 
erlittene Strafe sich dem Mann an die Fersen heftete und 
ihn auf allen seinen Wegen verfolgte, ihm die Existenz 
untergrub und selbst . noch das so mühsam erkämpfte 
Familienglück störte. Darum müssen wir uns freuen, dass 
Jugendgerichte nun auch in Deutschland schon eingerichtet 
sind, und dass diese Einrichtung in Zukunft nach dem 
Vorentwurf zum Strafgesetzbuch noch weitere Ausdehnung 
und vor allem die feste gesetzliche Grundlage finden soll. 
Sollten wir da nun untätig zur Seite stehen wollen, wenn 
diese von uns so heiss ersehnte Einrichtung nach tätigen 
Mitarbeitern ruft, wenn man die Hand ausstreckt, um im 
Kampfe gegen das Verbrechen, gegen böse Gewöhnung 
und schlechte Sitten Freunde und Mitarbeiter zu finden? 
Nein, wir haben geschulte Arbeitskräfte, wir haben gediente 
Soldaten in unseren Reihen, die in das menschliche Leben 
und in das menschliche Laster hineingesehen und das 
Menschenherz kennen gelernt haben, die aber auch ver¬ 
stehen, aus jahrelanger Erfahrung heraus verstehen, die 
Menschen zu leiten und zu beurteilen. Darum sollen und 
müssen wir uns in die Reihen der Mitarbeiter der J ugend- 
gerichtshilfe stellen. Gefangenenfürsorge und Jugendgerichts¬ 
hilfe müssen Zusammengehen. 

Freilich müssen wir dabei ein leises Klagelied an- 
stimmen, dass an manchen Orten unsere Arbeit bei der 
Organisation der Jugendgerichtshilfe gering geachtet oder 
ganz an die Seite gedrängt worden ist. Heber der Be¬ 
geisterung für das neue und der Lust, neues zu schaffen, 
hat man das bewährte Alte vergessen; man hat manchmal 
neues geschaffen, wo altes doch nur umzugestalten oder 
zu neuem Leben zu rufen gewesen wäre. Diese Klage 
soll uns aber nicht die Arbeitsfreudigkeit rauben. Wir 
sind die berufenen Mitarbeiter der Jugendgerichte; und in 
kleinen Städten, in Orten, in denen sich eine neue Organi- 



112 


sation nicht begründen lässt oder nicht begründet werden 
soll, wird unser Verein berufen sein, die gesamte Jugend- 
gerichtshilfe in die Hand zu nehmen. Wir müssen ja doch 
stets im Auge behalten, dass nach dem Vorentwurf die 
Einführung der Jugendgerichte auch in kleinen Orten vor¬ 
gesehen ist; an die Mehrzahl unserer Vereine ist bis jetzt 
die Frage der Jugendgerichte praktisch noch nicht heran¬ 
getreten, aber sie wird dann an sie herankommen, und in 
solchen kleineren Orten wird unser Verein der ganz von 
selbst gegebene Mitarbeiter des Jugendgerichts sein. 
Darum sollen wir uns darauf rüsten. Schon jetzt müssten 
unsere Vereine ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit aus- 
sprechen und die Verbindungen knüpfen, die dann im 
gegebenen Falle nur fester gezogen zu werden brauchen; 
schon jetzt müssten unsere Vereine sich mit den ihnen 
dann zustehenden Aufgaben vertraut^ machen, damit sie 
über die Mittel zur Erfüllung derselben sich klar werden. 
Ich kann es mir gar nicht anders denken, als dass in 
kleinen Orten der Gefangenen-Fürsorgeverein, an dessen 
Spitze oder in dessen Vorstand ja doch meist schon jetzt 
der Amtsrichter steht, die gesamte Arbeit der Jugend¬ 
gerichtshilfe übernimmt, sich dazu neue Mitarbeiter an¬ 
gliedert und so eine neue, wirkungsvolle Arbeit auf seine 
Schultern ladet. 

In grösseren Orten, in grossen Städten, werden die 
Aufgaben der Jugendgerichtshülfe den schon an und für 
sich viel beschäftigten Fürsorgevereinen zu gross und zu 
schwer werden. Auch sind ja in solchen Orten noch 
andere, willige, bereite Organisationen vorhanden, die diese 
Arbeit mit auf ihre Schulter nehmen wollen, konfessionelle 
und interkonfessionelle Rettungsvereine, humanitäre Frauen- 
und Wohltätigkeitavereine, interessierte Einzelpersönlich¬ 
keiten usw. Diese in einen besonderen Verein zusammen¬ 
zufassen, wird der gegebene Weg sein, der ja auch wohl 
meist betreten und mit Erfolg betreten worden ist. Wir 
wollen über diese Wendung der Dinge nicht scheel sehen, 
im Gegenleil uns ihrer freuen; denn wir wissen es, dass 
wir allein die Arbeit nicht treiben können, und dass es 
eine Arbeit ist, bei der es vor allen Dingen auf tätige 
Mitarbeiter ankommt. Aber ich kann mir eine solche 
Jugendgerichtshilfe oder Jugendlürsorgezentrale oder wie 
man sie sonst nennen mag, nicht denken, ohne dass der 
Gefangenen-Fürsorgeverein eine besondere Stelle in ihr 
einnimmt, eine gewichtige Rolle in ihr spielt und seine 



113 


Mitprlieder zu tätigen Mitgliedern der Zentrale macht. 
Schlie-sslich sind unsere Mitarbeiter doch oftmals die 
einzij<en Sachverständigen und vor allem die, die ohne 
Illusion und ohne den so gut gemeinten, aber oft so ver¬ 
derblichen Optimismus an die Lösung der Aufgaben heran¬ 
treten. Darum gilt es in grossen Städten, dass unsere 
Vereine, wo es noch nicht geschehen ist, bald der Jugend¬ 
zentrale bei treten und in ihr den Einfluss zu gewinnen 
streben, der ihnen infolge ihrer langjährigen Erfahrung 
auf diesem Gebiete zukommt. 

Wie diese Mitarbeit bei der- Jugendgerichtshilfe im 
einzelnen zu denken ist, hat unser verehrter Herr Referent 
schon ausgeführt. Nur einiges will ich hier noch hervor¬ 
heben. Unsere Pfleger und Helfer müssten doch vortreff¬ 
liche Schöffen beim Jugendgericht sein. Vertraut mit dem 
Elend der niederen Klassen, bekannt mit der Wirkung der 
Strafe auf die einzelnen Individuen müssten sie verständ¬ 
nisvolle Mithelfer des Jugendrichters sein. Ferner: wie 
trefflich könnten nicht die Schöffen durch unsere Vereins¬ 
arbeit in dem Zusammenhang von Milieu und Vergehen 
eingeführt werden. Und endlich noch eins: Unser Herr 
Referent forderte Massnahmen zur vorläufigen Unterbringung 
jugendlicher Angeklagten, auch der Fürsorgezöglinge. Be¬ 
hördliche Anstalten dieser Art gibt es noch nirgendsdie 
Notbehelfe in den einzelnen Orten sind oft höchst bedenk¬ 
licher Art. Hier muss die private Tätigkeit eingreifen und 
hier könnten die Kapitalien, die in unseren Fürsorgevereinen 
vielfach ungenützt liegen, zu gutem Zwecke verwendet 
werden. Ein kleines Haus, in kleineren Verhältnissen viel¬ 
leicht nur eine Wohnung als solches Bewahrungsheim ein¬ 
gerichtet, geleitet von verständigen und väterlich strengen 
Hauseltern, das würde den Anforderungen meist genügen, 
und eine neue schöne Aufgabe könnte von unserem Verein 
gelöst werden. Vor allem aber gilt es, in unseren Vereinen 
die Frauen zu tätigen Mitarbeitern heranzuziehen und heran¬ 
zubilden. Wie viele Frauen schreien heute nicht nach 
Tätigkeit, nach ernster, sozialer Arbeit! Und wie viele 
Aufgaben sind zu lösen nur mit Hilfe der deutschen Frau! 
Unsere Vereine haben vielfach diese Mitarbeit der Frau 
zu wenig oder gar nicht herangezogen, und doch sind schon 
die alten Aufgaben, Pflege der Familien der Gefangenen, 
Trost für die verlassenen Mütter, Rat und Stütze für die 
entlassenen Frauen, in erster Linie durch die Frauen zu 
lösen. Und nicht minder fordern auch die Jugendpflege 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. 8 



114 


und die Jugendgeriehtshilfe die Mitarbeit der Frauen. 
Darum wollen wir die deutsche Frau mit ihrer stillen, 
ruhigen, treuen und sanften Arbeit für unsere Vereine ge¬ 
winnen. Dann werden wir auch die neuen Aufgaben besser 
erfüllen können. 

Man fürchte dabei nicht, dass durch diese neue Arbeit 
unsere alten Aufgaben in den Hintergrund geschoben wer¬ 
den könnten, die eigentliche Fürsorge für die Entlassenen, 
die Pflege der Familien, die Aufsicht über die Polizei-Ob- 
servaten, die Arbeitsvermittelung und anderes meiir. Ge¬ 
wiss, die Gefahr liegt nahe, und es wird Gegenstand der 
em.sten Aufmerksamkeit der beteiligten Personen sein 
mü.ssen, diese Gefahr zu vermeiden und dafür zu sorgen, 
dass über der interessanteren, manchmal auch scheinbar 
dankbareren und schliesslich auch nicht so unangenehmen 
Arbeit der Jugendgerichtshilfe unsere eigentliche Gefangenen¬ 
fürsorgetätigkeit Schaden leide. Aber auf der anderen 
Seite könnten gerade durch die populäre Arbeit der Jugend- 
gerichtshilfe auch unseren Vereinen neue Freunde und Mit¬ 
arbeiter gewonnen werden, die sich bisher von der ein¬ 
seitigen Tätigkeit ferngehalten und unseren Bestrebungen 
nur sehr geringes Interesse entgegengebracht haben. 

So wollen wir alle danach streben, unsere Vereine 
leistungsfähiger zu machen; nicht unser Verein ist ja der 
Zweck unserer Arbeit, sondern das gemeinsame Wohl un¬ 
seres Volkes; ihm gedient utid es gefördert zu haben, wird, 
auch der heuen Arbeit schönster Lohn sein. 

Vorsitzender: 

Hochverehrte Versammlung! 

Als Ihr Sprecher sage ich den beiden Herren für 
ihre von einer edlen Begeisterung getragenen, auch uns 
begeisternden Ausführungen den herzlichsten Dank. Solche 
Worte sind geeignet, die Gefühle, die das Dichterwort des 
Herrn Amtsgerichtsrats Frankel uns in die Erinnerung 
gebracht hat, in Taten umzusetzen. 

Es war wohl notwendig, dass sich die Schutzvereine 
einmal mit der Frage auseittandersetzten: wie haben sie 
sich zu der neuen Einrichtung der Jugendgerichte zu ver¬ 
halten, der Jugendgerichte, die, wie einer der Herren 
Redner mit Recht gesagt hat, ja gerade einen alten Wunsch 
aus unseren Kreisen verwirklicht haben. Ich glaube. 
Sie werden wohl alle mit den Ausführungen der beiden 
Herren Redner, die in diesen Punkten durchaus der gleichen 



115 


Meinung waren, einverstanden sein: Gefangenen- 
Hchutztätigkeit und Jügendhilfe müssen Zu¬ 
sammenwirken. 

Nach der Zusammensetzung unserer Organisation wird 
es ja nicht möglich sein und auch von niemand ari- 
gestrebt werden können, über die Art, wie das geschehen 
soll, in einzelne Vorschriften einzutreten und etwa hier 
eine Beschlussfassung der Versammlung dahin zu erzielen, 
dass wir unseren einzelnen Verbandsmitgliedern, den ein¬ 
zelnen Schutzvereinsverbänden und -Vereinen vorschreiben 
wollen, in welcher Weise sie das machen sollen und machen 
müssten. Wir würden vielfach dazu gelangen, dass dann 
ein derartiger Beschluss mit den Statuten der einzelnen 
Verbände in Widerspruch geriete. 

Wenn wir also zu einer Beschlussfassung gelangen 
wollen — und ich würde es für wünschenswert halten, 
dass wir die Stimmung der heutigen Versammlung durch 
einen bestimmten Beschluss, durch eine Sympathleäusseruhg 
kristallisieren — so kann das nur auf der Basis geschehen, 
dass wir bei dem Allgemeinen bleiben. 

Ich bitte nun, meine hochverehrten Damen und Herren, 
— es richtet sich jetzt mein Wort ganz speziell auch an 
die Damen — in die Diskussion einzutreten und sich zu 
den Ausführungen der Herren Redner zu äussern. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e r h a u s - Breslau: 

Meine verehrten Damen und Herren! 

Ich möchte es nicht unternehmen, den beredten 
Worten der Herren Referenten etwas Neues auf dem Ge¬ 
biete noch hinzuzufügen, auf dem ihre Ausführungen sich 
bewegten. Aber es drängt mich, nach zwei Richtungen 
Gedanken Ausdruck zu geben, die durch die Referate 
ansreregt worden sind, und mit denen ich vielleicht auf 
einige Zustimmung rechnen kann. 

Zunächst etwas mehr Aeusserliches. Herr Amts¬ 
gerichtsrat Fränkel hat darauf hingewiesen, dass eine 
Jagendgerichtsorganisation nur in grösseren Städten mög¬ 
lich sei, und ich selbst habe im vorigen Jahre, als wir in 
der Schlesischen Gefängnisgesellschaft die Ausführungen 
des Herrn Landgerichtspräsidenten von Staff über die 
Jugendgerichte hörten, einer ähnlichen Auffassung Ausdruck 
gegeben. 

Demgegenüber möchte ich auf eine praktische Er¬ 
fahrung aus dem letzten Jahre verweisen, die vielleicht 



116 


Keime zu einer weiteren Entwicklung enthält, nämlich -die 
Versuche, eine Verbindung des Jugendgerichts auch bei 
kleineren Amtsgerichten durchzuführen, insofern, als da 
der,Vormundschaftsrichter, soweit er nicht schon Schöffen¬ 
richter war, ebenfalls die Strafsachen gegen Jugendliche 
zugeteilt erhält, während der andere Schöffenrichter ver¬ 
blieb. Aeusseriich liess sich das dadurch ausführen, ohne 
eine die Schöffen belastende Vermehrung der Sitzungen, 
indem bei der Schöffensitzung die Sachen gegen Jugend¬ 
liche überall an die Spitze der Sitzungen gesetzt und 
abgeurteilt wurden unter dem Vorsitz des Vormundschafts¬ 
richters, der dann den Saal verliess, sodass dann der 
ordentliche Schöffenrichter eintrat. Dadurch sind zwei 
ausserordentlich wesentliche Vorzüge des Schöffengerichts: 
die Verbindung des Vormundschaftsrichters mit dem 
Schöffenrichter und zweitens die Trennung der Jugend¬ 
lichen von anderen erreicht worden, und diese kleinen 
Mittel, die aber doch die Keime von Erfolg in sich schliessen, 
sind in letzter Zeit auf eine ganze Reihe von Gerichten 
ausgedehnt worden. Auch für die bevorstehende neue 
Geschäftsverteilung für das Jahr 1911 habe ich angeregt, 
diesen Gedanken da, wo geeignete Persönlichkeiten vor¬ 
handen sind, durchzuführen. 

Wichtiger erscheint mir aber etwas anderes, was sich 
unter dem Eindruck unserer gesamten Verhandlungen mir 
immer mehr aufdrängt. Wir haben darüber verhandelt, 
inwiefern die Schutzvereine für entlassene Strafgefangene 
auf dem Gebiete der Jugendrechtspflege mitwirken sollen. 
Wir haben ferner sowohl bei den Vorträgen über den 
progressiven Strafvollzug, wie auch bei dem gestrigen 
Vortrage über die vorläufige Entlassung immer den einen 
Gedanken durchkliiigen hören, dass eine Fürsorge von 
geeigneten Vereinen hier helfend in die Strafjustiz ein- 
greifen muss, dass, wie ich gestern schon bemerkte, der 
Strafvollzug ein Teil der Rechtspflege ist. Ich habe auch 
bei einem früheren Anlass hier, wo ich selbst die Ehre 
hatte, einen Vortrag zu halten, darauf hingewiesen, wie 
alles immer mehr danach drängt, ehrenamtliche Organe in 
die Staatstätigkeit einzuschalten. Wir wissen ja, dass der 
Erfolg sovrohl der Jugendgerichte wie der bedingten Ver¬ 
urteilung in Nordamerika zum grössten Teil durch die frei¬ 
willigen Organisationen erzielt worden ist, die sich dort 
den Richtern zur Hilfe darbieten, und wenn wir nun hier 
sehen, wie eine Reihe von Aufgaben neu erwachsen, dann 



117 


könnte man den Gedanken anregen, ob man nicht Vereine 
schaffen solle, mächtige, freiwillige Organisationen, die 
nicht hier die Fürsorge für die entlassenen Strafgefangenen, 
dort die Fürsorge für kriminelle Jugendliche übernehmen, 
sondern die in gemeinsamer Arbeit alle diese Zweige um¬ 
fassen. Man würde dadurch geeignete Kräfte anders nutzbar 
machen und vielleicht auch die finanziellen Mittel mehr 
vereinigen können, wenn derselbe Verein die verschiedenen 
Aufgaben übernähme. 

Gegenüber einem solchen Verein würde auch die 
Frage einer staatlichen Zentrale angeregt werden können, 
über die wir ja vorhin aus Bayern interessante Mit¬ 
teilungen hörten. 

Natürlich kann ein solcher Gedanke nicht prinzipiell 
bloss ausgesprochen, sondern muss ausgestaltet werden, 
und natürlich setzt diese Ausgestaltung auch eine nähere 
Erwägung, üeberlegung voraus. 

Was ich hier allein aussprechen wollte, war die An¬ 
regung, ob eine solche Zentralisation der Vereine im ganzen 
— wobei ja in den grossen Städten die Spezialisierung 
immerhin bleiben mag, dass derselbe Verein in verschiedenen 
Abteilungen den verschiedenen Zwecken dient — nicht 
eine Aufgabe der Zukunft ist, und vielleicht ist es Ihrer 
nächsten Hauptversammlung in Hamburg beschieden, schon 
auf diesem Gebiete wieder weitere Erwägungen anzustellen 
und fortzuarbeiten. 

Generalstaatsanwalt Dr. Preetorius -Darmstadt: 

Meine Damen und Herren! 

Auch ich stehe vollkommen auf dem Standpunkt, der 
von den Herren, die bisher gesprochen haben, präzisiert 
worden ist. Ich meine aber, dass, wenn der Wunsch unseres 
Präsidenten in Erfüllung gehen soll, dass nämlich der Nieder¬ 
schlag aller dieser Gedanken in Form eines praktischen 
Beschlusses in die Aussenwelt dringt, wir die Leitsätze, 
die von den beiden Herren Referenten aufgestellt worden 
sind, einer gewissen Sichtung unterziehen müssen. Vor 
allen Dingen gehören in die Leitsätze nicht die Erwägungs¬ 
gründe hinein, sondern ich bin der Meinung, dass nur das 
hinein soll, was demnächst als Richtschnur für die Schutz¬ 
vereine, als Wünsche an die Schutzvereine gelten soll, 
denn dass wir die Schutzvereine, die ja vielfach durch 
ihre Satzungen schon beschränkt sind, nicht zwingen können, 



118 


das zu tun, was wir hier für wünschenswert halten, hat 
bereits unser Herr Präsident Ihnen äuseinandergesetzt. 

Ich meine, es ist zunächst erforderlich, dass wir vön 
denjenigen Gedanken absehen, die sich an den Vorentwurf 
zu dem Strafgesetzbuch anknüpfen. Ich möchte es für 
zweckmässig halten, wenn wir auf realem Boden stehen 
bleiben, wenn wir lediglich die Verhältnisse zu Grunde 
legen, die jetzt gelten, und es der Zukunft überlassen, was 
demnächst zu geschehen hat, wenn das, was jetzt im Vor¬ 
entwurf steht, in Wirklichkeit Gesetz werden sollte. 

Ich bin weiter der Meinung, dass in dem Leitsatz 6, 
den Herr Amtsgerichtsrat Fränkel aufgestellt hat, das 
Wort „Anstalten“ zu streu hen sei, denn die Unterbringung 
eines Jugendlichen in einer Anstalt wird regelmässig aus¬ 
schliesslich Sache der Verwaltungsbehörde sein, die sich 
nicht leicht von einem Schutzverein hineinreden lassen wird. 

Ich bin ferner der Meinung, dass die Bestellung von 
Polizeiassistentinnen über den Rahmen der Tätigkeit eines 
Schutzvereins hinausgeht, und endlich meine ich, dass die 
Bekämpfung der Schundliteratur, so sympathisch diese 
Bestrebung uns auch allen ist, denn doch auch weit über 
den Rahmen hinausgeht, den die Schutzvereine sich nun 
einmal ziehen müssen. 

Ich glaube nämlich, meine Damen und Herren, dass 
ein Verein dann seinen Zwecken und Zielen am besten 
dienen kann, wenn er sich eine weise Beschränkung auf¬ 
erlegt, wenn er streng an das sich hält, was ihm geboten 
ist, und w^enn er anderen das überlässt, was in diesem 
Rahmen nicht steht. 

Von diesen Gesichtspunkten bin ich ausgegangen, 
wenn ich mir erlaubte, einen Vorschlag zu machen, der 
ungefähr den Gedanken der beiden Herren Referenten 
Rechnung trägt, dei aber zugleich diejenigen Beschränkungen 
enthält, die ich soeben auseinandergesetzt habe. Ich 
möchte Vorschlägen, dass wir heute folgende Leitsätze 
akzeptieren und zum Beschluss erheben: 

1. Es ist erwünscht, dass die Schutzvereine, deren 
Fürsorge sich seither satzungsgemäss meist nur auf Ge¬ 
fangene — durch Unterstützung ihrer Angehörigen — und 
äüf entlassene Gefangene beschränkt, ihre Wirksamkeit auf 
die jugendlichen Peisonen erstrecken, gegen welche wegen 
einer Straftat ein Jugendgerichtsverfahren anhängig ist. 



119 


2. Solche Wirksamkeit wird sich im Benehmen mit 
den Gerichten und der Staatsanwaltschaft hauptsächlich 
in folgenden Richtungen entfalten: 

a) Bestellung geeigneter Persönlich¬ 
keiten, welche durch sorgfältige Er¬ 
mittlung der Verhältnisse des Ange¬ 
schuldigten eine möglichst erschöpfende 
Kenntnis seiner Individualität für die 
Hauptverhandlung verschaffen. 

b) Teilnahme eines Vertreters an der 
Hauptverhandlung zur Einleitung der 
Nachbehandlung und etwa angezeigten 
sofortigen Fürsorge. 

c) Vorschlag geeigneter Fürsorge¬ 
vormünder und Pfleger, sowie Vermitt¬ 
lung der Unterbringung in Familien, 
Lehr- und Arbeitsstellen. 

B. Besteht am Orte ein Verein oder eine 
sonstige Organisation, welche die Jugendfürr 
sorge bearbeitet, so hat sich der Schutz¬ 
verein zur Unterstützung und Mitarbei t z ur 
Verfügung zu stellen. 

Ich sollte meinen, meine Damen und Herren, dass in 
diesen Leitsätzen so ziemlich alles das ausgedrückt ist, 
was die Herren Vorredner empfohlen haben, dass sie nur 
entsprechend kürzer gehalten sind und es vor allen Dingen 
vermeiden, einen Zwang auszuüben, den auszuüben wir 
nicht in der Lage sind. Ich darf zum Beispiel anführen, 
dass in der Satzung des hessischen l^chutzVereins für ent¬ 
lassene Gefangene der § 1, soweit er hier einschlägt, 
dabin lautet: 

„Der Hessische Schutzverein bezweckt, den Insassen 
der einheimischen Strafanstalten sowohl während der Haft 
als auch nach der Entlassung bessernd und helfend zur 
Seite zu stehen, um ihnen die. Rückkehr zu einem ge¬ 
ordneten Leben zu erleichtern “ 

Also hier haben Sie eine ganz definitive Beschränkung 
lediglich auf die Gefangenen. Es wäre also hier ohne 
eine Satzungsänderung gar nicht zu erreichen, dass die 
Tätigkeit sich auch auf alle die Gebiete erstreckt, die vo® 
den Herren Referenten berührt worden sind. 

Ich möchte den Herrn Präsidenten bitten diese Leit¬ 
sätze vielleicht zur Diskussion zu stellen. ’ 



120 


Vorsitzender: 

Verehrte Anwesende! 

Diesem W^unsche komme ich gern nach. 

Frau Regierungsrat Wagner- Breslau: 

Rednerin bespricht die Tätigkeit der Frauen bei der 
Jugendfürsorge. So gerne sie geleistet werde, so müssten 
die Frauen doch auch wünschen, dass sie nicht nur als 
Helferinnen und Beratende, sondern auch als Beschliessende 
beigezogen würden; insbesondere sollten der Verband und 
die Schutzvereine ihren Einfluss dahin geltend machen, 
dass die Frauen auch als Schöffen bei den Jugendgerichten 
zugezogen würden. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e r h a u s - Breslau: 

Ich möchte mir zu dem Leitsatz 2 eine Erläuterung 
von dem Herrn Generalstaatsanwalt erbitten. 

Es ist dort gesagt, dass die Jugendvereine, die Fürsorge¬ 
vereine auch in allen den Fällen einzutreten hätten, in 
denen gegen Jugendliche ein gerichtliches Strafverfahren 
anhängig gemacht werde. Soviel ich weiss, sorgen die 
Fürsorgevereine für Jugendliche aber nicht bloss in dem 
Falle eines Strafverfahrens, sondern auch in dem Falle 
einer Fürsorgeerziehung, und ich möchte nur dem Miss¬ 
verständnis Vorbeugen, als wenn diese Tätigkeit, die dem 
Wortlaut nach nicht unter die Resolution fällt, etwa nicht 
auch unter Umständen eine Aufgabe der Schutzvereine 
für Gefangene sein könnte. 

Generalstaatsanwalt Dr. Preetorius -Darmstadt: 

Der Gesichtspunkt, von dem ich bei Aufstellung des 
Leitsatzes 2 ausgegaugen bin, war der, dass ich auch hier 
eine weise Beschränkung für erforderlich hielt. Gewiss 
ist es grundsätzlich wünschenswert, wenn die Schutz vereine 
sich auch an der allgemeinen Fürsorgetätigkeit für Jugend¬ 
liche beteiligen, auch ohne dass ein Jugendlicher sich 
gerade einer strafbaren Handlung schuldig gemacht hat 
und deswegen vor Gericht gestellt wird. Allein bei einer 
ganzen Reihe von Vereinen wäre eine derartige Tätigkeit 
ohne Satzungsänderung gar nicht möglich. In Hessen haben 
wir eine Reihe von Organen, die sich speziell der Jugend¬ 
fürsorge gewidmet haben. Unser hessischer Schutz verein 
war aber bis jetzt nicht imstande, sich daran zu beteiligen, 
auch nur sich zur Verfügung zu stellen, sondern wir 
mussten uns vollkommen beiseite halten, weil wir uns 
sagten: unsere satzungsgemässe Aufgabe ist bereits’so 



121 


gross und das, was wir zu tun haben, reicht so weit, dass 
wir, ganz abgesehen von den Bestimmungen der Satzung, 
uns etwas unmögliches aufladen würden, wenn wir auch 
noch daran teilnehmen wollten. 

Deswegen glaubte ich, es entspräche wohl mehr der 
Tätigkeit der Schutz vereine, die doch nun einmal in erster 
Linie an ein gerichtliches Verfahren denken, an Gefangen- 
imd Verurteiltsein usw., wenn auch die Tätigkeit für 
Jugendliche bei den Schutzvereinen sich zunächst auf 
diejenigen Jugendlichen beschränken sollte, die sich mit 
dem Gesetz in Konflikt gesetzt haben. 

Geheimer Oberjustizrat Plaschke -Berlin: 

Meine verehrten Herren und Damen 1 

Ich habe allerdings auch die Empfindung, dass der 
Antrag des Herrn Kollegen Preetorius in gewissem 
Grade einem Missverständnis begegnen könnte. Es ist ja 
ganz unzweifelhaft richtig, dass in der Beschränkung sich 
der wahre Meister zeigt, und dass es vielleicht ganz gut 
ist, wenn man sich darüber klar wird: Ist es nicht besser, 
dass der Kreis, den die einzelnen Fürsorgevereine bearbeiten 
wollen, sich etwas verengert, und zwar deshalb, weil man 
doch darüber im Zweifel sein kann, ob bei den fortgesetzt 
gesteigerten Anforderungen, die an die Fürsorgevereine 
herangetreten sind und in Zukunft vielleicht auch noch 
heran treten werden in den Vereinen genug — ich will ein¬ 
mal sagen —^ Arbeitsbienen vorhanden sind. 

Ich erkenne es als durchaus richtig an, dass vielfach 
in den Vereinen Satzungen vorhanden sind, die diese neuen 
Gebiete nicht einschliessen; aber auf der anderen Seite 
hat sich, wenigstens bei uns in Preussen, doch die Sache 
etwas anders gestaltet. Man hat sich nicht so ängstlich 
an die Satzungen gekehrt, wie Herr Generalstaatsanwalt 
Preetorius es von Hessen berichtet. Allen den Aufgaben, 
die heute und gestern gestreift und erörtert worden sind, 
haben sich einzelne, wenigstens grössere und viele Vereine 
in Preussen bereits mit mehr oder minder Erfolg, aber mit 
grossem Eifer unterzogen. Ich erinnere beispielsweise daran, 
dass bei den Strafaussetzungen, die ja, wie Sie wissen, in 
Preussen recht umfangreich erfolgen — es sind im Jahre 
1908 14533 Personen gewesen, gegen die die Strafaussetzung 
erfolgte, und darunter 10359 Jugendliche — sich die Ver¬ 
eine gerade dieser Leute ganz ausserordentlich intensiv 
angenommen und auch gute Erfolge gehabt haben. Das, 



122 


obgleich eigentlich nach den Statuten der meisten Vereine 
diese Leute gar nicht unter ihre Aufgiibe fielen, denn es 
waren ja keine entlassenen Strafgefangenen, sondern es 
waren Leute, die mit dem Gefängnis noch keine Bekannt¬ 
schaft gemacht hatten, bei denen die Strafe ausgesetzt 
worden war. 

Es ist ferner von den Vereinen — ich erinnere an 
Westfalen, das sogenannte Hamm’sche Prinzip, und an 
Frankfurt — in intensiver Weise dahin gearbeitet worden, 
dass man die Verhältnisse der Jugendlichen, bezüglich deren 
ein Strafverfahren eingeleitet wurde, erörtert, und vieles 
von dem, was hier verlangt wird, geschieht dort bereits. 

Endlich kann auch der letzte Punkt, den Herr General¬ 
staatsanwalt Preetorius vorgeschlagen hat — wenn ich ihn 
recht in der Erinnerung habe, so lautet er etwa dahin: 
wenn solche Vereine da sind, so haben sich ihnen die Für¬ 
sorgevereine zur Verfügung zu stellen — auch etwas anders 
aufgefasst weiden, als er vielleicht gemeint ist. Es ist 
tatsächlich so gewesen, dass die Fürsorgevereine auch auf 
diesem Gebiete sehr intensiv gearbeitet haben, ohne dass 
sie sich den Vereinen zur Verfügung gestellt haben, mit 
anderen Worten also, dass sie nicht auf fremde Rechnung 
hin arbeiten, sondern auf eigene Rechnung. Wenn 8ie nun 
den Wortlaut der Thesen ansehen, dann könnte es den 
Anschein gewinnen, als ob man diese so ausserordentlich 
erspriessliche und anerkennenswerte Arbeit von hier aus 
darum nicht recht billigte, weil sie über den eigentlichen 
Rahmen der Aufgaben der Vereine hinausging. Deshalb 
wollte ich Herrn Preetorius anheimstellen, die Sache noch 
etwiis allgemeiner zu fassen. Ich bin im Prinzip durchaus 
ganz einverstanden; nur möchte ich nicht haben, dass hier 
Thesen angenommen werden, die immerhin eine Missdeutung 
dahin möglich machen: das, was Ihr bis jetzt gemacht habt, 
geht eigentlich über den Rahmen eurer Tätigkeit und 
eurer Aufgaben hinaus. Das möchte ich vermeiden. 

Vorsitzender: 

Ehe ich Frau Geheimrat Schüler, die um das Wort 
gebeten hat, das Wort erteile, möchte ich mir gestatten, 
die persönliche Bemerkung zu machen, dass ich meinerseits 
dem Herrn Obeiiandesgerichtspräsidenten durchaus bei- 
stiinme und es von meinem Standpunkt aus durchaus 
begrüssen würde, wenn die Sätze des Herrn Dr. Preetorius 
eine solche Fassung bekämen, dass die Auslegung, die mit 



— 123 


Recht der Herr Oberlandesgerichtspräsident ihnen erteilt, 
vollständig ausgeschlossen wäre, namentlich dass also in 
einer unzweideutigen Weise zum Ausdruck gebracht würde, 
dass wir es für wünschenswert halten, dass die Schutz¬ 
vereine sich grundsätzlich für die Jugendhilfe 
zur Verfügung stellen. 

Frau Geheimrat Schüler-Breslau; 

Ich möchte als jemand, der in der praktischen Arbeit 
steht, mir einige kurze Worte dazu erlauben. Ich glaube, 
dass der soeben gemachte Vorschlag, die Mitglieder der 
Gefangenen-Fürsorgevereine sollten sich nur zur Verfügung 
stellen für die Arbeit an denen, die vor dem Jugendgericht 
gestanden haben, durchaus zweckmässig und gut ist. Auch 
ich halte eine Beschränkung der Tätigkeit auf gewisse 
Gebiete für durchaus geboten und wünschenswert. Die 
Breslauer Zentrale für Jugendfürsorge beschäftigt sich 
nicht nur mit den Verurteilten, sondern auch mit anderen 
Jugendlichen, es gibt dagegen eine ganze Reihe von 
Vereinen, in deren Rahmen es wieder mehr liegt, sich mit 
solchen Jugendlichen zu beschäftigen, die noch keine Straf¬ 
tat begangen haben, sondern nur verwahrlost sind, oder 
deren häusliche Verhältnisse ein Eingreifen nötig machen. 
Aber eben gerade für einen Gefangenen-Fürsorgeverein 
würde ich es für durchaus richtig erachten, wenn er seine 
Beihilfe zur Verfügung stellt für solche Jugendliche, die 
vom Gericht verurteilt worden sind. Für sehr wichtig 
halte ich es aber, dass die Delegierten oder die Vertreter 
aller der Vereine, die praktisch mitarbeiten wollen, zu den 
Helferversammlungen kommen, die hier bei unserer Zentrale, 
wie der Herr Vortragende erwähnt hat, allwöchentlich 
stattfinden. Es ist doch unser aller Bestreben, überflüssiges 
Schreibwerk zu vermeiden, und es lässt sich wirklich durch 
mündliche Rücksprache sehr viel leichter und besser manches 
arrangieren. Wie gesagt, es wäre sehr wünschenswert, 
wenn die Vertreter der Fürsorge-Vereine stets in den Helfer¬ 
versammlungen, zugegen wären und diejenigen Sachen über¬ 
nehmen würden, die sich für sie eignen oder die sie über¬ 
nehmen wollen. 

Ferner muss ich noch auf die Polizeiassisten- 
tinnen zu sprechen kommen. Es handelt sich hier um 
eine Frage, die wirklich ausserordentlich wichtig und 
brennend ist. In allen Städten, in denen Polizeias^sten- 
tinnen angestellt sind, wirken diese Damen unbestritten 



124 


mit ausserordentlichem Erfolge. Die Schaffung weiterer 
derartiger Stellen müsste meines Erachtens gerade von den 
Fürsorgevereinen aufs wärmste befürwortet und auch 
pekuniär unterstützt werden. Wie jetzt die Verhältnisse 
liegen, kann sich der Staat ja noch nicht dazu entschliessen, 
diese Beamtinnen allein zu besolden — es wird aber hoffent¬ 
lich in nächster, absehbarer Zeit dazu kommen. — Not¬ 
wendig erscheint mir jedoch die Verbindung d. h. das 
Nebeneinanderw'irken von Berufsbeamtin und Ehrenbeamtin. 
Ehrenamtliche Arbeit ist gewiss ganz ausgezeichnet und 
gar nicht zu entbehren, aber sie muss durchaus einen An¬ 
halt an besoldeten Beamtinnen haben. Der Ehrenbeamte 
steht, wie es in der Natur der Sache liegt, nicht immer 
zur Verfügung und ist nicht jederzeit abkömmlich, da es 
ihm an Zeit fehlt. Es muss aber durchaus jemand vor¬ 
handen sein, der jederzeit zu haben ist, und ich sehe nicht 
ein, weshalb ein bezahlter Beamter, sei es Frau oder Mann, 
weniger gut arbeiten sollte als ein ehrenamtlicher. Ina 
Gegenteil, er ist doch durch sein Amt noch viel mehr zu 
gewissenhafter Arbeit verpflichtet und muss jeden Augen¬ 
blick zur Verfügung stehen und gerade deshalb wünscht 
man ja die Polizeiassistentin, damit schon im ersten Augen¬ 
blick, wo ein Jugendlicher mit der Polizei in Berührung 
kommt, ein weibliches Wesen da ist, das von anderen Ge¬ 
sichtspunkten ausgeht und nicht nur an Strafe und Ver¬ 
geltung denkt. Ich möchte es noch eininal ganz besonders 
zum Ausdruck bringen, dass wir alle, die wir in der prak¬ 
tischen Arbeit stehen, den dringenden Wunsch haben, dass 
eine solche Polizeiassistentin hier recht bald angestellt wird. 

Schliesslich sei mir nur noch ein kurzes Wort ge¬ 
stattet inbezug auf die Schundliteratur, von der ja 
hier schon mehrfach gesprochen worden ist, und von der 
uns immer mehr zum Bewu.sstsein kommt, wie grossen 
Schaden sie anrichtet. Man muss deshalb Mittel ausfindig 
machen, um die Sache zu bessern. Da möchte ich ein 
ganz kleines Mittel erwähnen, das wir in der Breslauer 
Zentrale zur Anwendung bringen. Wir haben uns eine 
ganze Menge von billigen Büchern angeschafft, die ausser¬ 
ordentlich guten Inhalts, auch mit hübschen bunten Bildern 
geschmückt sind und den Schundliteraturheften ausserordent¬ 
lich ähnlich sehen. Diese Hefte stellen wir unseren Helfern 
zur Verfügung, natürlich gegen 10 Pfennig Bezahlung. 
Diese Hefte nehmen sie in die Familien, in die sie kommen, 
mit, sei es als Geschenk, sei es auch zum Verkauf. Die 



125 


Lesewut der Kinder ist gross und hat auch ihre Berech¬ 
tigung. Warum soll man dem nicht entgegenkommen, in¬ 
dem man ihnen etwas Gutes in die Hand gibt. Wir haben 
gefunden, dass das sehr gut anschlägt, und wir werden 
damit, wie ich hoffe, ganz eifreuliche Erfahrungen machen. 
Wir haben bereits öfter die Wahrnehmung gemacht, dass 
Kinder, die abgeholt werden oder bei uns auf der Zentrale 
warten müssen, und denen wir ein solches Buch in die 
Hand geben und sagen: „Hier kannst du etwas lesen!“ 
ausserordentlich interessiert in diese Bücher hitieinsehen 
und sie nachher nur zögernd abgeben, und dass wir ihnen 
immer eine grosse Freude machen, wenn wir ihnen sagen: 
„Wir werden Dir das Buch schenken, wenn Du versprichst, 
Dich brav zu führen“. (Beifall.) 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. Vierhaus -Breslau: 

Meine verehrten Damen und Herren! 

Ich möchte glauben, dass es der Aufgabe einer solchen 
Versammlung wie der unsrigen nicht förderlich ist, zu Ein¬ 
zelheiten Stellung zu nehmen. In dieser Beziehung können 
ja immer einzelne Meinungsverschiedenheiten bestehen, 
und vor allen Dingen können örtliche Verhältnisse und zeit- 
licHe Entwicklungen Aenderungen bedingen. 

Ich möchte glauben, wir beschränken uns darauf, einen 
Grundsatz auszusprechen, und dieser Grundsatz geht ein¬ 
fach dahin, dass die Schutz vereine für Gefangene sich an 
Jugendarbeiten beteiligen sollen, sei es allein, sei es im 
Zusammenwirken mit Jugendschutz vereinen, und ich möchte 
mir daher erlauben, folgenden Beschluss Ihnen vorzu- 
schlägeh: 

Es ist wünschenswert, dass die Ge¬ 
fangenenschutzvereine sich an der Ar¬ 
beit an den von den Jugendgerichten 
abgeurteilten Personen, sei es durch 
Uebernahme dieser A rbeit, seiesdurch 
Mitwirkung bei der Arbeit der Jugend¬ 
schutzvereine, beteiligen. 

Die Ausgestaltung im einzelnen unter Benutzung des 
wertvollen Materials, das in den Leitsätzen enthalten ist, 
kann den Vereinen an den einzelnexx Orten überlassen 
bleiben. (Beifall.) 

Vorsitzender: 

Der mir jetzt vorliegende Antr^^^g- des Herrn Ober¬ 
landesgerichtspräsidenten, so, wie er v.- skizziert worden 
ist, lautet: ® 



126 


„Es ist wünschenswert, dass die Gefangenensohutz- 
vereine sich an der Arbeit an den von den Jugendgerichten 
abgeurieilten Personen, sei es durch Uebernahme dieser 
Arbeit, sei es durch Mitwirkung bei der Arbeit der Jugend¬ 
schutzvereine, beteiligen.“ 

Herr Generalstaatsanwalt Preetorius erklärt, dass 
er seinen Antrag zugunsten dieses Antrages des Herrn 
Oberlandesgerichtspräsidenten zurückzöge. 

Es ist aber nun ein Bedenken zu erheben: ob es 
nicht dem Sinne des Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten 
— was ich allerdings nicht zu beurteilen mich unterstehe — 
mehr entspricht, wenn es hiesse nicht „abgeurteilten“ 
sondern „abzuurteilenden“. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. Vierhaus -Breslau: 

Ich bin ganz einverstanden. 

Geheimer Oberjustizrat Plaschke -Berlin: 

Beides. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e r h a u s - Breslau: 

Ich würde es für richtig halten, beides zu sagen: 
die abgeurteilten und abzuurteilenden. 

Landgerichtspräsident Dr. von St aff-Breslau: 

Man brauchte vielleicht nur zu sagen: vor die Jugend¬ 
gerichte zur Aburteilung gestellten Personen. 

Geheimer Oberjustizrat Plaschke-Berlin: 

Es gibt aber auch solche, die nicht vor das Jugend¬ 
gericht kommen. 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff-Breslau: 

Jugendlichen! 

Geheimer Oberjustizrat Plaschke-Berlin: 

Es gibt doch Jugendliche, die nicht vor den Jugend¬ 
gerichten abgeurteilt werden. Soweit sind wir doch noch 
nicht, dass alle Jugendlichen vor die Jugendgerichte 
kommen; sie kommen doch auch vor die Strafkammer. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. Vierhaus -Breslau: 

„Solcher Personen, für welche die Jugendgerichte 
zuständig sind.“ Das ist die allerweiteste Fassung. 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff-Breslau: 

Gewiss, das umfasst alles. 



127 


Landgerichtsrat Dr. Wetzlar-Karlsruhe. 

Hochgeehrte Versammlung! 

Die These, die ich aufstellen wollte, ist weitergehen¬ 
den Inhalts als die des Herrn Referenten. Da es mir aber 
ojeht möglich ist, den Umfang der im letzten Augenblick 
zur Verlesung gelaugten neuen Anträge ganz zu über¬ 
sehen, will ich meine These zunächst nur zur Kenntnis 
der Versammlung bringen, sie aber noch nicht als Antrag 
betrachtet wissen: 

Die Organisierung der Jugendgerichts¬ 
hilfe ist Aufgabe der Gefängnisvereine. 

Ich möchte, nachdem Herr Generalstaatsanwalt Pree- 
torius den Standpunkt des hessischen Vereins vorgetragen 
und darauf hingewiesen hat, dass sein Statut verbiete, 
die Jugendgerichtshilfe aufztmehmen, doch dcirauf hin- 
weisen: Djis Neuland, das sich unseren Bestrebungen zeigt, 
ist die Jugendgerichtshilfe. Das Betreten dieses Neulandes 
sollten wir uns nicht entgehen lassen und bei aller Achtung 
vor dem Prinzip der Selbständigkeit der Verbandsvereine 
möchte ich der Erwägung des hessischen Vereins anheim¬ 
geben, ob nicht das die Aufnahme der Jugendgerichtshilfe 
hemmende Statut zu ändern sei. 


Meine Herren, nachdem wir doch schon einmal einzelne 
bundesstaatliche Verhältnisse erwähnt haben, darf ich 
vielleicht mit einem Wort auch auf unsere badischen Ver¬ 
hältnisse zu sprechen kommen und Sie werden mir das 
wohl um so mehr gestatten, als wir durch Erwähnung dieser 
auch einen Akt der Pietät gegen unseren verstorbenen 
Verbandspräsidenten Herrn Geheimrat Fuchs erfüllen. 

Ich möchte Sie daran erinnern, dass Herr Geheimrat 
Fuchs schon vor vielen Jahren erkannt hat, dass die Jugend¬ 
fürsorge in den Kreis der Arbeit der Gefangenenfürsorge¬ 
vereine gehört. Er hat in seiner Eigenschaft als Vor¬ 
sitzender der badischen Zentralleitung, in der die badischen 
Bezirksvereine zusammengefasst sind, diese Aufgabe in 
das Statut der Vereine eingeführt. Demzufolge tragen 
auch die badischen Gefängnisvereine seit dem Jahre 1900 
den Namen: Vereine für Jugendschutz und Gefangenen¬ 
fürsorge. 


Damit ist bei uns in Baden wohl das 

Herr Oberlandesgerichtspräsident Vierhaus in 9®« 

tohrangen als das Ideal bezeichnet hat 




was 

Aus- 



128 


Meine Herren, als die Bestrebungen, die unter denn 
Kennwort „Jugendgerichtsbewegung“ zusammengefasst sind, 
sich in die Tat zu übersetzen begannen, da lagen in Baden 
die Verhältnisse überaus günstig. Unsere Bezirksvereine 
zeigten sich als gegebene Organisation für die Jugend¬ 
gerichtshilfe. Bei den kleinen Amtsgerichten draussen ist 
bei uns der Amtsrichter meist, man kann sagen fast 
immer, auch Vorsitzender des Bezirksvereins. Da ist die 
Sache ausserordentlich einfach, da stehen ihm Schutzmass- 
regeln für Jugendliche, Helfer und Mittel direkt zur Ver¬ 
fügung, In den grösseren Städten war unser Bestreben 
— und ich glaube, dieses Bestreben ist jetzt auch allent¬ 
halben erfüllt — nicht nur, uns zu beteiligen, sondern uns 
die Führung in der Jugendgerichtshilfe zu verschaffen. 
Unter voller Achtung und Anerkennung der Arbeit der¬ 
jenigen Organisationen, die gleiche Ziele verfolgen, galt 
es für uns, einen Arbeitskörper zu schaffen für den Jugend¬ 
richter, in welchem die Führung den Bezirksvereinen für 
Jugendschutz und Gefangenen fürsorge verblieb. Mir 
schwebt diese Art Stellung der Gefängnisvereine in der 
Jugendgerichtshilfe als das Ideal vor, und ich darf mir zum 
Schluss vielleicht erlauben, das Statut Ihnen mitzuteilen — 
ich habe es in einer Reihe Abdrücken mitgebracht, — das 
für unsere Karlsruher Jugendgerichtshilfe gilt. 

Ich bitte den Herrn Präsidenten um Genehmigung 
zur Verteilung. 

(Nach erteilter Genehmigung erfolgt Verteilung, das 
Statut ist in der Anlage abgedruckt.) 

Vorsitzender: 

Die jetzige Fassung, die der Antrag des Herrn Ober¬ 
landesgerichtspräsidenten erfahren hat, kann meines Er¬ 
achtens vielleicht nicht nach allen Seiten hin befriedigen. 
Er würde jetzt so lauten: 

Es ist wünschenswert, dass die Gefangenenschutz¬ 
vereine sich an der Arbeit an den Jugendlichen, für welche 
die Jugendgerichte zuständig sind usw., beteiligen. 

Das erregt doch noch mein Bedenken. Die Zustän¬ 
digkeit der Jugendgerichte ist wohl für alle Jugendlichen 
gegeben, wenn sie auch tatsächlich im Einzelfall nicht vor 
ein Jugendgericht kommen. 

Geheimer Oberjustizrat PIaschke-Berlin: 

Das ist auch richtig, das ist auch die Absicht. 



129 


Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e r h a u s - Breslau: 

Das ist meine Absicht. 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff-Breslau: 

Ich habe das eine Bedenken gegen diese Fassung, 
dass damit auch diejenigen Jugendlichen mit umfasst wer¬ 
den, mit welchen das Jugendgericht bis dahin gar keine 
Veranlassung gehabt hat, sich zu befassen, sondern für 
die es nur nach Massgabe ihres Alters, weil es eben 
jugendliche Personen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren 
sind, zuständig sein würde. Das würde aber nach meiner 
Auffassung weit über dasjenige hinausgehen, was, wennich den 
Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Vierhaus richtig 
verstanden habe, der Sinn seines Antrages sein soll, denn 
damit würde ja den Schutzvereinen eine Aufgabe zuge¬ 
wiesen werden, die nach meiner Auffassung weit über den 
Rahmen desjenigen hinausgeht, was sie auf sich nehmen 
können. Das würde ja heissen: sie sollen sich mit ihrer 
schützenden und helfenden Tätigkeit annehmen, sei es 
unmittelbar, sei es, wo andere Organisationen bestehen, 
mittelbar, jedes einzelnen 12 bis 18 Jahre alten Menschen 
im deutschen Vaterlande, der irgend einer Hilfe oder eines 
Schutzes bedarf, während der Sinn doch, wenn ich recht 
aufgefasst habe, sein soll, dass die Voraussetzung des Ein¬ 
setzens dieser Schutztätigkeit sein soll, dass die Jugend¬ 
gerichte — oder die ordentlichen Gerichte mangels eines 
Jugendgerichts für den einzelnen Fall — sich mit diesen 
Jugendlichen Zu beschäftigen bereits Veranlassung gehabt 
haben, sei es durch eine Aburteilung, sei es aus den 
Gründen, die ja das Strafgesetzbuch oder die Strafprozess¬ 
ordnung in ihren Entwürfen vorsehen, wenigstens mit 
einer erzieherischen oder fürsorgenden Tätigkeit. 

Geheimer Oberjustizrat PIaschke-Berlin: 

Meine verehrten Damen und Herren! 

Tatsächlich glaube ich, dass die Absicht des Herrn 
Oberlandesgerichtspräsidenten das umfasst, was der Herr 
Laudgerichtspräsident von Staff meint, und ich meine auch, 
dass es ganz gut sei, dass es so ist. Die tatsächlichen 
Verhältnisse haben sich bei uns in Preussen — ich denke 
dabei namentlich an einzelne grosse Vereine — dahin ent¬ 
wickelt, dass die Gefangenenfürsorge der Vereine sich 
nicht nur mit denjenigen beschäftigt, die entweder zur 
Anklage kommen sollen oder von Jugendgerichten abge- 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. 9 



130 


urteilt sind. Es ist meines Erachtens eine ausserordentlich 
erfreuliche Tatsache, dass die Gefangenenfürsorgevereine, 
namentlich die Pfleger und auch die Damen, sich häufig 
mit den Jugendlichen beschäftigen, bei denen von einer 
kriminellen Seite überhaupt nicht gesprochen werden kann. 
Ich habe selbst einmal in einem Verein darauf hingewiesen 
— und dieser Anregung ist auch Folge gegeben worden, — 
dass auf die Fürsorgeerziehung gleichfalls die Organi¬ 
sation der einzelnen Geschäftsvereine einwirken müsse. 
Ich habe den Herren und vor allen Dingen auch den 
Damen gesagt: Ihr kommt in Verhältnisse, in denen Ihr 
die Lage der jugendlichen Personen, häufig der kleinen 
Kinder zu erforschen in der Lage seid wie kaum ein 
anderer. Wenn Ihr im Wege der Familien-Fürsorge hinein 
geht in das Heim des inhaftierten Mannes und dort Elend 
trefft, wenn Ihr seht, dass den betreffenden Kindern die 
Verwahrlosung droht, dann ist es Eure Aufgabe, hinzu- 
gehen zum Vormundschaftsrichter oder zu irgend einer 
anderen Organisation und zu sagen: hier sind solche Zu¬ 
stände, dass ein sofortiges Eingreifen notwendig ist, und 
ich glaube, dass das eine ausserordentlich schöne und 
dankbare Aufgabe ist, die die betreffenden Gefangenen¬ 
fürsorgevereine — um einmal den Namen beizubehalten — 
wohl nicht gern aufgeben würden. Sie sollen dann gerade 
dadurch, dass sie Kenntnis erlangen von den Zuständen, 
die unter Umständen eine Kriminalität der jugendlichen 
Kinder herbeiführen könnten, Massnahmen zu treffen be¬ 
flissen sein, die die Kriminalität vermindern — und auch 
den Eintritt der Fürsorgeerziehung. Warum sollen sie 
das aufgeben? Das ist doch von ihnen gar nicht zu ver¬ 
langen, nachdem sie es einmal tun. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. Vierhaus -Breslau. 

Meine verehrten Damen und Herren! 

Herr Geheimer Oberjustizrat Plaschke hat bereits das 
ausgeführt, was auch mein persönlicher Standpunkt ist. 
Ich erinnere daran, dass ich vorhin bereits an Herrn Ge- 
neralstaatsanwalt Preetorius die Anfrage richtete, ob dann 
die zur Fürsorgeerziehung zu nehmenden Jugendlichen aus¬ 
geschlossen sein sollten. Ich stehe auf dem Standpunkt, 
dass es in der Tat schön und wünschenswert ist, wenn die 
Gefangenen-Fürsorgevereine oder Schutzvereine ihre Tätig¬ 
keit auch gegen beginnende Kriminalität im weitesten 
Masse ausdehnen. Ich lege aber Wert darauf, dass der 



131 


Beschluss, den wir fassen, möglichst einstimmig ist, und 
möchte daher auch, unbeschadet meines weitergehenden 
grundsätzlichen Standpunktes, meinen Gedanken wiederum 
auf das Maass einschränken, das in dem ursprünglichen 
Vorschläge des Herrn Generalstaatsanwalts enthalten war, 
und glaube, dass man am besten täte, dass anstelle der 
Worte: für welche die Jugendgerichte zuständig sind, ge¬ 
setzt wird: gegen welche ein Verfahren bei den Jugend¬ 
gerichten anhängig ist. Damit sind alle Fälle, auch die¬ 
jenigen Fälle, wo dieses Verfahret nicht zum Urteil ge¬ 
führt hat, mit umfasst. Auf der anderen Seite bleiben die¬ 
jenigen ausgeschlossen — wogegen ja erhebliche Bedenken 
obzuwalten scheinen, — die mit den Jugendgerichten nicht 
in Berührung gekommen sind. 

Es bleibt ja, wenn das als wünschenswert bezeichnet 
wird, den Vereinen ganz unbenommen, ihre Tätigkeit so¬ 
weit auszudehnen, wie Herr Geheimrat Plaschke es schilderte, 
und wie ich selbst auch, wie gesagt, grundsätzlich es für 
wünschenswert halten würde. 

V ersitzender: 

Ehe ich Herrn Landgerichtspräsidenten v. Staff das 
Wort erteile, habe ich noch die ergebenste Anfrage an den 
Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten zu richten, ob er unter 
Umständen damit einverstanden ist — um auch dem Stand¬ 
punkt des Herrn Landgerichtsrat Wetzlar Rechnung zu 
tragen —, wenn der Antrag nun folgenderraassen als sein 
Antrag der Versammlung vorgelegt würde: 

„Es ist wünschenswert, dass die Ge¬ 
fangenenschutzvereine sich an der Ar¬ 
beit an den Jugendlichen, gegen welche 
ein Verfahren bei den Jugendgerichten 
anhängig ist, beteiligen, sei es durch 
Uebernahme dieser Arbeit, sei es durch 
Mitwirkung bei der Errichtung der Ju¬ 
gendschutzvereine“ — und nun käme der 
Nachsatz: „seiesdurchBegründungsolcher 
Vereine.“ 

Dann würde der Gedanke also der sein: entweder 
sie machen es allein oder sie wirken in anderen Vereinen 
mit oder, wo keine Vereine bestehen; betrachten sie es 
als ihre Sache, derartige Organisationen zu schaffen. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e r h a u s-Breslau: 

Damit bin ich einverstanden. 



Landgerichtspräsident Dr. v. S t a f f-Breslau: 

Ich bitte sehr um Vergebung, wenn ich auch noch 
ein Bedenken geltend mache, und zwar ein Bedenken aus 
dem heraus, was Herr Geheimer Oberjustizrat Plaschke 
vorher gesagt hat, denn ich muss, mich selbst verbessernd, 
anerkennen, dass es ja tatsächlich richtig ist, dass Jugend¬ 
liche in nicht seltenen Fällen auch noch vor die ordent¬ 
lichen Gerichte konunen und nicht vor Jugendgerichte, 
und ich möchte glauben, dass der betreffende Teil des im 
übrigen ja formulierten Antrages vielleicht dahin gefasst 
werden könnte, um auch diese jungen Leute in den Kreis 
künftiger Fürsorge mit einzubegreifen, dass man sagt: 
„welche sich wegen einer an sich strafbaren Handlung 
vor Gericht zu verantworten haben“, gleichviel, ob das 
nun ein Jugendgericht oder, weil ein solches nicht vor¬ 
handen war, ein anderes Gericht war, denn das scheint 
mir doch nicht das Entscheidende sein zu sollen, dass sie 
gerade vor das Jugendgericht gekommen sind, sondern 
das Entscheidende scheint mir doch zu sein, dass diese 
Jugendlichen in den Schutz einbezogen werden sollen, auch 
ohne dass sie Gefangene geworden sind, während sonst 
bei Erwachsenen der Schutz doch erst dann einsetzt, wenn 
wir es mit einem Gefangenen zu tun haben. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e rh a u s-Breslau: 

Ich kann mich auch mit diesem Anträge nicht ein¬ 
verstanden erklären. Entweder man dehnt den Schutz 
möglichst weit aus, wie ich es vorhin versucht habe, oder 
man schränkt ihn auf das Thema unserer Aufgabe ein, 
auf die Beziehungen zwischen Jugendgerichtsfürsorge und 
Gefangenenschutzvereinen. Jugendgerichtsfürsorge kann 
aber nur eintreten, wenn ein Verfahren bei einem Jugend¬ 
gericht überhaupt anhängig ist. Also mein grundsätzlicher 
Standpunkt wäre überhaupt der, ohne alle Einschränkung 
zu sagen, dass die Gefangenenfürsorgevereine ihre Tätig¬ 
keit ausdehnen sollen auf den Schutz der Jugendlichen 
gegen Verwahrlosung. 

Gegen diesen Standpunkt sind Bedenken geltend ge¬ 
macht worden, deren Berechtigung ich nicht bestreite. 
Dann aber möchte ich zurückkehren auf dasjenige, was 
uns heute beschäftigt, nämlich die Tätigkeit der Gefangenen¬ 
schutzvereine auf dem Gebiet des Jugendgerichtswesens. 
Was die seltenen Fälle anbetrifft, die eintreten können, 
dass etwa infolge des Zusammenhangs der Strafsache ein 



Jugendlicher auch vor ein anderes Gericht als ein Jugend¬ 
gericht kommen kann, so glaube ich, ist es nicht Aufgabe 
unserer Versammlung, hier juristisch absolut korrekte For¬ 
mulierungen zu liefern, denn ich bezweifle nicht, dass die 
Vereine, wenn ausnahmsweise der Fall einmal vorkommt, 
doch eintreten werden, und selbstverständlich würde ja 
die Fürsorge auch bleiben, wenn an einem einzelnen Orte 
ein Jugendgericht nicht existiert. Aber nur danach ist 
gefragt, ob die Fürsorge eintreten soll, wo ein Jugendgericht 
existiert. Nur da ist auch ein Mitarbeiten möglich, wo 
die besonderen Eigentümlichkeiten des Jugendgerichts Platz 
greifen. 

Also ich möchte bei meinem Vorschläge stehen bleiben. 

Generalstaatsanwalt Dr. Preetorius -Darmstadt: 

Meine Damen und Herren! 

Es hat Sie vielleicht in Erstaunen gesetzt, dass ich, 
nachdem Herr Oberlandesgerichtspräsident Dr. Vierhaus 
einen Antrag eingebracht hat, sofort meinen Antrag fallen 
Hess. Allein, wenn Sie sich dessen erinnern, was ich ge¬ 
sagt habe, dass es praktisch sei, möglichst kurz und be¬ 
schränkt die Aufgaben zu präzisieren, die den Schutzvereinen 
hier nach unseren Wünschen zugemutet werden sollen, 
dann werden Sie begreifen, wenn ich schon der Kürze 
halber den Antrag Vierhaus für besser hielt, als den 
meinigen. 

Vornehmlich auf Grund der Erwägung, dass es doch 
eigentlich nicht sehr schön sei, wenn man von den aus¬ 
gezeichnet ausgearbeiteten Leitsätzen der beiden Herren 
Referenten allzu viel herausstriche, hielt ich es für besser, 
für ein Gebot der Höflichkeit, von jenen Leitsätzen alles 
das zu übernehmen, was mir nach meinen Ideen tauglich 
schien. Nachdem aber von durchaus berufener Seite ein 
solch abgekürzter Antrag eingebracht wurde, konnte ich 
dem olme weiteres zustimmen. 

Nun möchte ich bei dieser Gelegenheit noch einmal 
zurückkommen auf die kleine Divergenz, die sich ergeben, 
hat bei der Ausarbeitung des Antrages, den Herr Ober¬ 
landesgerichtspräsident Vierhaus gestellt hat. Ich meine, 
man sollte mch mit der Fassung einverstanden erklären, 
die Herr Landesgerichtspräsident Dr. von Staff zuletzt 
angeregt hat. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, 
dass es die allgemeine Tendenz sein sollte, jeden Jugend¬ 
lichen, der vor Gericht gezogen Schutz- 



— 134 


fürsorge teilhaftig werden zu lassen. Das ist ja auch ganz 
zweifellos der grundsätzliche Gedanke, der dem Herrn 
Oberl an d esgeri chtspräsidenten vorschwebt. 

Nunmehr soll man sich auf der anderen Seite aber 
doch vergegenwärtigen, dass die Fälle, in denen ein Jugend¬ 
licher nicht vor ein Spezialjugendgericht gestellt wird, 
gar nicht so selten sind. Ich will absehen von den aller¬ 
dings nicht sehr häufigen Fällen, dass ein Jugendlicher 
vor die Strafkammer kommt. Es gibt ja eine ganze Reihe 
von Orten, in denen eigentliche Jugendgerichte in dem 
gewöhnlichen Sinne des Wortes garnicht bestehen, und es 
wäre doch recht beklagenswert, wenn die Schutzfürsorge 
der Schutz vereine einh alten sollte bei Fällen, die schliess¬ 
lich genau soviel Anspruch haben, geschützt zu werden, 
wie die Fälle, die vor die eigentlichen Jugendgerichte 
kommen. 

Ich meine also, es wäre durchaus erwünscht, wenn 
wir den Antrag Vierhaus akzeptierten, jedoch mit dem 
Amendement von Staff, wonach also der Satz: gegen 
welche ein Verfahren bei einem Jugendgericht anhängig 
ist, dahin abgeändert wird: die Arbeit an den Jugendlichen, 
welche sich wegen einer strafbaren Handlung vor Gericht 
zu verantworten haben. Dabei bleibt die Frage, ob Jugend¬ 
gericht oder Strafkammer oder ein Gericht an einem Orte, 
an dem überhaupt ein Jugendgericht nicht besteht, ausser 
Betracht. 

Geheimer Oberjustizrat P1 a s c h k e - Berlin: 

Ich möchte mich aus den von mir vorhin schon er¬ 
örterten Gründen gegen diesen Antrag aussprechen und 
bitte, eine noch allgemeinere Fassung zu wählen. Wenn ich 
es so interpretiere, wie es Herr Preetorius eben inter¬ 
pretiert hat, so muss man zu der Ansicht kommen, es sei 
die Absicht der Versammlung, die Gefangenen-Fürsorge- 
vereine sollten sich mit den Jugendlichen, die nicht kriminell 
geworden sind, nicht beschäftigen, und das halte ich für 
verfehlt. Ich habe vorhin schon darauf hingewiesen, dass 
die Fürsorgeorgane häufig Kenntnis erlangen von der Ver¬ 
wahrlosung eines Jugendlichen, wo noch garnicht einmal 
die Fürsorgeerziehung notwendig ist, sondern andere rich¬ 
terliche Maassnahmen genügen, die ja in steigendem Masse 
angewandt werden. Auch auf diese nicht kriminell ge¬ 
wordenen Jugendlichen haben tatsächlich die Fürsorge- 



135 


vereine ihre Tätigkeit erstreckt, und man sollte nicht den 
Anschein erwecken, als ob man das nicht wünschte. 

Vorsitzender: 

Ich möchte nur ein Wort noch anfügen. Wenn ich 
den Herrn Geheimrat Plaschke richtig verstanden habe, 
darf ich als seinen Antrag die w^eiteste Fassung, die vorhin 
vorgeschlagen ist, nämlich: „für welche die Jugendgerichte 
zuständig sind“, zur Abstimmung bringen. Der Herr Ober¬ 
landesgerichtspräsident hat aber ausdrücklich erklärt, dass 
er diese Fassung nicht mehr als seinen Antrag zur Be¬ 
schlussfassung gestellt haben möchte. 

Geheimer Oberjustizrat Plaschke-Berlin: 

Wenn ich darauf antworten darf, so glaube ich, dass 
wir, Herr Oberlandesgerichtspräsident Dr. Vierhaus und 
ich, ganz derselben Auffassung sind, dass der Herr Präsi¬ 
dent Vierhaus wiederholt gesagt hat, er sei auch der Auf¬ 
fassung von mir, sodass das eigentlich ein Antrag Vierhaus 
sein würde. 

Erster Staatsanwalt Wagner-Glogau. 

Verehrte Damen und Herren! 

Der Gang der Verhandlung scheint mir klar bewiesen 
zu haben, dass über die Einzelheiten dessen, was für 
wünschenswert gehalten wird, Meinungsverschiedenheiten 
bestehen, und aus dem Gesichtspunkt heraus, dass ein 
Beschluss dieser Versammlung nur dann einen wirklichen 
inneren Wert hat, wenn er die allgemeine Ansicht dieser 
Versammlung ausspricht, möchte ich eine noch viel allge¬ 
meinere Fassung vorschlagen, als sie bisher zum Wort 
gekommen ist, indem ich den Antrag stelle, zu beschliessen: 

Es erscheint wünschenswert, dass die 
Fürsorgevereine mehr als bisher ihre Tätig¬ 
keit den Jugendlichen zu wenden. 

Das ist, glaube ich, der Grundsatz, zu dem bisher 
jeder seine Zustimmung erklärt hat. In welchem Umfange 
dieser ausgesprochene Grundsatz von den einzelnen Vereinen 
befolgt wird, muss man meines Erachtens dem Ermessen, 
und den Kräften der einzelnen Vereine überla®®®^- 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i h’ 

Meine Damen und Herren: 

Die Aenderung meines Antrags beruhte 
Bestreben, einen möglichst einstimmig^j.^ herbei- 



zuführen. An sich stehe ich auf dem Standpunkt, dass 
eine tunlichst weite Ausdehnung der Tätigkeit der Schutz¬ 
vereine auch an Jugendlichen wünschenswert ist. 

An dem Antrag des Herrn Ersten Staatsanwalts 
Wagner vermisse ich jede nähere Bestimmung der Jugend¬ 
lichen. Es müssen solche Jugendlichen sein, die irgendwie 
etw'as objektiv Kriminelles getan haben, denn sonst kommen 
wir ins vollständig Uferlose. Ich möchte daher auf meine 
ursprüngliche Fassung: „für welche die Jugendgerichte 
zuständig sind“, die ich nur aufgab, in der Hoffnung, Ein¬ 
stimmigkeit zu erzielen, zurückkommen und meinen Antrag 
in der Form aufrecht erhalten, dass es auf die abstrakte 
Zuständigkeit der Jugendgerichte ankommt, das heisst, die 
Jugendlichen müssen irgend etwas Kriminelles getan haben, 
was sie mit den Jugendgerichten in Berührung bringen kann. 

Erster Staatsanwalt Wagner- Glogau: 

Ich glaubte, in dem Antrag, den ich gestellt habe, 
das zum Ausdruck gebracht zu haben, was der Herr Ober¬ 
landesgerichtspräsident als wünschenswert bezeichnet und 
was ich selbst auch als wünschenswert erachte, indem ich 
sagte, es erscheine wünschenswert, dass die Fürsorgevereine 
ihre Tätigkeit mehr als bisher auf Jugendliche er- 
streken. Darin liegt eine Bezugnahme auf das, was die 
Fürsorge vereine bisher getan haben, und darin glaubte 
ich, eine gewisse Beschränkung zu finden. 

Oberlandesgerichtspräsident Dr. V i e r h a u s-Breslau: 

Was die Schutzvereine vielfach bisher allein getan 
haben, war namentlich die Fürsorge für Jugendliche, die 
Gefangene gewesen sind, während ja gerade das Wesent¬ 
liche ist, die Tätigkeit auf solche auszudehnen, die unter 
Umständen garnicht ins Gefängnis kommen, für die die 
bedingte Begnadigung oder vorläufige Strafaussetzung ein- 
tritt. Also glaube ich, die Fassung des Herrn Ersten Staats¬ 
anwalts Wagner drückt den Gedanken, der hier zum Aus¬ 
druck gekommen ist, nicht aus. 

Landgerichtspräsident Dr. v. S t a f f-Breslau: 

Die Debatte über die Fassung dieses Antrages ist 
allmählich etwas kompliziert geworden, sodass man sich 
leicht in einem Irrtum darüber befinden kann, zwar nicht, 
was man selbst will, aber was die anderen Herren wollen. 
Deshalb bin ich vielleicht auch einem Irrtum unterworfen 
in der Ansicht, die ich jetzt auszusprechen mich anschicke. 



137 


Ich bin der Meinung, dass der Herr Oberlandesgerichts¬ 
präsident Dr. Vierhaus und ich sachlich vollkommen über- 
einstimraen, dass zwischen uns lediglich eine Divergenz in 
bezug auf die Fassung des Antrages besteht, eine Divergenz, 
die darin beruht, dass der Herr Oberlandesgerichtspräsident 
der Meinung ist, es genügt hier, die Jugendgerichte zu er¬ 
wähnen, um einen genügend weiten Kreis derjenigen zu 
schaffen, auf die die Schutzfürsorge sich künftig erstrecken 
soll, während ich mit Herrn Generalstaatsanwalt Dr. 
Preetorius der Auffassung bin, dass es sich empfiehlt, das 
Wort „Jugendgerichte“ nicht hineiuzunehmen, sondern 
allgemein „Gerichte“ zu sagen, damit nicht bei irgend 
einem vielleicht etwas engherzig einen solchen Beschluss 
auffassenden Verein die Meinung entstehen könnte, dass 
danach grundsätzlich von seiner Fürsorge derjenige Jugend¬ 
liche ausgeschlossen sein sollte, der zwar vor ein Jugend¬ 
gericht gehört hätte, aber vor ein Jugendgericht deshalb 
nicht gekommen ist, weil ein Jugendgericht in dem Sinne, 
wie es der betreffende Verein etwa auffassen mag, nicht 
an dem Orte besteht. 

Das, was dagegen der Herr Geheime Oberjustizrat 
Plaschke will, ist meiner Auffassung nach sachlich etwas 
ganz anderes, als was der Herr Oberlandesgerichtspräsident 
und ich gemeinsam sachlich wünschen, denn der Herr 
Geheime Oberjustizrat Plaschke will, wenn ich ihn recht 
verstanden habe, die Schutzfürsorge der Vereine, welche 
ursprünglich für entlassene Gefangene bestimmt sind, nun¬ 
mehr zwar Erwachsenen gegenüber auch immer nur noch 
auf entlassene Gefangene ausgedehnt wissen, dagegen jugend¬ 
lichen Personen gegenüber auf alle Personen, die überhaupt 
eines Schutzes bedürftig sind (Herr Geheimer Oberjustizrat 
Plaschke: Sittlich oder kriminell gefährdet!) — ein zweifel¬ 
los ausserordentlich schöner utid mir in tiefster Seele 
sympathischer Gedanke, gegen den ich nur das eine einzige 
Bedenken der praktischen Unausführbarkeit habe. 

Staatsanwalt Dr. Rosenfeld -Berlin: 

Ich möchte mir erlauben, gerade an die letzten Worte 
von Herrn Landgerichtspräsidenten von Staff anzuschliessen. 
Was nämlich die Ausführbarkeit anlangt, so kann ich aus 
unserer Erfahrung in Berlin bestätigen, dass diese Aus¬ 
führbarkeit besteht. Es wird vielleicht nicht uninterressant 
sein, zu erfahren, wie wir gerade in Berlin, wo wir durch 
die Menge der Arbeit in die verschiedensten Arbeitsgebiete 



138 


kommen, auf die ganze Frage der Jugendlichen gekommen 
sind. Das ist folgen dermassen gewesen: Wir haben uns 
anfangs nur mit den entlassenen Strafgefangenen beschäftigt 
Dann haben wir uns mit der Frage der Familien von 
Gefangenen beschäftigt, nicht von dem Gesichtspunkt aus¬ 
gehend, dass wir hier irgendwie Armenpflege treiben 
wollen, sondern lediglich von dem Gesichtspunkt der Ent- 
lassenenfürsorge aus, das heisst, dass wir dem Mann, der 
zur Entlassung kommt, seinen Familien Zusammenhang auf¬ 
recht erhalten wollen, und so sind unsere Damen — es 
handelt sich ja meist um Damen, die die, Familien der 
Detinierten besuchen — in Kontakt gekommen mit den 
Kindern, die offenbar dadurch, dass sie des Vaters beraubt 
waren und dass die Mutter selbst verdienen, auf Arbeit 
gehen musste, in Gefahr waren, zu verwahrlosen. Da hat 
man sich gesagt: hier sind Fälle, wo die Damen sich um 
die Kinder kümmern müssen, wo die Vereine vorbeugend 
wirken sollen, denn, meine Herren, wir wollen doch nicht 
warten, bis jemand bestraft ist. Sie sehen ja aus dem 
Jahresbericht des Vereins, dass wir Hunderte von Un¬ 
bestraften unterbringen. Da könnte man fragen: Seid Ihr 
ein Verein für Unbestrafte ? Jawohl, wir sind ein Verein 
für Unbestrafte; wir werden doch nicht sagen: geh hinüber, 
dort bettele und lass dich erst bestrafen und dann komme 
zu uns. 

Wenn heute Leitsätze angenommen werden, worauf 
ich nicht viel Gewicht legen würde, würde ich auch dafür 
sein, dass sie so angenommen werden, dass nicht nur 
kriminell Bedrohte — so will ich mich einmal nicht sehr 
schön ausdrückeii — sondern auch solche jungen Leute in 
den Wirkungskreis des Vereins fallen, welche der Gefahr 
der Verwahrlosung ausgesetzt sind. 

Pastor Just- Düsseldorf: 

Ich möchte nur bestätigen, dass sich auch die Rheinisch- 
Westfälische Gefängnis-Gesellschaft der gefährdeten Jugend 
im weitesten Masse annimmt. 

Oberregierungsrat M i c h a 1 - Nürnberg: 

Ich möchte darauf hinweisen, dass die gesamte Dis¬ 
kussion über die verschiedenen Anträge sich von der Frage, 
die gestellt worden ist, vollständig zu entfernen beginnt. 
Die Frage ist gestellt: Welche neuen Aufgaben erwachsen 
den Fürsorgevereinen durch die Einrichtung der Jugend¬ 
gerichte, und es muss ein Beschluss gefasst werden, der 



139 


auf diese Frage eine Antwort gibt. (Sehr richtig!) Ich 
glaube, dass die gestellten Anträge die Antwort nicht 
enthalten. 

Strafanstaltsdirektor K ö 1 b 1 i n -Mannheim:. 

Ich wollte mich nur dem anschliessen, was vorhin 
Herr Staatsanwalt Dr. Rosenfeld ausgeführt hat. Daran 
anknüpfend aber erlaube ich mir, der Versammlung davon 
Mitteilung zu machen, dass der Gedanke, sich ohne Ein¬ 
schränkung gefährdeter Jugendlicher anzunehmen, auch 
bei uns in Mannheim bereits praktisch in die Tat umgesetzt 
worden ist. In Mannheim entwickelte sich der jetzige Zu¬ 
stand dadurch, dass sich eine Anzahl von Vereinen zu 
einem losen Verbände zusammentat, von Vereinen und 
Anstalten, die sich auf den verschiedensten Gebieten der 
gefährdeten oder verwahrlosten Jugend annehmen, sei es 
zur Verhütung von Säuglingssterblichkeit, zur Bekämpfung 
von Trunksucht und Tuberkulose, zur Hebung schwach¬ 
sinniger Kinder, zum Schutz gefährdeter Mädchen usw. 

Diese Vereine und Anstalten nun haben wir in Mann¬ 
heim zu einem Jugendfürsorgeausschuss zusammengefasst 
und haben denselben dem Bezirksverein für Jugendschutz 
und Gefangenenfürsorge angegliedert. Dieser Jugendfür¬ 
sorgeausschuss bildet insofern einen organischen Bestandteil 
des Bezirks Vereins für Jugendschutz und Gefangenenfürsorge 
als kraft seines Amtes der Vorsitzende des Bezirksvereins 
in dem aus drei Mitgliedern bestehenden Vorstand des 
Jugendfürsorgeausschusses Sitz und Stimme hat und als 
in den aus 14 Mitgliedern bestehenden Beirat des Jugend¬ 
fürsorgeausschusses nur Mitglieder gewählt werden können, 
welche zugleich Vorstandsmitglieder des Bezirksvereins für 
Jugendschutz und. Gefangenenfürsorge sind. 

Der Jugendfürsorgeausschuss setzt sich derzeit aus 
den Vertretern von etwa 22 Vereinen und Anstalten un.cl 
nahezu ebensovielen freiwilligen Helfern zusammen. 

Die praktische Arbeit erledigt sich auf die denkba,!- 
einfachste Art. In der Jugendgerichtshilfe erhält der Für- 
Sorgeausschuss von jeder Anklageerhebung vom Gerichi|- 
Nachricht. Dann beauftragt er eines seiner Mitglieder 
Anstellung der Erhebungen. Bei allen den Jugendlich^j-v 
betreffenden Verhandlungen insbesondere der gerichtlich 
Hauptverhandlung ist sowohl der Jugendfürsorgeausschu^« 
als der Bezirksverein für Jugendfürsorge vertreten. 3 ;*^ 
Anschluss an die Hauptverhandlung findet zunächst 



140 — 


Sitzung statt, an der teilnehmen: der Geschäftsführer des 
Jugendfürsorgeausschusses, der Vorsitzende des Bezirks¬ 
vereins für Jugendschutz und Gefangenenfürsorge und der 
Jugendrichter. In dieser Sitzung wird eine Sichtung aller 
zur Aburteilung gelangten Fälle vorgenommen, eine Sich¬ 
tung nach der Richtung, ob sich der Jugendfürsorgeaus¬ 
schuss eines der Fälle annehmen soll oder nicht. Die¬ 
jenigen Fälle, deren sich der Jugendausschuss annehmen 
soll, werden in einer weiteren Sitzung zur Erörterung ge¬ 
bracht, die besteht aus sämtlichen Mitgliedern des Jugend¬ 
fürsorgeausschusses, d. h. den Vertretern der genannten 
Vereine und Anstalten und den freiwilligen Helfern. Dieser 
Sitzung, die also im Anschluss an die Schöffengerichts¬ 
sitzung stattfindet, wohnt regelmässig ein Vertreter des 
Gemeindewaisenrats, ferner ein Vertreter des Bezirksamtes 
als derjenigen Behörde bei, die mit der Durchführung der 
Zwangserziehung betraut ist. Auf diese Art sind alle 
Organe beisammen, die in irgendeiner Art für den Schutz 
oder die Unterbringung des gefährdeten oder verwahrlosten 
Jugendlichen in Frage kommen, und nur selten tritt der 
Fall ein, dass über die Art der zu ergreifenden Fürsorge- 
massregeln Schwierigkeiten entstehen. In einer dritten 
Sitzung, die einige Wochen nach der zweiten stattfindet, 
wird endlich über den Erfolg der eingeleiteten Massnahmen 
berichtet. 

Ich wollte diese Verhältnisse nur vortragen, um dar¬ 
zutun, dass sich sehr wohl der Gedanke, sich auch der 
bloss Gefährdeten und Verwahrlosten anzunehmen, in die 
Tat Umsetzen lässt. 

Darüber aber, dass es wünschenswert ist, dass sich 
die deutschen Gefangenenfürsorgevereine in diesem aus¬ 
gedehnten Masse der Jugendlichen annehmen, glaube ich, 
besteht in unserer Versammlung kein Zweifel. Ich habe 
für meine Person daher keine Bedenken, den von Herrn 
Geheimen Oberjustizrat Plaschke gestellten Antrag wärmstens 
zur Annahme zu empfehlen. jEs können ja die Vereine 
der einzelnen Verbände ihre Massnahmen immer noch nach 
den einzelnen örtlichen Verhältnissen einrichten. 

Landgerichtspräsident Dr. von Staff-Breslau: 

Ich bin in der glücklichen Lage, meine verehrten 
Damen und Herren, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass sich 
eine Formulierung des Antrages hat finden lassen, die 
sowohl den Intentionen des Herrn Oberlandesgerichts- 



141 


Präsidenten Dr. Vierhaus als denen des Herrn Geheimen 
Oberjustizrats Plaschke und schliesslich — worauf es ja 
weniger ankommt — den meinen entspricht. Diese 
Fassung, die ich deshalb in unserer dreier Namen zum 
Vortrag bringen darf, lautet dahin: 

„Es ist wünschenswert, dass die Ge¬ 
fangenenschutzvereine sich an der 
Arbeit an den sittlich gefährdeten oder 
bereits strafbar gewordenen Jugend¬ 
lichen, soweit es ihren eigentlichen Zweck 
nicht beeinträchtigt, beteiligen, sei 
es durch Uebernahme der Arbeit, sei 
es durch Mitwirkung bei der Arbeit der 
Jugendschutzvereine, sei es durch Be¬ 
gründung solcher Vereine.“ 

Pastor Richter, Geschäftsführer der Elberfeld. 
Barmer Gefängnisgesellschaft: 

Ich wollte nur einen -Gedanken noch hervorheben, 
der in dieser Debatte über die Fassung des Antrags 
vielleicht in Gefahr ist, verloren zu gehen: nämlich die 
Heranholung der Frauenhilfe in der Familienfürsorge. Es 
ist doch ein so ausserordentlich wertvoller Gedanke, dass 
er wohl verdient, noch besonders betont zu werden. 

Vorhin war davon die Rede, dass doch allgemein 
Polizeiassistentinnen angestellt werden möchten. Ich kann 
berichten, dass wir in Elberfeld eine Polizeischwester, und 
zwar eine Schwester des Zufluchtshauses haben, die die 
Dienste der Polizeiassistentin leistet. Meiner Ansicht nach 
muss aber die Frauenhilfe noch viel mehr zu unserem 
Fürsorgewerke herangeholt werden und zwar in der 
Weise, dass Damen in besonders gegründeten Gefängnis¬ 
frauenvereinen sich mit der Arbeit beschäftigen, in die 
Familien von Gefangenen hinein zu gehen und dort zuzu¬ 
sehen, ob auch alles in Ordnung ist. Ich habe damals, 
als ich Gefängnisgeistlicher in Wohlau war, oft genug 
Gelegenheit gehabt, Breslauer Familien zu besuchen von 
solchen Leuten, die in Wohlau ihre Strafe verbüssten, und 
habe gesehen, wie hässlich und unordentlich es vielfach 
in den Familien von Gefangenen aussieht. Als ich dann 
nach Elberfeld kam, fand ich ja eine sehr grosse und 
tätige Hilfe in der Elberfeld-Barmer Gefängnisgesellschaft, 
bei der die einzelnen Herren, die Mitglieder des Ver¬ 
waltungsausschusses, in solche Familien hineingehen und 



142 


versuchen, dort die nötige Hilfe zu leisten. Aber es kam 
und kommt doch immer wieder die Gefahr vor, dass in 
Familien von Gefangenen Unordnung besonders dadurch 
eintritt, dass die Frau ihre eheliche Treue dem Manne 
nicht hält, während er seine Strafe verbüsst; und um 
zuzusehen, ob da alles in Ordnung ist, war und ist selbst¬ 
verständlich das Auge der Frau notwendig. Wir haben 
deshalb versucht, dadurch Abhilfe zu schaffen, dass wir 
einen Besuchsverein (Gefängnisfrauenverein) ins Leben 
riefen und für ihn zwecks genau geregelter Arbeitsteilung 
die beiden Städte Elberfeld und Barmen in Arbeits-Bezirke 
einteilten. Die betreffenden Bezirksdamen gehen nun 
regelmässig alle 14 Tage bis 4 Wochen in die Familien 
der ihnen von miir angezeigten Gefangenen und versuchen 
dort Ordnung zu schaffen; sie sehen also nach, ob die 
Frau ihre Treue hält, ob der Haushalt sauber ist, ob die 
Kinder die Schule besuchen und ob sonst die Luft in der 
Familie bezw. in dem ganzen Hause, so ist, dass der 
Mann, wenn er aus dem Gefätignis kommt, sich in seinen 
4 Wänden auch wohl fühlen kann. Ich meine, es ist auch 
bezüglich der Jugendfürsorge, also wo es darauf ankommt, 
dass die sonst sehr gefährdeten Kinder der Verbrecher 
eine ordentliche Erziehung erhalten, sehr notwendig, dass 
wir Frauenvereine und zwar Gefängnisfrauenvereine haben, 
die da helfend eintreten können, wo männliche Hilfe 
zuweilen versagt. Deshalb lag mir daran, in der Debatte 
über diesen Vortrag die Heranholung der Frauenhilfe 
noch besonders zu unterstreichen. 

Amtsgerichtsrat Seif er t-Breslau: 

Ich möchte auch die Fassung des letzten Vorschlages 
befürworten. Es hat vorhin Herr Oberregierungsrat Michal 
gesagt, man ginge damit zum Teil von dem ab, was man 
eigentlich bezweckte: die Mithilfe bei den Jugendgerichten. 
Ich wollte aber besonders hervorheben, dass es sehr be¬ 
dauerlich wäre, wenn der Ausdruck Jugendgerichte dazu 
führen würde, das „.Jugendgericht in engem Sinne“ zu 
verstehen, und alle die Jugendlichen, die vor einer Straf¬ 
kammer verhandelt werden, deren Zahl weit grösser ist 
als die vor dem Jugendgericht im engeren Sinne Stehenden, 
von der Hilfe der Gefängiiisvereine auszuschliessen. 

Das ist wohl auch in dem Vortrage des Herrn Amts¬ 
gerichtsrat F r ä n k e 1 nicht gemeint worden, dass mau 
nur die Schöffengerichte für Jugendliche unter Jugend- 



143 


gericht verstehen solle. Ich würde es deshalb auch für 
empfehlenswert halten, dass man das Wort „Jugendgerichte 
ganz ausschaltet und die neue Fassung wählt. 

Vorsitz ender: 

Wenn keiner der Herren mehr das Wort in der Be¬ 
sprechung wünscht, so erteile ich nunmehr dem Herrn 
Referenten noch das Wort zu etwaigen Bemerkungen. 

Referent Amtsgerichtsrat Fränkel-Breslau: 

Ich habe nicht mehr viel zu bemerken 

Ich möchte mir nur die Ausführung erlauben, dass, 
so verschiedenartig auch hier die Anträge lauteten, sie 
doch alle das erfreuliche Moment an den Tag legten, dass 
man darüber einig ist: die Frage der Jugendgerichtshilfe 
soll auch Sache der Gefangenenfürsorgevereine werden, 
soweit sie es nicht bereits ist; und dies ist zweifellos ein 
erfreuliches Resultat. Welcher Antrag schliesslich ange¬ 
nommen wird, bleibt ja Ihrem Ermessen anheimgestellt. 
Jedenfalls wird Ihr Beschluss das zum Ausdruck bringen, 
was wir hier alle wollen, dass durch die Gefangenenfür¬ 
sorge die Sache der Jugendgerichtshilfe und damit auch 
die Sache der Jugendgerichte gefördert werden soll. Das 
war ja eigentlich in den Anträgen, wie sie hier zutage 
gefördert wurden, der leitende Gesichtspunkt, dass die 
verschiedenen einzelnen Vorschläge möglichst allgemein 
zusammengefasst werden sollten, und dass es damit jedem 
einzelnen Verein schliesslich überlassen werden soll, in 
welcher Art er die gemeinsame Sache fördern will. 

Ich möchte mir nur mit Rücksicht auf die Bemerkungen 
des Herrn Generalstaatsanwalts anzuführen erlauben, dass 
die in Nr. 2 und 3 der Leitsätze enthaltenen Vorschläge 
gemacht sind, vorausgesetzt, dass der Entwurf zur Straf¬ 
prozessordnung, beziehungsweise der Novelle zum Gerichts- 
verfassüngsgesetz in Kraft tritt. 

Der Herr Generalstaatsanwalt meinte, wir wollen doch 
nicht Anträge zu dem stellen, was erst geschaffen werden 
soll. Ich meine, dass wir ja erst in drei Jahren wieder 
den Zusammentritt dieses Schutzverbandes erleben werden, 
und dass in der Zwischenzeit diese Gesetzentwürfe wohl 
schon Gesetzeskraft erlangt haben dürften, sodass auch 
für diesen Fall die betreffenden Bestimmungen wohl an¬ 
gezeigt sind. 

Aber da der gemeinsame Vorschlag das alles umfasst, 
so kann das ja dahingestellt bleiben; jedenfalls wäre es 
nach meiner Ansicht wohl am Platze. 



-- 144 


Was die „Anstalten“ anlangt, die in Nr. 6 erwähnt 
sind, so sind das nicht irgendwelche Staatsanstalten, son¬ 
dern wir dachten da nur an die charitativen Anstalten, in 
welche wir dann im Wege der Fürsorge, im Wege der 
Jugendgerichtshilfe die Leute schicken. 

Ebenso ist bei uns die Polizeiassistentin als eine 
Privatbeamtin in Aussicht genommen, ganz so, wie das in 
Berlin bereits der Fall ist. 

Den Gedanken, der hier wiederholt zum Ausdruck 
gebracht wurde, und dem auch der geehrte letzte Herr 
Vorredner Ausdruck gegeben hat, möchte auch ich mir 
voll und ganz aneignen, dass die hohen Probleme und die 
grossen Aufgaben, welche sich hier der Gefangenenfürsorge¬ 
verband gestellt hat, nur lösbar sind in der Voraussetzung, 
dass wir die herrlichen Kräfte werben und erwerben, die 
ja hier und wohl auch in anderen grösseren Städten bereits 
zum Heil und zum Segen mitwirken, die Kräfte der Frauen; 
sie sind unsere trefflichsten, tüchtigsten Mitarbeiter, und 
ich zweifle nicht daran: mit ihrer Mitarbeit wird uns auch 
in diesem Falle der Sieg gelingen. (Beifall.) 

Korreferent Pastor A. J u s t-Breslau: 

Meine Damen und Herren! Ich habe nichts mehr zu 
erwähnen. Ich möchte hur wünschen, dass die uns an¬ 
geschlossenen Vereine sich annähernd solange und so 
intensiv mit dem Thema und mit der Ausführung der Auf¬ 
gaben, die das Thema stellt, beschäftigen, wie wir uns in 
diesem Kreise mit der ganzen Frage beschäftigt haben. 
(Heiterer Beifall.) 

Vorsitzender: 

Ehe ich den Antrag noch einmal verlese und zur 
Abstimmung bringe, möchte ich nur gegenüber den Aus¬ 
führungen des Herrn Pastor Richter mir die Bemerkung 
erlauben, dass, ebenso wie wir die Anwesenheit und 
die Mitwirkung der Damen bei unserer heu¬ 
tigen Verhandlung dankbar empfunden haben, wir 
selbstverständlich allgemein die Mithilfe der Frauen, bei 
unserer Arbeit für notwendig halten. Dass das in dein 
Anträge nicht besonders zum Ausdruck gekommen ist, 
ergab sich von selbst dadurch, dass wir ja nicht in Details 
eingegangen sind. Durchaus nicht sollte zum Ausdruck 
gebracht werden, dass wir etwa der Ansicht sind, die 
Bestrebungen, die Frauenarbeit heranzuziehen, insbesondere 
auch die Mitwirkung durch Schaffung der Polizeiassisten- 



145 


tinnen seien von uns als nicht notwendig und nicht wünschens¬ 
wert zu bezeichnen. 

Der Antrag, auf den sich die Herren Vierhaus, voji 
Staff und Plaschke — nun wohl zur allgemeinen Befriedi¬ 
gung — vereinigt haben, lautet folgendermassen: 

Es ist wünschenswert, dass die Ge¬ 
fangenenschutzvereine sich an der 
Ar,beit an den sittlich gefährdeten oder 
bereits strafbar gewordenen Jugend¬ 
lichen, soweit es ihren eigentlichen 
Zweck nicht beeinträchtigt, beteiligen, 
sei es durch lieber nah me dieser Arbeit, 
sei es durch IMitwirkung an der Arbeit 
der Jugendschutzvereine, sei es durch 
Begründung solcher Vereine. 

Ich werde diesen Antrag nun zur Abstimmung bringen. 

Ich bitte diejenigen, welche dafür sind, sich zu er¬ 
heben. (Geschieht.) 

Ich kann mit einer grossen Freude fesstellen, dass 
der Antrag einstimmig von der Versammlung ange¬ 
nommen worden ist. 

Nun, meine verehrten Herrschaften, haben wir nach 
unserer Tagesordnung noch die Frage 7 c zu verhandeln. 
Wenn Sie diese aufgestellten Thesen durchgelesen, durch¬ 
gesehen und ihrer Prüfung unterzogen haben werden, so 
werden Sie mit mir der Ansicht sein, dass sie wohl auf 
eine allgemeine Zustimmung zu rechnen haben. 

Der Herr Referent und der Verband, der ihn abge¬ 
ordnet hat, haben sich schon durch Aufstellung dieser 
durchaus notwendigen Zusätze ein Verdienst erworben; 
der Herr Referent wür.de uns nun besonders verpflichten, 
wenn es ihm gelänge, in der heutigen Versammlung an¬ 
gesichts der vorgeschrittenen Zeit in der tunlichsten Kürze 
die Sache zu behandeln. Ich darf daher vielleicht schon 
zu Beginn den Herrn Referenten ersuchen, das, was er 
uns vorzutragen hat, soweit es irgend tunlich ist, zu¬ 
sammen zufassen. 

Referent Strafanstaltsgeistlicher, Pfarrer Wolff- 
Cassel-Wehlheiden: 

Die seiner Zeit auf der Mannheimer Verbandsver¬ 
sammlung beschlossenen Grundsätze über die Zuständigkeit 
der einzelnen Vereine in Fürsorgesachen sind hv der 
Tagesordnung in Druck wiedergegeben und dürfen als 

Blätter für Gefän^niskunde.XLV. 



146 


allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Es unterliegt 
wohl keinem Zweifel, dass diese Grundsätze ausserordent¬ 
lich geeignet sind, die Einheitlichkeit und Planmässigkeit 
der Fürsorge an den Familien und Entlassenen zu fördern. 
Es fragt sich nur, ob dieselben auch so bekannt geworden 
sind, wie es zu wünschen wäre. Gerade in dieser Be¬ 
ziehung haben sich aber (ob begründet oder unbegründet 
— das will ich dahingestellt sein lassen) Zweifel erhoben. 
Es ist von dem einen und anderen auf Grund seiner Er¬ 
fahrungen die Vermutung ausgesprochen worden, dass 
diese Grundsätze nicht genügend verbreitet und bekannt 
seien. Diesem Umstand trägt der erste Antrag Rechuung, 
Er wurde mit dem anderen Antrag zusammen im Jahre 
1909 auf der Hauptversammlung der Zentralstelle für das 
Gefangenen-Fürsorgeweseii in der Provinz Hessen-Nassau 
von dem Frankfurter Gefängnisverein gestellt und seitens 
der Zentralstelle, als ihr eigener Antrag, an den Verband 
der deutschen Schutzvereine für entlassene Gefangene 
weiter gegeben. So steht er hier zur Erörterung. 

JMeiner Meinnng nach dürfte sich wohl kein Bedenken 
dagegen erheben, diesem ersten Antrag zu entsprechen. 
Denn es kann ja dem Verband der deutschen Schutz- 
yereine für entlassene Gefangene nur erwünscht sein, 
wenn die einheitlichen Grundsätze der Mannheimer Tagung 
immer weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Die 
geplante Mitteilung liesse sich aber durch die überall be¬ 
stehenden Zentral- bezw. Provinzialorgane für Gefangenen- 
Fürsorge leicht an die in Betracht kommenden Strafanstalts¬ 
und Gefängnis-Verwaltungen übermitteln. Dahin geht der 
erste Teil des Antrags, welcher lautet: „Die Mannheimer 
Grundsätze sind in Wortlaut an alle Strafanstalts- und 
Gefängnis Verwaltungen mitzuteileh und zwar mit dem 
Zusatz, dass in einzelnen besonderen Fällen eine Abweichung 
von der Regel gestattet sei.“ 

Der zweite Teil des Antrags beschäftigt sich nur mit 
dem zweiten Absatz der Mannheimer Grundsätze. In 
diesem ist gesagt: „Die Fürsorge für die entlassenen Ge¬ 
fangenen übernimmt der Verein des Grtes, an dem der 
Entlassene zur Zeit seiner Gefangennahme seinen dauern¬ 
den Wohnsitz gehabt hat.“ Das ist prinzipiell durchaus 
anzuerkennen. Aber was soll das bedeuten? Soll das 
bedeuten, dass der entlassene Gefangene einzig und allein 
an den Ort zurückkehren darf, wo er seinen dauernden 
Wohnsitz hatte? Soll er nur dort und nirgends sonst Hilfe 



147 


und Förderung finden? Oder soll auch in diesem Grund¬ 
satz die Idögiichkeit gegeben sein, den Entlassenen in 
gänzlich andere Verhältnisse hineinzustellen, kurz ihn 
einem anderen B'ürsorgeverein zuzuweisen? Ich meine, es 
kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass eine Wohnsitz¬ 
veränderung bezw. Verlegung der Wohnung und Tätigkeit 
an einen anderen Ort als den bisherigen für entlassene 
Gefangene in manchen Fällen geradezu geboten erscheinen 
kann. Wir Vertreter der Fürsorge dürfen und können 
durchaus nicht immer wünschen, dass dieser oder jener 
Gefangene an den früheren Schauplatz seiner Taten, in 
die alten Verhältnisse zurückkehrt. Denn wir wissen aus 
Erfahrung, dass gerade die Verhältnisse, unter denen der 
Betreffende lebte, zu seinem Fall ausserordentlich beige¬ 
tragen haben. Darum kann es vom Standpunkt der Für¬ 
sorge aus in manchen ITällen nur erwünscht sein, wenn 
ein Gefangener selbst den Wunsch äussert, irgendwo 
anders untergebracht zu Averden, nur nicht in dem zu¬ 
ständigen früheren Wohnort. 

Die Frage ist nur: „Wer trägt die etwa entstehenden 
Kosten?“ Der Verein des willkürlich gewählten neuen 
Wohnortes? Das stimmt doch unmöglich 'mit dem, in 
jenem Mannheimer Grundsatz ausgesprochenen, allgemeinen 
Gedanken überein. Es würde auch zu Unzuträglich¬ 
keiten führen. BjS Avürden dadurch Vereine, wie der F'rank- 
furter Gefängnis verein, welcher von Gesuchen um Arbeits¬ 
beschaffung und dergl. aus nord- und süddeutschen Straf¬ 
anstalten und Gefängnissen geradezu überschwemmt wird, 
vor Aufgaben und Ausgaben gestellt, die sie nicht er¬ 
füllen könnten. Es kann doch einem Verein nicht ohne 
weiteres zugemutet werden, Gesuche von solchen Gefangenen, 
die w’eder an dem betreffenden Ort verurteilt oder 
inhaftiert Avaren, noch ihren dauernden Wohnsitz dort 
hatten, anzunehmen und die Wünsche der Betreffenden zu 
erfüllen. Es ist deshalb in folgerichtiger Weiterbildung 
des Gedankens, welcher in dem zweiten Absatz der Mann¬ 
heimer Grundsätze ausgesprochen ist, die Forderung auf¬ 
zustellen, dass der zur Entlassung Kommende es zunächst 
mit seinem Heimatverein zu tun hat. Will nun der Ge¬ 
fangene an einem anderen Orte untergebracht Averden, 
so ist es Sache des zuständigen Heimatvereins, mit dem 
neuen Verein dieserhalb in Verbindung zu treten. Dann 
würden Schwierigkeiten irgend welcher Art sich vorher 
wohl beseitigen lassen, die Kostenfrage Avürde durch gegen- 



148 


scitigeUebereinkunft geregelt und dem Entlassenen würde die 
Möglichkeit geboten sein, aut neuem Boden ein neues 
Leben zu beginnen. Selbstverständlich wäre dazu die 
geeignete ^Mitwirkung der betreffenden Strafanstalts- und 
Gefängnisvervvaltungen unumgänglich notwendig. Ihre 
Aufgabe würde darin bestehen, den zunächst zuständigen 
Verein entsprechend zu benachrichtigen und die Wahl des 
neuen Wohnortes eingehend zu begründen. Die Zentral¬ 
stelle für das Gefangenen-Fürsorgewesen in der Provinz 
Hessen-Nassau stellt deshalb in zweiter Linie den Antrag: 
„Sollte für den Absatz 2 es den Anstaltsverwaltungen ge¬ 
raten erscheinen, dass der Entlassene nicht in die Heimat 
oder den Ort der Inhaftnahme als den zuständigen Ort 
der Fürsorge zurückkehrt, so möchten die Verwaltungen 
trotzdem das etwaige Gesuch um Fürsorge an den örtlich 
zuständigen Fürsorgeverein übergeben mit dem Ansuchen, 
sich darüber mit dem Verein, der für den neuen Aufenthaltsort 
zuständig ist, ins Einvernehmen zu setzen.“ 

Vorsitzender: 

Verehrte Versammlung! Wir empfinden dem Herrn 
Referenten gegenüber einen lebhaften Diink und — wenn 
ich ein Werturteil abgeben darf — auch insbesondere 
dafür, dass er die schwierige Aufgabe, kurz zu sein, in 
glänzender Weise gelöst hat (Heiterkeit) und uns doch alles 
das gesagt hat, was notwendig war. 

Ich glaube nicht, dass sich im allgemeinen ein Wider¬ 
spruch erheben wird. 

Ich hätte, ehe ich die Diskussion eröffne, nur eine 
kleine redaktionelle Bemerkung zu machen. Es würde 
vielleicht besser sein, in Nr. 2 zu sagen statt „sollte für 
den Absatz 2“: „sollte für den Grundsatz 2“. Das ist 
etwas, was sich besser auch allein liest und erfasst als 
.. Absatz 2“, bei welchem Ausdruck man unbedingt an 
eine Druckvorlage oder Schreibvorlage gehalten ist. 

Ich eröffne nun die Diskussion darüber. — Es meldet 
sich Niemand zum Worte. Dann darf ich wohl feststellen, 
ohne eine bestimmte Abstimmung, dass die Versammlung 
mit den Grundsätzen einverstanden ist. 

Ich stelle das hiermit. fest; der Beschluss der Ver- 
^sannnlung lautet also folgendermassen: 

Zu den auf der Mannheimer Versammlung beschlos¬ 
senen Grundsätzen: 



149 


1) Die Fürsorge für die Familie eines Gefangenen über¬ 
nimmt der Verein des Ortes, an dem die Familie zurzeit 
des Antrags auf Unterstützung sich dauernd aufhält; 

2) Die Fürsorge für die entlassenen Gefangenen über¬ 
nimmt der Verein des Ortes, an dem der Entlassene 
zurzeit seiner Gefangennahme seinen dauernden Wohn¬ 
sitz gehabt hat; 

sind folgende Zusätze zu machen: 

a. Die Mannheimer Grundsätze sind im Wortlaut an alle 
Strafanstalts- und Gefängnisverwaltungen mitzuteilen 
und zwar mit dem Zusatz, dass in einzelnen besonderen 
Fällen eine Abweichung von der Regel gestattet sei; 

b. Sollte für den Grundsatz 2 es den Anstaltsverwaltungen 
geraten erscheinen, dass der Entlassene nicht in die 
Heimat oder den Ort der Inhaftnahme als den zu¬ 
ständigen Ort der Fürsorge zurückkehrt, so möchten 
die Verwaltungen trotzdem das etwaige Gesuch um 
Fürsorge an den örtlich zuständigen Fürsorgeverein 
übergeben mit dem Ansuchen, sich darüber mit dem 
Verein, der für den neuen Aufenthaltsort zuständig 
ist, ins Einvernehmen zu setzen. 

Nun hätten wir noch einen Punkt der Tagesordnung: 

Anträge aus der Versammlung. 

Werden solche gestellt? (Es meldet sich niemand.) 
Dann sind wir am Schlüsse unserer Tagesordnung. 

Ich erteile nun auf sein Ersuchen das Wort dem Herrn 
<Teheimen Oberjustitzrat Plaschke. 

Geheimer Oberjustizrat Plaschke-Berliu: 

Meine hochverehrten Damen und Herren! 

Ich., habe zunächst einmal als Kommissar meines 
Herrn Chefs dem Verbände den herzlichsten und verbind¬ 
lichsten Dank dafür auszusprechen, dass er durch die 
freundliche Einladung es ermöglicht hat, dass ein Kommissar 
des Justizministers hierher gekommen ist, und ferner da¬ 
für, dass er diesen Kommissar nicht nur zum Worte ver¬ 
stauet hat, sondern dass er sogar schliesslich zum IMit- 
Antragsteller avancieren durfte. 

Ich glaube, annehmen zu können, dass Sie überzeugt 
sind, dass der Kommissar sich auf das lebhafteste für Ihre 
Bestrebungen interessiert, dass er ihnen ausserordentliches 
Interesse und vielleicht auch ein kleines Verständnis enf- 
gegengebracht hat. Und wie das Gescherr so der 
Dass mein Herr Chef derselben Auffassung ist ist für mich 



ganz unzweifelhaft, und so hoffe ich, vielleicht über drei 
Jahre wieder an Ihrer Versammlung teilnehraen zu dürfen, 
falls es Ihre Liebenswürdigkeit wieder für gut befindet, 
einen Kommissar des Justizministers zu erbitten. 

Nochmals herzlichen Dank. (Beifall.) 

Vorsitzender: 

Verehrte Versammlung! 

Von dem Herrn Präsidenten der Schlesischen Gefäng¬ 
nisgesellschaft bin ich beauftragt worden, Ihnen noch mit¬ 
zuteilen, dass die liebenswürdige Absicht besteht, dass für die¬ 
jenigen Herren oder Damen, die noch die Führung hiesiger 
Kräfte zur Besichtigung der Stadt und ihrer Sehenswürdig¬ 
keiten Avünschen, Herren der Schlesischen Gefängnis¬ 
gesellschaft sich zur Verfügung stellen. Etwaige der¬ 
artige Bitten mögen an Herrn Pastor Just gerichtet werden. 

Nunmehr kann ich die diesjährige Tagung des Ver¬ 
bandes schli essen. 

Ich habe zu Beginn die zuversichtliche Hoffnung aus¬ 
gesprochen, dass über unserer Tagung ein freundlicher, 
günstiger Stern walten möge. Diese Hoffnung hat sich 
erfüllt; aber, meine Herren, dieser Stern ist nach meiner 
Ansicht auch von unsichtbar wirkenden, aber geschickten 
Händen geleitet worden, und wir sind hiefür und für alles 
das, was uns hier in Breslau erwiesen worden ist, zu grossem 
Danke verpflichtet. 

Diesen Diink haben wir zu richten vor allem an die 
Schlesische Gefängnisgesellschaft und ihre Leitung; ihr 
liebenswürdiger Präsident hat uns in ausgezeichneter, nicht 
dankbar genug zu empfindender Weise in jeder Richtung 
unterstützt und gefördert und auch in hervorragendem 
Masse an unseren Verhandlungen förderlichst teilgenommen. 
Unser Dank erstreckt sich aber auch auf den Herrn Ge¬ 
schäftsführer, Pastor Just, der seine nicht zu ermüdenden 
Kräfte uns in so liebenswürdiger Weise zur Verfügung 
gestellt hat. , 

Wir haben Dank aber auch zu sagen der Schlesischen 
Provinzialverwaltung, die uns diesen prächtigen, so ge¬ 
eigneten Sitzungssaal zur Verfügung gestellt hat, und die 
sogar gestattet hat, dass wir in diesen heiligen Räumen 
gestern sogar unser Mittagsmahl einnehmen durften. 

Wir möchten auch unseren lebhaften Dank noch sagen 
dem Komitee in Wohlau. Diejenigen unter Ihnen, meine 
Herren, die den Ausflug dahin gestern mitgemacht haben, 



151 


werden mir beistiramen, wenn ich behaupte, dass der Aus¬ 
flug in vorzüglichster Weise verlaufen ist. 

Wir können deshalb nur schliessen mit der widerholten 
Versicherung unseres lebhaftesten, tiefsten Dankes gegen¬ 
über allen denjenigen, die uns hier entgegen getreten und 
entgegen gekommen sind. 

Damit schliesse ich die Tagung. 

Staatsanwalt Dr. Rosenfeld -Berlin: 

Darf ich noch nachträglich ums Wort bitten? 

Meine hochverehrten Anwesenden! 

Ich glaube, Sie werden alle mit mir einig sein, dass 
es lediglich ein Gebot des Herzens, dass es Pflicht der 
Dankbarkeit ist, wenn wir unserem verehrten und, ich 
kann w^ohl sagen, geliebten Herrn Präsidenten danken für 
die Leitung, die er uns hier hat zuteil werden lassen. Ich 
bitte Sie, wie Sie es zum Teil schon getan haben, sich 
zum Zeichen des Dankes von Ihren Sitzen zu erheben. 
(Geschieht.) (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) 

Schluss 1 Uhr. 


Anlage. 

Grundsätze 

für die 

Regelung der Jugendgerichtshilfe in Karlsruhe. 


§ 1 . 

Der Bezirksverein für Jug-endscliiitz und Gefangenenf\ii-sor«e 
organisiert die Jugendgerichtshilfe unter Mitwirkung ° 

1. des Badischen Frauenvereins, 

2. des evangelischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und 
Kinder, 

3. des katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und 

Kinder. ' ’ 


§ 2 . 


Der Bezirksverein für Jugendschutz und Gefangenenfürsm oe 
mmmt in seinen Vorstand je ein Mitglied des Vorstandes diese,- H,n.i 
Vereine als voll stimmberechtigtes Mitglied auf. 



§ 3 . 

Der Bezirksvevein für Jugendschutz und Gefangenenfürsorge 
stellt dem Jugendrichter mindestens vier Mitglieder seines Vorstandes 
zur Erfüllung der Aufgaben der Jugendgerichtshilfe als Jugend- 
gerichts-Keferenten zur Verfügung. Unter diesen müssen die drei 
von den oben genannten Vereinen in den Vorstand des Bezirksvereins 
abgeordneten Personen sich befinden. 

§ 4. 

Zur Unterstützung dieser Keferenten werden vom Jugendrichter 
auf Vorschlag der an der Leistung der Jugendgerichtshilfe beteiligten 
vierVereine Jugendgerichtshelfer ernannt. Vom Bezirksverein 
für Jugendschutz und Gefangenenfürsorge und vom Badischen Fi'auen- 
verein sollen mindestens je 10, von den beiden anderen Vereinen 
mindestens je 5 Personen als Jugendgerichtshelfer vorgeschlagen 
werden. 

Jedem Referenten stehen die auf Vorschlag seines Vereins er¬ 
nannten Helfer zur Verfügung. 


§ 5. 

Der Bezirksverein für Jugendschutz und Gefangenenfürsorge 
bezeichnet nach Benehmen mit den drei anderen Vereinen dem 
Jugendrichter je einen Jugendgerichtshelfer zur Vertretung der 
Referenten für den Fall der Verhinderung derselben. 

Diese Stellvertreter sollen den Referenten auch in seiner Eigen¬ 
schaft als Mitglied des Vorstands des Bezirks Vereins stimmberechtigt 
vertreten, soweit es sich um Ang'elegenheiten der Jugendgerichtshilfe 
handelt. 

§ 6 . 

Den Jugendgerichtsreferenten und -Helfern stellt der Jugend¬ 
richter eine Legitimationskarte aus, die den Referenten und 
Helfern bei Vornahme der Erhebungen als Ausweis dienen soll. 

§ 7. 

Die Jugendgerichtsreferenten und -Helfer stehen dem Jugend¬ 
richter unmittelbar zur Verfügung. Der Verkehr mit ihnen ge¬ 
schieht ohne Vermittelung der vier Vereine. 

§ 8 . 

Die Fürsorgetätigkeit für die abgeurteilten Jugendlichen 
wird wie bisher durch den ßezirksverein für Jugendschutz und Ge¬ 
fangenenfürsorge unter Mitwirkung der di’ei anderen Vereine ausgeübt. 



153 


Die Tuberkulosegfrage in den Strafanstaiten. 


Der so überaus wichtigen Frage der Behandlung der 
Tuberkulosen im Strafvollzug hat unser Verein von jeher 
besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt zugewendet. Das 
kam besonders dadurch zum Ausdruck, dass der Verein 
die Frage auf die Tagesordnung der Stuttgarter Versammlung 
1903 gestellt hatte. Ein vortreffliches Gutachten von f Geh. 
Med.-Rat Dr. Baer hatte die Frage: 

Empfiehlt es sich, phthisische Gefangene (Schwind¬ 
süchtige) 

a) in geeigneten Fällen zu beurlauben ? gegebenenfalls in 
welchen ? 

b) in eigenen Anstalten zu bewahren ? 
eingehend behandelt. (Bl. f. Gfkde. 37, 495 f.) 

Aus Mangel an Zeit wurde das Thema von der Tages¬ 
ordnung abgesetzt, dagegen in der 1905 in Dresden ab¬ 
gehaltenen Vereinsversammlung nach eingehendem Referat 
von Med.-Rat Dr. L e p p m a n n - Berlin um so gründiVeber 
behandelt (Bl. f. Gfkde. 40, S. 169 ff.) 


Das Endergebnis dieser Verhandlung war dex' 

Schluss: „Falls die Entlassung schwindsüchtiger Gefai^ 
aus der Haft nicht erfolgen kann, sollen die 
bezw. besserungsfähigen baldmöglichst in eigens 
handlung derartiger Kranker eingerichtete Sonderla,^^ tt® 
von Gefängnissen und Strafanstalten überführt wex 

Baer hatte in seinem Gutachten darauf hin&^ 
wie in neuester Zeit an den Strafanstalten die 'B' 

keit im allgemeinen und auch die Phthisis-SteV^^^^^^^e^^ 
erheblich gesunken sei, letztere jedoch nicht iw a 
M asse wie erstere. Nach einer von ihm mitgeteiit 
ist in den unter Verwaltung des Ministeriuxw^ 
stehenden preussischen Strafanstalten in TiiDS^iO 

bis 1901 die allgemeine Sterblichkeit von 2 o/ o/ ? 

die Phthisis-Sterblichkeit von 52,7 auf \ qO 

natürlichen Todes gestorbenen) zurückg^ /o 
Gesamtsterblichkeit ist um die Hälfte 
Sterblichkeit um V;! gesunken. die 



154 


Auch der Referent, Leppmann, hatte anerkannt, dass 
in der Phthisiker-Behandlung in den Strafanstalten sehr I 
vieles gebessert worden sei, indem man die Tuberkulose 
erkennen gelernt, Desinfektions - Gerätschaften eingeführt 
und den ganzen Organismus der Strafgefangenen in seiner ; 
Widerstandskraft durch bessere Nahrung gestärkt habe. | 
In der Sonderbehandlung der Erkrankten allein sei noch j 
nicht viel geleistet worden; er, Referent, würde es als 
einen grossen Gewinn der Vereins-Versammlung betrachten, 
wenn man sagen könnte: jetzt hat der Verein der Straf¬ 
vollzugsbeamten anerkannt, dass für die Tuberkulosen 
noch etwas geschehen müsse. 

In dem angeführten Beschluss hat unser Verein dies 
anerkannt und wenn er dem Satz des Referenten, in ge¬ 
eigneten Fällen tuberkulöse Gefangene zu beurlauben bezw. 
den Strafvollzug gegen sie auszusetzen, nicht beigetreten 
ist, so tat er es, weil der Durchführung dieses Gedankens 
erhebliche rechtliche Schwierigkeiten entgegenstehen. 

Es sind nun 6 Jahre seit diesem unserem Beschluss 
verflossen und es dürfte mit Rücksicht auf die grosse Be¬ 
deutung der Frage nicht unzw^eckmässig erscheinen, Aus¬ 
schau zu halten, was inzwischen auf diesem Gebiete ge¬ 
schehen und erreicht worden ist, zumal da in neuester 
Zeit meder in der Presse Stimmen laut geworden sind, 
welche die Strafanstalten als Tuberkulose-Ansteckungsherde 
bezeichnen.^) 

Auf eine von unserer Schriftleitung ausgegangene 
Anfrage haben die leitenden Stellen der einzelnen Bundes¬ 
staaten in dankenswertester Weise wertvolle Mitteilungen 
darüber gemacht, was in letzter Zeit in Absicht auf die 
Tuberkulosenbehandlung in den Strafanstalten geschehen 
ist, auch statistische Notizen über tuberkulöse Erkrankungen 
und Sterblichkeit geliefert. Die Hauptpunkte daraus seien 
in Nachstehendem zur Kenntnis unserer Leser gebracht, 
Baden: Im 5 jährigen Durchschnitt der Jahre 1905/09 
wurden in den badischen Zentral-Strafanstalten 

1- an Tuberkulose behandelt: 2,5% der Gesamtzahl der 
Gefangenen; 

2. Mit Tuberkulose behaftet wurden eingeliefert: 1,4% 

^ der Gesamtzahl der Gefangenen; 

_Von den Tuberkulose waren hereditär belastet: 1,5%; 

'V- , 2u vergl. R, Nor d hausen : „Der neue Strafvollzug“ im 

/t(H eft 2) der Blätter für Volksgesundheitspflege, 1910. 
^>eher Verlag für Volkswohlfahrt, Berlin). 



155 


4. an Tuberkulose gestorben : 0,17% der Gesamtzahl der 
Gefangenen. 

Zur Verhütung und Feststellung der Tuberkulose sind 
die umfassendsten Vorschriften gegeben. 

Im neuen Mannheimer Landesgefängnis, in welches 
auch tuberkulöse Gefangene anderer Strafanstalten ein¬ 
geliefert werden können, ist ein geräumiger heller Saal 
für Tuberkulose bestimmt; er ist mit einer unmittelbar in 
den Garten mündenden Liegehalle versehen, die, nach 
Süden gelegen, das Sonnenlicht empfängt und vor Nord- 
und Ostwinden geschützt ist. Möglichkeit die Gefangenen 
im Freien zu beschäftigen. 

In 5 Jahren sind 13 tuberkulöse Gefangene auf Wunsch 
der Angehörigen und der Gefangenen selbst mit Rücksicht 
auf ihre Krankheit nach Sicherung geeigneter Unterkunft 
und Pflege vorzeitig entlassen worden. 

Bayern: Geber die Tuberkulose in den bayerischen 
Strafanstalten in der Zeit 1863—1902 gibt eine Abhandlung 
von Dr. Drossbach, Strafanstaltsarzt in Laufen, in Blätter 
für Gef.-Kunde Bd. 41 S. 74 interessante Aufschlüsse. 
Drossbach kommt zu folgendem Ergebnis: 

1. Die allgemeine Sterblichkeit in den bayrischen Straf¬ 
anstalten ist niedriger als die der freien Bevölkerung. 

2. Die Sterblichkeit an Tuberkulose hingegen ist in den 
bayrischen Strafanstalten um ein Mehrfaches höher 
als in der freien Bevölkerung; sie ist höher als die 
tatsächlichen statistischen Ergebnisse, wonach Y? aller 
Sterbefälle auf die Tuberkulose trifft und sie ist auch 
höher als die vorläufig nur vermutungsweise an¬ 
genommene Zahl des Reichsgesundheitsamts, wonach 
jeder Dritte im Alter von 15—60 Jahren sterbende 
Mensch der Tuberkulose erliegt. 

3. Von den weiblichen Gefangenen sterben verhältnis¬ 
mässig mehr, sowohl überhaupt, als insbesondere an 
Tuberkulose. 

4. Die Schwere des Strafvollzugs, die sich stufenweise 
in den Arbeitshäusern, Gefangenanstalten und Zucht¬ 
häusern steigert, steht in geradem Verhältnis sowohl 
zur allgemeinen Sterblichkeit, als auch zur Sterblich¬ 
keit an Tuberkulose. 

5. Die Sterblichkeit, sowohl die allgemeine als die an 
Tuberkulose, bewegt sich seit Jahren in den bay¬ 
rischen Strafanstalten in einer absteigenden Unie, 
während die gesundheitlichen Slassnahinen 



156 


richtungen dank dem humanen Geist des gegenwärtigen 
Strafvollzugs sich in einer ansteigenden Linie be¬ 
wegen. 

Dem Generalbericht über die Sanitätsverwaltung im 
Königreich Bayern, herausgegeben vom K. Ministerium des 
Innern, für 1905 und 1906 ist zu entnehmen, dass im Durch¬ 
schnitt dieser beiden Jahre 5,8% des Durchschnittsstandes 
der männlichen Gefangenen in den Strafanstalten an Tuber¬ 
kulose erkrankt waren, und 8 vom Tausend an Tuberkulose 
gestorben sind. Bis zu 14% der Zugänge waren mit 
Tuberkulose behaftet. 

In den Jahren 1907/09 wurden (nach einer Mitteilung 
des Herrn Minist. - Referenten) grössere organisatorische 
Aenderungen im Strafvollzug durchgeführt. 5 alte Straf¬ 
anstalten wurden aufgehoben und zwei neue eingerichtet, 
die seit 1909 in Betrieb genommen sind. Den Anstalts¬ 
ärzten sind neue, von der obersten Medizinalbehörde ent¬ 
worfene Formulare, die sich insbesondere auch auf Tuber¬ 
kulose beziehen, zur Ausfüllung hinausgegeben worden. 
Die Berichte sind jedoch noch nicht eingekommen. Für 
das Jahr 1909 kann nur mitgeteilt werden, dass vom 
Jahresdurchschnitt von 5600 Gefangenen 462 = 7,9 % als 
tuberkulös konnten bezeichnet werden; weitaus die über¬ 
wiegende Mehrzahl derselben war schon tuberkulös zu¬ 
gegangen. An Tuberkulose gestorben sind 26 = 4,o %o, 
also ein Rückgang von ca. 50 %o. 

Braunschweig: Gefangenanstalten und Arbeitshaus 
Wolfenbüttel: Strenge Vorschriften über Desinfektion und 
Trennung tuberkulöser Gefangenen; leichte staubfreie Be¬ 
schäftigung derselben, möglichst im Garten. Milchzulagen 
bis zu 2 Liter im Tag; Fleisch- und Wurstzulagen. 

Im Durchschnitt der letzten 19 Jahre: Gefangenen¬ 
stand 577. An Tuberkulose Erkrankte 24 = 4 °/o; gestorben 
1,8—; im Jahr = 0,3 °/o. 

Bremen: Ueber die Behandlung der Tuberkulosen 
in Strafanstalten ist bestimmt: 

Der Auswurf soll weder in Taschentücher, noch 
in den Aufenthaltsraum, sondern in die in ausreichen¬ 
der Anzahl aufzustellenden Spucknäpfe, welche etwas 
Wasser enthalten, entleert werden. Alle Zellen, in 
denen hustende Gefangene untergebracht waren, sind bei 
etwaigem Wechsel der Insassen sorgfältig zu reinigen 
und nach ärztlicher Vorschrift zu desinfizieren: diese 
Massregel kann jedoch auf die Zellen solcher Insassen 



beschränkt werden, welche nach ärztlichem Urteil an 
Tuberkulose erkrankt oder derselben verdächtig 
waren. Gefangene, welche nach ärztlicher Fesstellung 
tuberkulös erkrankt sind, aber noch arbeiten können, 
sind nur mit solchen Arbeiten zu beschäftigen, bei 
denen eine Uebertragung der Krankheit auf andere Per¬ 
sonen nicht zu befürchten ist, und von gesunden 
Gefangenen möglichst fern zu halten. In besonderen 
Fällen kann der Arzt für solche Gefangene die Beigabe 
bezw. Mitführung eines Spuckfläschchens verordnen. 

Ist eine Ueberführung in das Krankenhaus der 
Anstalt nötig, so geschieht auch dort nach Möglich¬ 
keit Isolierung und ebenso wie in der Anstalt selbst, 
findet in jedem Falle eine gründliche Desinfektion 
von Zelle, Wäsche, Inventar statt. Ebenso wird eine 
gründliche Desinfektion der Zellen vorgenommen, in 
denen ein tuberkulös Erkrankter lag. Die Wäsche, 
sowohl der in der Anstalt, als im Lazarett befindlichen 
Kranken wird gesondert eingesammelt (die Zellentüren 
tragen ein diesbezügliches Schild, so dass der Auf¬ 
seher sich nicht irren kunn), desinfiziert und gewaschen. 
Beim Krankenhaus (Lazarett) befindet sich ein 
Pavillon, der zur Freiluftbehandlung dient. Ist beim 
Abgang eines Kranken weitere Behandlung nötig, so 
wird derselbe der allgemeinen Krankenanstalt über¬ 
geben. Der Bremer Verein zur Bekämpfung der 
Tuberkulose kann (freilich sind die Mittel desselben 
beschränkt) auch in Anspruch genommen werden. 

In dreijärigem Durchschnitt 1907/09 waren bei einem 
Diirchschnittsstand von 1153 Gefangenen 3,6 ®/o an Tuber¬ 
kulose erkrankt und 0,5 ®/o an Tuberkulose gestorben. 

Coswig, Herzogtum Anhalt. Strenge Desinfektions¬ 
und Trennuhgs-Vorschriften. 5jähriger Durchschnitt der 
Jahre 1905/10: Gefangen stand; 295, an Tuberkulose erkrankt: 
12 = 4 ®/o. Von 59 Tuberkulosen sind 54 krank eihgeliefert 
worden. In 5 Jahren 4 Todesfälle = 0,3 o/o, 

Eisass-Lothringen. (Mitteilung des Minist.- 
Referenten.) 

Zur Beleuchtung der besonderen Verhältnisse in 
Elsass-Lothringen muss vorausgeschickt werden, dass die 
bei der Annexion Vorgefundenen Anstalten den An¬ 
forderungen eines geordneteten Strafvollzugs nach 
vielen Richtungen nicht entsprachen, Ver-p^legung 
der Gefangenen lag in den Händen o-exvinnsüchtigor 



Unternehmer. Die Gesundheitsverhilltnisse in den 
Anstalten Hessen vieles zu wünschen übrig. Sie waren 
aber auch in dei* damaligenZeit in der freien Bevölke¬ 
rung ungünstiger als jetzt, und die allgemeine Sterb¬ 
lichkeit, wie die Sterblichkeit an Tuberkulose war 
grösser als gegenwärtig. Mit dem Einzug der deutschen 
Verwaltung und der damit verbundenen Systemände¬ 
rung auf dem Gebiete des Gefängniswesens trat jedoch 
ein merklicher Rückgang in der Sterblichkeitsziffer ein. 

Jene Systemänderung bedingte natürlich die Er¬ 
richtung von Neubauten. Einem radikalen Vorgehen 
stand die Kostenfrage entgegen; dennoch ist es ge¬ 
lungen, nach und nach fast an allen Orten bauliche 
Anlagen herzustellen, die den Anforderungen der Neu¬ 
zeit entsprechen und im übrigen wenigstens die nach 
Lage der Verhältnisse möglichen hygienischen Ver¬ 
besserungen vorzunehmen, die nicht nur dem allge¬ 
meinen Gesundheitszustand der Gefangenen zu gute 
kommen, sondern auch die weitere Verbreitung an¬ 
steckender Krankheiten hindern. Insbesondere ist man 
in den Gefangenanstalten darauf bedacht, die Infek¬ 
tion durch Tuberkelbazillen möglichst zu verhüten. 
Konsequent und streng durchgeführte Reinigung auf 
nassem Wege und Lüftung der Räume, Absonderung 
der als tuberkulös erkannten Gefangenen in Räumen 
mit abwaschbaren Wänden, ilire ständige Beobachtung 
durch den Anstaltsarzt, die Unschädlichmachung des 
Auswurfs, als des Hauptträgers der Ansteckungskeime, 
Desinfektion der Kleidung und Bettwäsche der Er¬ 
krankten, zweckmässige Hautpflege durch Bäder, Kost¬ 
verbesserung und geeignete Beschäftigung; alle diese 
Massnahmen finden allgemeine Anwendung, und sind 
wohl geeignet, die Ansteckungsgefahr für die Anstalts¬ 
insassen so viel wie möglich hintanzuhalten. 

Massnahmen gleichen Umfangs dürften wohl bei 
der freien Bevölkerung — abgesehen von den Sana¬ 
torien — nicht zu finden sein. 

Ein grosser Teil der Anstaltsinsassen entstammt einer 
Bevölkerungsschicht,beidererfahrungsgemässdie Tuber¬ 
kulose ein häufigeres Vorkommen aufweist. Mangelhafte 
Ernährung, Alkohol, der Aufenthalt in engen, licht ver¬ 
schlossenen Räumen in ihrer mit Miasmen geschw'änger- 
ten Luft bilden hauptsächlich den Nährboden der Tuber¬ 
kulose. Ein Teil der Gefangenen kommt daher mit 
voller Disposition zu dieser Krankheit belastet in die 



159 


Anstalt; andere werden schon als tuberkulös elnge- 
geliefert. Und wenn auch zugegeben werden mtass, 
dass das Gefängnisleben trotz der Fürsorge für die 
Gefangenen im allgemeinen die Widerstandskraft des 
Organismus nicht günstig beeinflusst, so sind doch 
durch die den tuberkulösen Gefangenen zu teil werdende 
Behandlung selbst im Vergleich zur Heilstätteneinrich¬ 
tungen nicht zu verkennende Erfolge zu verzeichnen. 

Zur Illustrierung des Gesagten mögen einige stati¬ 
stische Angaben dienen: 

In der Strafanstalt zu Ensisheim, der grössten zur 
Aufnahme männlicher Zuchthausgefangenen bestimmten 
Anstalt des Landes, betrug die allgemeine Sterbliclv 
keit in den Jahren: 


1860/69 . . 

. . 39,6 %„ 

1871/79 . . 

1890/98 . . 

1901/09 . . 

. . 29,6 Voo 
• • 12,7%. 

. . 8,9®/oo. 


während dieselbe für die freie Bevölkerung Elsass-Loth- 
ringens im Jahre 1908 auf 18,97oo festgestellt ist. Also 
ein bedeutender Rückgang der Sterblichkeitsziffer bis weit 
unter den allgemeinen Stand. Die absolute Zahl der Todes¬ 
fälle in der Strafanstalt zu Ensisheim im Vergleich mit 
der Zahl der Todesfälle an Tuberkulose und sonstigen 
Infektionskrankheiten ergibt sich aus folgenden Angaben: 




1(>0 


Verhältnis der Zahl der Insassen dieser Anstalt zur Zahl der 
dortigen Erkrankungen und Todesfälle zeigt folgende Tabelle: 


3« der freien 
Bevölkerung- 

Dieses günstige Bild wird auch nicht verschoben durch die 
Zusammenfassung der Bevölkerung aller Anstalten, also 
auch derjenigen, in welchen kurzzeitige Strafen vollstreckt 
werden. Die Aintsgefängnisse sind hierbei ausgenommen: 



Auf 1000 Personen 



erkrankten 

starben 

im 

Jahr 

über¬ 

haupt 

au Tuber¬ 
kulose 

über¬ 

haupt 

an Tuber¬ 
kulose 

i9oa 

264 

16 

17 

6,3 

1904 

*)7o 

14 

17 

3,1 

1905; 

222 

12 

5 

1,7 

1900 

306 

13 


— 

1907 

280 

! 4 

! ^ 

1 

1908 

359 

i 

i 6 

1 

1 

1 


1908 

1 

1 j 

1 

— 

18,9 

i 2.37 

1 


m din- fr, 
->evölkeri 
dagegx. 



Auf 1000 Personen 

1 


erkrankten 

starben 

im 

Jahr 

über¬ 

haupt 

an Tuber¬ 
kulose 

üher- 

haiipt 

an Tuber¬ 
kulose 

1903 

83 

O 


0,5 

1904 

87 

i ) 
f ) 

2,8 

0,6 

UK)5 

82 

f ) 

0,9 

0,2 

1906 

85 

3 

1.0 

0.2 

19U7 

82 

5 

0.6 1 

0,2 

1908 

85 

! :■> 

0.9 

0,3 

1908 

”■ 

— 

1 ls,9 

2,37 






161 


Die Sterbliclikeit betrug’ demnach in den Jahren 
1903—1908 in der Strafanstalt zu Ensiheim . 10 ®/oo 

für sämtliche Anstalten Elsass-Lothringens . l,4®/oo 

in der freien Bevölkerung für 1908 . . . .18,9 ®/oo 

der Anteil der Tuberkulose während dieses 

Zeitraums betrug in Ensisheim .... 2 o/oo 

in sämtlichen Anstalten Elsass-Lothringen . 0,3 ®/oo 

in der fieien Bevölkerung 1908 ..... 2,37 ®/oo 

die Sterblichkeit ist danach nicht nur im allgemeinen, 
sondern auch hinsichtlich der Tuberkulose geringer 
als in der freien Bevölkerung. 

Hamburg-Fuhlsbüttel (Mitteilung der Direktion). 

In den hamburgischen Gefängnissen wird die Lungen¬ 
schwindsucht in derselben Art bekämpft, wie dies in 
den Anstalten des preussischen Ministeriums des Innern 
geschieht und aus dessen jährlicher Statistik zu er¬ 
sehen ist. Insbesondere w’erden irgendwie schwerer 
Erkrankte im Lazarett auf besonderer Station ver¬ 
pflegt. Für die schwersten Fälle ist eine eigene Baracke 
mit offener Liegehalle da. Leichter Erkrankte mit 
Auswurf werden abgesondert, die übrigen unter medi¬ 
kamentöser Behandlung und mit häufiger Gewährung 
von Kostzulagen möglichst zur Aussenarbeit versetzt. 

In dem Zeitraum vom 1 . Juni 1906 bis 31. Mai 1910 
belief sich die tägliche Durchschnittsbelegung der drei 
Gefängnisse in Fuhlsbüttel, in denen alle Arten von 
Freiheitsstrafen ausser Festungshaft, aber einschliess¬ 
lich des Arbeitshauses an Männern und Weibern, Er¬ 
wachsenen und Jugendlichen vollstreckt werden, auf 
1410,31 Männer und 126,29 Weiber. Davon 


I. erkrankten in Prozenten und kamen ins Lazarett 

Männer Weiber 

Überhaupt.5,55 »/o 9 5 ^ 0/0 

an Lungensch’windsucht . . . 0,51 ®/o 0^20 0 / 

so dass die Erkrankungen an Lungenschwindsucht 9 o 0/0 
bezw. 3,04 ®/o aller Erkrankungen ausmachteu 


11. sraroen in Prozenten: 

Mäui-aii. -IXT ., 

überhaupt ........ 0,29 o/^ nÄo 

an Lungensch^w'indsucht . . • o/o 0/0, 

so dass dm Todesfälle an Lung•ensch^vU.d..., Vr ^7 9^ 
bezw. 34,78 ®/o aller Todesfälle ausmachten 
kulose-Sterblichkeitsziffei. i,3 ®/oo. Tube 

tV.hter für Gefiingniskunde. j y 


11 




102 


Dabei stellt ein erheblicher Bruchteil der Zücht¬ 
linge und der Korrigenden sich bei der Einlieferung 
durch Entbehrungen, Ausschweifungen und Laster, 
namentlich Trunksucht, geschwächt dar. 

Hessen (mitgeteilt vom Generalstaatsanwalt). 

Nach einer auf Grund des statistischen Handbuchs 
für das Grossherzogtum Hessen, herausgegeben von 
der Zentralstelle für Landesstatistik, angestellten Be¬ 
rechnung ist die Sterblichkeitsziffei' an Tuberkulose 
(der Lunge und anderer Organe) bei der männlichen 
Bevölkerung im Alter von 20—70 .Jahren im .Jahre 
1905/06 auf 1000 Lebende 3,8 gewesen. In demselben 
Jahre starben an Tuberkulose von den 286 Gefangenen, 
die während des Jahres im Landeszuchthaus Marien¬ 
schloss verwahrt waren, keiner (= 07 oo), von den 
1127 Gefangenen, welche während des .Jahres in der 
Zellenstrafanstalt Butzbach verwahrt waren, 2 (= l,87oo)- 
Die genannten beiden Anstalten sind die einzigen 
hessischen Zentralstrafanstalten; das Landeszuchthaus 
Marienschloss ist Strafort für männliche Zuchthaus- 
gefangene, die Zellenstrafanstalt Strafort für über 
18 Jahre alte männliche Gefängnisgefangene, die mehr 
als einen Monat zu verbüssen haben. Die Altersgrenze 
von 20—70 Jahren entspricht der Bevölkerung von 
beiden Anstalten, denn Gefangene aus der Altersklasse 
von 18—20 Jahren sind dort höchst selten. — Es darf 
ohne Weiteres unterstellt werden, dass die oben an¬ 
gegebene Sterblichkeitsziffer an Tuberkulose von 3,8®/oo 
nicht nur für das Jahr 1905/06, sondern auch, höchstens 
mit kleinen Verschiebungen, für das vorhergehende 
und die unmittelbar nachfolgenden Jahre zutrifft. Es 
ist deshalb von Interesse, auch diese Jahre in den 
Bereich der Betrachtung zu ziehen. Es starben an 
Tuberkulose 


a) im Landeszuchthaus Marienschloss: 


den 316 Gefangenen 

des Jahres 1904/05: 2 (= 6,3®/oo) 

” « 286 

n 

., 1905/06: 0 (= 0,0 o/oo) 

” » 266 


!, 1906/07 : 0 (= 0,0o/oo) 

” 407 „ 


1907/08: 1 (= 2,40/00) 

-- -n^ 381 


1908/09: 3 (=l,8^loo) 

Jius. Von 165^ Gefangenen 


in 5 Jahren: 6 (= 3,60/oo) 





103 


b) in der Zellenstrafanstalt Butzbach: 
von den 1143 Gefangenen des Jahres 1904/05: 0 (= 0 ‘^/oo) 

, « 1127 „ 1905/06: 2 (= 1,8 ö/oo) 

, ^1192 „ „ 1906/07: 0 (=0,0 o/oo) 

„ „ 1759 „ 1907/08: 1 (=0,56 o/oo) 

, „ 1957 1908/09: 2 (= 1 o/oo) 

zus. von 7178 Gefangenen in 5 Jahren: 5 (= 0,7 ®/ooj 

Berücksichtigt man, dass nach der Reichsstatistik 
die Tuberkulose-Sterblichkeit im Verhältnis zur Be¬ 
völkerungsdichtigkeit steht und dass Strafanstalten mit 
ihrer Anhäufung von Menschen eine Analogie zu dicht 
bevölkerten Bezirken bieten, so dürfen die vorstehenden 
Ziffern als schlüssiger Beweis für die ausgezeichneten 
sanitären Verhältnisse der beiden Anstalten gelten. 

Der Unterschied zwischen dem Landeszuchthaus und 
der Zellenstrafanstalt erklärt sich dadurch, dass in 
der Zellenstrafanstalt infolge der verschiedenen Dauer 
der vollstreckten Gefängnisstrafen der Bestand einem 
starken Wechsel unterworfen ist, dort auch die jüngeren, 
kräftigeren Altersklassen überwiegen, während im 
Landeszuchthause fast durchweg vielfach vorbestrafte, 
körperlich heruntergekommene Menschen aus höheren 
Altersklassen verwahrt werden. Im übrigen sind die 
Verhältnisse der nur U/a Stunden von einander entfernt 
liegenden Anstalten die gleichen; in beiden wird der 
Strafvollzug je nach der Individualität der Gefangenen 
im gemi.schten System (Einzelhaft und beschränkte 
Gemeinschaft) gehandhabt. 

In den beiden hessischen Zentralstrafanstalten sind 
Tuberkulose-Infektionen weder unter den Gefangenen 
noch bei dem Aufsichtspersonal beobachtet worden. 
Die dort behandelten Fälle tuberkulöser Erkrankung 
betrafen sämtlich solche Gefangene, die entweder 
bereits mit nachweisbarer Tuberkulose öJngeliefeit 
wurden oder beim Zugang mindestens stark verdächtig’ 
waren. In welchem Mass und mit welchem Frfoh*' 
aber dort der Tuberkulose entgegen gearbeitet wird 
das zeigt das Abgangsgewicht von Oefangenoi^ die 
mit nachgewiesener Tuberkulose in der ZeDX\ltv xf' 
anstalt aufgenommen würden. Im letzten oind 

an 8 solcher Gefangenen nach Strafzeiten 
Monaten Gewichtszunahmen von 1 2, 2, 4 T r, und 
10 kg. bei vortrefflictiem Allgemembefind’ ^ 

Arnrrlftn- nur P testoestem 


worden; nur einer"bS sichlm 


0 "= 



164 


Ichtershausen. 5 jähriger Durchschnitt von 
1905/10. Gefangenstand: 378, an Tuberkulose erkrankt: 
4,4 °/o, 4 Todesfälle = 0,2 ®/o. Strenge Trennungs- und 
Desinfektionsvorschriften. 

M eck 1 enbur g-Sch weri n. (Mitteilung v. Dr. 
Griewank.) 

In der durchschnittlich mit 240—250 Sträflingen 
belegten Strafanstalt Dreibergen betrug im Lauf 
der 5 Jahre 1905—1909 die Zahl aller nachweisbar 
an Tuberkulose erkrankten Sträflinge durchschnittlich 
1 ,8o/o; Todesfälle an Tuberkulose kamen in der Anstalt 
in der genannten Zeit nicht vor. Allerdings wurden 
im Lauf der 5 Jahre 4 an vorgeschrittener Tuberkulose 
leidende Sträflinge, von denen aber 3 bereits krank 
in die Anstalt gekommen waren, auf ihre eigene 
wiederholte dringende Bitte bezw. auf Antrag der 
Angehörigen begnadigt, bezw. mit Strafunterbrechung 
nach Hause entlassen und sind im Laufe der nächsten 
Monate gestorben. Stellt man diese Todesfälle für 
die Anstalt in Rechnung, so ergibt sich eine Sterblich¬ 
keit an Tuberkulose von ca. Vs o/o aufs Jahr. 

In dem durchschnittlich mit 180 Gefangenen be¬ 
legten Zentralgefängnis zu B ü t z o w betrug in dem¬ 
selben Zeitraum die Zahl der tuberkulösen Gefangenen 
durchschnittlich ca. 2 o/o. Gestorben ist in der Anstalt 
kein Gefangener an Tuberkulose; 2 Gefangene wurden 
allerdings wegen vorgeschrittener Tuberkulose be¬ 
gnadigt, von ihnen ist einer bald darauf gestorben. 
Das Schicksal des anderen ist unbekannt. 

Bei den leicht erkrankten Tuberkulösen wurden in 
beiden Anstalten wiederholt wesentliche Besserungen 
mit erheblicher Gewichtszunahme beobachtet, zum 
Teil jedenfalls infolge der streng geregelten Lebens¬ 
weise und des Ausschlusses jeglicher Exzesse. Diese 
Gefangenen werden stets mit staubfreier Arbeit, wenn 
möglich im Freien beschäftigt. Sämtliche hustenden 
Gefangenen werden strenge angewiesen, nur in den 
zum Teil mit Wasser gefüllten Spucknapf, der sieh 
in jeder Zelle befindet, zu spucken; für tuberkulöse 
Gefangene erhält das Wasser einen entsprechenden 
Zusatz von Karbolsäure. 

Oldenburg. (Mitteilung der Direktion der Straf¬ 
anstalten in Vechta, Zuchthaus für Männer, Männer-Ge- 



165 


fängnis, Zwangsarbeitshaus für Männer, 
Gesamtzahl ca. 450.) 

Es wurde Tuberkulose beobachtet: 

1903 bei einer Durchschn.-Gesamtz, von 403 Gef.: 25 


Weibergefängnis 


1904 

1905 


Todesf. 0 
396 „ 30. ., 0 
376 „19. „ 0 


23. Todesf. 0 

das 
auf 


n n ri n n 

(in 9 Fällen wurden Besserungen erziehlt) 

1906 bei einer Durchschn.-Gesämtz. von 380 Gef.: 23 
(2 Gefangene wurden wegen fortgeschrittener Krankheit in 
Krankenhaus Vechta entlassen, ein Gefangener nahm von 50 

58 kg. zu, verlor Auswurf und Bazillen) 

1907 bei einer Durchschn.-Gesamtz. von 299 Gef.: 19. Todesf. 0 

J908_ . . „ , , 331 „ 11. „ 1 

(ein Kranker im Krankenhaus Vechta untergebracht, ein Kranker zeigt 
Gewichtszunahme von 18 Pfund, verlor Auswurf und Bazillen) 
1909 bei einer Durchschn.-Gesanitz. von 398 Gef.: 6. Todesf. 0 


Bei keinem der Fälle kann nachgewiesen werden, 
dass er seine Entstehung dem Aufenthalt im Gefängnis 
verdankt, und das ist auch kaum möglich, denn alle 
prophylaktischen Massregeln und alle Heilbestrebungen, 
die der derzeitige Stand der Tuberkulose-Frage an die 
Hand gibt, finden Anwendung: Sämtliche eingelieferte 
Gefangene werden untersucht und zwar wird auch 
anamnestisch nach Tuberkulose (wie auch nach Geistes¬ 
krankheit) geforscht. In allen Fällen von länger 
dauerndem Husten mit Auswurf wird der letztere 
mikroskopisch, eventuell bakteriologisch untersucht; 
die Untersuchungen werden vom hygienischen Institut 
Bremen ausgeführt. Sämtliche Gefangene werden 
regelmässig gewogen und beim Sinken des Körper¬ 
gewichtes werden Kostzusätze verordnet. Es besteht 
Einzelhaft, die Möglichkeit der Uebertragung der 
Krankheit von Person zu Person ist demnach an sich 
schon äu-sserst gering, ausserdem werden Zellen, in denen 
irgendwie verdächtige Gefangene gewohnt haben, von 
zwei geprüften Aufseher-Desinfektoren vor der Wieder¬ 
belegung desinfiziert. Soweit die allgemeineProphylaxe. 
Im Speziellen werden die tuberkulösen Gefangenen 
besonders sorgfältig abgesondert, sie machen Liege¬ 
kuren durch, die fortlaufende Desinfektion wird aufs 
peinlichste durchgeführt; .sie werden, wenn arbeits¬ 
fähig, mit staubfreien Arbeiten, wenn irgend angängig, 
mit Aussenarbeiten beschäftigt, bekommen Arznei¬ 
mittel, ohne da.ss auch nur im Geringsten auf die oft 
nicht unerheblichen Kosten derselben Rücksicht gc- 



1G6 


nommen wird, und werden in einer Weise ernährt, wie 
es sich die wenigsten in der Freiheit leisten können. 

S ttc h s e n -11 e i n i n g e n. 

Ueber die Tuberkulose ira Zuchthaus zu Unter¬ 
massfeld gibt der Aufsatz von Sanitätsrat Dr. Schmidt¬ 
mann in BL f. Gfskde., Bd, 44 S. 11 ft. Aufschluss. Nach 
einer Mitteilung des Herrn Verfassers ergibt sich für 
die Jahre 1906/10 folgende Tuberkulosen-Statistik : 

Zuchthaus Unterraassfeld: 


Jahr 

j Gesamt¬ 
zahl der 
Sträf- 
! linge 

Gesamt¬ 
zahl der 
Todes¬ 
fälle 

Zahl der 
Tuber¬ 
kulösen 
in der 
Anstalt 

Hiervon 

wurden 

krank 

ein¬ 

geliefert 

1 1 

Hier 

! erkrank¬ 
ten 

Zahl 
der an 
Tuber¬ 
kulose 
Verstor¬ 
benen 

1906/07 

i 

345 

4 

4 

9 

1 

! 2 

2 

1907 08 

1 

323 

0 

1 

1 

! 

— 

1908/09 

' 322 


2 

— 

, 2 

2 

1909/10 

319 

4 

1 : 

3 

2 

1 

2 

Summa 

! 

1309 

! n 

i w 

1 

i 5 

j 

5 

< 

! 

1 ^ 


1 Jahres- 
1 bestand 
im 

r)iirch- 
schnitt 
i 327 

; pro .Jahr 
2,75 

! 

} pro Jahr 

' 2,5 

: = 0,77« 

i 

Krank 

einge¬ 

liefert 

50 

, Hier 
i erkrankt 
: 50 7, 

pro Jahr 
1,5 

= 4,5%, 


Es wird streng darauf gehalten, 

^ Mit Tuberkulose behafteten Personen von 

den übrigen Insassen ständig isoliert gehalten werden 
tnid, wenn dies nicht anders zu machen ist, lieber 

unbeschäftigt bleiben, auch wenn sie noch arbeitsfähig 
sind, 

dass die von Tuberkulösen benutzte T.eib- und Bett- 
'vasche getrennt von der anderen 2 Stunden lang 
gekocht wird, 

ass im Xodes eines Tuberkulösen die von 

-losem benutzten Kleider, Bettdecken und Strohsäcke, 







soweit nicht gründliche Desinfektion eintreten kann, 
verbrannt werden, 

4. dass Zellen, in denen Lungenkranke untergebracht 
werden, vor ihrer Weiterbenützung frisch geweisst, 
Fussböden, Fenster, Türen, Bettgestelle gründlich ge¬ 
scheuert und mit einer Carbollösung abgerieben werden 
und dann gut gelüftet noch längere Zeit unbenutzt 
bleiben. 

Sachsen (Königreich) (Mitteilung des Referenten 
im K. Sachs. Ministerium des Innern): 

ln den Landes - Straf- und Korrektionsanstalten, 
die dem K. Sachs. Ministerium des Innern unterstellt 
sind, werden gegen die Lungenschwindsucht folgende 
vom Landes-Medizinalkollegium vorgeschlagenen Mass- 
regeln beachtet: 

Die an Lungenschwindsucht erkrankten Gefangenen 
insbesondere auch die noch nicht in einem vorgerückten 
Stande der Krankheit befindlichen werden von den 
gesunden Gefangenen tunlichst getrennt. 

Zellen oder Krankenräume, in denen an Lungen¬ 
tuberkulose oder derselben auch nur verdächtige 
Kranke untergebracht gewe.sen sind, werden beim 
Wechsel der Insassen sorgfältig gereinigt und des¬ 
infiziert. 

Erkrankte, aber, noch arbeitsfähige Gefangene 
werden bei der Anfertigung von Gebrauchsgegen¬ 
ständen nicht beschäftigt. 

Leib- und Bettwäsche wird nach jedesmaligem 
Gebrauche gründlich desinfiziert, die Spuckgläser 
werden täglich mit Wasser gefüllt, der Auswurf 
hustender Gefangener, darf nicht in Taschentücher 
oder in den Aufenthaltsraum, sondern nur in überall 
aufzustellende Spucknäpfe entleert werden, die etwas 
AVasser zu enthalten haben. 

Neben diesen allgemein vorgeschriebenen Mass¬ 
nahmen sind noch besondere Vorsichtsmassregeln in 
Anwendung. So wird der Staubentstehung besonders 
bei den Arbeiten mit allen Mitteln entgegengewirkt 
und hauptsächlich wird bei der Wahl der Beschäf¬ 
tigungsarten darauf Rücksicht genommen, dass sie tun¬ 
lichst die Gesundheit der Gefangenen nicht schädigen. 
Zu dem Zwecke der Staubminderung sind geschlossene 
Räume und Höfe zum Teil mit Teerüberzug versehen. 
Stark Tuberkulöse führen statt leinener Taschentücher 



168 


Seideiipapiertttcher, die nach dem Gebrauch sofort 
vernichtet werden. Bei einem Zellen Wechsel eines 
Erkrankten wird der Strohsackinhalt völlig erneuert. 

Die Direktionen lassen es sich angelegen sein, 
erkrankten Gefangenen und auch nur der Krankheit 
verdächtigen geeignete, möglichst staubfreie Arbeit 
zuzuweisen, sie bezüglich der Kleidung, der Bewegung 
im Freien, des Essens usw. besonders zu berücksichtigen, 
unter fortlaufender Ueberwachung der Kranken durch 
den Anstaltsarzt. 

Dass sich tuberkulöse Gefangene in den Anstalten 
— oft in grösserer Anzahl — befinden, ist nicht so¬ 
wohl auf den Mangel genügender hygienischer Ein¬ 
richtungen der Strafanstalten, sondern auf andere 
Gründe zurückzuführen. 

In vielen Fällen hat eine in der Anstalt erkannte 
Erkrankung schon vor der Einlieferung bestanden. 
Das verbrecherische Vorleben der Gefangenen mit 
seinem die körperlichen und geistigen Kräfte schwächen¬ 
den und aufzehrenden Wirkungen disponiert aber auch 
besonders für die Tuberkulose, lässt wenigstens die 
Widerstandsfähigkeit der Gefangenen geringer werden. 
Die nachteiligen Folgen, welche Verbüssung von Frei¬ 
heitsstrafen, besonders bei deren längeren Dauer, 
vielfach für die Gesundheit der Gefangenen mit sich 
bringt, müssen naturgemäss auch mit als Anlass zur 
Entstehung der Tuberkulose erachtet werden. Die 
Zahl der schon bei der Einlieferung tuberkulös kranken 
oder der Tuberkulose verdächtigen Gefangenen fest¬ 
zustellen, ist nach den Verhältnissen nicht möglich. 
Man muss sich deshalb darauf beschränken, in un¬ 
getrennter Summe die Anzahl der Gefangenen, die 
während der Strafzeit an Tuberkulose (Lungenschwind¬ 
sucht und Tuberkulose anderer Art) erkrankt sind und 
bei denen während der Strafzeit die Erkrankung erkannt 
worden ist, festzustellen. Diese Zahl hat in den Jahren 
1901/09 in sämtlichen dem Ministerium des Innern 
unterstellten Straf- und Korrektionsanstalten jährlich 
im Durchschnitt 49 betragen, gegenüber einem Ge¬ 
fangenenbestand am Jahresanfänge von durchschnitt¬ 
lich 4625 Gefangenen und einem Gesamtbestand (An¬ 
fangsbestand Zugängen) von durchschnittlich 9.346 



169 


Gefangenen. Die in den Anstalten vorgekommenen 
Todesfälle an Tuberkulose haben in den Jahren 190i/09 
jährlich im Durschnitt 24,8 betragen. Bezogen auf 
einen Anfangsbestand von 10000 ergibt dies 52,5 Fälle 
und bezogen auf einen Gesamtbestand von 10 000 er¬ 
gibt dies 26,0 Fälle. 

Preussen. Sowohl von den dem Ministerium des 
Innern, als in den dem Justizministerium unterstellten 
Strafanstalten wird der Feststellung der Tuberkulose, ihrer 
Behandlung und der Verhütung der Uebertragung durch 
Desinfektionsmassregeln, durch Trennung der erkrankten 
Gefangenen von der Umgebung, durch Einrichtung beson¬ 
derer Stationen für Tuberkulose, und besonders auch durch 
Berücksichtigung aller verdächtigen oder beginnenden 
Krankheitsfällen ganz besondere Sorgfalt 2 :ugewendet. 

Die letzte Statistik des Ministeriums* des Innern zeigt 
folgende Zahlen:’) 


Aus der freien 
Bevölkerung in 
Altersklasse 
von 20 Jahren 
starben an 
Tuberkulose 


Männer 


25 742 


Weiber 


22 085 


Auf 1000 
Lebende 
kommen an 
Tuberkulose 
Gestorbene 


Männer 


Weiber 


Zuchthausgefangene 


Anzahl der an 
Tuberkulose 
gestorbenen 


MännerjWeiber 


2,6 


2,1 


Entsprechende Altersstufe 
über 15 Jahre 


28 085 


25 021 


2,4 


2,0 


59 


Auf 1000 Le¬ 
bende kommen 
an Tuberkulose 
gestorbene 

M änn er 1W eiber 


3,4 I 5,6 


Gefängnisgefano-onc 


18 


0,3 


0.2 


Der Erfolg aller auf die Bekäninfimo- a ^ r-i-nif,i;p 
gerichteten Massnahmen der letzten luberk - 

folgenden Zahlen :*) '''-e'gt 

') Vergl. „Poim2 Strafe und Verhvor u i ,no- 

.Aus Natur und Geisteswelt“ 323. Bändchen der Sainnilnn» 

■^) Pollitz, a. a. 0 . S. 91. ‘ ^ 





170 


Es starben an Tuberkulose 
in preussischen Zucht¬ 
häusern Gefangene (Männer) 

Bei einer 
Gesamtzahl 
von Insassen 

Auf 1000 der 
Gesamtzahl 
kommen 

1870/74 = 2.3'6 

22 401 

10,7 

1877/82 = ^%2 

19 072 

18,0 

1883/.S7 =: 293 

20 000 

14,6 

1887,91 = l.")0 

18 200 

8,3 

1893 = 127 

26 210 

4,8 

1900 = 08 

20 340 

3,.3 

1907 = ö9 

17 604 

3,4 


Was die unter dem Justizministerium stehenden An¬ 
stalten betrifft, so ist der neuesten Statistik über diese 
(Gefängnisse für das Jahr 1909 (S. 19) zu entnehmen; 

Nach der täglichen Durchschnittszahl der Gefangenen 
erkrankten bei den Gefängnissen mit einer Belegungs¬ 
fähigkeit von 50 und mehr Gefangenen von 100 Gefangenen 
1,12, nach der Gesamtzahl der im Laufe des Jahres unter¬ 
gebrachten Gefangenen 31,81. Von den Krankheitsfällen 
entfielen 0,65 7o Tuberkulose. Von den Todesfällen 
entfielen 12,77 7o auf Tuberkulose. 

Nach Tabelle 10 S. 180 und 181: Von der täglichen 
Durchschnittszahl der Gefangenen von 26 095 erkrankten 
an Tuberkulose 669 = 2,5 7o und starben an Tuberkulose 
1 « = 0 , 6 %. 

Württemberg. Auch hier sind in Absicht auf 
Verhütung und Bekämpfung der Tuberkulose an den Straf¬ 
anstalten die umfassendsten Massnahmen getroffen. 

In der grössten Strafanstalt des Landes: Zuchthaus 
Ludwigsburg, wurden in den Jahren 1894/1903 bei einem 
Durchschnittsstand von 593 Personen jährlich 30 Tuber¬ 
kulose behandelt = 5 7o I ^9 % davon waren tuberkulös 
eingeliefert. Die Tuberkulosen Sterblichkeitsziffer betrug 
• » ®/oo (bei der freien Bevölkerung im Durchschnitt 2,8 ®/oo). 
(Württ. Staatsanzeiger 1904 No. 40.) 

Im Jahre 1906 wurde in der Filiale von Ludwigsburg 
m Ilohenasperg, woselbst sich noch Sonderabteilungen für 
körperlich und geistig invalide und für geisteskranke Straf- 





171 


gefangene befinden, eine Sonder-Abteilung für tuberkulöse 
(Tefangene errichtet, in der alle Gefangenen, bei denen 
Tuberkulose ärztlich festgestellt ist, aus sämtlichen Straf¬ 
anstalten des Landes eingeliefert werden können. Die 
Abteilung besteht aus je einem geräumigen Arbeitssaal für 
Zuchthaus- und Gefängnis-Gefangene, je mit daneben be¬ 
findlichen geräumigem heizbarem Schlafsaal und einem 
nach Süden gelegenen besonderen Krankenzimmer für bett¬ 
lägerige Tuberkulose. Der Hohenasperg ist frei und sonnig 
gelegen, in reiner staubfreier Luft; mit der Abteilung sind 
grosse, schattige Höfe und Gartenanlagen mit reichlicher Sitz¬ 
gelegenheit verbunden; er eignet sich, wie schon Lepp- 
mann bei der Dresdener Versammlung (Bl. f. Gefkde. 
Bd. 40 S. 174) hervorgehoben hat, ganz besonders zu einer 
Krankenanstalts-Behandlung Tuberkulöser. 

Die Gefangenen der Abteilung erhalten täglich ein 
Liter Milch als Kostzulage und dürfen 2 Stunden täglich 
im Freien verweilen. Die Arbeit ist eine leichte und staub¬ 
freie : Kartonnagearbeiten und Anfertigung von ledernen 
Fussmatten, auch leichtere Schneider- und Schuhmacher¬ 
arbeiten, daneben Arbeiten im Freien. Der ärztliche Dienst 
wird von dem im Hauptamt angestellten Hausarzt besorgt. 

Der Durchschnittsstand der Tuberkulosen-Abteiluiig- 
ist 40, bei einem Gesamtgefangenen stand von durchschnitt¬ 
lich 1506 — 2 , 60 / 0 . 

In der Zeit vom 8. März 1906 bis 8. März 1911, also 


in 5 Jahren, wurden in die Abteilung aufgenommen und 


behandelt im Ganzen 


66 Zuchthaus- 
130 Gefängnis- 


\ 

f 


Gefangene; 


Davon waren 169 schon bei der Einlieferung iw die 
Strafanstalt krank = 86 o/o. 

In 5 Jahren sind von 196 Insassen 6 gestorben. Zu 
diesen 6 Tuberkulose-Todesfällen kommen noch 2 in der 
Weiberstrafanstalt Gotteszell, zusammen 8 in 5 Jahren; 
das ergibt bei einem Durchschnittsstand von 1500 Ge’ 
fangenen eine TuberkulosemSterblichkeitszitfer von 0,5 »/o- 
Von_196 in der Abteiiung behandelten Gefangenen wurde 
bei o4 eine Gewichtsabnahme, dagegen b»i loä eine Ge 
wichts.unahme festgestellt, 13 .ind%!:rch'*Xber6 b- 




172 


Ueberblickt man diese vorstehend zusammengestellteii 
Mitteilungen und Zahlen aus den letztverflossenen Jahren, 
so wird man nicht umhin können, anzuerkennen, dass die 
aus der Dresdener Vereinsversammlung hervorgegangenen 
Anregungen reiche Früchte getragen haben und jeder Un¬ 
befangene wird dem Privatdozenten Dr. jur. Kriegsmann, 
also einem Unparteiischen, Recht geben müssen, wenn er 
in Nr. 16 der Gartenlaube 1910 u. a. ausführt: 

„Man wird sagen dürfen, dass unser Gefängniss- 
wesen auf keinem Gebiet seinem Ziel so nahe ge¬ 
kommen ist, als auf dem der Gefängnishygiene . . . 
Die weitgehende hygienische Fürsorge des Strafvoll¬ 
zugs hat den schönen Erfolg gehabt, dass Erkrankungen 
und Sterbefälle in den Gefängnissen nicht wesentlich 
häufiger auftreten, als in der freien Bevölkerung. 
Das bedarf um so entschiedenerer Betonung, als der 
Strafvollzug es mit überwiegend gesundheitlich ge¬ 
schwächten, wenig widerstandsfähigen Elementen zu 
tun hat; und es verdient auch deshalb hervorgehoben 
zu werden, weil sich noch immer das Vorurteil findet, 
als seien die Gefängnisse der Nährboden der Tuber¬ 
kulose und Geisteskrankheit. Beide Krankheiten 
kommen in den Gefängnissen häufig vor, aber sie 
finden ihre Ursachen überwiegend darin, dass der 
Sträfling krank oder doch mit starker Disposition zu 
solchen Erkrankungen das Strafhaus betritt.“ 

Ludwigsburg, März 1911. 


Direktor Schivandner. 



175 


Freiheitsstrafen und sichernde MassUahinen ini Vorentwurfe 
zum Deutschen Strafgesetzbuche. 

Von Oberregienxngsrat Michal, Direktor des Zellengeflinguisses 

Nürntxerg-. 


I. 

Der Vereinsversammlung' in Stuttgart im Jahre 1903 
lag unter anderem die Frage vor: 

„Hat sich das jetzige Strafensystem auf Grund 
praktischer Erfahrungen von Strafvollzugsbeamten 
bewährt? Verneinendenfalls, welche Vorschläge für 
ein neues System können auf Grund solcher Erfah¬ 
rungen aufgestellt werden?“ 

Gutachten lagen vor von Gennat, Junghanns, 
Ross m y und von S i c h a r t. 

Die von Wach geleiteten und durch ein Referat 
Kleins eingeleiteten Verhandlungen entsprachen der 
Wichtigkeit des Beratungsgegenstandes. Die Antwort der 
Versammlung auf die gestellten Fragen gipfelte in folgen¬ 
den Sätzen: 

1. Es ist eine Differenzierung der mit Arbeitszwang ver¬ 
bundenen Freiheitsstrafe unerlässlich in der Richtung, 
dass unter dem Namen „Zuchthaus“ eine ipso jure mit 
Ehrverlust verbundene Freiheitsstrafe unterschieden 
wird von dem Gefängnis, welches ehrenmindernde 
Wirkung nicht hat und ihrer bürgerlichen Ehrenrechte 
verlustige Personen nicht trifft. 

Diese Unterscheidung soll sich des ferneren er¬ 
strecken auf den Strafvollzug und zwar insbesondere 
in der Richtung, dass der Zuchthäusler unbedingtem 
Zwang zu den in der Anstalt eingeführteii Arbeiten 
unterliegt, und dass ihm keinerlei Vergünstigungen zu 
1 eil werden, vv'ährend der Gefangene verlangen darf, 
in Einzelhaft gehalten zu werden, seine eigene Klei¬ 
dung zu tiagen, sich selbst zu beköstigen, und dem 

f''®'®''®'’ ’'^'®'®® unterworfen werden 





174 


b) Diese Hauptstrafe ist durch den Richter ohne Be¬ 
stimmung der Dauer in der Form dei' Verweisung 
' in das Arbeitshaus auszusprechen und durch die 

staatliche Vollzugsgewalt zu vollstrecken; 
f;) Die Dauer bestimmt sich nach dem Ermessen der 
dem Arbeitshaus Vorgesetzten Aufsichtsbehörde. 

3. Irh StGB, hat eine einfache Freiheitsentziehung mit 
Ueberwachung der Beschäftigung und Lebensweise und 
unter Bestimmung eines weit über die „Haft“ hinaus¬ 
gehenden Höchstbetrages Aufnahme zu finden. 

Es wird keiner Rechtfertigung bedürfen, wenn ich bei 
Besprechung der Stellungnahme des Vereins zu den Be¬ 
stimmungen des VE. über die Freiheitsstrafen und deren 
Vollzug und die sichernden Massnahmen (die §§ 14—29, 
42, 43, 53, 63 Abs. 3, 65 sind mir als in meine Aufgabe 
fallend bezeichnet) zunächst darauf hingewiesen habe, 
welche Stellung der Verein eingenommen hat, als er sich 
zuletzt mit dieser damals allerdings etwas weiter gefassten 
Frage beschäftigte, zumal in der Literatur, so besonders 
von Gold Schmidt (vergl. Darstellung Allg. Teil Bd. IV 
S. 116 ff.) vielfach darauf Bezug genommen wird. 

Es soll sich jetzt zeigen, inwieweit die seitdem ge¬ 
machten Erfahrungen in der Praxis und die aus der reichen 
Fülle der J’achliteratur gewonnenen Eindrücke auf die An¬ 
schauungen auch innerhalb des Vereins eingewirkt haben 
und die Stellungnahme zu den Vorschlägen des Vorent¬ 
wurfes beeinflussen. 


II. 

Der § 1 des Entwurfes steht für mich nicht zur Dis¬ 
kussion. Doch hängt die Einteilung der strafbaren Hand¬ 
lungen mit den Bestimmungen des zweiten Abschnittes über 
die Strafe insofern zusammen, als eine Aenderung bei diesen 
natürlich auch eine Aenderung des § 1 bedingen würde. 

Die Beibehaltung der Dreiteilung der strafbaren Hand¬ 
lungen in Verbrechen, Vergehen und Uebertretungen be¬ 
gegnet grossem Widerspruch, 

Besonders scharf bekämpft- sie neuestens Träger 
(Gerichtssaal Bd. LXXVII S. 81 ff.), der zu dem Ergebnis 
kommt: „Ein neues Strafgesetzbuch, das dem heutigen 
Stand der Wissenschaft entsprechen soll, hat von der 
grundsätzlichen Trennung des Polizei- und Kriminalunrechts 
als zwei wesensverschiedenen Arten A"on strafbaren Hand¬ 
lungen auszugehen“. 



175 


Die Begründung des Vorentwurfes bezeichnet als 
äusseren Grund für die Beibehaltung der Dreiteilung, dass 
unsere Gesamtgesetzgebung, soweit sie sich mit dem Straf¬ 
recht berührt, besonders das grosse Gebiet der sogenannten 
Nebengesetze, ja sogar die Verwaltungs- und Disziplinar- 
gesetze mit der bisherigen Dreiteilung rechnen und bei 
Annahme der Zweiteilung erheblichen Umgestaltungen 
unterzogen werden müssten. 

Gleichwohl wird vielfach die Forderung gestellt, die 
Polizeiübertretungen und damit die bisherige Haft aus dem 
St.G.B. auszuscheiden und in besondere Reichs- oder Landes¬ 
polizeigesetze zu verweisen. Auch die Mitgutachter Gennat 
und Reich stehen, soviel ich sehe, auf diesem Standpunkte, 
indem sie die bisherige Haftstrafe ausgeschaltet wissen 
wollen. Traeger bezeichnet dies (a. a. O. S. 98) als das 
erstrebenswerte Ziel, rät aber, davon jetzt abzusehen, weil 
die Lösung dieser Aufgabe so zeitraubend und schwierig 
sei, dass die Schaffung des neuen St.G.B. ungebührlich 
verzögert werden könnte. Er schlägt vor, das St.G.B. in 
zwei Teile zu teilen; der erste Teil behandle das Kriminai- 
imrecht mit der Bezeichnung „Verbrechen“ für alle kriminell 
strafbaren Handlungen, der zweite Teil enthalte das Polizei- 
imrecht, die Polizei vergehen. 

Aeussere Schwierigkeiten sollten aber doch nicht ab¬ 
halten, etwas durchzuführen, was man für richtig erkannt 
hat. Gerade jetzt ist der geeignete Zeitpunkt, mit allem 
Nachdruck zu betonen, dass die schon so oft erhobene 
Forderung, die Polizeiübertretungen aus dem künftigen 
Strafgesetzbuch auszuscheiden, Erfüllung findet. Damit 
•Stimmt auch Wach überein. (Deutsche .Juristenzeitung 
XV. Jahrg. S. 10 ff.). 

Die Einteilung der kriminell strafbaren Handlungen 
in Verbrechen und Vergehen findet fast allgemeine Zustim¬ 
mung. Davon gehe ich auch aus bei der Besprechunu- 
der Freiheitsstrafen, zu der ich mich jetzt wende. 


in. 


Zuchthaus, Gefängnis, Haft sind die von dem Vor- 
entwurf auf gestellten Freiheitsstrafen. Sie werden auch 
von uns gefordert Aber über die Ausgestaltung der Straf¬ 
taten gehen die Meinungen auseinander. 

die Tn Zuchthausstrafe. 

tangnisstrafe, die ehrenmindernde Wirkung „ioht Im md 



Personen nicht trifft, die ihrer bürgerlichen Ehrenrechte 
verlustig sind, dazu eine Haftstrafe, die einfache Freiheits¬ 
entziehung mit Ueberwachung der Beschäftigung und , 
Lebensweise darstellt mit einem weit über die derzeitige 
Haftstrafe hinausgehenden Höchstbetrag. 

Der V.E. bringt eine Zuchthausstrafe, welche die 
dauernde Unfähigkeit zum Dienst in dem deutschen Heere 
oder der kaiserlichen Slarine, sowie die dauernde Unfähig¬ 
keit zur Ausübung öffentlicher Aemter und der Rechts- 
an^yaltschaft von Rechtswegen zur Folge hat (§ 44), den 
Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte jedoch nur durch 
Richterspruch, „wenn die Tat t\us ehrloser Gesinnung her¬ 
vorgegangen ist“, zur Folge haben kann (§ 45). 

Neben der Gefängnisstrafe aber kann unter der 
gleichen Voraussetzung (ehrlose Gesinnung) auf den Ver¬ 
lust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden, wenn 
diese Strafe wiegen eines Verbrechens oder vorsätzlichen 
Vergehens verhängt wird und mindestens sechs Monate 
beträgt. 

Es kann also Zuchthaussträflinge geben, die im Besitz 
der bürgerlichen Ehrenrechte sind, selbst bei festgestellter 
ehrloser Gesinnung als Wurzel der Tat, und Gefängnis¬ 
sträflinge, die, obgleich sie ehrlos gehandelt haben, die 
bürgerlichen Ehrenrechte nicht verloren haben, neben 
solchen, die mit dem Verlust bestraft sind. 

Mit Recht macht Gennat auf diese Widersprüche 
aufmerksam und fordert scharfe Scheidung unter dem 
Gesichtspunkt, dass die Strafart sich nach der Gesinnung 
des Täters, das Strafmass nach der Schwere der Tat 
richten müsse. 

Die Zuchthausstrafe muss immer entehren und den 
Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte stets zur Folge 
haben und andrerseits muss (nicht kann) auf Zuchthaus 
erkannt Averden, wenn die Tat aus ehrloser Gesinnung, 
oder Avie Gennat will, aus „eingewurzelter Ehrlosigkeit“ 
hervorgegangen ist. Mit der Gefängnisstrafe aber darf 
der Verlust der büigerlichen Ehrenrechte nicht verbunden 
werden, Gefängnis darf nicht ausgesprochen werden, wenn 
die Tat aus ehrloser Gesinnung hervorgegangen ist. 

Die von allen Seiten gewünschte Differenzierung 
zwischen Zuchthaus und Gefängnis kann nicht besser und 
nicht^ schärfer zum Ausdruck gebracht AA^erden. Alle 
anderen Vorschriften, die diesem ZAveck dienen sollen, 



177 


treffen mehr Aeusserliches und verwischen sich nur zu 
leicht in der Praxis, 

Die Begründung: des VE. sagt, diese Aenderung gegen¬ 
über dem geltenden Recht würde einen Rückscliritt be¬ 
deuten, eine Rückkehr zu dem älteren Recht Preussens 
und mehrerer anderer Bundesstaaten, die Aenderung wüi de 
in manchen Fällen, z. B bei politischen Delikten, aber 
auch beim Totschlag, bei der schweren Körperverletzung, 
bei manchen gemeingefährlichen und Amtsdelikten usw. 
zu Härten führen, sie würde den Richter in der vollen 
Würdijjung der besonderen Umstände des einzelnen Falles 
und sonst mehr beschränken als nützlich ist. 

Ich kann dies alles nicht finden. Der VE. stellt die 
ausdrückliche Bedingung auf (§ 45j, dass die Tat aus ehr¬ 
loser Gesinnung hervorgegangen sein müsse, wenn die 
Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte erfolgen soll. 
Und unsere Forderung sagt, wenn dies der Fall ist, dann 
muss Zuchthausstrafe eiiureten. Sobald diese Frage ver¬ 
neint wird, tritt nicht Zuchthausstrafe ein, sondern Gefängnis¬ 
strafe oder Haft. 

K r o h n e erhebt in seinem Gutachten zum 29. Juristen¬ 
tag (Band IV S, 217) diese Forderung mit grosser Ent- 
. sebiedenheit. 

Ebermayer verlangt in seinem bei gleichem Anlass 
gefertigten Gutachten (Bd. I S 270 und 311) die stets 
entehrende Zuchthausstrafe, neben welc.he die Aberkennung 
der bürgerlichen Ehrenrechte stets trete, und die in der 
Regel nicht entehrende Gefängnisstrafe. Olshausen ver¬ 
trat bei den Verhandlungen des 30. Deutschen Juristen¬ 
tages in Danzig 1910 iBd. II S. 3H0» den Standpunkt, dass 
neben der Todesstrafe und der Zuchthausstrafe der Verlust 
der bürgerlichen Ehrenrechte von Rechtswegen trete, 
während die Gefängnisstrafe zwar in der Regel nicht, wohl 
aber unter Unständen entehrend sei und deshalb neben 
ihr die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte nur 
gerechtfertigt sei, wenn die Tat aus ehrloser Gesinnung: 
hervorgegangen sei. 

Asch1"ott hat ebendaselbst (S. 524) vorgeschlagen, 
Zusagen: „Die einzelnen Arten der Freiheitsstrafe sinci 
in d.-r Wirkung auf die bnrgerlic he Stellung des Bestraften 
und die Art des Strafvollzuges streng zu sondern. Mit 
der Zuchthausstrafe ist stets d(’!r Verlust der bürgerlichen 
Ehrenrechte zu verbinden, neben der Strafe des Arb( ita- 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. 




178 


hauses ist dies zulässig, neben der Gefängnisstrafe kann 
nur auf bestimmte einzelne Ehrenstrafen erkannt werden.“ 

Diese herausgegriffenen Stimmen mögen genügen, um 
zu zeigen, dass ur.ser Standpunkt hinsiclitlieh der Zucht¬ 
hausstrafe (als stets den Verlust der bürgerlichen Ehren¬ 
rechte bewirkend) von nicht wenigen geteilt wird und 
hinsichtlich der Gefängnisstrafe (als nie mit diesem Verlust 
verbunden) keineswegs vereinsamt ist. 

Die Haftstrafe des VE. ist eine Zusammenfassung der 
bisherigen Festungsstrafe mit der bisherigen Haft als 
üebertretungsstrafe, wozu noch ihre Erweiterung als Strafe 
für leichtere Vergehen kommt. Ausserdem soll sie nach 
§ 34 VE. Ersatzstrafe für uneinbringliche Geldstrafe sein, 
ausser wenn auf die Geldstrafe neben einer anderen Frei¬ 
heitsstrafe erkannt ist, in welchem Falle sie in diese Frei¬ 
heitsstrafe umzuwandeln ist. 

Kahl hat in der deutschen Juristenzeitung XV. Jahr¬ 
gang 1910, Seite 914 ff das Verhältnis der Strafandrohungen 
im VE. untereinander durch Aufführung des Tatbestandes 
der Strafandrohungen beleuchtet und bezüglich der Haft 
das Bedenken geäussert: Die Verwendung der Haft ent¬ 
spricht nicht dem Zweck und dem Wesen dieses neuen 
Strafmittels. Sie war gefordert und gedacht als custodia 
honesta, als Strafe der blossen Freiheitsentziehung für 
Delikte ohne ausgesprochen ehrlosen Charakter und für 
im Ganzen anständige Menschen, insonderheit erstmalige 
Gelegenheitsverbrecher. — Sie ist aber, wie Kahl feststellt, 
abgesehen von den 48 üebertretungsfällen 162 mal teils 
allein, teils wahlweise mit Zuchthaus, Gefängnis oder Geld¬ 
strafe, bald an erster, bald an zweiter Stelle, teils als 
Ersatzstrafe für Zuchthaus oder Gefängnis bei mildernden 
Umständen angedroht. „Sie ist Mädchen für Alles“. Kahl 
verlangt eine sorgfältigste Auswahl für die Anwendung der 
Haft, als Ersatzmilderungsstrafe für Zuchthaus sollte sie 
nie in Betracht kommen, alternativ neben Gefängnis nur, 
wo die Natur der strafbaren Handlung eine Möglichkeit 
der Begehung ohne ausgesprochene ehrlose Gesinnung 
zulässt. 

Gennat möchte sie ganz beseitigt wissen, da ein Be¬ 
dürfnis für sie nicht mehr vorhanden sei, wenn die Ge¬ 
fängnisstrafe in seinem Sinne umgestaltet werde. Die 
custodia honesta würde dann unter die Gefängnisstrafe fallen. 

Sollten die Polizeiübertretungen ausgeschieden werden, 
so blieb für die Haft oder „Einschliessung“ wie Gold- 



179 


Schmidt sie zu nennen vorschlägt, oder Sühnhaft, wie 
Reich meint, noch die derzeitige Festungshaft, die auf eine 
Anzahl weiterer geeigneter strafbarer Handlungen An¬ 
wendung zu finden hätte. Ich glaube nicht, dass sie ent¬ 
behrt werden kann, auch wenn die ehrlose Gesinnung von 
der Gefängnisstrafe ausgesciilossen ist. Die Fälle, in denen 
ehrenwerte Gründe zur Verletzung des Gesetzes führten, 
wo eiiie Kollision von Pflichten zu gesetzwidrigem Handeln 
Veranlassung gab, sind mit Gefängnis, das auch ehrlose 
Handlungen trifft, wenn sie nur nicht auf eingewurzelter 
Ehrlosigkeit beruhen, zu schwer bestraft. Für solche Fälle 
ist die Haft als aistodia honesta die rechte Strafe. 

IV. 

Der Vollzug der Freiheitsstrafen. 

Die verschiedenen Freiheitsstrafen erhalten ihren In¬ 
halt erst durch die Art ihres Vollzugs“, sagt die Begrün¬ 
dung zum VE., „es ist daher Aufgabe des Strafgesetzes, um 
die Strafarten in ihrer verschiedenen Schwere von einander 
zu sondern und das Wesen des in ihnen dem Verurteilten 
aufzuerlegenden Straf Übels zu umgrenzen, über die Art 
und Weise ihrer Vollstreckung Bestimmung zu treffen“. 

Zunächst geschah dies durch Festlegung des Höchst¬ 
betrages und des Mindestbetrages der einzelnen Strafarten. 

Die Zuchthausstrafe ist eine lebenslängliche oder eine 
zeitige. Der Höchstbetrag der zeitigen Zuchthausstrafe ist 
fünfzehn Jahre, ihr Mindestbetrag ein Jahr (§ 14). 

Der Höchstbetrag der Gefängnisstrafe ist fünf Jahre, 
der Mindestbetrag ein Tag (§ 16). 

Die Haftstrafe ist eine lebenslängliche oder eine zeitige. 

Der Höchstbetrag der zeitigen Haftstrafe ist, soweit 
nicht das Gesetz ausdrücklich etwas anderes bestimmt, 
drei Jahre und, wenn die Haftstrafe wahlweise neben 
Zuchthaus oder bei mildernden Umständen an Stelle von 
Zuchthaus angedroht ist, fünfzehn Jahre. Ihr Mindestbetrag- 
ist ein Tag. 

Ueber die festzusetzende Mindeststrafe gehen die 
Meinungen auseinander. 

Goldschmidt, in der Vergleichenden Darstellung fordert, 
dass das Maxirnum der Gefängnisstrafe nicht höher sei, als 
das Minimum der Zuchthausstrafe, nämlich 2 Jahre, und 
bringt als Gefängnisminimum 2 Wochen in Vorschlag; bei 
den Verhandlungen des Deutschen Juristentages in Danzig- 
1910 einigte er sich mit seinem Mitberichterstatter v. Staff 

12 =^ 



auf eine Maximalgefängnisstrafe von 3 Jahren und erniedrigte 
die Minimalgefängnisstrafe auf eine Woche. 

Ebermeyer wünscht ein Jahr Zuchthausminimum, 
eine Woche Gefängnisminimum, 3 Jahre Gefängnismaximum, 
1 Tag Mindesimass der Haft. 

Oetker will 10 Tage Gefängnisminimum und ebenso 
10 Tage als Minimum der von ihm gewünschten Ein¬ 
schliessung, die an die Stelle der Festungshaft treten soll. 

Gennat begutachtet 6 Monate Zuchthausminimum 
bei milderttden Umständen, sonst ein Jahr und eine Woche 
Gefängnisminimum, dagegen 5 Jahre und wenn wahlweise 
neben Zuchthaus angedroht 15 Jahre Maximum. 

Reich begutachtet 3 Monate Zuchthausminimum und 
10 Jahre Maximum, dagegen 1 Woche Gefängnisminimum 
und 10 Jahre Maximum. 

Die Aufzählung könnte noch länger fortgesetzt werden 
und würde das Ergebnis liefern, dass ungefähr soviel ver¬ 
schiedene Vorschläge vorliegen, als Vorschlagende genannt 
werden. 

Soviel scheint mir klar zu sein, dass gegen die 
Höchststrafen des VE. bei Zuchthaus und Gefängnis be¬ 
gründete Bedenken nicht zu erheben sind, nur wäre, 
wie Gennat richtig bemerkt, bei Gefängnis ebenso wie 
es bei der -Haftstrafe (§ 19) geschieht, falls die Ge¬ 
fängnisstrafe wahlweise neben Zuchthaus angedroht ist, 
fünfzehn Jahre Gefängnis als Höchstbetrag anzudrohen. 
Dagegen ist der Mind*‘Stbetrag der Zuchthausstrafe von 
ein<‘m Jahr dann zu hoch, wenn durchgeführt wird, dass 
alle aus ehrloser Gesinnung hervorgegangenen Handlungen 
mit Zuchthaus bestraft wnrden, auch wenn mildernde Um¬ 
stände geg<*ben sind oder Versuchsstadium vorliegt. Es 
weiden dann auch leichtere Fälle mit Zuchthaus bestraft 
und es muss deshalb die Möglichkett gegeben sein, auch 
eitle geringere Strafe als ein Jahr auszusprechen Immer- 
hiti scheint mir der Zeitraum von 3 Monaten der schweren 
Strafart nicht zu entsprechen, und ich möchte deshalb 
auch 6 Monate für die angemessene Minimalzeit halten. 

B< i der Gefängnisstrafe kommt in Betracht, dass der 
Wert der ganz kurzen Freiheitsstrafen recht gering ist. 
Die Strafe macht keinen Eittdruck, ausser bei anständigen 
Leuten, die einmal das Uttglück hatten, gegen das Stiaf- 
gesetz zu verstossen. Gegen solche Leute sollte aber 
keine Gefängnisstrafe, sondern Hafistrafe oder eine Geld- 



181 


strafe aus^^esprochen werden. Es empfiehlt sich deshalb 
eine entsprechende Minimalstrafe festzusetzen. 

Die Kriminalstatistik zeigt, dass gegen Erwachsene 
Gefängnisstrafen ausgesprochen wurden 
1907 .... 22.5127 

1906 .... 228 180 
1905 .... 226611 

Von den gegen je 1000 Erwachsene erkannten Gefängnis¬ 
strafen betrugen 



1904 

1905 

1906 

1907 

2 Jahr und mehr 

12 

11 

11 

11 

1—2 Jahre 

42 

42 

40 

40 

3 Monat bis 1 Jahr 

197 

193 

192 

193 

1 Monat bis 3 Monat 

172 

170 

169 

163 

8 Tage bis 1 Monat 

261 

261 

259 

168 

4—7 Tage 

164 

168 

170 

171 

1—3 Tage 

152 

155 

159 

168 


Die grösste Zahl ergeben sonach die von 1—7 Tagen 
dauernden Strafen. Aus diesem Grund, mit Rücksicht auf 
die dadurch zu erzielende Wirkung, dürfte es sich vielleicht 
empfehlen, die Minmalgefängnisstrafe auf 7 Tage festzusetzen. 

Gegen den Minimalsatz der Haftstrafe von einem Tag 
ist nichts zu erinnern, ebensowenig gegen die oberen 
Grenzen der zeitigen Haftstrafe. Nur dürfte die Haft mit 
Rücksicht auf den oben eingenommenen Standpunkt nicht 
bei mildernden Umständen an die Stelle des Zuchthauses 
treten. 

Ob die Festsetzung einer lebenslänglichen Haftstrafe 
für den Fall des Hochverrates nach § 101 VE. sich empfiehlt, 
wird bezweifelt. Die hoffentlich nie praktisch werdende 
Frage mag auf sich beruhen. 


V. 


Ueber die Art der Vollstreckung der Freiheitsstrafen 
trifft der VE. in den §§ 15, 17, 20, 21 und 22 einige all¬ 
gemeine Anordnungen und verweist in § 23 auf die vom 
Bundesrat zu erlassenden Ausführungsvorschriften und 
die Verwaltungsvorschriften der einzelnen Bundesstaaten, 
welche, soweit das Gesetz kdne Vorschiiften enthält» das 
Nähere über die Einrichtung der Strafanstalten 
Behandlung der Gefangenen bestimmen sollen Dazu wird 
Je allgemeine Weisung gegeben, dass die Behandlung ^er 
Zuchthaussträflinge strenger sein müsse als die der Ge- 




182 


fängnisgefahgenen und die der letzteren strenger als die 
der Haftgefangenen. 

Die Begründung des VE. verweist auf die Mängel des 
geltenden StGB, in dieser Beziehung, auf die Verschieden¬ 
artigkeit des Strafvollzuges in den verschiedenen Teilen 
Deutschlands, auf den Bundesratsbeschluss vom 28. Oktober 
1897 über die bei dem Vollzug gerichtlich erkannter Frei¬ 
heitsstrafen bis zu weiterer gemeinsamer Regelung zur 
Anwendung kommenden Grundsätze und kommt zu dem 
Schluss, dass ein neues Strafgesetzbuch den bestehenden 
Zustand nicht fortdauern lassen könne, vielmehr ohne 
Rücksicht darauf, ob das in Aussicht genommene Straf¬ 
vollzugsgesetz in näherer oder fernerer Zeit zustande 
kommen werde, selbst die grundlegenden Einrichtungen 
des Strafvollzugs ordnen müsse, durch die das Wesen der 
einzelnen Strafart bestimmt werde. Der VE. sieht deshalb 
Bestimmungen darüber vor, in welchen Anstalten die ver¬ 
schiedenen Freiheitsstrafen zu vollstrecken sind und welcher 
Behandlung die Zuchthaus-, Gefängnis- und Haftgefangenen 
hinsichtlich ihrer Arbeit und Beschäftigung, ihrer Kleidung 
und Kost und ihres Verkehrs mit der Aussenwelt unter¬ 
liegen sollen, sowie inwieweit sie von anderen Gefangenen 
abzusondern sind, er bezeichnet diese Bestimmungen aber 
selbst nur als Grundsätze und Richtlinien, während die 
Ordnung der erforderlichen Einzelheiten den Ausführungs¬ 
und Verwaltungsvorschriften überlassen bleiben müsse,, die 
nach § 23 der Bundesrat zu erlassen habe. 

Die Begründung des VE. äussert sich nicht darüber, 
warum nicht gleichzeitig mit dem neuen Strafgesetzbuch 
ein Strafvollzugsgesetz ins Leben treten solle, welche 
Schwierigkeiten in dieser Richtung bestehen. Man kann 
dies nur vermuten. Die Forderung eines gleichzeitig mit 
dem neuen Strafgesetzbuch zu schaffenden Strafvollzugs¬ 
gesetz ist aber schon lange von der Wissenschaft und von 
den Strafvollzugspraktikern erhoben worden. 

G e n n a t hat in „Das Strafensystem und seine Reform“ 
den Leitsatz aufgestellt: „Die Reform der Freiheitsstrafen 
bedarf der Ergänzung durch ein Strafvollzugsgesetz für 
das Reich, welches die Unterscheidungen im einzelnen 
durchführt und dafür Gewähr leistet, dass dieselbe Strafart 
an jedem Orte Deutschlands in gleicher Weise vollstreckt 
wird.“ Auch in seinem neuen Gutachten stellt er diese 
Forderung an die Spitze seiner Leitsätze. 



K r o h n e setzt in seinem Gutachten zum 29. Deutschen 
Juristentag (S. 220) ein solches Strafvollzugsgesetz voraus. 

Wach (Deutsche Juristenzeitung 1910 S. 13) verkennt 
nicht die Schwierigkeiten, die dem Strafvollzugsgesetz 
entgegen stehen, doch mlisse an ihre üeberwindung gedacht 
werden. Sie sei heute wesentlich leichter als vor zehn 
Jahren. Der Erlass eines solchen Ergänzungsgesetzes 
werde daher mit Bestimmtheit in Aussicht zu nehmen und 
dem § 23 nur die Bedeutung einer provisorischen Vorschrift 
ausdrücklich beizulegen sein. 

Statt weiterer Einzelanführungen möchte ich auf den 
vorjMhrigen Deutschen Juristeuttig in Danzig verweisen. 
Währ<*nd Kahl bei der Forderung eines einheitlichen Voll¬ 
zug der Freiheitsstrafen noch pessimistisch äusserte: „Auf 
ein Strafvollzuvsgesetz lasse ich mich nicht vertrösten; 
denn das Striifvollzugsgesetz schwebt noch in absolut 
nebelhafter Ferne‘‘ (S. 391) stellt Referent v. Staff (S. 486) 
den Satz auf: „Mit der Ausarbeitung eines neuen Straf¬ 
gesetzbuches hat diejenige eines Reichsstrafvollzugsgesetzes 
zu erfolgen. Die Kommissionen für beide Gesetze haben 
in steter gegenseitiger Fühlung zusamraenzuwirken“ (S. 486). 

Der erste Satz dieser These wurde vom Juristentag 
angenommen (S. 538), während die übrigen Leitsätze über 
die Freiheitsstrafen nicht mehr zur Beschlussfassung kommen 
konnten. 

Bei der Berichterstattung im Plenum fügte Olshausen 
hinzu: „Mit der Ausarbeitung, wie sie hierdurch verlangt 
wird, ist es aber allein nicht geschehen; sie soll vielmehr 
derartig in die Hand genommen und gefördert werden, so 
dass beide Gesetze zusammen in Kraft treten können. 
Dieser dem Beschlüsse zugrund liegende Gedanke er¬ 
scheint im höhsten Grade empfehlenswert: denn die ina 
Vorentwurf zum StGB, vorgesehenen Vorschriften bedürfen 
notwendig noch einer weiteren Ausführung und Ergänzung 
über die Stravollsticckung“. 

Ich empfehle, bei der Tagung unseres Vereins diese 
Forderung durch ein einmütiges Votum nachdrücklich zu 
unterstützen. 


VI. 


Die Anstalten zum Vollzug der Freiheitsstrafen nach 
dem VE. sind Zuchthäuser (Strafanstalten) und Gefängnisse 
(vjefangenanstalten). 



184 — 


Die Zuchthausstrafe wird in ausschliesslich dazu be¬ 
stimmten Strafanstalten volK«treckt. Dem ist zuzustimmen. 
Der Unterschied zwischen Zuchthaus und Gefängnis wird 
äusserlitih am wirkungsvollsten durch vollständige räum¬ 
liche Trennung gekennzeichnet. Wenn in einer Anstalt 
Zuchthaussträflinge und Gefängnissträflinge, obschon in 
verschiedenen Abteilung*^n, untergebracht werden, verliert 
die Anstalt in den Augen des Volkes die Eigenart, und 
die Folge ist, dass aiich die beiden Strafarten nicht mehr 
scharf geschieden werden. 

Die Scheidung der weiblichen Gefangenen von den 
männlichen bedingt nicht die Schaffung gesonderter An¬ 
stalten, es genügen auch gesonderte Abteilungen, ln Bayern 
sind eigene Zin hthäuser und Gefangenanstalten für weib¬ 
liche Gefangene vorhanden. 

Die Vorschrift des § 89 Abs. 3 verlangt eigene Straf¬ 
anstalten (Zuchthäuser) für gewerbs- und gewohnheits- 
mässige Verbrecher, für welche die Vorschrift der Einzel¬ 
haft (nach § 22) nicht gilt. Mir scheint, dass gesonderte, 
räumlich getrennte Abteilungen genügen wüiden. Die 
Begründung nimmt an, dass die Zahl solcher Gefangenen 
nicht gross sein wird. Um so leichter wären sie b« i einer 
anderen Strafanstnlt unterzubringen, während andrerseits 
die Verwaltung einer Anstalt mit lauter solchen Elementen 
schwer sein wird. 

Ein Scheidung der Gefangenen, die nicht im Besitz 
der bürgerih hen Ehrenrechte sind, von den Uebrigen fällt 
weg, wenn die ersteren ohne Ausnahme und nur solche 
sich in den Zuchthäusern befinden, und die Gefängnisse 
davon frei bleiben. 

Wenn in den Zuchthäusern auch Leute sind, die im 
Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte stehen, und in den 
Gefängnissen auch Gefangene ohne solche, so ist die durch 
§ 21 vorgeschriebene tunlichste Absonderung oft s< hwer 
durchzuführen. Die Beschäftigung, die Schule, die Kirche 
wird die Leute doch zusammenführen, wenn sie auch sonst 
gesondert sind. 

Die Hafrgefangenen, deren Zahl nicht gross sein wird, 
wenn die Haft in dem von mir oben vertretenen Sinn nur 
als custodia honesta eingefülirt wird, sind leicht in einer 
Abteilung einer Gefatigenanstalt unterzubringen. Besondere 
Strafanstalten oder Abteilungen sind bei Gefängnis und 
Haft für (§ 70) die Jugendlichen zu bilden, wieder getrennt, 
männliche und weibliche und ebenso für die geistig Minder- 



185 


wertigen gemäss § 73 Abs. 3 ebenfalls getrennt männliche 
und weib.iche. 

Gennat weist in seinem Gutachten auf die grosse 
Anzahl von Anstalten und Abteilungen hin, die nötig werden, 
wenn die Voisehrrft des Vorentwurfes über die Trennung 
der verschiedenen Gattungen von Gefangenen durchgeführt 
werden soll, mindestens sechserlei Anstalten und min¬ 
destens achtzehn Abteilungenj die sich je nach weiterer 
Durchführung der Gruppenbildung noch erheblich ver¬ 
mehren. Die Sache sieht aber wohl schlimmer aus, als 
sie ist. Die Bildung von „Abteilungen“ wird meist eine 
einfache Sache sein. 

Die Bestimmung des § 70 Abs. II, wonach Freiheits¬ 
strafen gegen vermindert zurecthnungsfähige Jugendliche 
auch in staatlich überwachten Erziehungs-, Heil- oder 
Pflegeanstalten vollzogen werden, wird von verschiedenen 
Seiten mit Recht angefochten. Eine Erziehungsanstalt ist 
kein Gefängnis, dort kann keine Strafe vollzogen werden. 
Etwas anderes ist die zeitweise Ueberstellung eines Ge¬ 
fangenen in eine Heil- und Pflegeanstalt zu Heilzwecken, 
ohne Unterbrechung des Strafvollzuges. 

§ 15 und 17 des VE. geben die Art des Vollzuges der 
Zuchthausstrafe und der Gefängnisstiafe an, § 20 die der 
Haftstrafe. 

Die Differenzierung der ersten beiden Strafarten unter 
sich ist nicht stark ausgeprägt. Ich gebe aber zu, dass 
es nicht gerade leicht ist, die Eigenart in allgemeinen 
i Sätzen schärfer zu zeichnen. Die Zuchihaussträflinge unter- 
i liegen strengem Arbeitszwange. Die Gefängnisgefangenen 
j stehen unter Beschäftigungszwang. Beide müssen also 
arbeiten, und zwar fleissig arbeiten. Man wird den Ge¬ 
fängnisgefangenen nicht weniger zu tun geben können, als 
den Andern. Eine Vorschrift etwa über die Höhe des 
Pensum lässt sich höchstens in einer Ausführungsvorschrift 
geben. Bei der Art der Arbeit sollen die Gefängnissträf¬ 
linge besser gestellt sein. Die Zuchthaussträflinge sind zu. 
Arbeiten innerhalb und ausserhalb der Anstalt anzuhalten. 
Den Gefängnissträflingen sind, soweit es die Einrichtungen, 
der Anstalt zulassen, solche Arbeiten zu übertragen, welche 
dem Beruf entsprechen, dem sie angehören oder dem sie 
nach der Entlassung nachgehen wollen ; bei Zuweisung der 
Arbeit sind ihre Wünsche zu berücksicbiigen. 

Diese Vorschriften für die Gefäugtii •-e halt® i®h für 
bedenklich; sie können der Leitung der Anst-ltviel 



186 


keiten machen. Es versteht sich ja Von selbst, dass ein 
gelernter Arbeiter seiner Beschäftigung zugewiesen wird, 
wenn solche in der Anstalt getrieben wird und wenn nic-ht 
besondere Gründe dagegen sprechen. Die Gefängnisse 
sollen dem freien Gewerbe keine Konkurrenz machen, sie 
dürfen vielfach gar nicht für Private arbeiten, sondern nur 
für Behörden, oder für Beamte der Anstalt, sie sind ge¬ 
zwungen Massenerzeugnisse' irgend welcher Art für Unter- 
nejhmer zu fertigen, um ihre Leute zu beschäftigen. Der 
Gefangene soll aber nach dem VE. ein Recht haben, auf Be¬ 
schäftigung in seinem Beruf oder in dem von ihm gew^ählien 
künftigen Beruf. Ein solches Recht darf dem Gefangenen 
nicht gegeben w^erden. Es sollte höchstens gesagt werden, 
dass derartige Wünsche des Gefangenen nach Tunlichkeit 
zu berücksichtigen sind. Dies geschieht aber wohl auch 
im Zuchthaus. 

Die Gefängnissträflinge dürfen ohne ihre Zustimmung 
ausserhalb der Anstalt (d. h. ausserhalb der Gefängnis¬ 
mauern) nicht beschäftigt werden. Hiergegen ist nichts zu 
erinnern. Es melden sich zu solcher Arbeit stets mehr 
als man brauchen kann. Warum übrigens auch auf die 
nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindlichen 
Gefängnissträflinge — solche gibt es doch nach § 45 des 
VE. — diese Rücksicht genommen werden soll, vermag 
ich nicht einzusehen. Die Zuchthaussträflinge tragen An¬ 
staltskleidung und erhalten Anstaltskost, die Gefängnis¬ 
sträflinge werden von der Anstalt gekleidet und beköstigt, 
und wenn sie sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte 
befinden, i s t ihnen der Gebrauch der eigenen Kleidung 
zu gestatten, wenn diese angemessen ist; auch kann ihnen 
aus besonderen Gründen Selbstbeköstigung bewilligt iverden. 

Das ist in der Ttit ein Vorzug, nur täuscht man sich, 
wie ich glaube, über dessen Wirkung. Die seit 1. Okt. 1907 
eingeführte Hausordnung für die bayeiischen Strafanstalten 
kennt diese Vergünstigungen; sie können von der Auf¬ 
sichtsbehörde bewilligt werden. Es wird aber kein Ge¬ 
brauch davon gemacht. 

Die Gefangenen sind meistens mittellos, sie tragen 
auch lieber die Anstaltskleidung und schonen die eigene 
Kleidung, in der sie überdies nur auffallen würden. Da¬ 
gegen wird öfter Gebrauch gemacht von der Befugnis der 
Selbstbeschäftigung, die der VE. nicht enthält. Ich empfehle 
die Aufnahme. 




— 187 


Auch möchte ich das Tragen eigener Kleidung nicht 
als ein Recht des Gefangenen gewähren, sondern nur als 
eine Vergünstigung zulassen; sie kann gewährt werden. 
Ihe Führung kommt hier auch in Betracht. Der Zusatz 
„aus besonderen Gründen“ sollte bei der Selbstbeköstigung 
fallen. 

Warum aber über Beschwerden das Gericht entscheiden 
soll, ist nicht einzusehen. Das Gericht, das nur innerhalb 
des Rahmens der Strafprozessordnung tätig zu sein hat, 
soll sich hier mit einer einzelnen Frage der Hausordnung 
befassen, soll, so fasse ich es wenigstens auf, über eine 
dienstliche Anordnung des Anstaltsvorstandes entscheiden, 
dessen Vorgesetzter es gar nicht ist. Es kann wohl keinem 
Zweifel unterliegen, dass zur Verbescheidung einer solchen 
Beschwerde die Aufs;cl>tsbehörde zuständig sein muss. 

Den Zuchthausgefangenen ist der Verkehr mit ausser¬ 
halb der Anstalt stehenden Personen nur in engen Grenzen 
gestattet, im Gefängnis unterliegt der Verkehr mit solchen 
Personen den durch die Ordnung in der Anstalt gebotenen 
Beschränkungen. 

Hier liegt ein erheblicher Unterschied in der Behand¬ 
lung vor, der durch das Sirafvollzugsgesetz und die Aus¬ 
führungsbestimmungen nocli näher zu bestimmen ist. 

Im Ganzen aber ist eine starke Differenzierung durch 
diese Vorschriften zwischen den beiden Strafarten nicht 
zum Ausdruck gebracht, und es ist deshalb um so mehr 
zu wünschen, dass der stets entehrende Charakter des 
Zuchthauses gegenüber detn Gefängnis angenommen wird. 

Es können für die Zuchthausstrafe gewiss noch w'eitere, 
die Schwere der Strafart ausdrückende Bestimmungen 
eingeführt werden: Abnahme des Bartes, Scheren des 
Haupthaares, ferner, wie Krohne vorschlägt (Gutachten 
S. 218) längere Arbeitszeit (12 Stunden), geringere Arbeits¬ 
belohnung, Beschränkung der Befugnis, sich Genussmittel 
anzuschaffen, härtere Disziplinarstrafen. Doch gehören 
diese Kinzelheiten keinenfalls in das Strafgesetzbuch Den 
Vorschriften über den Strafvollzug gegen Haftgefangene 
{§ 20 Abs. 2) ist zuzustimmen. Insbesondere ist zu bilHn®’^’ 
dass auch sie, falls sie sich nicht selbst mit angemessener 
Arbeit beschäftigen, zur Leistung der ihnen zugewiesenen 
Arbeiten, die ihrem Beruf oder ihrer Lebensstellung 
sprechen müssen, verpflichtet sind. Freilieh wira Ale 
Schaffung solcher Arbeit oft schwierig sdn ^ 



188 — 


VII. 

Die Einzelhaft. 

Die Vereins Versammlung in Stuttgart 1903 hat zwar 
die Frage nach den Erfahrungen über die Wirkung der 
Einzelhaft auf den Gefangenen in gesundheitlicher wie in 
sittlicher Beziehung die Atitwort gegeben: 

„Die Einzelhilft hat nach überaus reiflicher Er¬ 
fahrung keine nachteilichcn Einwirkungen auf die ; 
körperliche und geistige Gesundheit der Gefangenen. 
Sie ermöglicht die sittliche Beeinflussung der Ge¬ 
fangenen in hervorragender Weise“. 

Allein es ist für mich nach meinen Erfahrungen gleich¬ 
wohl nicht zweifelhaft, dass eine längere Einzelhaft gewisse ^ 
schädigende Einwirkung auf Körper und Geist des ^ 
Gefangenen hat. Es ist auch in Bayern mit gutem Grund ■ 
angeordnet, dass jeder Gefangene, der in das Zellengefäng- ' 
nis zum Strafvollzug kommt, durch den Amtsarzt daraufhin 
untersucht werden muss, ob er nach seiner körperlichen 
und geistigen Beschaffenheit zur Ertragung der au.sschliess- j 
liehen Einzelhaft befähigt ist, und dass Leute, die bisher 
hauptsächlich mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt \ 
waren, von der Einlieferung in das Zellengefängnis aus- ^ 
geschlossen sind. \ 

Andrerseits gebe ich zu, dass die Einzelhaft viele 
Vorzüge hat, denen gegenüber die bezeichneten Nachteile 
zurücktreten müssen, vorausgesetzt, dass mit der nötigen j 
Vorsicht verfahren wird. ] 

In Abs. 3 des § 22 VE. ist in letzterer Hinsicht Vor- ; 
sorge getroffen. Die Einzelhaft ist ausgeschlossen, wenn I 
anzunehmen ist, dass sie mit Gefahr für den körperlichen ' 
oder geistigen Zustand verbunden sein würde. Es ist 
selbstverständlich, dass hier der Arzt zu hören ist. Die 
Entscheidung hat der Anstaltsvorstand zu treffen. Doch 
gehört dies nicht ins Strafgesetzbuch. Zu billigen ist, 
dass bei Zuchthaus- und Gefängnisstrafe der Gefangene 
bei Beginn der Strafzeit einige Zeit in Einzelhaft gehalten 
wird. Ob es sich aber empfiehlt, im Strafgesetzbuch die 
zwingende Anordnung zu ti effen, dass Zuchthausgefangene 
mindestens sechs, Gefängnisgefangene mindestens drei 
Monate in Einzelhaft zu bringen sind, ist zweifelhaft. Die 
Einrichtungen der Anstalt, und die Notwendigkeit, Gefangene 
zu bestimmten Zwecken zu verwenden, können hier grosse 
Schwierigkeiten machen. Die Hausordnung für die 



bayerischen Strafanstalten enthält die Vorschrift (§ 19. II): 
„Wenn es die Einrichtungen der Anstalt tesiatten, sind 
alle Gefangenen, wenij-stens für die erste Zeit nach der 
Einlieferung in Einzelhaft zu halten. Die Dauer der Einzel¬ 
haft bestimmt der Vorstand.“ Dies dürfte um so mehr 
genügen, als die Annahme gerade der sechs- bezw diei- 
monaiigen Dauer der Einzelhaft keine innere Berediti^iung 
erkennen lässt, sondern eine willküiliche Festsetzung ist. 

Entschieden muss der aus dem StGB, in den VE. 
übernommene Satz bekämpft werden, dass die Einzelhaft 
ohne Zustimmung des Gefangenen drei Jahre nicht über¬ 
steigen darf. Ein solches Zustimmungsreeht widerspricht der 
Natur des Strafvollznge.s. 

Es wild dadurch dem Gefangenen das Recht einge- 
räunit, selbst dann die Geineinscharishaft zu fordern, wenn 
ein schädlicher Einfluss auf Mitgefangene zu besorgen ist. 
Der Wunst h des Gefangenen soll also höher stehen als 
das Wohl der Uebrigen und als der Zweck des Straf¬ 
vollzuges. 

Das geht nicht. Der beanstandete Satz mu.sB fallen. 

Es versteht sich von selbst, dass der Gefangene um 
Aufhebung der Einzelhaft jederzeit bitten kann utid dass 
er ein Beschwerderecht an die Aufsichtsbehörde hat, wenn 
seiner Bitte nicht willfahien wird. 

Gegen Abs. 5 § 22, wonach das Verlangen eines 
Gefangenen, in Einzelhaft gehalten zu werden, tunlichst 
zu berücksichtigen ist, besteht keine Erinnerung, ebenso 
wenig gegen die Vorschrift (Abs. 4), dass nach Ablauf der 
Einzelhaft der Gefangene mit anderen Gefangenen gemein¬ 
sam beschäftigt, j<*doch bei Nacht möglichst von anderen 
Gefangenen getrennt gehalten wird. Bei dem Hau neuer 
Anstalten in Bayern (Straubing, Landsberg a Lech, Aichach) 
wurde diese Einrichtung zu Grund gelegt. 

Da.ss auch bei dem Vollzug der Haftstrafe die Einzel¬ 
haft anzuordnen ist, wenn von dem Gefangenen ein 
schädlicher Einfluss auf Mitgefangene zu besorgen ist oder 
wenn aus anderen Gründen die Absonderung angemessen 
ist, kann nur gebilligt werden. 

Der Uebergang von der Einzelhaft zur Gemeinschafts¬ 
haft führt auf den Gedanken des Progressivsystema, 
das Goldschmidt in der vergl. Darstellung für die Zucht¬ 
hausstrafe nach englisf'hem Muster elnp^•i^.üU. 
gründung des VE. beschäftigt sich denn tnit diesem 

System, lehnt es aber ab schon mit 



VE. aüfgestellten Mindest- und Höchstgrenzen der Zucht¬ 
haus- und Gefängnisstrafen, welche die Durchführung des 
Progressivsystems nicht gestatten. 

Wie Reich ausführt, besteht in Sachsen das Dis- 
ziplinarklassensystem, das eine Klassifizierung der Ge¬ 
fangenen nach ihrem Vorleben und ihrem sittlichen Stande 
ermöglicht. 

Ich stehe mit Gennat auf dem Standpunkt, dass mit 
einer richtig durchgeführten individuellen Behandlung und 
Gruppierung der Gefangenen, dem allmähligen Uebergang 
von der vollen Strenge zu Erleichterungen verschiedener j 
Art und deren Steigerung bis zur vorläufigen Entlassung 
das gleiche Ziel erreicht wird, wie mit dem englischen j 
Progressivsystem, dessen äussere Formalität uns fremd | 
anmutet. 

VIII. ; 

Die Strafschärfungen § 18 VE. j 

Ich spreche mich gegen die Einführung dieser Straf¬ 
schärfungen aus. Ich will mich nicht auf die in der Fach- . 
literatur geäusserten Bedenken einlassen, dass man sich 
mit diesen Schärfungen auf eine schiefe Ebene begebe, 
die zur Wiedereinführung der Prügelstrafe führe. Ich will 
zugeben, dass es Fälle genug gibt, bei denen die Roheit, 
Bosheit und Verworfenheit des Täters, unser sittliches 
Empfinden aufs tiefste verletzt, zorniges Aufwallen ver- ; 
ursacht und den Wunsch erregt, dass der Täter an seinem 
Leibe spüren möge, was er getan hat. Kahl hat dieser 
Empfindung auf dem Juristentag in Danzig durch die Be¬ 
merkung- Ausdruck gegeben, er könne sich für Zulassung 
der Prügelstrafe in solchen Fällen entschliessen, wenn sie 
unmittelbar actum erfolge. Es ist aber etwas ganz 
anderes, wenn nach durchgeführtem Strafverfahren eine 
Verurteilung erfolgt und dann längere Zeit hindurch, Jaiire 
hindurch Körperstrafen an dem Verurteilten vollzogen 
werden. 

Die Tat, welche den allgemeinen Unwillen erregt hat, 
ist vielleicht längst vergessen, aber die Körperstrafe dauert 
fort, solange die Widerstandsfähigkeit der Natur des Ver¬ 
urteilten dies zulässt. 

Und die Wirkung einer solchen Strafschärfung? Ab¬ 
schreckung, Generalprävention, ja das mag zutreffen. Aber 
auf den Gefangenen? Erziehliche Einwirkung? Besserimg? 
doch kaum. Nur Verbitterung und Hass wäre die Folge. 



191 


Die Gesundheit des Gefangenen kommt auch in Frage. 
Man weist auf den Mittelarrest und den strengen Arrest 
beim Militär hin. Allein hier handelt es sich um junge, 
gesunde, kräftige Leute. Und die Arbeit ruht während 
des Arrestes. Und nach Beendigung des Arrestes, dessen 
Wirkungen bei längerer Dauer in dem Aeusseren des 
Mannes meist sehr sichtbar sind, geht der Mann ins Wirts¬ 
haus, leistet sich Biaten und Oberländer Klöse und ver¬ 
gisst dabei die ausgestandene Qual. Der Gefangene aber 
muss während der Schärfung arbeiten, wie die Begründung 
des VE, selbst hervorhebt, wie vorher auch, und kann 
sich nicht erholen. Die Kost im Zuchthaus und Gefängnis 
ist so bemessen, dass ein arbeitender Mann dabei gerade 
bestehen kann. 

Wenn aber Kostschmälerung eintritt, so wird die durch 
die Arbeit verzehrte Kraft nicht ersetzt, und der Mann 
zehrt vom Kapital seiner Gesundheit, Der im geschärften 
Arrest befindliche Gefangene arbeitet in der Regel nicht. 

Gegen den zu geschärfter Zuchthaus- oder Gefängnis¬ 
strafe verurteilten Gefangenen verbleibt als Disziplinar¬ 
strafe nur die Verdunkelung des Arrestraumes, wo die 
Arbeit aufhört. Er ist dann mit dieser Disziplinarstrafe 
unter Umständen besser daran, als ohne dieselbe. 

Wenn der Gefangene nach dem Gutachten des Haus¬ 
arztes seiner Gesundheit nach zur Ertragung der Schärfung 
nicht fähig ist, soll letztere nach Entscheidung des Gerichts 
wegfallen. Dafür kann die Strafe in angemessener Weise 
erhöht werden. Ich meine, dass ein solcher Gefangener 
elend genug daran ist, er empfindet den Strafvollzug 
schwerer, als ein gesunder Gefangener, man braucht die 
Strafe nicht auch noch zu verlängern. 

Ueberdies werden Taten die von besonderer Roheit, 
Bosheit oder Verworfenheit zeugen, auch mit Recht schwerer 
bestraft, als andere. 

Glaubt man aber wirklich, die Schärfung nicht ent¬ 
behren zu können, so sollte sie doch nur einmal zu Beginn 
der Strafe zur Anwendung kommen. Sie wirkt dann noch 
drastisch genug und erscheint nicht, wie die regelmässige 
Wiederholung, als eine Quälerei. 


Die vorläufige Entlassung. 

Die von dem VE. in den §§ 26, 27, 28, 29 aufgestellten 
Vorschriften über die vorläufige Entlassung bilden gegen- 



192 


über dem geltenden Recht einen wesentlichen Fortschritt. 
Die §§ 23—26 des St.G.B. hüben Mängel, die vielfjich zu 
Widersprüchen in der Anwendung fülirten. Die Ausdehnung 
der vorläufigen Entlassung auf die Haftgefangenen im 
Sinne des VE., die Bestimmung, dass, falls Untersuchungs¬ 
haft angerechnet ist, als auferlegte die wiiklich noch zu 
verrussende Strafe gilt, der Wegfall der Zustimmung des 
Verurteilten sind Verbesserungen. 

Die Verkürzung der Strafzeit, die verbüsst sein muss, 
von drei Viertel auf zwei Drittel der auferlegten Strafzeit, 
die von K r o h n e (Gutachten zum 29. Juristentag Bd. 4 S. 227) 
und V. Mittermaier (Vergl. Darstellung allg. Teil Bd. IV 
S. 573) gefordert wird, erleichtert die Erreichung der vor¬ 
läufigen Entlassung. Reich möchte au«*h hier eine Dif¬ 
ferenzierung zwischen Zuchthaus und Gefängnis insofern 
haben, als bei der Zuchthausstrafe es bei Drei vierteilen 
verbleiben soll. Die von Gennat aufgeworfene Frage, 
wie sich die Zweidrittel zu dem Jahr verhalten, ob das 
Jahr, dessen Verbü.ssung mindestens verlangt wird, zwei 
Drittel der Strafzeit sein müssen, so dass erst bei einer 
Strafe von 18 Monaten die vorläufige Entlassung über¬ 
haupt in Frage käme, wird in Bayern zu Gunsten des Ge- 
fanuenen dahin beantwortet, dass die Voraussetzung für 
die vorläufige Entlassung auch dann als gegeben erachtet 
w'ird, wenn die Strafzeit nur W(‘nig über ein Jahr beträgt. 
Klarstellung im Gesetz wäre allerdings erwüns» ht. 

Dagegen bleibt der § 26 des VE. darauf stehen, dass 
die voi 1. Entlassung nur gewährt werden kann, nicht 
muss, und die Begründung leimt es ab, sie zu einem regel¬ 
mässigen Bestandteile des Strafvollzuges zu machen, was 
Mittermaier, Krohne, Gennat und Andere wünschen. Die 
vom Standpunkt der Strafvollzng.seinrichtung — so sagt 
die Begründung zum VE. — kaum abzuweisende Forderung, 
dass die vorl. Entlassung jedem Gefangenen, bei dem ihre 
Voraussetzung (gute Führung und die nach ihr zu beur¬ 
teilende Besserung) zutriffr, in der Regel bewilligt und dass 
sie nur in besonderen Ausnahmefällen versagt werde, er¬ 
scheint jedoch nur annehmbar, w’enn man lediglich den 
Besserungszweck der Strafe für beachtlich hält. Mit dem 
V« rgeltungscharakter, wie mit dem gerade bei längeren 
Freiheitsstrafen häufig besonders vei folgten Sicherungs- 
zweek der Strafe sei sie in vielen Fällen nicht vereinbar. 
Dies müsse besonders für Deutschland gelten, wo nicht ohne 



193 


allen Grund über die Neigung mancher Gerichte zur Vei- 
hängung zu milder Strafen Klage geführt werde. 

Der § 23 des StGB, setzt nur voraus, dass sich der 
Gefangene gut geführt habe, wobei allerdings die von den 
einzelnen Bundesstaaten erlassenen Ausführungsvorschriften 
noch weiter verlangten, dass der Gefangene unter Wür¬ 
digung aller in Betracht kommenden Umstände die Er¬ 
wartung rechtfertigen müsse, dass er nicht in ein ver¬ 
brecherisches oder ungeordnetes Leben verfallen werde. 
Die bayerische Ausführungsvorschrift von 1872 verlangte 
die fest begründete TJeberzeugung des AnstaltsVorstandes, 
dass der Gefangene in der Tat als vollkommen und nach¬ 
haltig gebessert angesehen werden könne. 

Die bayerische Ministerialbekanntmachung vom 14.Sept. 
1908 hat diese Bedingung beseitigt. Sie verweist auf den 
§ 23 StGB, und fügt als weitere Bedingung der vorl. Ent¬ 
lassung hinzu, dass Gewähr dafür gegeben sein müsse, dass 
der Verurteilte an dem Orte, nach dem er entlassen wer¬ 
den soll, Aufnahme und Fortkommen, insbesondere Gelegen¬ 
heit zu redlichem Erwerb finden werde. Auf die Erfüllung 
dieser Voraussetzung soll der Vorstand der Anstalt hin¬ 
wirken, wenn kriminal- oder sozialpolitische Gründe dafür 
sprechen, dass der Strafgefangene wieder in die Freiheit 
übergeführt wird, insbesondere wenn die Tat nach ihren 
Umständen eine mildere Beurteilung zulässt, sowie wenn 
die wirtschaftlichen Verhältnisse des Gefangenen oder die 
Lage seiner Angehörigen es wünschenswert erscheinen 
lassen, dass er bald zurückkehrt. 

Die Fassung des Abs. 2 des § 26 des VE.: „Die vor¬ 
läufige Entlassung ist nur zulässig, w’enn der Gefangene 
sieh während der Strafverbüssung gut geführt hat und nach 
seiner Vergangenheit und seinen sonstigen persönlichen 
Verhältnissen die Erwartung weiteren Wohlverhaltens recht¬ 
fertigt, sowie wenn eine zu seinem Unterhalt ausreichend 
dauernde Arbeitsgelegenheit für ihn gesichert oder dargetan 
ist, dass in anderer Weise für sein Unterkommen und für 
seinen Unterhalt gesorgt sein w’^erde, ist zu begrüssen, nur 
wäre ein Zusatz zu wünschen des Inhalts, dass bei Er¬ 
füllung dieser Voraussetzungen die vorläufige Entlassung 
zu bewilligen sei. Die vorläufige Entlassung ist nicht nur 
eine grosse Wohltat für die Gefangenen und deren Familien, 
sie ist auch ein vorzügliches Erziehungsmittel. Die Vei - 
weigerung, falls die im Gesetz genannten Voraussetzungen 
gegeben sind, wirkt aber überaus erbitternd und erfüllt 

für Gefängniskundc. XLV 



194 


die Gefangenen mit Misstrauen gegen die Behörde, welche 
die Entscheidung zu treffen hat. Es sollte meines Erachtens 
ausgeschlossen sein, dass die vorläufige Entlassung wegen 
der Schwere der Tat verweigert wird; die gegenteilige 
Ausführung in der Begründung des VE, kann mich nicht 
überzeugen. 

Die „Lebenslänglichen“ nehmen eine Sonderstellung 
zur vorläufigen Entlassung ehi. Ihre Strafe ist nicht teilbar, 
deshalb kann von einem Teilbetrag, dessen Verbüssung 
verlangt wird, keine Rede sein. In der Literatur wird die 
Anschauung vertreten, dass ihnen nach Verbüssung von 
20 Jahren die vorläufige Entlassung zu bewilligen sei. Die 
Begründung des VE. spricht sich aber entschieden gegen 
deren Zulassung durch das Strafgesetzbuch aus. Die Haupt¬ 
gründe scheinen zu sein, dass eine Einengung des landes¬ 
herrlichen Gnadenrechtes vorliege und dass die Rücksicht 
auf die Sicherheit des Staates und der Gesellschaft dagegen 
spreche. Richtig ist, dass in den geeigneten Fällen durch 
gnadenweise Umwandlung der lebenslänglichen Strafe in 
eine zeitige geholfen wurde. 

Kr oh ne möchte die Entscheidung über die vor¬ 
läufige Entlassung dem Gericht, das die Verurteilung aus¬ 
gesprochen hat, übertragen auf Antrag der Gefängnis¬ 
behörde, nicht der Justizverwaltung, und möchte die Mit¬ 
wirkung der Staatsanwaltschaft ganz ausgeschlossen wissen. 
Dem könnte ich zustimmen, wenn die vorläufige Entlassung 
als Strafvollzugseinrichtung eingeführt würde. So lange 
sie aber nur eine Vergünstigung ist, bleibt die Entscheidung* 
doch am besten in einer Hand und am naturgemässesteii 
in der Hand der Justizaufsichtsbehörde. 

§ 29 Abs. 2 des VE , die Zulässigkeit der einstweiligen 
Festnahme des Entlassenen aus dringenden Gründen des 
öffentlichen Wohls, welche Massnahme auch schon das 
geltende Recht kennt, ist doch nur so zu verstehen, dass 
die Poiizeibehörde diese Festnahme anordnen kann, wenn 
sie die Voraussetzungen für den Widerruf als gegeben 
erachtet. 

Die vom VE. angenommene Bewährungsfrist von 
mindestens 2 Jahren verdient meines Erachtens den 
Vorzug vor dem Vorschlag Gennats, dass die Bewäh¬ 
rungsfrist immer soviel betragen sollte, als der verbüsste 
Strafteil, weilj wie die Begründung wohl mit Recht sagt, 
die Gefahr eines Rückfalls während der ersten 2 Jahre 



nach der Entlassung am grössten ist. Die Bewährungsfrist 
soll diese Gefahr überwinden helfen. 

Bei der Vollstreckung mehrerer Freiheitsstrafen, die auf 
eine Gesamtstrafe nicht zurückgeführt werden konnten 
(.Inschlussstrafen) ist nach der bayerischen Vollzugs¬ 
vorschrift die Frage der vorläufigen Entlassung hinsichtlich 
jeder einzelnen Strafe zu prüfen. Ein Zusammenrechnen 
der Anschlusstrafen ist nicht zulässig. Diese Anordnung 
berulit auf richtiger Gesetzesauslegung. Eine bezügliche 
Bestimmung dürfte aber ins Gesetz aufzunehmen sein, da 
nach Gennats Mitteilung auch gegenteilige üebung besteht. 

Zu begrüssen ist die Vorschrift in § 28 Abs. 1, dass 
der vorläufig Entlassene für die Dauer der Probezeit der 
Aufsicht des Vertreters eines Fürsorgevereins oder einer 
anderen geeigneten Person, die sich dazu bereit erklärt, 
unterstellt werden kann. Die behördliche Aufsicht wirkt 
vielfach wie Polizeiaufsicht und schädigt den Entlassenen 
in seinem Fortkommen. 

In Bayern ist bereits durch die Vollzugsvorschrifc 
von 1908 die Aufstellung solcher Fürsorger angeordnet. 


X. 

lieber die Berechnung der Freiheitsstrafen und über 
das Verhältnis der verschiedenen Freiheitsstrafen zu ein¬ 
ander (§§ 24 und 25 des VE.) bleibt wenig zu sagen. 

Dass die Ausnahmsstellung der Zuchthausstrafe, die 
nach § 19 Abs. 2 StGB, nur nach vollen Monaten zu be¬ 
messen ist, im VE. beseitigt wird, entspricht dem Bedürfnis 
in gewissen Fällen. Die Bemängelung Gennats über das 
Wertverhältnis der Haftstrafe zur Gefängnisstrafe ist be¬ 
rechtigt. Wenn die Haft nur die custodia honesta , 

ist ihr Verhältnis zur Gefängnisstrafe nicht dasselbe, wie 
das Verhältnis von Gefängnis zu Zuchthaus. 

Das Verhältnis dürfte dann richtig so ausgedrückt 
werden: 

12 Monate Haftstrafe ist sechs Monaten Gefängi^i^* 
strafe, 12 Monate Gefängnisstrafe ist acht Monaten Zucht¬ 
hausstrafe gleich zu achten. 

haK y®*’*®^’ei'hältnis einer Arbeitshaussti^'^^ 

Atht-/keinen Anlass auszusprechen, da ich 



XI. 

Sichernde Massnahmen (§§ 42—43 VE. 
a) Arbeitshaus. 

Die Bestimmungen des Vorentwurfes über die sichern¬ 
den Massnahmen und besonders über das Arbeitshaus 
können nicht befriedigen. 

Das Arbeitshaus wird in der Begründung als sichernde 
Massregel bezeichnet. Es wird gesagt (S. 154); „Es ist 
vorgeschlagen worden, entweder das Arbeitshaus als Haupt¬ 
strafe zu verhängen oder auf jede Freiheitsstrafe zu ver¬ 
zichten und lediglich die sichernde Massnahme der Unter¬ 
bringung ini Arbeitshaus anzuwenden. Beide Vorschläge 
sind mit dem von dem Vorentwurf eingenommenen Stand¬ 
punkt nicht vereinbar, da er in dem Arbeitshaus eine 
besondere, Präventivzwecke verfolgende Massregel sieht, 
kann er sie nicht als Hauptstrafe zur Abhaltung der be¬ 
gangenen Tat verwenden. Als sichernde Massnahme kann 
aber andrerseits das Arbeitshaus nicht die eigentliche Strafe 
ersetzen, wenigstens nicht grundsätzlich und allgemein.“ 

Und weiter (S. 155) sagt die Begründung: „Es gibt 
Fälle, in denen von der vorgängigen Vollstreckung einer 
verhältnismässig kurzen Strafe ein Nutzen nicht zu er- 
Wiirten ist . . . Für solche Fälle ermächtigt der Entw'urf 
das Gericht, die Unterbringung in ein Arbeitshaus nicht 
neben, sondern an Stelle der Strafe zu verhängen . . . 
Die Ersetzung kurzer Strafen durch die Korrektionshaft 
in den vorgeschlagenen Grenzen kann allerdings theoretisch 
als prinzipwidrig angefochten werden, sie empfiehlt sich 
aber aus den erörterten praktischen Gründen und sie er¬ 
scheint auch mit Rücksicht darauf als wmhl angängig, dass 
die sichernde Massnahme des Arbeitshauses, da sie in 
Freiheitsentziehung mit Arbeitszwang besteht, ausreichende 
Elemente enthält, um sie als Strafmittel zu verwenden‘‘ 
(Aehnlich Goldschmidt Bd. 4 S. 332) Wie man sieht, 
schiebt sich an die Stelle der sichernden Massnahme der 
Begriff der Strafe ein. 

Und wenn man fragt: „Was ist denn wirklich unser 
Arbeitshaus?“ Im Volk und besonders bei denen, die 
darin waren, wird es als Strafe und zwar als harte 
Strafe angesehen, und wenn man das heutige Arbeitshaus 
mit seiner Einrichtung und seinem Betrieb ansieht, so muss 
man zugeben, dass es nichts anderes ist als ein Strafhaus, 
nenne man es nun Gefängnis oder auch Zuchthaus. 



197 


Unser Verein hat im Jahre 1903 beschlossen ; „Die 
Verhängung von korrektioneller Nachhaft ist im künftigen 
StGB, beizubehalten und zwar als Hauptstrafe.“ 

Gennat verlangt das Arbeitshaus als selbständiges 
Strafmittel neben Zuchthaus und Gefängnis, anzuwenden, 
wenn die Tat aus Arbeitsscheu oder Liederlichkeit hervor¬ 
gegangen ist. Ich kann mich diesen Wünschen nicht an- 
schliessen, ich kann kein Bedürfnis nach dem neuen Straf¬ 
mittel des Arbeitshauses anerkennen. Ich möchte aber 
auch das Arbeitshaus als korrektionelle Nachhaft nicht 
beibehalten wissen. Diese Nachhaft ist weiter nichts als 
eine Gefängnisstrafe unter anderem Namen. Ich sehe 
nicltt ein, warum nicht auch der Vollzug in einem Gefängnis 
stattfinden sollte. Was soll denn durch das Arbeitshaus 
anderes erreicht werden, als durch das Gefängnis? Strenge 
Zucht, Gewöhnung an Arbeit ist hier wde dort, die Indivi¬ 
dualisierung vielleicht im Gefängnis leichter und besser. 
Es ist mir nicht bekannt, ob die Arbeitshäuser bessere 
Ergebnisse ihrer erzieherischen Tätigkeit auf weisen können, 
als die Strafanstalten. Ich kann mir nicht denken, dass 
es z. B. für einen Zuhälter von besserer Wirkung sein 
sollte, wenn er nach einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren 
noch 2 Jahre im Arbeitshaus zubringen muss, als w enn er 


4 Jahre Gefängnis verbüssen muss. 

Aus den Zw^eifeln über die Natur des Arbeitshause.s, 
ob sichernde Massnahmen, ob Nebenstrafe, ob Hauptstrafe 
käme man heraus, wenn man diese Einrichtung ganz 
beseitigen und statt dessen die Liederlichkeit und Arbeits¬ 
scheu als Ausfluss solcher strafbarer Handlungen, bei 
denen der VE. das Arbeitshaus in Au.ssicht nimmt (siehe 
die Zusainnienstellung in der Begründung S. 150) bei der 
Strafbemessung als besonderen Erschwerungsgrund be¬ 
zeichnen w'ürde. Man könnte schon bei der erstmaligen 
Bestrafung ein angemessenes Strafminimum festsetzen, und 
dieses im Rückfall erheblich steigern. 

Ich w'ürde auch nicht Bedenken tragen, in den Fällen, 
wo nicht blos Willens- und Charakterschwäche, sondern 
eingewurzelte Ehrlosigkeit vorliegt, die Zuchthausstrafe für 
zulässig zu erklären. 


Der § 42 VE. wäre demgemäss zu ändern. 

Was soll nun aber aus den Arbeitshäusern werden v 
<«nz beseidpn wird man sie nicht, denn sie können bei 
rkihfung sehn’’ "'"'«''düng doch eine segensreiche Bin- 



19S 


Aber eine Aonderung in ihrer Organisation müsste 
eintreten. 

Ich halte sie für richtig verwendet, wenn sie zur 
Aufnahme derjenigen Personen dienen, die zwar noch 
arbeitsfähig sind, aber nicht in dem Masse, dass sie im 
Daseinskampf des Lebens fortkommen können, und die 
doch nicht so hülflos sind, dass sie auf die Armenpflege 
rechnen können. Das sind die durch Trunk und Lieder- ’ 
lichkeit und Krankheit heruntergekommenen Menschen, die 
„Kunden“ auf der Landstrasse, die Schmarotzer in den 
Städten, die keinen Arbeitsplatz mehr finden, körperlich 
und geistig und sittlich schwache Menschen, die „Gelegen¬ 
heitsarbeit“ verrichten, im wesentlichen aber auf den Bettel 
oder Diebstahl etc. angewiesen sind, und jeden Verdienst 
in Schnaps anlegen. 

Diese Leute sind unrichtiger Weise zurzeit grösstenteils 
Insassen der Arbeitshäuser, wo sie korrektioneile Nachhaft 
haben. Sie kommen nach ihrer Entlassung zu den Für¬ 
sorgevereinen und bitten um Arbeitsvermittlung, sind auch 
oft zu jeder Arbeit bereit, können aber nicht viel leisten 
und man kann sie nicht unterbringen. Sie sind zum Teil 
noch erziehungsfähig, können des Trinkens entwöhnt und 
zur Arbeit erzogen werden, und finden dann auch wieder 
ein Unterkommen. Ein grosser Teil von ihnen aber ist 
so willensschwach, dass sie, auf eigene Füsse gestellt, 
sofort wieder in das alte Laster zurückfallen. Sie sind 
eine Plage, eine Last und eine Gefahr für die Gesellschaft 
und müssen dauernd versorgt werden, auch gegen ihren 
Willen. 

Die Arbeitshäuser könnten zui‘ Aufnahme solcher 
Leute dienen, nur müssten sie anders organisiert werden, 
nicht wie Gefängnisse, sondern eher wie Arbeiterkolonien, 
aber mit Zwangsbefugnissen. Es könnte dies selbstver¬ 
ständlich nur durch ein besonderes Gesetz durchgeftihrt 
werden. Das Strafgesetzbuch und die Gerichte hätten 
nichts damit zu tun. Die Verwaltungsbehörden hätten zu 
entscheiden, wer aufgenommen werden sollte und wer 
wieder zu entlassen sei. 

Das wäre nach meiner Meinung die richtige Ver¬ 
wendung des jetzigen Arbeitshauses, das dann übrigens 
auch seinen Namen ändern könnte. Wenn dazu käme 
eine richtige Durchführung des WanderverpflegungsWesens 
oder richtiger der Wanderarbeitsstätten, dann könnte man 



199 


vielleicht den Erfolg erreichen, dass eine der Quellen der 
Rückfälligkeit verstopft würde. 

b) Wirtshausverbot (§ 43 VE,), eine wirkliche 
sichernde Massnahme, die zu empfehlen wäre, wenn sie durch¬ 
führbar wäre und wenn von ihr Erfolg zu hoffen wäre. Der 
Besuch „der Wirtshäuser“ wäre bis auf die Dauer eines 
Jahres verboten. Welche Wirtshäuser? Aller, auch der 
nicht am Wohnort des Ausgeschlossenen befindlichen? 
Das wäre nicht zu überwachen und deshalb wäre das 
Verbot wirkungslos; ebenso wäre die Ueberwachung in 
einer grösseren Stadt unmöglich. Beschränkung des Ver¬ 
botes auf kleinere Orte wäre wegen der Ungleichheit zu 
beanstanden. Wirkungslos wäre das Verbot, weil der Aus¬ 
geschlossene auch ausserhalb des Wirtshauses trinken kann. 
Das Verbot hätte nur den Charakter einer Ehrenstrafe, 
Die Massnahme kann nicht empfohlen werden. 

c) Unterbringung des Verurteilten in eine 
Trinkerheilanstalt (§43), falls eine strafbare Handlung 
auf Trunkenheit zurückzuführen ist und Trunksucht fest- 
gestellt ist. Anordnung durch das Gericht neben einer 
mindestens zweiwöchigen Gefängnis- oder Haftstrafe; falls 
die Massregel erforderlich erscheint, um den Verurteilten 
wieder an ein gesetzmässiges und geordnetes Leben zu 
gewöhnen, Dauer der Unterbringung bis zur Heilung je¬ 
doch höchstens auf die Dauer von 2 .Jahren. 

Dieselbe Massnahme, wenn Jemand aut Grund des 
§ 63 Abs. 1 wegen Bewusstlosigkeit durch selbstverschul¬ 
dete Trunkenheit freigesprochen oder ausser Verfolgung- 
gesetzt wird. 

Die Massnahme ist zu begrüssen. 

Gennat weist in seinem Gutachten aut einige Un¬ 
klarheiten und Unstimmigkeiten im Text des VE. hin. 

Ich hätte nur das Bedenken, warum die Verwahrung 
nicht so lange dauern soll, bis Heilung eingetreten ist, 
sondern höchstens 2 Jahre. Auch die Kostenfrage wäre 
von Bedeutung. Soll die Kosten der Staat oder die Ge¬ 
meinde tragen, falls der Verurteilte vermögenslos ist? Ich 
denke, der Staat, weil die Massnahme im staatlichen In¬ 
teresse verfügt wird. 

d) Verwahrung in einer öffentlichen Heil¬ 
oder Pflegeanstalt (§ 65 Abs. 1). wenn Jemand auf 
Grund des § 63 Abs. 1 (Geisteskrankheit, Blödsinn Be¬ 
wusstlosigkeit) freigesprochen oder ausser Verfole-nnff ge¬ 
setzt oder auf Grund des § 63 Abs. 2 (Verminderung der 



200 


freien Willensbestimmung) zu einer milderen Strafe ver¬ 
urteilt wird, und wenn die öffentliche Sicherheit es erfordert;» 

Gleichfalls eine sichernde Massnahme, gegen die nichts 
zu erinnern ist. 

e) Aufenthaltsbeschränkung. Polizeiauf¬ 
sicht (§ 53 VE.). 

Die Polizeiaufsicht der §§ 38 und 39 StGB, ist in den 
VE. nicht aufgenommen worden. 

Den aufrecht erhaltenen Rest, die Aufenthaltsbe¬ 
schränkung, enthält der § 53 VE. Hiernach kann das Ge¬ 
richt auf Zulässigkeit der Beschränkung des Aufenthalts 
auf die Dauer von höchstens von 5 Jahren erkennen, wenn 
mit Rücksicht auf die Art der verübten strafbaren Hand¬ 
lung oder die Person des Verurteilten anzunehmen ist, dass 
dessen Aufenthalt an bestimmten Orten mit einer besonderen 
Gefahr für einen Anderen oder für die öffentliche Sicher¬ 
heit verbunden sein würde. Der Ausspruch kann neben 
einer Zuchthausstrafe stets, neben einer Gefängnisstrafe 
von mindestens 1 Jahr in den im Gesetz besonders be¬ 
stimmten Fällen erfolgen. 

Die Ijandespolizeibehörde erhält hierdurch die Be¬ 
fugnis, nach Anhörung der Gefängnisverwaltung dem Ver¬ 
urteilten an denjenigen Orten, wo jene Gefahr besteht, den 
Aufenthalt zu untersagen. Einen Ausländer kann die Landes¬ 
polizeibehörde innerhalb der im Urteil bemessenen Frist 
aus dem Reichsgebiet ausweisen. 

Die landesgesetzlichen Aufenthaltsverbote in Bezug* 
auf bestrafte Personen bleiben unberührt (s. Begründung 
zum VE. S. 183). 

Andererseits wird der § 53 VE. von den in den einzelnen 
Bundesstaaten zu den §§ 38 u. 39 StGB, erlassenen Ausfüh¬ 
rungsvorschriften über die Polizeiaufsicht nicht berührt. 

In Bayern hat die Ministerial-Bekanntmachung vom 
13. August 1908 die Bestimmung: Gegen Verurteilte, hin¬ 
sichtlich deren die Beamtenkonferenz der Strafanstalt oder 
der- Vorstand des Gerichtsgefängnisses sich gutachtlich 
gegen die Stellung unter Polizeiaufsicht ausgesprochen hat, 
soll diese Massregel nur dann verfügt werden, wenn Um¬ 
stände, die in dem Gutachten nicht gewürdigt sind, dies 
erfordern, insbesondere das Verhalten nach der Entlassung. 

Diese für das Fortkommen des Verurteilten wichtige 
Vorschrift hätte gegenüber dem § 53 VE. keine Wirkung. 

So sehr nun auch das staatliche Interesse anzuerkennen 
ist, dass entlassene Verbrecher von den Orten, avo sie für 



201 


die öffentliche Sicherheit gefährlich werden können, fern 
gehalten werden, so ist doch andrerseits auch im Interesse 
des öffentlichen Wohls gelegen, dass Entlassene nicht durch 
fortgesetzte Ausweisungen am redlichen Fortkommen ge¬ 
hindert und zu neuem Verbrechen getrieben werden. Die 
Aufrechthaltung der sicherheitspolizeilichen Aufenthalts¬ 
verbote in den Einzelstaaten neben § 53 VE. verursacht 
in dieser Hinsicht Bedenken. Diesen hat Kahl bei dem 
vorjährigen Juristentag in Danzig Ausdruck gegeben und 
in einem Leitsatz einen Abänderungsvorschlag gebracht 
(ßd. 2 S. 399). Sein Leitsatz wurde mit einer von flold- 
schmidt beantragten Abänderung vom Juristentag in folgen¬ 
der Form angenommen (Bd. 2 S. 579): 

„Sollen die aus dem bisherigen Institut der Polizei¬ 
aufsicht hervorgegangenen Uebelstände mit Eintritt 
des neuen Strafgesetzbuches beseitigt werden, so ist 
§ 53 des Vorentwurfs zu streichen, und es bedarf im 
Einfübrungsgesetz einer Normativbestimmung, durch 
welche die Befugnis der Einzelstaaten zu sicherheits¬ 
polizeilichen Aufenthaltsverboten insoweit beschränkt 
wird, als notwendig ist, um bestraften Personen eine 
gesicherte Arbeitsgelegenheit zu erhalten und ihren 
Rückfall ins Verbrechen zu verhindern.“ 

Ich schliesse mich diesem Vorschlag an 


Das hauptsächliche Ergebnis meiner Ausführungen 
möchte ich in folgende Leitsätze zusammenfassen. 

1. Die Polizeiübertretungen sind aus dem künftigen 
Strafgesetzbuch auszuscheiden und in besondere Reichfs- 
und Landespolizeigesetze zu verweisen. 

2. Die kriminell strafbaren Handlungen sind Vei', 
brechen und Tergehen. 

3. Die Freiheitsstrafen bestehen in Zuchthaus, Ge¬ 
fängnis und Haft. 


4. Die Zuchthausstrafe hat den Verlust der bürgtej». 
liehen Ehrenrechte von Rechtswegen zur Folge. 

5. Auf Zuchthaus ist zu erkennen, wenn die Tat ^uf 
ehrloser Gesinnung beruht. 


6. Mit Gefängnisstrafe kann der Verlust der bür&er- 
lichen Ehrenrechte nicht verbunden werden. 

7. Die Haftstrafe tritt als custodia honestn -m die 

der bisherigen Festungshaft und trifft (mif ZLa Aut 
nahmen) die bisher mit dieser Strafe bedrohten und die 
weiteren auf gleicher sittlichen Stufe stehende“ Handluneen 



8. Der Mindestbetrag der Zuchthausstrafe ist 6 Monate. 

Der Mindestbetrag der Gefängnisstrafe ist eine Woche, 

der Höchstbetrag fünf Jahre, und wenn sie wahlweise 
neben Zuchthaus angedroht ist, fünfzehn Jahre. 

Ira übrigen ist dem Vorentwurf hinsichtlich der Höchst- 
und Mindestsätze der Freiheitsstrafen zuzustimmen. 

9. Die in § 18 des Vorentwurfes vorgeschlagenen 
Strafschärfungen sind abzulehnen oder doch nur zur ein¬ 
maligen Anwendung bei Beginn der Strafe zuzulassen. 

10. Mit dem neuen Strafgesetzbuch ist gleichzeitig 
ein Strafvollzugsgesetz einzuführen. 

11. Die Zuchthausstrafe wird in ausschliesslich dazu 
bestimmten Anstalten vollstreckt, mit welchen Abteilungen 
(statt selbständiger Strafanstalten) für Unverbesserliche und 
vermindert Zurechnungsfähige verbunden werden können. 

12. Die Gefängnisstrafe wird in ausschliesslich dazu 
bestimmten Anstalten vollstreckt mit Abteilungen für ver¬ 
mindert Zurechnungsfähige und Jugendliche. 

13. Die Haftstrafe wird entweder in besonderen An¬ 
stalten oder in Abteilungen der Gefängnisse vollstreckt. 

14. Soweit es die Einrichtungen der Anstalt gestatten, 
sind alle Gefängnis- und Zuchthaus-Gefangene wenigstens 
für die erste Zeit in Einzelhaft zu halten. Die Dauer der 
Einzelhaft bestimmt der Vorstand. 

Die Bestimmung, dass die Einzelhaft nur mit Zustimmung 
des Gefangenen länger als3 Jahre dauern dürfe, ist abzulehnen. 

15. Die vorläufige Entlassung ist, wenn die gesetzlichen 
Voraussetzungengegeben sind, in der Regel auch zu bewilligen. 

16. Der § 25 des Vorentwurfes hat zu lauten: 

Zwölfmonatige Haftstrafe ist .sechsmonatiger Gefängnis¬ 
strafe, zwölfmonatige Gefängnisstrafe ist achtmonatiger 
Zuchthausstrafe gleichtzuachten. 

17. Das Arbeitshaus ist weder als Hauptstrafe jioch 
als Nachhaft beizubehalten. 

18. Das Wirtshausverbot als sichernde Massnahme 
ist abzulehnen. 

19. Der § 53 des Vorentwurfes (Aufenthalts-Beschrän¬ 
kung) ist zu streichen. Dafür ist in das Einführungsgesetz 
eine entsprechende Normativbestimmung aufzunehmen, 
durch welche die Befugnis der Einzelstaaten zu sicher¬ 
heitspolizeilichen Aufenthaltsverboten soweit beschränkt 
wird, als nötig ist, um bestraften Personen eine gesicherte 
Arbeitsgelegenheit zu ermöglichen. 



— 20 ;] 


niesen zu den Bestimmun^n des Vorentwurfs Ober die 
Freiheitsstrafen und sichernden Massnahmen. 

Zum Gutachten von Ober-Regierungsrat R ei c li - Bautzen. 

Band 44, S. 570 f. 


I. 

Zu g 14 Es empfiehlt sich, den Mindest betrag der 
Zucht- Zuchthausstrafe herabzusetzen (auf etwa 
strafe. ^ Monate), um dem Richter freiere Hand in der 
Wahl der Strafart zu schaffen, damit die 
jetzige Zusamrnenwürfelung der dem eigentlichen 
Verbrechertum zuzurechnenden und darum ins Zucht¬ 
haus gehörigen Eiemente mit minderverdorbenen 
Strafgefangenen vermieden werde. 

Andererseits empfiehlt sich auch die Herab¬ 
setzung des Höchst masses der Zuchthausstrafe 
(auf etwa 10 Jahre) auf Grund der Erfahrung, dass 
allzulange Freiheitsstrafen verbittern und den Be¬ 
straften in vielen Fällen für ein späteres gesetz- 
mässiges Leben unbrauchbar machen. 

Hierbei würde auch zu erwägen sein, ob die 
mittelalterliche Bezeichnung „Zuchthaus“ etwa durch 
die Bezeichnung „Kerker“ ersetzt werden möchte. 

Es empfiehlt sich, die Grenze der „Zucht¬ 
hausmündigkeit“ auf das 21. Lebensjahr herauf¬ 
zurücken, um möglichst viele noch im Anfänge der 
Verbrecherlaufbahn stehende junge Rechtsbrecher 
auch ohne Herbeiziehung von „mildernden Um¬ 
ständen“ der heilsamen Schulung des Heeresdienstes 
nicht verlustig gehen zu lassen. 


II. 

§ lü Da einer der Hauptunterschiede zwis<^j. p,. 
Ss- ‘I®** Zuchthausstrafe und der Gefängnisstrafe in 
strafe, der Art der Ge f angenenbeschättigu n o- 

liegt, so ist der „strenge Arbeitszwang“ bei der 



204 


Zu § 16 
Gefäng¬ 
nis¬ 
strafe. 


Zu § 17 
Gefäng¬ 
nis¬ 
strafe. 


Zuchthausstrafe nicht bloss auf die „ A n h a 11 u n 
zu den Anstaltsarbeiten zu beschränken, sondern 
auch noch auf die Erzwingung der L e i s t u n g 
eines individuell abzumessenden Arbeits-Höchst¬ 
masse s zu erstrecken. 

III. 

Es empfiehlt sich, den Höchst betrag der 
Gefängnisstrafe heraufzu setzen (auf etwa 
10 Jahre), weil die dringend notwendige Sonde- 
r u n g der Rechtsbrecher nicht bloss nach der 
Schwere ihrer Straftat, sondern auch nach ihrer 
verbrecherischen Gesinnung und dem Grade ihrer 
sittlichen Verdorbenheit mittelst zweier Haupt¬ 
strafarten folgerichtig eine gewisse Gleichmässig- 
keit der Strafrahmen der Gefängnis- und der Zucht¬ 
hausstrafe als Parallelstrafen bedingt. 

Andererseits erscheint auch eine Erhöhung 
des Mindestmasses der Gefängnisstrafe (auf etwa 
7 Tage) erwünscht, zum Zwecke der Erweiterung 
des Anwendungsbereichs der Strafe des Verweises 
und der Geldstrafe mit Hilfe des Gesetzes. 

IV. 

a) Der Vorschlag, wonach Gefängnisgefaugene, 
soweit angängig mit Arbeiten zu beschäftigen 
sind, die „ihrem Berufe entsprechen“, ist 
zu enge gefasst und geeignet, das Quärulanten- 
tum zu züchten. 

Es empfiehlt sich deshalb wenigstens die 
Erweiterung, dass durch die Gefängnisarbeit 
die spätere Berufsfähigkeit nicht be¬ 
einträchtigt werden dürfe. 

b) Dem Gebote, dass bei Zuweisung der Arbeit 
„die Wünsche der Gefangenen zu berück¬ 
sichtigen“ sind, empfiehlt sich die Ein¬ 
schränkung „tunlichst'^ hinzuzufügen, um 
bedenkliche Zwangslagen unti Differenzen zu 
vermeiden. 

c) Die Bestellung des Gerichts zur „Be¬ 
schwerdeinstanz“ gegen die Gefängnis¬ 
verwaltung empfiehlt .sich nicht, denn hier- 



205 


Zu § IJ? 
Straf- 
schär- 
fung-^n. 


Zu 

§ 19/20 
Haft¬ 
strafe. 




durch würde ein Dualismus geschaffen, der 
nicht nur ungleich funktionieren, sondern auch 
iin praktischen Strafvollzüge destruktiv wirken 
muss. Ausserdem w^ürde die Einrichtung statt 
Ausgleich nur neue und zwar bedenkliche 
Differenzen zwischen juristischem Ermessen 
und den Strafvollzugs-Interessen schaffen. 

V. 

Auf Grund früherer langjähriger Erfahrungen 
sind richterlich im voraus zu bestimmende 
Einzelschärfungen des geordneten Strafvoll¬ 
zugs, weil diesen störend und beeinträchtigend, ebenso - 
wenig zu empfehlen wie Straf verlängerungen 
an Stelle von unausführbaren Strafschärfungen, weil 
solche Verlängerungen in verstärktem Masse als 
unbillige Härte empfunden werden und zu Ver¬ 
bitterungen führen würden. 

Gerechter und zweckdienlicher als Strafschär¬ 
fungen und Straf Verlängerungen ist die richtige 
Auswahl der individuell angemessenen 
Strafart in Verbindung mit einer gleichmässigen 
Behandlung bei der Abmessung der dem Grade der 
Verschuldung von vornhinein entsprechenden 
Straf d a u e r. 

Für eine der Persönlichkeit angemessene 
Strafbehandlung leistet das Gebot der Indi¬ 
vidualisierung im heutigen Strafvollzüge (mit oder 
ohnebe.sondere Klassifizierung) hinreichende Gewähr. 


VI. 


Es empfiehlt sich, die jetzige Haftstrafe als 
dritte Haupt strafe w’^egen ihrer geringen Unter¬ 
scheidbarkeit von der Gefängnisstrafe fallen zu 
lassen, namentlich wenn letztere noch so gestaltet 
wird, dass sie sich als eine wirklich leichtere Strafe 
von der Zuchthausstrafe erkennbarer als jetzt 
unterscheidet. 


dagegen empfiehlt sich die Beibenaitung einer 

so einfachen Freiheitsentziehung wie die jetzige 

..Festungshaft« als eine die persönliche Wert- 

schfttzung gänzlich unberührt lassende Ausn »hm c- 



206 


Zu § 22 
Einzel¬ 
haft. 


Zu § 23 
Ausfüh- 
rungs- 
bestim- 
miing'en 


Strafe für Gesetzesverletzungen, die aus sonst acht¬ 
baren und ehrenhaften Beweggründen begangen 
wurden. 

Dabei erscheint gerechtfertigt, ihre Anwendung 
auch auf Pressvergehen auszudehnen, diederartigen 
Beweggründen entsprangen, dagegen ihre Anwen¬ 
dung z. B. bei Duellvergehen gegenüber solchen Per¬ 
sonen auszuschliessen, durch deren gewissenloses 
und unsittliches Verhalten der Zweikampf hervor¬ 
gerufen wurde. 

Diese Haftstrafe darf niemals in „Strafan¬ 
stalten“ verbüsst Tverden. Hierbei wird zu erwägen 
sein, ob die jetzige Bezeichnung: „Festungshaft“ 
durch eine andere Bezeichnung (etwa „Sühnhaft) 
ersetzt werden möchte. 

VII. 

Die Bestimmungen über die A n w e n d u n g 
und die Dauer der Einzelhaft enthalten eine 
Benachteiligung der allgemeinen Interessen der 
Anstalt und der übrigen Gefangenen zu Gunsten 
eines einzelnen Gefangenen. 

Es empfiehlt sich deshalb an Stelle des 
2. und 3. Absatzes zu setzen: „Die Einzelhaft darf 
ohne Zustimmung des Gefangenen in der Regel die 
Dauer von 3 Jahren nicht übersteigen. Sie ist für 
gewöhnlich auszuschliessen, wenn anzunehmen ist, 
dass sie mit Gefahr für den körperlichen und geistigen 
Zustand des Gefangenen verbunden sein würde. 

Eine Ausnahme von diesen Bestimmungen tritt 
ein, wenn vom Gefangenen ein schädlicher Einfluss 
auf Mitgefangene oder eine Ansteckungsgefahr oder 
eine schwere Schädigung der allgemeinen Sicher¬ 
heit und Disziplin der Anstalt zu besorgen steht. 

Ueber die zwangsweise Fortdauer der 
Einzelhaft wie über ihre notgedrungene An¬ 
wendung überhaupt entscheidet die Aufsichts¬ 
behörde.“ 

VIII. 

Es empfiehlt sich, auch den Vollzug der 
Freiheitsstrafen auf eine gesetzliche Grundlage 
zu stellen. 

Da die Ausführung der gesetzlichen Strafen 
diesen selbst erst Leben und Inhalt gibt, so erscheint 



207 


die Regelung des Strafvollzugs auf dem Wege des 
Gesetzes ebenso nötig, wie die Festsetzung der 
Strafen selbst, und da das Strafgesetz sich mit dem 
Vollzüge der Strafen nicht zu befassen hat, so 
wird ein Strafvollzugsgesetz das notwendige 
Korrelat zum Strafgesetze bilden müssen. 


IX. 

Voriäuff^ Zum Zwecke der Unterscheidung der schwereren 

Zuchthausstrafe von der leichteren Gefängnisstrafe 
lassung. empfiehlt sich für erstere die Beibehaltung der 
bisherigen Frist von ®/4 der Strafzeit, nach 
deren Verbüssung eine vorläufige Entlassung 
eintreten kann. Fine solche Unterscheidung er¬ 
scheint auch im Hinblick auf das gesetzliche Wert¬ 
verhältnis der beiden genannten Strafen zueinander 
(§ 25) gerechtfertigt. 

Weiter empfiehlt sich, an Stelle der Vorschrift 
über die Verbüssungsfrist: „mindestens aber ein 
Jahr“ zu setzen: „in der Regel aber mindestens 
ein Jahr“, um nicht gerade bessere Elemente,, mit 
Strafen bis zu einem .Jahre, von der Vergünstigung 
einer vorläufigen Entlassung ganz auszuschliessen. 


X. 

Zu § 42 Es empfiehlt sich, die Zeitgrenze der 
sichernden Massnahmen für die Regel höher 
nahmen, (^^f etwa 10 Jahre) zu setzen und auch noch ihre 
Ausdehnung darüber hinaus für dringliche Aus¬ 
nahmefälle zuzulassen, dagegen von einer richter¬ 
lichen Vorausbestimmung der Dauer der 
Massnahme Abstand zu nehmen und die gesamte 
Regelung der sichernden Massnahme einem b e - 
sonderen Reichsgesetze zuzuweisen. 

Die vorgeschlagene Form der „Sichernden 
Massnahmen“ verfehlt ihren Zweck (vermehrten 
Schutz der Gesellschaft) weil sie zu enge begrenzt 
ist und wegen der richterlichen Vorausbestimmung 
der Dauer der Massnahme zu sehr den Charakter 
einer „Strafe“ beibehält 



208 


Der VE. rechnet auch hierbei zu viel mit 
dem Gesichtspunkte der „Vergeltung“ und der theo¬ 
retischen „Abschreckung“ vom Bösen und legt zu 
wenig Wert auf die Gesichtspunkte der ausreichen¬ 
den Absperrung oder der Sozialmachung, die doch 
die Hauptmomente bei „sichernden Massnahmen“ 
zu bilden haben. 


These 

zu den Ehrenrechtsbestimmungen des Vorentwurfs. 


Zu Es empfiehlt sich, als ständige Rechtsfolge 

Folgen Zuchthausstrafe auch den Verlust der bürger- 
liehen Ehrenrechte festzusetzen, einmal, weil 
Zucht- es aus allgemein sozialen Gründen geraten 
haus- erscheint, die „bürgerliche“ Ehre nicht geringer zu 
^v^^us^ bewerten als die militärische und die amtliche, 
d.bürger- — ^um andern, weil die Zuchthausstrafe überhaupt 
liehen die allein angemessene Strafart bilden soll, 
Ehren- nicht bloss für die „schwersten“ Verbrechen, auch 
rechte, bloss für Rechtsbrüche aus „ehrloser“ Ge¬ 

sinnung, sondern auch für alle Straftaten, „die 
von besonderer Roheit, Bosheit und Ver¬ 
worfenheit“ zeugen (§ 18). Damit wäre zugleich 
die entsprechendste und wirklich gerechtfertigte 
„Strafschärfung“ gegeben. 



209 


Zu dun Paragraphen 68—70 des Vorentwurfes zu einem 
deutschen Strafgesetzbuche. 

Von Strafanstaltsdirektor Fliegenschmidt -Bremen-Oslebshausen. 


In Shakespeares Kichard III. tritt uns ein geistig 
hochbegabter, aber körperlich missgestalteter Mensch ent¬ 
gegen, bei dem das quälende Gefühl der Missgestalt infolge 
des, oft erlebten Spottes sich zur grenzenlosen Verbitterung 
auswuchs, der am Ende den offenen oder geheimen Spott 
seiner Zeitgenossen mit brutalstem Egoismus beantwortet 
und, ferne von ehrlicher Offenheit, in Haltung und Handlung 
heuchlerisch oder brutal skrupellos sich schadlos zu halten 
sucht für die Entsagung, welche ihm seine fehlerhafte 
Natur auferlegte. 

Nicht bei allen von der Natur stiefmütterlich be¬ 
handelten Menschen kommt es zu einer. so masslosen 


Verbitterung, welche alle besseren, weicheren Regungen, 
besonders altruistischer Art völlig abtötet. Wer aber 
beobachten lernte, der wird finden, dass denen, deren 
Gestalt irgendwie von der Norm abweicht, damit eine ganz 
besondere Last auferlegt ist, mit der fertig zu werden, die 
mit Gleichmut zu tragen, viele nicht imstande sind und 
trotz aller Selbstbekämpfung nicht fähig werden. Es will 
nicht weichen das Gefühl des Abseitsstehens, der Gedrückt¬ 
heit, des Ausgestossenseins; selbst bei denen, die eine 
besondere geistige Stärke als Entgelt mitbekamen, die sich 
durcharbeiteten und mittels ihrer Begabung in eiserner 
Konsequenz Ansehen erstritten. Hat man erst einmal den 
Blick für solche Leiden gefunden, dann merkt man, wie 
viele solcher mindernormalen Menschen es in der Tat gibt, 
an denen man bis dahin achtlos vorüberging. Beobachtet 
man schärfer und anhaltend, dann wird man finden, wie 
eine gewisse Bedrücktheit bei solchen fast Regel ist, mag 
man sich in übergrosser Bescheidenheit und Scheu ganz 


zurückziehen oder seine Verlegenheit unter besonders 
forschem Wesen oder Trotz zu verbergen suchen. So 
geringe der Fehler auch sein mag so äass er von einer 
ganzen Zahl von Menschen gar nicht bemerkt wurde, — 
die Empfindung des Mangels ist don Betroffenen doch sehr 
schwer. Der Fehler schliessraus“rTan*. Spiel, Sport, 

Blätter für Gefängniskunde. XLV 




210 — 


von vielen Genüssen, die das Leben der Normalen ver¬ 
schönern; obschon gerade bei ihnen das Bedürfnis dafür 
besonders lebendig ist, fliesst ihnen Freundlichkeit, Wohl¬ 
gefallen, Zuneigung, Anhänglichkeit, Liebe spärlicher zu; 
wo es ihnen begegnet, vermuten sie blosses Mitleiden, 
Mitleiden aber schmerzt sie, sie wollen es nicht. Hier 
strömt ein geheimer Strom des Leids durch manches 
Menschenleben. Kinder sind bekanntlich unbewusst grau¬ 
sam und spotten des gebrechlichen Spielgenossen, abgesehen 
von wenigen schönen Ausnahmen frühreifen, meist weib¬ 
lichen Verständnisses für die Not des Kameraden. Aber 
auch unter Erwachsenen leidet solch ein unnormaler 
Mensch, nicht zu gedenken der ekelhaften Rohheit, die 
direkt verspottet. Es fallen da unbeabsichtigt Redensarten^ 
Worte, Wortspiele, mehr oder weniger öde Witzeleien, die 
direkt verletzend wirken, trotzdem sich die Sprecher dessen 
gar nicht bewusst sind. Man beobachte und man wird 
merken, dass diese Gedrückten, ob sie stehen oder sitzen, 
ob sie reden oder schweigen, sich stets so stellen oder 
setzen, dass man ihren Fehler nicht bemerken soll, man 
wird auch sehen, wie sie sich Leistungen zumuten, die 
viel zu hoch gehen, um nur nicht zurückzustehen, ja 
ganz besonders in Exzessen sich hervortun, — alles nur 
veranlasst, gedrängt, gepeitscht von dem mehr oder minder 
scharfen Gefühle des Zurückstehens! 

Stets meinen sie sich beobachtet, je nach ihrer Ge¬ 
mütsart werden sie misstrauisch, ziehen sich in sich zurück 
oder werden auffällig durch oft unfeine Art, sich zu be¬ 
haupten und vorzudrängen. Dabei halten sie die Mit¬ 
menschen für viel fühlloser und rücksichtsloser, für härter, 
als sie in der Tat sind. Ein krankhafter, unzufriedener, 
oft anlassloser, unpassender, unkluger Trieb der Selbst¬ 
behauptung überkommt sie. Aus dem falschen Mitleiden 
mit sich selbst kommt dann auch eine innere Verfassung, 
die auf die Spuren eines Richard III. lenkt. Eine Solidarität 
des Elends auch hier; sie fühlen sich miteinander verbunden 
weil sie in „gleicher Verdammnis“ sind, sie verstehen die 
gegenseitige Not, das gemeinsame Leid führt bis dahin 
wildfremde Menschen zu einander. 

Es ist leicht, ihnen zu predigen, dass sie sich in ihre ' 
Lage doch finden müssten, dass es doch Ersatz gebe in 
andrer Richtung für ihre tatsächlichen Entbehrungen, dass i 
sie nach der „heiligen Gleichgültigkeit“ streben müssten, ' 
— aber die sancta quietas, diese starke Verzichtleistung, j 



211 


will manchem doch zu schwer werden und vielen geht 
das Gefühl des Zurückstehens, des Gezeichnetseins nie 
verloren. Ist doch die Welt nun mal so, dass sie ihren 
Gang geht ohne Rücksicht auf die, die in flottem Gehen 
nicht mitkönnen. Viel tiefstes Leiden, viel Verbitterung, 
auch viel Menschenhass und Verachtung, viel Abweisung 
der Güte und des Mitleids, Fluch sogar denen, die ihnen 
das Leben gaben, — weil ihnen das nicht begegnete, was 
alle Mängel ausgleicht, treue, barmherzige Nächstenliebe. 

Vor mir liegen die Briefe eines früheren Gefangenen, 
mit welchem ich seit Jahren im Briefwechsel stehe. Trotz¬ 
dem es ihm nach mancherlei Schwierigkeiten leidlich geht, 
bleibt auf ihm liegen der Alp der Vergangenheit, trotz 
erstandener Strafe hört er ihn, den leisen, heimlichen 
Schritt des „furchtbaren Geschlechts der Nacht“, klingt 
durch seine Briefe die Klage über die heillose Brand¬ 
markung, die man ihm nicht abnehme. „Ich vermag mich 
Dicht anzuschliessen, ich kann das lähmende Gefühl der 
Unsicherheit nicht los werden, die Erinnerung an die Ver¬ 
femung will nicht verschwinden!“ Dann schildert er seine 
Arbeit, die er in Treue verrichtet, und er nimmt sich vor, 
den Mut nicht zu verlieren, aber immer wieder bricht 
durch die Scheu, die Furcht vor der Entdeckung; die blosse 
Möglichkeit des Bekanntwerdens seiner Schmach machte 
ihn unstät und flüchtig. Einmal sagt er, ganz starke 
Naturen, die stets mit ihrem Fühlen und Denken ganz da 
sind, wo sie sind, mögen sich durchringen, aber so unend¬ 
lich viele sind nicht so, nicht aus so festem Holze ge¬ 
schnitzt; „wir, und es sind viele, leiden unendlich!“ 

Das sind die heillos in ihrer Ehre getroffenen, fluch¬ 
belasteten Opfer der Freiheitsstrafe. Innerlich geknickt, 
verkrüpppelt in ihrem fröhlichen Selbstgefühle, mutlos für 
eine nur bescheidene Selbstbehauptung! Gewiss, schon 
das Gefühl der Schuld zerstört in manchem Menschen viel 
Festigkeit, aber den Rest gibt dann die blasse Furcht vor 
der Entdeckung des heimlichen Brandmales, ähnlich, wie 
beim ehemaligen Galeerensträflinge! 

Man muss nur stille und reichlich beobachten, wenn 
die Gefangenen, die noch nicht abgebrüht und fühllos ge¬ 
worden sind, das. Gefängnis verlassen. Wie sie ängstlich 
besorgt sind, wenn sie den Gruss der ihnen auf dem freien 
Areale der Anstalt begegnenden Gefängnisbeamten nicht 
wohl vermeiden können, wie sie aus der Nähe der Anstalt 
forthasten auf neutrales Gebiet, wo niemand, der ihnen 

14 * 



212 


begegnet, Anlass hat, den Wandrer mit dem starren Eisen- 
und Steinkoloss in Verbindung zu bringen. Man muss 
aus dem Munde ehrlich Strebender gehört haben, wie 
schrecklich die Furcht vor der Entdeckung des Bestraft¬ 
seins ist, wie die dauernde Besorgnis, die Arbeitsstelle zu 
verlieren, Schaffenslust und Fähigkeit lähmt, wie es schwer 
zu ertragen ist, sich in den Händen eines, der v^n der 
Vergangenheit erfuhr oder wusste, zu wissen, ihm ausge¬ 
liefert zu sein auf Gnade und Ungnade, wie der Zwiespalt 
quält zwischen dem Antriebe, offen dem Arbeitgeber zu 
bekennen im Vertrauen auf dessen Güte und Verständnis 
und auf die eigne Leistung, und der Furcht, mit dem ersten 
Worte des Bekennens die Türe gewiesen zu bekommen, 
wie es schlimmste Sklaverei ist, im Lohne eines Ausbeuters 
zu stehen, der die Notlage kaltherzig ausnutzt und miserabel 
behandelt und bezahlt. 

Das sind Lebenslagen und Erfahrungen, denen der 
Hass gegen das moralisch Gute entwächst und welcher 
schliesslich ausreift zur wirklichen Freude an der Ungerech¬ 
tigkeit. Daher kommt dann schliesslich der trotzige und 
zuletzt vollbewusste brutale Egoismus, der sich rächen 
will, wie Richard III., für die Unbilden, die ihn schuldlos 
trafen und niederhielten. Schopenhauer meinte ja, man 
müsse als „Mensch“ sich wie ein Brahmane zwischen 
Sudras und Parias schuldlos versetzt fühlen d. h. von Ekel 
ergriffen, zwischen moralischen und intellektuellen Jämmer¬ 
lingen leben zu müssen. Zur „Höhe“ dieses Brahmanen- 
dünkels kommen wohl nur wenige; in der Atmosphäre des 
behäbigen, zahllosen Philistertums liegt aber die ausbündige, 
gleich dumme, wie heuchlerische Verachtung der mit dem 
Strafhause Gezeichneten! Ist es denn da ein Wunder, 
wenn die „Parias“, auf sich angewiesen, sich suchen und 
finden, sich zusammenschliessen, klagend und anklagend 
und schliesslich voller Erbitterung? Ist es ein Wunder, 
wenn auch da die Solidarität des Elends zusammenbindet, 
wo man „in gleicher Verdammnis“ ist, wenn schliesslich 
die Psychologie der Menge ihre traurigen Folgen zeitigt 
und die Verärgerung und der Trotz sich zu einer vorerst 
blos unklugen, dann aber bedenkenlosen Selbstbehauptung 
aus wächst und immer bewusster Verachtung gegen Ver- 
achtungj Hass gegen Hass stellt ? Nach Schutz der Gesell¬ 
schaft wider die geschworenen Feinde der Ordnung wird 
mit vollstem Rechte gerufen, ist aber der Notruf nicht 
auch da nach Schutz für die Gestrauchelten, für die Be- 



213 


straften vor der Gesellschaft, vor der Brutalität 
der Rechtskonsequenz, die nach erstandener Strafe 
den Menschen weiter quälen und nicht aufkommen lässt ?! 

„Ich habe nie geahnt, was das Wort „Gefangener“ 
bedeutet; jetzt, nachdem ich die „Freiheit“ wieder habe, 
weiss ich es!“ So schrieb mir einer. Das Gefängnis, so 
fährt er fort, drückt mich zu Boden, lähmt mich, macht 
mich zum elenden Zwitter, der nicht mehr imstande ist, 
mutig in die Zukunft zu gehen; das Bewusstsein, gefangen 
gewesen zu sein, macht mich mutlos, weil ich’s überall 
fühle, weil mir auf Schritt und Tritt deutlich klar gemacht 
wird, wie die Menschen den ehemaligen Gefangenen an- 
sehen und beurteilen. „So laut und so oft Sie können, 
helfen Sie, dass die Schmach von denen genommen wird, 
die ehrlich wollen!“ 

Und nun denke man an die Jugendlichen, denke dies 
alles über ein Leben gekommen, das erst im Anfänge steht, 
man denke an die, denen das Kainszeichen auf die Kinder¬ 
stirne gedrückt wird, ehe sie gereift waren d. h. das Gleich¬ 
gewicht zwischen Antrieb und Hemmung gewinnen konnten, 
— die man als „Verbrecher“ behandelte, ehe sie es waren 
resp. sein konnten, die man in das Strafhaus sandte, ob¬ 
schon nach dem ebenso richtigen, als grausamen Ausspruche 
die Wahrscheinlichkeit des Rückfalles, des Fortschreitens 
aut der schiefen Ebene geringer gewesen wäre, wenn man 
sie unbehelligt laufen Hess! 

Die Hygiene des Gefängnisses hat ja bekanntlich den 
Erfolg gehabt, dass es endemische Kerkerkrankheiten nicht 
mehr gibt. Die Endemie der schlimmeren, moralischen 
Gefängnisseuche, der Verminderung von Ehre, Scham, sitt¬ 
licher Kraft fand keine Beachtung oder konnte auch bei 
dem besten Willen der Straf hausbeamten nicht paralysiert 
werden! Es ist ferner unbestreitbare Tatsache, dass im 
Gefängnisse die mitgebrachten, latenten Krankheitskeime 
viel schneller und schädigender zur Entfaltung kommen; 
nun, ebenso hat sich erwiesen, dass bei den Jugendlichen 
die Luft des Strafhauses zur Treibhausluft wurde für ver¬ 
kehrte Triebe, dass die Strafe nicht etwa, was man erwartete, 
die. so nötigen neuen Hemmungen schuf, dass vielmehr 
diejenigen Hemmungen, die vordem noch vorhanden waren, 
vernichtet wurden und die vorhandene Schwäche und schiefe 
Richtung zur Herrschaft kam, dass also positive Schädi¬ 
gung und neu geschaffene Uebel die ungewollte Folge 
waren! Bekommen die Klagen ehemaliger Gefangener, die 



214 


ich eben mitteilte, nicht etwas absolut Ergreifendes und 
vernichtend Anklagendes, wenn sie aus dem „Munde der 
Unmündigen“ dahergehen ? Welch ein Widerspruch, Kindern 
eine Haltung abzuverlangen, die so vielen Erwachsenen 
nicht gelingt, und das in einer Zeit, in der selbst so unend¬ 
lich vielen Mündigen alles unsicher ist und schwankt, wo den 
Weisheitstrunkenen „rechter Hand, linker Hand alles ver¬ 
tauscht“ ist, wo man statt nahrhafter Speise das Aetz- 
wasser berufener und unberufener Kritik darbietet, wo 
anstelle starker Bejahung die reinen und unreinen Toren 
sich ein oft geradezu blödsinniges Achselzucken anmassen 
und alte, verschimmelte Zweifel zum Schibboleth machen, 
wo die festen Grenzen der Sitte in fliessendes Wesen sich 
wandelten, bei welchem Dinge, Handlungen für diskutabel 
gehalten werden, die man ehedem verachtete und die — 
das Strafgesetz auch heute noch bedroht!- 

Ein Gutachten soll ich schreiben über die §§ 68—70 
des Vorentwurfes. Das will ich hiermit getan haben. Die 
ganze Qual der an der Hand von so vielen Fällen durch¬ 
lebten Erfahrung ist es, die einen wieder erfasst, wenn 
man es auch heute noch lesen und aussprechen hören 
muss, dass es nicht angehe, den Jugendlichen das 
Privilegium der Sonderstellung und Behand¬ 
lung zuzugestehen, weil.„dadurch der Strafjustiz 

ihr Ernst und ihre Würde geschädigt werde“, — und da 
habe ich das Vorstehende hingeschrieben, hinschreiben 
müssen! Gott sei Dank, endlich ein Strafgesetz in Sicht, 
das nicht blos Menschen, die die „erforderliche Einsicht“ 
haben und solche ohne diese, kennt, sondern das dem 
Kinde sein Recht geben will. 

Ich las kürzlich eine poetische Stelle aus friesischen 
Rechtsquellen, wo in erster, zweiter und dritter Not der 
Schutz und die Pflege des unmündigen Kindes zu der alles 
andre hintansetzenden Pflicht erklärt wurde. „Wenn, so 
hiess es da, das Kind nackend ist oder hauslos und die 
nebeldüstere Nacht und der nordkalte Winter über den 
Zaun steigt, so fährt der Menschen jeglicher in seinen Hof 
und in sein Haus und das wilde Tier sucht den hohlen 
Baum und der Berge Schutz, allda es sein Leben behalte, 
dann weint das unmündige Kind und wehklagt über seine 
nackten Glieder und seine Obdachlosigkeit und dass sein 
Vater, der es schützen sollte gegen den kalten Winter und 
den heissen Hunger, so tief unter Eiche und Erde ver¬ 
borgen und bedeckt liegt. Dann soll etc.“ Schade, 





— 215 — 


dass es nicht angeht, in ähnlicher, herzbewegender Fassung 
die Paragraphen über die Jugendlichen einzuleiten in einem 
modernen Strafgesetzbuche — trotz „des Ernstes und der 
Würde der Strafjustiz“! 

Ich darf auf Anführung der überreichlich allenthalben 
zugänglichen Literatur verzichten. Argumento e consensu 
fere omnium komme ich zu folgenden Sätzen hinsichtlich 
der Beurteilung der die Behandlung der Jugendlichen 
betreffenden Stellen des Vorentwurfes. 

1. Das Strafmündigkeitsalter ist auf das vollendete 
14. Lebensjahr hinaufzurücken; das 18. Lebensjahr als 
Grenze des jugendlichen Alters ist beizubehalten und zwar 
angesichts der Tatsache, dass die Kriminalität in dem 
Alter vom 18.—21. Jahre am höchsten ist (Seuffert) und 
mit dem 18. Lebensjahre die Selbständigkeit und die Er- 
ziehbarkeitsgrenze meistens erreicht ist (Lilienthal). 

2. Die Frage nach der zur Erkenntnis der Strafbar¬ 
keit erforderlichen Einsicht ist auszumerzen, statt derselben 
ist die Vorschrift der sorgfältigen Prüfung der geistigen 
und sittlichen Reife des Angeschuldigten zu wünschen. 
Entgegen der Begründung des Vorentwurfes erscheint eine 
Anweisung für den Richter, diese Prüfung vorzunehmen, 
angezeigt, unter der Voraussetzung, dass der Richter, dem 
damit eine sehr schwere Aufgabe gestellt wird, nicht auf 
polizeiliche Recherchen angewiesen ist, sondern die Mit¬ 
hilfe von Vertrauenspersonen findet, welche dauernden 
guten Willen und eine erhebliche psychologische und päda¬ 
gogische Fähigkeit und Erfahrung haben müssen. 

3. Zu begrüssen ist die vorgesehene mildere Behand¬ 
lung (§ 69, 76, 83) und zu wünschen die weitgehende An¬ 
wendung der bedingten Strafaussetzung mit jedesmaliger 
Stellung unter Schutzaufsicht, 

4. Dem Richter (Jugendrichter) ist die Befugnis zu 
erteilen, bei Jugendlichen im Alter vom 14. bis 18. Jahre 
zwischen Freiheitsstrafe und Erziehungsmassregeln frei zu 
wählen. Wenn in besonderen Fällen neben der Freiheits¬ 
strafe auf Ueberweisung in Fürsorgeerziehung erkannt 
werden muss, so hat die Erziehungsmassregel im Anschlüsse 
an die Freiheitsstrafe einzutreten. Dies letztere entspricht 
dem gewiss richtigen Standpunkte des Entwurfes, dass die 
Strafe die Regel sein soll; anderseits würde es gegenüber 
dem Ziele der Erziehung, d. h. der Fertigmachung für eine 
ordentliche Haltung in der Freiheit, widersinnig sein, die 



216 — 


Entlassung in die Freiheit durch das kaudinische Joch 
erst noch zu erstehender Strafe geschehen zu lassen! 

Freiheitsstrafen ohne nachfolgende Ueberführung in 
Fürsorgeerziehung sollten stets so bemessen werden, dass 
der erziehliche Einfluss des Jugendgefängnisses nicht schon 
allein durch die kurze Strafzeit unwirksam gemacht wird. 

5. Unter Ablehnung jedes Vollzuges von Freiheits¬ 
strafen in Erziehungsanstalten ist zu wünschen, zwecks 
absoluter Trennung von den Erwachsenen, die Einrichtung 
von besonderen Jugendgefängnissen oder die Herrichtung 
von Abteilungen für Jugendliche, die deni Zwecke der 
absoluten Trennung auch wirklich genügen, In diesen 
Sondergefängnissen oder Abteilungen hat nach Personal 
und Betrieb alles abzuzielen auf sittliche Hebung, ohne 
jedoch den Strafcharakter zu verwischen. 

6. Es ist nicht erforderlich und auch nicht zu empfehlen, 
die vermindert Zurechnungsfähigen ohne Ausnahme so 
vollständig von den anderen Jugendlichen zu trennen, dass 
eine gegenseitige Berührung ausgeschlossen wird. Die, 
auch bauliche, Einrichtung des Gefängnisses für Jugendliche 
hat so zu geschehen, dass eine Sonderbehandlung der 
vermindert Zurechnungsfähigen ermöglicht wird. 

Die Ueberweisung von vermindert zurechnungsfähigen 
Jugendlichen zur Verbüssung von Freiheitsstrafen in 
Erziehungs-, Heil- oder Pflegeanstalten ist abzulehnen. 

7. Die Möglichkeit der Rehabilitation ist freudig zu 
begrüssen! 




zu einem Deutschen Strafgesetzbuche. 

Von Anstaltsoberlehrer Birkigt-Bautzen. 


Der Vorentwurf (VE.) bringt zunächst die Hinauf- 
rückung der unteren Strafmühdigkeitsgrenze 
auf das vollendete 14. Lebensjahr und damit die Beseitigung 
des Zustandes, Kinder dem Strafrichter und dem Gefäng¬ 
nisse zu überliefern, die gewiss allgemeine Billigung finden 
wird. — 


Sodann kommt das bisher für die strafrechtliche Ver¬ 
antwortlichkeit Jugendlicher massgebend gewesene Er¬ 
fordernis der Strafbarkeitseinsicht in Wegfall. 
Eine Ersatzbestimmung hält der VE. nicht für nötig, da 
für die vermindert Zurechnungsfähigen, für die jenes Er¬ 
fordernis hauptsächlich von Bedeutung gewesen wäre, durch 
Anwendung der Vorschriften über den Versuch und durch 
Absonderung im Strafvollzüge besonders gesorgt sei. Die 
Jugendlichen sollen im Punkte der Zurechnungsfähigkeit 
grundsätzlich nicht anders behandelt werden als die Er¬ 
wachsenen; „denn die subjektive Fähigkeit, ein Delikt zu 
begehen, gehört zum Begriffe der Zurechnungsfähigkeit, 
die bei jugendlichen Verbrechern von keiner anderen Art 
ist als bei Erwachsenen.“ (Begr. S. 258). 

Dem kann nicht zugestimmt werden. Denn zu den 
allgemeinen Ursachen des verbrecherischen Handelns treten 
bei den Jugendlichen noch die ihrem Lebensalter eigene 
sittliche Unreife, die in der Pubertät begründeten Reize 
zum Verbrechen und die Erziehungsmängel hinzu. Die 
subjektive Fähigkeit der Jugendlichen, ein Delikt zu be¬ 
gehen, ist also von der der Erwachsenen wesentlich unter¬ 
schieden, so dass, wenn sie zum Begriffe der Zurechnungs¬ 
fähigkeit gehört, auch diese bei den Jugendlichen wenn 
auch nicht der Art, so doch dem Grade nach anders 
und zwar geringer sein muss als bei Erwachsenen. 

Soweit es sich um voll zurechnungsfähige Jugendliche 
handelt, könnte man sich mit dem vom VE. vertretenen 



218 


Standpunkte abfinden. Aber im Interesse der vermindert 
zurechnungsfähigen Jugendlichen ist hier eine Aenderung 
nötig. Zwischen dem Zustande der vollen Zurechnungs¬ 
fähigkeit und zwischen Geisteskrankheit und Blödsinn, bei 
denen erst Straflosigkeit eintritt (§ 63), steht die verm. 
Zurechnungsfähigkeit in ihren Abstufungen vom leichtesten 
bis zum schwersten Grade. Während nach dem geltenden 
Gesetze die verm. Zurechnungsfähigen wegen fehlender 
Strafbarkeitseinsicht freigesprochen werden können, müssen 
sie mangels einer entsprechenden Bestimmung nach dem 
VE. ohne Ausnahme verurteilt werden. Das ist ein deutlicher 
Schritt nach rückwärts. Wohl werden vielen vermindert 
Zurechnungsfähigen die dem Richter zur Verfügung 
stehenden erziehlichen Massnahmen (§ 69 Abs. 2) zugute 
kommen. Doch es ist auch denkbar, dass gerade deshalb, 
weil für sie eine besondere Behandlung im Strafvollzüge 
vorgeschrieben ist, viele verm. Zurechnungsfähige und selbst 
solche stärkeren Grades verurteilt und dem Strafvollzüge 
zugeführt werden. Aber selbst wenn man dem Zustande 
dieser Jugendlichen bei der Strafvollstreckung vollkommen 
gerecht werden könnte, so wäre doch damit der Uebelstand 
nicht beseitigt, dass man sie mit dem Makel der Strafe 
belastet, vor dem sie gerechterweise bewahrt werden 
müssten. Es ist daher zum Schutze der verm. 
zurechnungsfähigen Jugendlichen eine ge¬ 
setzliche Bestimmung nötig, wonach deren 
körperlicher, geistiger und sittlicher Zustand, 
also ihre ganze Persönlichkeit zu prüfen und 
von dem Ergebnisse die Verurteilung zur 
Strafe oder die Freisprechung und Ueber- 
weisung zu angemessener Erziehungö-, Pflege¬ 
oder Heilbehandlung abhängig zu machen ist. — 
Dass die vermindert Zurechnungsfähigen von den 
voll Zurechnungsfähigen im Strafvollzüge vollständig ab¬ 
zusondern sind, muss als Fortschritt anerkannt werden. 
Die Sonderbehandlung der vermindert Zurechnungs¬ 
fähigen stärkeren Grades dürfte sich aber als ein ziemlich 
schwieriges und in manchen Fällen wohl unlösbares Problem 
darstellen, da die Strafe bei allen durch den Zustand 
dieser Gefangenen gebotenen Milderungen doch als üebel 
fühlbar bleiben muss. Auch von dieser Erwägung aus ge¬ 
langt man zu dem oben ausgesprochenen Wunsche, dass die 
vermindert Zurechnungsfähigen stärkeren Grades von der Be¬ 
strafung überhaupt ausgeschlossen und einer ihrem Zustande 



219 


entsprechenden Behandlung zugeführt werden möchten. 
Offenbar um hier Abhilfe zu schaffen, ist in § 70 die Be¬ 
stimmung aufgenommen worden, dass Freiheitsstrafen gegen 
vermindert zurechnungsfähige Jugendliche auch in staat¬ 
lich überwachten Erziehungs-, Heil- und Pflegeanstalten 
vollzogen werden können. Diese Bestimmung ist praktisch 
unausführbar. Denn eine Strafbehandlung ist in diesen 
Anstalten unmöglich; sie würde mit dem, was unter Straf¬ 
vollzug im Sinne des Gesetzes zu verstehen ist, bestenfalls 
nur den Namen gemein haben. Zweifellos werden sich 
aber Erziehungs-, Heil- und Pflegeanstalten gegen die Zu¬ 
mutung, gerichtlich erkannte Freiheitsstrafen zu vollstrecken, 
mit allen Kräften wehren, und das mit Recht. Die Be¬ 
stimmung des § 70 Abs. 2 sollte daher in Weg¬ 
fall kommen. — 

Die Strafbemessung für die verm. zurech¬ 
nungsfähigen Jugendlichen bedarf noch der 
Regelung: Den Vorschriften über den Versuch unterstehen 
nicht nur die verm. zurechnungsfähigen, sondern alle Jugend¬ 
lichen. Die verm. zurechnungsfähigen Jugendlichen würden 
also nicht, wie es offenbar die Absicht des VE. ist (§63), 
und wie es bei den Erwachsenen auch tatsächlich der Fall 
sein wird, eine mildere Behandlung erfahren als die voll 
Zurechnungsfähigen. Daher müsste § 69 eine ent¬ 
sprechende Zusatzbestimmung erhalten. — 


Die dritte .und bedeutsamste Neuerung in der zu¬ 
künftigen strafrechtlichen Behandlung der Jugendlichen 
ist die Aufnahme des Erziehungsgedankens. 

Nach dem Entwürfe zur neuen „Strafprozessordnung“ i) 
(E.StrPO.) „soll eine Bestrafung ganz unterbleiben, wenn 
nach Lage der Sache Erziehungsmassregeln vorzuziehen 
sind. Soweit ein Strafverfahren unvermeidlich ist, soll es 
so gestaltet werden, dass es der Jugendfürsorge Rechnung 
trägt.“ (Begr. E. StrPO. S. 33). Auch der Vorentwurf zum 

*) E. StrPO.: Nach §§ 365 und 366 soll die Staatsanwaltschaft 
gegen einen Jugendlichen keine öffentliche Klage erheben, wenn 
Erziehungs- und Besserungsmassregeln einer Bestrafung vorzuziehen 
sind. Die Sache ist dann an die Vormundschaftsbehörde abzugeben 
die, wenn sie den Jugendlichen für schuldig erachtet, Erziehungsmass¬ 
nahmen anzuordnen hat. — Nach § 373 hat das Gericht, wenn es 
nach den Ergebnissen der Hauptrerbandlung den Jugendlichen für 
schuldig hält, das Verfahren einzustellen, wenn Erziehungs- und 
Besserungsmassregeln einer Bestrafung vorzuziehen sind. ° 



220 


Strafgesetze will „dem jetzt die Allgemeinheit mit Recht 
bewegenden Gedanken, dass jugendliche Personen, solange 
sie noch erzogen und gebessert werden können, möglichst 
vor krimineller Strafe zu bewahren sind, in weit grösserem 
Umfange Rechnung tragen als das bisherige Gesetz“ (Begr. 
VE. S. 258). Er ist aber der Meinung, dass es im Hinblick 
auf die verschiedenen, im E. StrPO. und im VE. selbst 
dem Richter ausser der Verhängung einer Freiheitsstrafe 
zur Verfügung gestellten Massnahmen geboten sei, „darauf 
zu achten, dass das Mass des dem Gemeinwohle Dienlichen 
nicht überschritten wird.“ Deshalb beschreitet der VE. den 
umgekehrten Weg wie der E. StrPO. und setzt fest: 
„Strafe als die Regel, Erziehung daneben oder in leichteren 
Fällen statt der Strafe.“ 

In der Verwertung desErziehungsgedankens 
besteht demnach zwischen dem E. StrPO. und dem VE. ein 
grundsätzlicher Unterschied: Im E.StrPO. ist der Erziehungs¬ 
gedanke leitender Gesichtspunkt; im VE. ist er 
nur bestimmend für eine auf gewisse Fälle beschränkte 
Massregel. — Die Massnahmen des E.StrPO. stellen 
sich dar als eine folgerichtige Weiterführung unseres 
auf die Rettung Gefährdeter und auf die Bekämpfung 
der Jugendkriminalität gerichteten Erziehungswerkes; der 
VE. geht wie das geltende Gesetz ohne Rücksicht darauf 
seinen eigenen Weg. — Der E. StrPO. bringt unter dem 
Einflüsse des Erziehungsgedankens eine dem geltenden 
Gesetze unbekannte, von der der.Erwachsenen vollständig 
verschiedene Sonderbehandlung der Jugendlichen; der VE. 
macht, abgesehen von der Möglichkeit, in gewissen Fällen 
Erziehungsmassnahmen anzuordnen, einen wesentlich 
anderen Unterschied zwischen Jugendlichen und Er¬ 
wachsenen gegenüber dem geltenden Gesetze nicht. 

Der VE. hat sich also dem E. StrPO. in dieser deut¬ 
lichen Abkehr von dem bisherigen und in dem entschlossenen 
Vorwärtsschreiten auf dem neuen Wege nicht angeschlossen. 
Er hält im allgemeinen wie das geltende Gesetz an dem 
heftig umstrittenen Grundsätze der gerechten Vergeltung 
fest, der sich gerade an Jugendlichen als so unfruchtbar 
erwiesen hat, dass weite Kreise die Notwendigkeit aner¬ 
kennen, diesen gegenüber zu gunsten des Erziehungs¬ 
gedankens Zugeständnisse zu machen. Die Entwicklung 
in der Bekämpfung der Jugendkriminalität bewegt sich 
unverkennbar in der Richtung der Erziehung. Auch der 



221 


VE. selbst hat eine Reihe von Massnahmen aufgenommen, 
„die sich aus dem Vergeltungsgedanken allein nicht recht- 
fertigen lassen, sondern auf Prävention abzielen“ (Begr. S. X), 
also erziehlichen Charakter tragen. Er hat somit bereits 
den Vergeltungsgrundsatz durchbrochen, den nächsten 
Schritt, ihn den Jugendlichen gegenüber ganz aufzugeben, 
tut er nicht. Das Nebeneinander des Vergeltungs- und 
Erziebungsgedankens stört aber die Einheitlichkeit in der 
strafrechtlichen Behandlung der Jugendlichen und muss zu 
Ungleichmässigkeiten und Härten führen. Der Vergeltungs¬ 
grundsatz verleiht dem Strafgesetz etwas Starres. Unter 
seiner Herrschaft stehen die strafrechtlichen Massnahmen 
gegen die Jugendlichen für sich allein. Nachdem aber die 
Fürsorgeerziehung ins Leben getreten ist, die an der Be¬ 
kämpfung der Jugendkriminalität in hohem Masse beteiligt 
ist, wäre um einer einheitlichen Bekämpfung willen zu 
wünschen, dass sich die Kriminalstrafe den Erziehungs¬ 
massnahmen anreihte als das letzte und nachdrück¬ 
lichste Mittel, um die durch fühlbaren Zwang noch 
auf den rechten Weg zu führen, die auf mildere Weise 
nicht zurecht gebracht werden können. 

Das Festhalten am Vergeltungsgrundsatze bringt es 
ferner mit sich, dass der VE. wie das geltende Gesetz die 
Jugendlichen von den Erwachsenen nur wenig unterscheidet. 
Er billigt ihnen eben nur den Milderungsgrund der Jugend 
zu mit dem Erfolge, dass für sie bei der Bestrafung die 
Vorschriften über den Versuch Anwendung finden, so dass 
also die Strafrahmen für die Jugendlichen in einem be¬ 
stimmten Verhältnisse enger gezogen werden als für die 
Erwachsenen. Mögen auch die Vorschriften über den 
Versuch so beweglich sein (§ 76 Abs. 3), dass sie eine 
weitgehende Berücksichtigung der Jugendlichen gestatten, 
so liegt der Unterschied, den der VE. zwischen Erwachsenen 
und Jugendlichen macht, doch nur im Strafmasse. Eine 
gerechte Würdigung der Eigenart der Jugendlichen und 
der darin begründeten besonderen Verbrechensursachen 
und geringeren Widerstandsfähigkeit, sowie die Notwendig¬ 
keit einer Berücksichtigung der im E. StrPO. und teilweise 
auch im VE. ausgesprochenen Anerkennung des Erziehungs¬ 
gedankens drängen aber zu der Forderung einer nicht 
bloss dem Masse, sondern dem Wesen nach von der 
der Erwachsenen vollständig unterschiedenen Sonderbehand¬ 
lung der Jugendlichen. Das sollte schon äusserlich dadurch 
zum Ausdrucke gebracht werden, dass wie im E. StrPO. 



222 


auch im Strafgesetze die Jugendlichen in einem 
besonderen Abschnitte behandelt würden. 

Auf Grund dieser Erwägungen ist zu wünschen, dass 
das Strafgesetz den Jugendlichen gegenüber 
den Vergeltungsstandpunkt aufgibt, sich 
statt dessen imEinklang mit demE.StrPO. den 
Grundsatz der Jugendfürsorge zu eigen 
macht und die Jugendlichen einernicht bloss 
dem Masse, sondern dem Wesen nach grund¬ 
sätzlich von der der Erwachsenen unter¬ 
schiedenen Sonder Behandlung unterzieht. 
Nicht im Sinne einer Verdrängung der Strafe 
durch Erziehung oder einer Vermischung 
beider, sondern im Sinne einer naturgemässen 
Angliederung der Strafe an die Fürsorge¬ 
erziehungsmassnahmen und einer Ausgestal¬ 
tung der Strafe zur schärfsten und fühl¬ 
barsten Waffe im Kampfe gegen die Jugend¬ 
kriminalität. 


Unter diesem Gesichtspunkte ergeben sich einige 
weitere Wünsche: 

Der VE. hat auch für die Jugendlichen die kurz¬ 
zeitigen Freiheitsstrafen beibehalten. In der Be¬ 
gründung hierzu tritt deutlich zu Tage, dass Jugendliche 
und Erwachsene nicht genügend auseinander gehalten 
werden. Wenn dort gesagt wird, dass es ausser der 
Geldstrafe und der bedingten Strafaussetzung keine wirk¬ 
samen Ersatzmittel für die kurzzeitigen Freiheitsstrafen 
gäbe (S. 49), so trifft das mehr auf Erwachsene zu. Denn 
gegen Jugendliche stehen dem Richter auch Erziehungs¬ 
massnahmen zur Verfügung, so dass, wenn das Gesetz 
weitherzige Anwendung findet, eine nicht geringe Anzahl 
von Jugendlichen gewiss vor der Bestrafung bewahrt 
bleiben werden. Gegen solche, die bestraft werden müssen, 
kann der Richter erkennen auf Verweis, Geldstrafe und, 
wenn die Strafe nicht über sechs Monate beträgt, auf 
bedingte Strafaussetzung. Begehen die solcherweise vor 
der Freiheitsstrafe bewahrt gebliebenen Jugendlichen neue 
Straftaten, so erbringen sie damit den Beweis, dass es 
ihnen gegenüber eines schärferen Mittels als nur einer 
kurzen Freiheitsstrafe bedarf. Hält das Gericht Erzieh¬ 
ungsmassnahmen für aussichtslos oder vermag es auch 



223 — 


von den übrigen Mitteln keinen Gebrauch zu machen, so 
müssen jedenfalls schwerwiegende, in der Person des Täters 
oder in der Beschaffenheit der Tat liegende Gründe vor¬ 
walten, die an sich schon eine längere Freiheitsstrafe 
rechtfertigen. Gegen verkommene Elemente kann eben 
nur besondere Strenge wirken, das ist auch der Standpunkt 
des VE. (Begr. S. 50). 

Die Begründung hält die kurzzeitigen Strafen des¬ 
wegen nicht für überflüssig, weil die Erfahrung lehre, 
„dass die ehrliebenden Personen selbst aus den unteren 
Volksschichten auch die kürzeste Freiheitsstrafe scheuen 
und dass auch sehr viele, die eine kurze Freiheitsstrafe 
bereits erlitten haben, einer neuen solchen Strafe auf jede 
Weise zu entgehen bestrebt sind“ (S. 50). Das sind aber 
doch alles Elemente, bei denen Verweis, Geldstrafe und 
bedingte Strafaussetzung sicherlich dieselbe gute Wirkung 
haben würden, so dass gerade ihnen gegenüber kurze 
Freiheitsstrafen entbehrlich erscheinen. 

Gegen die Erhöhung des Mindestmasses der Freiheits¬ 
strafe führt die Begründung die Rücksicht auf die Erwerbs¬ 
und Familienverhältnisse des Schuldigen, sowie auf die 
Kosten der Strafvollstreckung ins Feld (S. 50). Erwerbs¬ 
und Familienverhältnisse fallen aber bei Jugendlichen 
nicht ins Gewicht, und die Strafvollstreckungskosten dürfen 
nicht ausschlaggebend sein, wenn es nötig ist, durch eine 
strengere Strafbemessung den Anfängern im Verbrechen 
gleich die erste Bestrafung so fühlbar als möglich zu 
machen. • 

Die Ursachen der Nutzlosigkeit und der schädlichen 
Wirkungen der kurzen Strafen erblickt die Begründung 
nicht in der Kürze, sondern in dem unzweckmässigen 
Vollzüge. Dem könne dadurch abgeholfen werden, 
dass erstmalig Bestrafte vor dem Einfluss verdorbener 
Elemente behütet würden und dass auch der kurzen 
Freiheitsstrafe stets der Charakter eines wirklichen Straf¬ 
übels gewahrt bleibe (S. 50). — Das erstere muss zuge¬ 
geben werden; denn die Behütung erstmalig Bestrafter 
vor den schädlichen Einflüssen Verdorbener kann durch 
Isolierung leicht erreicht werden. Aber es ist unmöglich, 
das Slrafübel, das eben erst bei längerer Freiheits¬ 
entziehung fühlbar wird, bei kurzzeitigen Strafen 
in konzentrierter Form darzureichen. Und darum 
werden kurzzeitige Strafen zumal an den schwierige^*®!! 
Elementen, wie es die in Zukunft für die wirklich zu ver- 



224 — 


büssenden Freiheitsstrafen in Betracht kommenden Jugend¬ 
lichen zumeist wohl sein werden, wirkungslos vorüber¬ 
gehen. 

Der VE. erachtet zwar eine tunlichste Ver¬ 
minderung der kurzen Strafen für wünschens¬ 
wert, er hat sich aber nicht für eine Erhöhung 
des Mindestmasses entschliessen können, sondern 
„beschränkt sich (Begr. S. 51) darauf, durch die Vor¬ 
schriften über die Geldstrafe und die bedingte Strafaus¬ 
setzung ihr Anwendungsgebiet einzuengen, andererseits 
aber durch die Rückfallbestimmungen den Richter aiizu- 
halten, da, wo es nachdrücklicherer Strafen bedarf, über 
sie hinauszugehen“. 

Das mag wiederum für Erwachsene genügen. Für 
die Jugendlichen müssen wir mehr verlangen: Ihnen 
gegenüber verfügt das Gericht über eine Reihe von milderen 
Massnahmen, denen sich die Freiheitsstrafe naturgemäss 
anreihen muss als das schärfste Mittel, das nach der 
offensichtlichen Tendenz des E. StrPO. und teilweise 
auch des VE. erst dann angewendet werden soll, wenn 
kein anderes Mittel mehr als hinreichend erscheint. 
Da ist es aber nötig, dass die Freiheitsstrafe schon in 
ihrer mildesten Abmessung eine entsprechende Steigerung 
im Verhältnis zu den übrigen Massnahmen bildet. Wenn 
wir keinen Anstand nehmen, einen nur gefährdeten Jugend¬ 
lichen auf Jahre hinaus der Fürsorgeerziehung • zu über¬ 
antworten, die erfahrungsgemäss als Freiheitsentziehung 
aufgefasst und von vielen härter empfunden wird als eine 
Gefängnisstrafe, oder wenn wir einen Trunkenbold bis zu 
2 Jahren einer Trinkerheilanstalt überweisen, um ihn 
„wieder an ein gesetzmässiges und geordnetes Leben zu 
gewöhnen“ (§ 43), so sollten wir uns noch viel weniger 
scheuen, kriminellen Jugendlichen, denen gegenüber eine 
mildere Behandlung nicht angebracht ist, gleich das erstemal 
in eindringlichster Weise den Ernst der Freiheitsstrafe 
zum Bewusstsein zu bringen. Daher sollten die 
kurzzeitigen Freiheitsstrafen für dieJugend- 
lichen ausgeschlossen sein und ihr Mindest¬ 
mass nicht unter 6 Monaten betragen. — 

Hinsichtlich der Strafarten ändert der VE. 
nichts an dem gegenwärtigen Zustande, wonach gegen 
Jugendliche nicht auf Zuchthaus, sondern nur auf Ge- 



225 


fängnis und Haft erkannt werden darf. Nach der Begrün¬ 
dung wird aber in Zukunft „die vom VE. in viel weiterem 
Umfange als bisher zugelassene Haftstrafe Jugendlichen 
häufig zustatten kommen“ (8. 262). Sie wird sich beson¬ 
ders dadurch leichter gestalten als die Gefängnisstrafe, 
dass das Mass der von den Häftlingen geforderten Arbeits¬ 
leistung geringer sein soll als das der Gefängnissträflinge. 
Wie schon erwähnt, ist wobt die Annahme berechtigt, dass 
die für die Freiheitsstrafen in Frage kommenden Jugend¬ 
lichen fast ausschliesslich solche sein werden, denen eine 
fühlbare Strenge not tut. Es erscheint daher unzweck¬ 
mässig, sie noch genau in zwei Gruppen für eine schwerere 
und leichtere Strafart zu scheiden. Geradezu bedenklich 
ist es aber, ihnen gegenüber die leichtere Haftstrafe mit 
ihrem milderen Arbeitszwange der strengeren Gefängnis¬ 
strafe vorzuziehen, da erfahrungsgemäss unter den Jugend¬ 
lichen eine grosse Anzahl solcher sich befinden, die durch 
Arbeitsscheu oder mangelnde Ansdauer bei der Arbeit 
straffällig geworden sind und deshalb einer ganz energischen 
Anhaltung zur Arbeit bedürfen. Der Strafvollzug an den 
Jugendlichen wird durch dieses „Zweistrafensystem“ unnötig 
zersplittert; dazu kommt noch, dass bei beiden Strafarten 
die voll zurechnungsfähigen von den vermindert zurech¬ 
nungsfähigen Jugendlichen vollständig abzusondern sind, 
so dass in einer Anstalt für Jugendliche, in der Haft- und 
Gefängnisstrafen gleichzeitig vollzogen werden, nicht weniger 
als vier von einander vollständig getrennte Abteilungen 
bestehen müssen. Im Interesse eines einheit¬ 
lichen und möglichst eindrucksvollen Straf¬ 
vollzugs an den Jugendlichen muss gefordert 
werden, dass gegen sie nur eine Strafart und 
zwar eine möglichst strenge zur Anwendung 
kommt, in der auf Erziehung zur Arbeit be¬ 
sonderes Gewicht gelegt wird, und das kann 
nur die Gefängnisstrafe sein. — 

Die bedingte Strafaussetzung (§§ 38—41), 
die hauptsächlich jugendlichen Verurteilten gewährt werden 
soll, kann nur angew(*ndet weiden, wenn die erkannte 
Strafe sechs Monate nicht übersteigt. Man wird im all¬ 
gemeinen diese Grenze als hoch genug bezeichnen und zu¬ 
geben müssen, dass damit „für die weit überwiegende 
Mehrzahl aller Erstverurteilten die Möglichkeit der be¬ 
dingten Sti-iifaussetzung eröffnet wird.“ (Begr. S 138.) 
Abgesehen von den Härten, die bei der Verschiedenheit in 

Blätter für Gefängniskunde XLV. ;15 



— 226 — 


der Strafbemessung unvermeidlich sind, können aber doch 
auch Fälle eintreten, in denen das Gericht gern bedingte 
Strafaussetzung gewähren würde, wenn es die Höhe der 
erkannten Strafe zuliesse. Im Hinblick auf den hohen er¬ 
ziehlichen Wert der bedingten Strafaussetzung ist ihre 
möglichst uneingeschränkte Nutzbarmachung wünschens¬ 
wert. Daher sollte entweder bei ihrer Anwen¬ 
dung bei den Jugendlichen auf eine Grenze 
in der Strafhöhe überhaupt verzichtet oder 
dieFassung des §38 so gestaltetwerden, dass 
di e b e d in g t e S t r a f au SS e t zun g in geeigneten 
Fällen auch bei Strafen von übersechsMonaten 
angewendet werden kann. — 

Eine Stellung unter Schutzaufsicht sieht der 
VE. nur bei der vorl. Entlassung vor. Bei der bedingten 
Strafaussetzung erklärt sich die Begründung ausdrücklich 
dagegen. (S. 140.) Dieser Standpunkt ist um so auffälliger, 
als es an einer anderen Stelle der Begründung als ein 
Mangel hingestellt wird, dass die bedingte Strafaussetzung 
„nicht durchgreifend wirken kann, dass sie nur die nega¬ 
tive Seite, die der Verschonung mit der Strafvollstreckung, 
nicht die positive, die der Erziehung, ergreift.“ (S. 259.) 
Die Begründung gibt zwar selbst zu, dass eine Schutz¬ 
aufsicht in manchen Fällen wünschenswert sein könne, 
wendet aber zur Rechtfertigung ihres trotzdem ablehnenden 
Standpunktes ein, dass es sich meist um Personen handele, 
die wiegen ilirer Jugend noch unter der Gewalt und Leitung 
von Eltern etc. stehen, dass ferner -die zweckmässige und 
wirksame Organisation einer Schutzaufsicht auf grosse und 
fast unüberwindliche Schwierigkeiten stossen würde und 
dass sie endlich den strafähnlichen Charakter der Probe¬ 
zeit ganz erheblich verschärfe und diese unter Umständen 
zu einem Uebel mache, „das bei längerer Dauer oft härter 
und für das Fortkommen des Verurteilten nachteiliger w'äre 
als die verhältnismässig kurze Freiheitsstrafe“ (S. 140). 

Dem muss entgegnet werden, dass die vor der 
Straftat mit der Aufsicht über den Jugendlichen betraut 
gewesenen Personen ihre Pflicht wohl nur mangelhaft er¬ 
füllt haben, so dass er eben straffällig werden konnte. 
Steht er auch nach der Verurteilung wieder nur 
unter derselben Aufsicht, so ist die Möglichkeit eines Rück¬ 
falls zweifellos grösser, als wenn durch richterliche An¬ 
ordnung eine besonders ausgewählte und mit gewissen 



227 — 


gesetzlichen Befugnissen ausgestattete dritte Person mit der 
Schutzaufsicht betraut wird. 

Warum ferner die Schwierigkeiten der zweck¬ 
mässigen und wirksamen Organisation einer 
Schutzaufsicht bei der bedingten Strafaussetzung grösser 
sein sollen als bei der vorl. Entlassung, wird in der Be¬ 
gründung nicht näher ausgefülirt. Diese Befürchtung kann 
auch nicht geteilt w'erden. Denn das Interesse für die 
Jugendwohlfahrt beginnt sich jetzt überall zu .regen, und 
allerorten treten Jugendfürsorge vereine, Fürsorgeausschüsse 
u. a. m. ins Leben, die für die Uebernahme der Schutz¬ 
aufsicht die berufenen Organe sind. 

Es erscheint fast wie ein Widerspruch, wenn der VE. 
gegen vorl. Entlassene, also gegen solche, die längere 
Zeit den Ernst der Freiheitsstrafe gefühlt haben und durch 
ihr Betragen während der Strafzeit eine gewisse Gewähr 
für einen einwandfreien Lebenswandel bieten, die Schutz¬ 
aufsicht zulässt, während er sie gegen solche ablehnt, die 
in der Gefahr stehen, dass sie infolge der milden Behand¬ 
lung durch den Strafrichter den Ernst ihrer Lage gar nicht 
erfassen. 

Wenn endlich die Begründung besorgt, dass eine 
Schutzaufsicht den strafähnlichen Charakter der Probezeit 
verschärfe, so muss das in gewissem Sinne zugegeben 
werden. Soll aber eine Massregel, die darauf abzielt, die 
vom Wege des Rechts abgewichenen Jugendlichen vor 
weiteren Fehltritten zu behüten, nur deshalb unterlassen 
werden, weil sie ihnen wenig angenehm sein könnte ? Dass 
aber die Schutzaufsicht dem Jugendlichen in seinem Fort¬ 
kommen hinderlich wird, lässt sich doch durch die Form 
ihrer Ausführung leicht vermeiden. 

Der Verzicht auf die Schutzaufsicht bei der 
bedingten Strafaussetzung bedeutet die Preisgabe des 
Momentes, das der ganzen Massnahme erst die beab¬ 
sichtigte gute Wirkung in dem denkbar weitesten Umfange 
sichert. Die schon jetzt mit der bedingten Strafaussetzung 
erzielten guten Erfolge Hessen sich durch eine Schutzauf¬ 
sicht gewiss noch steigern, jedenfalls könnte die bedingte 
Strafaussetzung bei Zulassung einer Schutzaufsicht auch 
in noch weiterem Umfange zur Anwendung kommen 
als jetzt. Es ist daher zu wünschen, dass das Gericht durch 
eine gesetzliche Bestimmung in den Stand gesetzt wird, 
bei der bedingten Strafaussetzung gegen 
Jugendliche die Stellung unter Schutzauf- 

15 * 



228 


sicht für die Dauer d er Bewährungsfrist an¬ 
zuordnen. — 

Diiss nach § 69 Jugendlichen gegenüber auf Ver¬ 
schärfung des Strafvollzugs sowie auf die durch 
die Polizei auszuführenden Massregeln der Aufenthalts- 
beschrän k u n g und des Arbeitshauses nicht erkannt 
werden darf, wird vom erzieherischen Standpunkte aus 
gewiss ungeteilte Zustimmung finden. Es wäre aber sehr 
wünschenswert, dass für den Wegfall der sichernden Mass¬ 
nahme des Arbeitshauses ein den Bedürfnissen der kriminellen 
Jugendlichen angepasster wirkungsvoller Ersatz ge¬ 
schaffen würde. Es gibt unter diesen eine nicht unerheb¬ 
liche Anzahl solchcT, auf die unsere Erziehungs- und Straf¬ 
massnahmen nur wenig oder gar keinen Eindruck machen, 
so dass sie immer wieder rückfällig werden. Sie als 
unverbesserlich aufzugeben, w'äre aber unrecht. Zur Auf¬ 
nahme in die Fürsorgeerziehungsanstalten sind sie unge¬ 
eignet, da sie ihre Umgebung gefährden. In die Strafan¬ 
stalten kommen sie meist nur kurze Zeit, so dass die im 
Rahmen des Strafvollzugs mögliche erzieherische Einwir¬ 
kung nicht tief genug geht, um eine dauernde Besserung 
herbeiführen zu können. Andere Massnahmen stehen uns 
diesen Jugendlichen gegenüber nicht zur Verfügung, und 
daher müssen wir untätig Zusehen, wie sie zwischen Frei¬ 
heit und Strafverbüssung hin und herwechseln und immer 
tiefer sinken. Für sie brauchen wir eine Mas.sregel, die 
sich schon bei dem jetzigen Standpunkte des VE. als Ver¬ 
bindung der erziehlichen und der sichernden 
Massnahmen nach §§ 69 Abs. 2 u. 42 Abs. 1 wohl un¬ 
schwer schaffen lassen würde, nämlich die gerichtliche 
Ueberweisung in Anstalten, die nach Art der Fürsorge¬ 
erziehungsanstalten organisiert sind, ihrer Wirkung und 
ihren Insassen nach aber zwischen Erziehungs- und Straf¬ 
anstalten in der Mitte stehen und zum Unterschiede von 
den Füi Sorgeerziehungsanstalten etwa mit dem Namen 
Zwangserziehungsanstalteu bezeichnet werden könnten. 
Der Umstand, dass die sichernde Massnahme des § 42 an¬ 
gewendet werden kann, sobald das 18. Lebensjahr vollendet 
ist, macht eine solche Massregel für die jüngeren Alters¬ 
klassen durchaus nicht überflüssig. Denn gerade in den 
jüngeren Jahren darf man von erzieherischer Einwirkung 
auch bei den schlimmsten Elementen noch Erfolg erwarten; 
nach Vollendung des 18. Lebensjahres kann die Verwahr- 



— 229 


losuhg bereits soweit vorgeschritten sein, dass alle Mühe 
vergebens ist. Für die Anordnung der gewünschten Mass- 
regel gegen einen Jugendlichen dürfte nicht allein die 
Länge seines Strafregisters, sondern seine ganze Persönlich¬ 
keit und besonders der Umstand massgebend sein, ob die 
Gefahr besteht, dass er ohne kräftiges Zugreifen dem Ge¬ 
wohnheitsverbrechertum zutreibt. In diesen Anstalten 
müssten die Jugendlichen einem fühlbaren Zwange und einer 
sorgfältigen erzieherischen Einwirkung unterzoj:en und 
dur(;h eine längere Probezeit hindurch allmählich in die 
volle Freiheit und Selbständigkeit hinübergeleitet werden. 
Entsprechend der Fürsorgeerziehung wäre diese Massitahme 
nach Befinden bis zum Eintritt der Volljährigkeit auszu¬ 
dehnen. 

Sicher könnte auf diesem Wege noch mancher für 
ein rechtschaffenes Leben gewonnen werden, der sonst un¬ 
rettbar verloren ist. Die Fürsorgeerziehungsan¬ 
stalten würden von den vielen bedenklichen 
Elementen befreit werden, die jetzt ihre Arbeit 
erschweren, ihre Erfolge in Frage stellen und ihr An¬ 
sehen in weiten Kreisen herabsetzen. Vor allem aber 
würde durch Aufnahme dieser Massregel die straf¬ 
rechtliche Behandlung der Jugendlichen zur erzieh¬ 
lichen in das rechte Verhältnis gesetzt und die für uns 
geradezu beschämende Tatsache aus der Welt geschafft, 
dass unsere kriminellen Jugendlichen die 
Fürsorgeerziehung mehr fürchten als die 
strafgerichtlichen Massnahmen. Jetzt besteht 
hier eine fühlbare Lücke, um sie auszufüllen, sollte das 
neue Strafgesetz dem Gerichte die Möglichkeit geben, 
solche Jugendliche, die in Gefahr stehen, 
demGewohnheitsVerbrechertum zu verfallen, 
im Anschlüsse an die Strafe auf genügend 
lange Zeit in besondere Anstalten zu über¬ 
weisen, in denen durch fühlbaren Zwang 
und sorgfältige erzieherische Einwirkung ein 
letzter energischer Versuch zu ihrer Rettung- 
unter nom men wird. 

Wünsche zur Behandlung der Jugendlichen ini neuen 

Strafgesetz • 

l. Zum Schutze der vermindert Zurechnungs¬ 
fähigen ist als Pirsatz für das in Wegfall kommende 



— 230 — 


Erfordernis der Strafbarkeitseinsicht eine Bestimmung 
wünschenswert, wonach deren körperlicher, 
geistiger und sittlicher Zustand zu prüfen 
ist. Von dem Ergebnisse dieser Prüfung ist abhängig 
zu machen, ob die Verurteilung zur Strafe oder die 
Ueberweisung zu angemessener Erziehungs-, Pflege¬ 
oder Heilbehandlung einzutreten hat. 

2. Die Bestimmung § 70 Abs. 2, dass Freiheite- 
strafen gegen vermindert zurechnungsfähige Jugend¬ 
liche auch in staatlich überwachten Erziehungs-, Heil- 
und Pflegeanstalten vollzogen werden können, sollte, 
weil sie unausführbar ist, in Wegfall kommen. 

3. Die Strafbemessung für die vermindert zurech¬ 
nungsfähigen Jugendlichen bedarf noch der näheren 
Regelung. 

4. Es ist w’ünschenswert, dass das Strafgesetz gegenüber 
den Jugendlichen den Vergeltungsstandpunkt 
auf gibt, sich statt dessen im Einklani>e mit dem 
E. StrPO. den Grundsatz der Jugendfürsorge 
zu eigen macht und die Jugendlichen einer nicht bloss 
dem Masse, sondern dem Wesen nach von der 
der Erwachsenen unterschiedenen Sonderbehandlung 
unterzieht. Nicht im Sinne einer Verdrängung der 
Strafe durch Erziehung oder einer Vermischung beider, 
sondern im Sinne einer naturgemässen An¬ 
gliederung der Strafe an die Fürsorge¬ 
erziehungsmassnahmen und einer Ausge¬ 
staltung der Strafe zur schärfsten und fühl¬ 
barsten Waffe imKampfe gegen dieJugend- 
k r i m i n a 1 i t ä t. 

5. Die kurzzeitige Freiheitsstrafe sollte für die 
Jugendlichen ausgeschlossen werden und das Mindest¬ 
strafmass nicht unter 6 Monaten betragen. 

6. Es ist wünschenswert, gegen Jugendliche nur eine 
und zwar eine möglichst strenge Art der 
Freiheitsstrafe anzu wenden, in der auf Erziehung 
zur Arbeit besonderes Gewicht gelegt wird. 

7. Es ist wünschenswert, bei Anwendung der bedingten 
Strafaussetzung gegtm Ju-endli<he entweder 
auf eine Grenze in der Strafhöhe überhaupt zu ver¬ 
zichten oder die Fassung des § 38 VE. so zu gestalten, 
dass die bedingte Strafaussetzung auch bei Strafen 
von über 6 Monaten angewendet werden kann. 



231 


8. Auch bei Anwendung der bedingten Strafaus¬ 
setzung gegen Jugendliche sollte das Gericht in 
der Lage sein, die Stellung unter Schutzaufsicht 
für die Dauer der Bewährungsfrist anzuordnen. 

9. Es ist eine gesetzliche Bestimmung wünschenswert, 
nach der solche Jugendliche, die in Gefahr 
stehen, dem GewohnheitsVerbrechertum 
zu verfallen, im Anschlüsse an die Strafe auf 
genügend lange Zeit in besondere Anstalten 
überwiesen werden können, in denen durch fühlbaren 
Zwang und sorgfältige erzieherische Einwirkung ein 
letzter energischer Versuch zu ihrer Rettung unter¬ 
nommen wird. 



232 


Dis vorläufige Entlassung im Rahmen des Vorentwuites 
zu einem Deutschen Strafgesetzbuch. 

Von V. Michaelis, Strafanstaltsdirektor in Aachen. 


i)ie vorläufige Entlassung weist mit ihrer Entstehung 
nach Australien, wohin 1770 800 Verbrecher durcli Kapitän 
Philipp, auf Befehl der britischen Kegierung, transportiert 
worden waren. — 

Die Verbrecher wurden in 3 Klassen eingeteilt. Dem 
Besserungsgedanken war dadurch Rechnung getragen, 
dass die zur Klasse zwei und drei gehörenden bei Fleiss 
und guter Fülirung beurlaubt werden konnten. Die erste 
Klasse — road parties — verrichteten Zwangsarbeit auf 
Kosten der Regierung, sie wurden in festen Baracken 
untergebracht und in Ketten zur Arbeit geführt. 

Zwei Arten von Urlaub wurden unterschieden: 

a) tickets of exemption front Government labour — Beur¬ 
laubung auf bestimmte Zeit mit Arbeit auf eigene 
Rechnung. 

b) tickets of leave during good conduct — Beurlaubung 
auf unbestimmte Zelt, sohinge das Betragen gut. 
Dieser Urlaub ist kein Recht für den Verbrecher ge¬ 
wesen, sondern eine Vergünstigung, welche vom Gouverneur 
genehmigt worden ist. 

Die tickets of leave 'die geschichtliche Grundlage 
für unsere vorläufige Entlassung. 

Der Gouverneur handelte als Bevollmächtigter des 
Königs; dadurch bekam die Vergünstigung den Charakter 
der Gnade und als mit Gnade im weiteren Sinne in Ver¬ 
bindung stehend ist dieselbe auch heute noch bei uns 
anzusehen. In Sachsen ist sie 1862 eingeführt auf der 
Grundlage landesherrlichen Gnadenrechtes. Wie wir aus 
Seite' 97 der Begründung zum Deutschen Strafgesetzbuch 
entnehmen, empfahl von demselben Standpunkt der Ent¬ 
wurf eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund 
die Aufnahme dieser Einrichtung in das Strafrecht. Aus 
diesem Strafgesetzbuch ist die vorläufige Entlassung in 
das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich übergegangen. 
Den Charakter eines Gnadenaktes hat die vorläufige Ent- 



— 233 — 




lassung durch diese gesetzliche Einrichtung zwar verloren; 
aber der geschichtliche Entwicklungsgang bleibt für die 
Beurteilung ihrer Zulässigkeit und ihrer Anwendung auch 
heute noch bedeutsam. 

„Die vorläufige Entlassung ist nicht Freilassung son¬ 
dern Milderung des Strafzwanges; sie hat nicht den Kechts- 
charakter einer Strafvollzugseinrichtung. 

Nicht nur der Besserungszweck der Strafe soll während 
der Strafvollstreckung Beachtung finden, sondern auch der 
Sicherungszweck und der Vergeltungscharakter und wenn 
auch die Probezeit Strafe ist, so wird dieselbe vom prak¬ 
tischen Verstände des Volkes als Strafe nicht angesehen. 
Ist die erkannte Strafe nach Ansicht des Volkes im Hin¬ 
blick auf die Schwere der Tat und d’e Schuld des Täters 
niedrig bemessen, so würde die vorläufige Entlassung als 
ungerechtfertigte Milderung einer an sich schon milden 
Strafe betrachtet werden. Das Gerechtigkeitsgeführ des 
Volkes würde verletzt und das Vertrauen in den Schutz 
der Rechtsordnung erschüttert werden.“ 

Das sind wohl die hauptsächlichsten Gründe, welche 
der Entwurf gegen die Einführung der vorläufigen Ent¬ 
lassung als Rechtsinstitut und als ein Teil des Strafvoll¬ 
zuges, über den letzterer nur zu entscheiden hätte, erhebt — 

§ 26 des Entwurfes will die Vergünstigung der vor¬ 
läufigen Entlassung, welche nach dem bestehenden Gesetze 
nur den zu einer längeren Zuchthaus- und Gefängnis¬ 
strafe Verurteilten zuteil wird, allen denen zuwenden, 
welche eine längere Freiheitsstrafs zu verbüssen haben. 
Diese Neuerung erklärt sich daraus, dass die Festungshaft 
in die gewöhnliche, bürgerliche Haft mit einbegriffen worden 
ist, dass wir es in Zukunft auch mit längeren Freiheits¬ 
strafen — § 19 des Entwurfs — zu tun haben werden. — 

Wenn ich erwäg'e, dass § 85 des Entwurfes bei Wahl 
zwischen Zuchthaus und einer anderen Strafe Zuchthaus 
nur dann zulässt, sofern die Tat aus ehrloser Gesinnunig 
hervorgegangen und wenn ich weiter das Bestreben des 
Entwurfes mir vergegenwärtige, einen schärferen Unter¬ 
schied zwischen Gefängnis und Zuchthaus zu machen, 
dann möchte ich zu dem Schlüsse kommen, die Zuchthaus¬ 
gefangenen von dieser Vergünstigung ganz auszuschliessen. 

Einige Vorbedingungen bleiben für diese Massnahme 
allerdings offen! Man bestrafe nicht die „Einzeltat aus 
ehrloser . Gesinnung“ mit Zuchthaus, nicht die Tat, sondern 
den Täter, den ehrlosen Täter. Dieser Begriff ergibt sich 



234 


nicht aus einer Einzeltat, sondern aus dem gesamten Vor¬ 
leben des ttechtsbrechers. Hat sich der Gewohnlieits- und 
ehrlose Verbrecher wirklich einmal eines kleinen Vergehens 
schuldig gemacht, so mag ihn eine kleine Strafe, aber eine 
Zuchthausstrafe treffen. Richtig würde ich es finden, beim 
Festhalten zeitlich begrenzter Strafen, wenn die Mindest- 
Zuchthausstrafe V 4 Jahr, oder besser für alle ehrlosen 
Verbrecher die unbestimmte Verurteilung Platz griffe. 

Wir Praktiker wissen alle, dass 80 \ der mit Zueht- 
hauöstrafe belegten rückfällig werden, wir haben für sie 
keift Strafvollzugsmittel, welches dieselben bessern kann 
und da bleibt nur unbestimmte Verurteilung übrig. 

In Ausnahmefällen haben wir für diese unglücklichen 
Menschen, anstelle der Beurlaubung, die Gnade des Landes¬ 
herrn oder die Entlassung auf Probe. 

Das Institut der vorläufigen Entlassung bleibt dann 
Übrig für Gefängnis- und Haftstrafen. 

Da beide Strafarten sich in der Praxis aber fast 
garnicht unterscheiden, so ist nicht einzuschen, weshalb 
die Haftstrafe nicht aufgehen soll in der Gefängnisstrafe. 
Voraussetzung bleibt, dass in das Gefängnis ehrlose Rechts¬ 
brecher nicht hineinkommen, dass Ehrverlust eine Neben¬ 
strafe nur für Zuchthäusler wird, dass Gefängnis-Gefangenen 
einzelne Bürgerrechte auf Zeit entzogen werden können. 
Je einfacher ein Strafensystem ist, desto praktischer wird 
dasselbe sein. Wir haben in Zukunft nur: Znchtitäuser 
für ehrlose Verbrecher; allen sind die Ehrenrechte entzogen 
Üftd Gefängnisse für Rechtsbrecher, deren Einzeltat zwar 
ehrlos, deren Allgemeinindividualität aber nicht ehrlos zu 
bezeichnen sein wird. 

Im Gefängnisse wird mehr denn je zu differenzieren 
und zu individualisieren sein; es wird ein Strafvollzugs¬ 
gesetz nicht entbehrt werden können. Ob eine selbständige 
Strafvollzugsbehörde zu schaffen sein wird, sch<*int mir 
weniger bedeutsam, als die Notwendigkeit der Schaffung 
eines einheitlich geleiteten Strafvollzuges. Da die Justiz 
die üntersuchungsgefangenen und die Gefangenen an den 
kleinen Gerichtsgelängnissen behalten muss, schon um 
übermässige Kosten zu vermeiden, so bleibt nichts anderes 
übrig, als der Justiz den gesamten Strafvollzug zu über¬ 
tragen. 

Nach diesem Exkurs fahre ich in der Besprechung 
des § 26 des Entwurfes fort. Das geltende Gesetz — § 23 — 
besiimmt, dass drei Vierteile der erkannten Stmfe, min- 



— 235 


destens ein Jahr ab^ebüsst sein muss; § 26 des Enttvurfee 
lÄiiidert Vi '/s* Führt der § 23 jetzt schon zu Zweifelh, 
so auch tut dies der § 26 des Entwurfes. — 

Nach einer Verfügung des preussischen Justizministers 
vom 26. Juli 1871 hat der Antrag auf vorläufige Entlassung 
eines Strafgefangenen, dessen ui-teilsmässige Strafzeit die 
Dauer eines Jahres nicht um volle 4 Monate übeisteigt, 
nur dann Aussicht genehmigt zu werden, wenn für die 
Gewährung der Vergünstigung besondere Gründe vor- 
gebracht werden können, üebertrage ich diese Auffassung 
auf §26 des Entwurfs, dann würde eine Strafe von 18 Monaten 
dazu gehören, um jemanden dieser Vergünstigung teilhaftig 
werden zu lassen. Deshalb schlage ich vor, dem § 26 in 
dieser Hinsicht folgende Fassung zu geben: Die zu einer 
längeren Freiheitsstrafe Verurteilten können, wenn sie zwei 
Dritteile verbttsst haben, vorläufig entlassen werden; sind 
dieselben aber nur zu Strafen bis zu 18 Monaten verurteilt, 
so gilt als Vorbedingung für die Gewährung dieser Ver¬ 
günstigung die Abbüssung eines Jahres. 

§ 23 des RStÖB. macht diese Vergünstigung abhängig 
vbn der Zustimmung des Gefangenen; diese Einschränkung 
hat der Entwurf beseitigt. Seite 106 hält der Entwurf 
diese Bedingung praktisch bedeutungslos; er schliesst seine 
Begründung damit, dass derselbe sagt, der Verurteilte htibe 
kein Recht auf volle Verbüssung der Strafe. Auch den 
bislang bestandenen Zweifel, ob die erlittene Untersuchungs¬ 
haft anzurechnen sei, beseitigt der Entwurf; — Die wirk¬ 
lich noch zu verbüssende Strafe bleibt massgebend. 

§ 23 knüpft an die Vergünstigung der vorläufigen 
Entlassung, gute Führung. § 181 der Dienstordnung für 
die Strafhäuser, welche dem Minister des Innern unterstellt 
sind, enthält die weiteren Bedingungen unter denen der 
Antrag auf vorläufige Entlassung zulässig erscheint, er 
weist hin auf die gemeinsamen Ausführungsbestimmungeri 
der Minister des Innern und der Justiz vom 21. Januar 1871. 

Die Anträge auf vorläufige Entlassung sind in der 
Beamtenkonferenz nur dann zu befürworten, wenn die 
Persönlichkeit und das Gesamtverhalten des Gefangenen 
während der Haft, sowie die Verhältnisse, in welche er 
nach der Entlassung tritt, eine Gewähr dafür bieten, dass 
er die vorläufige Entlassung zum Wiederbeginn eines gesetz- 
raässigen und ehrenhaften Lebens gebrauchen w'erde. Der 
.Straffest muss ausreichend sein, um eine ernstliche Probe 
auf das Wohlverhalten des Entlassenen zu ermöglichen. 



236 


Für Arbeit und Unterkommen muss gesorgt sein etc. etc- 
§ 26 des Entwurfes spricht nicht nur, wie dies bei § 23 
des StUB. der Fall ist, von guter Föhrung, sondern begreift 
Teile aus den jetzt bestehenden Ausführungsbestimmungen 
ein. — 

Nach § 25 des bestehenden Gesetzes entscheidet über 
den Antrag der Justizminister, nachdem derselbe von dem 
Oberstaatsanwalt vorgeprüft worden ist. An dieser Sach¬ 
lage ändert auch der § 29 des Entwurfes ni(,hts. — 

Der Umstand, dass häufig Anträge der Oberbeamten- 
Konferenz vom Justizminister abgekhnt worden sind, hat 
in den Strafvollzugskreisen nicht selten lebhafte Miss¬ 
stimmung erzeugt; gelegentlich der Fachkonferenzen und 
in dt*r Literatur ist dieser Misstimmung Ausdruck gegeben 
worden. Stellenweise hat man auch eine zufällige Tat¬ 
sache der Kiitik unterzogen, dass mehr Anträge seitens 
der Justiz - Zentralbehörde genehmigt worden sind, die 
von Gefängnis Vorständen der Justizverwaltung gestellt 
wurden, als diejenigen Anträge eine Berücksichtigung er¬ 
fahren haben, welche aus der Verwaltung des Innern Vor¬ 
lagen. Der irrtümlichen Annahme, dass mit zweierlei 
Mass gemessen werde, entspringt denn auch der Drang, 
die vorläufige Entlassung als eine Vergünstigung zu be¬ 
seitigen, sie zu einer Strafvollzugseinrichtung zu machen, 
die sich der Bestrafte verdienen kann. Nun ich glaube, 
dass der Bestrafte, so oder so, stets abhängig bleiben wird 
yon dem Gutachten der Behörde. Auch wenn die Ge¬ 
fängniskonferenz souverän wäre, würde sie und nicht 
der Gefangene bestimmen, ob die Voraussetzungen vor¬ 
liegen, entlassen zu werden. Ein absolutes „Sichverdienen¬ 
können“ wird wohl niemals dem Sträfling zugebilligt werden 
können. 

Dass die Justiz-Zentralbehörde mit zweierlei Mass 
messe, ist eine willkürliche Behauptung! Wenn nicht alle 
ünsere Anträge Erfolg haben, so liegt dies daran, dass 
wir nicht alle diejenigen Gesichtspunkte genau prüfen, 
welche eingehend gewürdigt werden müssen. Im grossen 
und ganzen verfahren wir einseitig und geben dem 
Besserungszwecke der Strafe ausschliesslich Bedeutung. 
W’ir beurteilen den Gefangenen nach seinem Verhalten im 
Strafhause, wo er unter stetem Zwange steht. 

Führt sich der Gefangene äusserlich vortrefflich, ist 
er fleissig, dann gewinnt man ihn lieb und man wird gerne 
alles tun, um solchem Menstjhen vorzeitig zur Freiheit zu 



237 — 


verhelfen. Den Vergeltungsgedanken, den Sicherungszweck 
der Strafe weisen wir von uns. 

„Mein ist die Rache, ich will vergelten spricht der 
Herr“, ist unser Leitmotiv und wenn der Gefangene an 
den Heilsmitteln der Kirche fleissig teilgenommen hat, 
dann wird auch der Geistliche sagen, ich halte den pp. 
für gebessert und würdig. Und dennoch! in die Seele des 
Menschen kann niemand schauen. Während meiner fast 
29jährigen Gefängnistätigkeit, wie viele Enttäuschungen 
habe ich erfahren! — 

Dass die Strafvollstreckungsbehörde — Staatsanwalt¬ 
schaft — ihrerseits auch alle diejenigen Momente prüft, 
welche ausserhalb des Strafhauses ihre Heimstätte haben, 
findeich natürlich und notwendig! In einem dramat sehen 
Märchen von Grillparzer sagt Mirza: „Denn es ist fürwahr 
nicht billig, dass die Strafe der Beleidigung nicht ein¬ 
mal so lange währe, ach als der Beleid’gung S(;hmerz“. 

Die Strafvollstreckungsbehörde würdigt die Tat. Viel¬ 
leicht hat das Urteil unter Berücksichtigung aller mildern¬ 
den Umstände schon eine übermässig geringe Strafe ver¬ 
hängt, da richtet sich der Bl ck nach dem Tatorte in seiner 
Umgebung. Bluten dort nicht noch die Wunden, weh he 
der Mis>etäter verursacht hat? — Was wird die vox populi 
sagen, wenn ein Verbrecher, der an sich milde bestraft, 
nun auch noch vorläufig entlassen werden soll? Das sind 
Fragen, welche die Rechtssicherheit des Volkes berühren 
und mit Vergeltung und Sicherung in Verbindung stehen. 

Die Entscheidung einer so schwerwiegenden Frage, 
ob ein Gefangener vorläufig zu entlassen sei, darf nicht 
nur in der Hand der Beaintenkonferenz liegen. Wir Stnif- 
anstaltsbeamte sind nur zu oft Gemütsmenschen; unsere 
Stimmung für einen Gefangenen von guter Führung nimmt 
uns gerne unser objektives Urteil. Strafvollzug und Straf¬ 
vollstreckung, Gefängnis bezw. Staatsanwaltschaft müssen 
Zusammenwirken; nur dann bleibt gewährleistet, dass alle 
Gresichtspunkte gründlich erwogen worden sind und vor 
Enttäuschungen bleiben wir bewahrt. 

Will man Ungleichheiten in der Behandlung der An¬ 
träge vermeiden, dann kann dies dadurch am besten ge¬ 
schehen, wenn der Strafvollzug der Justiz unterstellt wird. 

Diejenigen Vorstände, welche unter der Justiz grössere 
Anstalten verwalten, gehören meistenteils dem Juristen¬ 
stande an und kennen als Juristen genau alle diejettigen 
Gresichtspunkte, welche bei Beurteilung der Zulässigkeit 



238 


der vorläufigen Entlassung für die Strafvollstreckungs¬ 
behörde bedeutsam sind. 

Nach § 24 des geltenden Rechtes kann die vorläufige 
Entlassung bei schlechter Führung widerrufen werden. 
Der Widerruf hat die Wirkung, dass die seit der vor¬ 
läufigen Entlassung bis zur Wiedereinlieferung verflossene 
Zeit auf die festgesetzte Strafdauer nicht angerechnet wird. 

Die Ausführungsbesiimmungen des Ministers des Innern, 
Dienstordnung § 181 Abs. 10 besagen: Die Zeit von der 
vorläufigen Festnahme bis zur Wiedereinlieferung in die 
Anstalt, sowie die Transporttage sind auf die Strafzeit 
anzurechnen. 

Ueber den Widerruf entscheidet die oberste Justiz- 
Aufsichtsbehörde. Die jeweilige Ortspolizeibehörde darf 
den Entlassenen einstweilen festnehmen. § 20 des Ent¬ 
wurfes spricht sich ebenso aus. 

Nach den geltenden Ausführungsbestimmungen unter¬ 
steht der Entlassene der Aufsicht der Polizei seines Aufent¬ 
haltsortes. 

§ 28 des Entwurfes sagt: Der vorläufig Entlassene 
kann für die Dauer der Probezeit der Aufsicht des Ver¬ 
treters eines Fürsorgevereins oder einer anderen geeigneten 
Person, welche sich dazu bereit erklärt, unterstellt werden. 
Die näheren Vorschriften werden vom Bundesrat erlassen. 
Dass die Fürsorgeorgane anstelle der Polizei treten können, 
ist mit Freuden zu begrüssen. — 

Die Begründung sagt Seite 100, „Dass von der Schutz¬ 
aufsicht eine wirksame Verhinderung verbrecherischer Be¬ 
tätigung der vorläufig Entlassenen in grösserem Umfange 
nicht zu erwarten ist, bedarf keiner Ausführung. Die 
einzige zuverlässige Sicherheit gegen die Gefahr einer 
solchen Betätigung liegt in der sorgsamen Auswahl der 
vorläufig zu Entlassenden nach ihrer sittlichen Qualität“. 

Diesen Worten ist durchaus zuzustimmen. Unser 
Fürsorgewesen krankt daran, dass dasselbe nicht 
prakiisch und lebensfähig organisiert ist. Die Fürsorger, 
Pfleger sind nur zu häufig Persönlichkeiten, die zwar den 
besten Willen haben, aber den Willen nicht zur Tat werden 
lassen können, weil sie zu vielseitig mit anderen Dingen 
zu tun haben und oft nur ganz nebenbei ihre Zeit diesem 
edlen Samariterdienst widmen können. 

Bei diesem Stande werden wir der Polizei noch lange 
Zeit nicht entraten können und freuen wollen wir uns, 
dass unsere Polizei über so berufstreues Menschenmaterial 



— 239 


verfügt, das sich aufopfert im Interesse der Sicherheit der 
Gesamtheit! — 

Die Neuerung des § 27 des Entwurfes: — Sind seit 
der vorläufigen Entlassung 2 Jahre oder, wenn der noch 
zu verbüssende Strafrest mehr beträgt, ein Zeitraum von 
dessen Dauer verstrichen, ohne dass ein Widerruf erfolgt 
ist, so gilt die Strafe als verbüsst, wird allseitige Zustim¬ 
mung finden. Nach § 181 Abs. 6 der Dienstordnung für 
die Verwaltung des Innern wird der Antrag auf vorläufige 
Entlassung, sofern der Verurteilte zu mehreren Strafen 
verurteilt ist, an den Oberstaatsanwalt gerichtet, in dessen 
Bezirk das Gericht liegt, welches auf eine Gesamtsiriife 
oder auf die längste Strafe erkannt hat. Es findet also 
Aufrechnung von Zusatzstrafen statt, die der Entwurf nicht 
vorsieht. Mir scheint au(‘h solche Aufrechnung nicht 
gerechtfertigt; sie kann dazu führen, dass von einer Anschluss¬ 
strafe überhaupt garnicbts zur Vollstreckung kommt. — 

Im übrigen stehe ich auf dem Standpunkte des 
Kollegen Gennat, der in den §§ 26 bis 29 wesentliche 
Verbesserungen erblickt. Auch darin stimme ich mit ihm 
überein, dass er unser Strafensystem vereinfachen will:—Das 
entehrende Zuchthaus und das nicht entehrende Gefängnis! 

Der Entwurf zu einem neuen Strafgesetzbuch ruft 
einem jeden Leiter eines Strafhauses zu: — res tua agitv/r! 
möchten sich die Kollegen, welche gleich, wie ich, ein 
Menschenleben dem Vollzugsdienste gewidmet haben, sich 
des Ernstes der Lage bewusst sein. Es gilt ein neues 
Strafgesetzbuch für ein Menschenalter schaffen. Da heisst 
es denn das Wasser aus dem ewigen Jungbrunnen des 
praktischen Lebens schöpfen! 



240 — 


Altes und Neues aus dem Zuchthaus in Bruchsal. — 
Befangsnenkost und ihre Beziehung zur Sterhlichkeü 


Wer heute in Deutschland und darüber hinaus den 
Namen „Bruchsal“ hört, denkt auch an sein Zuchthaus. 
Das kommt einmal daher, weil die Bruchsaler Strafanstalt 
als die erste auf dem Kontinent nach pensylvanischem 
System gebaute seiner Zeit eine Sehenswürdigkeit war, 
wegen der gar Manche Bruchsal einen Besuch abstatteten, 
dann aber auch, weil der imponierende, festungsartige Bau 
heute noch Jedem, der mit der Hauptbahn die badischen 
Lande durchreist, sofort in die Augen fällt. 

Aber lange, bevor Regierung und Landstände in Baden 
beschlosseh (1838) in Bruchsal eine neue Strafanstalt zu 
errichten (1841 wurde mit dem Bau begonnen, 1848 wurde 
er beendet), war hier die Fürsorge für die Gefangenen 
wach geworden. 

Kardinal Damian Hugo von Schönborn, Fürstbischof 
von Speier 1719—43, der sich in Bruchsal in dem herr¬ 
lichen Schloss eine neue Residenz gründete und sitjh dadurch 
ein bleibendes Denkmal erriclitete, befasste sich schon im 
Beginn seiner Regierung mit dem (Jedanken, ein Zucltthaus 
zu erstellen; er war überliaupt ein sehr baulustiger Herr; 
1729 stiftete er für diesen Zweck den ansehnlichen Betrag 
von 11 103 fl. und ordnete an, dass verschiedene Einkünfte 
dieser Stiftung zufliessen sollten, in der Absiclit, „ein 
Zucht- und Arbeitshaus zu dem Ende zu errichten, um 
teils müssig — und herrenlose, zum Arbeiten aber taug¬ 
liche L<“Ute von dem Mü-siggang und liederlichen Leben 
abzuhalten und zur nützlichen Arbeit darin zu unterhalten, 
teils auch die von Zeit zu Zeit vorkommenden Verbrecher 
zu verwahren“; so heisst es im Stiftungsbrief. 

Unter der Regierung des Fürstbischofs August von 
Limbuig-Styrum wurden noch verschiedene Beträge der 
Zu( htliauskasse zugeführt und 1770 betrug die Stiftung 
60 .b27 fl.; nun konnte mit der Ausführung des Planes be¬ 
gonnen werden. 

Die Zuchthaussiiftung gehörte zu den vielen milden 
Stiftungen des Fürstbischofs und es entsprach seinem wohl- 



241 


tätigen, weitblickenden Sinn, dass er auch für die Ge¬ 
fangenen sorgte. 

Es war damals die Zeit der philantropischen humanen 
Richtung, die eine Umwälzung in der Gefangenenbehand¬ 
lung in allen Ländern hervorrief und ihren beredten Ver¬ 
treter in John Howard, dem Vorkämpfer in der Gefängnis- 
reforra, fand. Aber Howards Buch erschien erst 1777; 
Fürstbischof August ist also seiner Zeit etwas vorausgeeilt. 
Mit bestimmend für die Zuchthauseinrichtung waren wohl 
auch die günstigen Erfahrungen, die man in finanzieller 
Beziehung mit den Arbeitshäusern gemacht hatte, und 
Fürstbischof August war auch ein ökonomischer Fürst. Er 
machte aus dem Zuchthaus eine Fabrik. 

Fürstbischof v. Hutten 1743—70 scheint für die Ge¬ 
fangenenfürsorge nicht das Verständnis gehabt zu haben, 
wie sein Vorfahr und sein Nachfolger; wird doch aus 
seiner Kegierungszeit folgendes erzählt: „Noch 1750 
waren in dem alten Zuchthaus zu Bruchsal unter einem 
Dache: Züchtlinge, leichte Sträflinge, Waisen, Lepröse, 
Pfründner, Irre und freche Handwerksburschen. Zwäng- 
linge und Sträflinge unterschieden sich oft nur durch 
das Tragen der Ketten, den Willkommen und den 
Abschied“. Auch die Zuchthausstiftung vermehrte sich 
nicht während seiner Regierung. In anderen Erlassen 
während seiner Regierungszeit ist dann wieder eine grosse 
Fürsorge für die „armen“ Gefangenen erkennbar, so z. B.: 
»Die Leibesvisitation der Gefangenen, um nachzusehen, 
ob sie mit einem Brandmal oder sonstigen Signum be¬ 
zeichnet seien, dürfen nie von einem Beamten allein ge¬ 
macht werden, damit nicht von dem Stadtknecht oder 
Malefizbittel unerlaubte und dem Gefangenen schädliche 
Passiones unterlaufen könnten“.. 

1770 trat August v. Limburg-Styrum die Regierung- 
des Fürstbistums an. Eine seiner ersten Amtshandlungen 
war, • dass er die bisherigen entehrenden Strafen wider 
das Laster der Unzucht (öffentliche Kirchenbusse, Dreck¬ 
karren, Auspeitschung, Landesverweisung) aufhob und in 
Zuchthausstrafe auf gemessene Zeit, je nach der Gestalt 
des Verbrechens umwandelte; auch Hehlerei und Dieb¬ 
stahl wurde mit Zuchthausstrafe belegt. 

Ein Erlass vom Jahr I 771 an die Oberämter besagt: 
„dass die in hiesiges Zuchthaus eingeliefert werdenden 
Personen von den Amtleuten jedesmalen an die hierin er¬ 
nannte Commission überliefert werden sollen“. 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. 


16 



242 


Nach einer Verordnung vom Jahre 1774 werden Bauin- 
beschädiguug, Frevel in Feld und Wald und an Schlag¬ 
bäumen und Brücken mit Zuchthausstrafe belegt. 

An anderen Stellen wird berichtet, dass das 1770 er¬ 
richtete Zuchthaus sich bald füllte, es fehlte nicht an 
Verbrechern und mit zu den ersten Bewohnern desselben 
gehörte die Diebs- und Räuberbande des berüchtigten 
„Hühner-Jörgl“, die in der Gegend von Mainz aufgegriffen 
und nach Bruchsal transportiert wurde. Hühner-Jörgl, 
welcher verschiedene Versuche machte, seine Spiessgesellen 
aus dem Zuchthaus zu entführen, wurde steckbrieflich 
verfolgt. 

Und nun einiges über die innere Einrichtung des 
Zuchthauses: 

Es war ein grosses dreistöckiges Gebäude, das vorher 
als Kaserne bewohnt wurde. Ausser den gemeinschaft¬ 
lichen Schlafsälen, den Krankenzimmern, Vorratskammern 
und Räumen für das Aufsichtspersonal waren zwei grosse. 
Arbeitssäle drinnen mit je fünf Webstühlen; im ersten Stock 
waren die Männer, im zweiten Stock die Weiber unter¬ 
gebracht ; jedes mit einer Belegstärke von etwa 35 Köpfen ; 
ein freistehendes Nebengebäude diente als Färberei. Das 
Ganze enthielt alle Einrichtungen einer Wollentuchfabrik 
und unter den Angestellten fanden sich auch ein Wollen- 
Werkmeister, ein Färber und ein Tuchscherer. Ueber dem 
Ganzen stand die Zuchthauskommission und Leiter der 
Anstalt war ein Zuchthausvorsteher oder Oberaufseher, 
der einen Verwalter (f. d. Rechnungswesen), einen Zucht¬ 
meister und einen Zuchtknecht unter sich hatte. Weibliches 
Personal war nicht da. 

Der Betrieb war durch eine genaue Zuchthausordnung 
geregelt, die Funktionen eines jeden Beamten genau be¬ 
stimmt. Wie aus dem beigefügten Kostregulativ zu ersehen 
ist, gab es nur Sonntags Fleisch; es wird wohl damals 
bei der freien Bevölkerung auch nicht mehr auf den Tisch 
gekommen sein. Die Hauptnahrung war Brot. Wegen 
harter Arbeit konnte ein Weber täglich Y 4 Pfd. weiter be^ 
kommen. Die Arbeitszeit begann im Sommer morgens 
nach 4, im Winter nach 5 Uhr und dauerte mit den Unter¬ 
brechungen für Frühstück, Mittag und Abendessen, wobei 
jedesmal Stunden Arbeitspause war, ferner für An¬ 
hörung der heil. Messe in der im Hause befindlichen Kapelle 
bis Abends 9 Uhr. „Für Mehrarbeit kann ein billiger Ver¬ 
dienst angesetzt Averden, welcher ausser dem grössten 



243 


Notfall dem Gefangenen keinesweg zuzustellen, sondern 
bis zu dessen dereinsten Hinauskommen auf zubewahren 
ist“ heisst es in der Verordnung. Essen und Trinken ein¬ 
zukaufen war verboten, auch wurde strenge darauf geachtet, 
dass aus der Stadt nichts hereingeschmuggelt wurde. Die 
Gefangenen waren also einzig und allein auf die Zucht¬ 
hauskost angewiesen. Von den Obliegenheiten des Zucht¬ 
knechtes heisst es weiter: „8. hat derselbe die den Zücht¬ 
lingen andiktirt werdenden Strafen im Bock und ausser 
dem Bock nach Massgabe des Verbrechens zu geben, jedoch 
9. darf derselbe ohne Befehl keinen Züchtling bestrafen, 
ausser wenn ein Züchtling ihm grob begegnet, oder zu 
dem auferlegten Geschäfte sich gutwillig nicht verstehen 
wolle, so darf er demselben etliche Streiche mit dem 
Ochsenziemer geben, alle sonstigen Verbrechen hat der¬ 
selbe dem Zuchtmeister zur Bestrafung vorzulegen.“ 

Vergehen gegen die Hausordnung wurden mit Ruthen¬ 
streichen oder mit Prügel im Bock bestraft, schwereie 
Vergehen mit Verlängerung der Zuchthausstrafe; Hunger¬ 
kost gab es nicht. 

Kranke Züchtlinge wurden im Krankenzimmer unter 
der Aufsicht des jeweiligen Stadtphysikus und eines 
Chirurgen behandelt, schwer erkrankte Gefangene w urden, 
wie aus dem Journal des Spitals der barmherzigen Brüder 
zu ersehen ist, in dieses Spital verlegt. Die ärztliche 
Leitung unterstand damals dem Hof- und Leibarzt des 
Fürstbischofs, Joh. Peter Frank, dem später berühmt ge¬ 
wordenen Kliniker in Wien und Petersburg, der in Bruchsal 
sein epochemachendes Werk „medizinische Polizei“ — be¬ 
gann und sich durch diese Schrift mit seinem Bischof 
ttberwarf. Er leitete in Bruchsal eine Wundarznei- und 
Hebammenschule, mit der eine Anatomie verbunden w^ar. 
In diese kamen die Leichname der verstorbenen Zücht¬ 
linge. Es heisst in der Verordnung: „Sollte sich nun 
fügen, dass hie und da Züchtlinge mit Tod abgehen würden, 
so ist verordnet, dass solche in Begleitung des Zucht¬ 
meisters und Zuchtknechts auf dem Gottesacker an dem 
für sie bestimmten Ort in der Stille zu begraben sind, 
wenn solche nicht zur Anatomie abgegeben werden.“ 

lieber das finanzielle Ergebnis der Zuchthausfabrik 
ist mir nichts bekannt. Aus den Verordnungen des Fürsten 
geht aber hervor, dass er bestrebt war den Erzeugnissen 
des Zuchthauses Absatz zu verschaffen. Der ganze Tuch¬ 
bedarf der Fürstbisch. Leibgarde und der Hofbediensteten 

itv- 





244 


wurde dort gedeckt und dann verfügte der Fürstbischof 
(1773): „dass von den beschriebenen Wollenwaaren keine 
bei Strafe der Confiskation weder von ausländischen 
Krämern und Handelsleut auch weder auf Jahrmärkten 
noch ausser denselben in Hochstifts Landen zum feilen 
Kauf sollen gebracht oder geführet werden, es wäre denn 
Sache, dass derlei Waaren aus dem Zuchthaus zum Debit 
genommen und zu dessen Beweis mit dessen Stempel be¬ 
zeichnet wären. (Folgt Verzeichnis der verschiedenen im 
Zuchthaus gefertigten Tucharten, im ganzen 7). 

Ueber die Sterblichkeit und die Gesundheitszustände 
im damaligen Zuchthaus ist wenig bekannt. Die im Kranken¬ 
buch der barmherzigen Brüder eingetragenen Diagnosen 
entsprechen den damals herrschenden humoral pathalog. 
Anschauungen, nach denen alle Krankheiten auf fehlerhafter 
Säftemischung beruhen. So starb 1782 ein Züchtling an 
Gichtstoffs-Versetzung und daher Eiterfieber nach 8 monat¬ 
licher Krankheit. Andere Diagnosen lauten: Cacochymia, 
Cruditates.primanim viarum, Morbus niger Hippocratis. 

Wir dürfen annehmen, dass die Sterblichkeit eine 
grosse war; sie war auch sehr hoch bei dem in der Kaserne 
untergebrachten Militär. Das damals in der Bruchsaler 
Gegend herrschende Wechselfieber, dann Faul- und Gallen¬ 
fieber, worunter wohl Typhus abdoin. zu verstehen ist, 
ebenso epidemisch auftretende Ruhr (Russische Krankheit) 
in den Kriegsjahren nach 1790 rafften viele Einwohner 
hinweg. 

Wie lange diese Zuchthausfabrik bestand, wissen wir 
nicht. Nach dem Friedensvertrag von Lüneville (Febr. 1801) 
wurden die geistlichen Güter in Deutschland verteilt, die 
rechtsrheinischen Gebiete der Bistümer Konstanz, Basel, 
Strassburg und Speier fielen an den Markgrafen von Baden, 
der am 16. September 1802 von seinem neuerworbenen 
Land Besitz nahm. Der letzte Fürstbischof Wilderich lebte 
nach Untergang seiner weltlichen Herrschaft auf dem 
nahen Schloss Waghäusel bis zu seinem Tod 1810. 

Das Zucht- und Arbeitshaus w^ar um jene Zeit sehr 
bevölkert. Nach Beendigung des Koalitionskrieges, der 
sich zum grossen Teil in unserer Gegend abspielte, kam 
vom linken Rheinufer eine Unmasse gefährlichen Diebs¬ 
gesindels in das Land und beunruhigte die Einwohner. 
Man suchte sie durch Anordnung allgemeiner Streifen 
aiiszurotten. 



245 


Die Strafanstalt wurde vergrössert, auch der früher 
als Waisenhaus benutzte Flügel wurde hinzugenommen. 
Als Zucht- und Arbeitshaus für Männer mit gemeinsamer 
Haft bestand es bis 1849; 1838 wurde ein neues Zucht- 
iind Arbeitshaus für Weiber nach Auburnschem System 
eingerichtet. 

Ueber die sanitären Einrichtungen und sonstigen Ver¬ 
hältnisse aus den 30er Jahren wissen wir nur das Eine, 
dass die Sterblichkeit eine sehr hohe war. Füsslin berichtet 
von einer Sterblichkeit von 12—lö^/o, die nach Verbesse¬ 
rung der Kost auf 2—3% zurückging; an anderer Stelle 
wird berichtet, dass im Männerzuchthaus mit gemeinsamer 
Haft in Bruchsal in den Jahren 1840—1850 ein Todesfall 
auf 23 Gefangene gekommen sei, im Arbeitshaus mit gleicher 
Kost- und Hausordnung auf 80 Gefangene ein Todesfall. 

Mit Rücksicht auf die auffallend hohe Gefangenen- 
Sterblichkeit in den ersten Jahren unserer Anstalt, aus 
denen genauere Zusammenstellungen uns zugänglich sind, 
habe ich mir zur Aufgabe gemacht, den Ursachen nach¬ 
zuforschen, namentlich den Einfluss der Ernährung auf die 
Mortalität, auf den die alten Aerzte schon aufmerksam ge¬ 
macht haben, genauer zu verfolgen. Ich bin mir bewusst, 
dass ich damit keine neuen Bahnen einschlage, denn es 
ist ein alter Erfahrungssatz in der Gefängnishygiene, dass 
Ueberfüllung der Gefängnisse und schlechte Kost die 
Faktoren sind, welche die Mortalität am meisten ungünstig 
beeinflussen. Immerhin ist es lehrreich, die Beziehung dieser 
Faktoren zu einander, auch das gesetzmässige Auftreten 
der Phthise in einer langen Reihe von Jahren an einer 
Anstalt verfolgen zu können, an einer Anstalt, an der sich 
in baulichen und sonstigen Einrichtungen in dieser Zeit 
nichts geändert hat. 

Ich will nun zunächst auf eine Schilderung der Be¬ 
köstigung eingehen, um dann ihren Einfluss auf die Sterbe¬ 
ziffer zu zeigen. 

In der alten Anstalt mit gemeinschaftlichem Haft¬ 
system und dann noch in dem neuen Zellengefängnis wurde 
bis zum Jahre 1852 die Kost an einen Kostgeber im Sub¬ 
missionsweg vergeben. Diese Art der Kostbereitung führte 
zu grossen Misständen, sie hatte viele hauspolizeiliche und 
sanitäre Nachteile. Die Kost war schlecht, die männlichen 
Strafanstalten waren übervölkert, die Sterblichkeit w'ai' S^oss. 
Das Kostregulativ vom Jahr I 845 sieht zwar schon ganz 
anders aus, wie das zu fürstbisehöflicher Zeit (Der Kost- 



geber bekam 4’Vi(; Kreuzer pro Kopf dafür). Ein Nachteil 
war das ewige Einerlei das ganze Jahr hindurch, das 
allerdings durch die Vergünstigung, sich aus dem Guthaben 
Milch, Obst, Brot, Butter und Fleisch kaufen zu dürfen, 
ausgeglichen wurde. Diese Anordnung wurde im neuen 
Gefängnis, anfangs der 50er Jahre, aufgehoben und ist 
seitdem im Bruchsaler Zuchthaus nie mehr eingeführt 
worden (nur für Schwer beschäftigte bestand eine Ausnahme, 
sie durften bis 1860 sich ‘,4 Pfund Brot kaufen). Braucht 
der Gefangene mehr, so verordnet es der Arzt. Von 1850 
an war also der Gefangene einzig und allein auf die ihm 
Vorgesetzte Kost angewiesen. 

.Mit Einführung der eigenen Küche 1852 trat mehr 
Abwechslung ein, namentlich in der Auswahl der Mittags¬ 
suppen und der Gemüse. Die Fleischreichung war dieselbe: 
alle andern Tag 4 Lot gekochtes, ausgebeintes Ochsen¬ 
fleisch = 62,5 gr. — An 5 Feiertagen erhielt jeder Ge¬ 
fangene ausserdem ^4 Pfund Fleisch (125,5 gr.). 1855 

wurde der Speisezettel durch Einschieben von sauren 
Kartoffeln und Hülsenfrüchten reichhaltiger; der Griesbrei 
durch mehr Einlage von Gries nahrhafter. 1865 wurde 
die Reihenfolge der Speisen nicht mehr vom Ministerium 
festgelegt, sondern der Verwaltung Spielraum gelassen. 

Das Kostregulativ vom Jahre 1867 zeigt insofern eine 
Veränderung, als die Auswahl der Gemüse eine grössere 
ist und dass dieselben je nach der Jahreszeit wechseln. 
Die Fleischreichung blieb dieselbe. 

Als im Jahre 1868 im Febi’uar unter den Gefangenen 
eine eigenartige Munderkrankung auftrat, wurde für alle 
Gefangene täglich Fleischabgabe und grünes Gemüse an¬ 
geordnet. Man hielt die Erkrankung für Mundscorbut, 
Professor Friedreich in Heidelberg war anderer Ansicht 
und führte die Erkrankung auf mangelhafte Zahnpflege 
seitens der Gefangenen zurück. 

Der Zweck der Aenderung des Kostregulativs im 
Jahr 1874 war neben grösserer Abwechslung eine Zahl 
von Reizmitteln in die einförmige Kost einzuschieben: Am 
Sonntag gab es Kaffee zum Frühstück, unter die Mittags¬ 
suppen wurde Grünkernsuppe eingeschaltet, ein Mittags¬ 
gericht wurde alle 14 Tage freigegeben, d. h. der Verwal¬ 
tung überlassen. An Fleisch wurden 70 gr. gekochtes, 
ausgebeintes Ochsenfleisch gereicht; statt dessen auch 
•Schweinefleisch. An 7 Feiertagen dieselbe Fleischration 



für Jeden. Statt Butterschmalz bei grünen Gemüsen 
Schweinefett. Schwerbeschäftigte erhalten ^4 Liter Gemüse. 

Das Jahr 1881 brachte eine Verschlechterung insofern 
als das Grossherzogi. Ministerium im Hinblick auf die Kost¬ 
regulative anderer Staaten, wo noch weniger gegeben 
werde, die Fleischration von 70 auf 60 gr. gekochtes 
Ochsenfleisch herabsetzte, d. h. 107 gr. rohes Ochsen- resp. 
120 gr. rohes Rindfleisch. 

Zufolge der Nachtragvorschriften zum Kostregulativ 
vom .Jahre 1874, die im Jahre 1893 in Wirksamkeit traten, 
wurden 6 Kosttage monatlich freigegeben (gegenüber 2 bis¬ 
her) und neue Gerichte für solche Tage in Vorschlag ge¬ 
bracht, im Ganzen 15: 


Makkaroni mit Tunke 
Hering mit Kartoffeln 
Kartoffelschnit/e mit Tunke 
Kartoffelsalat mit grünem Salat 
Kartoffeln mit Tunke und Wurst 
Reisbrei m. gerieb. Käse oder Zimt 
Kartoffeln in Schale mit M^eissem Käse 
Stockfisch mit Kartoffeln 


— Kartoffelsalat mit Wurst 

— „ Hering 

— Weisser Bohnensalat 

— Grüner Bohnensalat 

— Sauerkraut mit Erbsen 

— Linsen mit Lung und Leber 

— (erst60-70gr, spät ISOgrp.Kopf) 

— Rindsfleck mit Kartoffeln. 


Ausserdem erhielt die Verwaltung die Ermächtigung 
auch andere hier nicht genannte Gerichte, deren Aufwand 
den der gewöhnlichen Kost nicht über 25% übersteigt, an 
den regulativfreien Tagen reichen zu dürfen. Auch die 
Fettung der Gemüse wurde erhöht von 3,7 kg. auf 5,4 kg. 
zu 350 Gefangenen. Dann kam noch eine weitere Ver¬ 
besserung, um den Eiweissgehalt der Nahrung in die Höhe 
zu bringen. 

Einmal in der Woche wird 50 gr. Käse gereicht um 
4 Uhr, dafür wird die Abendsuppe von Yg Liter auf Ys Liter 
gekürzt (später wieder aufgehoben). Der Käse wird in 
Gestalt von Hand-, Rahm- oder Backsteinkäse gegeben 
zusammen mit der 2. Brotration; an andern Tagen erhalten 
die Gefangenen ihre ganze Brotration morgens. 

Ferner wurde anstatt Brotsuppe abends einmal alle 
2 Wochen Ys Liter Vollmilch gereicht, im Sommer kalt, 
im Winter warm. Die Zahl der Mittags- und Abendsuppeu 
wurde durch Einschieben von geschmälzten Hafergrütz-, 
Erbsen- oder Linsensuppen, die zweimal im Monat gegel^ß’^ 
werden durften, vermehrt. ” 

1891 erschien die neue Dienst- und Haus-Ordnung • 
enthält bezüglich der Kost die Bestimmung daa<^ 
nach lOjähriger Zuchthausstrafe Milch, Käse BnHor 
Eier und Heringe als Vergünstigung we^en ^^ten 



248 


haltens bekommen können; ferner (§ 208), dass Schwer¬ 
beschäftigte eine Kostzulage von '/i Liter Gemüse, wenn 
tunlich aus dem Kostübermass erhalten können. § 249 sagt: 
Kost und Getränke ordiniert der Hausarzt. 

Mit Rücksicht auf die vielen inzwischen ergangenen 
Abänderungen des Kostregulativs von 1874, die ich nur 
kurz angedeutet habe, erschien 27. August 1895 der Ent¬ 
wurf eines neuen Regulativs, der die früheren Einzel Ver¬ 
fügungen zusammenfasste. Das neue Regulativ selbst trat 
1897 in Kraft. Es bringt mehr Abwechslung in die Kost, 
die Fleischration bleibt dieselbe. 

1902 wird versuchsweise an allen Tagen morgens 
Kaffee mit Milch gereicht. — 

Man hatte die Erfahrung gemacht, dass von den 
Morgensuppen sehr viel zurückgegeben wurde, dass somit 
die Gefangenen wegen Appetitmangel nicht die Menge 
Nährstoffe bekamen, die sie brauchten, zumal sie bei Suppen- 
reichung auch die grossen Brotmengen nicht bewältigen 
konnten, während Kaffee mehr zum Appetit anregte. 

Von 1905 an wurden Versuche mit frischen Seefischen 
(Schellfische und Kabeljau) gemacht als Mittagskost; man 
gab den Schellfisch gemischt mit Kartoffeln und mit Zutat 
einer Senfsauce, die das Gericht sehr schmackhaft machte. 
Die Versuche fielen gut aus und seitdem wird an den 
freigegebenen Tagen oft Fisch eingeschoben. 

Auf Grund von Nährwertberechnungen, die 1903 an¬ 
gestellt wurden, stellte sich heraus, dass die bisherige Kost 
zu fettarm war und nicht ganz den Voifschen Forderungen 
an eine Gefangenenkost entsprach. Es erging deshalb 
1907 die Anordnung einmal in der Woche um 4 Uhr 30 gr. 
Kunstbutter zu reichen (Margarine w^ar seit 1898 in Ver¬ 
wendung zum Schmelzen der Gemüse und Suppen, statt 
Schweinefett und Bütterschmalz). Die Gefangenen be¬ 
kamen also einmal in der Woche um 4 Uhr Käse, einmal 
Butter und einmal Abends % Ib Milch alle 2 Wochen. 
Auf diese Weise ist auch der Einförmigkeit der Abend¬ 
gerichte abgeholfen w’^orden; auch durch Einschieben von 
Maggi-Gräupchen und Riebelesuppe hat man dies zu er¬ 
reichen gesucht und die Erfahrung hat gelehrt, dass die 
Gefangenen nun auch zum grossen Teil ihre Portionen 
auf gegessen haben. 

Das Bestreben, die Gefangenennahrung Schritt für 
Schritt zu bessern, sie so abwechslungsreich wie möglich 
zu gestalten und ohne besondere Erhöhung der Kosten 



249 


dem Gefangenen das zu geben, was er zum Leben und 
Arbeiten braucht, dabei auch Reizmittel in die Kost ein¬ 
zuschalten, hat sich durch Rückgang der Erkrankung und 
Sterbefälle reichlich gelohnt. Wenn auch die Erkrankungs¬ 
ziffer nicht der Masstab für die sanitären Zustände in 
einer Anstalt sein kann, weil sie von vielen Zufällen und 
von der jeweiligen Beurteilung des Arztes abhängig ist, 
so zeigt uns doch ein Vergleich der jetzigen Zustände mit 
denen bei der Belegung der Anstalt im Jahr 1849, dass 
das Bild der Morbidität sich wesentlich geändert hat. 
Freilich dürfen wir dabei eines nicht vergessen, was den 
Beamten, die in den ersten Jahren nach der Gründung 
der Anstalt viel Verdruss und Sorge machte: Es waren 
die'von Gerichtswegen verhängten Strafverschärfungen: 
— Dunkelarrest und Hungerkost (oft bis zu 300 Tagen), 
die nach dem Strafantritt vollzogen werden mussten, und 
die den Gesundheitszustand der Gefangenen sehr ungünstig 
beeinflussten. 

Erheblich zurückgegangen sind die Erkrankungen, 
die wir direkt auf fehlerhafte Zusammensetzung der Ko.st 
zurückführen müssen; die vielen Fälle von Magenkatarrh 
und Darmkatarrh, von Verdauungsschwäche und Abge¬ 
gessensein, die ehedem in der ärztlichen Ambulanz gang' 
und gäbe waren; verschwunden ist der Skorbut, die Geisel 
der alten Gefängnisse. 


Erheblich abgenommen haben ferner die Leiden 
die die alten Aerzte als Dyskrasieti und Kachexien be- 
zeichneten in der Vorstellung, dass sie auf fehlerhafte;!' 
Säftemischung und Blutzersetzung beruhten; sie waren 
eigentliche Zuchthauskrankheiten bekannt. Schon Füsslvn 
der erste Arzt und spätere Direktor der Anstalt, betont-’ 
indem er auf die Ursachen diesei* Blutzersetzung eingQ,i 
dass in der mangelhaften Ernährung in den Strafansta,\t'^’ 
der grösste Teil des nachteiligen Einflusses der Gefano* 
Schaft auf die Gesundheit der ihr Unterworfenen ^ 
schreiben ist. Er beschreibt den eigentümlichen Zusain 
hang, den viele Lungeleiden mit den Erkrankun&^^^^^^' 
gastr. Systems haben, wo nach öfteren Verdiai^ 
beschwerden sich d e ersten Erscheinungen des T 
leidens anschliessen. Zungen- 


Tuberkulosis und Skrofnlosis, die Hauptvertv^.. 
kachekiischen Erkrankung,hält schon Füsslm 5^^ 

tische, wenigstens ganz nahe'verwandte Krankhoitt*^' 




250 


Unter Skrofulosis und Skrofelsuclit verstand man Drüsen 
und Knochenerkrankungen. 

Ganz verschwunden ist eine Erkrankung, die in den 
ersten Jahren häufig, später seltener vorkam (ich habe 
sie vor 20 Jahren vereinzelt noch beobachtet), das ist der 
Nachtnebel (Hemeralopie)'. Abnahme der Sehkraft und 
grosse Ermüdung der Augen bei der Arbeit; gegen Abend 
ist das Gesichtsfeld m dicken Nebel gehüllt; auffallend ist 
das erdfahle Aussehen der damit Befallenen. Die Ursache 
der Erkrankung war nicht recht klar. 

Nachdem man aber in Erfahrung brachte, dass sie 
in Russland während der strengen Fasten und auf schlecht 
verproviantierten Schiffen häufig auftrat, war man be¬ 
rechtigt, in der schlechetn Ernährung der Gefangenen die 
Ursachen zu suchen. Interessant ist, dass gegen die Er¬ 
krankung vom Arzt innerlicher Genuss von Ochsenleber 
dreimal 10—12 Lot verordnet wurde, neben äusserlichem 
Gebrauch der Dämpfe der frisch gekochten Leber. 

In den fünfziger Jahren wird auch noch häufig Wechsel¬ 
fieber erwähnt. Das nimmt uns nicht wunder, weil es in 
jener Zeit viele Wechselfieberfälle in all ihren verschiedenen 
Erscheinungsformen (als Febris quotidiana, tertiana, qtuir- 
tana, intermittens, quotitidiana duplicata, Febr. cantimui 
remittens usw.) in hiesiger Gegend gab und weil in den 
ersten Jahren in der Umgebung der Anstalt noch viele 
Grabarbeiten vorgenommen wurden. Erst als in Folge 
der Rheinkorrektion die vielen stehenden Wasser in der 
Umgebung Bruchsals nach der Rheinebene zu austrockneten, 
nahm auch die Malaria ab; heute kennen wir sie nicht mehr. 

Ein Bild des Auftretens der oben genannten Er¬ 
krankungen gibt die beiliegende Tabelle: 



1849 

1850 

1851 

1852 

■ 

1853 

1854 

Wechselfiebor. 

— 

70 

5 

O 

12 

11 

Hhthisis. 

•— 

24 

17 

10 

7 

11 

Blut speien. 

“ 

2 

9 

4 

1 

! 6 

Skrofelsucht. 

— 

15 

9 

10 

8 

9 

Abszesse Geschwüre . . 

— 

27 

16 

7 

9 

12 

N.'ichtnebel. 

70 

10 

5 

10 

6 i 

8 











Vergleichen wir die Sterbeziffer, dann fällt sofort 
das starke Vertretensein der tuberkulösen Erkrankungen 
auf. Schon die alten Grefängnisärzte rechneten damit, dass 
-3 der Mortalität auf Tuberkulose entfällt. So war es 
früher, so ist es, wie ein Blick auf die Kurven zeigt,' 
heute noch. 

Wenn die Sterblichkeit in der Strafanstalt immer 
noch eine höhere ist, wie die der freien Bevölkerung, so 
müssen wir eben das eine uns Vorhalten, worauf schon 
Füsslin aufmerksam machte: 

Jede Gefangenschaft, in jedem Gefängnis und nach 
jedem Haftsystem ist ein widernatürlicher Zustand des 
Menschen, welcher die Gesundheit des ihr Unterworfenen 
naturgemäss mehr oder weniger beeinträchtigen muss. 

Immerhin dürfen wir sagen, dass wir die Schäden 
dieses widernatürlichen Zustandes zu beseitigen suchen, 
so weit es geht und dass die Erkrankungsformen, die heute 
unter den Gefangenen auftreten, dieselben sind, wie sie in 
der freien Bevölkerung auftreten. Eine eigentliche Zucht¬ 
hauskrankheit, in früherem Sinn, gibt es nicht mehr. 

Eine gute Kontrolle gibt uns die Körpergewichtstabelle, 
die wir bei Gewährung von Zulagen stets zu Rate ziehen. 

Ein Einfluss der Gewerbebetriebe auf die Mortalität 
war in keiner Zeitperiode nachweisbar; man hat es auch 
vermieden, Gewerbe mit grosser Shiubentwicklung, oder 
sonstigen Gefahren einzuführen. Beim Durchmustern un¬ 
serer Kranken- und Sterberegister drängt sich mir eine 
Beobachtung auf, die ich auch bei andern, gleichartigen 
Anstalten bestätigt finde (die Gesundheitsverhältnisse im 
Zuchthaus zu Untermassfeld Bl. f. Gefk. 24. Band, 2 . Heft) 
— das geringe Auftreten der bei der freien Bevölkerung 
zeitweise sich häufendenInfektionskrankheiten,ausgenommen 
Influenza und Tuberkulose. 

Diphtherie habe ich in 22 Jahren nie beobachtet, 
Typhus abdomin auch nicht; krupöse Lungenentzündung 
nur dreimal, akuten Gelenkrheumati.smus zweimal, aber 
da nur nach vorausgegangener Gonorrhoe und eine Krank- 
Iieit, die in den letzten Jahren so viel von sich reden 
macht — Blinddarm-Entzündung {■Appendicitis) —• ist bei 
nns nur in 2 Fällen als chronische Form bei Leuten vor- 
pkomraen, die in der Freiheit schon Schmerzanfälle ge- 
? habt haben. — Bei einem Truppenteil mit annähernd der 
'Amchen Kopfzahl, wie sie unsere Anstalt hat, betrug die 
; Zahl der Appendicitis-Erkrankungen in den letzten 20 Jahren 



24. — Sollte die Lebensweise und die Ernährung mit mehr 
vegetabiler Kost bei Entstehung dieser Krankheit von Ein¬ 
fluss sein? 

Ein Blick auf unsere Mortalitätskurve bestätigt die 
schon oben an gedeutete alte Erfahrung, dass die Abnahme 
der Ueberfüllung in den Gefängnissen und Besserung der 
Ernährung die Zahl der Sterbefälle heruntergedrtickt hat. 
ln unserer Anstalt können keine anderen Faktoren in Be¬ 
tracht kommen, die geeignet wären, die Sterblichkeit irgend 
erheblich zu beeinflussen und das Bild zu trüben. 

Die Gefangenen leben noch in denselben Zellen, ar¬ 
beiten bei denselben Gewerben ; Heizung (Luftheizung) und 
Beleuchtung (seit 1850 Gas) sind dieselben geblieben. Epi¬ 
demien sind nicht vorgekommen, ausser Typhus, mit 10 
Erkrankungs- und 2 Todesfällen im Jahr 1870. Von sani¬ 
tären Massnahmen könnten höchstens die in Betracht 
kommen, die getroffen würden, um der Tuberkulose vor¬ 
zubeugen: Einführung des Wasserspucknapfs und Desin¬ 
fektion der Zellen und Kleider der an Tuberkulose er¬ 
krankten Gefangenen. Ohne den Wert dieser Massnahmen 
irgendwie herabsetzen zu wollen, glaube ich doch, dass 
sie für die Abnahme der Mortalität nicht verantwortlich 
gemacht werden können. Auch aus der früheren Zeit, vor 
ihrer Einführung, erinnere ich mich keines Erkrankungs¬ 
falles, der auf eine Ansteckung hätte zurückgeführt werden 
können; die Uebertragungsgefahr ist ja auch in einer An¬ 
stalt mit strenge durchgeführtem Einzelhaftsystem eine 
minimale. Dazu kommt, dass eben auch die früheren Er¬ 
krankungen an Drüsen und Knochentuberkulose erheblich 
zurückgegangen sind. 

Es bleibt also nichts anderes übrig, als in der Ver¬ 
besserung der Kost auch die Ursache der Besserung der 
Mortalität zu suchen und was hierin geschehen konnte, 
das ist geschehen, soweit es im Rahmen des Strafvollzugs 
möglich war. 








— 254 — 

1780. Speisstabelle für das 


Monate 

Sonntag 

Montag 

Dienstag* 

in dein 

Mittags 

Abends 

Mittags 

Abends 

Mittags j Abends' 

Jennex* 

Hornung 

und März 

Fleischsuppe 
jedes V 4 Pf*!- 
Rindfleisch, 
Sauerkraut 
und jedes 
Gesunde ‘/^ 
Schop. Wein 

Nichts 

Gerste in 
Wasser ge- ■ 
kocht und aus- 1 
gehülste saui’e 
Bohnen oder | 
Erbsen, oder 
Linsen 

Gerste 

in 

Wasser 

ge¬ 

kocht 

Wasser¬ 
suppe und 
Erdbirn- 
sehnitze 
oder weisse 
Rüben 

Was¬ 
ser¬ 
suppe 
mir 
die 
We¬ 
bende ; 

April 

und 

Mai 

wie oben 

Nichts 

1 

wie oben 

i 

wie 

oben 

Wasser¬ 
suppe und 
Erdbirn- 
schnitze 
oder 
Erbsen 

wie 

oben 

Juniixs 

Julius und 

Augustus 

Fleischsuppe 
Pfund 
Rindfleisch, 
Sauerkraut 
oder grünes 

Gemüssu.Vo 

Schop. Wein 

Nichts 

wie oben 

Gerste 

in 

Wasser 

ge¬ 

kocht 

oder 

Salat 

Wassei’- ! 
suppe und 1 

schnitze : 
oder grünes i 

Gemüss i 

i 

September 

wie in den 
Monaten 
des 

Junius etc. 

;Nichts 

1 

Gerste in Wasser 
u. saure Bohnen 
oder Erbsen 
oder Linsen 
oder Hirsen in 
Wasser 

Gerste 

in 

W asser 

Wasser¬ 
suppe und 
grünes 
Gemüss 

wie i 
obenl 

Oktober 

1 

Fleischsuppe 
V, Pfund 
Rindfleisch, 
Weisski'aut 
od.and.g’i’ün 
Gemüss u. 
Schop. Wein 

1 

Nichts 

Gerste in 
Wasser, und 
Erbsen odei: 
Linsen oder 
Hirsen in 
Wasser 

Gerste 

in 

Wasser 

Wasser¬ 
suppe und 
grünes 
Gemüss oder 
Erdbirn- 
schnitze 

wie 

oben 

November 

und 

Dezember 

Fleischsuppe 
V4 Pfund 
Rindfleisch 
Weisskraut 
oder Sauei’- 
kraut u. '/., 
Schop. Wein 

Nichts 

Gerste in 
Wasser und 
ausgehülste 
saure Bohnen, 
oder Erbsen 
oder Lin.sen 

Gerste 

in 

Wasser 

i 

Wasser- j 
suppe und ' 
Erdbirn- ' 
schnitze 1 , 

oder weisse ; 

Rüben 


Nebst dem wird jedem Gesunden täglich IV2 pfü^idiges Leiblein gutei 
Brods und am Montage den Mannsleuten als Zubusse auf die ganze Woche nocl 
ein solches besonders gereichet. Am Weihnachtsfeste, wenn es nicht ohneden 
auf einen Sonntag fällt, bekommt jedes V4 Pfund Rindfleisch, aber keinen Wein 
Auch empfangen sie das um der Fasten willen am Palmsonntage vermissend* 



















Fürstl. Speierische Zuchthaus 


Mittwoch 

Donnerstag 

Freitag 

Samsta 

g 

Mittags 

Abends 

Mittags 

Abends 

Mittags 

Abends 

Mittags 

Abends | 

Hirsen im 
Wasser 
gekocht u. 

Mehl¬ 
spatzen 
im Wasser 
^gekocht 

Hir¬ 

sen 

im 

Was¬ 

ser 

Wasser¬ 
suppe und . 
Linsen oder 
Erdbirn- 
schnitze 
oder weisse 
Rüben 

Was¬ 

ser¬ 

suppe 

nur 

die 

We¬ 

bende 

Gerste in 
Wasser ge¬ 
kocht und 
Hirsenbrei 
und Milch 
und Wasser 

Gesot¬ 

tene 

Erd- 

birn 

Wasser¬ 
suppe und 
Erb8en,oder 
Mehlspatzen 
im Wasser 
gekocht 

Was¬ 
ser- 1 
suppe 
nur 
die 

We¬ 

bende 

wie oben 

w'ie 

oben 

Wasser¬ 
suppe und 
Linsen oder 
Erdbirn- 
scbnitze 

wie 

oben 

wie oben 

Ge¬ 

sottene 

Erdbirn 

oder 

Gerste 

im 

Wasser 

wie oben 

wie 
oben 1 

wie oben 

wie 

oben 

Wasser¬ 
suppe und 
Linsen oder 
grünes 
Gemüss 

wie 

oben 

wie oben 

Gerste 

im 

Was¬ 

ser 

oder 

Käse 

wie oben 

wie 1 
oben 1 

wie oben 

wie 

oben 

Wasser¬ 
suppe und 
grünes 
Gemüss oder 
Linsen 

wie 

oben 

wie oben 

Käse 

oder 

Gerste 

1 im 
j Was- 
1 ser 

Avie oben 

: wie 1 
i oben 1 

wie oben 

- 1 

wie 

1 oben 

1 

wie in dem 
Monate des 
Septembers 

wie 

oben 

wie oben 

Käse 

oder 

gesot¬ 

tene 

Erd¬ 

birn 

wie oben 

i 1 

1 - 

wie oben 

wie 

oben 

Wasser¬ 
suppe und 
Weisskraut, 
oder Erd- 
birnschnitze 
oder weisse 
Rüben 

wie 

oben 

wie oben 

Gesot¬ 

tene 

Erd¬ 

birn 

oder 

Gerste 

im 

W asser 

wie oben 

; Wie 

1 oben 


Beisch am Ostermontage. An Feiertagen, die auf Dienstao- Donnerstag oder 
^lamstag fallen, erhalten sie wie an Sonntagen Abends nicllts Warmes. Des¬ 
gleichen bekommen die Weber wegen harter Arbeit täo'U.^n M Pfund Brod 
weiter, folglich täglich 2 Pfund. ^ 
























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Sonntag | Montag Dienstag Mittwoch 1 Donnerstag Freitag Samstag 



ärztliche Verordnung Miich, Weissbrot und Fleisch. 












1845|z. 2t der Kostgeber (4^Vic Kreuzer) 



Alle ander Tag 4 Loth knochenfreies, gekochtes Fleisch. Zum Kochen nur Butterschmalz. 
Kartoffeln dürfen vom 1—If). August nicht gereicht werden. 











Montag: I Dienstag; | Mittwoch 


257 



















Speisetabelle vom Jahre 1867. 


258 


Mittwoch 

Abends 

Qddns^ojg 

ö 

d 

43> 

d 

43> 

6 

49 

1 

Mittags 

Brotsuppe 

^und 

Sauerkraut 

d 

'O 

Apfel¬ 

kohlraben 

Weisskraut 
oder grüne 
süsse 
Bohnen 

Sauerkraut 
abwechselnd 
mit sauren 
Rüben 

Mor¬ 

gens 

oddnsraqua 

d 

4-3 

T 5 

d 

4<^ 

d 

4-3 


Dienstag 

Abends 

oddnsiqopi 

d 

d 

'Ö 

d 

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49 

'Ö 

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C3 

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O g 

Gersten¬ 
suppe und 
Bahm- 
kartoffeln 

d 

4.^ 

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d 

d 

4^ 

d 

49 

addus^oag 

d 

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6 

49 

ro 

Montag ’ 

Abends 

addnsuiquji 

d 

4-a 

nö 

d 

4J 

d 

49 

nö 

d 

Mittags ! 

Brotsuppe 
und Linsen 
Bohnen 
oder Erbsen 

d 

4-9 

'O 

d 

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49 

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49 

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Mor¬ 

gens 

addnsiqapj 

d 

4.J 

d 

4^ 

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49 

»73 

d 

49 

1 

Sonntag 

Abends 

addnsqojg 

d 

4-3 

dto. 

d 

4^ 

TJ 

' d 

-4—• 

Mittags 

Keissuppe 
und Gelbe¬ 
rüben oder 
saure ein¬ 
gemachte 
Bohnen 

Reissuppe 

und 

Gelberüben 

d ^ ^ 

? -c T 3 03 

£- o o ^ 

*S,-D *53 

Reissuppe 
und Gelbe¬ 
rüben ab¬ 
wechselnd 
mit 

Bodenkohl- 

raben, Win- 
terkräut 
oderWelsse 
Rüben oder 
eingem. 
Bohnen 

Mor¬ 

gens 

addnsuiqng 

d 

4-» 

d 

49 . 

T3 

d 

49 

d 

49 

«TU 

Monat 

Dezember 

Januar 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

Oktober 

JNTovember 











Montag 

Dienstag 

Miltags Abends 

Mittags Abends 

Brotsuppe Kar- 

Hafergrütz- Mehl- 

und toffel- 

suppe und suppe 

Erbsen suppe 

f>emischter 

oder 

Salat und 

Kartoffel- 

Wurst, 

salat mit 

um 4 Uhr i 

Häring 

Käse 

Griessuppe Brot- 

Brotsuppe Maggi- 

und suppe 

und suppe 

Kohlraben 

Reisbrei, 

oder 

um 4 Uhr 

weisse 

Käse 

Bohnen 

i 

Brotsuppe Eier- 

Reissuppe Mehl- 

und suppe 

und suppe 

Erbsen 

saure 

. oder 

Kartoffeln 

Linsen 

oder 


gemischter 


Salat. 


um 4 Uhr 


Käse 

Reissuppe Mehl- 

Brotsuppe Eier- 

uucl suppe 

und suppe 

Linsen 

Griesbrei, 

oder 

um 4 Uhr 

weisse 

Kä^e 

Rüben 


oder 


weisser 

1 

Bohnensalat 

[ 


Mittwoch 


Monat 


Dezember 

Januar 

Februar 


Juni 

Juli 

August 


September 

Oktober 

November 


Mittags 


Griessuppe 
und weisse 
Bühn«-n 
oder 
Reisbrei 
oder 

Linsen mit 
Lunge und 
Leber 


Aberds 


Brot¬ 

suppe 

oder 

Milch 



Griessüppe 

Brot 

und 

supp< 

weisse 

oder 

Bohnen 

Mild 

oder gelbe 
Rüben 



Hafergrütz- 

suppe 

und 

gemischter 
Salat mit 
Wien»'r- 
würstle 
oder 
Herings¬ 
salat 


Kar¬ 

toffel^ 

suppc; 



















261 



F - 

Donnerstag 

Mittags 

Abends 

Reissnppe 

und 

Rotkraut 

oder 

Erbsen 

i 

L. i 

Eier- 

riebel- 

8 uppe 


Einkorn- | Brot¬ 
suppe j suppe 

und I oder 

Seringssalatj Milch 
oder 

Salat 1 

mit 

Scliwarten- 

mageii 



sehniize 

oder 

saure 

Kartoffeln 


Franzosen- 


Kartoffel- 
schnitze 
oder 
I^insen 
mit Leber 


Freitag 

Samstag 

Mittags 

! 

Abentls 

Mittags 

Abends 

Gersten- 

Lin- 

Einkorn- 

1 

' o 

Pi 

suppe 1 

sen- 

suppe 

P 

ö 

Gelberüben 

suppe 

und 

CA 

um 4 Uhr 

Kartoffel- 

P 

.5 

Butter 


schnitze 

cß 



mit Tunke 

pH 



oder 




saure 


1 


Kartoffeln j 


Hafer- 

ßahm* 

Reissuppe 

P 

grüt;^sup(ie 

suppe 

und 

P 

und 


Sauerkraut 

an 

Linsen, 
um 4 Uhr 


mit 

Erbsen 

a 

& 

u 

Butter 


oder 

j 


gemischter 

cß 



Salat mit 




Wiener¬ 

würste 

! 

Brotsuppe 

1 

Gersten¬ 

P 

und 


suppe 

§■ * 

Beissbrei 

CO 

und 

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oder 

’Sd 

1 bß 

cß 

Linsen 

1 T 3 

Grün kraut, 

oder 

1 

o 

um 4 Uhr 


Erbsen 


Butter 


oder 

weisse 

Bohnen 

' « 

i 


Sonntag 


Milch 


Einkorn¬ 
suppe 
und 
Erbsen, 
um 4 Uhr 
Butter 


Gersten- 
ppe 
nd 

Gelbrüben 

oder 

'rünes Obst 
mit 

Kartoffeln 



Grünkern- 
suppe 
und 

Sauerkraut 

mit 

Erbsen 

oder 

Maccaroni 

mit 

Tunke 


Grünkern¬ 

suppe 

und 

Grünkraut 

oder 

saure 

Bohuen 



Griessuppe I 
und 

Weisskraut 

oder 

saure 

Bohnen 




















262 


Meine Reise zum Internationslen Geßnipiis-Kongress 
Neprk—Washington. 

September 1910. 

Von Staatsanwalt Dr. Ernst Eosenfeld-Berlin. 


Erster Teil. 

Bei meinem am 11. September 1910 erfolgten Ein¬ 
treffen im Hafen von Neuyork hatten sich zu meiner 
Begrüssung die Herren Mills und Dr. Lewis in der Zoll¬ 
halle eingefunden, ersterer der von der Bundesregierung 
bestellte Organisator der vorgesehenen Rundreise, letzterer 
der Geschäftsführer der grossen Neuyorker Gefängnis¬ 
gesellschaft. So konnte ich vom ersten Augenblicke des 
Betretens amerikanischen Bodens an, die nur kurze Spanne 
Zeit, die mir bis zum Beginn der Rundreise blieb, aus¬ 
nutzen, um mich über die Fragen zu unterrichten, deren 
Studium ich mir vorgenommen hatte. 

1. Am ersten Abend begab ich mich in das Nacht¬ 
gericht (night court). Es gibt deren zurzeit zwei und 
zwar nur in der Stadt Neuyork, eins für Männer, eins für 
Frauen; die Sitzungen beginnen täglich, auch Sonntags, 
abends um 8. Uhr und dauern mit Unterbrechung bis 3 Uhr 
früh. Hier werden alle diejenigen Personen vorgeführt 
und abgeurteilt, welche vom Nachmittage bis nachts 2 Uhr 
wegen leichterer Straftaten, deren Aburteilung zur Zu¬ 
ständigkeit des Einzelrichters gehört, auf frischer Tat 
festgenommen sind. Der Schutzmann führt hierbei den 
Festgenommenen nicht wie bei uns selbst zur Polizeiwache, 
sondern ruft nach dieser um den Polizeiwagen mittels des 
Polizeitelephons, das sich an vielen Strassenecken in einem 
Kasten am Mast der Strassenlaternen befindet. 

Der Ursprung der Nachtgerichte ist der Folgende: In 
den Vereinigten Staaten beginnt ein jedes Strafverfahren, 
in welchem der Täter bekannt ist, mit seiner Festnahme. 
Dieser Grundsatz, welcher an sich in einem Lande wie 
den Vereinigten Staaten nicht unbegründet erscheint, wo 
es keine obligatorische polizeiliche An- und Abmeldung 



263 


gibt, wo der Fremdenstrom ungeheuer gross, der Domizil¬ 
wechsel ungemein stark ist, wird jedoch bis zum Törichtwi 
überspannt. So erfolgt auch im Falle der unbedeutendsten 
üebertretung die Festnahme und Vorführung des seit Jahren 
in der Stadt ansässigen, dem Polizisten wohlbekannten 
unbescholtenen Bürgers, bei welchem an eine Flucht aus 
solchem Anlasse garnicht zu denken ist. Der Richter ist 
nicht befugt, die vorgeführte Person, falls nicht alsbald 
Freisprechung erfolgt, ohne weiteres, sondern nur gegen 
Kaution zu entlassen. Kann sich der Vorgeführte diese 
nicht auf der Stelle durch Telephonruf an die Familie oder 
Bekannte oder sonstwie verschaffen, so bleibt er zunächst 
in Haft. Diese Zwangslage hatten gewerbsmässige Geld¬ 
verleiher in Gemeinschaft mit von ihnen bestochenen Schutz¬ 
leuten gegenüber Strassendirnen folgenderweise ausgenutzt: 
Auf ihre Veranlassung nahmen Schutzleute am Abend oder 
nachts aus beliebigem Anlass eine Dirne fest und liessen 
sie dem Polizeigefängnis zuführen. Erst am nächsten Tage 
wurde sie dem Richter vorgeführt. Dieser erklärte sich 
bereit, sie im Falle sofortiger Bezahlung einer Geldstrafe 
oder, falls die Sache noch nicht spruchreif, gegen Kaution 
zu entlassen. Um sich das notwendige Geld zu beschaffen, 
musste sich die Beschuldigte an den ihr bekannten oder 
vom Schutzmann benannten Geldverleiher wenden, der 
ihr gegen wucherische Prozente die erforderliche Summe 
lieh. So gerieten die Mädchen in wirtschaftliche Abhängig¬ 
keit von solchen Personen. Um den Geld Verleihern das 
Handwerk zu legen und die Mädchen davor zu bewahren, 
schuldlos die Nacht im Polizeigefängnis zu verbringen, 
wurde durch die Page Bill im Jahre 1907 zunächst das 
Nachtgericht für Frauen, bald darauf das für Männer ein¬ 
gerichtet. Ausdehnung ist geplant. Mit dem Frauengericht 
steht ein Stab von weiblichen Aerzten, ein Daktyloskopie- 
Amt, eine staatlich angestellte Fürsorgedame und ein 
privates Heim in unmittelbarer Verbindung. 

Ich habe längere Zeit der von einem sehr verständigen 
Einzelrichter (Juristen) geleiteten Verhandlung im Nacht¬ 
gericht für Männer beigewohnt, aber den Eindruck mit¬ 
genommen, dass solche Justiz, wo die Schläger (Beschuldigte 
und Verletzte) noch mit den frisch blutenden Wunden, wo 
die betrunken Aufgegriffenen noch betrunken vor Gericht 
erscheinen, zu prompt und schlecht ist, weil bei der Er¬ 
regung, in der sich noch die Beteiligten befinden, es sehr 
leicht auf Seiten der Parteien sowohl wie infolgedessen 



264 


auch des Richters an objektiver Beurteilung des Falles 
mangelt. 

Auffallend gross war die Zahl der Beschuldigten und 
Zeugen, welche der englischen Sprache garnicht mächtig 
waren, zumeist Italiener, Polen und Chinesen. Der stets 
anwesende gerichtliche Dolmetscher spricht nach glaub¬ 
hafter Versicherung zehn lebende Sprachen. Unmittel¬ 
bar zur Linken des Richters sitzt der Gerichtsstenograph, 
der alle Fragen des Richters nebst den Antworten wort¬ 
getreu aufnimmt; in Km rentschrift wird das Stenogramm 
nur falls notwendig übertragen. Rechts, in einiger Ent¬ 
fernung vom Richter, auf besonderem Podium, sitzt der 
Gerichtsschreiber; er trägt in ein nach Spalten eingerichtetes 
Buch den Namen des Beschuldigten, die Straftat, die Ent¬ 
scheidung des Richters sowie ihre Erledigung ein und 
nimmt, was in meiner Gegenwart vielfach geschah, die 
unmittelbar nach Fällung des Urteils gezahlten Geldstrafen 
entgegen. 

Da mein Besuch im Nachtgericht am nächsten Morgen 
in den Zeitungen stand, wurde ich im Laufe des Tages 
von männlichen und weiblichen Reportern mittels Telephon, 
schriftlich und mündlich bestürmt, mein Urteil über das 
Nachtgericht, auf das die Neuyorker nicht wenig stolz 
sind, bekannt zu geben. Irrig wäre es aber, hieraus und 
aus dem Umstande, dass die Zeitungen täglich spaltenlange 
Einzelheiten über Gerichtsverhandlungen und Straftaten 
bringen, auf ein Interesse des grossen Publikums an der 
Strafrechtspflege zu schliessen. Das amerikanische Durch¬ 
schnittspublikum mit seiner erstaunlich geringen allgemeinen 
Bildung will lediglich an jedem Tage seine lebenswahre 
Nick-Cater Geschichte zu lesen haben. 

Angesichts der Kürze meines Aufenthalts in den Ver¬ 
einigten Staaten war ich mir von vornherein klar, dass ich 
mich mit Gewinn mit kaum mehr als einer Frage würde 
beschäftigen können. Ich musste also die Wahl zwischen 
folgenden drei grossen Fragen der amerikanischen Kriminal¬ 
politik treffen: 1. der Bedingten Strafaussetzung in Ver¬ 
bindung mit dem Probation-System, 2. den Massnahmen 
gegenüber gefährdeten, verwahrlosten und verbrecherischen 
Jugendlicher (Jugendgerichtshöfe, Erziehungsanstalten), 
3. der Unbestimmten Verurteilung in Verbindung mit dem 
Parole-System. Entscheidend für mich musste aus prak¬ 
tischen Gründen dabei die Regelung sein, welche die ge¬ 
nannten Materien im Vorentwurf zu einem Deutschen 



265 


Straf^resetzbuche sowie in den Entwürfen eines Gesetzes 
betreffend Aenderungen des Gerichtsverfassungsgesetzes 
und einer Strafprozessordnung gefunden hatten. Dabei er¬ 
gab sich einerseits, dass hier die Fragen der bedingten 
Strafaussetzung und der Behandlung Jugendlicher bereits 
ihre weitherzige Lösung gefunden haben, andererseits, dass 
auf die Einführung der sogenannten unbestimmten Verur¬ 
teilung in irgend einer Gestalt zurzeit schwerlich zu rechnen, 
es also müssig ist, längere Betrachtungen über sie anzu¬ 
stellen. 

Blieb die vorläufige Entlassung, die, wenn in den Ver¬ 
einigten Staaten auch ein unzertrennlicher Bestandteil der 
sogenannten unbestimmten Verurteilung, doch sehr wohl 
als besondere Einrichtung verbunden mit der Schutzauf¬ 
sicht (parole-System) betrachtet werden kann. 

2. Um ihre Organisation im Staate Neuyork zu ver¬ 
stehen bedarf es kurzen Eingehens auf die Organisation 
des Gefängnis Wesens in genanntem Staate, wie sie 
sich ähnlich auch in anderen Staaten der Union findet. 

Die oberste Aufsicht wird von der State Commis¬ 
sion ofPrisons ausgeübt; diese besteht aus auf vier 
Jahre vom Staatsoberhaupt (Governor) auf Vorschlag der 
Ersten Kammer (Senate) ernannten Männern. Aufgabe 
dieser Kommission ist, die Kontrolle über die sämtlichen 
Gefängnisse im Staate Neuyork, also Staats-, Grafschafts¬ 
und Gemeindegefängnisse, in administrativer und ökono¬ 
mischer Hinsicht auszuüben, also die Anstalten zu revidieren, 
Baupläne zu genehmigen, allgemeine Anordnungen über 
die Beschäftigung der Gefangenen im Rahmen des Gesetzes 
zu geben, statistische Aufstellungen aller Art aufnehmen 
zu lassen usw. 

An staatlichen Gefangenanstalten gibt es im Staate 
Neuyork: drei Männerstrafanstalten (Zuchthäuser, state 
prisons) und zwar die Anstalt Sing-Sing bei Ossining 
für die erstmalig Bestraften, die zu Auburn für Vorbe¬ 
strafte und die Anstalt Clinton in Dannemora für Rück¬ 
fällige, daneben eine Weiberanstalt zu Auburn, neben der 
Männeranstalt gelegen. Im Bau befindet sich eine Männer- 
Strafanstalt für 1200 Köpfe in Comstocks, geplant ist 
eine weitere solche in Wingdale, welche Har lern Prison 
heissen soll. Sing-Sing und Auburn sollen dann eingehen. 
Staatliche Gefangenanstalten sind ferner die zwei Erziehungs- 
gefängnisse (Reformatories) zu Elmira und Napanoch, 
sowie die zwei grossen Anstalten für irre Verbrecher iil 



Matteawan (400 Köpfe) und Danemora (750 Köpfe), ge¬ 
nannt State hospitals for insane criminals. 

j Die Stadt Neuyork besitzt, neben einer grossen An¬ 
zahl von kleinen, durchweg sehr alten und entsprechend 
mangelhaften Gerichtsgefängnisses in den verschiedenen 
Stadtbezirken, auf zwei im East River gelegenen Inseln 
drei grosse Strafgefängnisse (County Penitentiaries) für Er¬ 
wachsene (The Penitentiary, the Workhouse on Blackwell’s 
Island, the Workhouse at Hart’s Island) und ein Erziehungs¬ 
gefängnis (Reforraatory at Hart’s Island). Ueber sie lässt 
sich nichts Gutes sagen.^) Auch plant die Stadt die Ein¬ 
richtung zweier neuer grossen Sträfgefängnisse, welche 
eine und vier Millionen Dollars kosten sollen. Die bisherigen 
Sträfgefängnisse sollen Armen- und Siechenhäuser werden. 
Mitten in der Stadt Neuyork liegt neben dem Kriminal¬ 
gericht das grosse Untersuchungsgefängnis, genannt The 
Tombs. Da es meist überfüllt ist, werden vielfach zwei 
Gefangene in eine Zelle gelegt, ein den elementaren Regeln 
des Gefängniswesens widersprechendes Verfahren, dem ich 
noch vielfach bei der Besichtigung kleiner und grosser 
Sträfgefängnisse begegnen sollte. 

Die über 60 kleinen Grafschaftsgefängnisse (County 
Jails) und Hunderte von polizeilichen Haftlokalen (Lockups) 
werden im neuesten Bericht der Neuyorker (5efängnis- 
gesellschaft als „Mittelpunkte des Müssiggangs und Lasters“ 
bezeichnet. 

An der Spitze der zuerst genannten staatlichen Ge¬ 
fangenanstalten, mit Ausnahme der zwei Erziehungs- 
gefängnisse. steht der „Superintendent of State Prisons“, 
seit 1894 Herr C. V. Collins. Er wird vom Staatsober¬ 
haupt (Governor) auf Vorschlag des Senats auf jeweils 
fünf Jahre ernannt und erhält 6000 Dollars Gehalt. Er 
ernennt den Direktor (Warden), Geistlichen und Arzt der 
ihm unterstellten Anstalten, nicht dagegen den Rendanten; 
dieser wird vom Verweser des Schatzamts bestellt. Der 
Direktor seinerseits ernennt mit Zustimmung des Super¬ 
intendent die mittleren und Unterbeamten an seiner An¬ 
stalt. Der Superintendent hat Dienstwohnung und Ge¬ 
schäftsräume in Albany, der Hauptstadt des Landes; 
daneben unterhält er ein Bureau in der Stadt Neuyork, 
Warren Street 97. Hier befindet sich die staatliche Central- 
stelle für G efängnisarbeit, verwaltet von einem gelernten 

G. S t a m m e r in der Untei-haltungsbeilage der Täglichen 
Itundschau No. 256 vom 1. November 1910. 



267 


Kaufmann, zur Zeit dem Generalagenten Herrn Mills, der 
für seine amtliche Tätigkeit 4000 Dollars jährlich bezieht. 
Hauptaufgabe dieses Generalagenten ist, Bestellungen auf 
Anfertigung von Gegenständen für die Strafanstalten ent¬ 
gegenzunehmen und ein Musterlager der verschiedensten, 
iiy den Strafanstalten gefertigten Gebrauchsgegenstände 
zu führen. 

3. Die für jeden, sicherlich für den preussischen 
Fachmann stets aktuelle Frage der Gefangenarbeit 
hat im Staate Neuyork in letzterer Zeit folgende Wandlung 
durchgemacht: Dem Geschrei der einzelnen Industrie¬ 
zweige .über die ihnen angeblich durch die Konkurrenz 
der Gefängnisarbeit erwachsene Schädigung nachgebend, 
erging im Jahre 1888 ein Gesetz, das den Staatsgefäng¬ 
nissen nur die Anfertigung von Gegenständen für den 
eigenen Bedarf gestattete und jedes Verkaufen von Ge- 
fäiignisfabrikaten grundsätzlich verbot. Die Folge war, 
dass der grösste Teil der Gefangenen müssig blieb und 
daher sehr bald um Arbeit flehte. Das Gesetz wurde 
daher schon 1889 aufgehoben. 

Der heutige, im Allgemeinen seit 1897 bestehende 
Zustand ist der folgende: Sämtliche Gefängnisse (Staat- 
uhd Kommunalgefängnisse) haben solche Gegenstände 
anzufertigen, welche für den Bedarf der eigenen Anstalt 
sowie sämtlicher staatlicher und unter staatlicher Kontrolle 
stehender Anstalten und Einrichtungen benötigt werden; 
zu den letzteren gehören alle Schulen, Waisenhäuser, 
Krankenhäuser, Irrenanstalten, Parkverwaltungen, Strassen- 
reinigungen, Feuerwehren, Polizeiverwaltungen usw. 

Diese wiederum sind gesetzlich verpflichtet, 
ihren ganzen Bedarf an Gebrauchsgegenständen durch die 
Gefängnisverwaltung zu decken und dürfen anderweit Be¬ 
stellungen oder Einkäufe erst dann vornehmen, wenn sie 
eine schriftliche Bescheinigung der erwähnten State 
Commission Prisons erhalten haben, dass die Gefängnis¬ 
verwaltung nicht in der Lage sei, die verlangte Ware 
zu liefern. 

Die Gattungen der in den Gefängnissen zu fertigenden 
Waren sowie die Preise werden von einer besonderen 
Kommission (Board of Classification) festgesetzt 
welche aus dem Fiskalischen Revisor der staatlichen 
Wohltätigkeitsanstalten, der erwähnten State Commission 
of Prisons, dem Superintendenten und der Staatlichen 
Kommission für Irrenwesen besteht. 



268 


Der von dem Superintendenten herausgegebene, reich 
illustrierte und vorzüglich ausgestattete Katalog zeigt die 
Vielseitigkeit der Gefängnisindustrie, welche mit den 
modernsten Maschinen ausgeführt wird. Wir sehen 
Schulbänke, Strassenkehrmaschinen (kürzlich hat die Stadt 
Neuyork.ein Tausend Stück in Auftrag gegeben), Zivil¬ 
anzüge, Uniformen, Wäsche, Tuche, Kragen, Ueberzieher, 
Stiefel, Schuhe jeder Art, Kontobücher, Tür- und Fenster¬ 
rahmen, moderne Schreibtischstühle, Schränke jeder Art 
für Bureaubedarf, Tische, Vertikows, Bänke für öffentliche 
Anlagen, Matratzen, Operationstische, Tragbahren, metallene 
Bettstellen, Körbe jeder Art, Bürsten jeder Art (z. B. für 
Anstreicher, Parkettfussböden), Läufer aus Kokosstoff, 
Pferdedecken, Zinngeräte, (Teller, Kochgeschirr, Abwasch¬ 
schüsseln), Giesskannen, Eimer, Schubkarren, Rasenwalzen, 
Emaillewannen, Gullys, Ofenroste, Spaten usw. 

Trotz der vielseitigen Aufträge sind aber die Gefangenen 
in den Staatsgefängnissen nicht voll beschäftigt. Die Auf¬ 
träge reichen ?ur dauernden Beschäftigung aller Gefangenen 
nicht aus; ein nicht geringer Prozentsatz muss, jedenfalls 
zeitweise, unbeschäftigt bleiben — mit allen üblen Folgen 
für den Gefangenen und die Disziplin. Jeder Unter¬ 
nehmerbetrieb aber ist verboten. Abhilfe gibt es 
also bei Lage der Gesetzgebung nicht. Sehr schlimm sieht 
es infolgedessen insbesondere in den kleineren Gemeinde¬ 
gefängnissen aus. 

Der Grundsatz, dass die Anstalten tunlich den Bedarf 
aller Staats- und Kommunalbehörden decken sollen, hat 
zu Ungunsten der Anstaltsdruckereien noch eine erhebliche 
Einschränkung erfahren: Die freien Druckereien haben es 
durchgesetzt, dass seit 1898 die Gefängnisse nur für andere 
Gefängnisse und für öffentliche Wohltätigkeitsanstalten 
Druckarbeiten ausführen dürfen. Die grossen Aufträge 
der Magistrate und Polizeiverwaltungen auf Formulare 
sind damit der Gefängnisverwaltung entzogen. 

Seit einiger Zeit besteht in Neuyork ein privates 
„National-Committee on Prison Labour“, das sich zunächst 
die wissenschaftliche Untersuchung der Frage der Gefängnis¬ 
arbeit an der Hand von Fragebogen und Enqueten zur 
Aufgabe gesetzt hat und die Ausrottung der in den Süd¬ 
staaten noch bestehenden Unsitte der völligen Ueberlassung 
der Gefangenen (d. h. Wohnung, Verpflegung, Beschäftigung) 
an Unternehmer (Lease System) beabsichtigt. 



269 — 


4. Ein glücklicher Zufall brachte es mit sich, dass an 
einem der nächsten Tage in dem weit von Neuyork be¬ 
findlichen „Sing-Sing“-Gefängnisse die Kommission für die 
vorläufige Entlassung tagte. Ich begab mich um so freu¬ 
diger hinaus, als genannte Anstalt nicht auf dem Reise¬ 
programm verzeichnet stand. Letzteres mit Recht. Sehens¬ 
wertes gibt es hier nicht. Das Gebäude ist zum grössten 
Teile in den Jahren 1825—1829 gebaut worden und zwar 
bereits damals von Gefangenen. Es haben zwar mehrfach 
Anbauten stattgefunden, der Hauptteil der Anstalt ist aber 
der alte geblieben. 

Hier, wie überall bei der Besichtigung amerikanischer 
Gefängnisse muss dem europäischen Fachmann die Art 
des Zellenbaues auffallen. Das panoptische System 
ist so gut wie unbekannt, ebensowenig gibt es Zellen in 
unserem Sinne, d. h. Stübc^hen mit Holztür und vergittertem 
Fenster; man findet vielmehr in Amerika durchw'eg das 
Blocksystem vor, d. h. zwei Reihen von Zellen, die Rücken 
an Rücken stehen mit einem mannsbreiten Zwischenräume 
zwischen den beiderseitigen Rückwänden, in dem sich die 
Wasser- und Lichtleitungen befinden. Ein solcher Block 
steht wie ein auf der langen Kante stehender Dominostein 
in einem Luftraum, der seinerzeit von den Hauswänden 
umgeben ist. Soviel ich herumfrug, nirgends be¬ 
steht die Absicht, dieses Bausystem aufzugeben. Es hat 
allerdings gewisse Vorzüge: Die Zellen können kleineren 
Kubikraum haben als bei uns, da der Insasse an dem 
gewaltigen gemeinsamen Luftraum des Hauses teilnimmt, 
die Beaufsichtigung der Gefangenen durch die breite Gittei tür 
ist leichter als durch ein Beobachtungsloch, Entweichungen 
durch die Mauer sind unmöglich, die Temperatur ist eher 
überall eine gleichmässige, die Heizung der einzelnen Zellen 
und damit die interkommunizierende Röhre mit allem Nach¬ 
teil für die Disziplin fällt fort. 

Grösser aber sind die Nachteile des Systems: Wie der 
Aufseher den Gefangenen, so kann der Gefangene den 
Aufseher beobachten; mittels kleiner Spiegelstückchen, die 
sich die Gefangenen zu verschaffen wissen und die sie 
zwischen den Türrahmen klemmen, sehen sie alles, was 
auf dem breiten Gange vor sich geht, können sie den 
Wächier bei Tage und noch besser bei Nacht nahen sehen 
uiid inzwischen mit dem Zellennachbar in Verbindung 
treten, und zwar sowohl mündlich wie durch Händereichen 
durch das Gitter hindurch. Der Disziplin ist also nicht 



270 


gedient. Aber weiter: Der Vorteil der gleichmässigeii 
Temperatur gilt im allgemeinen nur für die warme Jahres¬ 
zeit; wird geheizt und ist der Zellenblock mehr als drei 
Stock hoch, so wird die Hitze oben unerträglich, während 
der Gefangene in den untersten Zellenreihen friert. End¬ 
lich : Der Urzweck der Gefängniszelle wie der Klosterzelle, 
von der sie abstammt, nämlich die Gelegenheit zur inneren 
Einkehr, wird einfach ausgeschaltet; der Gefangene in 
Amerika fühlt sich nie allein, ständig hört er das geringste 
Geräusch in den Nach barzellen wie im Hause. Berück¬ 
sichtigt man noch das abstossende, Raubtierkäfigen gleiche 
Aeussere der amerikanischen Zellen, so wird man zu dem 
Ergebnis gelangen, dass von einer Einführung dieses Systems 
bei uns nicht die Rede sein kann. 

Dass der Gefangene keine ausreichende Gelegenheit 
zur inneren Einkehr hat, macht dem Amerikaner anscheinend 
nicht viel Sorge, ist doch das ganze, zumeist auf der un¬ 
bestimmten Verurteilung beruhende System der Freiheits¬ 
strafen darauf zugeschnitten, die Gedanken des Rechts¬ 
brechers nicht wie bei dem bestimmten Strafurteil in erster 
Linie rückwärts auf die Tat, sondern weit mehr vorwärts 
auf die Zukunft und die Sorge für diese zu richten. 

5. Damit bin ich auf die Frage der unbestimmten 
Verurteilung gekommen und kann sie in einem noch 
so gedrängten Reisebericht über amerikanische Gefängnisse 
ebensowenig völlig unerwähnt lassen, wie sich der in den 
Vereinigten Staaten reisende Fachmann ihrem Studium 
völlig zu entziehen vermag. Denn die unbestimmte Ver¬ 
urteilung ist zum araerikv^nischen Gemeingut geworden. 

Was die unbestimmte Verurteilung in Europa von 
vornherein in Verruf gebracht hat, ist ihr Name — und 
dieses ungünstige Urteil ist geblieben, obwohl von allen 
Seiten darauf aufmerksam gemacht worden ist, dass es in 
Amerika eine ganz unbestimmte Verurteilung d. h. ohne 
gesetzlich festgelegtes Höchstmass und Mindestmass der 
Strafdauer überhaupt nicht gibt. Die Bedenken, die man 
bezüglich einer bei dem Wortlaut der Gesetze möglich 
scheinenden Willkür der Entlassungsbebörde haben kann, 
schwinden, wenn man die Praxis kennen lernt. Diese hat 
sich in den verschiedenen Ländern dahin ausgebildet, dass 
als die Regel die (stets vorläufige) Entlassung nach Ab¬ 
lauf des Strafminimums ins Auge gefasst und auch zumeist 
erfolgt, die Unbestimmtheit der Strafdauer also eine sehr 
relative ist. Das Minimum beträgt aber meist 1 Jahr — 



271 


unter der Herrschaft der unbestimmten Verurteilung ist 
also, wie auch statistisch erwiesen worden ist, die Durch¬ 
schnittsdauer der Freiheitsstrafe eine weit längere als die 
unter der Herrschaft der bestimmten Strafe. Der Vergeh 
tungsgedanke kommt also ausgiebig zu seinem Rechte. ’ 

Führt der Gefangene sich schlecht, so verlängert sich 
das Minimum um jeweils eine gewisse Anzahl von Tagen, ’ 
welche ein für alle Mal für die in der Hausordnung einzeln 
aufgeführten Straftaten festgesetzt ist. Ob die Verlängerung 
eintritt, entscheidet der Direktor im Verein mit dem An¬ 
staltsarzt und dem Oberaufseher. 

Ob die schroff ablehnende Haltung des Vorentwurfs 
gegenüber der Einführung der unbestimmten Verurteilung 
auch Jugendlichen gegenüber gerechtfertigt ist, mag hier 
dahingestellt bleiben. Haben wir aber nicht schon in der 
Fürsorgeerziehung, insoweit sie von dem Jugendlichen als 
ein üebel, als Strafe für sein schlechtes oder sträfliches 
Verhalten empfunden wird, eine Art „unbestimmte Ver¬ 
urteilung“, mit gegebenem Maximum, dem Eintritt der Voll¬ 
jährigkeit, und einer „vorläufigen Entlassung“ in zweifacher 
Gestalt, der Entlassung aus der Anstalt in Dienst und der 
Entlassung aus der Fürsorgeerziehung unter Vorbehalt des 
Widerrufs (§ 13 Abs. 2 FGGes.) ? Könnte in dem Straf¬ 
vollzüge gegenüber Jugendlicher, wo doch zweifellos der 
Gedanke der Sühne gegenüber dem der Erziehung weit in 
den Hintergrund zu treten hat, bei der Begehung schwerer 
Vergehen nicht Aehnliches Eingang finden, zumal sieh 
künftig bei leichteren Straftaten die kurzen Freiheitsstrafen 
durch Absehen von Strafe (§ 83 des Vorentwurfs), Verweis 
und bedingte Strafaussetzung hoffentlich fast ganz werden 
vermeiden lassen? Dass dabei der Unterschied zwischen 
Strafe und Erziehung, welche bei Jugendlichen beide das¬ 
selbe wollen, verwischt wird, dürfte kein Nachteil, eher 
ein Vorzug sein. 

Interessant ist der Aufsatz des Präsidenten der Neu¬ 
yorker Gefängnisgesellschaft in ihrem neuesten Jahres¬ 
berichte für 1910 über die unbestimmte Verurteilung. Smith 
erklärt als beklagenswerten Irrtum die Meinung, man könne 
die unbestimmte Verurteilung in allen Gefangenanstalten 
und bei allen Gefangenen anwenden und sieht in dem 
Umstande, dass die Einrichtung in den Vereinigten Staaten 
bereits in anderen als Erziehungsgefängnissen d. b. An¬ 
stalten für jüngere Leute vom 16. bis zum 30. Lebensjahre, 
Eingang gefunden habe, eine hohe Gefahr für den wohl- 



27l> 


verdienten guten Ruf der Einrichtung an sich. Er geht 
aber noch weiter und hält die unbestimmte Verurteilung 
auch in den Jugendgefängnissen für nicht anwendbar auf 
Personen, die sich ganz schwerer Verbrechen schuldig ge¬ 
macht haben, deren Begehung mit der Todesstrafe oder 
lebenslänglicher Freiheitsstrafe bedrolit sei. Im übrigen 
aber sieht er in der Anwendung der unbestimmten Ver¬ 
urteilung mit ihrer lang^ Strafdauer g<?rade auf schwere 
Verbrecher den Vorzug der Sicherung der Gesellschaft. 

Einen integrierenden Bestandteil der unbestimmten 
Verurteilung bildet die vorläufige Entlassung. 

6. Bei einem Besuche in Sing-Sing wurde ich in das 
Zimmer des Direktors geführt, wo die Kommission für die 
vorläufige Entlassung tagte. Diese Kommission 
(Board of Parole) besteht nur aus drei Personen, dem 
Superintendenten der Staatsgefängnisse sowie zwei Männern 
aus der Bürgerschaft, zurzeit einem Kaufmann und einena 
Admiral a. D., welche beide reges Interesse an ihrer 
Tätigkeit zeigten. Sie erhalten neben Ersatz ihrer Aus¬ 
lagen eine Jahresentschädigung von 1800 Dollars (etwa 
7600 Mark). Ausser den Genannten befand sich noch eine 
ganze Reihe von Personen im Direktorzimmer; Der An¬ 
staltsstenograph als Protokollführer, der Direktor (Warden) 
der Anstalt, der Anstaltssekretär (in unserem Sinne), Die 
Fürsorge war vertreten: durch den amtlichen parole 
officer und den privaten parole agent, letzterer der Ver¬ 
treter der Neuyorker Gefängnisgesellschaft. Parole officer 
ist der nach dem Gesetze von dem Anstaltsdirektor für 
jedes Staatsgefängnis gegen ein Jahresgehalt von 1200 
Dollars zu bestellende Beamte, dessen Aufgabe es ist, den 
zur vorläufigen Entlassung bestimmten und vorläufig ent¬ 
lassenen Gefangenen Arbeit zu verschaffen und sie als 
Freund zu beaufsichtigen. Da in den Städten regelmässig 
durch Vereine und ihre Angestellte (parole agents) für die 
vorläufig Entlassenen gesorgt wird, erstreckt sich das 
Tätigkeitsgebiet der parole officers der verschiedenen An¬ 
stalten zumeist auf das Land, d, h, hauptsächlich auf Ver 
urteilte, die vom Lande kommen und deshalb zunächst 
auf dem Lande Arbeit erhalten. Zieht der vorläufig Ent¬ 
lassene nach der Stadt, so bleibt er unter der Schutz¬ 
aufsicht des parole officers. 

Neben der Tätigkeit dieser Beamten wird die staat¬ 
liche Aufsicht in folgender Weise ausgeübt: Der zur vor¬ 
läufigen Entlassung gelangende GeLingene verpflichtet sich 



278 


durch Unterschrift, unmittelbar nach Ankunft an seinem 
Bestimmungsorte seine Ankunft (Tag und Stunde) nebst 
genauer Adresse dem Superintendenten (also nicht dem 
Direktor) iauf einem ihm zu diesem Zwecke mitgegebenen 
Formulare nebst frankierten Briefumschläge nach Albany, 
der Residenz des Superintendent, anzuzeigen. Der Arbeit¬ 
geber, falls diesem die Bestrafung unbekannt sein sollte, 
das Fürsorgeorgan, hat die Ankunft an der auf dem Formular 
vorgesehenen Stelle zu bestätigen. Geschieht dies, so er¬ 
hält der vorläufig Entlassene von dem Superintendenten 
ein zweites Formular nebst frankiertem Briefumschlag. 
Dieses neue Formular, welches Rubriken enthält, wie: Ich 
habe folgenden Lohn erhalten. Ich habe meine Abende 
folgendermassen zugebracht. Ich habe folgende Schriften 
gelesen usw., ist am Ersten eines jeden Monats dem Super¬ 
intendenten mit der Beglaubigung durch den Arbeitgeber 
oder das Fürsorgeorgan von dem vorläufig Entlassenen 
einzusenden. Umgehend erhält er ein neues Formular 
nebst Briefumschlag. 

Die Dauer der Bewährungsfrist richtet sich nach der 
Führung des Entlassenen; sie beträgt bei einwandfreier 
Führung meist aber auch wenigstens ein Jahr. Dann. 
erfolgt endgültige Entlassung. Bei schlechter Führung 
(unpünktlichem und unwahrem Berichte, unbegründetem 
Aufgeben der Arbeitsstelle, Nichtauffindbarkeit) und des¬ 
halb notwendig erscheinendem Widerrufe der vorläufigen 
Entlassung erlässt der Anstaltsdirektor einen Haftbefehl 
(Warrant) und zeigt dies dem parole board an. Diese 
Kommission erklärt dann den vorläufig Entlassenen zum 
„Delinquent“. Ist der Entlassene, ehe die Sitzung statt¬ 
findet, bereits wieder eingeliefert, so wird er vorher von 
der Kommission gehört. Der bisherige vorläufig Entlassene 
hat die Zeit seit der Entlassung bis zum Zeitpunkte zu 
verbüssen, der in dem auf „delinquent“ lautenden Beschlüsse 
als Augenblick der Verwirkung der Vergünstigung be¬ 
zeichnet wird. 

Eine generelle Beaufsichtigung vorläufig Entlassener 
während der Bewährungsfrist durch die Polizei ist unbekannt. 

Sehr intensiv ist auch die Tätigkeit, welche die grosse 
Neuyorker Gefängnisgesellschaft für die vorläufig Ent¬ 
lassenen ausübt. Dieser Verein hat, abgesehen von seinen 
„probation agents“, welche die Schutzaufsicht über die 
bedingt Verurteilten ausüben, einen Stab von fünf Beamten 
.allein zur Ueberwachung der vorläufig Entlassenen. Das 

Blätter für Gefäijgni.skunde. XI.V. 


18 



274 


ist nicht viel, wenn man berücksichtigt, dass die vorläufige 
Entlassung eben die fast ausschliessliche Art der Entlassung 
von Gefangenen ist. An der Spitze des Stabes, als primus 
inter pares, steht der Chief Parole Agent. Er bildet im 
Verein mit dem Geschäftsführer der Gesellschaft und einem 
anderen parole agent die Vereins-Kommission, welche 
darüber Entscheidung zu treffen hat, ob die schlechte 
Führung eines Schützlings Anlass gibt, dem Superinten¬ 
denten Anzeige zum Zwecke des Widerrufs der vorläufigen 
Entlassung zu machen, oder aber dem Entlassenen seine 
Verfehlung noch einmal nachgesehen werden soll. 

Weit weniger Schwierigkeiten als bei uns bieten sich 
dem Neuyorker wie sämtlichen nordamerikanischen Für¬ 
sorgevereinen bei der Beschaffung von Arbeit für die 
vorläufig Entlassenen, wie für Bestrafte überhaupt. Nicht 
nur ist dort das Vorurteil gegenüber Bestraften, sowohl 
auf Seiten der einzelnen Arbeitgeber wie der einzelnen 
Arbeitnehmer — und letztere sind bekanntlich bei uns viel 
unduldsamer als die Arbeitgeber — ein viel geringeres als 
‘ bei uns, sondern der Gedanke der Entlassenenfürsorge in 
seiner gewaltigen sozialen und charitativen Bedeutung hat 
in den Vereinigten Staaten, dem Mutterlande der Ent¬ 
lassenenfürsorge, wo bereits im Jahre 1787 ein noch heute 
bestehender Fürsorgeverein gegründet wurde, ein erheblich 
weiteres Gebiet unter allen Klassen der Bevölkerung er¬ 
obert, als es in Europa der Fall ist. Es ist dies wohl eine 
Folge jenes Umständes, der sich wie jedem, der das 
erstemal Amerika betritt, so auch mir als das „Ameri¬ 
kanischste“ aufgefallen ist: die Vermischung der Klassen¬ 
unterschiede, die Vermischung der Klassen. Niemandem 
wird lediglich wegen seiner höheren hierarchischen oder 
gesellschaftlichen Stellung seitens seiner Untergebener oder 
anderswie nicht Gleichgestellter rein äusserliche Achtung 
entgegengebracht. Der Aermste hält sich für gleichwertig 
dem Reichsten und drückt das in seiner Körperhaltung 
und seinem Benehmen jenem gegenüber aus. Er sagt sich 
nur: Jener hat im Leben mehr Glück gehabt als ich, 
vielleicht erreiche ich es auch noch. „Glück“ aber ist in 
Amerika gleichbedeutend mit „Geld“, „Glück haben“ mit 
Reich werden. Mir als Europäer kam es anfangs eigen¬ 
tümlich vor, als der uniformierte Eisenbahnschaffner nach 
Durchlochung der Fahrharten sämtlicher Fahrgäste sich 
auf das Polster neben mich setzte, die Beine übereinander 
schlug, seine Zeitung aus der Tasche zog und so lesend 



— 275 


neben mir fuhr, oder als mir ein Chauffeur sagte, er fahre 
nur am Tage seinen Wagen, abends studiere er Mechanik, 
denn er wolle erst eine höhere Stelle im Maschinenbaufach 
haben, um dann Kaufmann zu werden und sein „Glück“ 
zu machen. Andererseits befürchten die Hochstehenden 
so sehr sich durch Eingebildetsein auf Stellung oder Geld 
lächerlich zu machen, dass sie sich gern bei Gelegenheit 
über ihre Macht lustig machen. In Neuyork, wo bei den 
ungeheuren Entfernungen alles Untergrundbahn fahren 
muss, die viel schneller als die Berliner Untergrundbahn 
fährt, gibt es nur eine Wagenklasse. 

Dies alles hat es in .Verbindung mit dem Geiste der 
Pflicht zur gegenseitigen Hilfe, wohl der Erbschaft der 
Quäker, zuwege gebracht, dass das Vorurteil gegenüber 
dem Bestraften in Amerika nicht nur nicht in dem Umfange 
besteht wie bei uns, sondern dass nicht wenige Stolz darein 
setzen. Gefallenen zu helfen. So ist es der Neuyorker 
Gefängnisgesellschaft nicht schwer gefallen, eine Vereinigung, 
den „Round Table Club“, von Arbeitgebern ins Leben zu 
rufen, welche sich generell bereit erklärt haben. Bestrafte 
in Arbeit und Fürsorge zu nehmen. Zurzeit sind es etwa 
30 Herren, welche sich an jedem ersten Donnerstage im 
Monate in den Geschäftsräumen der Gefängnisgesellschaft 
versammeln, Erfahrungen austauschen und die gemeinsam 
interessierende Arbeit gemeinsam erledigen. 

Unterhalten wird das bestehende Interesse im Publikum 
durch geschickt abgefasste Artikel in den Tageszeitungen, 
welche, allerdings in reklamehafter Form gehalten sind und 
die Abbildungen von Schützlingen des Vereins „vorher“ 
und „nachher“, d. h. vor und nach der Fürsorge bringen 
und ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. Seit 1884 ferner 
wird in jedem Jahre der vierte Sonntag im Monat Oktober 
als „Prison Sunday“ gehalten. An diesem Tage legen 
nicht nur die meisten Geistlichen in den meisten Staaten 
der Union ihrer Predigt das Thema der Entlassenenfürsorge 
oder ein anderes der Verbrechensbekämpfung zugrunde, 
auch die Mässigkeitsvereine, Fürsorgevereine und andere 
soziale Einrichtungen veröffentlichen alljährlich in jenen 
Tagen Aufsätze und verteilen Flugschriften, welche die 
Entlassenenfürsorge zum Gegenstände haben. In Deutsch¬ 
land gibt es meines Wissens den Prison Sunday nur 
die Geistlichen in Schlesien. 

Staatliche Zuwendußo-en erhält die Neuyorker 
uisgesellschaft nicht, .^le hat im letzten Berich 

-iS- 



(1909) an Einzelbeiträgen privater Mitglieder etwa 16 000 
Dollars eingenommen. Ausserdem ist ihr im vergangenen 
Winter seitens der Russell Sage-Stiftung die Summe von 
2500 Dollars mit der Auflage überwiesen worden, mit diesem 
Gelde eine Enquete über das fernere Lebensschicksal vor¬ 
läufig Entlassener zu veranstalten und zu veröffentlichen. 
Diese Untersuchung, welche sich auf mehrere Hundert Ent¬ 
lassene aus dem Erziehungsgefängnis zu Elmira, die sämt¬ 
lich der Schutzaufsicht des Vereins unterstehen oder unter¬ 
standen haben, erstreckt, nähert sich jetzt ihrem Abschlüsse. 

Neben der Neuyorker Gefängnisgesellschaft arbeitet 
die in Amerika allbekannte Frau Ballington Booth. 

Sie ist eine Schwiegertochter des Begründers der Heils¬ 
armee Generals Booth, steht aber mit ihrem Manne in ge¬ 
wolltem Gegensätze zur Heilsarmee. Gleichwohl hat sie 
nach ähnlichen Grundsätzen ihr eigenes, am 24. Mai 1896 
begonnenes Lebenswerk, die „Volunteer Prison League“ 
organisiert. Die Anregung hierzu ging von Insassen der 
Anstalt Sing Sing aus, denen Frau Booth wiederholentlich | 
aufmunternde Vorträge gehalten hatte. Mehrere Gefangene, ! 
welche ernstlich den Entschluss, künftig ein einwandfreies i 
Leben zu führen, gefasst hatten, jedoch fürchteten, damit 
draussen verlacht zu werden, drückten den Wunsch aus, 
durch ein äusseres Band sich in der Freiheit gegenseitig 
zu halten und zu stützen. So entstand die genannte Frei¬ 
willige Gefängnis-Liga. Wer ihr beitritt, erhält ein Diplom, 
sowie ein auch im Gefängnis zu tragendes Knopfloch-Ab¬ 
zeichen (blauer Stern auf weissem Grunde mit der Unter¬ 
schrift: Blicke auf und hoffe!) und verpflichtet sich, sich 
während der Haft musterhaft zu führen und nach seiner 
Entlassung jedes alkoholische Getränk zu meiden, sich ehr¬ 
lich fortzubringen und anderen zu helfen oder sie zu be- j 
wegen, auf dem geraden Wege zu bleiben. Viele Tausende I 
in den verschiedensten Staaten der Union sind der Liga 
beigetreten. Ihre Zwecke hat Frau Booth verschiedentlich 
in Broschüren sowie in einem, kürzlich in zweiter Auflage 
erschienenen Buche: After Prison What ? niedergelegt. 
Meines Dafürhaltens ist die ganze Liga wenig schädlich, ! 
nicht viel nützend und ziemlich viel Humbu» enthaltend. 

Aus der Liga als ihre notwendige Ergänzung heraus¬ 
gewachsen sind die mehreren Asyle der Frau Booth. Die i 
5Iänner-Asyle heissen Hope-Halls (Hoffnungshallen) und j 

befinden sich auf dem Lande. Das in der Nähe von Neu- 1 

york, bei vSparkhill befindliche Asyl habe ich am 17. Sep- I 



277 


tember 1910 besucht. Hübsch gelegen, von etlichen Morgen 
eigenen Landes umgeben, macht die Anstalt, in Gestalt und 
im Umfange einer grösseren Villa — mit ihren Wirtschafts¬ 
gebäuden von aussen einen recht freundlichen Eindruck. 
Weniger günstig ist der, den ich von dem Geiste der Ein¬ 
richtung erhielt. Gewerbliche Arbeit ist nicht eingeführt. 
Von den etwa 20 anwesenden Entlassenen ist dieser als 
Koch, jener als Nachtwächter, als Gärtner, Kutscher, Haus¬ 
diener, Pferdepfleger beschäftigt, vielfach, wie ich bemerkte, 
auch nicht beschäftigt — für viele offenbar ein momentan 
sorgenloses Dasein. Ein Grundfehler scheint mir zu sein, 
dass viele Entlassene dort monatelang, wenn nicht länger 
bleiben dürfen oder jedenfalls bleiben. 

Einen sehr guten Eindruck dagegen hat mir das 
mitten in der Stadt Neuyork 189 East 28 th Street, gelegene 
Asyl der Frau Booth für Frauen, genannt Rainbow Honse 
(Regenbogen-Haus), gemacht. Es dient sowohl entlassenen 
Mädchen und Frauen als Unterkunft, wie den Frauen und 
Töchtern von inhaftierten IMännern als Arbeitsstätte. Hier 
können die Frauen sich dur(*h Waschen und Bügeln ihren 
Lebensunterhalt mehr als notdürftig verdienen und brauchen 
sich dabei von ihren Kindern nicht zu trennen, denn für 
diese ist ein besonderer Raum mit Kinderbetten und Spiel¬ 
sachen vorhanden. Die Ijeitung scheint vorzüglich zu 
sein. Vom ökonomischen Stadpunkte lebhaft interessiert 
hat mich ein von der Pittsbnrg Water Heater Company 
gefertigter Apparat, der in wenigen Sekunden heisses 
Wasser zum Waschen liefert. Ein Rohr der Wasserleitung 
führt durch diesen eisernen Ofen hindurch nach allen 


•Stockwerken und Stuben des Hauses. Wird irgendwo im 
Hause einer der Leitungshähne aufgedi'eht, so öffnet auto¬ 
matisch das fliessende Wasser in dem Ofen den Gashahn 
von etwa 10 riesigen Brennern: die herausströmende er¬ 
hebliche Gasmenge entzündet sich sogleich an einer o’anz 
kleinen, ständig brennenden Flamme und erhitzt die Wasser- 
schlangc im Ofen so rasch, dass buchstäblich in wenioeu 
Sekunden kochendes Wasser aus dem geöffneten Hahn der 
Leitung läuft. V ird der Hahn der Wasserleitung geschlossen, 
so schliesst sich automatisch der grosse Gnshahn im Ofen, 
ü e grossen Gasflammen verlöschen und nur das eine 
Hammchen glimmt weiter 

durch^ihi-c Prison'oJ!“''?* "■.'® Ncnyoik 

tiü' die Strafentlassen ® 120-124 West 14 th Street, 

^^ben. hie hat eine clor Volunter Prison 





League analoge Vereinigung, die „Brighter Day Leagiie“, 
mit zurzeit etwa 650 Mitgliedern ins Leben gerufen. 

Zwischen der Besichtigung der verschiedenen An¬ 
stalten verwandte ich meine Zeit bis zum Beginn der 
Rundreise zum Anhören verschiedener (.Terichtssitzungen. 
Der aus politisch beeinflussten Wahlen hervorgehende 
Richterstand ist gesellschaftlich nicht übermässig geachtet, 
jedenfalls ist von der Hochachtung, wie sie in England 
dem Richter entgegongebracht wird, keine Spur vorhanden. 
Dleichwohl ist der äussere, sich in der Haltung des 
Publikums zeigende Respekt vor dem Richter ein ungemein 
grosser. Dieser Respekt beruht aber weit weniger auf 
Achtung vor der Stellung als auf Furcht vor der Willkür 
des amerikanischen Richters. 

Zum Beleg diene der folgende Zeitungsbericht: „In den 
Generalassisen sprachen die Geschworenen gestern einen 
jungen Mann, der den Zeugenaussagen zufolge, seine Gattin 
mit einem Revolver bedroht und auf seine Schwiegermutter 
geschossen hatte, von der Anklage des Angriffs frei. Sowie 
Richter S wann das Verdikt der Geschworenen vernommen 
hatte, gab er seiner Entrüstung darüber Ausdruck. Er 
sagte, es sei ihm unverständlich, wie eine Jury einen 
Mann, der zwei schwache Frauen mit geladenem Revolver 
terrorisiere und auf eine derselben wirklich schiesse, frei¬ 
sprechen könne, Es solle sich nur keiner der Geschworenen 
einfallen lassen, jemals vor ihm mit einer Klage gegen 
Revolverhelden zu erscheinen. Wenn jemand ungestraft 
Frauen mit dem geladenen Revolver im Gesicht herum¬ 
fuchteln dürfe, warum nicht auch ihnen, den Geschworenen? 
Ausserdem erklärte der Richter, dass keiner der Geschwo- 
renen je wieder für den Geschworenendienst herangezogen 
werden würde. 

Den Freigesprochenen aber sandte der Richter unter 
der Beschuldigung des versuchten Selbstmords und des 
Waffentragens wieder in Untersuchungshaft, damit er auf 
Grund seiner eigenen Aussagen einer Besserungsanstalt 
überwiesen werden könne. 

Inzwischen war die Woche bis zum 18. September 1910, 
dem Tage des Beginnes der amtlichen Rundfahrt, abgelaufen. 

Zweiter Teil. 

Unterdessen hatten sich allmählich sämtliche Delegierte 
hl Neuyork eingefunden, mit Ausnahme der Japaner, welche 



271> 


vom Westen über Seattle kommend sich uns erst in Chicago 
anschlossen, und des Vertreters der Türkei, der, durch 
Quarantäne und schlechtes Wetter zurückgehalten, erst 
nach Ablauf des ganzen Kongresses eintreffen sollte. Wir 
waren im ganzen 125 Personen, die Angehörigen von 34 
verschiedenen Staaten, wobei die Vereinigten Staaten als 
ein Staat gerechnet sind, die wir uns am Abend des 
18. September 1910 auf dem Bahnhofe der Erie-Bahn zum 
Antritt der offiziellen Rundreise einfanden. Die Regierungen 
von Belgien, England, Frankreich, Holland, Irland, Nor¬ 
wegen, Russland, Schottland, Schweden, Spanien und Un¬ 
garn hatten die Chefs der Gefängnisverwaltung ihres Landes 
entsandt, Vertreter Oesterreichs, dessen Gefängnischef er¬ 
krankt war und inzwischen in den Ruhestand getreten ist, 
war der Redaktor des neuen österreichischen Strafrechts¬ 
entwurfs, Professor Graf Gleispach aus Prag. So bot 
sich mir bei dem nun beginnenden zehntägigen, ausdauern¬ 
den Zusammensein mit den best unterrichteten Fachleuten 
aller Kulturstaaten eine nie wiederkehrende Gelegenheit 
zur eigenen Belehrung und zum Anknüpfen vieler freund¬ 
schaftlicher, höchst wertvoller Beziehungen. 

Das Programm der von der Bundesregierung mit einem 
Kostenaufwande von etw^a 200000 Mark veranstalteten 


Rundfahrt, welche in Neuyork in der Nacht zum 19. Sep¬ 
tember 1910 begann und am 28. September 1910 in 
Washington endete, w^ar musterhaft sorgfältig ausgearbeitet 
worden und wurde genau innegehalten. 

Vorgesehen war die Besichtigung von etwa 10 be¬ 


deutenden Anstalten (Gefängnissen und Erziehungsanstalten) 
hinzukain die Besichtigung von vielen kleineren Gefäng¬ 
nissen, Jugendgerichten und Wohltätigkeitsanstalten, so dass 
von dem einen Ruhetage in Chicago abgesehen, den Teil¬ 
nehmern buchstäblich kaum eine Viertelstunde während 
der ganzen zehn Tage zur freien Verfügung blieb. Zieht 
man ferner in Betracht, dass sieben Nächte fahrend im 
Bahn Zuge, und zwar in Wagen zu gebracht wurden die 
Bequemlichkeit lange nicht an europäische 
Schlafwagen heranreichen, weil der Reisende in den üb- 

reisenden Sn Tnif«^“ Schlafraum mit etwa 14 Mit- 

ÄS Gastmähler 

wird man gern glanhfTnnkspruchen ansehlossen, so 
älteren Teilnehmr.^ die Kundreise, zumal tttr die 

L eine grosse Strapaze darstellte; cs 



280 


muss daher als ein günstiges Geschick betrachtet werden, 
dass keiner der Mitreisenden während der Fahrt so un¬ 
pässlich wurde, dass er sich von der Reise ausschliessen 
musste. 

Höchst undankbar und unrichtig wäre es gleichwohl, 
die Organisation der Rundreise als verfehlt zu schelten, 
ist doch den Teilnehmern, welche die zehn Tage lang Gäste 
der Bundesregierung, der Regierungen der Bundesstaaten, 
der Städte, von Korporationen und Vereinen, und zwar in 
einem Umfange waren, dass die Teilnehmer tatsächlich 
nichts an Geld auszugeben genötigt waren, Gelegenheit 
gegeben worden, sich in überaus kurzer Zeit aus eigener 
Anschauung und auf Grund der Erläuterungen seitens der 
mitreisenden amerikanischen Fachleute sowie der örtlichen 
Anstaltsbearaten ein nicht ganz oberflächliches Bild von 
den Grundsätzen und der Ausführung der heutigen ameri¬ 
kanischen Kriminalpolitik zu machen. Und dafür, dass 
dieses Bild nicht rasch dem Gedächtnis entschwinde, ist 
auch gesorgt worden: Den Kongressteilnehmern wurde als 
gemeinsames Geschenk der schon erwähnten Russell-Sage- 
Stiftung und der Amerikanischen Gefängnisgesellschaft ein 
höchst wertvolles fünfbändiges illustriertes Werk, betitelt: 
Correction and Prevention — 4 Bände mit einem 
Supplementbande: Juvenile Court Laws in the United 
States. New York Charities Publication Committee, 1910. 
überreicht, das in erschöpfendem Umfange das ganze Ge¬ 
biet der amerikanischen Kriminalpolitik (Strafrecht, Straf¬ 
system, Vorbeugende Massnahmen, zumal Jugendfürsorge) 
unter besonderer Berücksichtigung ihrer historischen Ent¬ 
wickelung darstellt und mit seiner Schilderung der einzelnen 
Anstalten auf lange hin als das Standard Werk auf diesem 
Gebiete die unentbehrliche Quelle der Belehrung für alle 
bilden wird, welche sich mit amerikanischer Kriminalpolitik 
im weitesten Sinne beschäftigen, wollen. 

Besichtigt wurden: 1 state prison (Zuchthaus) Auburiij 
o reformatories (Erziehungsgefängnisse Elmira, Mansfield, 
Jeffersonville) sowie eine Reihe von Erziehungsanstalten, 
letztere nach Auswahl der Fahrtteilnehmer, sobald mehrere 
Anstalten von einem Orte aus besucht werden konnten. 

Das state prison zu Auburn kann der Fachmann 
nicht ohne Andacht betreten, ist es doch die Heimat des 
berühmten Auburnschen Schweigesystems, also klassischer 
Boden. Eine angestellte Probe zeigte mir, dass das Prinzip 
noch heute anscheinend streng gehandhabt wird, denn ein 



281 


Gefangener, an den ich eine Frage bezüglich der Art seiner 
Beschäftigung richtete, wies mich schweigend mit dem 
Finger an den entfernt stehenden, ihm den Rücken drehen¬ 
den Aufseher; bei uns würde einem Gefangenen de facto 
nicht verwehrt sein, einem fachmännischen Besucher eine 
kurze Frage kurz zu beantworten. 

Die Anstalt Auburn bietet baulich, abgesehen vom 
historischen Interesse, nichts Sehenswertes. Die Gebäude 
stammen aus den Jahren 1816 bis 1820 und stellen das 
überhaupt zweite, das älteste noch bestehende, Strafgefäng¬ 
nis in der Union dar. Hier verdient der Name des Mannes 
der Vergessenheit entrissen zu werden, der sowohl der 
Einführer des Auburn-Systems (gemeinsame Arbeit mit 
Schweiggebot, Trennung in Einzelzeilen für.die Mahlzeiten, 
Freistunden und bei Nacht), wie derjenige gewesen ist, der 
als der Erste Gefängnisbauten durch Gefangene hat auf¬ 
führen lassen — es ist Hauptmann Elam Lynds, von 
dem das genannte Werk „Correction and Prevention“ im 
Bande „Penal and Reformatory Institutions“ das Portrait 
bringt. Die Anstalt Auburn be.sitzt zurzeit 1282 gewöhn¬ 
liche Zellen, ferner 6 Zellen für zum Tode Verurteilte: 
diese Zellen liegen allzudicht neben dem Saale, in welchem 
sich der elektrische Hinrichtungsstuhl befindet — eine wohl 
nicht beabsichtigte aber jedenfalls unnötige Grausamkeit —, 
sowie 14 Strafzellen, 

Sehr interessant ist der Arbeitsbetrieb, von diesem 
am bemerkenswertesten die Tuchweberei mit ihren ge¬ 
waltigen, elektrisch betriebenen Maschinen, welche die 
ganz roh bezogene Wolle den vielartigen Prozess bis zum 
Garne, dieses den Weg zum fertigen farbigen Tuchballen 
machen lässt. Am AVebstuhl wird Handarbeit geleistet. 
Die Anzugstoffe wandern dann in die Schneiderei der 
Männeranstalt, die wollenen Decken dagegen, ebenso wie 
die in der Anstalt hergestellten Leinenstoffe, in das, nur 
durch die Anstaltsmauer getrennte Frauengefängnis, wo sie 
von den Insassinnen zu Bettdecken und Unterwäsche für 
Männer und Frauen genäht werden. 

Die Seife — jeder Gefangene erhält 1 Stück pro 
Woche — wird gleichfalls in der Anstalt hergestellt. 
Meines Wissens geschieht das bisher nicht in Europa. 

Hier sah ich die erste An s t al t s z eitun g. Sie 
bewahrt den Gefangenen vor unnötiger Entfremdung 
gegenüber den Vorgängen der Aiissenwelt, sie bietet treff- 



282 


liehe Gelegenheit, den Gefangenen zum Guten zu beein¬ 
flussen und macht viele Gefangene mit der Arbeit des 
Setzers und Druckers bekannt. Wie aus den letzten 
Worten erhellt, habe ich dabei nicht eine Zeitung für 
Gefangene, wie den „Kompass“ (Stuttgart bei W. Kohl¬ 
hammer) im Sinne, sondern meine eine in der Anstalt 
redigierte und gedruckte Zeitung. Fast jede grössere 
Anstalt, und zwar Straf- wie Erziehungsanstalt in den 
Vereinigten Staaten besitzt ihre eigene Zeitung. Diese 
wird von einem Beamten der Anstalt oder vielfach auch 
von einem oder zwei Gefangenen, unter Zensur eines 
Beamten, meist des Hauptlehrers, redigiert. Die drei 
Zuchthäuser des Staates Neuyork haben gemeinsam den 
in Sing-Sing gedruckten „Star of Hops“ als Anstalts¬ 
zeitung. Sie erscheint zweimal in der Woche und enthält 
neben kurz gehaltenen generellen Tagesneuigkeiten und 
Aufsätzen, in je einem eigenen Kapitel die nur die Insassen 
von Sing-Sing oder Auburn oder Clinton oder das Frauen¬ 
gefängnis in Auburn interessierenden speziellen Neuigkeiten 
betreffend Beamtenpersonalien, vorläufige Entlassungen 
von Mitinsassen usw. Hervorzuheben ist die in jeder 
Nummer befindliche grosse Zahl der kurzen oder längeren 
Geschichten, Anekdoten, Gedichte, Rätsel usw., welche 
^'on den Insassen der Anstalt berrühren und bei Strafe 
der Verbreitung einer solchen erheblichen Zahl von er- 
dienten Tagen der Freiheit oder Verlängerung der Haft 
um viele Tage, 0 r i g i n a 1 a r b e i t e n der sie einreichen¬ 
den Gefangenen sein müssen. Der Gefangene nennt sich 
als Einsender und Verfasser bei seiner Aufnahmenummer. 

Die erste Anstaltszeitung „The Summary“ erschien in 
der Anstalt Elmira am 22. November 1883. Sie erschien 
anfänglich als Monats-, dann als Wochenschrift. Wegen 
ihres Inhalts kann ich auf das Werk von Herr: „Das 
moderne amerikanische Besserungssystem“, Stuttgart (W. 
Kohlhammerj, 1907 Seite 283 bis 295 und 420 bis 451 ver¬ 
weisen. Hinzufügen möchte ich nur, dass früher neben 
dem Wochenblatt nodi eine monatliche Ausgabe des 
„Summary“ erschien, welche Beiträge von Theoretikern und 
Praktikern auf dem Gebiete des Strafvollzuges enthielt 
und ihren Absatz vornehmlich im grossen Publikum fand. 
Diese Ausgabe musste zum lebhaften Bedauern der Fach¬ 
leute, zum Leidwesen der Beamten von Elmira eingehen 
als jenes, von mir bereits erwähnte Gesetz erging, welches 
verbot, in Gefängnissen des Staates Neuyork andere 



Driickarbeiten als solche für den Bedarf der Gefängnisse 
und öffentlichen Wohltätigkeitsanstalten herzustellen. 

Wir besichtigten Elmira am 19. September 1910. 
Elmira hat als Anstalt für jugendliche Verbrecher Weltruf 
erlangt. Wie wohl viele europäische Fachleute, so war 
auch ich bisher in dem Irrtum befangen gewesen, Elmira, 
jenes berühmte „Reformatory“ sei eine Art Erziehungs¬ 
anstalt, ein Irrtum, der von Herr in dem eben erwähnten 
Buche auch insofern genährt worden ist, als er durchweg 
das Wort „Reformatory“ mit „Besserungsanstalt“ übersetzt 
hat; der deutsche Jurist muss daher an eine Anstalt im 
Sinne des § 56, Absatz 2 Strafgesetzbuchs denken. Tat¬ 
sächlich aber sind die amerikanischen Reformatoris Straf- 
gefängnisse, die man am besten als „Erziehungs¬ 
gefängnisse“ oder, wie Baernreither, Jugendfürsorge 
und Strafrecht in den Vereinigten Staaten von Amerika. 
Leipzig (Dunker & Humblot) 1905 und Freudenthal in 
den „Mitteilungen der Internationalen Kriminalistischen 
Vereinigung“ Bd. 14, S. 396 ff. es tun, als „Reformgefäng- 
nisse“ bezeichnen kann. Sachlich besteht auch darüber 
nirgends Zweifel, da es sich um regelrechte Strafgefängnisse 
handelt, wie nicht nur aus dem ganzen Aeusseren der 
Anstaltsbauten (Zellen, vergitterte Fenster), sondern auch 
daraus hervorgeht, dass die ersten Insassen dem Bestände 
der State prisons zu Auburn und Sing-Sing entnommen 
wurden. Die Eigenheit besteht lediglich darin, dass die 
Anstalten zum Hauptzweck haben, bei den Insassen die 
1 mangelnde Erziehung nachzuholen und deshalb, generell 
i ausgedrtickt, ausschliesslich nicht schwer bestrafte jüngere 
j Leute aufnahmen; präziser ausgedrückt: sie dienen dem 
I .Strafvollzüge ah Leuten zwischen 16 und 30 Jahren, welche 
erstmalig wegen eines Verbrechens verurteilt und noch nicht 
mit Gefängnis vorbestraft sind. Dem genannten Erziehungs- 
zwecke entsprechend wird besonderes Gewicht auf Schul¬ 
unterricht, gewerbliche Unterweisung und körperliche Aus¬ 
bildung gelegt. 

Analoge Anstalten finden wir jetzt als „Borstal 
Institutions“ in England. 

Heber den Schulunterricht und die gewerbliche Aus¬ 
bildung der Insassen der Reformatories, zu welcher unter 
anderem Unterweisung im Maurerhandwerk, in Stenographie 
und Maschinenschreiben gehört haben die oben genannten 
Verfasser bereits ausführlich berichtet, lange nicht genug 
aber über das, was uns Pahrtteilnehmer 1*^ ge- 



— L>84 — 


fallen, viele unter uns begeistert hat: die exakte körper¬ 
liche Durchbildung im Turn- und Militärdrill-Unterricht. 

Als wir die Anstalt Elmira besichtigten, Avurden wir 
auch in das „Gymnasium“, die Turnhalle geführt. In diesem 
waren in regelmässigen Abständen voneinander etwa 200 
Insassen aufgestellt, welche mit kurzärmligem I.eibchen, 
Turnhose und Turnschuhen bekleidet, nach den Klängen 
eines Klaviers Freiübungen machten. Aber Avie! Gespielt 
wurden flotte Märsche und Tänze (Walzer, Twosteps) und 
eine Lust zu sehen Avar es, wie die Gefangenen bei der 
Sache waren. Kein faules Bewegen, wie häufig bei ähn¬ 
lichen Gelegenheiten zu beobachten ist, nein, mit Eifer, 
mit Avuchtigen Stössen wurden die vielartigen Uebungen 
mit sauberster Präzision ausgeführt. Solches körperliche 
Arbeiten hat ZAveck. Jede Muskel wird durch die einzelnen 
Uebungen angespannt und trotz des leichten Anzuges war 
bei jedem Gefangenen feuchte Haut zu sehen. 

Nicht jeder von den durchschnittlich 1500 Anstalts¬ 
insassen Avird zum Turnen im „Gymnasium“ zugelassen; 
dies geschieht vielmehr nur 1. mit allen Neueingelieferten, 
2. auf Anweisung des Anstaltsarztes. Die Neueingelieferteii 
erhalten hier in einer Gruppe A’^on etwa 200 an Zahl an 
4 bis 6 aufeinander folgenden Sonnabend-Nachmittagen je 
zwei Stunden lang die Vorbereitung zum allgemeinen 
Turnunterricht. Die auf Anordnung des Arztes dem 
„Gymnasium“ überwiesenen Leute machen ihre Körper- 
Übungen hier, etwa 150 Mann vormittags und 50 nach¬ 
mittags, und zAvar täglich zwei Stunden lang, mit Aus¬ 
nahme des Sonnabend-Nachmittags, an Avelchem die Klasse 
der Neueingelieferten turnt. Geübt Avird freihändig, soAvie 
mit Keulen, Handeln und Stäben. Der Unterricht im 
„Gymnasium“ dauert so lange, als es der Arzt für den 
betreffenden Insassen für notwendig hält. Dieser Avird 
von Zeit zu Zeit, nach dem anthropometrischen System 
gemessen, um die Zunahme der Muskeln festzustellen. 

Im übrigen spielt sich der Turnunterricht in mili¬ 
tärischen Formen ab. Zu 'diesem Zwecke ist folgende 
militärische Organisation eingeführt: An der Spitze des 
Anstaltsregiments (reformatory legiment) steht der Militär¬ 
instrukteur (military instructor) mit Oberstenrang und 
Anstalts-Oberstenuniform, ihm zur Seite sein Gehilfe (assistanr 
military instructor) mit Oberstleutnantsrang. Das aus etwa 
1200 Mann bestehende Regiment zerfällt in 4 Bataillone 
mit je einem Major als Spitze, das Bataillon zerfällt in 



4 Kompagnien mit einem- Hauptmann an der Spitze. 
Majore und Hauptleute sind Anstaltsbeamte. Die übrigen 
Offiziere (Leutnants, Sergeanten, Bataillonsadjutanten und 
der Regimentsadjutant — dieser als Erster Leutnant) — 
sind Anstaltsinsassen. Die Uniformen sind praktisch und 
geschmackvoll. Die Beamten - Offiziere tragen sie — 
dunkelblauen knappen einreihigen, mit breiter schwarzer 
Borte eingefassten Rock mit Stehkragen, dimkelblaues 
bezw. hellblaues Beinkleid — ebenso wie die Chargierten 
vom Leutnant abwärts — hellblaue Uniform im Winter, 
khakifarbene im Sommer — ständig, so dass sie unmittel¬ 
bar von ihrer sonstigen Arbeit zum Appell eilen 
können. Während der Uebungen tragen sämtliche Offiziere 
(einschliesslich der Leutnants, welche wie erwähnt. Ge¬ 
fangene sind) Säbel, alle übrigen Chargierten und die 
Mannschaften hölzerne Gewehrmodelle. Die Offiziere tragen 
dunkelblaue Käppis mit Schirm und Sturmriemen, die 
Mannschaften Käppis aus khakifarbenem Stoffe ohne beides. 
Die Mannschaftsuniform besteht aus knapp gehaltenem 
khakifarbenem, im Winter dunkelblauem Rock mit ver¬ 
deckter Knopfleiste und Stehkragen, sowie bequemen Hosen. 
Die Regimentsmusik besteht aus 25 Mann, sämtlich Insassen. 

Täglich wird eineinhalb Stunden lang im Bataillons- 
iind Regimentsverbande geturnt und exerziert. Diese 
Uebungen finden des Mittwochs und Sonnabends am Nach¬ 
mittage statt und enden mit einer Parade, zu welcher die 
Mannschaften weisses Lederzeug anlegen, die Flagge 
gehisst und eingeholt, eine Kanone abgefeuert wird usw. 
— alles in streng militärischer Form und Durchführung. 
Der tüchtige Insasse kann alle Dienstgrade aufwärts bis 
zum Leutnant erreichen. 

Ich habe mich über diese körperliche Ausbildung 
der Anstaltsinsassen so ausführlich auslassen zu 
müssen geglaubt, weil die Fahrtteilnehmer wohl ein¬ 
mütig der Ansicht gewesen sind, dass wir es hier mit 
einem Faktor zu tun haben, der nicht nur geeignet 
ist, den Anstaltsinsassen die Elastizität des Körpers 
zu erhalten oder zu verschaffen, sondern der mit 
seiner frischen, flotten Ausführung seinen günstigen 
Eindruck auf das Gemüt und den Charakter des 
Einzelnen nicht verfehlen kann. 

Abgesehen von weniger intensiven Anregungen, die 
sk h aus dem bisher Gesagten ergeben, wie z. B.: Zulassung 
des Zeitungslesens oder Einführung einer AnstaltsÄeitung, 



286 


Verpflichtung einzelner Behörden, ihren Bedarf zunächst 
bei der Gefängnisverwaltung zu decken^ individuelle Aus¬ 
bildung Jugendlicher in bestimmten Handwerken nach dem 
Vorgänge der englischen Borstal - Anstalten, Einführung 
eines moderneren und deshalb rationelleren Arbeitsbetriebes 
in den Anstalten. ungeachtet des Lärmens der freien 
Industrie, Anfertigung von Seife in den Gefängnissen und 
Anderes m.ehr, ist die oben' erwähnte körperliche Aus¬ 
bildung der Anstaltsinsassen diejenige auf meiner Reise 
gemachte Erfahrung gewesen, welche es am ehesten ver¬ 
dienen dürfte, wenn auch in modifizierter Form, für die 
preussische Gefängnisverwaltung nutzbar gemacht zu 
werden. Der derzeitige Militärinstrukteur von Elmira, 
Oberst Vincent M. Masten, hat seine Erfahrungen im 
Anstaltsdienste in einem Buche niedergelegt, welches unter 
dem Titel „The Crime Problem“ im Verlage der „Star 
Gazette Co.“ zu Elmira erschienen ist. Es enthält angeblich 
auch eine genaue Schilderung der eingeführten Uebungen. 
Sollte dies der Fall sein, so werde ich nicht verfehlen, es 
nachzureichen. 

Die erste Veranlassung zur Einführung des ausge¬ 
dehnten Turnunterrichts gab die Gesetzgebung, welche 
durch das Verbot des Unternehmerbetriebes einen grossen 
Teil der Anstaltsinsassen zu wenigstens teilweiser Müsse 
zwang. Um dieses Müssigsein zu bannen, wmrden die 
Freistunden ausgedehnt und mit der Vornahme von Körper¬ 
übungen ausgefüllt. 

In den beiden anderen besichtigten Erziehungsgefäng¬ 
nissen (reformatories), dem zu Mansfield im Staate Ohio 
und zu Jeffersonville im Staate Indiana begegneten 
wir einer ähnlichen, wenn auch weniger sorgfältig 
durchgeführten militärischen Organisation. Besonders Be¬ 
merkenswertes konnte ich w'ährend meines kurzen Aufent¬ 
haltes in diesen beiden Anstalten nicht beobachten, es sei 
denn die eigentümliche „Zentrale“ in Mansfield, wo ein 
Beamter zur ebenen Erde mitten in einem grossen Käfig 
sitzt und von seinem Platze aus sämtliche, von der Zentrale 
aus nach den Zellenflügeln, Höfen und dem Verwaltungs¬ 
flügel führende Türen mittelst Hebeldruckes öffnet und 
schliesst, auf diese Weise den anderen Aufsehern manchen 
Gang ersparend. Er ist ringsum von Eisengitter umgeben, 
um ihn und sein Stellwerk vor Angriffen zu schützen. 

Wegen des besonders guten Geistes, der unter dem 
Direktor Leonard in der Anstalt Mansfield herrschen 



287 


soll, verweise ich auf die erwähnten Arbeiten von Herr, 
Baernreither und Freudenthal. 

In der „Indiana Reformatory“ in Jeffersonville erlebte 
ich die Sensation meiner Reise, die Sterilisation, vul^o 
Kastration, eines Gefangenen. Dieses Thema hat schon 
eine ganze Literatur gezeugt. In deutschen strafrechtlichen 
Zeitschriften wird die Frage u. A. 1. in der Monatsschrift 
für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform (heraus¬ 
gegeben von Aschaffenburg) Band 5 S. 734—743, 2. der 
Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft (heraus¬ 
gegeben von V. Liszt) Band 28 S. 446, 3. dem Archiv für 
Kriminal-Anthropologie (herausgegeben von Gross) Band 39 
S. 32 behandelt. Ich muss im Rahmen dieses Berichts 
mich damit begnügen, auf den Inhalt der genannten Auf¬ 
sätze Bezug zu nehmen und will nur betonen, dass die 
Operation keineswegs etwa die Erektion des männlichen 
Gliedes, oder die Tötung des Geschlechtstriebes und damit 
die Vornahme von Sittlichkeitsverbrechen verhindern will, 
sondern, dass der alleinige Zweck der Operation die Be¬ 
seitigung des Kindererzeugens bei minderwertigen Männern, 
des Empfangens und Gebärens bei minderwertigen Frauen, 
also die Verhinderung der Fortpflanzung seitens jener 
Individuen ist. Solche, diese Operation betreffenden Gesetze 
sind bisher in den Staaten Indiana, Oregon, Kalifornien 
und Connecticut erlassen. 

Das kalifornische Gesetz vom 26. April 1909 ist ab¬ 
gedruckt in dem oben erwähnten grossen Werke: Correction 
and Prevention, Band III S. 62. 

Das Gesetz des Staates Indiana, dessen Anwendung 
ich sah, lautet: 

„Da bei dem Sichfortpflanzen von Verbrechen, von 
Geisteskrankheit und Geistesschwäche die Vererbung 
eine höchst wichtige Rolle spielt, so beschliesst die 
gesetzgebende Versammlung des Staates Idiana, dass 
es nach Annahme dieses Gesetzes für jede in diesem 
Staat bestehende Anstalt, welche mit der Obhut über 
chronische Verbrecher, Idioten, Notzüchtiger und 
Schwachsinnige betraut ist, zwingende Vorschrift sein 
soll, in ihre Beamtenschaft, nebst dem regulären An¬ 
staltsarzt zwei erfahrene Chirurgen von anerkannter 
Tüchtigkeit aufzunehmen, deren Pflicht es sein soll, 
im Verein mit dem Anstalts-Chefarzt, den geistigen 
und körperlichen Zustand derjenigen Insassen zu 
prüfen, die von dem Anstaltsarzt und dem Verwal- 



tungsrat hierzu bezeichnet werden. Wenn es nach 
dem Urteile dieses sachverständigen Kollegiums und 
des Verwaltungsrates nicht ratsam ist, eine Zeugung 
zuzulassen und keine Wahrscheinlichkeit besteht, dass 
sich der geistige Zustand des betreffenden Insassen 
bessern werde, dann sollen die Chirurgen bei'echtigt 
sein, eine solche Operation zur Verhütung der Zeugung 
vorzunehmen, die nach ihrer Entscheidung am sicher¬ 
sten und wirksamsten ist. Aber diese Operation soll 
lediglich in den Fällen vorgenommen werden, die als 
nicht besserungsfähig erklärt worden .sind.“ 

Hiernach bedarf es also nach dem Gesetze zur Ausführung 
der Operation weder der Zustimmung des zu operierenden 
Anstaltsinsassen, noch der des Landesschefs (Governor). 
Tatsächlich aber soll auf Anordnung des jetzigen Ober¬ 
hauptes des Staates Indiana seit dessen vor mehreren 
Jahren erfolgtem Regierungsantritt die Operation nur mit 
Zustimmung der Anstaltsinsassen stattfinden. Wie diese 
Zustimmung erforderlichen Falles erwirkt wird, sollten wir 
erfahren: 

Das uns von dem Erfinder der Operation — dem Arzte 
der Indiana Reformatory Herrn Dr. Harry C. Sharp — ver¬ 
sprochene Schauspiel der Operation an einem etwa 25 Jahre 
alten Onanisten war dadurch ungewiss geworden, dass der 
Gefangene seine Einwilligung zur Operation zurückgezogen 
hatte, als er erfahren hatte, dass sie in Gegenwart einer 
grösseren Zahl fremder Herren vorgenommen werden sollte. 
Um 2 Uhr hätte operiert werden sollen; um 1 Uhr wurde 
uns gesagt, die Operation könne mangels Einwilligung des 
<Tefangenen nicht stattfinden. Als es 2 Uhr wurde, wurden 
wir gleichwohl nach dem Anstaltslazarett gebeten. Hier 
versammelten wir uns, etwa 30 Geladene, im Kreise, als 
der Gefangene in Narkose hereingefahren und auf den 
Operationstisch gelegt würde. Er hatte angeblich in letzter 
Stunde eingewilligt. Die Operation wurde von Herrn Dr. 
Sharp persönlich mit Hilfe zweier Assistenten vorgenommen. 
Er erklärte, dass von den über 450 Operationen, welche 
er seit mehr als neun Jahren vorgenommen habe, dies der 
erste Fall sei, dass er sie in Narkose vornehme. Er tue 
dies einmal, weil der Patient ängstlich geworden sei, dann 
aber auch, um die Operation so langsam vornehmen zu 
können, dass die Zuschauer genau zu folgen vermöchten. 
So geschah es. Dem Gefangenen wurde rechts und links 
der Samenstrang durchschnitten und dieser je nach oben 



289 


d. h. zum Penis hin unterbunden; nach unten den Hoden 
zu, blieb der Samenstrang offen, um eine Hypertrophie 
der Hoden zu verhindern. Die Operation beeinträchtigt 
angeblich weder den Geschlechtstrieb, noch die facultas 
coeundi; nur die Ejakulation wird verhindert; die Operation 
wird angeblich von den meisten Patienten dringend er¬ 
beten, zumal, um sich von dem Laster des Mastubierens 
zu befreien; sie kann auch bei Frauen durch Einschnitte 
in die Eierstöcke vorgenommen werden, doch habe ich 
hierüber nichts Näheres erfahren können. Auf mich hat 
der Vorgang einen abscheulichen Eindruck gemacht. 

Unter den Erziehungsanstalten für kriminell gewordene 
Jugendliche nimmt die weit über die Grenzen Amerikas 
bekannte „George Junior Republic“ einen besonderen Platz 
ein. Wir besuchten sie am ersten Tage der Rundfahrt. 
Sie befindet sich in Freville bei Ithaca im Staate Neuyork, 
nimmt Knaben und Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren 
alt auf und behält sie regelmässig drei Jahre lang. Sie 
ist die eigenste Schöpfung des Neuyorker Kaufmanns 
William R. George, der sich vordem Jahre lang theo¬ 
retisch und praktisch mit der Fürsorge für verwahrloste 
Jugendliche befasst hatte und besteht seit 1894. Die An¬ 
stalt besitzt zurzeit etwa 25 Gebäude, davon 10 Wohn¬ 
häuser; die übrigen Gebäude enthalten: Kirche, Schule, 
Verwaltungsräume, Bäckerei, Wäscherei, Tischlerei usw. 
Das Charakteristische der Anstalt ist, dass die Insassen 
das Recht haben, sich völlig selbständig zu regieren. Sie 
machen ihre Gesetze zivil- und strafrechtlichen Inhalts und 
führen sie durch; sie bilden aus ihrer Mitte einen eigenen 
Gerichtshof und besitzen ein eigenes kleines Gefängnis. 
Dem Anstaltsleiter steht zwar das Recht zu, bei Auswüchsen 
einzugreifen, doch soll die Notwendigkeit hierzu niemals 
Vorkommen. Selbst törichte Gesetze werden von ihm ge¬ 
duldet, da die schlechten Erfahrungen erzieherisch wirken. 
So proklamierte die Versammlung der jungen „Bürger“ vor 
einigen Jahren den achtstündigen Arbtutstag. Am nächsten 
Abend gab es nichts zu essen, da die weiblichen Bürger 
sich weigerten, noch am Abend tätig zu sein. Schleunigst 
wurde das Gesetz aufgehoben. 

Für .speziell weibliche Delikte besteht das Gericht aus 
einem weiblichen Einzelrichter — auch dieses Gesetz haben 
sich die Züglinge selbst gegeben. Der Wahlspruch der 
Anstalt lautet „Nichts ohne Arbeit“; er ist auch auf dern 
Änstaltsgelde zu lesen. Wer am Tage nicht eine bestimmte 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. 19 



290 


Summe durch seine Arbeit verdient hat, kommt vor Ge¬ 
richt und wird zu mehr oder weniger langen Freiheits¬ 
strafen verurteilt. 

Erscheint schon das, an die Privatgefängnisse ver¬ 
gangener Jahrhunderte erinnernde Vorhandensein eines 
richtigen Zellengefängnisses en miniature nicht unbedenk¬ 
lich, so muss die übermässig häufige Verhängung der Frei¬ 
heitsstrafe von Knaben und Mädchen gegen einander miss¬ 
billigendes Kopfschütteln erregen, wie es auch vielfach in 
Amerika geschieht. 

Ueberaus bedenklich vom sittlichen Standpunkte aus 
erschien mir auch das wohl häufig vorkommende lang- 
dauerde Alleinsein eines Knaben und eines Mädchen, beide 
in den Pubertätsjahren, beide schon kriminell geworden, 
also schwache Charakter, in demselben Raume, wie es 
mir in der Wäschekammer auffiel, wo ein kräftiger Junge 
von 16 Jahren allein ohne jede Aufsicht mit einem gleich¬ 
altrigen Mädchen Wäsche legte. 

Im Laufe der Jahre hat sich die Notwendigkeit 
herausgestellt, anstelle von „Bürgern“ der Anstalt, er¬ 
wachsene Handwerker als Ijehrmeister anzustellen. Auch 
hat man danach trachten müssen, die ganz jungen Knaben 
und Mädchen von der Aufnahme auszuschliessen, da sie 
von den älteren Insassen tyrannisiert wurden. 

Mag in der Ausführung auch Manches verfehlt und 
Manches Spielerei sein, so erscheint doch der Grund¬ 
gedanke der Selbstverwaltung bei der Anstaltserziehung 
Jugendlicher gesund. Auch haben sich nach dem Muster 
von Freville bereits weitere neue „Republiken“ in den 
Vereinigten Staaten gebildet. 

Bekanntlich hat Pastor Plass, der Direktor der 
Erziehungsanstalt „am Urban“ zu Zehlendorf bei 
Berlin, dem Gedanken in seiner mustergiltig geleiteten 
Anstalt Leben gegeben, (s. Korsatz: das Erziesungsheim 
„Am Urban“ Berlin) Carl Heymaiin 1905 und Plass: 
Praktische Erziehungsanstalt im Fürsorgeheim „Am Urban“ 
Berlin) Carl Heymann 1910. 

Während das Meiste, was ich an Nachahmenswertem 
in den Anstalten sah, sich nicht ohne weiteres auf 
europäische Verhältnisse übertragen lässt, wurde uns Teil¬ 
nehmern in der „State Agricultwal and Industrial School" 
zu Industry im Staate Neuyork eine Einrichtung gezeigt, 
die uns allen einen so vorzüglichen Eindruck gemacht 



291 


hat, dass wir einmütig erklärten, genau so etwas brauchten 
wir,.hätten wir aber noch nicht, in Europa. 

Wie ihr Name besagt, handelt es sich um eine 
staatliche Erziehunjjsanstalt auf landwirtschaltlicher 
und gewerblicher Grundlage. Aufgenommen werden 
Knaben unter 16 Jahren, welche von den Strafrichtern 
der Anstalt zur Erziehung bis zur Grossjährigkeit über¬ 
wiesen werden, und zwar kann die Ueberweisung von 
Knaben zwischen 12 und 16 Jahren wegen jeder Straftat, 
die von Knaben unter 12 Jahren jedoch nur wegen eines 
begangenen Verbrechens (felony) erfolgen. Die stets „vor¬ 
läufige“ Entlassung (on parol) kann schon nach einem 
Jahre erfolgen, die Durchschnittsdauer des Aufenthalts 
beträgt aber ein Jahr und sieben Monate. Auf dem etwa 
600 ha grossen welligen Anstaltsgelände erheben sich zur 
Zeit im Ganzen 57 Gebäude; von diesen sind 26 Wohn¬ 
häuser (cottages) der Knaben. Von diesen Cottages 
gruppieren sich 6 eng um den aus Verwaltungsgebäude, 
Kirche und Versammlungshalle gebildeten Mittelpunkt der 
Anstalt. Die ürigen 20 Cottages liegen weithin über das 
Anstaltsgelände zerstreut, ein jedes wenigstens aber meist 
weit mehr als 400 Fuss vom Nachbargebäude getrennt. 
Jedes „Cottage“ dient einer „Kolonie“ (colony) als Wohn¬ 
haus. Jede Kolonie besteht aus höchstens 25 Knaben, 
welche unter Aufsicht oder richtiger gesagt bei einem 
Ehepaare (das ist das Bemerkenswerte), wohnen. Der 
Ehemann wird „Supervisor“ seine Frau „Matron“ genannt. 
Die Kolonien, welche sich mit ihren „Cottages“ um die 
erwähnten Hauptgebäude der Anstalt gruppieren, heissen 
„industrial colonies“; hier werden die mehr oder weniger 
zuverlässigen Knaben in Handwerken unterrichtet; die 
dazugehörigen Werkstätten liegen in unmittelbarer Nähe. 
Eine „industrial colony“ besitzt nur soviel Land, dass jeder 
ihrer Knaben ein kleines Gartengrundstück besitzt. Neben 
dem Ehepaar führt hier je ein besonderer Beamte die 
Aufsicht über die Knaben bei Tag und bei Nacht. 

Dieser Beamte fällt bei den „agricultw^al colonies'* 
fort. Letztere liegen, wie erwähnt, weithin zerstreut und 
besitzen eine jede neben dem „Cottage“ einen eigenen 
Pferdestall, Kuhstall, Schweinestall, Geflügelhof, ObsL und 
Gemüsegarten. Ausserdem besitzt jeder Zögling ein Gärt¬ 
chen. Mehrere dieser Kolonien sind alte Gutshöfe die sich 
seit alters her an jener Stelle befunden haben. ’ 


19 ^ 



292 


Während der „Supervisor“ der industriellen Kolonien 
ein ausgelernter Handwerksmeister sein muss, kann man 
als „Supervisor“ der landwirtschaftlichen Kolonien nur 
einen erfahrenen Landwirt und Gärtner gebrauchen. Die 
„Matron“ muss gute Hausfrau und kinderlieb sein, kann 
auch ihre eigenen Kinder bei sich haben. 

Die Anstalt hat einen ständigen Arzt, der auf dem 
Anstaltsgebäude wohnt; regelmässig besucht wird sie von 
einem Spezialarzt für Augen und Zähne. 17 geprüfte 
Lehrer unterrichten die Kinder und zwar zur Hälfte vor¬ 
mittags, zur Hälfte nachmittags. Man sucht die den ein¬ 
zelnen Kolonien zuzuweisenden Knaben möglichst so aus, 
dass sie alle den gleichen Unterricht in ihren „Cottage“ 
nehmen können. Dieses System hat zwar den Vorzug, dass 
der familienähnliche Charakter der einzelnen Kolonie streng 
durchgeführt und die Berührung von Knaben mit denen 
einer anderen Kolonie, in welcher schlechtere Elemente 
sind, vermieden wird. Der Nachteil dieses Systems be¬ 
ruht aber darin, dass die Zuweisung der Knaben in die 
einzelne Kolonie entweder nach dem Alter, oder nach dem 
Grade der Verdorbenheit oder nach dem Wissen des Ein¬ 
zelnen, nicht aber gleichzeitig nach allen drei Gesichts¬ 
punkten erfolgen kann und meist in erster Linie nach dem 
Gradeder Verdorbenheit erfolgt, sodass kleinere und grössere, 
intelligentere und dümmere, gebildetere und unwissende 
Knaben den gleichen Unterricht erhalten müssen. 

Tatsächlich bin ich au(!h später anderen Anstalten 
begegnet, in denen das System von „Industry“ herrscht, 
bis auf die Abweichung, dass der Schulunterricht in einem 
eigenen Schulgebäude mit verschiedenen Unterrichtsklassen 
erteilt wird, in denen also Knaben lediglich nach dem 
Stande ihres Wissens unterrichtet werden. 

Nach amerikanischer Sitte spielt die Verleihung von 
Prämien und anderen Auszeichnungen an die Knaben eine 
grosse Rolle. So darf in jedem Jahre die Kolonie, welche 
sich am besten geführt hat, eine Flagge auf dem Dache 
ihres „Cott.ige“ wehen lassen. In jedem Jahre findet eine 
landwirtschaftliche und Gemüse-Ausstellung statt. Die vor¬ 
jährige wurde an dem Tage unseres Besuches abgehalten. 
Die Knaben stellten ihre eigene Zucht von Kaninchen, 
Vögeln und anderen Tieren vor allen Dingen aber Pracht¬ 
exemplare aller Arten von Gemüse aus. Die Prämien Ver¬ 
leihung erfolgte in Gegenwart einer grossen Anzahl aus¬ 
wärtiger Besucher. Den Schluss des Festes, bei dem die 



293 


Musikkapelle der Knaben spielte, bildete ein Festzug der 
Knaben aus sämtlichen landwirtschaftlichen Kolonien, welche 
ihre gut gehaltenen Pferde und Fohlen, Kühe und Kälber 
vorführten i 

Nach den Jahresberichten sind die Erfolge der Anstalt 
gute, der grösste Teil der Knaben wird der eigenen Familie 
als „vorläufig Entlassener“ zurückgegeben. Führt der 
Knabe sich hier nicht gut, so gibt ihn die Anstalt zu einem 
Meister oder Landwirt in die Lehre. Die Zurückführung 
in die Anstalt erfolgt selten. Von 200 im Jahre 1909 ent¬ 
lassenen Knaben haben sich 175 dauernd gut geführt. 

Einen ebenso vorzüglichen Eindruck haben die beiden 
grossen Erziehungsanstalten für Mädchen: „die State 
Training School for Girls“ zu Geneva im Staate Illinois 
und die Indiana Girls „School“ zu Clcrmont im Staat 
Indiana gemacht. Beide nehmen zwischen 10 und 18 Jahren 
alte Mädchen auf, welche eine Straftat begangen haben 
und ihrem bisherigen Milieu entzogen werden müssen; die 
Mädchen können bis zum vollendeten 21. Lebensjahre in 
der Anstalt behalten werden. Beide Anstalten haben das 
„Cottage-System“ mit vieler landwirtschaftlicher und häus¬ 
licher Arbeit. Von selbst versteht sich, dass in erster 
Reihe aber Wert auf die Ausbildung im Hauswesen (Kochen, 
Waschen, Nähen) und auf Handarbeiten gewerblicher und 
künstlerischer Natur gelegt wird. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass man bei sämtlichen 
erwähnten Anstalten es verstanden hat, an ihre Spitze die 
richtigen Leiter zu stellen. Diese zu finden, ist nicht 
leicht — kaum möglich, wenn man am Gehalte spart. 

Die übrigen von mir besichtigten Anstalten fielen 
nicht in den Bereich meiner Studien; es waren meist 
Erziehungsanstalten ohne jeden repressiven Charakter. 
Nur der Originalität halber sei ein Rettungsturm an einem 
zweistöckigen Anstaltsgebäude im Staate Kentucky er¬ 
wähnt, dessen Inneres aus einer wendeltreppenartigen 
schiefen Ebene aus Blech besteht; bei Feuersgefahr setzen 
sich die Insassen der Anstalt auf die schiefe Ebene und 
rutschen bis in den Hof hinab. So wird das Ueberstürzen 
auf der Treppe vermieden. 

Am 28. September 1910 endete die Rundfahrt in 
Washington; Am 2. Oktober 191^ daselbst die Er¬ 

öffnung des Kongresses statt. 



294 


Sämtliche auswärtigen Kongressteilnehmer wurden 
vom Präsidenten Taft empfangen; wie an jeden, so richtete 
er auch an mich einige liebenswürdige Worte. 

Der Kongress war wie üblich in 4 Sektionen geteilt: 
für Strafrecht, für Gefängniswesen, für vorbeugende Mass¬ 
nahmen und für Fragen, Jugendliche betreffend. Da diese 
4 Sektionen zu gleicher Zeit tagen, kann der Kongress¬ 
teilnehmer, welcher in einer Sektion festgehalten ist, häufig 
nicht an der Beratung ihn besonders interessierender Fragen 
teilnehmen, welche zu gleicher Zeit in anderen Sektionen 
zur Erörterung stehen. Die an jedem Nachmittage statt¬ 
findende gemeinsameHauptversammlung, in welcher namens 
jeder Sektion berichtet wird, bietet hierfür keinen Ersatz, 
da man sich mit Recht scheut, die am Vormittage oft mit 
Mühe erledigten Fragen wieder aufzurollen. 

Ich war zum stellvertretenden Vorsitzenden in der 
zweiten Sektion gewählt und beteiligte mich zumal an der 
Diskussion über die Frage der vorläufigen Entlassung. 
Für uns Deutsche neue Gesichtspunkte kamen dabei nicht 
zur Erörterung. Von Bedeutung ist meines Dafürhaltens 
nur der einstimmige Beschluss, dass die vorläufige Ent¬ 
lassung nicht einzelnen, wenigen Gefangenen als Ver¬ 
günstigung bewilligt w'erden, sondern dass sie eine all¬ 
gemeine Strafvol zngseinrichtung sein soll. 

Wegen der sonstigen Beschlüsse, die zum Teil, so 
bezüglich der sogenannten unbestimmten Verurteilung, erst 
nach lebhaftester Kontroverse, zustande kamen, darf ich 
auf die in einiger Zeit erscheinenden „Actes“ des Kon¬ 
gresses Bezug nehmen. 

Der nächste I ternationale Gefängnis-Kongress findet 
auf Einladung der Grossbritannischen Regierung 1915 zu 
London statt. 



295 


Korrespondenz. 


Aus Strafanstalten. 

Badische Gefängnis-Statistik för das Jahr 1909. Be¬ 
arbeitet im Grossh. Justizministerium. (Karlsruhe C. F. Müller'sche 
Hofbuchdruckerei.) 

Im Hinblick auf die Mannheimer Vereinsversammlung dürfte 
unsern Lesern eine nähere Darlegung des badischen Strafvollzugs 
an der Hand der obengenannten Statistik willkommen sein. 

In Baden bestehen 4 Zentral-Strafansta'ten: das Männerzucht¬ 
haus Bruchsal, die Landesgefängnisse in .Mannheim und Freiburg 
und das Landesgefängnis nebst We.iberstrafanstalt in Bruchsal; ferner 
4 KreLsgefängnisse: Rastatt, Offenburg, Waldshut und Konstanz und 
61 Amtsgefängnisse, sowie das Festungsgefängnis Rastatt. 

Die Amtsgefängnisse dienen zur Vollstreckung kurzer Gefängnis¬ 
strafen (bis zu 1 Monat) und von Hartstrafen; ausserdem als Unter¬ 
suchungsgefängnisse. In den Kreisgefängnissen werden die gegen 
erwachsene männliche Personen erkannten Gefängnisstrafen vollstreckt 
welche die Dauer von 1 Monat, aber nicht von 4 Monaten übersteigen; 
für die Landesteile bei Mannheim und Freiburg dienen die dortigen 
Zentral-Strafanstalten auch als Kreisgefängnisse. 

Im Männerzuchthaus Bruchsal werden alle gegen männliche 
Personen erkannten Zuchthausstrafen vollstreckt, ausgenommen die 
. wegen einfachen Diebstahls und Betrugs im Rückfall erkannten 
Strafen, welche in der Zuchthausabteilung des Landesgefängnisses 
Bruchsal vollstreekt worden. Die Landesgefängnisse Mannheim und 
Freiburg dienen nur zur Vollstreckung von gegen erwachsene 
männliche Personen erkannten Gefängnisstrafen; dem Landesgefängnis 
Mannheim ist ein Krankenhaus für tuiierkulose Gefangene angegliedert. 
Im Landesgefängnis Bruchsal befinden sich ausser der genannten 
Zuchttiaus-Abteilung eine Abteilung für alters-und geistes¬ 
schwache, kranke oder gebrechliche Zuchthaus-und Gefängnis Ge¬ 
fangene, eine Abteilung für Jugendliche zur Voilstrectung 
von Gefängnis-xtrafen von über 1 .Monat gegen Personen unter 
18 Jahren aus dem ganzen Lande; ferner-eine Irren-Abteilung, 
welcher die während des Strafvollzugs in den Zentralstrafanstalten 
und in den Kreisgefängnissen geisteskrank gewordenen Strafgefangenen 
und solche, deren Geisteszustand zweifelhaft erscheint, zur Anstellung 
eines Beobachtungs- und Heilverfahrens vom Ministerium zugewiesen 
werden; ausserdem die Weiberstrafanstalt, in welcher in 
getrennten Abteilungen die gegen Frauen erkannten Zuchthausstrafen 
und die schon 1 Woche übersteigenden Gefängnir,striifen vollzogen 
werden, mit be.sonderer Abteilung für Jugendliche. 

Die oberste Aufsicht über sämtliche Gefängnisse führt das 
Ministerium der Justiz; in den Zentral-Strsfan.stalten wird halbjährlich 
eine Besichtigung durch eine Minisierial-Kominis.sion vorgen""'’Tien. 
Diese Anstaten haben besondere Direkioren, denen in Mannheim, 
Bruchsal und Freiburg auch die Leitung der be.tr. Atntsgt^I^tignisse 
übertragen ist, während die übrio-en Kreis-und Amtso-efÜ**»’^'®*^® 
den Amtsrichtern geleitet werden “ 



— 296 


Die Belegungsfähigkeit der Zentral-Anstalten beläuft sich auf 
1760 Personen; der durchschnittliche Gefangenenstand betrug im 
Berichtsjahre 1296 Personen, darunter 33 Jugendliche. Zahl der Einzel- 
zellen: 1446, darunter: Tag- und Naehtzellen 1334, 31 Krankenzellen^ 
27 Arrestzellen (9 nur für Tag, 61 nur für Nacht.) Höchster Ge¬ 
fangenenstand: 1442 Köpfe; niederster 1202. [Zur Vergleichung seien 
die württcm »ergische Zahlen, soweit möglich beigesetzt: Württemberg. 
DurchschiMtsstand der Gefangenen in den Zentral-Ansialten vom 
Jahre 1909: 1532 Köpfe; höchster Stand: 1756, niederster: 1344. 
Einzelzellen: 800], 70®/<, der Gefangenen der bad. Strafanstalten war 
mit Freiheitsstrafen vorbestraft: 12 */„ Imal, 8®/,, 2mal, 18®/, 3—5mal, 
17®/o 6~10mal, 13®/, 11—30mal, 1,5®/, mehr als 30mal. Bei 15*/, des 
badischen Gefangeuenstandes ist die Straftat auf Gewohnheitstrunk 
und Betrunkenheit zurückzuführen (das dürfte zu nieder berechnet 
sein!) — 

Der Durchschnittsstand der Kreisgefängnisse betrug 88 Köpfe, 
der Amtsgefängnisse: 1215 Köpfe. 

Die Zahl der Disziplinarstrafen in den Zentral-Strafanstalten 
betrug — 1134 = 0,4 auf den Kopf der inhaftierten Personen (Würt¬ 
temberg: 1152 = 0,7); auf Dunkelarrest wurde 75mal erkannt (Würt¬ 
temberg: 359mal). Die Prügelstrafe ist als Disziplinarstrafe durchaus, 
auch bei Jugendlichen, ausgeschlossen. (Ebenso in Württemberg.) 

Zahl der für die vorläufige Entlassung in Betracht 
kommenden Gefangenen: 668; Anträge auf vorl. Eutlassnng 124. 
Zahl der genehmigten vorl. Entlassungen: 111 = 16,6 % ; 6 Widerrufe. 

Beurlaubungen auf Wohlverhalten (bei Strafen 
von über 4 Monaten bis zu 1 Jahr nach Verbüssung von •/*) Zahl 
der in Betracht kommenden Gefangenen: 906; gestellte Anträge: 180, 
genehmigte Beurlauimngen: 158 = 17,4®/,. Widerruf: 24. — 

58,1 ®/o der Gefangenen haben zusammen 8322 Privatbriefe er¬ 
halten. 3 ®/n derselben wurden beanstandet. 66,6 ®/, der Gefangenen 
haben 8258 Privatbriefe geschrieben, davon wurden 5,4 ®/, beanstandet. 
21,1 ®/, der Gefangenen haben Privatbesuche (zusammen 1731 Personen) 
erhalten. — 

Zahl des Aufsichts-Personals: 202 (Württemberg: 221.) 

Verpflegung der Gefangenen. Gesuudenkost in 
2 Kost-Klassen; zur 2. Klasse gehören die Leichtbeschäftigten mit 
Strafen bis zu 1 Jahr, sowie die Schwerbeschäftigten bis zu’/, Jahre; 
alle anderen Gefangenen gehören zur 1. Kost-Klasse. Diese erhalten 
jeden 2. Tag, die anderen jeden 3 Tag 107 gr. OcHsenfleisch oder 120 gr. 
Rindfleisch, wobei die Einrichtung zu treffen ist, dass täglich Fleisch 
zur gemeinsamen Mittag.ssuppe eingelegt wird. Geistige Getränke 
sind nur bei Kranken in dringendster Notwendigkeit zufolge ärztlicher 
Vorschrift zulässig. 

Der Verköstigungsaufwand betrug (ohne Zuschlag der General- 
Unkosten) für 1 Gefangenen auf 1 Tag durchschnittlich 55.9 Pfg. 
(Ludwigsburg einschliesslich Brot: 58 Pfg). — 

Der Gewerbebetrieb ist ausschliesslich Regie-Betriebe 
derart, dass die Vermietung Gefangener durchaus ausgeschlossen ist. 
Jedoch ist die Verarbeitung fremder Stoffe gegen Stück- oder Tage¬ 
lohn in der Anstalt und mit Ausschluss je ler Beziehung des Bestellers 
oder seines Personals zu den Gefangenen ge-itactet. Der durchschnitt- 
l^^he Arbeitsertrag eines beschäftigten Gefangenen für den Tag betrug 
1-^4 (Württemberg’: M. 1.32); in den Kreis - Amtsgefäuguisseu 
o9 2 Pfg. 



297 


Unfallrenten wurden in 2 Fällen bewilligt; im Berichtsjahre 
gelangten an Renten zusammen M. 1075.18 und an guttatsweisen 
Zuwendungen M. 450 zur Auszahlung. 

Der Staatszuschuss für 1 Gefangenen der Zentral-Straf- 
anstalten betrug M. 497.30 oder pro Tag M. 1.36; im Ganzen 
M. 644505 99 [Württemberg: M. 402.38 = M. 1.10, zus. M. 634897.16]. 

Erkrankt waren 15,7 % der G-’fangenen; an Tuberkulose: 
78 Gefangene = 2,4 "'q. Am Jahresschluss befanden sich in den 
Kranken-Anstalten 51 tuberkulöse Gefangene; davon waren 39 schon 
vor der Eiiilieferung erkrankt. Todesfälle: 16; (an Tuberkulose: 4) 
darunter 1 Selbstmord; = 0,5 % sämtlicher Gefangener und 3,3 % der 
Erkrankten. [Württemberg: 10 Todesfälle = 0,09; an Tuberkulose: 

1 Todesfsll]. 

Seelsorge und Unterricht: von 3135 Gefangenen waren 
1242 evangelisch, 1788 katholisch. Aus polizeilichen Gründen vom 
Gottesdienst ausgeschlossen: 17 Gefangene. Schulunterricht erhalten 
die männlichen- Gefangenen bis zum 35., die weiblichen bis zum 30. 
Lebensjahre, des Schreibens und Lesens Unkundige ohne Altersgrenze; 
dagegen sind genügend ausgebildete Gefangene über 20 Jahre, ins¬ 
besondere solche, die den Lehrgang einer Mittelschule durcbgemacht 
haben, nicht schulpflichtig. 

In der Abteilung für männliche Jugendliche findet ein Hand¬ 
fertigkeits-Unterricht, sowie Turn-Uiiterricht in Freiübungen und an 
Geräten statt. Zur Erlernung von vaterländischen und Volksliedern 
wird in allen Zentralanstalten Gesangstunde erteilt. Den Hauslehrern 
liegt noch die Besorgung der Bibliothek-Geschäfte ob. Gesamtzahl 
der nicht schulpflichtigen Gefangenen 1688; der Schüler 1473; am 
Zeichenunterricht nahmen teil 47 [Württemberg 84], 18 Gefangene, 
darunter 10 Ausländer, waren Analphabeten; 3 Gefangene (2 Aus¬ 
länder) konnten nur lesen. 

Ganz besonderen Wert wird in den badischen Gefängnissen 
auf die Fürsorge für die entlassenen Gefangenen gelegt. Die Ge¬ 
fängnis-Verwaltungen stehen in regstem, erfolgreichem Verkehr mit 
den an jedem Amtsgerichtssitz bestehenden Bezirksvereinen für 
Jngendschutz und Gefangenen-Fursorge, sowie auch mit der in Karls¬ 
ruhe befindlichen Zentral-Leitung des Landesverbands dieserVereine. — 

Der XXVn. Bericht dieser Zentralleitung für das Jahr 1900 
zeigt, welch reges Leben in den badischen Schutzvereinen herrscht. 
Das Berichtsjahr brachte abermals eine Erweiterung des Tätigkeits¬ 
gebietes der Bezirksvereine «lurch die Uebernahme der Ueberwachung- 
der unter polizeiliche Aufsicht gestellten Personen, sofern diese fiu' 
nicht sicherheitsgefährliche Gefangene von der Strafanstalts-Konferenz 
gewünscht wird, und der Gefangene selbst seine Zustimmung zu einer 
solchen Massnahme zu Protokoll der Gefängnisverwaltung erklärt hat. 

Zahl der Bezirksvereine: 60 mit zusammen 10900 Mitgliedern. 
Das Gesamtvermögen beträgt: M. 11852123. Die Zahl der Schütz¬ 
linge ist von 3210 auf 3676 gestiegen. Die Zentralleitung hatte sich 
im Berichtsjahre mit 134 Schützlingen zu befassen. Gesamtaufwand 
der Zeniralkasse für Unterstützungen M. 3364.25. Gesamtvermögen 
der Zentral kasse: M 161899 23. 

An Sielle des Geheimen Oberregierungsrat Dr. Reichardt, welcher 
8 Jahre lang in erspriesslichster W<-ise als Ministerial-Koinmissär bei 
der Zentralleitung seines Amtes gewaltet hatte, und aus Gesundheits¬ 
rücksichten zurücktreten musste, wurde durch Justiz-Ministeriums- 



298 


Erlass vom 4, Juni 1909 Ministerialrat Dr. v. Engelberg bestellt. 
Herr Geheimer Oberregierungsrat Dr. Reichardt wurde durch 
einstimmigen Beschluss der Zentralleitung und der Bezirksvereine 
zum Ehren-Vorsitzenden ernannt. - 


Grossherzoglicher Verwaltungshof. 

Karlsruhe, den 7. Dezember 1910. 

Den Unfall des Volksschülers August Kuhn 
von Bietigheim betr. 

An Herrn Taglöhner Theodor Kuhn als gesetzlicher Vertreter des 
minderjährigen August Kuhn, Volksschüler in Bietigheim (bei Rastatt). 

I. Der am 2. August 1896 in Bietigheim (bei Rastatt) als Sohn 
des Taglöhners 'Fheodor Kuhn daselbst geborene August Kuhn, Schüler 
der Vlll. Klasse der Volksschule, hat am 26. Oktobsr 1910 während 
der Verbüssiing einer Gefängnisstrafe von einem Monat im Aints- 
gefän.:iiis in Rastatt beim Spalten von Anfeuerholz für den Bedarf 
des Gefängnisses durch einen Schlag mit dem Beil das vordere Glied 
seines linken Zidgefingers durchtrennt, so dass das Endglied abge- 
nommeii werden musste. 

Das jugendliche Aller des Verletzten, welcher z. Zt. des Unfalls 
14 Jahre 2 Monate und 24 Tage alt war, schliesst nicht aus, dass er 
als freier Arbeiter bei Au.snbung einer Tätigkeit, wie die unfall¬ 
bringende war, nach den Bestimmungen der Reichsgesetze über Un¬ 
fallversicherung — hier handelt es sich um das GUVG. — versichert 
gewesen sein »*ürde — siehe. Handbuch der Unfallversicherung 3. Auf¬ 
lage Band 1 Seite 52 f. Anm 7 zu § 1 GUVG. und die dort ange¬ 
führten Entscheidungen. — Der Verletzte kann also ungeachtet seines 
Jugendlichen Alters in Folge des Unfalls vom 26. Oktober 1910 gemäss 
§ 1 Abs. 1 des Reichsgesetzes betr. die Unfallfüraorge für Gefangene 
vom 30. Juli 1900 einen Anspruch auf Unfallfürsorge haben. 

Auch der Bewilligui‘g einer sofort beziehbaren Rente steht das 
jugendliche Alter de-* Verletzten nicht entgegen — siehe Handbuch 
der Unfallversicherung 3. Auflage Band 1 Seite 261 Anm. 11 zu § 9 
GUVG. und die dort angeführte Entscheidung. — 

Der Unfall ist beim .Spalten von Anfeuerholz mit einem Hand¬ 
beil für den eigenen Bedarf des Gefängnisses vorgekommen, also bei 
einer Tätigkeit, welche, von einem freien Arbeiter verrichtet, an sich 
gegen Unfall nicht versichert gewesen sein würde, da sie nicht ge- 
weriismässig und nicht in einem Fabrik- oder diesem gleichgestellten 
Betrieb, auch nicht in der Land- oder Forstwirtschaft ausgeübt 
worden ist. 

Der Verletzte war aber im Gefängnis mit der dort allgemein 
eingeführten Aibcdt des Tab;ikentrippens beschäftigt, welche dort 
gewerbsmässig und durchschnittlich von 10 bis 12 Gefangenen, also 
auch fabrikmässig ausgeübt wird, und bei Ausübung durch freie 
Arbeiter daher auch nach den Bestimmungen des GUVG. versichert 
sein würde. 

Der Unfall ist zwar nicht bei dem Tabakentrippen eingetreten, 
sondern beint Holzspalten für den Gefängnisbedarf, also bei einem 
häuslichen Dienst, mit dem der Verletzte, der in der Strafhaft fort¬ 
während weinte und schluchzte, auf Anordnung des Gefängnisvor- 



299 — 


Standes zur Beruhiguno; seines durch die Einschliessung erregten Ge¬ 
mütes im Hof des Amtsgefäiignisses vorübergehend beschäftigt 
worden ist. 

Als freier Arbeiter könnte er aber auch bei dieser Tätigkeit 
gegen Unfall versichert gewesen sein, denn gemäss § 3 GUVG. er¬ 
streckt sich die Versicherung auf häusliche und andere Dienste, zu 
denen Versicherte neben der Beschäftigung im Betriebe von ihren 
Arbeitgebern oder von deren Beauftragten heraiigezogen werden. 

Diese Voraussetzungen waren bei der durch den Verletzten 
auBgeübten unfallbringenden Tätigkeit auch gegeben. Denn das Holz¬ 
spalten war ein häuslicher Dienst, zu dem der Verletzte neben der 
Beschäftigung im Betrieb, nämlich dem Tabakentrippen, vom Arbeit¬ 
geber oder seinem Beauftragten, d. i. vom Gefänsinisvorstand, vorüber¬ 
gehend herangezogen worden ist — vergl. auch Handbuch der Un¬ 
fallversicherung 3. Auflage Band 1 Seite 224 ff. — 

Da somit die Voraussetzungen fnr die Anwendbarkeit des § 1 
des GUVG. gegeben sind, ist der Unfall des Verletzten als. ein für¬ 
sorgepflichtiger anzuerkennen; und da nach den Gutachten des Ge¬ 
fängnisarztes, welcher zugleich auch hehaniielnder Arzt und Bezirks¬ 
arzt ist, vom 31. Oktober 1910 und 25, November 1910, auch nach 
der am 17. November 1910 erfolgten Entlassung die Erwerbsfähigkeit 
des vor denn Unfall vollkommen erwerbsfähig gewesenen Verletzten 
durch die Folgen des Unfalls vom 26. Oktober 1910 vermindert sein 
wird, und zwar bis Neujahr 1911 um 25 ®/o> von dort ab für etwa ein 
halbes Jahr um 10 ®/„, so war auch ein Anspruch des Verletzten auf 
Entschädigung anzuerkennen. Dabei war die Schätzung in dem er¬ 
wähnten Gutachten des Grossh. Bezirksarztes Dr. Kompter in Rastatt 
vom 25. November 1910 No. 2430, auf dessen Inhalt hiermit verwiesen 
wird, zu Grund zu legen, da gegen dieselbe keine Bedenken bestehen, 
sie vielmehr durch den Befund (Verlust eines Fingergliedes) hinreichend 
begründet erscheint. 

Hiernach ergeht Be.seheid: 

Der am 2. August 1896 in Bietigheim bei Rastatt geborene 
August Kuhn, z. Zt. Volkschüler, hat wegen des Unfalls, welchen er 
am 26. Oktober 1910 im Amtsgefängnis zu Rastatt erlilten hat, auf 
Grund des Reiehsgesetzes vom 30. Juni 1900, betr. die Unfalltürsorge 
für Gefangene, wegen teilw'eiser Erwerbsunfähigkeit Anspruch auf 
Entschädigung und erhält für die durch den Unfall herbeigeführte 
Einbusse seiner Erwerbsfähigkeit eine Rente von 25 ®/p der Vollrente 
mit Wirkung vom Tag der Entlassung aus dem Gefängnis bis ein¬ 
schliesslich 31. Dezember 1910, und von da an bis auf Weiteres von 
10®/, der Vollrente. 

Der 200fache Betrag des niedrigsten ortsüblichen Tagelohns 
gewöhnlicher erwachsener männlicher Ta^earbeiter, welcher für den 
Amtsbezirk Rastatt, also den Bezirk der für Rastatt, als den Sitz des 
dortigen Amtsgefängnisses, zuständigen höheren Verwaltungsbehörde, 
d. i. des Bezirksrats Rastatt auf täglich 2 M. 50 Pfg. festgesetzt ist, 
berechnet sich auf 200 X 2 M 50 Pfg. = 500 M., übersttjigt also den 
durch § 3 Abs. 3 dss GUVG. als Höchstbetrag der Vollrente festge¬ 
setzten Betrag von 300 M. Somit ist der letztere der Berechnung z\i 
Grunde zu legen. 

Die 25prozentige Rente beträgt daher •—- = jährlich 75 M, 

Sie ist zu gewähren für die Zeit von Entlassung aus der Anstalt, d. i. ' 
vom 18. September 1910 einschliesslich an bis 31. Dezember 1910 ein- 



300 — 


schliesslich und sofort auszuzahlen; die lOprozentige Rente beträgt 
= 30 M. jährlich und ist vom 1. Januar 1911 an in vierteljähr¬ 
lichen Teilbeträgen im Voraus auszuzalilen. 


Bruchsal. Ara Sonntag, 5. März, ereignete sich in der seit 
1903 dem Landesgefängnisse Bruchsal angegliederten Abteilung für 
geisteskranke Verb^recher ein folgenschwerer Auftritt mit einem Geistes¬ 
kranken. Die Abteilung war am genannten Tage mit 22 Gefangepen 
belebt, das Aufsichtspersonal, zur Gewährung der Sonntagsfreizeit, 
auf die Hälfte, mit vier Aufsehern beschränkt. Die Nachtwache hatte 
mit Beginn des Tagesdienstes — Morgens 7 Uhr — Meldung erstattet, 
da«s an allen Stationen Ruhe herrsche, das Tagesdienstpersoiial seine 
Tätigkeit mit Aufschliesscn der Verwahrungsräume, Oelfnen der 
Fenster, Waschräume etc. begonnen. 

In Schlaf raum 17 lag der Gefangene August Filipsohn von 
Prowingen (Russland). Dieser 22 Jahre alte, 1,72 m grosse, muskulöse 
junge Mann ist im Jahre 1908 wegen des weithin bek^annt gewordenen 
Raubmordes am Glaswaldsee b. Bad Rippoldsau zum Tode verurteilt, 
zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt und in das Männer¬ 
zuchthaus hier eingeliefert worden. Von dort wurde er wegen be¬ 
obachteter Erscheinungen von Religionswahnideen im August 1909 
in die oben bezeichnete Irrenabteilung eingewiesen. Die Wahnideen 
auf religiösem Gebiete traten alsbald zurück, Verfolgungswahnideen 
traten an deren Stelle. Das Gesamtverhalten Filipsohns gab zu er¬ 
heblichen Klagen keinen Anlass, doch zeigte er stets ein verschlossenes, 
zurückhaltendes Wesen. — 

Aufseher Sch. betrat um 7 Uhr den Schlafraum Filipsohns, 
wechselte den üblichen Morgengruss, fasste den Genannten scharf 
ins Auge, fand keinerlei Erregungszustand und schritt daher zur 
Oeffnung des Fensters, zu dem nur das Aufsichtspersonal Schlüssel 
führt. Kaum am Fenster angelangt, wurde Sch. von Filipsohn von 
hinten überfallen und durch drei Stiche schwer verletzt. Sch. be¬ 
wahrte trotz dieser Verwundung Geistesgegenwart und Mut, drehte 
sich um, wehrte weitere Angrifte ab, erreichte kämpfend die Türe 
und rief um Hilfe, Darauf sprang der dienstleitende Aufseher K. 
herbei, orientierte sich rasch zur Sache und stürzte sich, von Schmitt 
unterstützt, auf Filipsolin, um diesen zu entwaffnen. Kaum hatten 
beide sich genähert und ihn zu fassen versucht, als Kaufmann einen 
Stich erhielt und mit den Worten: „Ach Gott, ich bin gestochen'^ 
tot zusammenstürzte. In diesem überaus kritischen Momente sprang 
Aufseher B., der das Geräusch des Kampfes und den Wehschrei des 
Aufsehers K. auf seiner Abteilitng gehört hatte, hinzu, versetzte 
Filipsohn, ehe dieser noch zu einem tödlich wirkenden Stich auf Auf¬ 
seher Sch. ausholen konnte, mit seinem Schlüsselbunde einige kräftige 
Hiebe auf Arm und Schulter, so dass diesem die Mordwaffe entfiel. 
Im Verein mit Schmitt und einem weiter hinzugesprungenen Auf¬ 
seher wurde Filipsohn in eine Isolierzelle verbracht. Erst jetzt konnte 
der schwer verletzte und blutende Aufseher Sch. an sich denken. 
Der ganze Vorgang spielte sich in der kurzen Zeit von 5 Minuten ab. 
Arzt und Anataltsvorstand waren auf telephonischen Ruf 7.10 Uhr. 
zur Stelle. Das Mordinstrument hatte sich Filipsohn aus einer zu 
Ventilationszwecken an dem oberen Umlegefensierteil angebrachten 
und abgerissenen eisernen Schere, wie aus dem noch ganz frischen 



301 


Bruch des Eisens ersichtlich, in der, dem Auftritt vorausg^egangenen 
Nacht durch Schleifen am Ofenstein hergestellt. — Die Sektion ergab, 
dass der dem Aufseher K. versetzte Stich Herz und Herzbeutel durch¬ 
bohrt hatte. 

Der Vorgang zeigt, wie gefahrvoll für die Beamten die 
Behandlung geisteskranker Verbrecher ist, bei denen die Wahnideen 
durch verbrecherische Triebe beeinflusst sind. — 

Ob die Wahl des Sonntags mit der geschwächten Personal¬ 
besetzung der Abteilung und die Zeit des Dienstbeginnes — da die 
vier Aufseher zerstreut in der Abteilung beschäftigt sind — zur Aus¬ 
führung der Tat weitere Schlüsse bezüglich der Beurteilung derselben 
zulässt, kann nur die sofort herbeigeführte gerichtliche Untersuchung 
feststellen. Lenhard. 


Slsaas-Lothringen. Aus den Mitteilungen über die Ergeb¬ 
nisse der Gefängnis-Verwaltung fiir 1909/1910. 

Im April 1909 wurde aus En.sisheim die letzte Abteilung des 
militärischen Wachkominandos zurückgezogen. Im Ganzen ist die 
Beamtenzahl in Ensisheim aus Anlass der Einziehung der Militärwache 
um 1 Inspektor und 40 Aufseht^r vermehrt worden. (Durehschnitts- 
stand: 399 Zellen-Gefangene; 6 Inspektoren, 1 Ober-, 71 Aufseher.) 
Bei dem Bezirksgericht Metz ist ein neuer Gebäudeflügel mit Schlaf¬ 
sälen und Speisesaal im Bau begriffen; in Niederbronn und Weissen- 
burg wurden neue Amtsgefängnisse in Benützung genommen. Der 
tägliche Durchsclmittsstand aller Gefangenen (einschliesslich der Haft-, 
(Jntersuchuiigs- und der Arbeitshaus-Gefangenen betrug 1981, gegen 
1956 im Vorjahre. Die Verpflegungskosten in den Strafanstalten und 
ßezirksgefängnissen betrugen für Gesunde und Kranke durchschnitt¬ 
lich 32,2 Pfg. pro Kopf und Tag; im Arbeitshaus Pfalzburg 31,2 und 
in der Hagenauer Knabenanstalt 44,6 Pfg. 

Von den im Berichtsjahr beschäftigten Gefangenen der Straf¬ 
anstalten waren beschäftigt: 

Für die eigene Anstalt.27,8 \ 

für andere Anstalten — für Reichs- u. Unterbehörden . 12,5 % 

an Unternehuierbetrieb.37,5 o/o 

anderweit für Dritte: innerhalb der Anstalt.17,4 “/o 

ausserhalb der Anstalt.4,8 ®/, 

Der Reinertrag der Gefangenen Bescliäftigung in den Strafan¬ 
stalten und Bezirksgefängnissen belief sich auf M. 244 150.60, pro Kopf 
und Tag = 50 Pfg.; (im Arbeitshaus 41 Pfg.), in den Amtsgerichts¬ 
gefängnissen M. 3860.—. 

Von der Landeskasse waren zuzuschiessen: 
für die Staatsanstalten u Bez.-Gef.: M 722 804 96 = M. 396 87 pro Kopf 

„ „ Amtsgerichts-Gefängnisse . „ 137 195.92— „ 648 13 „ „ 

„ das Arbeitshaus. „ 39 321 70— „ 294.72 „ „ 

- die Erz.-u. Bessgs -Anst. Hagenau „ 150 261.- „ 555 90 „ „ 

An Strafvollstreckuiigskosten wurden zum Soll gebracht 

M. 45 507 —; eingezogen M. 11149.—, niedergeschlagen M. 32 662._ 

Iin Zuchthaus wurden diszipl. bestraft 50.5 % Männer, 70,7 ®/ 
Weiber. Von den Gefängnis-Geiangenen in Hagenau und in den 
Bezirks-Gefängnissen wurden diszipl. bestraft 11,7 \ Männer '4 2 ®/ 
Weiher, im Arbeitshaus 44,1 % der In.sassen; in der Erziehuno-s- 
und Besserungsanstalt Hagenau 34,4 % der Knaben. " 







302 


Erkrankt waren im Zuchthaus 31,3 \ Männer, 41,4 % Weiber, 
durchschnittlich tätlich als krank behandelt: 

im Zuchthaus: 2,6 \ Männer, 2,7 7o Weiber 
im Gefäng-nis: 2,3 % „ 2,7 % „ 

An Tuberkulose wurden behandelt 7 Zuchthaus- und 26 Gefängnis- 
Gefangene. Gestorben 3 Zuchthaus- und 10 Gefängnis-Gefangene: 
an Tuberkulose 2 Zuchthaus- und 3 Gefängnis-Gefangene. 

Von den neueingelieferten Zuchthaus-Gefangenen waren vor¬ 
bestraft : 

82 % Männer, 75 ®/o Weiber; von Gefängnis-Gefangenen 
61 % „ 47 % „ 

Von den Zuchthaus-Gefangenen und Gefängnis-Gefangenen mit Strafen 
über 4 Wochen wurden entlassen 

mit guter Aussicht auf Besserung 28,7 “j, 
massiger „ „ „ .29,8 % 

geringer „ „ „ 41,5 7„ 

Die mühevolle Tätigkeit der bestehenden 4 Fürsorge-Vereine in 
Strassburg, Mülhausen, Colmar und Metz nebst Zweigvereinen ist still 
und segensreich weiter gegangen. 

Vorläufig entlassen wurden 9 Zuchthaus-Gefangene ( 8 Männer) 

37 Gefängnis-Gefangene (34 » ) 

Davon waren bis zum Schluss des Berichtsjahres 2 Zuchthaus-Gefan¬ 
gene und 3 Gefängnis-Gefangene rückfällig geworden. Von den in 
früheren Jahren vorl. Entlassenen sind im Berichtsjahre rückfällig 
geworden 5 Zuchthaus-, 8 Gefängnis-Gefangene. 

Bedingten Strafaufschub erhielten 377 Personen; in 74 Fällen 
der 1909 oder früher bewilligten Aussetzung der Strafvollstreckung 
erfolgte nachträglich die Einleitung der Strafvollstreckung. 

D< r tätliche Durchschnittstand der Erziehungs- und Besserungs- 
Anstalt für Knaben in Hwgenau betrug 282,90. 

Auf Grund von § 56 StGB, wurden untergebracht 23 Knaben, 
16 Mädchen. Der Bestand am Schluss des Jahres betrug 112 Knaben, 
56 Mädchen. 

Auf Grund der Bestimmungen über Zwangs-Erziehung wurden 
untergebracht 165 Knaben, 92 Mädchen; am Schluss des Berichts¬ 
jahres Bestand der Knaben 1152, Mädchen 653. 9 jugendliche Prosti¬ 
tuierte wurden in Anstalten zum guten Hirten untergebracht; im 
Ganzen seit der Nov. v. 25 VI. 00 — 54 Mädchen —. 

Im Berichtsjahre sind zwei Unfälle in den Strafanstalten fest¬ 
gestellt worden, für deren Folgen Entschädigungen gewährt werden. 
An Entschädigungen und Kosten, einschliesslich der aus der Vorzeit 
noch fortlaufend zahlbaren, wurden bezahlt M. 1260.—. Schw. 


Ein obsiegendes, gerichtliches Urteil gegen 
eine Entscheidung der prenss. Oberrechnuiigskammer. 


In weiten Kreisen besteht die Meinung, dass, wenn die Ober¬ 
rechnungskammer das letzte Wort gesprochen hat, es dann nur heissen 
kann, sich fügen! Dass diese Meinung eine irrtümliche ist, wird aus 
nachstehenden Ausführungen erhellen. 

Zur Sache: Ich habe seit Jahren monatlich einmal drei Filialen, 
ehemalige Kantongefängnisse, zu bereisen. Eines dieser Gefängnisse 
liegt in der äussersten Peripherie des Landgerichtsbezirkes Aachen 



303 


und ist erst nach langwieriger, mehrfach unterbrochener Fahrt zu 
erreichen. Fahre ich in Aachen morgens 7 Uhr fort, dann bin ich 
in B lankenheim gegen 1 Uhr mittags. — 

Im ersten Jahre, nach erfolgtem Anschlüsse der Kantongefäng¬ 
nisse an die Hauptgefängnisse der Verwaltung des Innern, war mit 
der Revision des Gefängnisses, bezw. der Eantongefängnisse, eine, 
mehrstündige Arbeit verbunden; die Gefangen wärt er mussten ein- 
geiührt werden in eine für sie fremde Buch- und Rechnungsführung. 
Dieser Umstand, verbunden mit dem naturgeniässen Ruhe- und Er¬ 
holungsbedürfnis nach langer, anstrengt-nde.r Fahrt, machte es mir 
unmöglich, noch am selben Nachmittage die Heimreise anzutreten. 
Erst vom Mai 1908 ab, von welchem Zeitpunkte ab der Gefangen- 
wärler eingearbeitet war, ist e.s mir möglich gewesen. Hin- und Rück¬ 
reise an ein und demselben Tage auszuführen. — 

Die Oberrechnungskammer bestand darauf, dass die Reise an 
einem Tage auszuführen sei und dass ich die zu viel liquidierten Be¬ 
träge zurückzuzahlen hätte.; sie änderte diese Entscheidung auch 
dann nicht ab, nachdem ich auf das Gesetz vom 21. Juni 1897, be¬ 
treffend die Reisekosten etc. der Staatsbeamten, hingewiesen und be¬ 
sonders auch auf „B. Zahl der Reisetage Abs. 7“ bezug genommen 
hatte, wonach eine Reise von 7 Stunden und darüber nicht am selben 
Tage ausgeführt zu werden braucht. Bei dieser Sachlage gab es 
für mich nur einen Weg, nämlich den der gerichtlichen Klage! — 


Mein Rechtsanwalt als tüchtig bekannt, hatte einen Prozess 
gegen den Staatsfiskus noch nicht geführt. Er wollte zwei Fragen 
beantwortet haben: 1. Bei welcher Gerichtsstelle ist diese Klage an¬ 
hängig zu machen? 2. Gegen wen ist zu klagen? 

Zu 1. Nach § 70 des Gerichtsverfassungsgesetzes vom 27. Januar 
1877 bleibt es der Landesgesetzgebung überlassen, Ansprüche der 
Staatsbeamten gegen den Staat, aus ihrem Dienstverhältnisse den 
Landgerichten zuzuweisen. Nach dem Ausführungsgesetz zum Ge- 
richtsverfassungsgesetz vom 24. April 1878, Gesetzsammlung für 1878 
Seite 230 § 39 heisst es: — 

Die Landgerichte sind in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten obm«! 
Rücksicht auf den Wert des Streitgegenstandes ausschliesslich zu¬ 
ständig: 1. für die Ansprüche der Staatsbeamten gegen den Landea- 
fiskus aus ihrem Dienstverhältnisse. 


Zu 2. Nach dem Gesetz vom 24. Mai 1861, Gesetzsainmluup.- 
für 1861, Seite 241 ff. heisst es im § 2.: Die Entscheidung des Ve.r- 
waltungschefs muss mit Ausnahme des Falles, wo ein Be¬ 
amter durch eine von der Oberrechnungskammer ge¬ 
troffene Festsetzung verkürzt zu sein glaubt, der Klag-e 
vorhergehen und letztere sodann bei Verlust des Klagerechts innev- 
halb sechs Monaten, nachdem dem Beamten die Entscheidung - de» 
Verwaltungschefs oder die Festsetzung der Oberrechnungskammei- 
bekannt gemacht worden, angebracht werden. 

(Im vorliegenden Falle hatte die, Oberrechnungskammer ihvo 
Festsetzung getroffen, sodass eine Entscheidung des Verwaltungsehefs 
nicht mehr einzuholen war). 


§ 3. Die Klage ist gegen diejenige Provinzialbehörde des be 
treffenden Verwalturigsressorts und in Ermangelung einer solchen 
sowie seitens der Justizbeamten irti Bezirke des Ar)nenAtir.«<.,,urii.Kfc’ 
hote ,u Köln, gegen diejenige Bezirkeregierang iriSen® .deren 



304 


Amtsbezirk der Beamte zu der Zeit, wo der streitige Anspruch ent¬ 
standen ist, vermöge seines dienstlichen Wohnsitzes seinen persönlichen 
Gericlitsstand gehabt hat. Der Stadtbezirk von Berlin etc. etc. 

Der Klageweg war gegeben; mein Rechtsanwalt klagte gegen 
die Retrierun^ in Aaclien als Vertreter des Staatsfiskus. 

Die Beklagte, ebenfalls durch einen Rechtsanwalt vertreten, 
wendete ein: es sei zu bezweifeln, ob, wenn schon gegen die Zu¬ 
lässigkeit des Rechtsweges an sich formell nichts einzuwenden sein 
wird, die materielle Entscheidunjr der Oberrechnungskamnier der 
richterlichen Nachprüfung unterliesre! 

§ 6 des Gesetzes vom 24. Mai 1861, Art. 104 der Verfassung 
und endlich das Gesetz vom 27. März 1872 sollten jenem Zweifel als 
Unterlage dienen. — 

Was nun zunächst § 6 des Gesetzes vom 24. Mai 1861 an¬ 
belangt, so besagt dieser Paragraph nur, dass der Richter die von 
Zentralbehörden allgemein erlassenen Anordnungen etc. zu berück¬ 
sichtigen habe. Da Anordnungen in concreto nicht für mich gegeben 
waren, dass ich die Reise nach Blankenheim an einem Tage auszu¬ 
führen hätte, so konnte diesem § 6 eine Bedeutung nicht zukommen. 

§ 104 der Verfassungsurkunde spricht vom Rechte der Ober- 
rechnun^'Skammer, alle Rechnungen des Staatshaushaltsetats nach¬ 
zuprüfen. Dieses Recht ist natürlich nicht zu bestreiten, auch gai'- 
nicht bestritten worden. — 

Was endlich das Gesetz vom 27. März 1872, Gesetzsammlung 
für 1872, Seite 278, anbelangt, so sagt dieses Gesetz im § 1: Die 
Oberrechnungskammer ist eine dem Könige unmittelbar untergeord¬ 
neten, den Ministern gegenüber selbständige Behörde. 

Nach § 2 des Gesetzes vom 24. Mai 1861 gibt es keinen Rekurs beim 
Verwaltungschef, sofern die Oberrcchnungskammer entschieden hat. 

Aus § 14 des Gesetzes vom 27. März 1872 ergibt sich aber, dass 
auch die Oberrechnungskammer an Verfügungen der Staatsbehörden 
und an das Gesetz gebunden ist! Während ich mich auf das Getetz 
stützen konnte, fusste die Oberrechnungskammer auf ihrer Ansicht, 
eö wäre die Reise nach Blankenheim, bei zweckmässiger Einteilung, 
an einem Tage zu erledigen gewesen! — 

Das Landgericht Aachen hat nun entschieden, dass der Be¬ 
klagte, zur Zahlung von 234 M. nebst 4 \ Zinsen seit dem 15. Sep¬ 
tember 1910, dem Tage der Klagezustellung, kostenpflichtig zu ver¬ 
urteilen s«i. Das Urteil lautet: — 

Tatbestand!. 

Entscheidungsgründe.: 

Die Zulässigkeit des Rechtsweges für den vom Kläger geltend 
gemachten Anspruch unterliegt nach § 1 des Gesetzes über die Er¬ 
weiterung des Rechtsweges vom 24. Mai 1861 nicht dem geringsten 
Zweifel. Die Zuständigkeit dieser Stelle beruht auf § 31 des preuss. 
Ausführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze. An die Ent¬ 
scheidungen der Oberrechnungskammer ist das Gericht bei seiner 
Urteilsfindung nicht gebunden. Das Gegenteil folgt weder aus einer 
positiven gesetzlichen Bestimmung noch aus den Ausführungen die 
der Oberrechnungskamnier durch Art. 104 der Verfassung oder durch 
das Gesetz vom 27. Mai 1872 gestellt sind. Der § 6 des Gesetzes 
vom 24. Mai 1861 hat nur allgemein«^ Verfügungen der Zentral- oder 
Provin/.ialbehörde im Auge, alier Ents<-heidungen über die Rechte 
anderer gegen den Staat, seien es 'auch die Siaatsdiener, zu treffen, 
ist sie nicht berufen. Der Anspruch des Klägers auf Tagegelder 




— 305 — 


und Reisekosten ist zu beurteilen nach dem Gesetze vom 21. Juni 1897 
betreffend die Tagegelder und Reisekosten der Staatsbeamten. Die 
dazu vom Staatsministerium erlassenen Au'‘führungsbe8tin)niungen 
von 11. November 1903. Unter B 7 der letzteren heisst es: Die 
Weiter- o<ler Rückreise, namentlich bei kürzeren Reisewegen, ist nach 
beendi'tem Dienstge-schäfte möglichst noch an demselben Tage anzu¬ 
treten Hat das Diensigeschäft oder die Hinreise nebst dem Dieiist- 
geschäfte 7 Stunden und darüber in Anspruch genommen, so werden 
unter kürzeren Reisewegen solche verstanden, welche in höchstens 
2 Stunden zurückgelegt werden können. 

Diese keineswegs klare und bestimmte Vorschrift kann nur 
dahin verstanden werden, dass der Beamte dann nur gehalten sein 
solle, die Rückreise noch an demselben Tage anzutreten, wenn nur 
ein kürzerer Reiseweg wie von 2 Stunden auf der Rückreise zurück- 
znlegen wäre. Unerfindlich wäre deshalb, dass das Staatsminisierium 
die Unterscheidungsmerkmale zwischen kürzere und längere. Reise¬ 
wege.überhaupt aufgestellt haben sollte, wenn es nicht die Zulässig¬ 
keit der Rückreise am folgenden Tage davon abhängig machen 
wollte. 

Die zu dem jetzt geltenden neuen Gesetze vom Staatsministe¬ 
rium am 24. September 1910 erlassenen neuen Ausführungsbestim- 
muhgen enthalten denn aucTi die klare und bestimmte Vorschrift, 
dass die Rückreise am folgenden Tage unter den vorangegebenen 
Voraussetzungen stattfinden dürfe. Dass diese bei den hier frag¬ 
lichen Reisen des Klägers Vorgelegen haben, unterliegt keinem Zweifel. 
Die Hinreise allein hat öVj Stunden in Anspruch genommen. Dass 
zur ordiiungsmässigen Erledigung des vom Kläger zu erledigenden 
Dienstgeschäftes eine Zeit von IV 2 Stunde nicht hinreichte, muss ohne 
weiteres angenommen werden. 

Zur Rückreise brauchte Kläger etwa 3 Stunden. 

War Kläger sonach berechtigt, die Rückreise auf den folgendea 
Tag zu verschieben, so kommt es weiter darauf nicht an, ob die Zeit 
von 1274 Uhr vormittags bis 5,.59 Uhr nachmittags zur Erledigung 
der Dienstgeschäfte ausgereicht hätte. 

Vielmehr ist die Klage ohne weiteres begründet und müssen 
die Kosten des Rechtstreites nach § 91 dZPO. den Beklagten treffen. 

Gez. Unterschriften. 

V. Michaelis, Strafanstaltsdirektcr in Aachen. 


Aus Vereinen. 

Deutscher Terein gegen den Missbrauch geistiger 
Getränke. Bemerkungen zum Vorentwurf des Strafgesetzbuches 
auf Grund der Beschlüsse der Kommission des Deutschen Vereins 
g. d. M.. g G., verfasst von Professor Dr. Heimberger, Bonn. 

Das Reichsjustizamt hat durch die Veröffentlichung des Vor¬ 
entwurfs zu einem deutschen Strafgesetzbuch alle interessierten Kreise 
kur Kritik an dieser Vorarbeit für ein neues Strafrecht atifg6*^®*’d*‘**** 
Zu denjenigen, welche das lebhafteste Interesse an dem Geling*'** der 
Strafrechtsreform nehmen, gehört der Deutsche Verein geg'«** den 
Blätter für Gefängniskunde. XLV. 20 



306 


Missbrauch geistiger Getränke, der seit Jahrzehnten bemüht ist, üen 
Strafgesetzgeber zur Mitarbeit im Kampfe gegen den Alkoholismus 
zu gewinnen, und mit dankbarer Freude wenigstens einen Teil seiner 
Wünsche durch den Vorentwurf verwirklicht sieht. 

Der allgemeinen Aufforderung zur Beteiligung an der Kritik 
des Entwurfes kommt er um so lieber nach, als er glaubt, ver¬ 
schiedene zweckentsprechende Aenderungen an den Bestimmungen 
des Entwurfes in Vorschlag bringen zu können. 

I. § 43 des Voientwurfs. Die Zulassung des Wirtshaus- 
Verbotes, insbesondere aber der Einweisung in eine Trinker- 
heilanstalt begrösst der Verein als wirksame neue Massnahmen 
zur Bekämpfung des Alkoholismus. Die in der Begründung zu § 43 
angeführten Bedenken gegen das Wirtshaus verbot sind zwar nicht 
unberechtigt, aber der Verein ist mit den Verfassern der Begiü idung 
der Ueberzeugung, dass wegen einzelner Bedenken nicht die Vorteile 
hingegeben werden dürfen, welche mit dem Wirtshausverbot dann 
verbunden sein werden, wenn die Gerichts- und Polizeibehörden sich 
eine energische Handhabung desselben angelegen sein lassen. 

Indessen glaubt der Verein folgende Abänderungen an 
§ 43 Vorschlägen zu sollen: 

1. Die Fassung: „Ist eine strafbare Handlung auf Trunkenheit 
zurüekzufiihren“ lässt die Annahme zu, dass die Vorschriften des 
§ 43 nur dann platzgreifen sollen, wenn die Trunkenheit ausschliess¬ 
liche Ursache der strafbaren Handlung ist, während sie jedenfalls 
auch dann anwendbar sein sollen, wenn ausser der Trunkenheit etwa 
noch Rohheit oder Gewalttätigkeit zur Tat mit Veranlassung gewesen 
sind. Es würde sich, um alle Zweifel auszuschliessen, empfehlen, 
dass man den Wortlaut des englischen Trinkergesetzes vom 12. August 
1898 wählt: „Ist eine strafbare Handlung unter dem Einfluss des 
Trunkes begangen oder ist Trunkenheit eine mitwirkende Ursache 
gewesen.“ 

2. Es ist keine Mindestdauer des Wirtshaus Verbotes 
vorgesehen. Infolgedessen besteht die Gefahr, dass allzukurze Ver¬ 
botszeiten angesetzt werden, welche die Massnahme wertlos machen 
und der Lächerlichkeit preisgeben. Der Schweizer Entwurf vom 
Jahre 1908, Art. 45, sieht eine Mindestdauer von 6 Monaten vor. 
Auch für Deutschland dürfte sich die Ansetzung dieses Minimums 
empfehlen. 

3. Um dem Wirtshausverbot die erhoffte Wirkung zu sichern, 
ist es notwendig, im Gesetz den Richter zu verpflichten, dass er die 
Verhängung des Verbotes in öffentlichen Blättern bekannt mache. 

4. Als Voraussetzung für die Unterbringung in einer Trinker¬ 
heilanstalt verlangt § 43, dass „Trunksucht“ festgestellt sei. Es scheint 
empfehlenswerter zu sagen: „Ist festgestellt, dass der Täter ein 
Gewohnheitstrinker ist.“ 

Unter Trunksucht ist nach den Motiven (Band 1 S. 160) ein 
durch fortgesetzten Alkoholmissbrauch erworbener, derart krankhafter 
Hang zu übermässigem Trinken zu verstehen, dass der Trinker die 
Kraft verloren hat, dem Anreize zum übermässigen Genüsse geistiger 
Geiränke zu widerstehen. Trunksucht ist also der pathologische 
Zustand, vermöge dessen der Trinker dem unwiderstehlichen Hange 
zum Trinken unterliegt. Liegt dieser Zustand aber vor, dann; ist der 
Trinker bereits krank und für die in diesem Zustande begangenen 
alkoholischen Delikte ebensowenig verantwortlich, wie ein an4erer 



307 


Kranker für die im Fieberdelirium begangenen Taten. Bei einem 
derartig Kranken liegt daher nicht nur eine Idinderung, sonderti der 
Ausschluss der freien Willensbestimmung vör, und von einer Be- 
strafungj die nach § 43 ebenfalls Voraussetzung der Unterbringung 
in einer Trinkerheilansialt ist, kann dann unmöglich die Rede sein. 
Der Entwurf enthält auch einen Widerspruch in sich. Während er 
einmal davon ausgeht, dass der Trunksüchtige aus eigener Kraft 
dem Trinken nicht widerstehen kann, rechnet er andererseits mit der 
Möglichkeit, dass dies doch geschehen könne, da er die Ueberweisüng 
in eine Anstalt nur für den Fall, dass der Trinker sich nicht von 
selbst an ein gesetzmässiges und geordnetes Leben gewöhnen kann, 
für zulässig erklärt. 

Wir schlagen deshalb die oben angegebene Fassung vor. Die 
Gewohnheitsmässigkeit setzt zwar auch einen Hang voraus, aber im 
Gegensatz zur Sucht keinen krankhaften, sondern einen Hang, dem 
der Täter widerstehen kann und muss. Es kommt noch hinzm dass 
der Begriff des Gewohnheitstrinkers in der Judikatur des Reichs¬ 
gerichts bereits ein feststehender geworden ist. 

5. Die Unterbringung eines Verurteilten in einer Tri nk er- 
heilanstalt ist nur zugelassen neben einer mindestens zweiwöchigen 
Gefängnis- oder Haftstrafe, ausgeschlossen dagegen neben Zuchthaus¬ 
strafe. Dem Verein erscheint es zweckmässiger, die Massnahme 
schlechtweg zuzulassen „neben einer mindestens zweiwöchigen Frei¬ 
heitsstrafe“, also auch neben Zuchthausstrafe; denn die mit einer 
Zuchthausstrafe notwendig verbundene länger dauernde Erzwingung 
der Abstinenz leistet noch keine ausreichende Sicherheit gegen den 
Rückfall nach der Entlassung. Eine erzieherische Einwirkung durch 
Sachverständige in der Trinkerheilanstalt ist zweifellos von grösserem 
Werte. Ferner ist der Auf<‘nthalt in der Trinkerheilanstalt als ein 
zweckmässiger Uebergang zur vollen Freiheit im Interesse des Fort¬ 
kommens des Verurteilten sehr zu empfehlen. Endlich wird eine 
Inkonsequenz vermieden, die sich bei der jetzigen Fassung des § 43 
zweifellos ergibt: Der Entwurf verspricht sich von einer nur ein¬ 
jährigen Zuchthausstrafe entwöhnende Wirkung, dagegen nicht mit 
der gleichen Sicherheit von lange dauernder Gefängnisstrafe. • Der 
Richter darf die Einweisung in eine Trinkerheilanstalt selbst neben 
fünf- und zehnjährigem Gefäiignis anordnen. Ein Grund für diese 
verschiedene Bewertung beider Strafarten in Bezug auf ihre ent¬ 
wöhnende Wirkung ist nicht vorhanden 

6. Der Vorentwurf schreibt die Entlassung aus der Trinker¬ 
heilanstalt nach dem Ablauf von zwei Jahren vor, gestattet aber im 
Falle früherer Heilung auch eine Entlassung vor dieser Zeit. Da iti 
dei" Trinkerheilanstalt niemals mit voller Sicherheit festgestellt werden 
kann, ob der Pflegling nach seiner Entlassung, wenn die Versuchung- 
an ihn herantritt, nicht wieder dem Trünke verfällt, halten wir es 
für dringend geboten, in allen Fällen die Entlassung nur auf Probe 
(als eine Art vorläufiger Entlassung) zu gestatten und bei eintretender 
Trunkfälligkeit innerhalb bestimmter Zeit ihren Widerruf zuzulassen. 
Es wird sonst nicht ausblciben, dass für Heilungsversuclte Unsummen 
Geldes aufgewandt werden, ohne dass man dauernde Erfolge erzielt. 

7. In dem Woi-tlaut des § 43 kommt es nicht klar zutn Aus¬ 
druck, ob Wirtshau-sverbot und Einweisung in eine Trinkerheilanstalt 
auch bei den Uebertretungen der „gefährlichen“ und der „groben“ 
Trunkenheit zulässig sind. § 43 spricht von den strafbaren Hand¬ 
lungen, die auf Trunkenheit zurückzuführen sind, während iu § 



— 308 


Z. 3 und § 309 Z. 6 die Trunkenheit selbst die strafbare Handlung 
bildet. Um alle Zweifel auszuschliessen, dürfte dem § 43 folgende 
Bestimmung anzufügen sein: 

..Diese Vorschriften finden auch Anwendung auf die Fälle des 
§ 306 Z, 3 und '§ 309 Z. 6 “ 

II. §§ 64 und 65 des Vorentwurfs. 1. Die Bestimmung in § 64 
bedeutet einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem bisherigen 
Hecht. Trotzdem zeigt sie eine Lücke, die nach der Ansicht des 
Vereins dringend der Ausfüllung bedarf. Der § 64 bedroht den auf 
Grund eigener Verschuldung sinnlos Betrunkenen mit der 
Strafe der Fahrlässigkeit, wenn er eine Tat begebt, die bei fahr¬ 
lässiger Begehung überhaupt mit Strafe bedroht ist. Ist bloss 
die. vorsätzliche Begehung strafbar,, dann geht der sinnlos Betrunkene 
straflos aus. Wer also in sinnloser Trunkenheit eine Notzucht begeht 
oder zu begehen versucht, einer Sachbeschädigung, eines Haus- 
friedensbruch^es, einer Beleidigung, Majestätsbeleidigung, Freiheits¬ 
beraubung. Bedrohung usw. sich schuldig macht, wird nicht bestraft 
werden können, weil das Gesetz in diesen Fällen nur die vorsätzliche 
Begehung bedroht, während der sinnlos betrunkene Totschläger, 
Brandstifter, Körperverletzer wegen fahrlässiger Tötung, Brandstiftung, 
Körperverletzung bestraft werden kann. Hierin liegt ein innerlicher 
Widerspruch; denn der entscheidende Grund der Strafbarkeit ist u. E. 
nicht sowohl die begangene Tat selbst, welche ja im Zustande der Be¬ 
wusstlosigkeit begangen ist, als der Umstand, dass man absichtlich oder 
schuldhafter Weise sich in einen solchen Zustand der Trunkenheit ver¬ 
setzt, in welchem man erfahrungsgemäss zur Begehung von Straftaten 
geneigt ist, und den zu vermeiden daher eines jeden Pflicht ist. Bei einer 
solchen Auffassung aber kann es selbstverständlich nicht darauf an- 
konimen, ob die Tat selbst nach dem bestehenden Strafgesetz nur 
vorsätzlich oder auch fahrlässig begangen werden kann, für welche 
Unterscheidung Gründe, die auf ganz anderem Gebiete liegen, mass¬ 
gebend sind, sondern nur darauf, ob überhaupt eine gesetzlich straf¬ 
bare Tat vorliegt, welche der Täter vermeiden konnte und vermieden 
hätte, wenn er sich nicht in den Zustand der Trunkenheit versetzt 
hätte. Es würde durchaus unlogisch sein und vom Volke nicht ver¬ 
standen werden, wenn z. B. der betrunkene Notzüchter straflos bleibt, 
während der betrunkene Brandstifter Strafe erleidet. Diese dem 
Rechtsbewusstsein des Volkes widerstreitende Verschiedenheit in der 
Behandlung Trunkener muss beseitigt werden. 

Abhilfe Hesse sich am einfachsten in der Weise schaffen, dass 
man sämtliche in sinnloser Trunkenheit begangenen strafbaren Hand¬ 
lungen nach den Grundsätzen bedroht, die für die Bestrafung 
des Versuchs aufgestellt sind. Der Richter ist durch den weiten ihm 
hier zur Verfügung stehenden Strafrahmen in die Lage gesetzt, der 
Besonderheit jedes einzelnen Falles hinreichend gerecht zu werden. 

Wir schlagen daher folgende Fassung des § 64 vor: 

„War der Grund der Bewusstlosigkeit selbstverschuldete 
Trunkenheit, so finden hinsichtlich der Bestrafung die Vorschriften 
über den Veisuch (§ 76) Anwendung.“ 

2. Bei solcher Fassung des § 64 müsste in § 65 Abs. 1 der 

Satz 2; „War der Grund.entsprechende Anwendung“ gestrichen 

werden. Seine Unterlage fiele weg. Er bezieht sich nur auf frei¬ 
gesprochene oder ausser Verfolgung gesetzte Trunkene, die deshalb 
nicht bestraft werden konnten, weil ihre Tat bloss bei vorsätzlicher 
Begehung bedroht war. Nach unserem Vorschlag sollten aber auch 




309 


diese Handlungen, wenn von Trunkenen begangen, bestraft werden. 

Die in § 65 Abs. 1 Satz 1 in Aussicht genommene Verwahrung 
in einer öffentlichen Heii- oder Pfiegeanstalt möchten wir Äber gegen¬ 
über gemeingefährlichen Trunkenen nicht missen. Nur müsste sie 
jetzt gegenüber verurteilten Trunkenen zugelassen werden. Wir 
schlagen daher eine entsprechende Abänderung des § 65 vor (siehe 
unten). 

III. Die Bestimmungen in den §§ 63, 64 und 65 bedürften 
zum Teil an sich schon, zum Teil mit Rücksicht auf unsere Vor¬ 
schläge einer Umstellung und im Zusammenhänge damft einer 
Aenderung der in den Verweisungen vorkommenden Paragraphen¬ 
ziffern. 

§ 64 stöllt eine Ausnahme von dem im § 63 Abs. 1 aus¬ 
gesprochenen Grundsatz auf. Es wäre daher folgerichtig den § 64 
in den § 63 als Abs 2 herüberznnehmen, statt ihn von diesem durch 
eine andere Bestimmung zu trennen. 

§ 63 Abs. 2 und 3 führen den neuen Begriff der verminderten 
Zurechnungsfähigkeit in das Strafgesetzbuch ein. Es scheint uns 
angezeigt, diesem Begriffe einen selbständigen Paragraphen zu widmen 
und die beiden Absätze mit der Ziffer § 64 zu versehen. 

Wir erlauben uns, im Folgenden Reihenfolge und Wortlaut der 
§§ 63 bis 65 nach unseren Vorschlägen anzugeben. 

§ 63. Nicht strafbar ist, wer zur Zeit der Handlung geistes¬ 
krank, blödsinnig oder bewusstlos war, so dass dadurch seine freie 
WiUensbestimmung ausgeschlossen wurde. 

War der Grund der Bewusstlosigkeit selbstverschuldete Trunken¬ 
heit, so finden hinsichtlich der Bestrafung die Vorschriften über den 
Versuch (§ 76) Anwendung. 

§ 64. War die freie Willenbestimmung durch einen der in 
§ 63 Abs. 1 bezeicbneten Zustände zwar nicht ausgeschlossen, jedoch 
in hohem Grade vermindert, so finden hinsichtlich der Bestrafung 
die Vorschriften über den Versuch (§ 76) Anwendung. Zustände 
selbstverschuldeter Trunkenheit sind hiervon ausgenommen. 

Freiheitsstrafen sind an den nach Abs. 1 Verurteilten unter 
Berücksichtigung ihres Geisteszustandes und, soweit dieser es er¬ 
fordert, in besonderen, für sie ausschliesslich bestimmten Anstalten 
oder Abteilungen zu vollstrecken. 

§ 65. Wird jemand auf Grund des § 63 Abs. 1 freigesprocheu 
oder ausser Verfolgung gesetzt, oder auf Grund der §§ 63 Abs. 2 
oder 64 Abs.'l zu einer milderen Strafe verurteilt, so hat das Gericht, 
wenn es die öffentliche Sicherheit erfordert, seine Verwahrung in 
einer öffentlichen Heil- oder Pflegeanstalt anztiordnen. Gegenüber 
dem nach § 63 Abs 2 Verurteilten kann in diesem Fall die Unter¬ 
bringung in einer Trinkerheilanstalt nicht angeordnet werden. 

ln Fällen der §§ 63 Abs. 2 und 64 Abs. 1 erfolgt die Ver¬ 
wahrung nach verbüsster Freiheitsstrafe. 

(Abs. 3 und 4 bleiben unverändert.) 

IV. Der Vorentwurf enthält leider keine Strafdrohung gegen 
Wirte und Kleinhändler mit geistigen Getränken, 
welche solche Getränke an Kinder und Betrunkene abgeben! 
Es erscheint dringend notwendig, eine derartige Strafdrohung zn 
schaffen Sie könnte in den § 308 Z. 2 des Vorentwurfs in der Weise 
eingefügt werden, dass hinter den Worten „verboten ist“ die Worte 
eingeschoben werden: „oder an Kinder unter vierzehn Jahren oder 
an Betrunkene“. 



310 — 


' Mit diesen AbÄnderungs- und Verbesserungsvorschlägen. glaubt 
sich der Demsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke 
innerhalb ^bescheidener Grenzen gehalten und nichts verlangt zu 
haben,, was bei der heutigen Lage der Verhältnisse nicht erreicfabar 
Mtäre. . Er verhehlt sich allerdings nicht, dass auch gegen diese be¬ 
scheidenen Wünsche, ja sogar schon gegen die im Vorentwurf in 
Aussicht genommenen Massnahmen zur Bekämpfung von Trunkenheit 
und Trunksucht sich lebhafte Gegnerschaft erheben wird, sei es von 
bestimmten Interessentengruppen, sei es von Leuten, die gegen die 
Bestrafung der in der Trunkenheit begangenen Delikte aus äbertrieb«*ner 
jiiKistischer Bedenklichkeit gewisse Einwendungen geltend zu mat'hen 
haben. Seit drei Jahrzehnten haben ja alle Versuche, auf dem Wi^ge 
der Strafgesetzgebung dem Alhoholismus entgegenzutreten, denselben 
Widerstand gefunden. Trotzdem glauben wir hoffen zu dürfen, es 
werde jetzt bei der Mehrheit der Volksvertretung sich die Einsicht 
durchsetzen, dass der von dem Vorentwurf vorgezeichnete Weg mit 
Entschiedenheit beschritten werden müsse, wenn endlich mit einer 
enerifischeu Bekämpfung des Alkoholismus, dieser Hauptwurzel des 
Verbrechens, Ernst gemacht werden soll. 

Die Kommission: Professor Dr. Aschaffenburg-Köln; Univ.- 
Professor Dr. Heimberger-Boun; Geh. Kommerzienrat Dr. Möller- 
Brackwede; Amtsrichter Dr. Rümker - Hamburg; Amtsgerichtsrat 
Schmidt-Charlotten bürg; Strafanstaltsdircktor Schwandiier-Ludwigs- 
burgf Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Seiiatspi äsident D. 
Dr. Dr. v. Strauss und Torney-Berlin; Oberbürgermeister a. D. 
Dr. Struckmann-Hildesheim. Schw. 


Die Bheinisch-Westfälische Gefängnis-Gesellschaft hat 
ihren 83. Jahresbericht erscheinen lassen (Düsseldorf; im Selbstver¬ 
lag der Gesellschaft; 172 S.; Preis M. 1.20). 

Demselben ist zu entnehmen, dass die Vereins-Organisation eine 
wesentliche Erweiterung erfahren hat. Die Gesamtzahl der Hilfs¬ 
vereine ist von 102 auf 115 und diej**nige der Mitglieder von 21232 
auf 23167 gestiegen. Speziell in Westfalen: 25 (gegen 22 im vor. 
Jahr) Hilfsvereine mit 4413 (4166 vor. J.) mit M. 15 183.— Einnahmen 
und M. 13 844.— Ausgaben in 1950 Füraorgefällen ; in. der Rhein- 
Provinz: 89 (79) Hilfsvereine mit 18619 (16906) Mitgliedeni; M. 84156.— 
Einnahmen und M 76 841.— Ausgaben bei 6186 Fürsorgefällen 

Bei der Arbeit an den weiblichen Gefangenen leistem die Frauen¬ 
vereine wesentlichen Dienst; in den Zufluchtshäusern zu Düsseldorf, 
Oöln, Elberfeld, Münster, Trier, Essen und Duisburg finden ca. 500 
Weibliche nach ihrer Entlassung Unterkunft. — An 17 Plätzen der 
Rheinprovinz bestehen zur Zeit Beschäftigungs-Anstalten, welche auch 
Strafentlassene aufnehmen; dazu kommen Schreibstuben in Cöln, 
Crefeld, Düsseldorf, Duisburg, Elberfeld, Essen und Mühlheim a. d. R. 
In Düsseldorf besteht ein „Verein für Heimatlose“; in Duishurg, Essen 
und Saarbrücken ist man im Begriff Arbeitsstätten für Wanderer und 
entlassene Gefangene zu errichten; in Herbestal geht man an die 
Errichtung eines Arbeiterasyls für die zahlreichen aus Belgien aus¬ 
gewiesenen Deutschen (jährlich bis zu 2000). 

In der Mitglieder-Versammlung am 12. Oktober wurde im An¬ 
schluss an den (Geschäftsbericht namentlich der Wunsch nach einer 
ausgiebigeren Wandererfürsorge und nach Fortschreiten auf dem be¬ 
tretenen Wege geäussert. 



311 


■ Der Bericht enthält ferner die wertvollen Referate, die in der 
HanptverhandLiing und den Sonder-Konferenzen erstattet worden sind: 

1. Von Amtsgerichtsrat Landsberg-Lennep; Die Jugetidnot 
und die Jugendrechts-Reformen. 

2. Strafahstaltsdirektor Dr. jur. H i ck ma n n- Werl: Wie müssen 
' ■ die Minderwertigen während der Strafverbüssüng behandelt 

werden ? 

3. Strafanstaltspfarrer L i n n e n k e mp e r -Münster: Willens- 
bildung und Gefangenenseelsorge. 

4. Strafanstaltslehrer Winkler- Düsseldorf: Sittliche Einwir¬ 
kung auf die Gegangenen durch den Lehrer. 

5. Pfarrer J u s t - Düsseldorf: Die religiöse Einwirkung auf die 
kurzzeitigen Gefangenen. 

In der Hauptverhandlung sprach Professor Dr. jur. Rosen¬ 
feld-Münster „Ueber die Bestimmungen des VE. zu einem deutschen 
StGB “, die für Gefängnisgesellschaften von besonderem Interesse sind. 

Referent bezeichnet dabei den Allgemeinen Teil des VE., soweit 
er die Methode der Verbrechensbekämpfung, die Strafen und die 
sonstigen Einwirkungsmittel behandelt, als wahrhaften Portschntt und 
trotz mancher Fehlgriffe als eine bedeutende legislative Leistung, 
während die eigentliche strafrechtliche Dogmatik des Allgem. Teils 
eng, unfrei und dürftig geraten sei und der „Besondere Teil“ bei 
manchen Verbesserungen ira Wesentlichen den alten Charakter fest- 
hsdte. Im Einzelnen tadelt R. bezüglich des Strafensystems, dass 
die Differenzierung von Zuchthaus und Gefängnis nicht über Bord 
geworfen sei; er will nur Zuchthaus und Haft, ohne Festungshaft: 
im Vollzug wünscht er progressives System nach englischem und 
amerikanischem Muster, anerkennt aber, dass der VE. die Verhältnisse 
des progressiven Strafvollzugs gebessert habe. Er wünscht möglichst 
ausgiebigen Gebrauch der vorläufigen Entlassung, deren Wesen übrigens 
auch im VE. ebensowenig klar gestellt sei, wie im geltenden Recht. 

Ueber die „bescheidene“ Anerkennung der Schutzvereins-Tätig- 
keit dörch den VE. bei Ueberwachung der vorl. Entlassenen freut 
sich Referent; sie werde den Vereinen ein willkommener Ansporn 
sein, um ihre besten Kräfte einzusetzen bei der Wiedergewinnung der 
Bestraften für die bürgerliche Gesellschaft. Mit Recht sprach sich R. 
gegen die vorgeschlagenen richterlichen Strafschärfungen aus, worin 
er bei der Diskussion von mehreren Vollzugs-Praktikern kräftig unter¬ 
stützt wurde. 

In Absicht auf die Behandlung der „Habituellen“ will Referent 
den Nachdruck auf die „Gemeingefährlichkeit“ gelegt wissen, tadelt, 
dass die exorbitanten Rnckfallsstrafen obligatorisch eingeführt 
werden sollen, ist für Sonder-Anstalten, bedauert aber die Unter¬ 
bringung auf be.stimmte Zeit. Der VE. habe hier den Anschluss an 
die moderne Bewegung der Kulturstaaten verfehlt. Beim Arbeitshaus 
spricht sich R. gegen die Vermengung der petite criminaltte’ mit den 
eigentlichen Verbrechern aus, wie das v. Jarotzky in seinem be¬ 
kannten Buche getan hat. Einer Kritik des „Wirtshausverbots“ das 
nur in ganz besonderen, lokalen Verhältnissen anwendbar sei, ent¬ 
hält sich Referent; an der Verbringung in ein Trinker-Asyl tadelt 
er, dass sie nur neben, nicht auch anstatt der oft sehr zwecklosen 
Strafen zulässig sei, und (mit Recht), dass sie nicht auch neben der 
Zuchth ausstrafe verhängt werden solle, ebenso dass die Motive 
die Herstellung eines Einklangs zwischen dem Trinkerbehandlungs¬ 
recht und dem Entmündigungsrecht ablehne. Mit der Verwerfung 



312 


der Bestrafung verschuldeter, unzurechnungsfähig machender Trunken¬ 
heit als fahrlässige Deliktsbegehung vermehrt B. die namhafte Zahl 
der abfälligen Kritiken dieses Vorschlags. 

In der Diskussion wurde neben der schon erwähnten Verwerfung 
der richterlichen Strafschärfungen Ausdehnung der Schutzfiirsorge 
auch bei der bedingten Strafaussetzung verlangt. Gegen den vom 
VE. beabsichtigten Vollzug von Strafen gegen minderwertige Jugend¬ 
liche in Fttrsorge-Erziehungs-Anstalteu wurden schwere Bedenken 
geäussert. Schiv. 


Verein zur Förderung der Wanderarbeitsstätten in 
Württemberg, üeber die 27 Wanderarbeitsstätten liegt nunmehr 
die Statistik des vollen ersten Beiriebsjahrs (1. Oktober 19U9 bis 
30. September 1910) vor. Das Ergebnis derselben zeigt das folgende 
Bild: 

Die 27 Wanderarbeitsstätten sind von 82212 Wanderern in An¬ 
spruch genommen worden, eine Wanderarbeitsstätte bat demnadt 
durchschnittlich 3045 Wanderer beherl»ergt. Die Kosten der Ver¬ 
pflegung der Wanderer haben M 81560 59 betragen, die Verpflegung 
eines Wanderers kommt somit für den Tag auf rund M. 1.— zu stehen. 
Die Kosten für die teilweise Benützung der Eisenbahn zum Zweck 
der Beförderung der Wanderer von einer Wanderarbeitsstätte zur 
andern bei zu grosser Entfernung einzelner VVanderarbeitsstätten 
oder bei sehr schlechter Witterung haben sich auf M. 7219 40 belaufen; 
davon entfallen auf das Winterhalbjahr M. 6529.45 und auf das 
Sommerhalbjahr nur M. 689.95. Zu dem letzteren wesentlich ver¬ 
minderten Aufwand hat abgesehen von der viel geringeren Inanspruch¬ 
nahme der Wanderarbeitsstätten im Sommerhalbjahr die am 1. April 
ds. Jrs! in Kraft getretene Fahrpreisermässigung beigetragen. Die 
Kosten der Verpflegung und Eisenbahnbeförderung der Gäste der 
Wanderarbeitsstätten haben somit zusammen rund M. 90 000.— betragen; 
die in dieser Höbe nur schätzungsweise angegebene Summe hat sich 
somit als zutreffend erwiesen. In den 27 Wanderarbeitsstätten sind 
9436 Wanderscheine ausgestellt worden. Es haben also— die Fälle 
von wiederholter Ausstellung von Wanderscheinen abgezogen — etwa 
rund 9000 Wanderer die Wanderarbeitsstätten besucht. Vergleicht man 
diese Zahl mit der Besuch.sziffer der 27 Wanderarbeitsstätten 82212, 
so ergibt sich, dass im Durchschnitt ein und derselbe Wanderer etwa 
9 Wanderarbeitsstätten in Anspruch genommen und damit sich etwa 
9 Tage lang innerhalb des Wanderarbeitsstättennetzes bewegt hat. 
Dies weist darauf hin, dass die Wanderer doch schon nach verhält¬ 
nismässig kurzer Zeit entweder Arbeit gefunden oder, wenn dies 
nicht möglich war, das Land verlassen haben. Nimmt man nun an, 
dass von diesen 9000 Wanderern statt der Inanspruchnahme der 
Wanderarbeitsstätten jeder auch nur 9 Tage lang im Lande gebettelt 
hätte, und nimmt man den Ertrag des Bettels auch nur zu M. 2.50 
täglich an, meist ist er ja viel höher, so kommt man schon auf die 
hohe Summe von rund M. 200000.—. Vergleicht man mit dieser Summe 
die Verpfiegungs-und Eisenbahnfahrtkosten mit rund M 90000.—, so 
sind der Bevölkerung durch die Einrichtung der Wanderarbeitsstätten 
etwa M. 110000.— in einem Jahr erspart geblieben. 

Welch’erhebliche Einwirkung die beiden Einrichtungen, Wander¬ 
arbeitsstätte und Obdachioseneinrichtung, auf die Strafrechtspflege 



313 


bei den beteiligten Oberämtern ausgeübt haben, ergibt sich aus 
folgenden Zahlen: 

Die Strafanzeigen wegen Bettels und Landstreicherei sind bei 
den 27 Wanderarbeitsstättenbezirken gegenüber dem gleichen Zeit¬ 
raum des Vorjahrs von 13646 auf 33U3, also um 10343 oder 
75,8 ®/o zurück gegangen. Die Zahl der an das Amtsgerichi über¬ 
gebenen Fälle von Bettel und Landstreicherei bat sich, und zwar 
trotzdem dass die Oberämter gegenüber arbeitsfähigen Stromern sehr 
häufig von dieser Befugnis Gebrauch gemacht haben, von 856 auf 664, 
sonach um 192 oder 22,4 7o verringert. Die Haftvollstreckungskosten 
sind von M. 108957.— auf M. 50583.—, d. h. um M. 58374.— oder 
53,57 */o gesunken, die Gefangenentransportkosten von M. 30550— auf 
M. 13534.—, hienach um M. 17016.— oder 55,69 ®/o, beide zusammen 
somit um M. 75390.— oder 54®/o. 

Bei den innerhalb des Wanderarbeitsstättennetzes gelegenen 
17 Oberämtern ohne eigene Wanderarbeitsstätten haben die Straf¬ 
anzeigen wegen Bettels und Landstreicherei sich von 4546 auf 1507, 
also um 3039 oder 66,8®/* verringert. Die Haftvollstreckungskosten 
sind von M. 36254.— auf M. 17958.—, sonach um M. 18296.— oder 
50,46®/o zurückgegangen, die Gefangenentransportkosten von M. 10524.— 
auf M 3834.—, d. h. um M. 6690.— oder 63,5®/«, beide zusammen um 
M. 24986.— oder 53,4®/«. In den 44 Oberamtsbezirken des Wander- 
arbeitsstättengcbiets haben sich somit die Hafcvollstreckungs- und 
Gefangenentransporlkosten gegenüber dem gleichen Zeitraum des 
Vorjahrs um M. 100376— verringert. 

Ganz anders lautet die Statistik bei den ausserhalb des Wander¬ 
arbeitsstättennetzes gelegenen 20 Oberamtsbezirken: 

Die Strafanzeigen wegen Bettels und Landstreicherei sind bei 
diesen Oberämtern von 10017 auf 7076, somit nur um 2941 oder 
29,3®/« zurückgegangen. Die Haftvöllstreckungskosten haben sich 
von M. 82749.— auf M. 73062.— d. h. um M. 9687.— oder 11,7 */«, die 
Gcfangeneiitransportkosten von M. 26232.— auf M. 19822.—, sonach 
um M 6410.— oder 24,4®/« verringert. Dabei ist zu bemerken, dass 
die unmittelbar an das Wanderarbeitsstättennetz angrenzenden 4 Be¬ 
zirke ganz wesentlich durch die benachbarten Wanderarbe.itsstätten 
entlastet worden sind. Ohne diese 4 Oberamtsbezirke beträgt die 
Abnahme bei den Haftvollstreckungs- bezw. Gefangenentransport¬ 
kosten der 16 übrigen Bezirke nur M. 4418.— oder 6,21 ®/«, bezw 
M. 4848.— oder 20,66®/«. Die.se Statistik zeigt wohl auch einen Rück¬ 
gang der Strafanzeigen wegen Bettels und Landstreicherei, sowie der 
Haftvollstreckungs- und Gefangenenti'ansportkosten, der auf die ein¬ 
getretene bessere Geschäftslage, zum Teil aber auch auf die Ein¬ 
führung der W anderarbeitsstätten in Württemberg zurück Zufuhren 
ist. Vergleicht man sie aber mit der Statistik über die Oberämter 
des Wanderarbeits.stättengebiets, so erweist letztere unverkennbar 
diebedeutende Einwirkung der neugegründeten Fürsorgeeinrichtungen, 
die auf dem Gebiet der Strafrechtspflege eine ganz wesentliche Er¬ 
sparnis zur Folge gehabt hat. 

Von den mit den Wanderarbeitsstätten neu gegründeten 
14 Arbeitsnachweisen konnten in dem ersten Betriebsjahr von 2816 
bei ihnen angemeldeten offenen Stellen 1582 besetzt und von 6138 
Stellengesuchen konnte 1849 entsprochen werden. 

Die 27 Obdachloseneinrichtunüen sind in ihrem ersten Betriebs¬ 
jahr von 9307 Obdachlosen mit 19623 Vevpflegungstagen in Anspruch 
genommen worden. Im Durchschnitt hat also eine Obdachlosenein- 



314 


ricbtung nur 345 Personen zu beschftftigen und zu beherbergen 
gehabt, im Verhältnis zur Durchschnittszahl der B**8ucher der Wander¬ 
arbeitsstätten mit 3045 Gästen nur etwa der 9. T*-iI. Den Landarinen- 
verbänden, die die Kosten der Verpflegung der Obdachlosen zu tragen 
haben, sind somit bedeutendere Aufwendungen auf die Obdachlosen¬ 
einrichtungen nicht entstanden. 

Fasst man das Ergebnis der Statistik über das erste Betriebs¬ 
jahr der ‘27 Wanderarbeifsstätten zusammen, so zeigt die starke In¬ 
anspruchnahme der 27 Wanderarbeitsstätten (82212 Gäste), dass die 
grosse Mehrzahl der mittellosen Wanderer aufgehört hat, ihre Mit¬ 
menschen zu brandschatzen, und gerne von den neuen Fürsorge- 
einrichtungen Gebrauch macht. Die Zahlen liefern ferner den deut¬ 
lichsten Nachweis dafür, dass die neu geordnete Wanderarnienfürsorge 
eine weitgehende Entlastung für die Behörden, für die Staatskasse 
und für nie Beviilkerung niit sich gebracht hat. 

Noch mag erwähnt werden, dass die Ausdehnung des Wander- 
arbeitsstättenneizes auf Oberschwaben am 1. November d. J. zustande 
gekommen ist. Damit umfasst das wnrttembergische Wanderarbeits¬ 
stättennetz 37 Wanderarbeiisstätten. Erfreulicherweise sind die Nach¬ 
richten aus den neuen Wanderarbeitsstättenbezirken bis jetzt nur 
gute; schon in der kurzen Zeit seit der Eröffnung derselben ist die 
Stimmung bei der Bevölkerung für diese Einrichtung eine sehr 
günstige geworden. Schw. 


Die geistig Minderwertigen im Strafvollzug. Vortrag, 
gehalten von Oberarzt Dr. Meitzer, Waldheim i. S., auf der 
XIII. Konferenz des Vereins für Erziehung, Unterricht und Pflege 
Geistesschwacher in Wiesbaden. 

An der Hand der Geschichte eines psychopathisch Minder- 
wertiiren (vielleicht Epileptikers) schildert M. die grossen Schwierigkeiten, 
die derattige Gefangene im Strafvollzug sowohl den Beamten als 
dem Arzt bereiten. 

M. unterscheidet apathisch-phlegmatische und erethische Minder¬ 
wertige. Die ersten sind mit 20%, die zweiten mit 5*/© unter dem 
Bestand der Zucbthausgefangenen vorhanden. Beide, besonders aber 
die erethischen, eignen sich nicht für die Strafanstalt. Wenn auch 
die apathischen zum grössten Teil die Strafhaft, auch die Zelleiihaft 
ohne Schaden ertragen, sich sogar gut führen und auch disziplini'-rbar 
sind, so machen die erethischen in jeder Hinsicht grosse Schwierig¬ 
keiten, sind durch Strafen nicht zu beeinflussen und nur durch 
Paktieren von Fall zu Fall ist mit ihnen auszukommen. Beide Arten 
von Gefangenen sind „vermindert zurechnunjtsfähig“, und gehören in 
eigene Anstalten, wo sie über die Dauer ihrer Gefährlichkeit unter¬ 
gebracht bleiben sollen. Es sei ein Fehler des jetzigen auf dem 
Vergeltuiigsprinzip aufgebauten Straf-Gesetzes, dass die Minder¬ 
wertigen nur zu kurzen Strafen verurteilt und viel zu bald wieder 
aus der Strafanstalt entlassen werden müssen. — Die Irrenabteilungen 
bei Strafanstalten hält M. nicht für zweckmässig, da sie „in die Ein¬ 
heitlichkeit einer Strafanstalt ein Duplizitütsprinzip bringen, das jetzt 
schon dort, wo Irrenanstaltsadnexe bei Strafanstalten bestehen, 
nicht günstig wirkt.“ Solange es die Sonderan>talten für .Minder¬ 
wertige nicht gibt, verlangt M. für jede Strafanstalt einen psychiatrisch 
vorgebildcten Arzt, der die .Minderwertigen im Strafvollzug erkennt und 
für entsprechende Behandlung sorgt. 



— 315 


Man wird mit wesentlichen Punkten dieser Ansfilhrnn^en ein¬ 
verstanden sein, insbesondere damit, dass die kurzen Strafen, die 
auf >6rund des gleitenden Strafrechts gegen die vermindert zurech¬ 
nungsfähigen degenerierten Gewohnheitsverbrecher verhängt werdeji, 
ohne Wirkung bleiben und den Gesichtspunkt des Schutzes der Ge¬ 
sellschaft fast ganz vermissen lassen. Dringend wünschenswert ist 
in der Tat den Degenerierten gegenüber die langzeitige Sieher- 
heitsstrafe. 

Anderer Ansicht als M. sind wir hinsichtlich der jetzigen und 
zukünftigen Unterbringung der psychopathisch minderwertigen Ge¬ 
fangenen. Soweit sie geisteskrank sind gehören sie in Irrenanstalten, 
80 w«üt sie es nicht sind in die Strafanstalten. Eigene Anstalten für 
die vermindert zurechnungsfähigen Verbrecher halten wir für unzweck¬ 
mäßig, zumal 80 grosse Anstalten, die 25 7o des Gefangenenbestands 
aufnehmen sollen. Nach unseren Erfahrungen geht es mit den 
Degenerierten im Strafvollzug im allgemeinen ganz g^t. Schwierig¬ 
keiten gibt es und wird es bei jedem System und jeder Einrichtung’ mit 
den. Degenerierten immer geben; sicher dürfte soviel sein, dass die 
jetzigen Schwierigkeiten ein Kinderspiel sind im Vergleich mit den 
Schwierigkeiten die entstehen, wenn hunderte von psychopathisch 
minderwertigen und degenerierten Verbrechern zusammen in einer 
Anstalt untergebracht werden. Uns scheint die Hauptsache zu sein, 
dass die psychopathisch Minderwertigen in der Strafanstalt als solche 
erkannt und berücksichtigt werden. 

. . Nicht anschliessen können wir uns endlich der Ansicht, dass 
Irrelnanstaltsadnexe an Strafanstalten ungünstig wirken. Eine 
Einheitlichkeit im Strafvollzug existiert doch wohl nur in der Theorie, 
jedenfalls lässt sie sich nicht durchführen in Strafanstalten, die alte 
und junge, langzeitige und kurzzeitige, körperlich rüstige und invalide, 
epileptische, tuberkulöse u. s. f. Gefangene aufnehmen. Unsere Irren¬ 
abteilung hat sich durchaus bewährt, ebenso wie die Abteilungen für 
invalide, epileptische und tuberkulöse Gefangene. Ohne Schaden für 
den Strafvollzug wird auf diesen Abteilungen den Gefangenen die¬ 
jenige Berücksichtigung und Erleichterung zuteil, die ihr Zustand 
wünschenswert und notwendig macht. Hohenasperg. Dr. Staiger. 


Der Lokalverein zur Fürsorge für entlassene Straf¬ 
gefangene und Korrigenden zu Bavitsch versendet seinen 
30. Jahresbericht für das Jahr 1910. 

102 Mitglieder, 1275 .M. Einnahmen, 895 M. Ausgaben, darunter 
791 M. für Unterstützungen. 

Bei Vermittelung von Stellen für Gefangene, die zur vorläufigen 
Entlassung vorgeschlagen wurden, ergab sich vielfach der Misstand, 
dass Arbeitgeber, die sieh auf Ansuchen der Gefängnisbehörden und 
des Vereins zur Aufnahme der zu Entlassenden bereit erklärt hatten, 
bei Abweisung dea Gesuches durch die hohe Behörde, unlieb.sam ent¬ 
täuscht wurden und demzufolge sich in späteren Fällen zur Auf¬ 
nahme von Entlassenen nicht mehr bereit finden Hessen. Gewünscht 
wird eine Neuordnung des Verfahrens in dem Sinne, dass die Stellen¬ 
vermittlung für den Gefang,*nen erst nach erfolgter Genehmigung 
des Entlassungsantrags durch das Justizministerium in die Wege 
geleitet zu werden brauche die vorläufige Entlassung dann so¬ 
fort zu erfolgen habe, sobald ihm Stellung gesichert ist. Schw. 



316 


Schweizerischer Terein für Straf- und Gefäng^niswesen 
und für Schutzaufsicht. Am 26. bis 2K. September d. J. hielt der 
Schweizer Bruderverein seine 26. Jahresversammlung in dem sehüneu 
Sitten (Kt. Wallis) ab. Etwa 80 bis 100 Mitglieder waren zusauiiiien- 
gekotnmen. Der Deutsche Verein hatte dazu keinen Delegierten 
abgeordnet, aber die Gegenstände und der Verlauf der Verhandlungen 
dürfte doch bei uns viele interessieren. Sie fanden wie auch sonst 
bei diesen Versammlungen in deutscher und französischer Sprache 
statt, je nachdem welche dem Redner am geläufigsten war. An 
freundlicher Aufnahme der Gäste durch Wort und Tat hat es nicht 
gefehlt. Das Wort des Sittener Staatxrates Couchepin: „vous n’ßtes 
pas chez nous, vous ötes chez vous" empfand mau als eine frohe 
Tatsache. Dazu das prachtvolle Wetter, die schöne Umgebung, der 
gehobene Ton bei den gemeinsamen Mahlzeiten, der Gang nach dem 
malerischen Saviöse oberhalb Sitten trugen dazu bei, die Jahres¬ 
versammlung zu eiuem Feste zu gestalten. Der Schlussakt, die Fahrt 
nach Zermatt und auf das Gornergrat, an dem ich mich leider nicht 
beteiligen konnte, soll auch unbezahlbar schön gewesen sein. Dergl. 
können nur Schweizerische Versammlungen ihren Mitgliedern bieten. 

Aber nicht bloss mit diesen Zugaben kann sich die Sittener 
Versammlung neben den anderen früheren Zusammenkünften sehen 
lassen, sondern auch die geistige Arbeit, welche in den Sitzungen 
geleistet ward, wird in der Geschichte des Vereins als bedeutsam 
und folgenreich sich erweisen. Im Unterschied von den deutschen 
Vereinstagen werden auf den Schweizerischen Zusammenkünften 
Themata nicht bloss aus dem Gebiet des Strafwesens besprochen, 
sondern, wie schon der Name des Vereins andeutet, auch der Schutz- 
fürsorge. Am Vorabend aber folgte man zunächst, den Verhandlungen 
der Schweiz. Sektion der internationalen kriminalistischen Vereinigung, 
wobei Prof. Zürcher -Zürich die Strafrechts^-ntwürfe zur Strafrechts¬ 
gesetzgebung in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz hinsicht¬ 
lich der darin unterschiedenen Freiheitsstrafen verglich und betonte, 
dass nur die Schweiz auch an eine Verwahrungsanstalt für vielfach 
Rückfällige denke, während die anderen bei Anstalten für Zuchthaus-, 
Gefängnis- und Haftstrafen es bewenden lassen. In allen 3 Staaten 
aber ist das Interesse für den Strafvollzug an jugendlichen Verbrechern 
gemeinsam. 

In der 1. Hauptversammlung des 27. September im Grossrats¬ 
saal berichtete nach den Begrüssungsworten durch den Vorsitzenden 
des Zentral Vorstandes, Straf an st.-Dir. Widmer-Basel und denjenigen 
des Lukalkomitees, Staatsrat Couchepin, einem Auftrag dea Zentral¬ 
vorstandes gemäss Prof. H a f t e r-Zürich, zunächst über den Stand 
der Arbeiten zur Erstellung eines einh**itlichen Strafgesetzbuchs für 
die Gesamtschweiz. Damit geht es leider sehr langsam voran. Aus 
der Mitte des Vereins war einst zuerst der Ruf nach einem solchen 
laut geworden, und es ist gut, dass der Verein da ist, um in seinem 
Schosse diese Idee wach zu halten. Das Hauptthema des Tages aber 
lautete: „lieber die Mängel im Schweizerischen Strafvollzug und deren 
Beseitigung“. Der Strafvollzug liegt in den kleinen Kantonen, wie 
begreiflich zum Teil aus Mangel an .Mitteln, noch vielfach im Argen, 
und der Verein, wenn er seine Schritte lenkt von Kanton zu Kanton, 
wirkt überall kulturfördernd. Selbst im schönen Wallis soll es jetzt 
erst allmählich anders und besser werden. Dort, in Sitten, sah mau 
die Gefangenen in der Stadt in ihrer auffallenden scheckigen Ge¬ 
fängniskleidung öffentliche Arbeiten verrichten, und das Gefängnis 


i 



317 


selbst durfte man nicht besichtig:en. Man konnte sich damit nicht 
sehen lassen. So war das Thema hier ganz besonders am Platze. 
Direktor Kellerhals von der Berner Strafkolonie Witzwil hatte 
das Referat übernommen. Jeder hatte es, wie auch diejenigen des 
zweiten Tage.s, gedruckt in Händen. Er selbst aber, zurzeit in Amerika 
auf einer Studienreise, musste sich durch Reg.-Uat Scheurer-Bern 
vertreten lassen, der in seinem Sinne sprach. Das Ideal von Kellerhals 
ist die .Schaffung einer Strafkolonie, wobei 3 räumlich getrennte, 
aber unter einheitlicher Direktion verbundene Anstalten, nämlich eine 
eigentlicbe Strafanstalt, eine Arbeitserziehungsanstalt (Korrektions¬ 
haus) un i eine Arbeiterkolonie dem Strafvollzug dienen sollten, so 
dass Gefangene, je nach der Führung während d^r Strafzeit von der 
einen in die andre Anstalt versetzt werden könnten. Insbesondre 
redete er aber das Wort der landwirtschaftlichen Beschäftigung der 
Gefangenen, die bei dem vorgeschlagenen System am ehesten- sich 
durchführen Hesse. Das Witzwiler System, das unter dieser glück¬ 
lichen Hand sich im Kanton Bern so sehr bewährt hatte, empfahl er 
also allen Kantonen als das beste Heilmittel gegen alle Schäden des 
herkömmlichen Strafvollzugs. Gegen diese Einseitigkeit wurden von 
vielen Seiten berechtigte Einwände erhoben, wenn man auch dem 
Referenten selbst, der in kurzer Zeit so gros.ses geschaffen, alle ge¬ 
bührende Anerkennung zollte. Die natürlichen Voraussetzungen des 
AVitzwiier Systems, nämlich das grosse Berner Moos, fehlen ander¬ 
wärts. Insbesondere wurden die Eingliederung einer Arbeiterkolonie 
in den Strafvollzug und die beabsichtigten Versetzungen als wider 
das Gesetz verstossend bemängelt. Man einigte sich auf mehrere 
Thesen, in denen der Verein seine Wünsche zusammenfasste, nämlich 
vor allem die Trennung der jugendlichen Gefangenen von den älteren, 
das Schweiggebot Und das Alkoholverbot in allen Anstalten durch¬ 
zuführen. — 

Das Thema des letzten Tages betraf die Schutzaufsicht und 
bezog sich auf einen Plan, der schon auf der Baseler Versammlung 
die Geister beschäftigt hatte: nämlich die Schaffung einer Zentral¬ 
stelle für die Schutzaufsichtstätigkeit in der Schweiz. Man erhofft 
von dieser insonderheit, dass die wichtia:ste Aufgabe der Schutz¬ 
fürsorge, nämlich die Vermittlung von Stellung und Arbeit für die 
Entlassenen, dadurch erleichtert werde. Strafanstaltsdirektor Huber- 
Solothurn widmete sich der Frage wie seinerzeit in Basel mit aller 
Wärme und Energie; durch die Zentralisierung werde auch die 
Einführung der Schutzaufsicht in diejenige Teile der S< hweiz Vor¬ 
dringen, wo sie bis jetzt noch immer keinen Boden gefunden hat; 
sie werde auch die einzelnen schweizerischen Vereine in engere 
Fühlung mit einander bringen und den Verkehr mit ausländischen 
Vereinen vermitteln. Von einer Beschränkung oder gar Bevormundung 
der einzelnen kantonalen Vereine in ihrer Tätigkeit durch diese 
Zentralstelle sei doch keine Rede. Nichts desto weniger erhob sich 
in der Diskussion, wie vor 2 Jahren in Basel, eine recht lebhafte 
Opposition von seiten der Vertreter aus den welschen Kantonen, wo 
das Patronage-Wesen längst einen guten Boden gefunden hat. Da 
die deutschen Kantone aber einstimmig für die Zentralisierung ein¬ 
traten, auch zu befürchten war, dass, wenn der Vorschlag abgelehnt 
war, die Vereinheitlichung der Schutzaufsicht in der Schweiz ttd. 
caUndas graecas vertagt war und das Verlangen nach der Schaffung 
einer Zentralstelle doch augenscheinlich wohlbegründet war, ver¬ 
stummte der Widerspruch und der patriotische Ruf Favrös-Lau- 



— 318 



sänne: .nous sommes des frferes, den er in die Diskussion hinein-warf, 
um falschem Misstrauen den Boden zu entziehen, wurde wahr: Die 
Anstellung eines Zentralagenten oder Berufssekretärs ist also gesichert. 

Was noeh folgte, waren kurze Verhandlungen zur Gefangenen- 
und Verwaltungsstatistik, Wahlen und schliesslich die dankiiar auf- 
genomnieiie Einladung der Versammlung nach Herisan (Kt. Appen¬ 
zell a. Rh.) für 1912. Der schöne und anregende Verlauf der bedeut¬ 
samen Verhandlungen ist ohne Zweifel auch zuin Teil der guten 
Vorbereitung der Jahresversammlung durch den Zentralvorstand zu 
danken. 

Mannheim. Dr. V. Schwi^eS. 


Literatur. 


Beiträge zur Kritik des Yorentwurfes zu einem Deut¬ 
schen Strafgesetzbuch von Dr. Earl Birkmeyer. Dritter Beitrag. 
Das Absehen von Strafe nach dem Vorentwurf. Leipzig, Verlag vön 
Wilhelm Engelmann 1910. Preis geheftet 3.20 Mk. 

Schon in seinem ersten Beitrag zur Kritik des Vorentwurfs zu 
einem Deutschen Strafgesetzbuch (bc.sprochen im 2. Heft des 44. Bandes 
dieser Blätter S. 482 ff.i hat der Verfasser den Standpunkt verfochten, 
dass der Vorentwurf zwar auf der Vergeltungstheorie beharre, diesem 
Grundsatz der Vergeltung aber nach verschiedenen Richtungen untreu 
geworden sei, insofern an die „moderne Richtung“ Konzessionen 
gemacht worden seien, weiche ein „bedauerliches Schwanken zwischen 
Vergeltungs-und Gesiiinungsstrafe offenbaren“, und er hat zu diogeu 
Konzessionen auch das in § 83 des Vorentwurfes statuierte Absehen 
von Strafe gerechnet (S. 12, 53/54 und 59). Er hat in Aussicht gestellt, 
dass er zu dieser Frage in einem weiteren Beitrag Stellung nehmen 
werde. Dies ist nunmehr in dem 3. Beitrag geschehen. 

Birkmeyer weist zunächst darauf hin, dass das richterliche 
Ermessen, dem im Vorentwurf ein viel zu grosser Spielraum ein- 

f eräumt worden sei, seinen Gipfelpunkt in der dem Gericht und der 
ti-afverfolgungsbehörd« gegebenen Ermächtigung, in besonders 
leichten Fällen von Strafe ab^zusehen, gefunden habe, und stellt die 
in Frage kommenden gesetzlichen Bestimmungen unter Heranziehung 
des Entwurfes zur Strafprozessordnung (§ 153) zusammen. 

Sodann geht er über zur rechtlichen Charakterisierung des § 83. 
Er lehnt in Uebereinstimmung mit der Begründung des Vorentwurfes 
S. 324 die Annahme, dass der § 83 einen eigenen Tatbestand des 
„besonders leichten Falles“ geschaffen habe, mit Recht ab, tritt der 
Auffassung der Begründung, es handle .sich um einen Grundsatz der 
Strafzumessung (S. 324) und um eine Strafmilderung bis zur Straf¬ 
losigkeit (S. 219) entgegen, da von Strafzumessung und Strafmilderung- 
nur gesprochen werden könne, wo gestraft werde, und erklärt die 
Bestimmung im Hinblick auf ihren Zweck, zu verhüten, „dass die 
Anwendung der ordentlichen Strafe des Gesetzes eine unbillige Härte 
enthalten würde“, alsein dem Gericht eingeräumtes „Gnade für Recht 
ei^ehen lassen.“ Nebenbei (in Anm. 23 S. 93 und ausserdem S. 79) 
wirft er die Frage auf, ob mit Rücksicht auf diesen Begnadigimgs- 



319 


Charakter des § 83 ein auf Grund dieser Bestimmung' ergehendes 
Urteil, es sei von Strafe abzusehen, mit Eechtsmitteln angefochten 
werden könne^ wie die Begründung S. 323 annehme. 

Nach längeren Auseinandersetzungen mit v. Hippel, Vorent¬ 
wurf, Schulenstreit im Strafzwecke in der Z. S. 30 (1910) 871—918 
über die dem Vorentwurf zugrunde liegenden Straüechtstheorien, 
versucht Birkmeyer den Nachweis, dass das Absehen, von Strafe 
ebenso, dem Vergeltung.sgedanken, dem Zweck des Schutzes der 
Staatsautorität und der Rechtsordnung wie dem Präventions- und 
Geüugtuungszweck widerstreite (S. 20—29). 

Inr Prinzip gibt er zwar zu, dass in Fällen, in welchen die 
Anwendung der ordentlichen Strafe des Gesetzes eine unbillige Härte 
emhalten würde, die Anwendung des Gesetzes vermieden werden 
müsse, verlangt aber, dass dieses Absehen von Strafe eine Ausnahme 
von höchster „Singularität“ sein müsse, und nur ausgespi*ochen werden 
dürfe, wenn kein anderer Weg vorhanden sei, diese Unbilligkeit und 
Härte zu verhindern. Er bejaht die Frage nach dem Vorhandensein 
anderer Wege zur Vermeidung von Härten der Gesetzesanwendung. 
Einmal sieht er in dem weiten Strafrahmen, welcher ein Herabgehen 
bis zu den iMindest^trafen gestattet, die Möglichkeit, auf dem Wege 
blosser Strafminderun«^ zum Ziele zu gelangen. Sodann beruft 
er sich auf die im Vorentwurf beim Versuch nach § 76, beim Straf¬ 
rechtsirrtum nach § 61, bei verminderter Zurechnungsfähigkeit nach 
§ 63 Abs. 2, beim Notwehrexzess nach § 66 Abs 2, beim jugendlichen 
Alter nach § 69, bei der Beihilfe nach § 79 vorgesehene, ordent¬ 
liche Strafmilderung. Endlich weist er auf das ausser¬ 
ordentliche Strafmil de rungs recht des § 83 (auch ohne 
Absehen von Strafe) hin, weil dann nach Begründung S. 323 „der 
Richter weder an die Strafart, noch an das Strafmass des betrefi enden 
Delikts gebunden ist, sondern auf eine andere Sirafart und ein ge¬ 
ringeres Mass erkennen darf, insbesondere auch statt auf Freiheits¬ 
strafe auf Geldstrafe oder Verweis.“ 

Indem ferner Birkmeyer die Beschränkung der Bestimmung 
des § 83 auf gewisse Fälle tadelt und hierin eine Inkonsequenz sieht, 
ttitter in eine Besprechung der einztdnen, im Vorentwurf vorgeseherien 
Fälle ein. (§ 168 falsche uneidliche Ansage, § 227 Körperverletzung, 

§ 259, Beleidigung, § 272 Entwendung, § 296 Fischwilderei, § 310 
sämtliche Uebertretungen, § 76 Versuch, § 61 Rechtsirrtum, § 63 ver¬ 
minderte Zurechnung-sfähigkeit, § 76 Notwehrexzess, § 65 jug«"nd- 
liches Alter, §79 Beihilfe) S. 37—68. Ein Eingehen auf die einzelnen, 
von Birkmeyer hier geäuss-n’ten Bedenken würde zu weit führen. 
Ausser diesen Bedenken erhebt Birkmeyer gegen die vorgesehene 
Bestimmung Bedenken staatsrechtlicher und kriminalpolitischer' Art. 
Das gnadenweise Absehen von Strafe enthält seines Erachtens einen 
„Eingriff in das landesherrliche Begnadigungsrecht“, weshalb er die 
staatsrechtliche Zulässigkeit der Bestimmung bezweifelt. Er befürchtet 
nicht ganz ohne Grund eine Verschiebung der Stellung des Richters- 
znm Gesetz (worauf auch die Begründung S. 322 oben hinweisü), eine 
Verwirrung der Rechtsbegriffe im Volke, ein Zurückgreifen, auf <las 
roittelalterliche Recht d*-s Richtens nach Gnade. Die dem Richter in 
die Hand gelegte ausserord'^ntlich grosse Machtfülle birgt nach seiner 
Ansicht in sich die Gefahr richterlicher Willkür und ungleichmässiger 
Anwendung dieses Gnadenr* chts, ruft Misstrauen und das Gefühl der 
Rechtsunsicherheit im Volke hervor, der Vorwurf der „Klassenjustiz“ 
wird neue Nahrung erhalten. Wenn aber schon die Bestimmung des 



320 


§ 83 Gesetz werden soll, so verlangt Birltmeyer, dass das „darf“ in 
ein „muss“ verwandelt wird, weil nur dann „diese Begnadigungsfälle 
in ein festes gesetzliches, in ein Rechtsinstitut umgewandelt“ werden. 
(S. 83). 

Im Schlusskapitel wendet sich Birkmeyer nachdrücklich dagegen, 
dass dieses Begnadigungsrecht in die Hände der Staatsanwaltschaft 
gelegt wird, was der Vorentwurf in letzter Linie beabsichtige. Er 
legt dar, inwiefern darin eine Verkennung des Legalitätspriiizips liege.' 
Er bezeichnet es als einen unerträglichen Zustand, dass die Staats¬ 
anwaltschaft auf Grund ihrer mehr oder weniger vollständigen und 
zuverlässigen Ermittlungen die Entscheidung darüber treff<‘n solle, 
ob von Strafe abzusehen sei oder ob Anklage erhoben werden müsse. 
Das G'-richt soll die Vortchrift nur anweiiden dürfen, wenn die Voraus¬ 
setzungen des §83 Abs. 2 des Vorentwurfs positiv erwiesen sind, 
die Staatsanwaltschaft aber dürfe die Vorschrift schon anwenden, 
wenn sie auch nur vermute, dass das Gericht die Voraussetzungen 
als positiv gegeben annehmen und von Strafe absehen werde. 

Er führt aus, dass damit der Staatsanwaltschaft das Recht der 
Abolition in die Hand gegeben sei, was nicht gebilligt werde könne 
und sieht in der Bestimmung lediglich eine „Massregel prozessialer 
Zweckmässigkeit“, da der Gesetzgeber von ihr in ihrem Endzweck 
nichts anderes als eine Durchbrechung des Legalitätsprinzips und 
Entlassung der Staatsanwaltschaft erwarte. 

Dies in grossen Zügen der wesentliche Inhalt der sehr inter¬ 
essanten und temperamentvoll geschriebenen Schrift, deren Studium 
auch demjenigen, welcher gegenüber der vorgesehenen Bestimmung 
des Absehens von Strafe eine freundlichere Stellung einnimmt, grossen 
Genuss und Gewinn verschaffen wird. Die konsequente Heraus¬ 
arbeitung der verschiedenen gegen die Bestimmung vorliegenden 
Bedenken verdient alle Anerkennung und ernste Nachprüfung. Im 
einzelnen geht Birkmeyer wohl zu weit, so, wenn er bei der Körper¬ 
verletzung und Beleidigung von einer „Ignorierung des berechtigten 
Interessen des Verletzten“ (S. 40) und von einer „Verleugnung des 
Genugtuungsbedürfnisses des Verletzten“ (S. 42) spricht und die Be¬ 
fürchtung hegt, „dass durch die Bestimmung des § 83 die mehr und 
mehr im Erlöschen begriffene Duellunsitte neue Nahrung finden 
werde“ (S 45), so, wenn er bei der .Entwendung“ davon spricht, dass 
der wohlhabende Mitbürger zu Gunsten des ökonomisch Schwächeren 
depossediert werde, dass der Schutz und die Unantastbarkeit des 
Eigentums untergraben werde. Es handelt sich doch bei Anwendung 
des § 83 um Fälle besonders leichter Art. 

Vaihingen-Enz. Gerichtsassessor Winker. 


„Die Strafe im Lichte der christlichen Ethik«. Von 
Lic. theol. Dr. Jur. E i c h b e r g , Strafanistaltspfarrer in Luckau. 
93 S. M. 1.20. Verlag von John in Halle a. S. 

In der Einleitung geht der Verfasser von der fluktuierenden 
Veränderlichkeit der formalen Strafgesetze, wie sie durch temtoriale 
oder lokale Eigentümlichkeiten, durch die verschieden gearteten 
wirtschaftlichen Verhältnisse, durch soziale und sozialpolitische Neu¬ 
erscheinungen, durch die Entwicklung des kulturellen F«*rt- und Rück¬ 
schritts u. a. m. bedingt ist und namentlich in der schwankenden 
Begriifsbestimmung der Strafe und des Strafzwecks sieh ausprägt, aus. 
Unser Mangel einer festgegründeten Stabilität der formalrechtlichen 



321 


Betrachtungs- und Behandlungsweise der Strafe fordert ein sicheres 
Fundament. Ein solches ist gegeben in der christlichen Ethik. Diese 
muss sich jederzeit von dem Bestreben leiten lassen, das äusserlich 
formale Gesetzesrecht mit ihren Ideen teils zu durchdringen und 
fortzubilden, teils zu ergänzen und zu überbieten. 

In einem ersten Teil kommen die in Beziehung zum Begriff 
und Wesen der Strafe stehenden allgemeinen ethischen Grund¬ 
begriffe zur Sprache. Der grundlegende Begriff ist unser Staat 
als eine auf christlicher Grundlage konstruierte Institution. Indem 
der Staat den Begriff der Strafe zwar nicht aus der christlichen Ethik 
entlehnt — er ist viel älter —, aber ihn doch immer wieder an ihr 
prüft und weiterbildet, und in seinen Kechtsordnungen die Forde¬ 
rungen einer göttlichen Gerechtigkeit erblickt, kommt ihm seine 
hohe Autorität gegenüber dem Ge^etzesübertreter zum Bewusstsein. 
Die Störung der sittlichen Gemeinschafts- und Rechtsordnung fordert 
Strafe; „die Strafe ist die tatsächliche Reaktion gegen die Verletzung 
des Rechts in seiner Majestät“. Letzter und höchster Zweck der 
Strafe ist die Besserung. Weder die Abschreckungstheorie noch das 
Vergeltungsprinzip dürfen auf eine beipflichtende und bestätigende 
Anerkennung durch die christliche Ethik rechnen. 

Ein zweiter Teil behandelt „die besonders in Ansehung der 
Persönlichkeit des Rechtsbrechers auf Wesen und Zweckbestimmung 
der Strafe bezüglichen christlich-ethischen Grundbegriffe“ und setzt 
sich mit der Frage nach der Willensfreiheit und sittlichen Verant¬ 
wortlichkeit des Menschen auseinander, indem die Deduktionen der 
modernen Schulen als trügerisch und irrig nachgewiesen und die 
biblisch-theologische Statuierung von Gewissen und Willensfreiheit 
als die einzige Grundlage bezeichnet wird, von der aus das Uebel 
an seiner Wurzel angefasst und eine Umbiegung des Willens vom 
Bösen zum Guten angestrebt und erreicht werden kann. Die christ¬ 
liche Ethik erblickt in der Strafe einen ernsten „Appell an die freie 
Willenstätigkeit des Rechtsbrechers mit dem’ Ziel innerer sittlicher 
Befreiung von dem ihm verderblich gewordenen Einfluss sittlich 
schlechter Motive“. Gleichzeitig wird sie aber das höchste Ziel, die 
wahre Freiheit eines Christenmenschen, das Abhängigkeitsbewusstsein 
von Gott und die gläubige Hingabe an Gott, anstreben dürfen. 

Ein dritter und letzter Teil wendet sich den einzelnen 
Strafformen und ihrer christlich ethischen Wertung zu. Es werden 
nacheinander die Todesstrafe, Körperstrafe, Deportation, Freiheits¬ 
strafe, Geldstrafe, die Nebenstrafen, als da sind Polizeiaufsicht, 
korrektioneile Strafhaft, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte von 
jenem grundlegenden christlich-ethischen Gesichtspunkt des Straf¬ 
zwecks aus beurteilt. Der Todesstrafe widmet der Verfasser eine 
breitere Behandlung. Bei der verschiedenen Stellung der Strafrechts- 
theoretiker und der Moraltheologen zur Frage der Todesstrafe und. 
dem nicht einheitlichen Standpunkt, welchen das Alte und Neue 
Testament, ihrem Wort und dem Geiste nach, zu dieser Materie 
einnehmen, ist Eichberg sich der Schwieiigkeit einer Stellungnahme 
zum Problem der Todesstrafe wohl bewusst, er leitet aber Recht und 
Pflicht einer solchen aus seiner Berufsstellung ab. Er sieht nicht 
ein, warum die auf allen Linien mächtig fortgeschrittene Ueber- 
windung des staatlichen Heidentums, heidnischer Sittentheorie und 
Lebensgewohnheit, durch die sittlich religiöse Verinnerlichung im 
Christentum gerade vor der Todesstrafe Halt machen solle. Sie 
könne weder als zwingend notwendig noch als erlaubt mit durch- 
Blitter für Gefängniskunde. XLV, 21 



322 


schlagenden Gründen gerechtfertigt werden und vor dem Urteil der 
christlichen Ethik sich nicht halten. Den negativen Ablehnungs- 
gründen müsse doch jenes hohe positive Ziel, die wahrhaft ethische, 
Absicht, zur Seite gestellt werden, auch den tiefgesunkenen Rechts¬ 
brecher nicht hoffnungslos verloren gehen zu lassen, sondern nach 
bester Möglichkeit an seiner sittlichen Rettung zu arbeiten. — 

Wie die ganze Schrift Eichbergs so verdient speziell seine Ab¬ 
handlung über die Todesstrafe das Interesse weitester Kreise. Ruhig 
und leidenschaftslos, erschöpfend und konsequent orientiert er den 
Leser vom festen Standort der christlichen Weltanschauung über 
alle prinzipiellen Fragen des Strafrechts. Seine Ausführungen sind 
zumal im Angesicht der bevorstehenden Strafrechtsreform von ganz 
aktueller Bedeutung. B. 


Die Alkoholfrage. Wissenschaftlich praktische Viertel- 
jahrsschrift. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner aller Kultur¬ 
länder herausgegeben von Professor J. Gonser^Berlin, General¬ 
sekretär d. D. Ver. g. d. M. g. G., Berlin W. 15, Mässigkeits-Verlag 
1910. VII. Jahrgang, Neue Folge, Heft 1. (Jahrgang in 4 Heften 
M. 6. —). Siehe Beilage. 

Diese Zeitschrift bildet die Fortsetzung der 1900 von Geh. Rat 
Dr. Baer-Berlin im Bunde mit Geh. Rat Prof. Dr. Böhmert-Dre.><den, 
Senats-Präsident Dr. v. Strauss u. Torney u. Dr. Waldschmidt gegrün¬ 
deten Vierteljahrsschrift „Der Alkoholismus“, die unter dem ver¬ 
änderten Titel: „Die Alkoholfrage“ von Böhmert und Sanitäts-Rat 
Dr. Meiiiert-Dresden 1904—09 fortgesetzt worden ist. Nunmehr ist 
nach Meinerts Tod die Schriftleitung auf Grund von Beschlüssen des 
Deutschen Vereins und der Internationalen-Vereinigung g. d. M. g. G. 
an den Mässigkeits-Verlag des erstgenannten Vereins übergegaiigen. 
Sie will als wissenschaftlich-praktische Vierteljahrsschrift drei Fragen¬ 
gruppen behandeln: 

Was lehrt die Wissenschaft über die Alkoholfrage? 

Welches sind die Beobachtungen und Erfahrungen, die bei den 
verschiedenartigen Bemühungen um die Lösung der Alkoholfrage ge¬ 
macht worden und noch gemacht werden? 

Was können die verschiedenen Länder von einander lernen? 

Die Spalten der Zeitschrift sollen allen wirklich wissenschaft¬ 
lichen Untersuchungen und Berichten geöffnet sein, die geeignet sind, 
das Wissen zu mehren und das Gewissen zu schärfen; sie glaubt 
damit den Zielen des Kampfes gegen den Alkoholismus in seinen 
verschiedenen Richtungen am besten zu dienen und ein versöhnliches 
Nebeneinander- oder, wo dies möglich ist, Miteinanderarbeiten am 
wirksamsten zu fördern. 

Das vorliegende 1. Heft enthält neben einem warmen pro¬ 
grammatischen Vorwort des Herausgebers (in 3 Sprachen) vorzügliche 
Aufsätze über: • 

Können nach deutschem Reichsrecht juristische Personen etc. In¬ 
haber von Schankkonzessionen sein? (W. Geh. ORR. die DDr. v. Strauss 
und Torney). 

Was der Alkohol Frankreich kostet (von Ri6mau-Paris, 
französisch.) 

Der Trinkbrunnen in alter und neuer Zeit (Prof. Dr. Paul 
WeberrJena.) 



323 


Die Neurosis — eine Volkskrankheit (Rae-London, englisch). 
(Den fremdsprachlichen Aufsätzen sind deutsche Auszüge beigegeben). 

Die Bekämpfung des Alkoholismus durch die Gesetzgebung in 
Oesterreich (Advokat Dr. Adolf Daum-Wien); 

einen Nekrolog für den im Kampfe gegen den Alkoholismus 
hochverdienten f Sanitätsrat Dr. Meinert-Dresden von ßöhmert; ferner 
interessante Mitteilungen aus der Trinkei’fürsorge, aus Trinkerheil¬ 
stätten, aus Vereinen, über die Konferenz der Internationalen Ver¬ 
einigung gegen den Missbrauch geist. Getränke von Scheveningen, 
und eine Zusammenstellung alkoholgegnerischer Zeitschriften. 

Bei der hohen Bedeutung, welche die Alkoholfrage für. den 
Kriminalisten (Psychologen, Gesetzgeber, Richter, Staatsanwalt und 
Strafvollzugs-Beamten) hat, ist die weiteste Verbreitung dieser Zeit¬ 
schrift unter unseren Mitgliedern und Lesern in hohem Grade 
wünschenswert; sie sollte namentlich in keiner Strafanstalts-Bücherei 
fehlen 1 Schwandner. 


Der Oerichtsnaal, herausgegeben von Prof. Dr. Oethker 
Würzburg und Prof. Dr. Finger, Halle. Verlag von Ferdinand Enke, 
Stuttgart. Band 57. 1910. 

Aus dem reichen Inhalt dieser bekannten Zeitschrift dürften 
unsere Leser folgende Abhandlungen besonders interessieren; 

Binding: 4 Forderungen an das künftige Reichstrafgesetzbuch 
und eine 5. an die Motive seines Entwurfs. 

Binding verlangt: 1. Erweitei'ung des Stoffs, namentlich durch 
Hereinnahme des Bankerotte und der Delikte wider die Urheber- und 
Erfinderrechte und des Nahrungsmittelgesetzes. 2. Bessere Anordnung“ 
des Stoffs. 3. Freiheit von jeglichem Formalismus, der die materielle 
Gerechtigkeit beeinträchtigt („Fort mit der abscheulichen Dreiteilung 
strafbarer Handlungen!“ — Strafbarkeit aller Vergehensversuche mit 
der Binschränkung, dass in besonders leichten Fällen von Strafe ab¬ 
gesehen werden kann). 4. Ein vernünftiges System der Freiheits- 
.strafen (Zuchthaus, Gefängnis und Haft), aber so, dass dem Richter 
alle drei Arten zur Wahl gestellt sein sollen; jedem Delikte sollte 
nur ein lediglich nach Höchst- und Mindestbetrag bestimmtes Maass 
»Freiheitsstrafe“ angedroht werden. Die Art der Freiheitsstrafe hätte 
der Richter zu bestimmen. An den Verfasser der Motive des künftigen 
offiziellen Entwurfs richtet B. die Bitte, zur Vermeidung des 
greulichen Motivenkultus sich frei zu halten von der tadelnswerten 
Neigung des Verfassers der Motive des Vorentwurfs, „an allen Ecken 
und Enden das geltende Recht authentisch auszulegen und der Aus¬ 
legung des künftigen Rechts die Wege vorzuschreiben, die der Motiven- 
verfasser für die allein gangbaren erachtet“. 

Träger, 2 Fragen zur Strafrechtsreform. Tr. kämpft gegen 
die „Trichotomie“ (Unterscheidung von Polizei- und Kriminalstrafrecht; 
für alle kriminell strafbaren Handlungen die Bezeichnung: Ver¬ 
brechen); ferner gegen § 2 V.E. betr. die zeitliche Herrschaft des 
Strafgesetzes. 

Unter den „verschiedenen Mitteilungen“ interessiert ein Auf-satz 
von Högel: Die österr. Statistik der Sti’afrechtspflege von 1907. 
(Sinken der Verurteilungen beim Diebstahl; Steigen derjenigen wegen 
öffentlicher Gewalttätigkeit und wegen Sittlichkeitsverbrechen; kein 
Ansteigen der Verurteilungen Jugendlicher wegen Verbrechen im Zeit¬ 
raum 1902/1907; kein Ansteigen der Zahl der rückfälligen Verbrecher, 

2U 



324 


wenn man unter „Rückfällig“ im engeren Sinn die wegen Verbrechen 
Vorbestraften und neuerlich Verurteilten versteht). 

Vorschläge zum V.E, zum St.G.B. machen: 

Amtsrichter Dr. Stern-Berlin zum § 83 V.E.: „Das richterliche 
Strafbefreiungsrecht des § 83 ist durch wahlweise Zulassung des 
Verweises im besonderen Teil des Gesetzes zu beseitigen. Des richter¬ 
lichen Strafmilderungsrechts des § 83 bedarf es nicht, da die bedingte 
Strafaussetzung bei zweckmässiger Ausgestaltung ausreichenden 
Ersatz bietet“. 

Rechtspraktikant Bacharach-Würzburg: Zur Reform des 
Kuppel ei begriff es. 

Reg.-Assessor Schurig-Offenbach: .A-bänderungsvorschläge zu 
den §§ 63 und 65 V.E. 

Landgerichtsdirektor Dr. Lafrenz - Hamburg: Ersatz für 
den „Groben Unfug“ mit folgender Formulierung des § 306 Z. 10: 
„wer vorsätzlich und leichtfertig durch falschen Notruf, durch Miss¬ 
brauch von Notsignalen oder durch Verbreitung falscher Nachrichten 
die Ruhe der Bevölkerung gefährdet, 

Z. 11: wer ungebührlich durch Schlägerei oder durch ein 
anderes Verhalten die öffentliche Ordnung gefährdet“. 

Landgerichtsrat Oestreich-Elberfeld: zu § 210 Z. 2 V.E. (Straf¬ 
antragserfordernis bei Amts - Delikten gegen § 123 und 124 V.E.; 
im Interesse der Erhaltung guter völkerrechtlicher Beziehungen des 
Reichs zum Ausland). Schw. 


Asehrott, Dr. P. F. Landgerichtsdirektor a. D., Berlin. 
Strafen, sichernde Massnahmen, Schadensersatz im Voreutwurf 
zum RStGB. (Aus: Reform des Strafgesetzbuchs). Berlin 1910. 
J. Guttentag. M. 2.— 

Eine vorzügliche, vorsichtig abwägende Kritik des Vorentwurfs 
gerade in den Frag*-n, die auch unsere Vereinsversammlung be¬ 
schäftigen werden. Die Schrift kann daher zur Vorbereitung auf diese 
Versammlung aufs wärmste empfohlen werden. 

Der Verfasser will dabei erfreulicher Weise nicht Stellung zum 
Streit der Strafrechtsschulen nehmen; denn er sagt mit Recht: noch 
niemals sei ein Strafgesetzbuch auf Grund theoretischer Erwägungen 
geschaffen worden und wer da glaube, dass es möglich wäre, irgend 
eine Strafrechtstheorie zur alleinigen Grundlage unseres zukünftigen 
Strafgesetzbuchs zu machen, der setze sich dem Vorwurf der Welt¬ 
fremdheit aus. 

Aus dem reichen Inhalt der Schrift soll hier nur das den Straf¬ 
vollzugsbeamten hauptsächlich Interessierende kurz skizziert werden: 

A. ist für Beibehaltung der Todesstrafe, für Beibehaltung der 
Dreiteilung der Freiheitsstrafen, für Heraiifsetzung des Straf¬ 
minimums der Gefängnisstrafe auf 8 Tage, und mit der Ablehnung 
der unbestimmten Verurteilung einverstanden. Im Prinzip ist er für 
die geplanten Strafschärfungen, verkennt aber nicht, dass die prak¬ 
tische Durchführung derselben grosse Schwierigkeiten bereite und 
dass in dieser Richtung noch mancherlei Einwendungen gegen die 
Vorschläge des Vorentwurfs zu machen seien. Gegen die Lebens- 
länglichkeit der Haftstrafe. Er bemängelt mit Fug und Recht lebhaft 
die Bestimmungen des Vorentwurfs über den Strafvollzug und tritt 
iiut Nachdruck für ein Reichs-Strafvollzugs-Gesetz ein, dem oach 



— 325 — 


seiner Ansicht hauptsächlich der preussische Dualismus im Gefängnis- 
wesen entgegenstehe. 

Die Bestimmungen über vorläufige Entlassung begrüsst 
er als Verbesserung und sieht in dieser Einrichtung eine versuchs¬ 
weise bewilligte Milderung des Strafszwangs, dem er grosse prophy¬ 
laktische Bedeutung beimisst; erstrebenswert ist die Umbildung der 
vorläufigen Entlassung zu einer regelmässigen Einrichtung des 
Strafvollzugs. 

Die Einführung der bedingten Strafaussetzung (besser: 
bedingter Straferlass) begrüsst er mit Freuden, er schlägt versehiedepe 
Verbesserungen der Einzelbestimmungen des Vorentwurfs vor, nament¬ 
lich die Einführung der Schutzaufsicht. 

Beim Arbeitshaus istA. gegen die geplante Vermischung 
der Liederlichen und’Arbeitsscheuen mit den Zuhältern und anderen 
Verbrechern. Dem geplanten Ersatz der Freiheitsstrafe durch Arbeits¬ 
haus, durch den derselbe zur eigentlichen Hauptstrafe wird, wogegen 
A. nichts einzuwenden hätte, zieht er den Schweizer. Vorentwurf vor, 
der den Vollzug der Freiheitsstrafe aussetzt und erst anordnet, wenn 
der Verurteilte im Arbeitshaus gezeigt hat, dass er zur Arbeit nicht 
erzogen werden kann oder wenn er sich nach seiner vorläufigen 
Entlassung aus dem Arbeitshaus während der Probezeit schlecht führt. 

Bezüglich der sonstigen „sichernden Massnahmen“ verspricht 
sich Verfasser vom Wirtshausverbot wenig praktischen Erfolg, 
ist daher für Abweisung derselben, begrüsst dagegen die Unter¬ 
bringung in eine Trinkerheilanstalt mit Freuden. 

Mit der Abschaffung der Polizeiaufsicht ist er selbstverständlich 
einverstanden, will aber nach Aufhebung aller Aufenthalts¬ 
beschränkungen, indem er für den richtigen Weg die Ueberwachung 
in der Gestalt der vorläufigen Entlassung durch Schutzaufsicht und 
als Schutzfürsorge für die Entlassenen hält. Dabei bedauert er, dass 
der deutsche Vorentwurf die Friedensbürgschaft des Schweiz. 
Vorentwurfs abgelehnt hat. — Schw. 


Das Gefängniswesen Bremens. Inauguraldissertation von 
Referendar Otto Grambow in Bremen. Borna-Leipzig, Buchdruckerei 
Robert Noske. 

Der Verfasser bezweckt mit seiner Schrift, eine gründliche 
Spezialdarstellung des Gefängniswesens Bremens von seinen ersten 
Anfängen an, einen Beitrag zu einer späteren allumfassenden Gesamt¬ 
darstellung des Gefängniswesens aller Staaten zu geben. 

Dieser Zweck ist ihm in vollem Mass gelungen. 

Mit grossem Fleiss und Geschick hat Verfasser die historischen 
•iuellen benützt und gibt ein anschauliches Bild wie Bremen in einer 
Zeit anfangs des 17. Jahrhunderts, als an Stelle der bisherigen grau¬ 
samen Leibes- und Lebensstrafen die bis dahin völlig neue Idee der 
modernen Freiheitsstrafe die Gemüter erfasste, als er.ste Stadt in Deutsch¬ 
land in Verwirklichung dieser Idee, ein Zuchthaus, freilich noch in ganz 
anderem Sinn, als was wir heute darunter verstehen, gründete, wie e.s 
sich selbst bei dessen Gründung gewissermassen als Muster das 
Amsterdamer Zuchthaus nahm und seinerseits in mannigfachen Be¬ 
ziehungen für viele in der Folge gegründete Anstalten Deutschlands 
das Vorbild wurde. Der Verfasser zeigt weiter, wie schon bald nach 
der Gründung der Anstalt zu einer Zeit, da in derselben sowohl 
wirkliche Verbrecher und Uebeltäter, als auch besseruno’sfähige, ver- 



— 326 — 


währloste Individuen und mutwillige Bettler nebeneinander noch Auf¬ 
nahme fanden, sieb schon Anklänge an ganz moderne Gedanken 
des Strafvollzugs, wie z. B. die Festlegung des Zeitmasses der Strafe 
in die Hand des Strafvollzugsbeamten zu legen u. a. mehr, sich 
finden und gibt eine historische Betrachtung, wie die Anstalt alle 
möglichen Stadien des Auf- und Niedergangs während des Laufs der 
verschiedenen Jahrhunderte durchlief, bis schliesslich nach Verlassen 
des alten Baugrundes die ausgedehnte und musterhafte Strafanstalt 
Oslebshausen gegründet wurde und am 5. Februar 1874 eröffnet 
werden konnte. 

Klare Uebersicht und rasche Orientierungsmöglichkeit werden 
das Werk jedem lieb machen, der sich mit den Bremer Gefängnis- 
verhältuissen vertraut machen will. v. Rom. 


Die Guttentag’sche Ver lagsbuchh an dlung-Berlin 
hat den 32. Band der «»Zeitschrift für die gesamte Strafrechts¬ 
wissenschaft“ zu Ehren des 60. Geburtstags des Mitbegründers dieser 
Zeitschrift: Prof, Dr. Franz v. Liszt erscheinen lassen; er ent¬ 
hält, abweichend von den übrigen Bänden, nur Abhandlungen. 

Hervorragende Mitarbeiter der Zeitschrift haben sieh vereinigt, 
um dem Jubilar, dessen treffliches Bild den Band schmückt, einen 
Strauss der schönsten Blüten ihrer Wissenschaft zum Glückwunsch 
, darzubringen. 

Aus dem reichen Inhalt des Bandes (33 Abhandlungen: 
Preis M. 15.—) seien, als unseren Leserkreis besonders interessierend, 
folgende Aufsätze hervorgehoben: 

Professor Dr. van H a m e 1 - Amsterdam: Die ethische Be¬ 
deutung der modernen Richtung im Strafrecht. 

Professor Dr. G. v. M a y r - München : Forschungsgebiet und 
Forschungsziel der Kriminalstatistik. 

Professor Dr. V. Hippel-Göttingen: Zur Begriffsstimmung der 
Zurechnungsfähigkeit. . 

Landgerichtsdirektor a. D. Dr, Aschrott-Berlin: Die mildern¬ 
den Umstände und die besonders leichten Fälle im Vorentwurf zu 
einem deutschen Strafgesetzbuch. 

Professor Dr, Freudenthal-Frankfurt: Der Strafvollzug als 
Rechtsverhältnis des öffentlichen Rechtes. 

Professor Dr. Radbruch-Heidelberg: Die Psychologie der 
Gefangenschaft. 

Professor Dr. Heimberger -Bonn: Trunkenheit und Trunk¬ 
sucht im Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetzbuch. 

Professor Dr. Kohlrausch-Königsberg: Trunkenheit und 
Prunksucht im deutschen Vorentwurf. 

Pi'ofessor Dr. med. G. Aschaffenburg-Köln: Die Verwah¬ 
rung Gemeingefährlicher. Schw. 


Von den ««Vorschlägen des Deutschen Anwalt-Vereins 
?***". Strafprozess-Reform“ nebst eingehender Begründung (zu 
geziehen vom Bureau des Deutschen Anwalt-Vereins in Leipzig zu 
An ^ 1 A unsere Leser in erster Linie interessieren, dass der 

Streichung der Bestimmungen des Entwurfs über 
ovii \®*‘f^hren gegen Jugendliche (§ 364 ff.) anstrebt. Die Be- 
feiunclung sagt hierzu: 



327 


„Das Problem der straf rech tlichea Behandlung Jugendlicher hat 
seinen Schwerpunkt im materiellen Recht und in der Strafvollstreckung, 
nicht aber in der Gestaltung des Verfahrens bis zum Urteil. Sobald 
auf den» Gebiete des materiellen Strafrechts die Frage gelöst ist, bei 
welchen Deliktstatbeständen und unter welchen subjektiven Voraus¬ 
setzungen die Strafjustiz gegen Jugendliche einzuschreiten hat, wird 
zwar das Bedürfnis nach besonderen Vorschriften hinsichtlich des 
Strafvollzugs noch Befriedigung verlangen, nicht aber kann alsdann 
noch anerkannt werden, dass die Einführung eines besonderen, vom 
ordentlichen Strafverfahren in wesentlichen Punkten abweichenden 
Verfahrens gegen jugendliche Delinquenten wünschenswert sei. Die 
Bildung besonderer Jugendgerichtsabteilungen bei Amts- und Land¬ 
gerichten, so auch die vielfach begehrte, als zweckmässig indessen 
bisher noch nicht bewiesene Uebertragung des Dezernats für die Ab¬ 
urteilung Jugendlicher auf den Vormundschaftsrichter, ist Aufgabe 
der Justizverwaltungen, könnte auch durch das GVG. vorgeschrieben 
werden. Die StrPO. wird auf die Jugendlichen nur insofern Rück¬ 
sicht zu nehmen haben, als ihnen gegenüber die Verhängung der 
Untersuchungshaft zu erschweren, und ferner bei Anklage gegen 
Jugendliche die Verteidigung als notwendig zu bezeichnen ist.“ 

Zum GVG. fordert der Anwalt-Verein die Zuziehung des 
, Volksrichters“ auch zur Berufungsinstanz und‘schlägt vor, die. Straf¬ 
kammer mit 1 Richter und 4 Schöfftm, die Berufungssenate mit 
2 Richtern und 5 Schöflenzu besetzen. Den Vorsitz in den Berufungs¬ 
senaten soll ein Senats-Präsident des OberJandesgerichts führen. Schw. 


Heber krankhafte moralische Abartung im Kindesalter 
und überden Hellwert der Affekte. Von Prof. Dr. G. Anton 
in Halle a. S. Juristisch-psychiatrische Grenzfragen. VII. Band, Heft 3. 

Im Gegensatz zu zahlreichen Autoren, die die Anschauung 
vertreten', dass die moral insanity stets mit einem mehr oder weniger 
erheblichen Grad intellektueller Schwäche verbunden ist, also zur 
grossen Gruppe des Schwachsinns gehört, steht Anton — und man 
wird ihm darin wohl Recht geben müssen — mit anderen Forschern 
(Koch, Schiele, Bleuler, Ganser, Wernike) auf dem Standpunkt, dass 
nicht nur bei normalen Typen, sobdern auch auf krankhaftem Gebiete 
eine moralische Abartung ohne nachweisliche Schwäche der Intelli¬ 
genz Platz greifen kann und verweist nach Hervorhebung der all¬ 
gemeinen Tatsache der Kraukheitslehre, dass in der Tat die Krankheit 
elektiv einzelne Teile der seelischen Gesamtfunktion des Gehirns 
schwerer betreffen kann als andere, auf Krankheiten, bei denen es 
wenigstens phasenweise zum Zustandsbild der moralischen Abartun’g 
kommt: leichte Formen der Manie, senile Charakterveränderung, 
Alkoholismus, Epilepsie. 

Ebenso lässt sich nicht verkennen, dass es Kinder gibt, bei 
denen vorwiegend die sozialen und ethischen Gefühle vei’küinmcrt 
bleiben. Eine andere Gruppe von solchen Individuen sind diejenigen, 
bei denen das richtige Verhältnis der Affekiwerte zu einander 
gestört ist. 

Ausgehend von der Tatsache, dass ein starker Affekt nicht 
nur schädlich, sondern in vielen Fällen auch günstio> wirken kann, 
verlangt Anton, dass die psychische Therapie sich nicht nur mit dem 
Gedankeninhalt zu beschäftigen habe; sie muss auch die Wirkungen 
der Affekte zu einander in Betracht ziehen. 

Hohenasperg. 


Dr. SUtig^*'- 



— 328 — 


EinheitHdenkeu und Teildenken. Glosse im Sinne eines 
kriminalistischen Gesamtkodex. Von Exzellenz Dr. Eugen v. Ja ge¬ 
rn an n, Wirkl. Geh-Rat und Universitäts-Professor in Heidelberg. 

(Aus dem Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie, 
herausgegeben von Geh. Justizrat Professor Dr. Josef Köhler und 
Dr. jur. Franz Berolzheitner, Berlin. Verlagsbuchhandlung Dr. W. Roth¬ 
schild, in Berlin und Leipzig, IV. Band Heft 2, Januar 1911). 

Eine vortreffliche Arbeit, in der der Verfasser beklagt, dass bei 
uns die Reform des Strafprozessrecbts, einschliesslich der Gerichtsver¬ 
fassung und des materiellen Strafrechts gesondert in die Wege geleitet 
und die Ausdehnung auf den Strafvollzug und die Verbrechens-Prophy¬ 
laxe bis jetzt gesetzgeberisch noch gar nichts ins Auge gefasst wird. 

Alle 4 Gebiete gehören unzertrennlich zusammen und sollten 
in einem einheitlichen Gesetzeswerk, ähnlich wie in England das 
«Kinderrecht“ in der Children-Act von 1908, behandelt werden. Die 
Einheitserfassung bedeutet, wie Verfasser geistreich ausftihrt, Befmch- 
tung nach allen Seiten. 

Die Konsequenz dieser Einheitserfassung der Kriminalistik soll 
jedoch nicht weiter gehen als auf gleichzeitige, in innerster Harmonie 
stehende Legislative für die 4 Gebiete des kriminalistischen Stoff¬ 
reichs, wobei eine Aufteilung des Gesamtkodex als eines Mantel- 
Einführungsgesetzes in 4 Gesetze nicht zu beanstanden wäre. (Zn 
vergl. die Beschlösse unserer Kölner Versammlung in Bd. 43, S. 36 
der Bi. f. Gef.-Kunde). 

Den Schaden der getrennten Behandlung der 4 Gebiete schätzt 
Verfasser höher als den Nutzen der Eile in den Einzelgebieten, denn 
die Zerlegung der grossen Aufgabe in Etappen verschiedenartiger 
Legislative werde die Folge haben, dass nicht das ganze von dem 
wichtigsten Gedanken der tunlichsten Verbrechensverhütung am 
Einzelnen wie im Volksleben mitdurchtränkt sei. Verfasser schliesst 
mit dem beherzigenswerten Wort: „Ein ernstlicher Kampf gegen das 
Verbrechen ist nicht ausführbar ohne die Aufraffung zu einer grossen, 
in sich harmonischen, die Realitäten zusamraenfassenden Gesamt¬ 
aufgabe!“ Schw. 


Cesare Lombroso von Dr. med. Karl Rühl, Turin. Halle a. S. 
Carl Macbold, Verlagsbuchhandlung. 

Der Verfasser gibt in dem vorliegenden Schriftchen in kurzen 
Zügen, aber mit warmen Worten ein getreues Lebensbild des jüngst 
verstorbenen Altmeisters Cesare Lombroso, des Gründers und Haupt¬ 
vertreters der kriminalanthropologischen Schule, die nach Aufkommen 
der Kriminalätiologie, der Wissenschaft, die die Ursachen des Ver¬ 
brechens zu erkennen und diese alsdann zu bekämpfen sucht, das 
Verbrechen aus individuellen Eigenschaften des Täters, in.sbesondere 
anatomischen Gi-ünden, zu erklären sucht; wie Lombroso in seinem 
Entwicklungsgang mit seinen Lehren über den delinquente nato von 
der wissenschaftlichen Welt auf das schwerste bekämpfte und zum Teil 
angefeindet wurde, wie er äusserlich zuerst mit der Not des Lebens 
zu kämpfen hatte, bis es ihm schliesslich nach heissem unermüdlichem 
Kampf neben äusseren mannigfachen Anerkennuntjen gelang, seinen 
Theorien, die heute in aller Munde sind, einen festen Boden zu geben» 
so dass heute seine Lehren, wenn auch mannigfach angegriffen 
und widerlegt, doch Gemeingut der ganzen wissenschaftlichen und 
gebildeten Welt geworden sind. v. Rom. 



329 


Strafvollzug; und Jugends4‘hutz in Amerika. Eindrücke 
und Ausblicke einer Gefängnisstudienreise von Georg Stammer. 
R. T. Deckers Verlag, Berlin. Gebunden 1.50 Mk. 

Der Verfasser hat auf Einladung der amerikanischen Regierung 
an einer Besichtiguiigsreise durch die Vereinigten Staaten teilgenommen, 
die den Neuerscheinungen auf dem Gebiete des Gefängniswesens 
und Jugendschutzes galt. Das Buch gibt die gewonnenen Eindrücke 
in anschaulicher Weise wieder und ist von besonderem Interesse, 
weil hier die grossen Fragen der amerikanischen Strafpolitik vom 
Standpunkt des Strafvollzugspraktikers beleuchtet werden. Amerika 
sucht das Verbrechen niederznringen durch Jugendschutz, Rückfall- 
bekämpfung und Unschädlichmachung. Es ist interessant zu sehen, 
wie heute das beste Strafgesetz nichts vermag ohne den wohlgeordneten 
Strafvollzug und wie auch dieser seiner Aufgabe nicht gerecht werden 
kann ohne Pflege einer instruktiven Gefangenenarbeit. Es ist in 
Amerika viel auf diesem Gebiete geleistet worden, aber die Gegen¬ 
sätze stossen noch hart aufeinander. Neben den unübertroffenen 
Einrichtungen zur Verhütung des Verbrechens stehen die Hochschulen 
für Vermehrung des Verbrechens, neben die mustergültigen Refor- 
matories treten die nicht übel genug zu beanstandenden Jails und 
neben der Kultivierung einer hohen Achtung vor dem Individuum 
begegnet man noch der Anwendung des Radikalmittels der Kastration. 

Die namentlich sozialpolitisch wichtige Arbeit des Gefängnis¬ 
wesens und die Ziele des modernen Strafvollzuges beginnen in weiteren 
Schichten der Gesellschaft Beachtung und Anerkennung zu finden. 
Das vorliegende Buch wird dazu beitragen, Verständnis für die 
brennenden Fragen der Verbrechensverhütung und -behaudlung im 
Volke zu erwecken. Es gilt hier Vorurteile zu besiegen und die 
Mitarbeit des Publikums zu gewinnen. Möge dieser Erfolg dein 
Buche beschieden sein. 


Oesterreichische Zeitschrift für Strafrecht, heraus¬ 
gegeben von Dr. Alexander Löffler, Professor in Wien. Wien, 
Manz’sche k. k. Hof-, Verlags- und Universitäts-Buchhandlung. 

Im 2. Heft 1. Jahrgang 1910 interessieren neben zwei verdienst¬ 
vollen Arbeiten von Lenz und Löffler „Ueber die Aufgaben des 
Richters nach dem Vorentwurf zu einem österr. Strafgesetzbuch“ und 
»üeber die Reform des österr. Strafgesetzes“ insbesondere ein Aufsatz 
von Prof. Dr. Heimberger in Bonn. „Die Grenze zwischen 
Frucht und Menschenleben“ und ein weiterer von Dr. Julius 
Ofner in Wien „Das soziale Charakterminimum“. Im ersteren 
vermisst der Verfasser im geltenden sowohl deutschen wie öster¬ 
reichischen Strafrecht im Gegensatz zum bürgerlichen Recht, welches 
klar ausspricht, dass die Rechtsfähigkeit des Menschen mit der Vollen¬ 
dung der Geburt beginne, bestimmte diesbezügliche gesetzliche Be¬ 
stimmungen darüber, von welchem Moment an das in der Geburt 
begriffene Wesen aufhört Leibesfrucht zu sein und dessen Dasein, 
als Mensch beginnt und zeigt an mannigfachen Beispielen, wie dieses 
Pehlen einer ausdrücklichen zweifelsfreien Vorschrift über die recht¬ 
liche Scheidung zwischen Frucht und Mensch, dieser Mangel einer 
festen Umgrenzung des Begriffes „Mensch“ in strafrechtlicher Be¬ 
ziehung vielfach zu Unsicherheit und verschiedenartiger Recht¬ 
sprechung führt, je nachdem der Moment des selbständig gewordenen 
.Menschen in ein früheres oder späteres Stadium des Geburtsaktes 


— 330 


verlegt wird, wie dieser Mangel einer gesetzlichen Festlegung auch 
nicht durch zweifelsfreie Auslegung des Gesetzes ausgeglichen wird, 
sofern das Reichsgericht in der Hauptsache den Beginn der Wehen, 
wogegen schwerwiegende Bedenken sprechen, als massgebenden Zeit¬ 
punkt annimmt, an anderer Stelle dagegen den Austritt eines Teiles 
<le8 Kindes aus dem Mutterleib für erforderlich erachtet. 

Der Verfasser selbst will den Austritt des Kopfes, des wichtigsten 
Aktes des Geburtsvorganges, von dem es abbängt, ob die Frucht zu 
selbständigem Dasein wird gelangen können oder nicht, als die Grenze 
zwischen Frucht und Menschen betrachtet wissen und hält es für 
nötig, dass zur Sicherstellung der Rechtsprechung im Gegensatz zum 
Vorentwurf des deutschen Strafgesetzbuches, der den Unterschied 
zwischen Mensch und Frucht als bekannt voraussetzt und über die 
Grenzziehung wie das geltende Recht sich ausschweigt, in dieser Rich¬ 
tung bestimmte gesetzliche Bestimmungen, für welche er verschiedene 
Formulierungen vorschlägt, im künftigen Strafgesetzbuch aufgenommen 
werden, wie dies wenn auch in anderer Weise in § 295 des öster¬ 
reichischen Vorentwurfs geschehen ist. 

In dem Aufsatz: „Das soziale Charakterminimum“ setzt sich der 
Verfasser mit den beiden das gesamte Strafrecht beherrschenden 
Hauptrichtungen der klassischen (objektivistischen>und der modernen, 
(subjektivistischen) Schule und deren Hauptvertretern Birkmayer 
und Liszt, selbst von dem Standpunkt, der die Mittellinie zwischen 
beiden Extremen zu halten sucht, ausgehend und festhaltend an seinem 
schon im Jahre lb79 aufgestelltem Begriff „des sozialen Charakter¬ 
minimums“ dessen Mangel den Unrechten Menschen schafft und be¬ 
tonend, dass ebenso wie alle Politik aus Kompromissen besteht, so 
auch Staatsgesetze nicht einseitig durch Grundsätze, sondern insbe¬ 
sondere durch Zweckmässigkeitsgründe bedingt werden, in anregen¬ 
der und interessanter Weise auseinander und zeigt an einzelnen 
Punkten, dass der gleiche Streit, der heute zwischen den beiden 
Schulen in lebhaftester Weise verfochten wii-d, schon zu früheren Zeiten 
fast mit gleichen Worten geführt worden i^t; damals als an Stelle 
der reinen Erfolgshaftung die Schuldhaftung trat und die sogenannte 
moderne Schule von ehedem ihr Haupt erhob und sich schon damals 
Birkmeyer, der heute der Hauptrufer im Streite ist, obwohl auch er 
nach der praktischen Seite mannigfache Konzessionen an die heutige 
moderne Schule gemacht hat, als Hauptverfechter der Ideen der da¬ 
maligen modernen Schule erwies. 

Liepmann: „Die Einschränkung des Wahrheitsbeweises bei 
Beleidigungsklagen“. 

Der Verfasser zeigt zunächst an der Hand der Rechtsgeschichte, 
wie die Gesetzgebung von der ursprünglichen Unbescbränktheit des 
Wahrheitsbeweises im Anschluss an L. 18 Dig. de injuriis 47 10 zti 
einer Einschränkung des Wahrheitsbeweises gelangte. 

Als charakteristisch ergibt sich, dass es sich bei allen Ein¬ 
schränkungen des Wahrheitsbeweises um ein Sonderstrafrecht gegen 
‘ll® P*’6sse gehandelt hat. Bei der Untersuchung des Wertes solcher 
Einschränkungen des Wahrheitsbeweises im Beleidigungsprozess wird 
gezeigt, dass sie einen dem Beleidigten nicht genügenden Schutz ge¬ 
währe; die Beleidigungsklage führe zwar zu einem Machtspruch, aber 
i^u keinem Wahrspruch, eine reparatio famae sei durch die Einschrän¬ 
kung des Wahrheitsbeweises unmöglich gemacht, häufig führe die 
r.inschränkung aber auch zu einer ungerechten Behandlung des Be- 



331 


leidigers. Dazu komme die Schwierigkeit, eine Abgrenzung der Fälle, 
in denen der Wahrheitsbeweis eingeschränkt werden soll, von den 
Fällen in denen er unbeschränkt zugelassen werden solle. 

Ausschliessung des Wahrheitsbeweises dann, wenn es sich um 
Tatsachen des Privat- oder Familienlebens handle, komme wegen des 
Kautschuckartigen dieses Begriffes und auch deshalb nicht in Frage, 
weil kein Grund vorliege, den Wahrheitsbeweis über diese Tatsachen 
nur in Beleidigungsprozessen und nicht auch in anderen Rechts¬ 
streitigkeiten einzuschränkeu. Den Wahrheitsbeweis darnach einzu¬ 
schränken, ob der Täter ein berechtigtes Interesse an der Veröffent¬ 
lichung habe, sei deshalb unmöglich, weil oft gerade erst die Wahr¬ 
heitsuntersuchung den guten oder schlechten Glauben des Beleidigers 
lehre. Die Unterscheidung darnach, ob an der Ermittelung der Wahr¬ 
heit ein öffentliches und allgemeines Interesse vorliege, sei vag und 
unsicher. Der Verfasser kommt zu dem Resultat, dass die Abschneidung 
des Wahrheitsbeweises gerade den Elementen den Schutz in einem 
Beleidigungsprozess entziehe, die ihn verdienen. Dem zu Unrecht 
Angegriffenen, der den Nachweis erbringen will, dass ihm Unwahres 
iiachgeredet ist, dem Angeklagten der sich gegen den Vorwurf der 
Verläumdung schützen möchte, dadurch dass er die Wahrheit seiner 
Behauptung aufdecke. Ais Abhilfe gegen die nach dem geltenden 
liecht tatsächlich vorhandenen Misstände schlägt der Verfasser vor, 
strikteste Beschränkung des Wahrheitsbeweises auf das thema frobnndum, 
Beschränkung der Oeffentlichkeit des Verfahrens in dem Sinn, dass 
das Gericht auf Antrag eines Beteiligten Oeffentlichkeit ausschliessen 
kann, ferner strafrechtlich geschützte, Schweigegebote. 

In „Randbemerkungen zum Strafgesetzbuch“ kritisiert Maka- 
rewicz an dem österreichischen Strafgesetzentwurf den Mangel einer 
entscheidenden Stellungnahme in Fragen, bei denen Kompromisse 
ausgeschlossen sind. Er. tadelt, dass der Entwurf die Rehabilitation 
und den bedingten Strafnachlass auf Jugendliche bis zum 18. Lebens¬ 
jahre einschränkt, dass Sicherungsmittel gegen Gemeingefährliche 
vom Richter nicht angeordnet werden dürfen, wenn der Täter ein 
Vergehen oder eine Uebertretuug begangen hat, die bloss mit einer 
Freiheitsstrafe bis zu 6 Monaten bedroht ist, dass die ausserordent¬ 
liche Milderung an taxativ aufgezählte Bedingungen gebunden ist 
und rügt den Gang des Vorentwurfs zur Mathematik, wobei als Bei¬ 
spiel der Fall des Zusammentreffens mehrerer Straftaten aufgeführt ist. 

Gleispach nimmt in seinen „Randbemerkungen“ den 
Strafgesetzentwurf gegen Makarewicz in Schutz. 

In seiner Abhandlung über die „Reform des österreichi¬ 
schen Strafgesetzes“ behandelt Löffler die Anwendung der 
Einzelhaft, führt aus, dass der deutsche und östei-reichische Entwurf 
„Einzelhaft“ in einer ganzen Reihe von Fällen als obligatorisch er¬ 
klären, tadelt, dass der österreichische Entwurf die Entscheidung der 
Frage, ob Einzelhaft oder Gemeinschaftshaft im Anschluss an die 
bisherige Entwicklung dem Strafvollzug.sbeamten und nicht dem 
Richter überlässt. In einem weiteren Abschnitt wird die Strafe für 
politische Verbrecher behandelt und die Einfügung einer weiteren 
Strafart, nämlich das Staatsgefängnis in das System der Freiheits¬ 
strafen empfohlen. 

R 0 s en f e 1 d: „Strafsvstem und Strafzumessung im österr. und 
ira deutschen Vorentwurf“ behandelt die Regelung der Haupt- und 
Nebenstrafen in beiden Entwürfen, insbesondere die Freiheitsstrafe. 
Eine Unvollkommenheit des Entwurfs sieht der Verfasser 


— 332 


vor allem in der Beibehaltung von zwei strengen Freiheitsstrafen 
neben einander, in der Beibehaltung von Zuchthaus oder Gefängnis. 
Der Verfasser verlangt, dass der Gesetzgeber über den Charakter der 
Gefängnisstrafe Klarheit schaffe, tadelt, dass Gefängnis und Haft und 
ebenso dass Haft und Arbeitshaus in einer und derselben Strafanstalt 
verbüsst werden dürfe. Der Verfasser führt sodann weiter aus, dass 
das Problem der langen und der kurzen Freiheitsstrafe im österr. 
Entwurf besser als im deutschen Entwurf gelöst ist, schon deshalb, 
weil es wohl nicht zu einem deutschen Reicbsstrafvollzugsgesetz 
kommen wird, durch welches der progressive Strafvollzug einheitlich 
geregelt würde. 

Als Vorzug des deutschen Entwurfs anerkennt der Verfasser, 
dass dieser gerade in der Aufnahme der bedingten Verurteilung oder 
bedingten Strafaussetzung mannigfaltigere Ersatzmittel für die kurze 
Freiheitsstrafe kennt, als der österr. Vorentwurf 

Amtsrichter Dr. v. Rom. 

Im 7. Heft interessiert besonders ein vortrefflicher Aufsatz von 
Kitzin ger: Die strafrechtliche Behandlung des Alkoholmissb rauchs 
nach deutschem und österr. VE. In Absicht auf die in der Volltranken- 
heit begangenen strafbaren Handlungen hält K. den vom DVE. ein- 
geschlageuen Weg Oehandlung derselben im allgemeinen Teil nach 
den Grundsätzen der Fahrlässigkeit) systematisch und der Grundidee 
noch für glücklicher als den österreichischen (Aufstellung eines 
Sondertatbestands im besonderen Teil). Der Schwierigkeit, die sich 
beim DVE. ergibt, dass es bei Delikten, die bei fahrlässiger Begehung 
nicht strafbar sind, an der Strafdrohung des besonderen Teils fehlt, Mrill 
K. als Notbehelf abhelfen durch Aufstellung eines besonderen Straf¬ 
rahmens für diese Fälle. 

Die Bestimmungen beider VE. über die sog. gefährliche und 
Aergernis erregende Trunkenheit hält K. in ihrer Tendenz, das 
Publikum zu schützen und damit indirekt auch die Trankenheit 
zu bekämpfen, für begrüssenswert, rein strafrechtlich betrachtet tadelt 
er als Konstruktionsfehler, dass sie in die Kategorie der verpönten 
Erfolgshaftung greifen, und macht beherzigenswerte Verbesserungs¬ 
vorschläge. Dem Wirtshausverbot stimmt K. zu, ebenso der Unter¬ 
bringung in eine Trinkerheilanstalt, die er als „Heilung zum Zweck 
der Sicherung“ in besonderen Abteilungen staatlicher Anstalten für 
verbrecherische Irren vollzogen wissen will. 

Davon ausgehend, dass alles, was zur Bekämpfung des Alkoholis¬ 
mus auf strafrechtlichem Gebiet geschehen könne, jetzt beim Zustande¬ 
kommen neuer Strafgesetzbücher geschehen müsse, empfiehlt K. noch 
für den DVE. Bestimmungen, wonach der Missbrauch des Alkohols 
in dessen Verabreichung an Dritte (Unmündige und Betrunkene) mit 
Strafe bedroht werde; ebenso die Bestimmung des Art. 47 des österr. 
E. zum Einführungsgesetz (Unklagbarkeit von Forderungen aus der 
Verabreichung geistiger Getränke etc.), ferner den Art. 472 des Österr. 
E., der die Verschleierung und Umgehung dieser Bestimmung mit 
Uebertretungsstrafe bedroht, obwohl er sich nicht verhehlt, dass ein 
derartiger Eingriff ins bürgerliche Recht in einem Strafgesetzbuch 
nicht unbedenklich ist. 

Das 8. Heft enthält einen Vortrag von Staatsanwalt Dr. R. 
Vamböry, Budapest, gehalten auf dem Gef.-Kongres zu Washington 
über „Die Fachbildung der Gefängnis-Beamten.“ Vortragender hält 
es für dringend geboten, dass die wissenschaftlichen Kreise und die Re- 




333 


gierungen der leitenden Staaten an dieses schwierige Problem heran¬ 
treten, ohne dessen Lösung auch die vernünftigste Strafpolitik bloss 
papierene Weisheit enthalte. Die bequemste Lösung wäre, wenn die 
Universitäten Gefängniswissenschaft, Kriminologie und Kriminal-Psy- 
cbologie in ihr Vorlesungs-Programm aufnehmen werden. Bei dem 
konservativen Sinn, der auf den europäischen Universitäten noch 
Iierrsche, hält V. dies aber nicht für erreichbar. Er hält auch die 
obligatorische Universitätsbildung der Gefängnis-Beamten kaum für 
empfehlenswert, einerseits wegen der Schwierigkeit, das Studium der 
verschiedenen Arten von Beamten (Vorsteher, Aerzie, Geistliche, 
Lehrer etc.) einheitlich zu regeln, anderseits weil die Vorteile, die 
der Strafanstaltsdienst in materieller und gesellschaftlicher Hinsicht 
biete, zu der Bürde der Universitätsbildung in keinem gerechten 
Verhältnis stehe. Die verschiedenen Zweige der Rechtswissenschaft 
bieten dem Gef.-Beamten zu viel und zu wenig. Reine militärische 
Vorbildung, d. h. Anstellung von Offizieren im Strafanstaltsdienst, 
hält V. nur dort am Platz, wo, wie z. B. in Oesterreich am Ende des 
19. Jahrhunderts, es sich darum handle, ein ungeordnetes Gefängnis¬ 
wesen zu reorganisieren. Das Ideal einer Gefängnis-Administration 
sei es gewiss nicht; Drill und Dressur dürfen bei der modernen Ge- 
fäng^iisstrafe nicht die erste Rolle spielen: auch der tüchtigste Offizier 
vermöge den lebendigen Geist des Btrafvollzug.s nur dann zu erfassen, 
wenn er Schulung in den nötigen Kenntnissen erhalte. 

Im Allgemeinen fordert V. eine gewisse Garantie für Wissen 
lind Bildung der Gef.-Beamten, ohn<‘ die eine Fachtätigkeit nicht 
ausgeübt werden könne. Grundbedingung: Erfordernis der Mittel¬ 
schulbildung als Unterbau der fachgetnässen Ausbildung; letztere 
müsse die Kenntnis des Verbrechens und Verbrechers, der Strafe und 
Verbrechensvorbeugung umfassen. Ob diese Kenntnis auf der Hoch- 
.sehule oder durch ein Lehrkursus erreicht werde, sei gleichgültig. 
Bio deutschen Gefängnislehrkurse hält V. nicht für genügend, sie 
seien am Platz und notwendig, um Juristen im Gefängniswesen aus- 
znbilden, zur fachgemässen Ausbildung der Gefängnis-Beamten seien 
sie unzulänglich. Die zehnwöchigen ungarischen Lehrkurse für Ge¬ 
fängnisbeamte, welche näher beschrieben werden, seien vorzuziehen. 
Zur Ergänzung dieser ungarischen Kurse dient neben Besichtigung 
von Strafanstalten das Landes-Gefängnis-Museum, bestehend aus drei 
Abteilungen, das Gegenstände aus der Geschichte der Strafen, Modelle 
von Strafanstalten und auf die Ethnographie und Anthropologie der 
Verbrecher bezügliche Sammlungen enthält, die einzige Anstalt iu 
Europa, in der anthropologische Daten der Verbrecher von Amtswegen 
gesammelt werden. Schw. 



Bibliographie der Gefängniskunde. 

Von Professor v. Kirchen heim in Heidelberg. 

• Veröffentlichungen deren Erscheinen 1909 und 1910 bekannt 
geworden. Vgl. XLIII, 300, XLI, 403, XL, 309, XXXIX, 356, XXXVII, 
342, XXXVI, 502, XXXV, 540. 

Deutsche Literatur. 

Gefängnisweseii, Strafvollzug einschl. Fürsorgeerziehung. 

Barrows, Fürsorge für Gefangene. Z. f. StrRW. 1910, p. 102. 
Berliner Verein z. Besserung d. Strafgefangenen. Bericht über 

1909. 70 S. Berlin 1910. (Nicht im Handel). 

Blumenthal, Was können wir von Amerika bei Behandlrmg der 

verbrech. Jugend lernen? 10b S. Berlin. Vahlen. M. 2.60 

Breinersdorf, C., Der arme Heinrich, Geschichte eines Züchtlings. 

157. Köln, Helios Verlag 10. M. 1.— 

Egloffstein, Gefängnisfrage. Südd. Monatshefte 1910. S. 123—28. 
Er har dt, Kostenfreiheit im militärgerichtl. Vollstreckungsverfahren. 
Arch. f. Militär-R. II 111. 

Hähnel, Fr., D. Pollardmethode d. bed. Strafaussetzung. Abstinenz 

1910. Pr. M. —.35 
Hauck, Oskar Wilde üb. d. engl. Gefängnis a. Monatsschrift f. 

Krirainalpsych. VII. 213. 

Hoegel, Strafvollzug i. Einzelhaft. Jurist. Bl. 1910, p. 265. 

Hoff, Marie, Neun Monate in Untersuchungshaft.'Erlebnisse und 
Erfahrungen. 2 Tausd. II 254. Dresden, Minden 1909. M. 3.—, 

geb. 4.— 

Hoyer, Strafen gegen jugendliche Uebeltäter (Prügel und Karzer). 

Z. Bl. Vorm. W. 1910. Pr. M. -.54 

Katte, V., Bedeutung u. Vollzug, d. Haftstrafe nach d. Vörentw. z. 

e. StrGB. Grenzboten 1910, p. 163. 

Krohne u. Uber, D. Strafanstalten und Gefängnisse in Preussen. 

l. Min. d. Innern. Nachtr. IV, 48 m. Atlas. 21 Tafeln. Wilhelm 

Hoffmann 09. M. 8.— 

Krueger, W., D. Strafvollstreckung an den (zusammengewachsenen) 
Schwestern Blaz6k. D. Jurist. Z. 1910, p. 103. 

Langer, G., D. Vorentwurf z. StrGB. u. d. progressive Strafvollzug. 
Z. f StrRW. 31 167—90. 

Mitarbeit d. Frau i. d. Gefangenenpflege etc. Bl. d. Ev. Diakon.-V. 
1910 p. 38—42. 

Oerter, S. Acht Jahre Zuchthaus, Lebenserinnerungen. 161. S. 

Berlin, Tribüne. M. 1.— 

Osius. Leitsätze f. d. Strafordnung’en der Fürsorgeerziehungs¬ 
anstalten. Z. Bl. Vorm. Wesen. 1910, p. 52. 

Peppier, Frdr. Schilderung meiner Gefangenschaft in Russland 
vom J. 1812 bis 1814. Bearb. v. Karl Esselborn. (XVI. 140 S. 

m. Bildnis) ’08. bar —.80. Darmstadt, H. L. Schlapp, geb. M. 1.20. 
Reuschel. Zum Vorentw. e. neuen Strafvollzugsges. Jur. Bl. 39. 

Nr. 15 u. 16. 

Rhein.-westf. Gefängnisgesellschaft. Aus d. Arbeit d. 

Preuss Kirch.-Ztg. 1910. Nr. 9 u. 10. 

Rohr er. Die neue Hausordnung f. d. bayer. Gerichtsgefängnisse. 

Z. f. Rechtspflege in Bayern 1910. H. 5—7. 

Schneeweis. Ernährung i. Zuchthause. Pharus 1910. p. 125—34 




Verhandlungen d. schweizer. Verein f. Straf-Gefängniswesen und 
Schutzaufsicht 14.—16, IX. 1808. XXV Verw. 2 Hefte. Aarau 

M. 3.60 

Statistik. 

Beiträge z. Statistik d. Gr. Hessen. Bd. 59 Nr, 3. Straf- u. Ge- 
fangenenanstalten 1. 4 1906 bis 31. 3. 1907, B. 32. Darmstadt, 
Staatsverlag. M. —.80 

Hesse. Justizstatistik i. Hand. W. B. der Staatswissen Schaft 1910. 
p. 743-49. 

Kriminalstatistik. Statistik des Deutschen Reichs für 1906. 
IV. 16, 194, 67 u. 427. 1907. IV. 16, 30, 72, 435. Berlin, Putt- 
kamer. p. Bd. je M. 10.— 

Mühlemann. Z. Beurteilung der Kriminalstatistik für Bern. Jur. 
Bl. 1910, p. 19-23. 

Statistik, österreichische. Bd. 85, H. 3. Ergebnisse der Straf¬ 
rechtspflege 1906. II. CLIX. 344 u, 1. Taf. 1909. M. 15.20. Bd. 87, 
Heft 3. Dasselbe f. 1907 II CLXII. 348. M. 15.40. Bd. 85 Heft 5. 
Uebersicht d. Strafanstalten u. Gerichts-Gefängnisse f. 1906. 
II, XXI. 72 M. 3.—, Bd. 87 Nr. 4. Dasselbe f. 1907. II. XXI. 72 
M. 2.90, Wien, Gerold. 

Stöwesand. Die Kriminalität i. d. Provinz Posen und ihre Ursachen. 

180 S. Stuttgart. Enke. M. 5.— 

Wassermann, Ph. Begriff und Grenzen der Kriminalstatistik. XI. 
112 S. 09 Leipzig, Engelmann. M. 4.— 

Aus anderen Gebieten, insbes. Strafrecht. 

Allfeld. Einfluss der Gesinnung d. Verbrechersauf die Bestrafung. 
Börner, W. Der Moi-alunterricht in Frankreich. Franz, G., übers, 
m. Einl. 16 S. Wien I Spiegelgas. 19, Ethische Gesellsch. 1910. 

M. —.30 

XI 192 Leipzig. Engelmann 09. M. 5.— 

Borchert. Was fangen wir mit unsern Berufsverbrechern an? Z. 

f. Agrarpolitik. 1910 Nr. 4 S. 145—55. 

Gersbach. Dressur und Führung des Polizeihundes 3. A. ’IO XVI 
222 n. 51 Abb. geb. M. 3.— 

Heinzmann. Volkstümliche deutsche Strafrechtskunde. 283 S. 1910. 

Leipzig, Körner. M. 2 — 

Hoegel. Die Einteilung der Verbrecher in Klassen. X201. Leipzig. 

Engelmann 1908. M. 5.— 

Ilberg, Anstaltsoberarzt u. Jäger F., Strafanstalts-Pfarrer. Krank¬ 
heit oder Sünde. 44 S. Lpz. Wallmann 09. M. —.60 

Klaussmann, Berliner Gauner. A. d. Tagebuch eines Berliner 
Kriminalbeamten 2. Aufl. 220 S. Lpzg. List. M. 1.50, geb. M.2.^— 
Liebe: „Das Landstreichertum und seine Bekämpfung im Herzogtum 
Magdeburg bis zur Errichtung des Zwangsarbeitshausea in 
Gross-Salze 1802“ in den Geschichtsblättern für Stadt und Land 
Magdeburg.. Band 43. 

Lindsey. Aufgaben d. Jugendgerichts. Uebers. m. Einl. von Anna 
Schultz. 134 S. Heilbronn, Salzer 1909. M. 1.60, geb. M. 2.20 
Loewenfeld, L. üeber medizinische Schutzmassnahmen (Kastra¬ 
tion etc.) Sexualproblem 1910 H. 4. p. 300—26. 

Millner. Strafmittel in früheren Jahrhunderten. 33 S. Wien, 
Gonzer, Oranienburggi-« «i 09. 

Müller, Jos. Vorstrafen n»iä atrflfregistcr 1908. VHI 87. Breslau, 
Schietter. ^ M. 2.10 


336 


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200 S. Berlin, Kameradschaft 1910. M. 3.75 

Müller-Meiningen. Die Keform unserer Kriminalpolizei durch Er¬ 
richtung einer Eeichszentrale. D. Jurist. Z. 1910, No. 21. 
Niceforo. Die Kriminalpolizei und ihre Hilfswissenschaft. Eingel. 
von Lindenau, m. 300 lllust. XI. VIII472 S. Langenscheidt 1909. 

M. 20.-, geh. M. 23.— 

Pfister, O. Todesstrafe und „Prügelstrafe*. Berlin. Illustr. land- 
wirtschaftl. Z. M. —.50 

Rosenfeld, E. Strafsystem u. Strafanwendung i. österreichischen 
u. deutschen Voreutwurf. Oesterr. Z. f. Str.-R. 1910. p. 309—21 
u. Gerichtshalle. Bd. 54 p. 377. 

Saar. Die bedingte Verurteilung im Staate Newyork. (Schlechte 
Erfahrungen). D. Richtweg 1910, p. 22 
Sattelmacher. Schutzhaft gewohnheitsmässiger Verbrecher in 
England. Z. f. Strafrechtsw. Bd. 30, p. 635—53. 

Sadow, M. Die Disziplin bei allen Völkern. Eine Geschichte d. 
Körperstrafen aller Nationen. 1, TI. Die Prügelzucht in der 
Türkei u. im Orient. Interess. Enthüllungen aus dem Harem 
und dem öffentl. Leben der Orientalen sowie über die Prügel¬ 
strafen der Balkan- u. oriental. Völkerschaften. 194 S. Leipzig, 
Leipziger Verlag. M. 5.— 

Sturm, K. Die Landstreicherei. VII. 108. Breslau, Schietter. M. 2.80 
Verhandlungen des 1. Deutschen Jugendgerichtstages. 15. bis 
17. III. 1909. IV 155. Leipzig, Teubner. M. 2.80 

Zell, Th. Der Polizeihund als Gehilfe der Strafrechtsorgane. 
164 u. III. Berlin, Guttentag 1909. M. 2.—, geb. M. 2.50 

Neue Zeitschriften^) (auch ausserdeutsche). 

Nach dem Zentralblatt für Rechtswissenschaft, begründet von A. v. Kirchen- 
heim, zweite Reihe, Bd. III u. IV, jetzt durch d. Intern. Institut f. Bibi. d. Rechts¬ 
wissenschaft unter gleichem Titel weitergeführt Berlin W 50. Spichernstr. 

Amtsarzt, Der. Red.: Landes, Mann u. a. Wien. Deutipke 10. 

Jährlich. 

Bulletin heldoradaire de police criminel (nur für Behörden durch 
das französ. Ministerium des Innern). S. Revue p^nitentiaire 
1908, p. 796. 

Blätter f. Gefängnis wesen. (Oesterr.). I. Bd. Wien. Konegen. 

M. 4.— jährl. 

Politia italiana, La. Wöchentl. seit 1908. Red. A. Sinimberghi, 
Rom. Voghera. M. 4.— jährl. 

Z. Bl. f. Vorm wesen. Unsere Jugendgerichte u Fürsorgeerziehung. 
Organ d. Fürsorgetage. Erscheint am 10 u. 25 jeden Monat. 
Berlin, C. Stegmann. Viertf-Ijährlich Mk. 2.— 

Z. f. Jugendwohlfahrt. Hrsgb. d. deutschen Zentrale etc- Leipzig. 

Teubner. Jährl. M. 12.— 

Z. f. Kind er schütz u. Jugendfürsorge. Hrsgb. von M. Lederer. 
12 mal. Wien, Perles. M. 4.— 

Ausländische Literatur. 

Niederländisch. 

G 011 , A. Misdadigers-typen bij Shakespeare. (Uit het Deensch ver- 
taald door C. Hagee.) Met een aanbevelend voorwoord van 
L. Simon van der Aa. 16 en 200. Gron., Wolters, f. 2.90; 

geb, f. 3.50 



337 


Haan, de. Criminele Statistik van de Joden. T. V. Tidskr. f. Strafr« 
XXI. p. 111—56. 

Skandinavisch. 

Daae, A. Tugthuset og Arbeitshnset i. Kristiania 1733—1814 S. A. 

Kristiania, Feilberg & Landmark. kr. 1.20 

Forhandlingerne paa Dansk Kriminalistforenings sjette Aaia den 
syden 16.—18. Okt. 1907. 192 S. Kopenhagen, Gyldendal. 

G e i 11, Cbr. Kriminal-antropologiske Studier over danske Forbrydere. 

358 Sider. Kobenhavn, Lund. kr. 4 50 

Ilartmann, C. Lov om losgjaengeri. betleri og drukkenskab av 
31. mai 1900 utgit med utdrag av forarbeiderne, anmerkninger 
og henvisninger samt et tillaeg. 43 s. Kristiania, Grondahl 
& Son. kr. —.75 

S V e n s o n. en bok au vÄrt Straffsvstem. Soc. Tidskr, 1910 T. 
p. 22—25. 


Englisch.. 


A d i n e s. Punishment and Reformation. A. Study of the Penitentiary 
System. XVI 387. Newyork 1910. Crowell. $ 1.75. 

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Hrayle.y’s Arrangement of finger prints identification. 118S. Boston. 

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Brockway. The American Reformatorv Prison System. Am. II. 
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Carter, Rev. H. The Children’s Act Explained in its Main Provi- 
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on Apr. 1, 1909. sd., pp. 14. Culley. sh. d 1.— 

Collinson. The flogging of Vagrants 1909. Humanitarian League 

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Crime and Criminelly the Prison Reform League X 320. Los 
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I) i s c h a r g e d Prisoners’ Aid Societies. Report of Proceedings at 
the 14th Conference of hold at the Guildhall, York, on Okto¬ 
ber 22 and 23, 1908. pp. 68. Reformatory and Refuge Union. 


sh. 1.6 

Faits abont flogging. Verl. d. Gesellschaft. d 6.— 

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22 



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Manila, Bureau of Printing. 

Französisch. 

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AJcindor. .Questions diverses d’administration p^nitentiaire 116 S. 
Montpellier 1910. 

Beaufort, du tempßrament criminel 95 S. Lyon, Rey. fr. 2.— 
Bolgey, les dßtenus tatou^s. Arch. d'anthrop. crim. 1910 S. 439—57 
Bulletin, de la Commission p6nitentiaire international. VI. Serie. 

Bern. Stämpfli. Die Lfg. M. 2.— 

Cassemiche, P., Etüde sur la crimiualitö dans un arrondissement 
rural de France (Joigny). 199 p. Paris, Rousseau. 

C h a u t e m p’s. Le vagabondage en pays anamite. 124 S. Paris, Rousseau. 
Collard, Ch., l’öducation protectrice de l’enfance en Prusse la loi 

du 2 juillet 1900 et son application avec une pr6face du Krohne. j 
Grand in-8, XVIII-351 p. LouA’^ain, rue de Namur 20, Ch. Peeters 

fr. 6.- 

G r i m a n e 11 i, Avant-projet de loi sur les mineurs de moins de 

18 ans auteurs ou complices d’infractions ä la loi p6nale. j 
Rapport pr^sent^ au Conseil supörieur des prisons äu nom de I 
sa sous-commission. In-4, 173 p. Melun, Impr. administrative. 
Landry, A.. Manuel d’economique, ä l’usage des Facultas de droit. 

889 p. Paris, V. Giard et E. Briöre. fr. 12.— 

D e c a n t|e, R., La lutte contre la Prostitution, avec pr6facede M. Henri j 
Turot, conseiller municipal de Paris. Paris 1909, Giard & Briöre. 

fr. 4.- 

L) u p r a t, la criminalit6 dans l’adolescence Causes et remedes Alcan 

fr. 6.- 

D u Payrat, le prisonnier de guerre dans la guerre continentale 1910 

fr, 8.— 

J o 1 y, H. Le Probleme penitentiaire au inoment present. Rev. de 
deux mondes 1910 fevr, p. 636—68. 

Laeaze. L’administration penitentiare en France et aux colonies 
(These) 277 I. Paris Giard. 

L e d o s, E., Les criminels et la criminaille. Saints-Pferes. fr. 5.— 

Le Jeune. Faut il fouetter les apaches 114 S. Paris Temple 1910. 

fr. 2750 

Petit, E., La reforme de l’inspection du travail en France. Alcan. 

^ fr. 3.50 

P 0 y 010 z k y. Bagnes et prisons russes. Grande Revue 1910 S. 331—44 
P rev Ost, E., De la Prostitution des enfants. Etüde juridique et 
sociale (loi du 11 avril 1908.) Plon-Nourrit. fr. 4.— 



339 


Rentoul, stei-ilisatiou proposee de certaines persounes atteintes de 
degönerescence intellectuelle. Arch. d’anthrop. crim 25, p. 51G 
Texier, P., De la mendicite. Dangers et Remödes. 172 p. Poitiers, 
Bousrez. 

Italienisch. 

Conti. La pena e il sistema penale, Bd. IV, d. Encyel. del dir peii. 

italiano. 970 S. Milano Soc. Bd. 1910. 1 24.50 

Matte 0 tti, E. La recidiva 456 S. Torino, 1 12.— 

Mortara. Tavole di Criminalitä e di Recidira. Giorn. d. Economisti 
1910, p. 75-97. 

Statistica gindiliacia penale per gli ani 1905, 1906. 13 CXIII 292, 
Rom. 1 4.— 

Studi Penitenziari I, Mailand‘1909, Corso Venezia 79. 1. Bd. 

Die Veröffentlichungen einer neu gegründeten Gesellschaft 
„Cesare Beccaria“, die die ,redenzioue“ d. Sträflinge zum Ziel 
hat. Enth. Aufsätze v. Bianchi, Anfosso, Satir u. a. 

Virgilio, G. Sulla natura morbaca del delitto 134 S. Turin. 1 4,— 

Spanisch. 

Cabellud Cornel, J. Delincuentes habituales contra la propiedad. 
Album criminolögico. 8 tomos, VII-300-300-302-302-302-302-302 
y 55 p., el Indiee, ,con 1.050 fotografias dobles de criminales. 
Tela. Barcelona, Thomas. peset 128.— 

Carpena, F. Antropologia criminal. XII, 522 p. Madrid, Marzo. 

peset. 8.50 

Cedulas personales. La cedula personal. 156 p. Encartonado. 

Madrid, Rodriguez. peset. 1.25 

Hidaigo Garcia, J. A, El Cödigo penal couforme A la doctrina 
establecida por el Tribunal Supremo. Tomo I. XXII-1.077 p. 
Madrid, Revista de Legislaciön. peset. 15.50 

Medina, L., y M. Maranön, Leyes penales de Espaiia couforme 
ä los textos oficiales; coutiene este volumen: La Constitution 
el Cödigo penal, la ley de enjuiciamiento criminal y la del 
Juradaetc. Nov. ed. Est tip. de la Viuda e Hijos de Tello 1909. 
14-14-248-216-43-92-145-144-60-26-69-311 y 99 p. peset. 12.50 
Zaragoza y Guijarro, J. Ley de Suspension de condeua con- 
dicional de 17 de Marzo de 1908. 48 p. Madrid, Gaceta de 
Madrid. peset. 2.— 

Russisch. 

Golde nweiser, A. Das Verbrechen als Strafe und die Strafe als 
Verbrechen. Kiew. Rb. 1.25. 

hiiblinsky. Grundzüge d. bed. vorl. Entlassung n. d. G. v. 22. 6. 09. 
1910. 

Riontkowski, A. Die Todesstrafe in Europa. Kasan 1909. Rb. 1.— 
Posnyscheff, S. Die Lehre von der Strafe. Petersburg. Rb. 1 50 
Posnyscheff. Vom Ungar. Gefängniswesen. 38 S. 1910. Kp. —-50 
u8tor 08 1 j ef f, P. Prof, Besonderer Teil des russ. StrR- 

lesungen. Jurjew (Dorpat) 2 — 

Pschubinski, M. Kriminalpolitik. I-III. Petersburg, R'J- S — 


22 * 



340 ' 


Personalnachrichten. 


Vereinsmitglieder. 

Baden. 

Dr. En gl er ztiin Landgerichtsrat in Karlsruhe befördert. 

Freih. v. Stengel, Major a. D., Oberregierungsrat, Direktor des 
Männerzuchthauses in Bruchsal, in den Ruhestand versetzt. 

K ö 1 b 1 i n, Amtsrichter, zum Direktor des Landesgefängnisses 
Mannheim, 

Stöcker, Oberst a. D., zum Direktor des Männerzuchthauses Bruchsal 
ernannt. 

Bayern. 

Ritter von Baumgärtl, Ministerialdirektor, Generalsekretär im 
Kgl. Staatsministerium der Justiz in München, in Anerkennung*' 
seiner hervorragenden Dienstleistung unter Verleihung des 
Kommenturkreuzes des Verdienstordens der bayer. Krone Jn 
den dauernden Ruhestand versetzt. 

Blsass-Lothringeii. 

von Liebensteiii, Freiherr, Geheimer Oberregierungsrat, auf 
Ansuchen in den Ruhestand versetzt. 

Hessen. 

Dr. Preetorius, Gencralstaatsan'walt, zum Geheimen Rat ernannt. 

Sachsen. 

Wilde lau, Anstaltsoberinspektor in Bautzen, zum Direktor der 
Landesstrafanstalt Voigtsberg bei Oelsnitz ernannt. 

Württemberg. 

Ordensverleihungen. 

V. Fischer, Laudgerichtsdirektor in Stuttgart, 

B e s s 1 e r, Landgerichtsdirektor in Stuttgart, erhielten das Ehrenkreiiz 
des Ordens der Württ. Krone, 

Schwandner, Direktor des Zuchthauses in Ludwigsburg, das 
Ritterkreuz desselben Ordens. 

Eingetreten sind: 

Baden. 

Bruchsal, Zentrale für Jugendschutz- und Gefangenenfürsorge. 

Eiseie, Reallehrer, Hauslehrer am Landesgefängnis Freiburg. 

Krall, Gerichtsassessor, Hilfsarbeiter bei der Grossh. Direktion des 
Landesgefängnisses und der Weiberstrafanstalt Bruchsal. 

Müll heim, Grossh. Amtsgericht. 

Ritter, Karl, Gerichtsassessor am Landesgefängnis Mannheim. 

Dr. Ritter, Landgerichtsrat, Hilfsreferent im Ministerium der Justiz, 
des Kultus und Unterrichts, Karlsruhe. 

Dr. Stieglitz, Georg, Hausarzt am Landesgefängnis Mannheim. 

Stöcker, Oberst a. D., Direktor des Männerzuchthauses Bruchsal. 

Dr. Wetzlar, Landgerichtsrat, Karlsruhe. 



341 


Elsass-Lothrlngen. 

Dr. Schwalb, Geheimer Regierungsrat, Vorstand der Gefängiiis- 
verwaltung für Elsass-Lothringnn. 

Preussen. 

Holst, Pastor, ev. Hausgeistlicher am Strafgefäugnis Glückstadt. 
Schmiz, Pfarrer, Gefängnisgeistlicher in Coblenz. 

Hechschultz, Inspektor am Gefängnis in Görlitz. 

Magdeburg, Gerichtsgefängnis. 

Württemberg. 

Dr; Heintzeler, Rechtsanwalt, Besigheim. 

Winker, Gerichtsassessor, Hilfsrichter in Vaihingen a, E. 
Schneider, Städtpfarrer, ev. Hausgeistlicher in Gotteszell. 
Vaihingen, Kgl. Arbeitshaus, 

Oesterreich. 

Kriehuber, K. K. Richter in Nicolsburg, Mähren. 


Ausgetreten sind: 


Baden. 

Haager, Landgerichtsrat in Mosbach. 

Götz, Karl, Landgerichtsrat in Karlsruhe. 
Baumgärtner, Adolf, Landgerichtsrat in Karlsruhe, 
Frhr. v. Stengel, Bruchsal. 


Bayern. 

Lechner, M., Hauslehrer an der Gefangenenanstalt St. George^' 
Bayreuth. 

Bremen. 


Ho mann, Pastor, und Anstaltsgeistlicher am Arbeitshaun 

Preussen. 

Stavenhagen, Strafanstalts-Oberin in Bresslau. 

Bern, Staatsanwalt in Magdeburg. 

Bruns, Strafanstaltslehrer in Moabit-Bei'lin. 

Dr, Herr, Rechtsanwalt in Hamm i. W. 

Kessler, Regierungsrat in Stettin. 

Kluss, Oberinspektor in Landsberg a. W. 

Dr. König, Pastor an der Strafanstalt SonnetiLi^ 

Dr. Pfleger, Medizinalrat, Berlin. 

Ross, I. Staatsanwalt in Hagen. 

vonLeppel, Strafanstaltsdirektor in SiegYjov . 

versetzt, ' S •> iu deu ^ 

Magdeburg, K. Staatsanwaltschaft. 


Sachsen. 

Daubenkropf, Strafanstaltsinspektor in 

Württemberg, 

Gittinger, II. Stadtpfarrer in Gmünd 
der Strafanstalt Gotteszell. ’ 




tu» 


uesterreiCh-xj^j, 
Jan Otto, K. K. Strafanstaltsoberdii-e^tQ^ 




in P 


rag. 



342 


Auszug 

aus der Rechnung für die Zeit vom 1. Januar 1910 bis 31. Dezember 1910. 


I. Elnnatameii. 


Pos. 1. 

Kassemreste aus voriger Rechnung . 

Ji 

76.53 

« 2. 

Rückstände. 

• n 

20 .- 

„ 3. 

Mitgliederbeiträge. 

* n 

4 292.- 

» 4. 

Kapitalzinsen. 

• 

209.46 

„ 5. 

Rückerhobene Kapitalien .... 

* 11 

3 374.76 

„ 6. 

Absatz von- Heften. 

• 11 

629.70 

« 7. 

Erlös aus Inseraten. 

• 11 

-,- 

. 8. Sonstige Einnahmen. 

* 9 

17.27 

„ 9. 

Vorschuss und Ersatz. 

9 

48.35 


Summa 

II. Ausgaben. 


8 668.07 

Pos. 1. 

Druckkosten und Buchbinderlöhne . 


4572.52 

. 2. 

Porto und Versendungskosten . 

' r> 

702.47 

» 3. 

Einrichtungsgegenstände .... 

• 9 

47.95 

. 4. 

Honorare. 

* 9 

108.70 

, 5. 

Kapitalanlagen. 

• 11 

2 000.- 

» 6. 

Bureaukosten und Kassenfülirung 

* 11 

513.80 

« 7. 

Literatur. 

■ 71 

25.40 

« 8 . 

Sonstige Ausgaben. 

• 9 

616.96 

„ 9. 

Vorschuss und Ersatz. 

• n 

32.35 


Summa 

Jt 

8 620.15 


Abschluss. 

Einnahmen . . . .S 3 668.07 
Ausgaben . . „ 8 620.15 

Kassenrest . 47.92 


Yermögensstand auf den 1. Januar 1911. 


Das Vermögen der Kasse besteht in: 

1 . Kassenrest am 31. Dezember 1910 


47.92 

2. Kapitalanlage: 

a) Wertpapiere . . M 4 200.— 

b) Sparkassenguthaben . „ 800.— 

71 

5 000.- 

3. Rückständige Beiträge .... 

17 

—.— 

4. Wert des Inventars. . 

9 

500.- 

Summa 

Ji 

5 547.92 

Hievon sind die für 1911 vorausbezahlten Mit¬ 
gliederbeiträge mit ..... 

11 

16.- 

in Abzug zu bringen, somit verbleibt auf 
31. Dezember 1910 ein Reinvermögen von 

Jt 

5 531.92 

Dasselbe hat am 31. Dezember 1909 betragen 


6 771.29 

somit Abnahme 

Jt 

1 239.37 


L u d w i g- s b u r g, März 1910. 


Der Vereins-Ausschuss. 













Inhalts -V erzeichnis. 


Seite 


I. VI. Versammlang des Verbands der deutschen Schutz- 
vereine für entlassene Gefangene in Breslau am 26. und 
27. Oktober 1910 .. 5 


II. Die Tnberknlosenfrage in den Strafanstalten .... 153 


III. Freiheitsstrafen und sichernde Massnahmen im Vorent- 
wurfe zum Deutschen Strafgesetzbnche. Von Ober¬ 
regierungsrat M i c h a 1, Direktor des Zellengefängnisses 

' Nürnberg.173 

IV. Thesen zu den Bestimmungen des Vorentwnrfs über die 
Freiheitsstrafen und sichernde Massnahmen. Zum Gut¬ 
achten von Oberregierungsrat K e i c h - Bautzen .... 203 

V. Zn den Paragraphen 68—70 des Vorentwnrfes zu einem 

deutschen Strafgesetzbnche. Von Strafanstaitsdirektor 
Fliegen sc hmidt-Bremen-Oslebshausen.209 

VI. Zur Frage der Behandlung der Jugendlichen im Vorent- 

wurfe zu einem Deutschen Strafgesetzbnche. Von An¬ 
staltsoberdirektor B i rkigt-Bautzen . . . 217 

VII. Die vorläufige Entlassung im Rahmen des Vorentwurfes 
zu einem deutschen Strafgesetzbnche. Von v. M i c h a ^ 3 , 
Strafanstaltsdirektor in Aachen. ’ 232 


VIII. Altes und Neues ans dem Zuchthaus zu Bruchän,!. 
Gefangenenkost und ihre Beziehung zur Sterblichleeit 
IX. Meine Reise zum Internationalen Gefängnis-KoiiovedS 
Nenyork-Washington. September 1910. Von Rta^enti- 
walt Dr. Ernst R o s e n f e 1 d - Berlin . ^'n-ats» 


240 

262 


X. Korrespondenz: 

1 . Aus Strafanstalten ..... 

2. Aus Vereinen. 

XI. Literatur. 

Bibliographie der Gefängniskunde 
von Kirchenheim-Heidelberg 

XII. Personalnachrichten 

XIII. Rechnnngs-Auszug. 


295 

• • • •• • 305 

■ • • • • ■ 818 

Professoi^ 

• • • • ■ * 340 

• . . • • ' 342 












^ L ’Z- 
^ ^3 


Blätter 

für 

Gefängniskunde. 


Organ des Vereins der deutschen Strafanstaltsbeamten e. Y. 


Redigiert 

von 

Direktor Schwandner 

Vorstand der Strafanstalten in Ludwigsburg und Hohen 
Vorsitzender des Vereinsausschusses. 


Fünfundvierzigster Band. _ ^ Heft- 


HEIDELBElta 




Bericht 


über die 

XVI. Versammlung 

des 

Vereins der deutschen Strafanstalts-Beamten e. V. 

in 

Mannheim 

vom 6. bis 8. Juni 1911. 


Nach stenographischen Auf^ 







Vorwort. 


Der Verlauf unserer Mannheimer Tagung hat gezeigt, 
dass der laute Beifall, mit dem in Köln die vom Geh. 
O.-R.-R. Dr. Reich ar dt-Karlsruhe vorgetragene Einladung 
der Grossh. bad. Regierung von der Versammlung begrüsst 
worden war, ein vollberechtigter war: der Oberrhein hat 
den Wettbewerb mit dem Niederrhein wohl bestanden! 

Die Aufnahme, der wir uns von Seiten der Grossh. Regie¬ 
rung in der Stadt Mannheim und in Heidelberg zu erfreuen 
hatten, war eine so herzliche und gastfreundliche, und die 
Vorbereitungen waren Dank der Umsicht des Herrn Mini¬ 
sterialrat Dr. von Engelberg und des Herra Direktor 
Kölblin-Mannheim so vorzüglich in die Wege gelt*itet, 
dass jeder Teilnehmer sich bald heimisch fühlte. Nehmen 
wir dazu noch die ausgezeichnete Leitung der Verhandlung 
durch Exzellenz von Jagemann, und die zatilreiche B®" 
teiligung unserer Mitglieder, so ist gewiss nieht znviei 
* gesagt, wenn wir die Mannheimer Tagung als eine durch¬ 
aus gelungene bezeichnen, die sich ihren 15"Vor&-an<^erinnen 
würdig angereiht hat! ^ ” 

'P Zu unserer grossen Freude war Y samm^'^’^^ 

_ wieder von einer grossen Zahl von 

^ beschickt; ganz besonders ehrte uns die Ay^ ® neit eines* 

I Vertreters des k. k. österr. Justizmiulö^ und des 

Landesausschusses des Erzherzogtum^ 'ch u. 

der grossh. luxemb. Regierung und rj '^^sterrei ^.g^Yicu 
N Bundesregierung, sowie der Jurist. ®®?^'’''aVidelbeJ'S* 

? Dass wir auch Vertreter des österr. ^^tät in D ^ev 

\ schweizerischen Schutzvereine begrü^a ^^^rvereiu ijns 

^ eine grosse Freude. Leider war durftcu>^^^gj,^2,atu^ 

V\^. 


^ nicht möglich einen Vertreter zu schir.i ^^tn Rc^ ^iferent®’^ 
\ durch die Teilnahme an den Sitzutio-'^^^*^» da di® ^g^tzbuch' 
Kommission in Anspruch genommeu ^ ^er Straff® 


waren. 


^lid daher 



— 350 — 


Im Einzelnen sind die Namen der Vertreter von Be¬ 
hörden und Vereinen im Eingang des folgenden Sitzungs¬ 
berichts aufgetührt. 

Die Verhandlungen standen diesmal ganz unter dem 
Zeichen des Vorentwurfs zu einem deutschen Strafgesetz¬ 
buch und wenn wir bei der Weitschichtigkeit des Themas 
zu einem, wie allerseits anerkannt wurde, befriedigenden 
Ergebnis gelangt sind, so ist dies wesentlich mit eia Ver¬ 
dienst der sorgfältig vorbereiteten und umsichtigen Leitung 
der Verhandlungen durch ihren bewährten und hochver¬ 
ehrten Vorsitzenden, Exzellenz von Jagemann. 

Bezüglich der wissenschaftlichen Ergebnisse der Ver¬ 
handlungen darf auf die Anlagen verwiesen werden. 

Für diejenigen Vereinsmitglieder, denen es nicht ver¬ 
gönnt war, der Verhandlung anzuwohnen, wird es von 
Interesse sein, Näheres über den Verlauf derselben zu hören: 

Am Vormittag des 6. Juni fand eine Vorbesprechung 
mit dem in Aussicht genommenen Vorsitzenden und Nach¬ 
mittags eine Ausschuss-Sitzung statt, in welcher die Aus¬ 
schuss-Thesen festgestellt und die Vorschläge zu Ehren- 
Ernennungen und zur Wahl der Ausschuss-Mitglieder be¬ 
raten wurden. Der Tag schloss mit einem festlichen Be- 
grüssUngsabend im „Rosengarten“, bei dem alte Freund- 
scliaften erneuert und neue geschlossen wurden und Gelegen¬ 
heit zu trauter Aussprache im Kreise der Kollegen bei 
herrlichstem Wetter im Freien gegeben war. 

Die Hauptverhandlungen fanden am 7. und 8. Juni, 
je von Vormittags Sy, Uhr ab bis in die späten Nachmit¬ 
tagsstunden statt. Die Ernennung des Herrn Ministerialrat 
Dr. V. En g e 1 b e r g zum Ehrenvorsitzenden desAusschusses und 
der Herren Staatsrat Dr. Hübsch- Karlsruhe und Ministerial- 
Direktora. D. v. Baumgärtl-München zu Ehrenmitgliedern 
wurde mit grossem Beifall aufgenommen. In den Aus¬ 
schuss wurden die seitherigen Mitglieder wieder gewählt; 
die Namen der 7 neu gewählten Mitglieder sind im Sitzungs- 
Protokoll enthalten. In der am Schlüsse der zweiten 
Versammlung abgehaltenen Ausschussitzung wurde zum 
Vorstand und I. Vorsitzenden im Ausschuss Direktor 
Schwandner - Ludwigsburg und zum II. Vorsitzenden und 
Vorstands-Stellvertreter Ober-R.-Rat Reich-Bautzen, zum 
Rechner Inspektor Wieland-Ludwigsburg gewählt. Dem 
Vorstand wurde Vollmacht zu Auswahl einer ögliedrigen 
Kommission zur Ausarbeitung eines Entwurfs zu einem 
Reichs-Strafvollzugs-Gesetzes erteilt. 




— 351 — 


Am Abend des 7. Juni fand in der prächtigen Wandel¬ 
halle des Rosengarten ein zahlreich besuchtes Begrüssungs- 
Essen statt. Nachdem der Vereins verstand die Anwesenden, 
namentlich die Vertreter der Regierungen und Behörden 
und Vereine begrüsst und für die Begrüssungsansprachen 
derselben gedankt und Geh. Oberjustizrat P l a s c h ke-Berlin 
in freundlichster und wärmster Weise auf den Vereiiis- 
vorstand getoastet hatte, würdigte der Wirkl. Geh. Ober¬ 
regungsrat Dr. K r o h n e -Berlin in bekannter feinsinniger 
und geistvoller Weise die Stadt Mannheim in ihrer Be¬ 
deutung und Eigenart und führte ungefähr aus: 

„Bei einer Wanderung durch die Stadt habe er ein 
Haus gefunden, an dem steht: Hansahaus. Da erstanden 
vor des Redners Blicken die alten Hansastädte. Welch’ 
ein Unterschied zwischen ihnen und Mannheim. Keine 
alten Türme, keine engen Gassen und Höfe seien hier zu 
finden. Untergegangen seien die alten Hanseaten, weil 
kein Reich, kein Kaiser hinter ihnen stand. Ehrfurchtsvoll 
bücke man hinauf zum alten Rathaus, zu den Häusern 
der Bürger, die Handwerk und Kunst geschaffen haben 
und doch beseele das Gemüt eine leise Klage. Was hätte 
werden können, wenn die Hansastädte das gehabt hätten, 
was Mannheims Oberbürgermeister besitze, ein Fürst hinter 
ihm, der treu und willig seine Hand über diese aufblühende 
Stadt halte. Man brauche nur einen Blick in den Stadt¬ 
führer zu werfen, um zu sehen, wfie weit die Handels¬ 
beziehungen Mannheims reichen. Mannheim ist eine grosse 
Stadt geworden ; eine Handelsstadt durch bürger¬ 
liche, Kraft. Es ist ein fürstlich-bürgerlicher 
Zug, der durch Mannheim hindurchgeht, der der Stadt 
ein ganz besonderes Gepräge gibt. Dass das so bleiben 
möge, daraufhin erhob der Redner sein Glas. 

Der Mannheimer „General-Anzeiger“ fügte dem Be¬ 
richt über diese Rede bei: „Wir haben schon viele Kongresse 
miterlebt, aber es war bisher nur wenig Rednern möglich, 
so wie Herr Dr. Krohne die Bedeutung und Eigenart 
Mannheims zu charakterisieren.“ 

Oberbürgermeister Martin dankte mit einer längeren 
Ansprache, die ein feiner Humor durchwehte. Die Mann¬ 
heimer seien ein stilles, in sich gekehrtes Völkchen, das 
lieber handle, als viel spreche. Wenn er bei den Be- 
grüssungen am Vormittag davon gesprochen habe, dass 
die allzugrosse Bescheidenheit der Bevölkerung schuld 
daran sei, dass die Stadt jahrzehntelang nicht die Be- 



352 — 


deutung nach aussen errang, wie sie vielleicht verdiente, 
so habe er das mit vollem Ernst gemeint. Wenn er heute 
zum zweiten Mal spreche, was eigentlich nach den Ab¬ 
machungen bei seiner Wahl verboten sei, so geschehe es, 
weil die Stadt Mannheim durch die Einladung der städti¬ 
schen Verwaltungskörperschaft zu dem gemütlichen Abend 
zu herzlichem Dank verpflichtet sei und zum anderen 
wegen der überaus liebenswürdigen Worte des Vorredners. 
Selten vielleicht seien die Vorzüge Mannheims in Vergangen¬ 
heit, Gegenwart und Zukunft so richtig gewürdigt worden, 
wie es eben geschehen sei. Deshalb sei ihm und gewiss 
auch den übrigen Vertretern des Stadtrats das Herz auf¬ 
gegangen. Aber noch ein anderer Grund gebe zu besonderer 
Freude-Anlass, Durch die Worte des Vorredners seien 
die Befürchtungen zerstreut worden, dass die illustre Ver¬ 
sammlung nur hierher berufen worden sei, weil Mannheim 
ein so schönes neues Landesgefängnis habe. (Heiterkeit.) 
Die Worte des Vorredners hätten aber au,ch deutlich ge¬ 
zeigt, dass er sich nicht darauf beschränkt habe, lediglich 
das Landesgefängnis in den Kreis seiner Betrachtungen zu 
ziehen. Recht humorvoll war der Hinweis des Oberbürger¬ 
meisters auf die Festvorstellung. Er meinte, man habe 
den „Götz von Berlichingen“ geben wollen. Aber da in 
dem Stück der Satz verkomme: „Die Welt ist ein Gefäng¬ 
nis!“, habe man davon Abstand genommen. (Heiterkeit.) 
„Fidelio“ wurde als ^ ernst abgelehnt, die „Fledermaus* 
deshalb, weil in dem Stück Anspielungen auf das nicht 
ganz einwandfreie Gefängniswesen sich befinden. (Erneute 
Heiterkeit.) So bleibt nur der „Rosenkavalier“ übrig. Das 
Stück sei zwar auch nicht frei von Straftaten mancherlei 
Art, aber glücklicherweise senke sich immer der Vorhang, 
wenn es zu brenzlich werde! (Grosse Heiterkeit.) Möge, 
so schloss der Redner, die Tagung eine Etappe bilden auf 
dem Wege zu einem neuen deutschen Strafgesetzbuch. 
Das Hoch des Redners galt dem Verein. 

Exzellenz v, Jagemann toastete auf die neu ernannten 
Ehrenmitglieder, worauf namens der Gefeierten Minister.-Rat 
Dr. V. Engelberg dankte und dabei mit bewegten Worten 
im Rückblick auf seine langjährige Tätigkeit als Gefängnis- 
Vorstand dankbar der Förderung gedachte, die er durch 
Geheimrat Dr. Kr oh ne erfahren habö. Sein Hoch, das mit 
lautem Beifall begrüsst wurde, galt diesem, um den Verein 
so hochverdienten Manne, dem „Wahrzeichen des Vereins“, 
wie ihn Redner treffend bezeichnete. Zum Schluss leerte 



353 


Oberdirektor Marcovich -Graz als Vertreter des öster¬ 
reichischen Vereins sein Glas auf das Wohl des älteren 
Bruders. 

Am 8. Juni fand abends die von der Stadt gegebene 
Fest-Vorstellung des „Rosenkavalier“ im berühmten Mann¬ 
heimer Hof- und Nationaltheater statt. Fand die Wahl 
des Stücks auch nicht allseitigen Beifall und gab die 
Inszenierung Veranlassung zu unliebsamen Missverständ¬ 
nissen, so zeigte die Vorstellung doch den hohen künstle¬ 
rischen Stand der Mannheimer Oper und namentlich auch 
des Orchesters. 

In der Frühe des 9. Juni führten uns bei herrlichstem 
Wetter 2 von der Regierung gestellte Dampfer durch die 
Mannheimer Hafenanlagen. Diese herrliche Fahrt gab uns 
so recht einen Einblick in die Grossartigkeit des Mann¬ 
heimer Handels und Verkehrs. Nach der Landung wurde 
unter Führung des Kollegen Kölblin und seiner Beamten 
das neue, trefflich eingerichtete Landesgefängnis besichtigt* 
Das Nähere ist aus der beiiregebenen Beschreibung der 
Anstalt ersichtlich. Nach der Rückkehr in die Stadt fand 
sodann im Park-Hotel das von der grossh. Regierung mit 
wahrhaft fürstlicher Gastfreundschaft gegebenen Festmahl 
statt. Während des Mahles wurden folgende Reden ge¬ 
halten : 

Wirkl. Geheimrat Exzellenz Di*, v. Jagemann: 

Hochgeehrte Versammlung! 

Unsere Tagung neigt sich dem Ende zu unter schönen, 
gastlichen Sternen. Wir haben heute die besondere Freude, 
ein jüngst in absentia gefeiertes neues Ehrenmitglied hier, 
Herrn Staatsrat Dr. Hübsch, gegenwärtig zu sehen, und 
zwar als den Hausherrn unserer Tafelrunde. Nur seiner 
gütigen Aufforderung gemäss erlaube ich mir, zunächst 
das Wort zu nehmen. 

Unsere diesmalige Tagung hat einen besonderen Zweck 
gehabt. Es ist für Deutschland ein neues Strafgesetz zu 
schaffen, und wir als Fach männer steuerten unseren Ar¬ 
beitsanteil zu diesem Kulturwerk bei. Aber diese Aufgabe 
darf doch auch unter dem vaterlän dischen Gesichts¬ 
punkt gewürdigt werden. Strafgesetze sind ja in den 
Ländern deutscher Zunge seit Kreitraayrs Kodex und der 
Theresianischen Konstitution gar viele entstanden, aber 
immer als partikuläre Schöpfungen von bloss 



354 — 


territorialer Bedeutung. Erst das Gesetz vom 31. Mai 1871 
stattete eine Norm aus mit allgemeiner Kraft für unsere 
jetzige Gesamtheit: Das norddeutsche Bundesstrafrecht 
erhielt mittels damaliger Ausdehnung seiner Geltung auf 
die zugetretenen Südstaaten Kraft für die Gesamtheit. Es 
war aber nicht hervorgegangen aus der Volksgesamtheit, 
vielmehr eine Verbindung preussischer wie sächsischer 
Errungenschaften und sonstiger Ekletik, immerhin aber 
ein gutes Amalgam, das nun gerade jetzt in das Schwaben¬ 
alter eintritt, just wo unser Verein sich der Leitung eines 
vortrefflichen Württembergers erfreut, mit dem zusammen 
zu arbeiten uns Allen angenehm ist. 

Seit den Tagen Schwarzenbergs und der Carolina, 
die ja meist nur eine subsidiäre Geltung hatte, ist nun zu¬ 
erst wieder die Möglichkeit gegeben, aus den gesamten 
Kräften eine neue geistige Essenz gemein sch aft- 
lichen Sinnes zu ziehen, und das ist ein patriotischer 
Werkstein. Die berufenen Männer, die zu der amtlichen 
Tätigkeit im Reichsjustizamt sich versammeln, spiegeln das 
Verhältnis staatsrechtlich wieder: einerseits die zentrale 
Führung, andererseits die gliedstaatliche Teilnahme in der 
engen Berührung mit den heimischen Ministerien, die still 
und emsig mit erwägen. 

Die deutsche Wissenschaft, welche in Zeiten 
unserer inneren Trennung die Einheitsfahne immer hoch 
schwang, hat nunmehr selbst alte Schulstreite überwunden 
und beut wuchtige Quadersteine, fertig behauen, in frei¬ 
williger Beiarbeit zu dem Werke dar. 

Oesterreichs und der Schweiz Entwürfe sind 
uns nicht nur leuchtende Vorbilder von tiefer und fort¬ 
schreitender Durchdenkung, sondern zugleich lebendige, 
wertvollste Zusammenhänge geistiger Art und deutschen 
Wesens. Die Beschickung unserer Versammlung, durch 
die Regierungen jener beiden Staaten und Luxemburgs hat 
den Rahmen unserer Verhandlungen und ihren Inhalt 
geradezu bereichert, und ich darf als eine allgemeine 
Freude und Dankbarkeit es aussprechen, dass besonders 
die österreichischen Herren vielfach in ausserordentlich 
harmonischer und lehrreicher Weise in unsere Debatten 
eingriffen, Frucht und Sicherheit der Arbeit erhöhend. 
Und von dem luxemburgischen Vertreter, Herrn Präsidenten 
Ulveling, kam soeben ein Telegramm ein — er musste 
leider abreisen — das ich mit Uebergehung des sich an 
mich persönlich Richtenden wohl in diesem Zusammenhang 



355 — 


erwähnen darf. Er erklärt, auf der Heimreise, die schönsten 
Erinnerungen und wertvollsten Erfahrungen mit nachhause 
zu nehmen, und entbietet der hoch ansehnlichen Versamm¬ 
lung seinen aufrichtigsten Dank. 

ln dem Ziele, das zu verfolgen ist, sind Reich und 
Gliedstaaten einig. Die Vorkommission hat es mit 
schönen vortrefflichen Worten dahin präzisiert, im An¬ 
schluss an das historisch Gewordene das Strafrecht 
auf diejenige höhere Stufe zu heben, welche 
nach den herrschenden Ueberzeugungen die 
nächst höhere sei. Dem stimmen wir gewiss alle 
freudig zu, und schon in Köln 1908 brachten wir den 
Wunsch zum Ausdruck, das nationale Einheitswerk möge 
auch emporsteigen zu kriminalistischer innerer, 
allseitiger vollster Einheit., d. h. Strafrecht, Ge¬ 
richtswesen, Vollzug, Prozess mitsamt weitmöglichster 
Verbrechensvorbeugung sollten als ein Ganzes hinaufge¬ 
bildet werden in zeitlicher, und sachlicher Vermählung zu 
einem einzigen Endresultat: 

Eine höhere Stufe! Das ist ein sehr gewichtigtes Wort 
und erheischt das Zusammenwirken allerFaktoren 
an der Staatsarbeit. Und ich darf mich nun dem höchsten 
Faktor zu wenden. Dem Kaiser und seinen Ver¬ 
bündeten danken wir kraft der friedlichen Lage und 
des inneren Vorwärtsstrebens unserer Gesamtpolitik den 
ungehemmten, gehegten, ausreifenden Fortgang der Arbeit 
und das für uns auch verheissungsvolle Gelingen anderer 
grosser Werke nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten, 
überwunden durch ausgleichenden Sinn, ausgleichend im 
Bundesverhältnis, wie mit dem Parlament. Es wird wenige 
Monarchen geben, die so vielen grösseren Werken die 
Sanktion erteilen konnten wie unseres geliebten Kaisers 
Majestät. Das Gefängnis wesen und die prophylaktischen 
Bestrebungen insbesondere — ich möchte gern dabei auch 
an Preussens und Bayerns giosszügige neue Kraftent¬ 
faltung für die Jugendpflege erinnern.-alle diese Ge¬ 

biete weisen historisch und praktisch auf gar manche 
Dankesschuld an Staatsoberhäupter, die mit hoher Liebe 
utid Einsicht Förderer gewesen sind, oft mit einer Wirkung, 
die weit über den engeren Einzelstaat hinausreicht. 

Ein Badener, könnte ich wohl von fürstlicher 
Hingebung hieriands an diese Ziele besonders erinnern. 
Aber dessen bedarf es nicht; die Tatsache steht langher 
in Ihrer Erinnerung und treu auch in Ihren Herzen fest 



356 — 


und hallt wider aus der ganzen Tagung, insbesondere auch 
aus der huldvollen, spontanen Begrüssung des Vereins 
durch den allerdurchlauchtigsten Träger der Landeskrone 
selbst, und gerade hier ist ihnen die überkommene Pflege 
des Gefängnis Wesens ja deutlich vor Augen getreten, welche 
Grossherzog Friedrich II. pietät- und kraftvoll aus eigenstem 
Antriebe fortsetzt. 

So bin ich denn gewiss ihrer wärmsten Einstimmung 
in die Huldigung, die wir gewohnt sind, darzubringen zu¬ 
gleich dem lebendigen Symbol unserer deutschen 
Einheit und dem Herrscher des Landes, das 
unsgastlichemfängt: 

Seine Majestät der deutsche Kaiser und Seine 
Königliche Hoheit der Grossherzog von Baden hoch, 
hoch, hoch! 

Ministerialdirektor Staatsrat Dr. Hübsch, Karls¬ 
ruhe : 

Hochgeehrte Herren 1 

Es ist mir der ehrende Auftrag geworden, für den 
leider erkrankten Herrn Staats- und Justizminister die 
Herren Vertreter der deutschen Bundesregierungen, wie 
die geehrten Herren, die in oft erwiesener fördernder An¬ 
teilnahme an der Arbeit und den Erfolgen des Vereins 
der Deutschen Strafanstaltsbeamten das befreundete Oester¬ 
reich und der hohe Schweizer Bundesrat uns gesendet 
haben — leider weilt der amtliche Herr Vertreter des 
Grossherzogtums Luxemburg nicht mehr unter uns — 
ferner die Vertreter der gleichen oder verwandten Zielen 
wie Sie zustrebenden Vereine Deutschlands und der Schweiz 
und weiter alle die Teilnehmer der sechzehnten Versamm¬ 
lung des Vereins Deutscher Strafanstaltsbeamten, an ihrer 
Spitze die Herren des Ausschusses und den um das Ge¬ 
fängniswesen und den Strafvollzug hochverdienten und 
bahnbrechenden Präsidenten Ihrer diesmaligen Tagung am 
Schlüsse ihrer bedeutsamen Beratungen nochmals zu be- 
grüssen und Ihnen Allen herzlich dafür zu danken, dass 
Sie der Einladung zu dem heutigen festlichen Abschlüsse 
Ihrer Tagung Folge geleistet haben, durch welche die 
Grossh. Regierung erneut ihrem vollsten und' wärmsten 
Interesse an Ihren Bestrebungen Ausdruck geben möchte. 

Mir gereicht es zu ganz besonderer Freude, meine 
Herren, mich dieser Aufgabe zu entledigen, da ich mich 
für alle Zeit mit ihren Arbeiten und Sorgen eng verbunden 




— 357 


fühle, sowohl durch meine langjährige dienstliche Tätigkeit 
auf dem Gebiete der Strafjustiz und des Gefängniswesens, 
als ganz besonders auch als aktives Vereinsmitglied, dem 
Sie durch ihren Ausschuss die gewiss unverdiente, aber um 
so dankbarer aufgenommene hohe Ehre der Ernennung zu 
ihrem Ehrenmitgliede heute erwiesen haben. 

Meine Herren! Wenn es je als Aufgabe einer fach¬ 
männischen Versammlung betrachtet werden darf, am Vor¬ 
abende hochwichtiger legislatorischer Reformen und Neu¬ 
gestaltungen mit beratender und begutachtender Stimme 
an die gesetzgebenden Faktoren heranzutreten, wer wäre 
wohl auf dem Gebiete des Strafvollzugs und der diesen 
regelnden Bestimmungen des materiellen Strafrechts be¬ 
rufener hierzu als die Männer, die in glücklicher und steter 
Fühlung mit der wissenschaftlichen Theorie es zu ihrer 
Lebensaufgabe gemacht haben, aus dem reichen Schatze 
ihrer praktischen Erfahrungen heraus dem Strafvollzug 
die Gestalt zu geben, die ihn dem Zweck der Strafe am 
bestmöglichsten gerecht werden lässt, mag man nun den 
letzteren im Sinne der klassischen Schule oder aus der 
modernen soziologischen Auffassung heraus begründen; 
wer w'äre mehr berufen als die Leiter und Vorstände der 
Strafanstalten und ihre getreuen Mitarbeiter, die dem Er¬ 
kenntnis des Strafrichters erst den Inhalt zu geben haben, 
der für den Bestand der Rechtsordnung und für das Wohl 
der Allgemeinheit förderlich ist. 

Sie haben, meine Herren, sich in den letzten Tagen 
mit Fragen beschäftigt, die für die Neugestaltung unseres 
Strafrechts wohl als brennende und grundlegende zu be¬ 
trachten sind. Die Beschlüsse, die sie im wesentlichen ja 
in Einmütigkeit gefasst haben, werden sicherlich für das 
Schicksal des Vorentwurfs und für die Arbeiten der damit 
befassten Kommission von gewichtiger Bedeutung sein, und 
ich bin überzeugt, auch die gesetzgebenden Faktoren, der 
Bundesrat und der Reichstag, werden seinerzeit Ihre Stimme 
nicht überhören. 

Wenn ich einen einzigen Punkt aus den Beratungs¬ 
gegenständen dieser Tage herausgreifen darf, so möchte 
ich meiner ganz besonderen Freude Ausdruck geben, dass 
Sie, noch hinausgehend über den Vorschlag des Vorent¬ 
wurfs, die Notwendigkeit betont haben, die seitherigen 
grundsatzlosen und unhaltbaren Bestimmungen unseres 
Strafrechts über den Rückfall zu ändern, deren unver= 
• hältnismässige Einschätzung der Eigentumsdelikte gegen- 



— 358 — 


über der Sicherheit für Leib und Leben und anderen 
Rechtsgütern in weitesten Kreisen nicht verstanden werden. 

Mögen Sie, meine Herren, wenn Sie jetzt mit Be¬ 
friedigung und Genugtuung auf die Arbeit und die Ergeb¬ 
nisse Ihrer Tagung zurückschauen, auch gern der Stunden 
der Erholung und der heiteren Geselligkeit gedenken, die 
sie im badischen Lande erlebt haben! Mögen Sie die 
Ueberzeugung mit sich nehmen, dass es uns eine grosse 
Freude und eine hohe Ehre gewesen ist, den Verein der 
Deutschen Strafanstaltsbeamten abermals bei uns an der 
Arbeit gesehen zu haben! Möge der Verein aus seiner 
sechzehnten Tagung neue Förderung und neue Kraft zur 
unentwegten "Weiterarbeit an seinen für das Gemeinwohl 
hochwichtigen Aufgaben schöpfen, undmögeihminsbesondere 
die freudige Mitarbeit immer weiterer Kreise unter der 
verdienstvollen Leitung seines jetzigen erfahrenen Vor¬ 
standes beschieden sein. 

Gestatten Sie, meine Herren, dass ich meine guten 
Wünsche für das Gedeihen des Vereins der Deutschen 
Strafanstaltsbeamten zusammenfasse in dem Rufe: 

Dem Verein der Deutschen Strafanstaltsbeamten und 
seinem arbeitsfreudigen verdienten Vorsitzenden, dem Herrn 
Direktor Schwandner, ein dreifaches Hoch. Sie leben Hoch, 
Hoch, Hoch! 

Direktor Schwandner, Ludwigsbnrg: 

Hochverehrter Herr Staatsrat! 

Eure Exzellenz! Hochverehrte Herren! 

Liebe Kollegen! 

Im Namen unseres Vereins danke ich dem Herrn 
Staatsrat auf das ehrerbietigste für die freundliche und 
gütige Begrüssung unseres Vereins. Wir haben hier so 
viel Gastfreundschaft und Liebe genossen, dass es mir 
wirklich schwer fällt, die richtigen Worte zu finden, die 
itn rechten Verhältnis stünden zu der Grösse unserer Dankes¬ 
schuld. Wenn ich so heute bei den Kollegen und den 
Teilnehmern unserer Versammlung herumgehört habe, so 
habe ich den Eindruck gehabt: wir fühlten uns alle hier 
so heimisch, so recht wie daheim. Und das ist kein Wunder. 
Wir sind ja in der Heimat unseres Vereins. Es war ja 
Bruchsal, wo unsere Wiege stand, wo unser Verein im 
Jalire 1864, nach der Besprechung in Stuttgart vom Jahre 
1863, gegründet worden ist. Und das war wiederum nicht 
von ungefähr. Stand doch Baden an der Spitze der Be- 



359 — 


wegung im Strafvollzug: Unter des Grossherzogs Leopold 
Regierung ist im Jahre 1845 das Gesetz über die Einzel¬ 
haft in Baden zustande gekommen und im Jahre 1848 das 
Zellengefängnis in Bruchsal eröffnet worden. Das war 
eine bahnbrechende Tat. Einst hatte Grossherzog Karl 
Friedrich, als er das Pfälzische Zuchthaus in Mannheim 
und das fürstbischöflich Speyerische in Bruchsal über¬ 
nommen hatte, die denkwürdigen Worte gesprochen: „So 
wenig wir gesonnen sind, die Frevler durch Nachsicht in 
ihrer Bosheit zu bestärken, so wenig mögen wir 
durch allzu harte Strafen unsere fehlenden Untertanen in 
gänzliches Verderben gestürzt sehen“. Meine Herren! 
Diese goldenen Worte sind ein Programm, das Programm: 
in Omnibus caritas. 

Diesem Programm ist die Grossherzoglich Badische 
Regierung treu geblieben, als sie im Jahre 1848 das Zellen¬ 
gefängnis in Bruchsal erbaute, und diesem Programm ist 
sie treu geblieben, unterstützt von Männern wie Mitter- 
maier, v. Jagemann und Junghanns, Namen von 
bestem Klang auf dem Gebiete des Strafrechts und des 
Strafvollzugs. In steter, ruhiger Weiterentwicklung ist 
unter der gesegneten Regierung des Grossherzogs Fried¬ 
rich I. im Jahre 1878 das Zellengefängnis in Freiburg er¬ 
baut w^orden, und die neueste Schöpfung auf dem Gebiete 
des Strafvollzugs durften wir heute bewundern. Wir alle 
stehen unter dem Eindruck, dass hier etwas grosses, etwas 
schönes, etwas praktisches geschaffen worden ist, und wir 
beglückwüttschen die Grossherzoglich Badische Regierung 
und die badischen Stände zu diesem hervorragenden Werk, 
und wenn wür als Strafvollzugsbeamten überhaupt des Ge¬ 
fühls des Neides fähig wären, so möchten wir sagen: wir 
beneiden sie darum (Heiterkeit). 

Aber auch unser Verein hat sich jederzeit der Huld 
und Gunst der Grossherzoglichen Regierung zu erfreuen 
gehabt. Schon bei unserer ersten Versammlung im Jahre 
1864 durfte der Vorsitzende die Gastfreundschaft des da¬ 
maligen Herrn Justizministers Dr. Stabei rühmend her¬ 
vorheben, und wer von uns älteren Jahrgängen im Jahre 
1889 die schönen Tage von Freiburg miterlebt hat, dem 
sind sie eine der schönsten Erinnerungen seines Lebens. 

38 Jahre lang durften badische Strafanstaltsvorstände 
unsern Verein leiten, dank des weitherzigen Entgegen¬ 
kommens der Grossherzoglichen Regierung, 28 Jahre lang 
unser verehrter Kollege Ekert und 10 Jahre lang unser 



360 


hochverehrter Herr Dr-. von Engelberg, Für alle diese 
Gunstbezeugungen und für die ausserordentlich liebens¬ 
würdige Aufnahme, die wir in diesen Tagen hier gefunden 
haben, sagen wir der hohen Regierung ehrerbietigsten ’ 
Dank, und ich fordere Sie auf, meine Herren, diesem un- | 
serem Dank Ausdruck zu geben, indem wir unsere Gläser 
erheben und rufen: Die Grossherzoglich Badische Regierung 
und ihr hochverehrter Vertreter Herr Staatsrat Dr. Hübsch, 
unser Ehrenmitglied, sie leben hoch, hoch, hoch! 

Generalstaatsanwalt Geheiinrat Dr. Praetorius, 
Darmstadt. 

Meine Herren! 

Es sieht fast wie Vermessenheit aus, wenn nach den 
letzten in Form und Inhalt bedeutsamen und schönen Reden, 
die wir genossen, sich ein quoad eloquentiam deus minorum 
gentium (Rufe: Oho I) Ihre Aufmerksamkeit erbittet. Aber, 
meine Herren, ich darf den Satz: der Zweck heiligt die 
Mittel, für mich in Anspruch nehmen und Ihres ungeteilten, 
ja, jubelnden Beifalls sicher sein, wenn ich Ihnen sage, 
worauf mein Trinkspruch abzielt. Er gilt dem Präsidenten 
unserer Versammlung (Bravo), Seiner Exzellenz dem AVirk- 
lichen Geheimrat Herrn Dr Eugen v. Jage mann (Bravo). 

Es ist mir eine hohe Freude, dass es ,mir vergönnt 
ist, hier im Herzen Badens ihn mit ein paar bescheidenen 
Worten zu feiern; denn wenn auch der Name v. Jageniann 
im ganzen Deutschen Reich, ja, weit über die Grenzen 
des Deutschen Reichs hinaus, anerkannt und hochangesehen 
ist, so hat er doch hier in Baden einen ganz besonders 
hellen Klang, einen Klang, der uns Strafvollzugsbeflissenen 
eindringlich in die Ohren tönt. Knüpft sich doch an den 
Namen v. Jagemann, Ludwig v. Jagemann, den Vater 
unseres Präsidenten, der heute bereits erwähnte erste 
gesetzgeberische Schritt auf dem Gebiete des Gefängnis¬ 
wesens, der in der Gründung und Erbauung des auf Einzel¬ 
haft beruhenden Männerzuchthauses in Bruchsal seinen 
Ausdruck fand. Und wenn Baden im ganzen Deutschen 
Reich den stolzen Namen „das Musterländle“ führt, so ist 
es auch das Musterländle auf dem Gebiete des Strafvoll¬ 
zugs gewesen. 

Was Ludwig v. Jagemann gewollt, erstrebt und er¬ 
rungen, das hat Eugen v. Jagemann als ein heiliges Ver¬ 
mächtnis aufgenommen und fortgesetzt. Mit welcher Sach¬ 
kunde, mit welch unermüdlichem Fleiss, mit welch bahn- 




361 


bre(*hendem Eifer er als Ministerialreferent für Gefängnis¬ 
wesen gewirkt hat, das ist Ihnen heute von den beiden 
Herren Vorrednern und bereits voi^gestern aus dem be¬ 
rufenen Munde unseres lieben Herrn v. Engelberg an¬ 
gedeutet worden. Davon geben aber überdies aller Welt 
beredtes Zeugnis die vortrefflichen Arbeiten in dem von 
Herrn v. Jagemann im Verein mit Holtzendorff heraus¬ 
gegebenen Handbuch des Gefängniswesens, nicht minder 
auch die vielfachen Beiträge, die er in die Blätter für 
Gefängniskunde geliefert hat (Bravo). Einem Berufeneren 
als ihm konnte daher die Leitung der Vereinsversammlungen 
in Frankfurt 1886 und in Freiburg 1889 nicht übertragen 
werden. Ja, nachdem das Vertrauen seines Landesfürsten 
ihn auf ein ganz anderes Arbeitsfeld als Gesandten nach 
Berlin berufen hatte, hinderte dies die Grossh. Badische 
Regierung nicht, ihn als Vertreter auf den internationalen 
Kongress für Gefängnisreform im Jahre 1895 nach Paris 
zu entsenden. 

Eure Exzellenz haben vorgestern scherzweise ge- 
äussert, wir hätten durch die Wahl ihrer Person zum 
Vorsitzenden in Köln, jetzt in Mannheim eine Mumie aus¬ 
gegraben (Heiterkeit). Meine Herren! Dass dieser Vergleich 
ganz und gar unzutreffend ist, zum mindesten im physischen 
Sinne, das brauche ich wohl ni( ht besonders zu versichern 
(Heiterkeit), und ich kann ihnen im Vertrauen sagen, dass 
ich mich gestern im Schwimmbade genau davon überzeugt 
habe (Heiterkeit). Aber trotzdem, meine Herren, will ich 
einmal an diesem, wie ich ausdrücklich anerkenne, nicht 
richtigen Bilde in anderem Sinne festhalten. Nehmen wir 
einmal an, das ganz heterogene Arbeitsfeld, das Herrn 
V. Jagemann in Berlin zugewiesen war, hätte allmählich 
sagen wir einmal: die Gefängnisseite seines Ichs in Mumi¬ 
fikation geraten lassen, so durften wir doch, nachdem er 
im Jahre 1903 den Posten auf gegeben und in die Heimat 
zurückgekehrt war, alsbald mit heller Freude ausrufen: 
„II est revenu ä ses Premiers amours“, und die glänzende 
Art, wie er die Versammlungen in Köln und in Mannheim 
geleitet hat, das Geschick, mit dem er die Gegensätze 
auszugleichen wusste, die Sicherheit, mit der er den Stoff 
meisterte, und das grosse Verständnis, das er darin be¬ 
kundete, dass er die oft so weit auseinandergehenden 
Fäden der Verhandlungen immer wieder auf den springen¬ 
den Punkt zurück zu leiten wusste, alles dieses hat Ihnen 
klar bewiesen, dass jene erste Liebe, zu der er zurück- 

Blätter für Gefängniskunde. XLV. 2 



— 362 


gekehrt war, die Gefängnismumie in ihm zu frischem, 
warmem und schöpferischem Leben wiedererweckt hat 
(Bravo), | 

Er ist, wie ich sagte, zu seiner ersten Liebe zurück- * 
gekehrt. Ich darf in ihrer aller Namen ihm aber auch | 
versichern, dass er unsere Liebe, unsere rückhaltlose 
Verehrung im höchsten Grade gewonnen hat (Bravo), dass i 
wir uns von Herzen darauf freuen, im Jahre 1914 unter 1 
ihm, der schon die Jubiläumsversammlung dfes Jahres 1889 
in Freiburg geleitet hat, unser öOjähriges Jubiläum würdig 
zu begehen. 

Und so bitte ich sie, meine Herren, erheben sie mit 
mir die Gläser und stimmen sie ein in den Ruf: Unser 
unübertrefflicher Präsident, Exzellenz v. Jagemann, lebe 
hoch, hoch, hoch ! I 

Wirkl. Geheimrat Exzellenz Dr. v. Jagemann: I 

Meine hochgeehrten Herren! 

Nur ein kurzes Wort! Wenn man zu seiner alten 
Liebe zurückkehrt, dann ist man neuvermählt, und Neu- 1 
vermählte geniessen an ihrem Hochzeitstage das Privileg, 
dass andere für sie reden. Ich bin neu vermählt mit dem 
Gefängnis wesen, und Ihnen seinen geistigen Trägern neu¬ 
vermählt insbesondere meinem lieben alten Jugendfreunde 
Hübsch und Herrn v. Engelberg, meinen Nachfolgern. 
Bräutigam oder Braut, wie sie wollen — ich muss schweigen. I 
Aber nur das eine Ihnen allen: die Freundschaft, die sich 
gründet auf die Berufsgemeinschaft, sie lebe hoch, hoch, hoch I 

Mini.sterialrat Dr. Schober, Wien: 

Eure Exzellenzen! 

Meine sehr geehrten Herren! 

Das Gesetz ist Wille, starker Wille. Um aber zwingen 
zu können, muss das Gesetz dem Denken und Empfinden 
der Zeit, ihren sittlichen Werturteilen und ihren wirklichen 
Verhältnissen entsprechen; es muss, so widerspruchsvoll 
es zu sein scheint, mit der ganzen Mitwelt wollen. Wie 
das wahre Kunstwerk jedem, der es sinnend betrachtet, 
etwas sagt, für k< inen stumm ist, so muss das Gesetz in 
gleicher Art universal sein. Möglichst viele müssen sich 
Ueberzeugungen, in ihren Ansichten, in ihren Be¬ 
dürfnissen und inneren Regungen im Gesetze finden. Darin 
liegt die Quelle s< iner Kraft. Das ist der unvergängliche 
Augdes römischen Rechtes, der es zur Weltherrschaft führte. 





363 


Wenn ich, meine sehr verehrten Herren, von diesem 
Gesichtspunkt aus die Entstehungsgeschichte Ihres werden¬ 
den Gesetzes betrachte, so muss die umfassende Vorbe¬ 
reitung der gesetzgeberischen Arbeit nicht nur gebilligt, 
sie muss geradezu als vorbildlich bezeichnet werden, Zu¬ 
nächst das grosszügige Werk der vergleichenden Dar¬ 
stellung des deutschen und ausländischen Rechtes, dann 
die immer wachsende Betätigung der Wissenschaft und all 
der Kreise, die vermöge ihrer Erfahrungen ein wichtiges 
Wort mitzusprechen berufen sind. Ich denke dabei ganz 
insbesondere an Ihren Verein. Denn, täuschen wir uns 
nicht. Selbst ein theoretisch mangelhaftes Gesetz kann 
gut wirken, wenn die Einrichtungen des Vollzuges der 
Strafen zweckmässige sind; das theoretisch bestgedachte 
Gesetz wird aber versagen, wenn der Gesetzgeber sich in 
diesen Fragen geirrt und getäuscht hat (Bravo). 

Ich schliesse, meine sehr verehrten Herren, mit dem 
Wunsche, es möge dem deutschen Gesetzgeber gelingen, 
aus der Fülle des Materiales, das Wissenschaft und Er¬ 
fahrung ihm entgegenbringen, aus den Bausteinen, die von 
allen Seiten zusammengetragen werden, ein monumentales 
Werk der Gesetzgebung zu schaffen, das die Polyphonie 
besitzt, deren das Gesetz bedarf, wie das Kunstwerk. 

Auf das Gelingen dieses Werkes erhebe ich mein 
Glas. Hoch, Hoch, Hoch! (Lebhafter Beifall). 

Ministerialrat Rocker, Stuttgart: 

Meine hochverehrten Herren! 

Die Stunde ist zwar vorgerückt, aber doch bitte 
ich um einige Sekunden stilles Gehör, denn meine 
Worte gelten einem Manne, der still, gleichsam hinter 
den Kulissen stehend, seine Arbeit ausgezeichnet 
verrichtet hat, ich meine den Herrn Strafanstalts¬ 
direktor Koelblin (Bravo), den Vorstand des hiesigen 
neuen Gefängnisses. Ich habe gesagt: hinter den Kulissen 
hat er gearbeitet und im Schweisse seines Angesichts Aus¬ 
gezeichnetes, Vorzügliches geleistet. Wer einmal in gleicher 
Situation, in gleichen Schuhen gestanden hat, weiss, was 
das heisst. Hinter den Kulissen arbeiten, ohne prunken zu 
können, ohne hervortreten zu können, so zu arbeiten, dass 
vom alles auf der Bühne glatt läuft, Statisten, Sänger und 
Sängerinnen einschwenken wie die Sektionen (Heiterkeit). 
Er hat es vorzüglich verstanden, so still das Kommando 
zu führen. Und darum gilt ihm unser herzlichster, auf- 



364 - 


richtiger Dank (Bravo). Ich fordere Sie, meine Herren 
auf, einzustimmen in den Kuf: Herr Direktor Koelblin lebe 
hoch, hoch, hoch! 

Nach Schluss des Mahles fuhr man mit der Bahn nach 
dem schönen Alt-Heidelberg, wo wir uns nach Besichtigung 
der Schloss-Ruinen und der Sammlungen in der Schloss- 
Wirtschaft zum letzten Male in trautem Vereine gesellig 
zusammen fanden. Oberbürgermeister Dr. Wilkens be- 
grüsste den Verein in freundlichen und humorvollen Worten, 
die der Vereins-Vorstand dankend erwiderte. Bei Ein¬ 
bruch der Dunkelheit begab man sich zu der w'undervoll 
beleuchteten Ruine des „gesprengten Turmes“ und als 
angesichts dieses Zeichens einer traurigen geschichtlichen 
Vergangenheit Kollege Kopp-Freiburg mit zündenden 
Worten aufs deutsche Vaterland den richtigen patriotischen 
Ton getroffen hatte, klang unser Zusammensein mit dem 
gemeinsam gesungenen Lied: „Deutschland, Deutschland 
über Alles“ in feierlicher und gehobener Stimmung aus! 

Die Mannheimer Tagung wird uns Allen unvergesslich 
bleiben! Herzlichen Dank noch einmal Allen, die zu ihrem 
Gelingen so freundlich beigetragen haben ! 

Schwandner. 




BnW„„g „„j 

ZU der 


^Vl. Versammlung 


•'•w düMir SüatehiiisiiB^, 


Mannheifn 


vom 6. bis 9. Juni 


1911. 



366 — 


Der Vereinsausschuss beehrt sich nachstehend die 
Tagesordnung der diesjährigen Vereins Versammlung be¬ 
kannt zu geben und zum Besuche der letzteren freundlichst 
einzuladen. Der Ausschuss hat an die Regierungen das 
Ersuchen gerichtet, die Reise nach Mannheim möglichst 
vielen Vereinsangehörigen zu ermöglichen, bittet aber die 
Mitglieder, auch ihrerseits ihr Möglichstes zu tun, um einen 
würdigen Besuch der Versammlung herbeizuführen. 

Für den Vereinsausschuss: 

Direktor Schwandner. 


Dienstag, 6. Jnni: 

Nachmittags 5 Uhr: Ausschussitzung im Vorzimmer des 
Versammlungssaales des „Rosengarten“. 

Abends 72^ Uhr: Zwangloses Zusammensein im Versamm- 
lungssal des „Rosengarten“. 

Mittwoch, 7. Juni: 

Vormittags YgO Uhr: Erste Hauptversammlung im Ver¬ 
sammlungssaal des „Rosengarten“. 

Tagesordnun g: 

1. Begrüssung der Versammlung. 

2. Wahl eines Vorsitzenden, seiner Stellvertreter und 
zweier Schriftführer. 

3. Erstattung des Geschäftsberichts. 

4. Heehnungsvorlage. 

ö. Beratung und Beschlussfassung über Ziffer I und 
IV der Anlage. 

Glegenheit zum Frühstück in der Restauration des 
Ar. V . „Rosengarten“. 

miUags: Besichtigung der Mannheimer Kunsthalle und 

iger 
der 


^taatischen Sammlungen unter sachverstär d 
;!^ührung. Die Stadt gewährt gegen Vorzeigung 
J-eil nehmerkarte freien Eintritt. 



— 367 


Abends 7 Uhr: Begrössungs-Essen in der Wandelhalle des 
,Rosengarten“. (Trockenes Gedeck M. 3.—.) 

Donnerstag, 8. Juni: 

Vormittags Uhr: Zweite Hauptversammlung im Ver¬ 
sammlungsaal des „Rosengarten“- 

Tagesordnung: 

1. Beratung und Beschlussfassung über Ziffer II und 
III der Anlage. 

2. Entlastung des Rechners. 

3. Wahl des Ausschusses. 

Gelegenheit zum Frühstück in der Restauration des 
♦ „Rosengarten“. 

Nachmittags: Nachwahl: Gelegenheit zur Besichtigung des 
Mannheimer Schlosses unter Führung der Grossh. 
Schlossverwaltung Mannheim. 

Ausflug nach Heidelberg oder 

Ausflug nach Speyer zur Besichtigung des Doms, 

der Protestationskirche und des neuen Museums. 

Abends V 28 Uhr: Festvorstellung im Gr. Hof- und National¬ 
theater, zu Ehren des Vereins gegeben von der Stadt 
Mannheim. 


Freitag, 9. Juni: 

Vormittags 8 Uhr: Abfahrt von der Rheinbrücke auf 
Dampfern, welche die Grossh. badische Regierung 
zur Verfügung stellt, zur Besichtigung der sehr 
sehenswerten Hafenanlagen Mannheims. 

Daran anschliessend Besichtigung des neuen 
Landesgefängnisses in Mannheim. 

Mittags 1 Uhr: Festessen im Parkhotel, wozu die Vereins¬ 
mitglieder von der Grossh. badischen Regierung 
eingeladen sind. (Frack gewünscht.) 

Nachmittags gegen 5 Uhr: Fahrt nach Heidelberg zum 
Schlosskonzert, woselbst gemeinscbaftliches Abend¬ 
essen in der Schlossrestauration in Aussicht ge¬ 
nommen ist. Nachher findet Beleuchtung eines 
Teiles des Schlosses statt, die die Stadt Heidelberg 
den Vereinsmitgliedern neben dem freien Eintritt 
zum Konzert und freien Besuch der städtischen 
Sammlungen darbietet. 


Die Grossh. Domänendirektion gewährt gegen Vor¬ 
zeigung der Teilnehmerkarte freien Eintritt in die zugäng¬ 
lichen Räume des Schlosses. 


Vom Dienstag, 6. Juni ab steht den Teilnehmern über¬ 
dies die Besichtigung des Landesgefängnisses Freiburg, des 
Landesgefängnisses und des Männerzucbthauses Bruchsal, 
des Arbeitshauses Kislau und der Erziehungsanstalt 
Flehingen frei. 


Zur Beteiligung au der Abstimmung in den Verhand¬ 
lungen und an den Veranstaltungen sind nur diejenigen 
Personen berechtigt, welche persönliche MitgliedeV des Ver¬ 
eins sind und bei dem Anmeldebureau eine Teilnehmer¬ 
karte zu Mk. 4.— lösen. 

Das A n m e 1 d e - und Auskunftsbureau befindet 
sich am Dienstag von nachmittags 5 bis abends 10 Uhr, 
am Mittwoch und Donnerstag von vormittags 8 bis mittags 
1 Uhr vor dem Eingang in den Versammlungssaal des 
Rosengarten. Der Eingang in den Rosengarten erfolgt vom 
Friedrichsplatz aus. 

Es wird gebeten, die Teilnahme an den Versamm¬ 
lungen und Veranstaltungen spätestens bis 15. Mai 1911 bei 
dem Grossh, Strafanstaltsdirektor Kölblin in Mannheim an¬ 
zuzeigen. Es ist dies wegen der Vorbereitungen, insbe¬ 
sondere wegen Sicherung von Fahrgelegenheiten unum¬ 
gänglich nötig. 



-- 369 — 


Zum Wohnen werden folgende in der Nähe des Bahn¬ 
hofs oder des „Rosengarten“ gelegenen Hotels empfohlen: 

1. Park-Hotel, Friedrichsplatz 2/4 — M. 4.80 bis M. 9.30 

2. Union-Hotel, L 15, 16 — M. 3.— bis M. 4 — 

3. Hotel National, L 15, 17 — M. 3,— bis M. 4.— 

4. Bahnbofhotel Lehn, L 15, 1 — M. 3.50 bis M. 4.— 

5. Hotel Deutscher Hof, C 2, 16/18 — M. 4.— 

6. Hotel Kaiserhof, P 4, 4/5 — M. 3.50 bis M. 4.— 

7. Hotel Pfälzer Hof, D 1, 5/6 — M. 4.— bis M. 6.— 

8. Hotel Viktoria, O 6, 7 — M. 3.— 

9. Hotel Weinberg, D 5, 4 — M. 2.80. 

Die beigesetzten Zimmerpreise sind einschliesslich 
Frühstück zu verstehen. 



Anlage. 


Stellungnahme des Vereins zu den im Vorentwurf zu 
einem deutschen Strafgesetzbuch enthaltenen Bestimmungen 
über: 


I. Die Freiheitsstrafen und ihr Vollzug und die 
sichernden Massnahmen (V. E. §§ 14—29, 42, 53, 63, 
Absatz 3, 65). 

II. Die bedingte Strafaussetzung (V. E. § 38—41.) 

III. Die Behandlung der Jugendlichen (V. E. § 68—70). 

IV. Die Behandlung des Rückfalls und der gewerbs- 
und gewohnheitsmässigen Verbrecher (V. E. §§ 88 
und 89). 

Das Referat über Ziffer I und IV hat Herr Straf¬ 
anstalts-Direktor Dr. Röder-Tegel, dasjenige über Ziffer 
II und III Herr Strafanstaltsdirektor Dr. S c h e u r e r- 
Lüttringhausen übernommen. 


Gutachten haben erstattet: 


Zu Ziffer I: 


Zu .Ziffer IV: 
Zu Ziffer II: 


Zu Ziffer III: 


Oberregierungsrat Reich-Bautzen, 

Direktor Dr. Genna t-Hamburg, 
Oberregierungsrat Micha 1-Nürnberg. 
Direktor Giemen t-Butzbach, 

Direktor Dr. Leonhard-Wohlau. 

Direktor Dr. med. P o 1 i t z-Düsseldorf, 
Direktor Dr. Leonhard-Wohlau, 
Regierungsrat Du Roi-Wolfenbüttel. 
Oberregierungsrat L e n h a r d-Bruchsal, 
Direktor Fliegenschmidt-Oslebsbausen, 
Pfarrer Dr. Jacob s-Werden, 

Anstaltslehrer B i r k i g t-Bautzen. 



371 


Liste der Anwesenden. 


I. Regierungs Vertreter: 

Baden: 

a) Gr. Ministerium des Gr. Hauses, der Justiz und des Aus¬ 
wärtigen: 

Ministerialdirektor Staatsrat Dr. Hübsch, Karlsruhe. 
Kammerherr und Ministerialrat Dr. von Engelberg, 
Karlsruhe. 

b) Gr, Ministerium des Innern: 

Geh. Oberregierungsrat Dr. Becker, Gr. Landeskomraissär, 
Mannheim. 

Bayern: 

K. Staatsministerium der Justiz: 

Staatsanwalt Dr. Müller im k. bay. Staatsministerium 
der Justiz, München. 

Braunschweig: 

Herzogi. Braunsehw'.-Lüneburg. Staatsministerium: 
Oberstaatsanwalt Holland, Braunschweig. 

Elsass-Lothringen: 

Ministeriun^ für Elsass-Lothringen, Abteilung für Justiz und 
Kultus: 

Geh. Reg.-Rat Dr. Schwalb. 

Staat Hamburg: 

Strafanstaltsdirektor Dr. G e n n a t, Fuhlsbüttel. 

Hessen: 

Grossh. Ministerium der Justiz: 

GeneralstaatsanwaltGeh.-R. Dr. Preetorius, Darmstadt. 

Luxemburg: 

Grossh. Staatsministerium: 

Der Präsident der Verwaltungskommission der Grossh, 
Strafanstalten, Dr. A. U1 v e 1 i n g. 

Oesterreich: 

K. K. Justizministerium: 

K. K. Ministerialrat Dr. Schober, Wien. 

Landesausschuss des Erzherzogtums Oesterreich unter d. 
Enns: 

Landesrat Dr. Franz Hu eher, Wien. 



— 372 — 


Preussen: 

K. Ministerium des Innern: 

Wirkl Geh. Oberregi<rungsrat Dr. Kr oh ne, Berlin. 

K. Ministerium der Justiz: 

Geh. Oberjustizrat P1 a s c h k e, Berlin. 

Geh. Oberjustizrat Oberstaatsanwalt Dr. H u b e r t z, Frank¬ 
furt a. M. 

Geh. Oberjustizrat Oberstaatsanwalt v. Prittwitz u. 
Gaffron, Naumburg a. S. 

Generalstaatsanwalt Wirkl. Geh. Oberjustizrat Supper, 
Berlin. 

Sachsen: 

K. Ministerium des Innern: 

Ministerialdirektor Geh.-Rat Heink, Dresden. 

K. Ministerium der Justiz: 

Geh. Justizrat Dr. Kunz, vertrag. Rat im Justizministerium, 
Dresden. 

Schweiz: 

Vertreter des Bundesrats: 

Der Bundesanwalt Dr. 0. Krön au er, Bern. 

Württemberg: 

K. Justizministerium: 

Ministerialrat Röcker, vertragender Rat im Justizmini¬ 
sterium, Stuttgart. 

II. Universität Heidelberg:' 

Geh. Hofrat Professor Dr. vonLiliental, Dekan der jurist. 
Fakultät, Heidelberg. 

III. Vereine: 

Zentralvorstand des Schweiz. Vereins für Straf- und 
Gefängnis wesen und Schutzaufsicht: 
Strafanstaltsdirektor WM d m e r, Basel. 

Scheu ermann, Direktor der Zwangserziehungsanstalt 
Aarburg. 

Stüber, Direktor der Strafanstalt Solothurn. 

Verband deutscher Schutzvereine für entlassene Gefangene: 
Burggraf, Pfarrer, Fürsorgekommission, Eberbach. 

Geh. Oberregierungsrat Dr. Reichardt, Heidelberg. 

Verein der Verwaltungsbeamten der österreichischen Straf¬ 
anstalten und Gerichtshof-Gefängnisse: 
Oberdirektor Marco vich, Graz. 



373 


Württembergischer Verein zur Fürsorge für entlassene 

Gefangene: 

Oberamtsrichter Schöffer, Stuttgart. 

Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft: 

Pastor Just, Düsseldorf. 

IV. Ausschussmitglieder. 

Vorsitzender: 

Schwandner, Direktor am kgl. Zuchthaus Ludwigsburg. 

Mitglieder: 

Büttner, Hauptmann a. D., Strafanstaltsdirektor, Breslau. 

Finkelnburg, Dr., Strafanstaltsdirekior, Berlin. 

Fliegenschmidt, Direktor der Strafanstalt Oslebshausen. 

Jacobs, Dr., Strafanstaltsgeisilicher, Werden a. Ruhr. 

J a r o t z k y, v., Direktor der Rheinischen Provinzial-Arbeits¬ 
anstalt, Brauweiler. 

Klein, Erster Staatsanwalt, Berlin. 

Kopp, Major a. D., Geh.-Rat, Strafanstaltsdirektor, Frei¬ 
burg i. Br. 

Marcovich, Oberdirektor der Strafanstalt Karlau b. Graz. 

L e n h a r d, Oberregierungsrat, Strafanstaltsdirektor, 
Bruchsal. 

Michal, Oberregierungsrat, Direktor des Zellengefäng¬ 
nisses Jv’ürnberg. 

Reich, Oberregierungsrat, Strafanstaltsdirektor, Bautzen. 

Zindel, v., Ministerialdirektor i. kgl. Justizministerium 
Stuttgart. 

V. Alphabetisches Verzeichnis sämtlicher 
aktiverMitglieder. 

Grossherzogtum Baden: 

Baumeister, kath. Hausgeistlicher am Männerzuchthaus 
Bruchsal. 

Berger, Hauslehrerin an der Weiberstrafanstalt Bruchsal. 

Brenzinger, Verwalter am Landesgefängnis Mannheim. 

Ebbecke, Pfarrer, evang. Hausgeistlicher am Männer¬ 
zuchthaus Bruchsal 

Eisele, Heinrich, Reallehrer, Hauslehrer am Landes¬ 
gefängnis Freiburg i. Br. 

Eng 1 e r, Gerichtsassessor bei der Grossh. Landesgefängnis¬ 
direktion Freiburg i. Br 

G r e i f f, Dr., Geheimer Ober-Medizinalrat, Medizinalreferent 
im Ministerium des Innern, Karlsruhe. 



374 


Grüble, Dr., Assistenz-Arzt an der psychiatr. Klinik 
Heidelberg. 

Hoffmann, Strafanstaltsieh er, Mannheim. 

Huber, Dr., Staatsanwalt, Karlsruhe. 

Jagern an n, v., Dr., Exzellenz, Wirklicher Geheimrat und 
Karamerherr, ordentlicher Honorarprofessor Heidelberg, 

Kapferer, Strafanstaltsverwalter, Bruchsal. 

Kärcher, Dr., Erster Staatsanwalt, Mannheim, 

K i r c h e n h e i m, v., Dr., Professor der Rechte, Heidelberg. 

K 0 e 1 b l i n, Direktor des Landesgefängnisses Mannheim. 

L u m p p, Dr., Medizinalrat, Bruchsal. 

Meck, Pfarrer, kath. Strafanstaltsgeistlicher, Hausgeist¬ 
licher am Landesgefängnis Mannheim. 

Merta, Pfarrer, kath. Hausgeistlicher am Landesgefäng¬ 
nis Freiburg i. Br. 

Nitka, Dr., Bezirksarzt, Mannheim. 

Ott, Dr., Gericbtsassessor bei der Grossh. Staatsanwalt¬ 
schaft Karlsruhe. 

Radbruch, Dr., Privatdozent der Rechte, Ziegelhausen 
bei Heidelberg. 

Ritter, Dr., Reg.-Rat, Hilfsreferent im Ministerium des 
Gro.sbh. Hauses, der Justiz und des Auswärtigen, Karls¬ 
ruhe. 

Ritter, Gerichtsassessor, Mannheim. 

Sältzer, Pfarrer, evang. Hausgeistlicher am Landes¬ 
gefängnis Freiburg i. Br. 

Sch ad, Pfarrer, kath. Hausgeistlicher am Landesgefäng¬ 
nis und der Weiberstrafanstalt Bruchsal. 

Schell, Strafanstaltsbuchhalter, Bruchsal. 

Schleicher, Rechnungsrat, Revisions-Vorstand im Mini¬ 
sterium des Grossh. Hauses, der Justiz und des Aus¬ 
wärtigen, Karlsruhe. 

Schwöbei, Dr., Pfarrer, evangel. Hausgeistlicher am 
Landesgefängnis Mannheim. 

Sieglitz, Dr., Georg, Hausarzt am Landesgefängnis 
Mannheim. 

Stöcker, Oberst a. D., Direktor des Männerzuchthauses 
Bruchsal. 

Wetzlar, Dr., Heinrich, Landgerichtsfat, Karlsruhe. 

Königreich Bayern: 

Baur, Gefängnisinspektor, Vorstand des Strafvollstr.-Ge- 
fängnisses München-Stadelheim. 

^»erginayer, Hauslehrer am Arbeitshaus Rebdorf. 



— 375 


D e y r e r, Oberregierungsrat, Strafanstaltsdirekter, Amberg. 
Dörnhöfer, Strafanstaltsdirektor, Kaisheiin. 

Düll, Regierungsrat, Direktor des Arbeitshauses Rebdorf. 
Eberl, Pfarrer, kath. Hausgeistlicher, Rebdorf. 

Fleck, Pfarrer, Hausgeistlicher an der Gefangenanstält 
Landsberg a. L. 

Forsteneiehner, Strafanstaltsassessor, Straubing a. D. 
Goetz, Dr., Hausarzt an der Strafanstalt Aichach. 

H 0 f m a 11 n, Pfarrer, kath. Strafanstaltsgeistlicher, Ebrach. 
Hurst, Hausgeistlicher des Zuchthauses Kaisheim. 
Husslein, Hauslehrer der Strafanstalt Straubing a. D. 
Jacob, Strafanstaltsdirektor, Kaiserslautern. 

Kohl, Direktor der Strafanstalt Lichtenau bei Ansbach. 
Kosmeier, Gefängnisgeistlicher, Nürnberg. 

Kretzer, Inspektor des Gerichtsgefängnisses Regensburg. 
Küffner, evang. Hausgeistlicher am Zuchthaus Ebrach. 
Leybold, Direktor der Gefangenanstalt Landsberga. L. 
L i e b w e i n, Assessor an der Gefangen anstatt Laufen a. L. 
Link, Regierungsrat, Nürnberg. 

Oestreicher, Hauslehrer am Zuchthaus Kaisheim. 
Poch, Direktor der Gefangenanstalt Zweibrücken. 

Popp, August Karl, prot. Hausgeistlicher bei den Gerichts¬ 
gefängnissen, im Nebenamt auch bei dem Zellen¬ 
gefängnis Nürnberg. 

Pracht, Pfarrer, evangel. Hausgeistlicher, Rebdorf. 
Raab, Strafanstaltslehrer, Landsberg a. L. 

Ranft, Strafanstaltsdirektor, Ebrach. 

Scherer, Direktor der Strafanstalt Aichach. 

S c h m U t, Pfarrer, kath. Hausgeistlicher an der Straf¬ 
anstalt Straubing a. D. * 

Sch unk, evang. Hausgeistlicher der Strafanstalt Zwei¬ 
brücken. 

Triebswetter, kath. Hausgeistlicher der Gefangen¬ 
anstalt Amberg. 

Trölltsch, Hauslehrer am Zellengefängnis Nürnberg. 
Vogl, Hausgeistlicher an der Gefangenanstalt Laufen a. L. 
Wambsganz, Strafanstaltsdirektor, Niederschönenfeld. 
W e i s s, Pfarrer an der Gefangenanstalt Zweibrücken 
Will, Hauslehrer, Amberg. 

Braunschweig: 

Fröhlich, Dr., Landrichter, Braunschweig 
du Roi, Regierungsrat, Direktor derherzogi. Gefangenen 
anstalt Wolfenbüttel. ° 



376 


Elsass-Lothringen: 

Hoch, Dr., Direktor am Bezirks- und Untersuchungs¬ 
gefängnis Strassbnrg i. Eis. 

M a u r a c h, Polizeirat, Direktor a. Gefängnis Mülhausen i. E. 
Mi ekel, Major a. D., Gefängnisdirektor, Metz i. L. 

Grossherzogtum Hessen: 

Ambos, Pfarrer, kath. Hausgeistlicher an der Zellen¬ 
strafanstalt Butzbach. 

Borneraann, Hauptmann a. D., Direktor des Landes¬ 
zuchthauses Marienschloss. 

Clement, Direktor der Zellenstrafanstalt Butzbach. 
Esch er, Lehrer an der Zellenstrafanstalt Butzbach. 

H o f m a n n, Oberstaatsanwalt, Giessen. 

Kleefeld, Rechtsanwalt, Worms. 

Klingle, Arresthausverwalter, Mainz. 

K u 11 m a n n, Dr., Hausarzt, Butzbach. 

Lang, Arresthausverwalter, Mainz. 

Langenbach, Dr., Gerichtsassessor, Worms. 

Muth, Arresthausverwalter, Darmstadt. 

Roth, evangel. Hausgeistlicher, Butzbach. 

S c h m a 11 z, evangel. Hausgeistlicher am Landeszuchthaus 
Marienschloss. 

Schwarz, Dr., Grossh. Oberstaatsanwalt, Mainz. 

Freie Stadt Lübeck: 

Arnst, Verwalter der Straf- und Korrektionsanstalt 
St. Annen, Lübeck. 

Grossherzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Strelitz: 
Engel, Dr., Geh. Reg.-Rat, Direktor der Landesstrafanstalt 
Dreibergen und des Zentralgefängnisses Bützow. 

Grossherzogtum Oldenburg: 

Heinz, Dr., Anstaltsarzt und Amtsarzt, Vechta. 
Ibbeken, Margarete, Frl., Oberin an der Weiberstraf¬ 
anstalt Vechta. 

Roth, Strafanstaltsdirektor, Vechta. 

Königreich Preussen: 

A p i t z, Strafanstaltsvorsteher Saarbrücken. 

Bammel, Regierungsrat, Düsseldorf. 

Rodet, Oberarzt an der Prov.-Arbeitsanstalt Brauweiler 
bei Köln. 

Boehm, von, Strafanstaltsdirektor, Naugard. 



377 


B öl sehe, Pfarrer, Werl. 

Bütow, Strafanstaltsdirektor, Münster i. W. 

D i e s i n g, Strafanstaltsdirektor, Köln. 

Dreier, Oberinspektor am Justizgefängnis Wiesbaden. 

E c c i u s, Anstaltsgeistlicher, Wronke. 

E11 g e r, evang. Geistlicher an der Strafanstalt Lüttring¬ 
hausen. 

F.alken-Plachecki, von, Direktor des Arbeitshauses 
Schweidnitz. 

Ganslandt, Erster Staatsanwalt, Kassel. 

Göbel, Staatsanwalt a. D., Gefängnisdirektor, Essen-R. 

G r u n a u, Gefängnisvorsteher, Koblenz. 

Hagen, Erster Staatsanwalt, Wiesbaden. 

H a r 1 i n g, v., Hauptmann a. D., Direktor des Prov.-Werk- 
hauses Moringen. 

Hieckmann, Dr., jur., Amtsrichter a. D., Direktor des 
Zentral-Gefängnisses Werl, Bez. Arnsberg. 

Hüslberg, Strafanstalts-Direktor, Kassel-Wehlheiden. 
Kaiser, Pfarrer, Enkheim. 

Keferstein, Hauptmann d. R., Gefängnisinspektor Neu¬ 
münster. 

Ketels, Pastor, Gefängnisgeistlicher, Kiel. 

Krätke, Gefängnisdirektor, Siegburg. 

Leppmann, Dr., Medizinalrat, Kgl. Kreisarzt, Berlin. 

Li mb erg, Gefängnisgeistlicher, Anrath. 

Lohmann, Strafanstaltsdirektor, Wittlich. 

Ludwikowsky, Oberinspektor, Vertreter des Zentral- 
Gefängnisses, Bochum. 

Lüdke, Erster Staatsanwalt, Schweidnitz. 

M i c h a ö 1 i s, v., Hauptmann a. D., Strafanstaltsdirektor 
Aachen. 

Migula, Hauptmann a. D., Gefängnisdirektor Preunges¬ 
heim. 

Müller, Stmfanstaltsinspektor, Köln. 

Mülverstedt, v., Staatsanwalt a. D., Gefä,l;^^„i^direktor, 
Berlin-Altmoabit. ^ 

Natzmer, v., Strafanstaltsvorsteher, ZiegenYi ’ 

Neunast, Gefängnisdirektor, Danzig. 

Niederstrasser, Gefängtiis-Oberinspektov' 

Nie wer th, Strafanstaltspfarrer, Halle a. ^ 

Philler, Strafanstaltsdirektor, Herford. 

Pollitz, Dr., Strafanstaltsdirektor, Düssel^ r» 
Puttkammer, v., Hauptrnann d. R., Direk '/P.ntraL 

gefängnisses, GollnoW. 

Blätter für Gefängniskunde. 


3 



Porrmann, Amtsgerichtsrat, Marienburg. 

Rhiel, Direktor.der Erziehungsanstalt Steinfeld. 

Rizen, Dr., Strafanstaltsarzt, Breslau. 

Roeder, Dr., Amtsrichter a. D., Strafanstaltsdirektor, 
Tegel-Reinickendorf. 

Sack, Oberinspektor, Strafanstaltsvorsteher, Bonn. 
Schau mann, Piistor, Aristaltsgeistlicher, Moringen. 
Scheike, Gefängnis-Oberinspektor, Görlitz 
Scheurer, Strafanstaltsdirektor, Lüttringhausen. 
Schmidt, Direktor der Korrektions- und Landarmen- 
Anstalt Breitenau, Post Guxhagen. 

Schrötter, Oberstleutnant a. D., Oberinspektor bei der 
Rhein-Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler b. Köln. 
Schulze, Gefängnisdirektor, Vertreter der Strafanstalt 
Plötzensee. 

Sträter, Regierungsrat, Aachen. 

Thun, Gefängnisinspektor, Hannover. 

T ö b b e n, Dr., Arzt, a. Vertreter d. Strafanstalt Münster i.W. 
Voigt, Rittmeister a. D., Direktor der Provinzial-Besse- 
rungs- und Landarmenanstalt Tapiau. 

Willemsen, Frau, Strafanstaltsoberin, Köln. 
Wippermann, Geh. J ustizrat, Erster Staatsanwalt, Erfurt. 

Königreich Sachsen: 

Birkigt, Anstaltslehrer, Bautzen, 

Gebauer, Inspektor an der Strafanstalt Waldheim. 
Schröter, P., Oberpfarrer, Waldheim. 

Vogel, Oberreg.-Rat, Direktor der Strafanstalt Waldheim. 
Volkmann, Strafanstalts-Oberpfarrer, Zwickau. 

Herzogtum Sachsen-Koburg-Gotha: 

J a c 0 b i, Strafanstaltsdirektor, Ichtershausen. 

Herzogtum Sachsen-Meiningen: 

Deussing, Direktor des Zuchthauses Untermassfeld. 

Königreich Württemberg: 

B e r 18 c h, Pfarrer, evangel. Hausgeistlicher am Zucht¬ 
haus Ludwigsburg. 

B o e s s, Buchhalter an der Strafanstalt Gotteszell. 

Ha g m a n n, Kaplan in Comburg, kath. Hausgeistlicher 
am Landesgefängnis Schwäb. Hall. 

Jehle, Oberjustizrat, Rottenburg a. N. 

Kauz mann, Dr., Amtsrichter, Göppingen. 

Kleiner, Hans, Strafanstaltslehrer, Heilbronn a. N. 



Maisch, Oberjustizrat, Strafanstalts-Vorstand, Schw. Hall. 

Mayer, Pfarrer, kath. Hausgeistlicher am Zuchthaus 
Ludwigsburg. 

Müller, Fr., Stadt- und Garnisonspfarrer, Hausgeistlicher 
des Zellengefängnisses Heilbronn a. N. 

P f e i f 1 e, Pfarrer, Rottenburg. 

Schairer, Pfarrer, Schw. Hall. 

Schneider, Stadtpfarrer in Gmünd, evangel. Hausgeist¬ 
licher der Strafanstalt Gotteszell. 

Sieber, kathol. Hausgeistlicher am Landesgefängnis 
Rottenburg. 

Süsskind, Dr., Medizinalrat, Oberamtsarzt, Hausarzt am 
Landesgefängnis Schw. Hall. 

Vogel, Hauslehrer am Zuchthaus Ludwigsburg. 

W i e 1 a n d, Inspektor am Zuchthaus Ludwigsburg. 

W e i n rn a r, Hauslehrer am Landesgefängnis Rottenburg a. N. 

Weizsäcker, Pfarrer, Hausgeistlicher am Zellengefäng¬ 
nis Heilbronn. 

Ausland: 

Brück-Faber, Administrator d. Strafanstalt Luxemburg. 

Anwesende Nichtmitglieder: 

Clemm, Dr., Grossh. Geh. Reg.-Rat, Mannheim. 

Giess 1er, Grossh. Amtsgerichtsdirektor, Mannheim. 

Gockel, Grossh. Amtsrichter, Mannheim. 

VI. Als Gäste: 

Müller, Kor., Karlsruhe. 

Simon, Dekan, Mannheim. 



380 


Ausschußthesen. 

Der Verein der Deutschen Strafanstaltsbearaten be- 
grüsst im Verfolg seiner Kölner Beschlüsse vom Juni 1908 
über die Gesamtfragen des Strafwesens und der Prophylaxe 
den Fortgang der amtlichen und der freiwissenschaftlichen 
Arbeiten für Verbesserung und Ergänzung der gesetzlichen 
Mittel hiezu und beschliesst über nachstehende Einzelheiten 
für den Entwurf zum deutschen St.G.B. was folgt: 

A. Freiheitsstrafen. 

1. Freiheitsstrafen sind Zuchthaus, Gefängnis und 
Haft. 

2. Die Zuchthausstraf e hat ohne weiteres den Ver¬ 
lust der bürgerlichen Ehrenrechte zur Folge. 
Auf Zuchthaus ist, wo die Wahl zwischen verschiedenen 
Strafarten besteht, zu erkennen, wenn die Tat auf 
ehrloser Gesinnung beruht. Auch soll ein bereits 
mitZuchthausBestrafter regelmässig bei neuen 
Verbrechen oder Vergehen wieder mit Zuchthaus be¬ 
straft werden. 

Bei Gefängnis darf nicht auf den Verlust der 
bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden, wohl aber 
kann bei Gefängnisstrafen über 6 Monaten auf den 
Verlust oder die Unfähigkeit zur Ausübung 
einzelner der im § 46 VE. aufgeführten Rechte 
auf die Dauer von 1—5 Jahren erkannt werden, 
wenn nach der Art der Tat ein Missbrauch dieser 
Reclite zu besorgen ist. 

Die Gefängnisstrafe soll ausser ihrer jetzi^n An 
Wendung namentlich für L an d streich er ei, Bettel, 

■ Arbeitsscheu, Gewerbs-Unzucht eintreten. 

o. Die Strafschärfungen des § 18 des VE. sind abzu 
lehnen, 

4. Der Mindestbetrag der Zuchthausstrafe ist ein 
Jahr, in den Fällen vorstehender Ziffer 2 Absatz I 
featz 3 sechs Monate. Der Mindestbetrag der Gefäng 
nisstrafe ist eine Woehe, der Höchstbetrag für Ver 
lechen aus nicht ehrloser Gesinnung 15 Jahre. 





381 


5. Die drei Freiheitsstrafen sind in ausschliesslich für 
eine jede Art bestimmten Anstalten zu vollstrecken; 
wo Gefängnis- und Hafträume wegen zwingender ört¬ 
licher Umstände in einer Anstalt Vereinigt werden 
müssen, ist mindestens die Sonderung in zwei Ab¬ 
teilungen einzurichten. 

Für vermindert Zurechnungsfähige, ferner für ge- 
werbs- und gewohnheitsmässige üebeltäter sind be¬ 
sondere Anstalten oder Abteilungen einzurichten. 

6. Hinsichtlich der Vollstreckung von Zuchthaus- und 
Gefängnisstrafen sind scharfe Ab grenz un gen durch 
ein besonderes Strafvollzugsgesetz, das gleich¬ 
zeitig mit dem Strafgesetzbuch in Kraft tritt, zu treffen, 
insbesondere bezüglich der Arbeit, des Arbeitszwanges, 
des Arbeitsverdienstes, der Vergünstigungen und der 
vorläufigen Entlassung nach ^4 Strafverbüssung bei 
Zuchthaus, Yg bei Gefängnis, Y 2 bei Haft. Die vor¬ 
läufige Entlassung soll schon nach 6 Monaten Straf¬ 
verbüssung zulässig und mit Schutzaufsicht verbunden 
sein. 

7. Richterliche Entscheidungen über Einzelheiten 
des Strafvollzugs im Sinne des § 17 des VE. sind 
abzulehnen. 

8. Zu Abs. 2 des § 22 VE. wird vorgeschlagen: 

Ohne Zustimmung des Gefangenen darf die Einzel¬ 
haft 3 Jahre nicht übersteigen. Sie hat fortzudauern, 
wenn von dem Gefangenen ein schädlicher Ein¬ 
fluss auf Mitgefangene zu besorgen ist, aus hygie¬ 
nischen Gründen oder aus Gründen der Sicherheit 
und Disziplin der Anstalt. Zur Fortdauer ist Ge¬ 
nehmigung der Aufsichtsbehörde erforderlich. 

B. Sichernde Massnahmen. 

1. Die Dauer der Unterbringung in einem Arbeits¬ 
haus (§ 42 und § 310 VE.) ist im Höchstbetrag von 
10 Jahren zuzulassen. 

Für Personen, welche nicht arbeitsfähig sind, 
oder nachträglich arbeitsunfähig werden, soll zwangs¬ 
weise sonstige Verwahrung an Stelle derjenigen im 
Arbeitshause treten. 

2. Gewerbs- und gewohnheitsmässige Ver¬ 
brecher (§ 89 VE.) sollen mindestens auf 5 Jahre 
und können, falls eine zweite Verurteilung auf Grund 



— 382 — 




dieser Bestimmung erfolgt, bis auf Lebenszeit in be¬ 
sonderen Anstalten zwangsweise verwahrt werden, 
soweit die Strafe selbst nicht diese Zeit erfüllt. 

3. Als Vorstrafen beim Rückfall (§ 88 VE.) sind aus¬ 
ländische wie inländische zu berücksichtigen. 

Bei Feststellung der Gewerbs- und Gewohn- 
heitsmässigkeit im Verbrechen ist die geschehene 
Unterbringung in einer Arbeits- oder Sicherungsanstalt 
einer verbüssten Freiheitsstrafe gleichzuhalten. 

€. Bedingte Strafanssetzang. 

Die gesetzliche Regelung wird unter Hervorhebung 
folgender Punkte empfohlen: 

1. Die Strafgrenze zur möglichen Gewährung der 
Strafaussetzung soll für Jugendliche ein Jahr, für Er¬ 
wachsene sechs Monate Freiheitsstrafe bilden. 

2. Während der Probezeit ist der Verurteilte regel- 
• mässig einer Schutzaufsicht zu unterwerfen. Auch 

kann das Gericht dem Verurteilten für sein Verhalten 
während der Probezeit bestimmte Weisungen erteilen. 

D. Behandlung der Jagendlichen. 

1. Auf Gefängnisstrafe gegen Jugendliche darf 
nicht unter einem Monat erkannt werden. Haft¬ 
strafe ist ausgeschlossen. 

2. Statt einer Freiheitsstrafe Jugendlicher sowie neben 
einer solchen kann die Ueberweisung zur staatlich 
überwachten Erziehung angeordnet werden. Die 
Ueberweisung zu solcher Erziehung soll insbesondere 
dann erfolgen, wenn die Tat hauptsächlich als Folge 
mangelhafter Erziehung erscheint. Ist anzunehmen, 
dass solche Erziehungsmassregeln nicht genügen, um 
den Täter an ein gesetzmässiges Leben zu gewöhnen, 
so ist lediglich auf Strtife zu erkennen. 

3. Jugendliche .sollen Freiheitsstrafen nur in beson¬ 
deren und ausschliesslich für sie bestimmten An¬ 
stalten oder völlig getrennten Abteilungen verbüssen. 
Dabei sind erstmalig bestrafte Jugendliche von vor¬ 
bestraften Jugendlichen vollständig zu trennen. 

4. Aus Straf- oder Erziehungsanstalten entlassene 
oder trotz Verübung einer Straftat ausserhalb solcher 
Anstalten verbleibende Jugendliche können unter 
S(;hutzaufsicht gestellt werden, wenn es in ihrem 
Interesse liegt. 



383 — 


Zu A bis D betreffs der Schutzaufsicht. 

Die Bestimmungen über die Schutzaufsicht sind durch 
den Bundesrat zu erlassen. 

Die Schutzaufsicht ist auszuüben durch bestellte Für¬ 
sorger (für weibliche durch Fürsorgerinnen), tunlichst 
aus den Schutz vereinen, in Beratung, Bewahrung, Hilfe 
und Unterbringung; der Fürsorger hat auch die Arbeits¬ 
belohnung zu verwalten. 

Die Gewährung öffentlicher Mittel für den 
Jugendschutz ist dringend erwünscht. 



— 384 


Beschlüsse. 

Der Verein der Deutschen Strafanstaltsbeamten be- 
grü«!st im Verfolg seiner Kölner Beschlüsse 
vom Juni 1908 über die Gesamtfragen des Straf¬ 
wesens und der Prophylaxe den Fortgang der 
amtlichen und der frei wissenschaftlichen Arbeiten für Ver¬ 
besserung und Ergänzung der gesetzlichen Mittel hiezu 
und beschliesst über nachstehende Einzelheiten 
für den Entwurf zum deutschen St.G.B. was folgt: 

A. Freiheitsstrafen. 

1. Freiheitsstrafen sind Zuchthaus, Gefängnis und 
Haft. 

2. Die Zuchthausstrafe bat ohne weiteres den Ver¬ 
lust der bürgerlichen Ehrenrechte zur Folge. 
Auf Zuchthaus ist, wo die Wahl zwischen verschiedenen 
Strafarten besteht, zu erkennen, wenn die Tat auf ehr¬ 
loser Gesinnung beruht. Auch soll ein bereits 
mit Zuchthaus Bestrafter, wenn es die Indi¬ 
vidualität erfordert, regelmässig bei neuen Verbrechen 
oder Vergehen wieder mit Zuchthaus bestraft werden. 

Bei Gefängnis darf nicht auf den Verlust der 
bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden, wohl aber 
kann bei Gefängnisstrafen über 6 Monaten auf den 
Verlust oder die Unfähigkeit zur Ausübung 
einzelner der im § 46 VE. aufgeführten Rechte 
auf die Dauer von 1—5 Jahren erkannt werden, wenn 
nach der Art der Tat ein Missbrauch dieser Rechte 
zu besorgen ist. 

Die Gefängnisstrafe soll ausser ihrer jetzigen An¬ 
wendung namentlich für Land Streicher ei, Bettel, 
Arbeitsscheu, Gewerbs-Unzucht eintreten. 

3. Die Strafschärfungen des § 18 des V. E. sind abzulehnen. 

4. Der Mindestbetrag der Zuchthausstrafe ist ein 
Jahr, in den Fällen vorstehender Ziffer 2 Absatz 1 
Satz 3 sowie bei Annahme mildernder Umstände und 



im Falle des Versuchs sechs Monate. Der Mindestbetrag 
der Gefängnisstrafe ist eine Woche, der Höchstbetrag 
für Verbrechen aus nicht ehrloser Gesinnung 15 Jahre. 

5. Die drei Freiheitsstrafen sind in ausschliesslich für eine 
jede Art bestimmten Anstalten zu vollstrecken; wo Ge- 
fängrns- und Hafträume wegen zwingender örtlicher 
Umstände in einer Anstalt vereinigt werden müssen, ist 
mindestens die Sonderung in zwei Abteilungen einzu¬ 
richten. 

Für vermindert Zurechnungsfähige, ferner für ge- 
werbs- und gewohnheitsmässige Uebeltäter sind besondere 
Anstalten oder Abteilutigen einzurichten. 

6 . Hirisichtlich der Vollstreckung von Zuchthaus- und 
Gefängnisstrafen sind scharfe Abgrenzungen durch 
ein besonderes Strafvollzugsgesetz, das gleich¬ 
zeitig mit dem Strafgesetzbuch in Kraft tritt, zu treffen, 
insbesondere bezüglich der Arbeit, des Arbeitszwanges, 
des Arbeitsverdienstes, der Vergünstigungen und der 
vorläufigen Entlassung nach V 4 Strafverbüssung bei 
Zuchthaus, Vs bei Gefängnis, V 2 hei Haft. Die vor-. 
läufige Entlassung soll schon nach H Monaten Strafver¬ 
büssung zulässig und mit Schutzaufsicht verbunden sein. 

7. Richterliche Entscheidungen über Einzelheiten 
des Strafvollzugs im Sinne des § 17 des VE. sind ab¬ 
zulehnen. 

8 . Zu A b s. 2 d e s § 22 V E, wird vorgeschlagen: 

Ohne Zustimmung des Gefangenen darf die Einzel¬ 
haft 3 Jahre nicht übersteigen. Sie hat über diese 
Höchstgrenze hinaus auch ohne Zustimmung des Ge¬ 
fangenen fortzudauern, wenn von dem Gefangenen ein 
schädlicher Einfluss auf Mitgefangene zu be¬ 
sorgen ist, aus hygienischen Gründen oder aus Gründen 
der Sicherheit und Disziplin der Anstalt. Zur Fort¬ 
dauer ist Genehmigung der Aufsichtsbehörde erforderlich. 

B. Sichernde Massnahmen. 

I. Die Dauer der Unterbringung in einem Arbeitshaus 
(§ 42 und § 310 VE.) ist im Höchstb etrag von 10 
Jahren zuzulassen. 

Für Personen, welche nicht arbeitsfähig 
oder nachträglich arbeitsunfähig werden, soll zwangs¬ 
weise sonstige Verwahrung an Stelle derjenigen im 
Arbeitshause treten ^ 



2. Gewerbs- und gewohnheitsraässige Ver¬ 
brecher (§89 VE.) sollen mindestens auf 5 Jahre 
und können, falls eine zweite Verurteilung auf Grund 
dieser Bestimmung erfolgt, bis auf Lebenszeit in be¬ 
sonderen Anstalten zwangsweise verwahrt werden, so¬ 
weit die Strafe selbst nicht diese Zeit erfüllt. 

3. Als Vorstrafen beim Rückfall (§ 88 VE) sind aus¬ 
ländische wie inländische zu berücksichtigen. 

Bei Feststellung der Gewerbs- und Gewohn- 
heitsmässigkeit im Verbrechen ist die geschehene 
Unterbringung in einer Arbeite- oder Sicherungsanstalt 
einer verbtissten Freiheitsstrafe gleichzuhalten. 

0. Bedingte Strafaussetzung. 

Die gesetzliche Regelung wird unter Hervorhebung 

folgender Punkte empfohlen: 

1. Die Strafgrenze zur möglichen Gewährung der 
Strafaussetzung soll sechs Monate der Freiheitsstrafe 
bilden. 

2. Es ist wünschenswert, dass der Verurteilte, insbesondere 
der Jugendliche während der Probezeit in geeigneten 
Fällen einer Schutzaufsicht unterworfen wird. Auch 
kann das Gericht dem Verurteilten für sein Verhalten 
während der Probezeit bestimmte Weisungen erteilen. 

D. Behandlung der Jugendlichen. 

1. Auf Gefängnisstrafe gegen Jugendliche darf primär 
nicht unter einem Monat erkannt werden. Haft¬ 
strafe ist ausgeschlossen. 

2. Statt einer Freiheitsstrafe Jugendlicher sowie neben 
einer solchen kann die Ueberweisung zur staatlich 
überwachten Erziehung angeordnet werden. Die 
Ueberweisung zu solcher Erziehung soll insbesondere 
dann erfolgen, wenn die Tat hauptsächlich als Folge 
mangelhafter Erziehung erscheint. Ist anzunehmen, dass 
solche Erziehungsmassregeln nicht genügen, um den Täter 
an ein gesetzmässiges Leben zu gewöhnen, so ist ledig¬ 
lich auf Strafe zu erkennen. 

3. Jugendliche sollen Freiheitsstrafen nur in besonderen 

und ausschliesslich für sie bestimmten Anstalten j 
oder völlig getrennten Abteilungen verbüssen. Dabei 
sind erstmalig bestrafte Jugendliche von vorbestraften 
Jugendlichen vollständig zu trennen. 1 



387 


4. Aus Straf- oder Erziehungsanstalten entlassene oder 
trotz Verübung einer Straftat ausserhalb solcher An¬ 
stalten verbleibende Jugendliche können unter Schutz¬ 
aufsicht gestellt werden, wenn es in ihrem Interesse 
liegt. 


Zu A bis D betreffs der Schutzaufsicht. 

Die Bestimmungen über die Schutzaufsicht sind durch 
den Bundesrat zu erlassen. 

Die Schutzaufsicht ist auszuöben durch bestellte 
Fürsorger (für weibliche durch Fürsorgerinnen), tunlicthst 
aus den Schutzvereinön, in Beratung, Bewahrung, Hilfe 
und Unterbringung; der Fürsorger hat auch die Arbeits¬ 
belohnung zu verwalten. 

Die Gewährung öffentlicher Mittel für den 
Jugendschutz ist dringend erwünscht. 



— 388 


Sitzungsbericht 


1. Tag, Mittwoch, 7. Juni 1911, vormittags Uhr. 

Vorsitzender des Vereinsausschnsses: Direktor 
Schwandner: 

Hochverehrte Versammlung! Meine verehrten Damen 
und Herren! Indem ich die sechzehnte Mitgliederversamm¬ 
lung unseres Vereins der Deutschen Strafanstaltsbeamten 
eröffne, heisse ich Sie herzlich willkommen und danke 
Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen. 

Ich kann Ihnen zu Beginn der Verhandlungen die 
erfreuliche Mitteilung ma(*hen, dass es dem Ausschuss ge¬ 
lungen ist, in der Person Seiner Excellenz des Herrn 
Wirklichen Geheimen Rats Professor Dr. v. Jagemann 
einen Vorsitzenden für unsere Versammlungen zu gewinnen. 
(Bravo). Wir sind Excellenz ausserordentlich dankbar, 
dass Sie sich der grossen Mühe dieser Aufgabe zu unter¬ 
ziehen geneigt sind. Die fortitudo in re Seiner Exzellenz 
und die suavitas in modo ist uns von der Kölner Versamm¬ 
lung her noch so lebhaft in Erinnerung, dass ich Ihrer 
aller Zustimmung sicher bin, wenn ich Seine Exzellenz 
nun bitte, den Vorsitz in unserer Versammlung zu über¬ 
nehmen. (Bravo!) 

Vorsitzender Exzellenz Dr. v. Jagemann: 

Hochgeehrte Versammlung! Ich bin durch das Ver¬ 
trauen, das Sie mir wiederholt schenken, hocherfreut und 
bitte Sie um Ihre gütige Unterstützung bei der Erledigung 
des nicht unschwierigen Programms dieser Tagung. 

Gewohnt, sofort in die Sache selbst einzugehen, wende 
ich mich den nächsten Obliegenheiten zu, die mir das 
Statut zuweist. Meine erste Aufgabe ist, die Vizepräsidenten 
zu berufen. Ich bitte den Herrn Wirklichen Geheimen 
Oberregierungsrat Dr. Kr ohne, vertragenden Rat im 
Kgl. Preussischen Ministerium des Innern, und den Herrn 
Generalstaatsanwalt Geheimen Rat Dr. Preetorius, welcher 
von der nachbarlichen Hessischen Regierung entsandt ist. 



als Vizepräsidenten sich zu mir zu gesellen und mir die 
Ehre ihrer Kollegialität zu erweisen. 

Als Schriftführer erbitte ich mir wie das letztemal in 
der Kölner Tagung Herrn Strafanstalts-Direktor Clement 
und Herrn Strafanstaltspfarrer Djr. Jacobs. 

Sodann habe ich mitzuteilen, dass uns die Ehre einer 
vielseitigen Beschickung von Regierungen, von der Stadt 
Mannheim, von der juristischen Fakultät in Heidelberg und 
verschiedenen Vereinen zuteil geworden ist. 

Als Regierungs Vertreter sind, in alphabetischer Ord¬ 
nung der Länder, angemeldet: 

von Baden seitens des Justizministeriums Herr Staats¬ 
rat Ministerialdirektor Dr. Hübsch, welcher jedoch beute 
noch nicht anwesend sein konnte, und Herr Ministerialrat 
Dr. V. Engelberg, Karlsruhe;, für das Gr. Ministerium 
des Innern Herr Geh. Regierungsrat Dr. Becker, Mannheim; 

von der Kgl. Bayrischen Regierung für das Kgl. 
Staatsministerium der Justiz: Herr Staatsanwalt Dr. Müller 
im Kgl. Bayrischen Staatsminisrerium der Justiz; 

von Braunschweig: Herr Oberstaatsanwalt Holland; 
von Elsass-Lothringen aus dem Ministerium, 
Abteilung für Justiz und Kultus: Herr Geheimer Regierungs¬ 
rat Dr. Schwalb; 

von Hamburg: Herr Strafanstaltsdirektor Dr. Genn at; 
von Hessen: Herr Geheime Rat Dr. Preetorius, 
Generalstaatsanwalt in Darmstadt; 

von Luxemburg: der Präsident der Verwaltungs¬ 
kommission der Gr. Strafanstalten Dr. A. Ulveling; 

von Oesterreich vom K. K. Justizministerium: 
Herr Ministerialrat Dr. Schober, und vom Landes¬ 
ausschuss des Erzherzogtums Oesterreich unter der Ens : 
Herr Landesrat Dr. Franz H u e b e r; 

von Preussen vom Kgl. Ministerium des Innern; 
Herr Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Dr. Krohne, 
vom Kgl. Ministerium der Justiz: Herr Geheimer Ober¬ 
justizrat Plaschke, als Vertreter des Justiz-Ressorts 
ferner die Herren Oberstaatsanwalt Geheimer Oberjustizrat 
Dr. H u p e r t s, Frankfurt a. M., Oberstaatsanwalt Geheimer 
Oberjiistizrat v. Prittwitz und Gaffron, Naumburg 
und Oberstaatsanwalt am Kamrnergericht Wirklicher Ge¬ 
heimer Oberjustizrat Supper; 

vom Königreich S.ochsen vom Kgl. Ministerium des 
Innern: Herr Ministerf.^idirektor Geheimer Rat Heink, 



vom Kgl. Ministerium der Justiz: Herr Geheimer Justizrat 
Dr. Kunz; 

von der Schweiz vom Justiz - Departement: der 
Bundesanwalt Dr. 0. Kronauer; 

von Württemberg vom Kgl. Justizministerium: 
Herr Ministerialrat Röcker, vertragender Rat. 

Sodann sind als Vertreter der Stadt Mannheim 
Herr Oberbürgermeister Martin und für die juristische 
FakultätHeidelberg Herr Geheimer Hofrat Professor 
Dr. V. Liliental, anwesend. 

An Vereinen haben sich mit besonderer Delegierung 
angemeldet: der Zentralvorstand des Schweizerischen 
Vereins für Straf-, Gefängniswesen und Schutzaufsicht, 
vertreten durch Herrn Strafanstaltsdirektor Wiedmer, 
der Verband Deutscher Schutzvereine für entlassene Ge¬ 
fangene, vertreten durch Herrn Geheimen Oberregiernngs- 
rat Dr, Reichardt, der Verein der Verwaltungsbeamten 
der Oesterreichischen Strafanstalten und Gericbtshofgefäng- 
nisse, vertreten durch Herrn Oberdirektor Marcovich, 
der Württembergische Verein zur Fürsorge für entlassene 
Strafgefangene, vertreten durch Herrn Oberamtsrichter 
Schoffer, und die Rheinisch - Westfälische Gefängnis¬ 
gesellschaft, vertreten durch Herrn Pastor Just. 

Ich bitte die sämtlichen Herren, die in dieser Weise 
delegiert sind, die Sitze der Ehrengäste hier rechts und 
links des Präsidiums einzunehmen, soweit sie nicht etwa 
aus persönlichen Gründen als Mitglieder des Vereins der 
Abstimmung halber es vorziehen, auf den Sitzen der Vereins¬ 
mitglieder zu bleiben. 

Es ist nunmehr meine Obliegenheit nach § 17 der 
Statuten, die Tagesordnung definitiv zu bestimmen. Ich 
bitte, dass zuerst die uns zugedachten Begrüssungen er¬ 
folgen, hierauf die Erstattung des Rechenschaftsberichts 
und Auflegung der Rechnung und sodann die Behandlung 
der Fragen, welche in den Ausschussthesen, die inzwischen 
verteilt sind, unter A und B bezeichnet sind. Das soll 
unser heutiges Programm sein. Eine Frühstückspause, itn 
strengeren Sinne gesagt, können wir vielleicht umgehen, 
da ein Büffet hier in dem Nebenraum eingerichtet werden 
bitte nun zuerst den Herrn Vertreter der Grossh. 
Badischen Landesregierung, das Wort zu nehmen. 



391 


Ministerialrat Dr. v. Engelberg, Karlsruhe: 

Sehr verehrte Exzellenz! Hochansehnliche Versamm¬ 
lung: Seine Exzellenz der Herr Staatsminister Freiherr 
V. Dusch ist zu seinem aufrichtigsten und tiefsten Bedauern 
durch eine Unpässlichkeit verhindert, wie beabsichtigt an 
der heutigen Tagung teilzunehmen und Ihnen die Orüsse 
der Badischen Reirierung zu tiberbringen. Seine Exzellenz 
hat dies umso lebhafter bedauert, als die Beziehungen 
zwischen der Grossh. Badischen Regierung und dem Verein 
von jeher die engsten und festgekntipfesten waren. Ist es 
doch in Bruchsal gewesen, wo der Gedanke an die Grtinduhg 
des Vereins seinerzeit aufgeblitzt ist. War es doch Bruchsal, 
wo die erste Versammlung des Vereins getagt hat und 
sogleich mit frischem Wagemut der Beschluss gefasst wurde, 
die engen Grenzen, die ursprtinglich gezogen waren, auf 
gatiz Deutschland auszudehnen, und war es schliesslich 
doch ein Badener, der die ersten Jahre die Leitung des 
Vereins tibernommen hat: Strafanstaltsdirektor Eckert 
in Freiburg, der mit sicherer Hand aus dem Nichts die 
machtgebietende Gruppierung der Deutschen Strafanstalts¬ 
beamten, wie sie heute vor uns steht, geschaffen hat. 

Während all dieser Zeiten des Anfangs und auch 
später, als die Leitung des Vereins nochmals nach Baden 
zurtickgekommen ist, fand der Verein in Baden ein warmes 
Nest, in dem er sich unbeirrt entfalten und entwickeln 
konnte. Wenn Sie die Blätter ftir Gofängniskunde durch- n 
sehen, so stossen Sie allerorts auf Allerhöchste Gnaden- 
und Huldbeweise, welche Ihnen zeigen, dass sowohl unser 
in Gott ruhender Grossherzog Friedrich I., als auch unser 
jetzt regierender Fürst dem Verein immer die wärmste 
Anteilnahme hat zukommen lassen. Ein Beweis hierfür 
ist uns auch heute wieder geworden, denn Seine Exzellenz 
der Herr Staatsminister haben geruht, mir folgendes Tele¬ 
gramm mitzuteilen: 

„Seine Königliche Hoheit der Grossherzog hat 
mich gnädigst beauftragt (die Anwesenden erheben 
sich), in Seinem Namen den Verein Deutscher Straf¬ 
anstaltsbeamten in Mannheim willkommen zu heissen 
und Ihren Verhandlungen reichen Erfolg zu wünschen. 
Diesen ehrenvollen Auftrag muss i(;h auf diesem Wege 
vollziehen, da ich zu meinem lebhaften Bedauern 
durch Unwohlsein am persönlichen Erscheinen ver¬ 
hindert bin. 



392 — 


Ich bitte Sie daher, meine herzlichsten Wünsche 
für eine schöne und erfolgreiche Tagung entgegen¬ 
zunehmen. 

Staatsminister v. Dusch.“ 
(Bravo!) 

Meine Herren! Diese Wünsche Seiner Exzellenz 
dürfen wir, glaube ich, jetzt schon beinahe als in Erfüllung 
gegangen betrachten; denn wenn ich auf die zahlreiche 
Versammlung hinblicke, und wenn ich erwäge, wie viele 
auswärtige und inländige Staaten den Verein mit Vertretern 
beehrt haben, und wenn ich insbesondere einen Blick 
darauf werfe, welche hervorragenden Persönlichkeiten von 
all diesen Stellen, von der Universität Heidelberg, von den 
Schwester vereinen und Brud('rvereinen hierher geschickt 
worden sind, um in sachlicher Beratung an unseren Arbeiten 
teilzunehmen, dann glaube ich, mich der frohen Hoffnung 
hingeben zu können, dass diese Versammlung wiederum 
ein Blatt im Ruhmeskranze des Vereins Deutscher Straf- 
anstaltsbeamten bilden wird und dass die Beschlüsse von 
Mannheim gleich den anderen segen-, kraftspendend ihre 
Wirkung ausüben werden zum Wohle des Vaterlandes 
und zum Wohle unseres Volkes. (Bravo!) 

Vorsitzender Exzellenz Dr. v. Jagemann: 

Dem Herrn Vorredner bestens dankend, darf ich 
namens der Versammlung aussprechen, dass wir von der 
ausserordentlichen Ehrung und Gnade, die Seine Königliche 
Hoheit der Grosserzog, der Landesherr selbst, uns erwiesen 
hat, tief bewegt sind. Ic h schlage deshalb vor, an Seine 
Exzellenz den Herrn Staatsminister Freiherrn v. Dusch 
unter dem Ausdruck unseres Bedauerns, dass er am per¬ 
sönlichen Erscheinen verhindert ist, und unter gehorsamstem 
Dank für seine eigenen guten Wünsche die Bitte gelangen 
zu lassen, Seiner Königlichen Hoheit unsere tiefstempfuhdene 
Dankbarkeit für die uns auszeichnenden Worte unter¬ 
breiten zu wollen, welche der Herr Staatsminister uns 
übermittelt hat. (Bravo!) ^ 

Namens der anderen reichsdeutschen Regierungen 
wird Herr Wirkl. Geh. Oberregierungsrat Dr. Krohne 
die Güte haben, die Begrüssung vorzunehmen. 



393 


Wirkl. Geheimer Oberregierungsrat Dr. Krohne, 
Berlin: 

Meine Herren! Es ist mir von meinen Herren Kol¬ 
legen der ehrenvolle Auftrag geworden, die Versammlung 
im Namen der Verbündeten Regierungen, welche hier ver¬ 
treten sind, zu begrüssen. 

47 Jahre zählt heute, glaube ich, unser Verein an 
Alter. Während all der 47 Jahre hindurch haben die Re¬ 
gierungen der deutschen Staaten dem Verein stets ihr 
Interesse und ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Die Ver¬ 
handlungen des Vereins sind auf unser geltendes Straf¬ 
gesetzbuch nicht ohne Einfluss gewesen, sie sind nicht 
ohne Einfluss gewesen auf die Gestaltung des Strafvoll¬ 
zugs in ganz Deutschland, ja, ich kann wohl sagen: weit 
über die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes hinaus. 
Der Name „Verein der Deutschen Strafanstaltsbeamten“ 
hat einen guten Klang auch ausserhalb unseres Vaterlandes, 
und wenn er den hat, so ist das ganz sicher mit darauf 
zurückzuführen, dass eben die Regierungen der einzelnen 
Staaten dem Verein stets nicht bloss ihr Wohlwollen und 
ihr Interesse, sondern auch ihre schützende Hand gereicht 
haben. 

Gestatten Sie, meine Herren, in diese Begrüssung 
eine persönliche Note einzufügen. Ich glaube, ich bin 
wohl der letzte meines Standes, der an der Gründung des 
Vereins nicht gerade beteiligt gewesen ist, aber ihm vom 
ersten Jahre ab angehört hat. Bis auf eine einzige Ver¬ 
sammlung, die in München stattfand, wo ich ferngehalten 
war in Feindes Land, habe ich alle Versammlungen mit- 
geraacht und ich kann bezeugen, dass auf allen Versamm¬ 
lungen die Vertreter der Regierungen dem Verein und 
seinen Verhandlungen stets das wärmste Interesse und das 
wärmste Wohlwollen entgegengebracht haben. Dafür sind 
wir dankbar. 

Meine Herren! Unsere heutige Versammlung steht in 
einem ganz besonders wichtigen Zeitabschnitt. Wir sind 
berufen, unser Urteil abzugeben über die Vorschläge, 
welche augenblicklich für die Neugestaltung unseres Straf¬ 
rechts, unseres Strafvollzugs, überhaupt unserer gesamten 
Strafrechtspflege gemacht werden. Die Verbündeten Re¬ 
gierungen, glaube ich, annehmen zu können — 
spreche da im Namen meiner Herren Kollegen sehen 
auf die heutige Versammlung mit ganz besonderer Auf- 

Blitter für Gefängniskunde. XLV. 4 



394 


merksrtmkeit. Sie wollen von den Männern der Praxis 
etwas hören über das, was theoretisch durchgearbeitet ist 
und nun in die Praxis übergeführt werden soll. Ich 
glaube, annehnien zu dürfen, dass die Verbündeten Re¬ 
gierungen sich nicht täuschen werden in dem Vertrauen, 
w'elches sie in diese Versammlung setzen. 

Und so hoffe ich, dass Ihre Verhandlungen heute 
zum Segen gereichen werden für das grosse Werk, welches 
wir angefangen haben. Ob es in nächster Zeit beendet 
wird, wer von uns es erleben. wird, steht dahin. Aber 
was heute geredet, was heute beschlossen wird, das muss 
— und das ist die Zuversicht der Regierungen — von 
grossem Wert für die weitere Ausgestaltung unserer Straf¬ 
rechtspflege werden. 

Und so begrüsse ich Sie und will wünschen, dass 
alles, was Sie heute reden und was Sie beschliessen, für 
die Verbündeten Regierungen auch ein Wegweiser sein 
mag auf dem schwierigen und dornenvollen Wege, welchen 
ja die Schaffung eines neuen Strafrechts und eii»er neuen 
Strafrechtspflege vor allen Dingen für die Regierungen 
mit sich bringt. Ich bin überzeugt, dass die Regierungen 
in ihrem Vertrauen nicht getäuscht Werden. Mögen Ihre 
Verhandlungen von Segen begleitet sein. (Bravo!). 


Ministerialrat Dr. Schober, Wien: 


Meine sehr verehrten Herren ! Mein Chef, der Oester- 
reichische Minister der Justiz, hat mir die ehrenvolle Auf¬ 
gabe übertragen, Sie, meine verehrten Herren, in seinem 
Namen auf das herzlichste zu grüssen und Sie zu den 
grossen Erfolgen zu beglückwünschen, die Ihr Verein in 
einer halbhundertjährigen Tätigkeit errungen hat. 

Die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Ver¬ 
hältnisse sind in weiten Gebieten Oesterreichs dieselben 
wie itn deutschen Reich oder wenigstens diesen nahe ver¬ 
wandt. Die Erscheinungen im deutschen Rechtsleben sind 
daher auch für uns immer von der allergrössten Bedeutung. 


Gegenwärtig stehen die Fragen des Strafrechts in 
erster Linie; beide Reiche suchen ihr Strafgesetz zu er¬ 
neuern. Der deutsche und der österreichische Entwurf, 
die b(‘inahe zu gleicher Zeit erschienen sind, zeigen viele 
verwMiidte Züge; beide stehen im Zeichen eines Ausgleiches 
Gl i-iehrmeinungen, beide suchen das Schuldprinzip zu 
vertleien, die Individualisierung zu fördern und eine ganze 



— 395 


Reihe von kriminalpolitischen Forderungen der Gegenwart 
zu erfüllen. 

In einer allerdings wichtigen Frage besteht ein grund-{ 
sätzliclier Unterschied: während der deutsche Entwurf der 
Macht des Richters einen ungemein weiten Spielraum er¬ 
öffnet, ist der österreichische Entwurf zurücklialtender, 
nicht deshalb, weil er die Pflichttreue und das Können der 
Richter bezweifelt, sondern aus dem Grunde, weil er be¬ 
sorgt, dass dieGleichmässigkeit der Anwendung des Rechtes 
verloren gehen könne. Ich glaube, dass die Frage, welcher 
Weg der richtigere ist, auch bei den Gegenständen, die 
zur Beratung stehen, von Wichtigkeit sein wird. 

Noch eine zweite Frage möchte ich berühren. Die 
österreichischen Entwürfe haben den Versuch unternommen, 
die neuen Einrichtungen des Strafgesetzes auch im Proz« ss- 
rechte durchzuführen und den Vollzug der Untersuchungs¬ 
haft, der Strafen und Sicherungsmittel durch Gesetz zu 
regeln. Hier ergeben sich ganz unmittelbare Berührungs¬ 
punkte mit den Beschlüssen, die ihre Versammlung in 
Köln vor drei Jahren gefasst hat. Sie haben sich für die 
einheitliche Lösung aller Probleme im Strafgesetze, im 
Prozesse und im Vollzüge ausgesprochen und die vor¬ 
nehmsten Gesichtspunkte aufgestellt. Unsere Entwürfe 
haben diesen Gedanken aufgeivommen und ihr Programm 
in den wesentlichen Grundzügen und in vielen Einzelheiten 
ausgeführt. 

Ich kann daher um so leichter die Versicherung geben, 
dass wir die Ergebnisse ihrer Beratung auf das sorgfältigste 
prüfen, erwägen und würdigen werden. Ich wünsche 
ihren Beratungen bleibenden, dauernden Erfolg. Ich wünsche, 
dass Sie die Spuren ihrer Tätigkeit, die Früchte ihrer Ar¬ 
beit in den Gesetzen wiederfinden, die im Werden und 
Entstehen begriffen sind. (Bravo !) 

Präsident der Verwaltung'komuiission der Grossli. 
Strafanstalten, Dr. A. Uiveling, Luxemburg: 

Hochansehnliche Versammlung! Es ist das zweite¬ 
mal, dass der Verein der deutschen Strafanstaltsbeamten 
die Luxemburgische Regierung mit einer hochgeschätzten 
Einladung zu seiner Versammlung beehrt hat. Dieses freund¬ 
nachbarliche Entgegenkommen schätzen wir destomehr, 
weil es vom Stärkeren zum Schwächeren stattfindet. 

Meine Herren! Es ist jetzt ein ganzes Jahrhundert 
verflossen, seitdem wir mit der linksrheinischen Bevölkerung 

4 * 



— n9G — 

das französische Strafgesetzbuch von 1810 bekommen haben. 
Angehaucht von den grossen Gleichheitsideen der gedenk¬ 
reichen Revolution, bildet dieses Strafgesetzbuch gewisser- 
massen einen Grenzstein für verschwundene Zeiten und 
veraltete Strafjustizpläne. Aber es konnte doch unmöglich 
der sozialpolitischen Umwälzung gegen Ende des letzten 
Jahrhunderts Halt gebieten. 

Meine Herren! Deutschland ist jetzt im Begriff, sein 
Strafgesetzbuch äu ändern. Heute werden die Gesetze 
nicht mehr ausschliesslich von den Parlamenten gemacht. 
Die Volksstimme, welche in der Presse ihren Ausdruck 
findet, und wissenschaftliche Versammlungen wie diese 
hohe Versammlung haben auch ein Wort mitzureden. Wie 
fruchtbringend diese Mitwirkung an dem Entwurf des neuen 
Strafgesetzbuches für Deutschland sein muss, beweisen zur 
Genüge schon die zwei Hauptnummern unserer Tages¬ 
ordnung, ich meine den Jugendschutz und die Behandlung 
der Rückfälligen. Jugendfürsorge, meine Herren, ist heute 
das Losungswort nicht allein des Kriminalisten und des 
Philanthropen sondern, ich möcht,e sagen: jedes recht¬ 
denkenden Menschen. Wer ein neues Strafgesetzbuch 
machen will, muss mit der Jugend anfangen. Obenan, im 
ersten Kapitel muss geschrieben stehen: die Jugend ver¬ 
dient eher Schutz als Strafe, und neben dem Arm der 
Gerechtigkeit, welcher den Schuldigen erfasst, muss sich 
zugleich die Hand bieten, um den Jugendlichen wieder an 
der Rampe emporzubegleiten. Hingegen sollen alle jene 
Rüc^kfälligen, alle jene gewohnheitsmässigen Verbrecher, 
die^ce Halb verrückten, wie Enrico Ferri sie nennt, kalt 
gestellt werden, wenn es einmal feststeht, dass an ihnen 
Hopfen und Malz verloren ist. Warum einen Menschen 
immer wieder aufs Neue auf die Gesellschaft loslassen, wenn 
er unbedingt ausserhalb dieser Gesellscjhaft leben will! 

Wenn nun diese beiden Aufgaben schon in so hohem 
Masse unser Interesse erwecken, wie aufklärend und er¬ 
mutigend muss es für einen Laien sein, diese Aufgaben 
von einer Versammlung solch pflichttreuer und zuständiger 
Vertreter der deutschen Strafanstalten behandeln zu sehen! 

Im Namen des Grossh. Staatsministeriums drücke ich 
Ihnen allen, meine Herren, meinen verbindlichsten Dank 
aus (Bravo). 



397 


Bundesani^alt Dr. 0, Kronauer, Bern: 

Hochgeehrter Herr Präsident! Hochgeehrte Versamm¬ 
lung! Namens der anwesenden Schweizer, zum Teil Ver¬ 
treter der Eidgenossenschaft, zum Teil Vertreter einzelner 
Kantone, verdanke ich in erster Linie die freundliche Ein¬ 
ladung, die Sie an uns haben ergehen lassen. 

Wenn sowohl der schweizerische Bundesrat, als einzelne 
Kantonsregierungen ihre Beamten abgeordnet haben, an 
Ihrer heutigen Verhandlung teilzunehmen, so geschieht 
dies deswegen, weil die schweizerischen Behörden und die 
deutschen gemeinsame Interessen verfolgen und gemein¬ 
same Ziele haben, ^ Es ist kein Zufall, dass in der gleichen 
Zeitperiode sowohl das Deutsche Reich, als Oesterreich, 
als auch die Schweiz daran gegangen sind, ihre Strafge¬ 
setze zu revidieren. Sie haben ein verhältnismässig 
neues Strafgesetz, Oesterreich hat das ältere josefinische 
Strafgesetz, und wir in der Schweiz haben die Hunt- 
scheckigkeit der kantonalen Rechte. In unseren 24 Kantonen 
haben wir Rechte, die aus deutsc hem, die aus französischem,' 
die aus italienischem Boden hervorgegangen sind. Zwei 
unserer Kantone haben überhaupt noch kein geschriebenes 
Strafrecht, und da handelt es sich um die so schwierige 
Frage, nun auch im Strafrecht, wie es, wie wir glauben, 
sagen zu dürfen, mit grossem Erfolge bezüglich des Zivil¬ 
rechts geschehen ist, für die ganze Schweiz einen gemein¬ 
samen Boden in einem unifizierten Recht zu finden. 

Dazu haben wir alle Anstrengungen nötig, dazu 
haben wir auch alle Unterstützung nötig, und nachdem, 
wir mit grosser Freude gesehen haben, dass sowohl im 
deutschen Reich, als in Oesterreich, unsere Vorentwürfe 
zum Schweizer Strafrecht, die bereits existieren, eine 
günstige Beurteilung gefunden haben, so können wir Sie 
nur versichern, dass wir auch Ihre Bestrebungen, wie sie 
bereits jetzt im Entwurf zu einem revidierten Reichsstraf¬ 
gesetzbuch ihren Ausdruck gefunden haben, mit grossem 
Interesse verfolgen und gern alles das, was für uns passt, 
dann auch berücksichtigen werden. Selbstverständlich 
wird jedes Land das Bodenständige für sich behalten 
müssen. Es werden einzelne Unterschiede immer bleiben, 
aber eine gemeinsame Arbeit der Verbesserung des Straf¬ 
rechts ist sozusagen in allen zivilisierten Staaten im Gange, 
auch in au.ssereuropäischen, und da werden diese zivili¬ 
sierten Völker auch den gemeinsamen Boden finden und 
bearbeiten, soweit das nötig und richtig ist. 



— 398 


Das Gleiche gilt für den Strafvollzug. Auch hier 
Bestrebungen, zum Teil hervorgehend aus der Revision 
des Strafrechts, aus den neuen Bedürfnissen der modernen 
Welt, die sich überall in gleicher Weise zeigen. 

Wir Schweizer haben hier die Ehre, vor den be¬ 
rufensten Vertretern der deutschen Gefängniswissenschaft 
und Gefängnispraxis zu sein, und wir werden gern mit 
nach Hause nehmen, was Sie uns an Verbesserungen auch 
unserer Zustände bieten. Wir verdanken Ihnen die Ein¬ 
ladung zu dieser Versammlung, auch die Einladung, dass 
wir einige Musteranstalten des badischen Landes im Ge¬ 
fängniswesen in Augenschein nehmen können. 

Ich schliesse diese kurzen Bemerkungen mit dem 
Wunsche, dass für die Mitglieder des deutschen Vereins 
und für die Gäste die heutige Tagung von Erfolg und für 
ihre Staaten auch von gutem Einfluss sein möge (Bravo.) 

Oberbürgermeister Martin, Mannheim: 

Hochverehrte Anwesende! Namens der Stadt Mannheim 
entbiete ich der 16. Versammlung des Vereins Deutscher 
Strufanstaltsbeamten herzlichen Willkommengruss. 

Eine relativ so selten von Kongressen heimgesuchte 
Stadt wie unser leider immer noch grösstenteils von uns ' 
Einheimischen wertgeschätztes Mannheim (Heiterkeit) freut J 
sich natürlich doppelt und dreifach über jede derartige | 
Veranstaltung, die sie gastlich begrüssen darf. Um wieviel ‘ 
grösser erst muss ihre Dankbarkeit und ihre Freude sein, 
wenn sie von einer so erlesenen, hochbedeutsamen Zu- i 
sammenkunft wie der Ihrigen nicht etwa nur zum Aus- | 
flugspunkt von dem benachbarten, meistbegünstigten ; 
Heidelberg aus, sondern geradezu zum Hauptsitz der 
wichtigsten Verhandlungen auserwählt wird! 

Diesen Verhandlungen bringt auch die Stadtverwaltung 
Mannhidm lebhaftes Interesse entgegen. Haben wir Stadt- 
verwaltungsmenschen ja auch mit dem Gefängniswesen 
direkt nichts zu tun — sogar den idyllischen Ortsarrest 
hat man uns nicht einmal gelassen (Heiterkeit) —, so muss 
doch auch gerade für uns und unser Geschäft, wenn wir 
es richtig betreiben wollen, mehr vielleicht als für manches 
andere das alte Wort gelten: nihil humani a me alienum 
puto Wo aber w^äre menschlicheres zu erleben, zu er- 
üis( hen, zu verstehen, zu verzeihen, zu lindern und zu 
es'ei'n als auf Ihrem Spezialgebiete, auf dem weiten Felde 
des Strafvollzugs! 


. J 



399 — 


Und so folgen denn auch wir mit ernstem Bemühen 
jahraus, jahrein, in Tages- und Fachpresse der Erörterung 
und Behandlung dieser wichtigen, in unser ganzes Volks¬ 
tum so überaus tief einschneidenden Fragen, und mit auf¬ 
richtiger Befriedigung erkennen wir die gewaltigen Fort¬ 
schritte, die gemacht worden sind und von Jahr zu Jahr 
noch neu gemacht werden, dank nicht zuletzt dem emsigen, 
intensiven, stets opferbereiten Bemülien und der Reforra- 
iirbeit Ihres hochgeschätzten Vereins, dessen im praktischen 
Leben stehende Mitglieder, wie sich aus ihren Worten, 
Taten und Erfolgen deutlich ergibt, bei ihrem schwierigen 
Amte stets und vor allem bemüht sind, das summum ius 
durch Mischung und Durchdringung mit schöner Milde 
und echter Humanität niemals zur summa iniuria werden 
zu lassen. 

Ernste Arbeit, hochbedeutsame Tagesordnungspunkte, 
nicht graue Theorien über weltfremde Themata enthält 
sonach auch Ihr diesjähriges Arbeitsprogramm. 

. Lediglich und ausschliesslich Männer der Praxis sollen 
und wollen sich äussern und Stellung nehmen zu den 
wichtigsten Fragen im Vorentwurf eines neuen deutschen 
Strafgesetzbuchs. Mögen diese dankenswerten Bemühungen 
von bestem Erfolg begleitet sein; mögen Sie insbesondere 
auch aufmerksamstes Gehör für Ihre Anträge bei den 
Regierungen und bei den gesetzgebenden Körperschaften 
fiuden. Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. 

Aber unbeschadet Ihrer überaus wichtigen Verhand¬ 
lungsgegenstände wünsche ich Ihnen doch andererseits 
auch, dass nicht Ihr ganzer hiesiger Aufenthalt durch Ihre 
Beratungen in Anspruch genommen sein möge, sondern, 
dass Ihnen doch wenigstens soviel freie Zeit übrig bleiben 
möchte, um sich ein klein wenig in Mannheim umsehen 
und mit eigenen Augen davon überzeugen zu können, ob 
unsere Stadt die Verschollenheitserklärung, die jahrzehnte¬ 
lange Bescheidenheit ihrer Bevölkerung und allerlei gute 
Freunde über sie verhängt haben (Heiterkeit), in Wirk¬ 
lichkeit verdient. Was die Stadtverwaltung dazu tun kann, 
Ihren Aufenthalt in Mannheim und Ihre Erinnerung an 
unsere Stadt so angenehm wie möglich zu machen, das 
wird mit grosser Freude geschehen. Nochmals herzlich 
Willkommen in Mannheim! (Bravo.) 



400 


Geheimer Hofrat Professor Dr. v. Liliental, Dekan 
der juiistisclien Fakultät Heidelberg: 

Hochansehnliche Versammlung! Ich habe die Ehre, 
im Namen der juristischen Fakultät Ihnen die herzlichsten 
Grüsse auszusprechen. Dass gerade mir dieser ehrenvolle 
Auftrag geworden ist, hat mir eine persönliche grosse 
Freude bereitet, denn niemand weiss es besser als der Ver¬ 
treter des Strafrechts an einer Universität, wie ausser¬ 
ordentlich dankbar die Wissenschaft für die Leistungen des 
Vereins der deutschen Strafanstaltsbeamten sein muss. 

Mit Recht ist hier schon hervorgehoben worden, dass 
seit dem nun beinahe 50jährigen Bestehen des Vereins sich 
kaum eine Reform auf dem Gebiete des Strafrechts und 
des Strafvollzugs vollzogen hat, für die nicht die Vor¬ 
bereitungen in den Kreisen der deutschen Strafanstalts¬ 
beamten geschehen sind. Die schönsten Theorien, die 
bestgemeinten Urteile bleiben ja leere Worte, wenn nicht 
hinter ihnen die Tat steht, die Tat, die repräsentiert wird 
durch Vertreter des Strafvollzugs und durch den Strafvollzug 
selbst. 

Und wie nun die Theorie nicht auskommen könnte 
ohne den steten Hinblick auf den Strafvollzug, auf die 
Praxis, so würde ja auch die Praxis ihre Aufgabe nicht 
ganz erfüllen können, wenn sie nicht gelegentlich die An¬ 
regungen von der Theorie empfinge. Gewiss, es ist richtig: 
leicht bei einander wohnen die Gedanken, und ebenso ist 
es richtig, dass die schönsten Gedanken erst zu wahrem 
Leben gelangen, wenn sie die Feuerprobe der Praxis 
bestehen. 

Nun sind Ihre Verhandlungen stets ein rechter Prüf¬ 
stein gewesen. Wer die Geschichte des Vereins der deutschen 
Strafanstaltsbeamten kennt, der weiss, wie wahr es ist, dass 
keine Anregung, die jemals gegeben wurde, auf einen 
unfruchtbaren Boden fiel, mag sie nun dem Kopfe eines 
Einzelnen entsprungen sein, mag sie geschöpft worden sein 
aus dem Anblick von Einrichtungen, die sich in anderen 
Staaten und unter anderen Verhältnissen zu bewähren 
schienen. Sie haben das alles stets auf das sorgfältigste 
geprüft, und wenn Sie es brauchbar befanden, brauchbar 
auch unter unseren speziellen deutschen Verhältnissen, dann 
haben Sie die Mittel und Wege gefunden, dem fremden 
Gedanken eine Ausprägung zu geben, die einen wirklichen, 
erspriesslichen Fortschritt bedeutete. 



401 


Gerade im gegenwärtigen Augenblick — auch das ist 
mit besonderem Recht hier schon hervorgehoben worden — 
werden Ihre Verhandlungen die allergrösste Bedeutung 
haben. In Deutschland, in Oesterreich, in der Schweiz, 
überall stehen wir vor einer Reform des Strafrechts, einer 
Reform, die überall ihren Schwerpunkt in der Reform des 
Strafvollzugs suchen muss; denn es handelt sich viel 
weniger um den Streit der Meinungen über die Gründe der 
Strafe, und es handelt sitih auch nicht so sehr um den Streit 
der Meinungen über einzelne wissenschaftliche Probleme, 
als vielmehr um das einheitliche Bestreben in dem Kampfe 
gegen das Verbrechen. Ob wir es nun Strafe nennen, ob 
wir es sichernde Massnahme nennen, das ist im Grunde 
für Ihre Tätigkeit dasselbe, denn Sie werden bei der Strafe 
und Sie werden bei der sichernden Massnahme, bei der Sie 
ja auch zur Mitwirkung berufen sein werden, in erster Linie 
den Gesichtspunkt zu berücksichtigen haben: was soll aus 
dem Menschen werden, an dem wir die Strafe vollziehen, 
vor dem wir die Gesellschtift sichern sollen ? Denn die 
Sicherung der Gesellschaft hängt ja davon ab, was aus 
dem Menschen geworden ist, den Sie aus Ihren Händen 
entlassen. 

Und nun ist zweifellos, dass jedes neue Strafgesetz 
ganz besonders hohe Ansprüche an den Strafvollzug stellen 
wird, und gerade darum sind im gegenwärtigen Augenblick 
Ihre Verhandlungen so ausserordentlich wertvoll, und 
gerade darum liegt es auch der juristischen Fakultät so 
ganz besonders nahe. Ihnen zu Ihrer heutigen Tagung 
ein herzliches Glückauf zuzurufen und den Wunsch aus¬ 
zusprechen, dass au(;h diesmal, wie schon so oft seit vielen 
Jahren, Sie die richtigen Mittel und Wege finden werden, 
die die Strafrechtsreform fördern zum Heile unserer Ge¬ 
sellschaft und zum Wohle unseres Vaterlandes (Bravo!). 

Oberdirektor Marcovich, Vertreter des Vereins der 
Verwaltnn^sbeaniten der österr. Strafanstalten nnd 
Gerichtshofgefängnisse, Graz: 

Eure Exzellenz! Hochverehrte Versammlung! Ich 
bin glücklich, vom Vereine der österreichischen Strafanstalts- 
beambm hierher delegiert worden zu sein, und zwar ganz 
besonders aus zwei Gründen: erstens da mir reiche Ge¬ 
legenheit geboten sein wird, aus der Teilnahme an Ihren 
Verhandlungen gewiss grossen Nutzen zu ziehen, denn es 
ist ja selbstverständlich, dass derjenige, der über die engen 



402 — 


Grenzen seines Heimatlandes hinauskommt und auch 
ausserhalb desselben mit Männern der Wissenschaft, mit 
Männern des Berufs in Kontakt tritt, sein Wissen bedeutend 
erweitert und wertvolle Anregungen heim bringt. Dies 
erscheint uns österreichischen Strafanstaltsbeamten um so 
notwendiger, weil ja gegenwärtig auch in Oesterreich 
wichtige Gesetze in Beaibeitung stehen, die seinerzeit an 
die Strafvollzugsbeamten grosse Anforderungen stellen 
werden. Für die richtige Lösung di<^ser Aufgaben soll uns 
auch die Mannheimer Versammlung vorbereiten. 

Der zweite Grund, warum ich so gern hierher kam, 
ist der, um Ihnen die herzlichsten Grüsse Ihrer öster¬ 
reichischen Kollegen zu überbringen, um Sie zu versichern, 
dass wir mit aufrichtigem Stolze auf unsere deutschen 
Kollegen im Reiche blicken und mit Bewunderung, die 
Lösung Ihrer Aufgaben, die Sie sich steckten, verfolgen. 
Ich versichere Sie meine Herren, dass wir Oesterreicher 
auch in dieser Beziehung Ihnen nacheifern und mit Ihnen 
treue Waffenbrüderschaft halten wollen (Bravo), im Kampfe 
gegen das Verbrechertum, im Kampfe gegen die Verwahr¬ 
losung. (Bravo!) 

Mag man vielerorts über Kongresse denken, wie man 
will, mag auch oft der Ruf erschallen: „Kongresse sind 
überflüssig“, so trifft dies gewiss nicht hinsichtlich der Ver¬ 
sammlung der deutschen Strafanstaltsbeamten zu. Es arbeiten 
da drei Faktoren: Staatsanwälte, Richter und Strafvoll¬ 
zugsbeamte vereint daran, wichtige soziale Fragen best¬ 
möglichst zu lösen, das Verbrechertum nämlich herabzu¬ 
mindern, den Verbrecher zw'eckdienlicher zu behandeln 
und die Gesellschaft gegen ihn erfolgreicher zu schützen 
als bisher. Dass Ihnen, meine Herren, dtis gelingen möge, 
dass Sie stets an der Spitze marschieren mögen,. wie Sie 
es ja gewöhnt sind, dies wünsche ich aufrichtigst. Ich 
bin überzeugt, dass Ihre Bemühungen der Sieg blühen 
wird (Bravo). 

Pastor Just, Düsseldorf: 

Hochansehnliche Versammlung! Ich habe die Ehre, 
im Namen des ältesten der deutschen Schutzvereine, der 
Rheinisch - Westfälischen Gefängnisgesellschaft, und namens 
der sämtlichen hier vertretenen Schutzvereine dem Vor¬ 
stande für die freundliche Einladung zu danken und der 
Versammlung den Gruss zu tiberbringen. 



403 


Grestatten Sie mir, an ein Wort Wicherns zu erinnern, 
Wicherns, des Begründers der preussischen Gefängnis¬ 
reform : »Nur dann vermag die Entlässenen-Fürsorge 
ihren Zweck zu erfüllen, wenn Strafrecht und Strafvollzug 
mit dem rechten Geist erfüllt sind.“ 

Mit grossem Interesse haben wir gesehen, dass das 
Arbeitsprogramm der heutigen und morgigen Verhand¬ 
lungen Punkte enthält, welche auch wir in den letzten 
Jahren in Düsseldorf, Berlin, Breslau und anderen Oiten 
erwogen haben. Es ist uns von grossem Interesse, hier 
die Fragen in einem anderen Lichte behandelt zu sehen, 
als in dem wir sie in der Regel anzusehen pflegen. 
Wir wünschen den Verhandlungen einen gedeihlichen Er¬ 
folg (Bravo). 

Vorsitzender Exzellenz Dr. v. Jagemann: 

Meine Damen und Herren! Der Verein selbst wird, 
seiner Hebung entsprechend, für die ihm zuteil gewordenen 
Begrüssungen bei der geselligen Vereinigung heute abend 
eingehender danken. Aber etiaul?en sie mir, das kurze 
Wort auszusprechen, dass wir alle wohl tief bewegt sind 
von den so vielseiligen, warmen, interessanten Begrüssungen, 
die uns zuteil geworden sind, und ich bitte Sie den einst¬ 
weiligen Dankesausdruck durch Erheben von den Sitzen 
kundzugeben. (Geschieht.) 

Ich bitte nun den Herrn Vereinsvorsitzenden Straf¬ 
anstaltsdirektor Schwandner, das Wort zum Rechen¬ 
schaftsbericht zu nehmen. 

Direktor Schwandner, Ludwigsburg, verliest den 
Rechenschaftsbericht. 

Die ehrenvolle Beförderung unseres bisherigen ver¬ 
dienstvollen Vorsitzenden im Ausschuss, des Herrn Dr. v. 
Engelberg, zum Ministerialrat und vertragenden Rat im 
Grossh. bad. Ministerium der Justiz hat es mit sich gebracht, 
dass Herr v. Engelberg den Vorsitz im Ausschuss ab¬ 
zugeben sich genötigt sah. 10 Jahre lang hat er in um¬ 
sichtigster, tatkräftigster und erspriesslichster Weise den 
Verein geleitet und zu hoher Blüte gebracht: Die Zahl 
der Mitglieder hat sich bedeutend vermehrt; eine neue 
Vereinssatzung ist zustande gebracht worden; unser Vereins¬ 
organ ist immer reichhaltiger und inhaltsvoller geworden 
und hat an literarischem Ansehen gewonnen; die von ihm 
organisierten Vereins-Versammlungen in Nürnberg, Stutt- 



— 404 


# 


gart, Dresden und Köln sind aufs Anregendste verlaufen. 
Welche Fülle von Arbeit in diesen 10 Jahren vom Vor¬ 
sitzenden erledigt werden musste, kann nur der recht 
beurteilen, der selbst die Geschäfte eine Zeit lang besorgt 
hat. Der Dank in Worten für solche Leistungen geht ja 
recht nahe zusammen; aber die beste* Belohnung liegt ja 
nicht in dem, was andere sagen, sondern in dem Bewusst¬ 
sein, dass man das Seinige ^etan hat für eine gute und 
edle Sache. Dieses Bewusstsein wird auch Herrn v. Engel¬ 
berg der schönste Lohn sein. 

Ich bin aber Ihrer Aller Zustimmung sicher, wenn 
ich dem Herrn Ministerialrat im Namen unseres Vereins 
für alles, was er zu dessen Förderung getan und geleistet 
hat, an dieser Stelle den allerherzlichsten Dank ausspreche. 
(Lebhafter Beifall.) 

Sie werden es begreiflich finden, dass ich nur mit 
Zagen den an mich ergangenen ehrenvollen Ruf, die 
Geschäftsleitung zu übernehmen, angenommen habe. Es 
ist ja nicht leicht, der Nachfolger eines so vortrefflichen 
Vorgängers zu sein! Ich habe Folge geleistet, weil ältere 
und verdientere Ausschussmitglieder aus gesundheitlichen 
und dienstlichen Gründen abgelehnt hatten und im Ver¬ 
trauen auf das Versprechen, das mir Herr v. Engelberg 
gab, mich bei Führuug der Vereinsgeschäfte mit Rat und 
Tat unterstützen zu wollen, und auf die opferwillige Mit¬ 
arbeit unserer Vereinsmitglieder. Ich habe mich in diesem 
Vertrauen nicht getäuscht gesehen; ich danke dem Herrn 
Ministerialrat v. Engelberg für alle Förderung, besonders 
auch bei Vorbereitung dieser Versammlung; ich danke 
allen den verehrten Herren Vereinsraitgliedern, welche 
durch schriftstellerische Tätigkeit und durch Uebernahme 
von Gutachten und Referaten, von Rezensionen und Be¬ 
sprechungen von Zeitschriften, sowie durch Mitteilungen 
aus der Praxis unsere Vereinsarbeit in so erspriesslicher 
Weise gefördert haben. Ich möhte sogleich daran die 
Bitte knüpfen, mich auch in Zukunft in dieser Weise unter¬ 
stützen .zu wollen, namentlich bitte ich um Mitarbeit bei 
der Besprechung ausländischer, fremdsprachlicher Literatur. 
Auch für Mitteilungen aus dem praktischen Leben in der 
Strafanstalt bin ich besonders dankbar. Vor Allem möchte 
ich aber noch um Eines bitten: um rührige Werbung 
neuer Mitglieder! 

Wie bei dem Kölner Rechenschaftsbericht mitgeteilt 
wurde, hat damals die Zahl der Mitglieder 1220 betragen; 



— 405 


heute beträgt sie 1150. Das ist zwar kein bedeutender 
Rückgang, aber doch ein Rückgang. Wir brauchen aber 
Zuwachs, wenn wir auf der Höhe unserer Aufgabe bleiben 
wollen. Die Aufgaben sind nach allen Seiten hin gewachsen. 
Wir leben in einer Zeit, in der auf dem Gebiet des Straf¬ 
rechts, der Kriminal-Politik uijid des Strafvollzugs alles im 
Fluss ist! Grosse Gesetzgebungswerke sind in Vorbereitung. 
Wir wollen auch in unserem bescheidenen Teil zur Förde¬ 
rung dieser Bewegung beitragen und unsere Forderungen 
auf Grund unserer praktischen Erfahrungen geltend machen. 
Dazu ist unsere Fach-Presse und sind unsere Versamm¬ 
lungen der rechte Ort. Die einschlägige Literatur des 
In- und Auslandes ist ungeheuer angewachsen; man kann 
von unserem Vereinsoi'gan verlangen, dass es seine Leser 
auch in dieser Richtung orientiert und auf dem Laufenden 
erhält! — Die Schutzvereinstätigkeit ist auf der ganzen 
Linie in voller Tätigkeit namentlich auch auf dem Gebiet 
der Jugendfürsorge. Auch darüber müssen wir unsern 
Lesern Bericht erstatten. In den Parlamenten und in den 
Regierungen wird auf unserem Gebiet emsig gearbeitet; 
neue Gesetze und Verordnungen schiessen wie Pilze aus 
dem Boden I auch darüber soll das Vereinsdrgan Aufschluss 
geben. Kein Wunder, wenn unsere „Blätter^ immer umfang¬ 
reicher werden. Aber je dicker unsere Bände werden, 
desto dünner unsere Kasse! Mein Herr Vorgänger mu.sste 
schon bei der Kölner Versammlung von einer Vermögens- 
Abnahme von Mk. 675.— berichten; das darauffolgende Jahr 
brachte allerdings wieder einen Zuwachs von Mk. 652.—. 
Im Jahre 1909 aber nahm das Vermögen um Mk. 1354.37 
und im Jahr 1910 um weitere Mk. 1239.— ab, so dass es 
jetzt noch Mk. 5531.92 beträgt. Der Grund liegt haupt¬ 
sächlich im Anwachsen der Druckkosten, herrührend vom 
grossen Umfang der Hefte und vom Steigen der Drucker¬ 
löhne. So haben im Jahr 1909 betragen die Ausgaben für 

Druckkosten und Buchbinderlöhne .... Mk. 3976.— 

Porto und Frachten. „ 1016.— 

zusammen . Mk. 4992.— 

gegenüber einer Einnahme von . Mk. 5184.— 

aus Mitgliederbeiträgen und Erlös aus Druck¬ 
sachen ; 

1910: Ausgaben für Drucksachen .... Mk. 4572.— 

Ausgaben für Porto. „ 702.— 

zusammen . Mk. 5274.— 





406 


dagegen Einnahmen: Uebertrag Mk. 5274.— 

Mitgliederbeiträge.Mk. 4284.— 

Absatz von Heften. „ 629.— „ 4913.— 

also Abmangel.. Mk. 361.— 

Die letzten beiden Jahre waren nun allerdings insofern 
Ausnahmsjahre, als die Vorbereitung der diesjährigen Ver¬ 
sammlung die Hefte umfangreicher machte und die Ueber- 
siedelung der Vereihsleitung Kosten verursachte. Es ist 
auch nicht wohl Zweck des Vereins, Schätze anzusammeln. 
Immerhin ist Vorsicht geboten: entweder müssen sich 
unsere Einnahmen durch Vermehrung der Zahl der Mit¬ 
glieder steigern oder müssen wir den Vereinsbeitrag er¬ 
höhen. Wir möchten letztere Massnahme noch nicht 
empfehlen, möchten vielmehr jedes einzelne Mitglied bitten, 
um weitere Mitglieder zu werben! Wenn jedes Mitglied 
nur noch 1 weiteres Mitglied beibrächte, wären wir voll¬ 
kommen auf dem Laufenden. 

Ich werde übrigens auch nicht ermangeln, durch 
besondere Rundschreiben an die einzelnen Strafanstalten 
zum Beitritt in den Verein aufzufordern. Als erfreuliche 
Tatsache kann ich berichten, dass auf meine Bitte das 
K. württ. Justizministerium 17 Amtsgerichte des Landes 
zum Beitritt in unsern Verein veranlasst hat; unsere Land¬ 
gerichte und Staatsanwaltschaften sind schon länger bei¬ 
getreten. 

In den letztverflossenen 3 Berichtsjahren hat der Tod 
auch wieder reichliche Ernte unter unsern Mitgliedern 
gehalten. 

Am 5. Juli 1908 starb der Grossh. bad. 1. Staats¬ 
anwalt Junghans in Mannheim; seit 1893 Mitglied, seit 
1901 Ausschus.smitglied, hat er die Arbeit desselben durch 
Wort und Schrift stets aufs Nachdrücklichste gefördert. 
Herr Dr. v. Engelberg konnte an seinem Grabe namens 
des Vereins den wohlverdienten Ehrenkranz niederlegen. 

In demselben Jahre verloren wir durch den Tod den 
hochverdienten Gründer des Verbiinds der deutschen Schutz- 
vereiiie, Geh. Rat Adolf Fuchs-Karlsruhe, im Alter von 
75 Jahren. Welch umfassende Tätigkeit er auf dem Gebiet 
der Gefangenen- und Jugendschutzfürsorge in erfolgreichster 
Weise entwickelt hat, ist Ihnen Allen aus den Blättern für 
Gefängniskunde, in denen ihm auch Exzellenz v. Jagemann 
itn 43. Band einen ehrenden Nachruf gewidmet hat, bekannt. 

Ferner starb am 27. Dezember 1908 im Alter von 
75 Jahren unser hochverdientes Ausschussmitglied und 




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etellvertretender Vorsitzender Direktor a. D. v. Sichart 
in Ludwigsburg. Was er für unsern Verein gearbeitet und 
geleistet hat, zeigt ein Blick in die Bände unserer Vereins¬ 
zeitschrift, in der er auf Grund seines reichen Wissens 
und seiner langjährigen Erfahrung durch Arbeiten von 
bleibendem Wert seinem Namen ein ehrenvolles Gedächtnis 
gesichert hat. 

Am 22. Mai 1909 folgte ihm im Tode nach der mit 
ihm im Leben durch enge Bande der Freundschaft ver¬ 
bundene Direktor a. D. v. K ö s 11 i n in Stuttgart im Alter 
von 82 Jahren, einer der Mitgründer unseres Vereins, der 
ihm Zeit seines Lebens die Treue bewahrt hat; seit 1884 
gehörte er dem Ausschuss an; die Stuttgarter Versamm¬ 
lung von 1903 ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Den 
beiden letztgenannten Männern, denen ich persönlich viel 
Freundvschaft und Förderung ira Berufsleben verdanke, 
konnte ich namens unseres Vereins Kränze der Dankbar¬ 
keit und Verehrung auf den Sarg legen. 

Ein weiteres Mitglied, das dem Verein fast seit seiner 
Gründung angehörte, verloren wir in demselben Jahre 
durch den Tod, den langjährigen Lehrer am Grossh. Landes¬ 
gefängnis Freiburg, Reallehrer Kirsch, der stets mit 
warmem Herzen mit uns gearbeitet hat. 

Weiter sind aus dem Leben geschieden: Pfarrer Adolf 
Hogg, der kath Hausgeistliche des grossh. bad. Landes¬ 
gefängnisses Bruchsal, dem in unsern Blättern ebenfalls 
ein Nachruf gewidmet ist. 

Ferner: 

Dr, Trennott, Strafanstaltsarzt in Ensisheim. 

Vikar Meyer in Hamirurg. 

Oberstaatsanwalt Dr. Meyer in Braunschweig. 

Pastor Isermeyer in Himmelstür. 

Direktor Borschdorf in Grone. 

OberstilatsanWalt Wilhelm in Düsseldorf. 

Dekan Stärk, kath. Hausgeistlicher in Heilbronn. 

Oberamtsrichter Schmid in Weinheim. 

Direktor Wagner in Hagenau. 

Direktor Sauer in Plötzensee. 

Pfarrer Kalb in Stuttgart. 

Dr. Lewin, israelit. Hausgeistl. in Freiburg. 

Dr. Levi, Sanitätsrat in Hagenau. 

Oberinspektor Jlenz in Reinickendorf. 

Direktor Bornemann in Voigtsberg. 

Hauslehrer Fikentscher in Kaisheira. 



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Regierungsrat Schweykardt, Direktor in Sulzbach, 
Direktor Gosche in Rummelsburg. 

Pfarrer Pingsmann in München-Gladbach. 

T h ö « s, Anstaltslehrer in Plötzensee. 

Zusammen 26 Mitglieder. 

Ihnen Allen werden wir stets ein treues und dank¬ 
bares Andenken bewahren, und ich darf Sie wohl bitten, 
die Verstorbenen zu ehren, indem Sie sich von Ihren Sitzen 
erheben! — Geschieht. — 

Die Vereinsarbeit nahm ihren geordneten Fortgang; 
ich habe mich bemüht, mich so rasch als möglich einzu¬ 
arbeiten, habe auch, soweit es mir die Zeit gestattete, per¬ 
sönliche Fühlung genommen (Rheinisch-westfä